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Full text of "Psychopathia sexualis : mit besonderer Berucksichtigung der contraren sexualempfindung. Eine Klinisch-forensische studie"

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PSYCHOPÄTHIÄ SEXÜÄLIS 

MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER 


CONTRÄREN SEXUALEMPFINDUNGL 


EINE 


KLINISCH-FOBENSISCHE STUDIE 


VON 


D B R. v. KRAPFT-EBJNG, 

0. Ö. PROF. F. PSYCfflATRIE ü. NERVENKRANKHEITEN A.D. K. KT UNIVERSITÄT WIEN 


Siebente vermehrte und theüweise umgearbeitete Auflage. 


BOSTON MED 1CAL LIBRARY 

VM i Y IN THE 


FRANCIS A. COUNTWAY 

LIBRARY Of MEDICtNE 


STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND ENEE. 

1892. 


Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 





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Vorwort zur ersten Auflage. 


Die wenigsten Menschen werden sich vollkommen des ge- 
waltigen Einflusses bewusst, welchen im individuellen und im gesell- 
schaftlichen Dasein das Sexualleben auf Fühlen, Denken und Handeln 
gewinnt. Schiller in seinem Gedicht „Die Weltweisen 1 * erkennt diese 
Thatsache an mit den Worten: „Einstweilen bis den Bau der Welt 
Philosophie zusammenhält, erhält sie das Getriebe durch Hunger 
und durch Liebe/ 

Auffallenderweise hat auch von Seiten der Philosophen das 
sexuelle Leben eine nur höchst untergeordnete Würdigung erfahren. 

Schopenhauer (Die Welt als Wille und Vorstellung, 3. Aufl., 
Bd. 2, p. 586 u. ff.) findet es geradezu sonderbar, dass die Liebe 
bisher nur, Stoff für den Dichter und, dürftige Untersuchungen bei 
Plato, Rousseau, Kant ausgenommen, nicht auch für den Philo- 
sophen war. 

Was Schopenhauer und nach ihm der Philosoph des 
Unbewussten, E. v. Hartmann, über sexuelle Verhältnisse philo- 
sophiren, ist so fehlerhaft und in seinen Gonsequenzen so ab- 
geschmackt, dass, abgesehen von den mehr als geistreiche Gauseries, 
denn als wissenschaftliche Abhandlungen zu betrachtenden Dar- 
stellungen eines Michelet (L'amour) und Mantegazza (Physio- 
logie der Liebe), sowohl die empirische Psychologie als die Meta- 
physik der sexuellen Seite des menschlichen Daseins ein noch nahezu 
jungfräulicher wissenschaftlicher Boden sind. 

Vorläufig dürften die Dichter bessere Psychologen sein, als 
die Psychologen und Philosophen von Fach, aber sie sind Gefühls- 
und nicht Verstandesmenschen und mindestens einseitig in der Be- 
trachtung des Gegenstands. Sehen sie doch über dem Licht und 


IV Vorwort. 

der sonnigen Wärme des Stoffes, von dem sie Nahrung ziehen, 
nicht die tiefen Schatten. Mögen auch die Erzeugnisse der Dicht- 
kunst aller Zeiten und Völker dem Monographen einer „ Psychologie 
der Liebe" unerschöpflichen Stoff bieten, so kann die grosse Auf- 
gabe doch nur gelöst werden unter Mithilfe der Naturwissenschaft 
und speciell der Medicin, welche den psychologischen Stoff an seiner 
anatomisch-physiologischen Quelle erforscht und ihm allseitig ge- 
recht wird. 

Vielleicht gelingt es ihr dabei, einen vermittelnden Standpunkt 
für die philosophische Erkenntniss zu gewinnen, der gleichweit sich 
entfernt von der trostlosen Weltanschauung der Philosophen, wie 
Schopenhauer und Hartmann 1 ), und der heiter naiven der 
Poeten. 

Die Absicht des Verfassers geht nicht dahin, Bausteine zu 
einer Psychologie des Sexuallebens beizutragen, obwohl zweifels- 
ohne wichtige Erkenntnissquellen für die Psychologie aus der Psycho- 
pathologie sich ergeben dürften. 

Der Zweck dieser Abhandlung ist die Kenntnissnahme der 
psychopathologischen Erscheinungen des Sexuallebens und der Versuch 
ihrer Zurfickführung auf gesetzmässige Bedingungen. Diese Auf- 
gabe ist eine schwierige und trotz vieljähriger Erfahrungen als 
Psychiater und Gerichtsarzt bin ich mir klar bewusst, nur Unvoll- 
kommenes bieten zu können. 

Die Wichtigkeit des Gegenstands für das öffentliche Wohl 
und speciell für das Forum gebietet gleichwohl, dass er wissen- 
schaftlich untersucht werde. Nur wer als Gerichtsarzt in der Lage 
war, über Mitmenschen, deren Leben, Freiheit und Ehre auf dem 
Spiel stand, sein Urtheil abgeben zu müssen, und sich der Unvoll- 
kommenheit unserer Kenntnisse auf dem pathologischen Gebiet des 
Sexuallebens in peinlicher Weise klar wurde, vermag die Bedeu- 
tung eines Versuchs, zu leitenden Gesichtspunkten zu gelangen, voll 
zu würdigen. 

Jedenfalls kommen auf dem Gebiet der sexuellen Delikte noch 


J ) Hartmanna philosophische Anschauung von der Liebe in „Philo- 
sophie des Unbewussten*, Berlin 1869, p. 583, ist folgende: Die Liebe verur- 
sacht mehr Schmerfc als Lust. Die Lust ist nur illusorisch. Die Vernunft 
würde gebieten, die Liebe zu meiden, wenn nicht der fatale Geschlechtstrieb 
wäre — ergo wäre es am besten, wenn man sich castriren Hesse. Dieselbe 
Anschauung minus der Consequenz findet sich schon bei Schopenhauer: 
„Die Welt als Wille und Vorstellung«, 3. Aufl., Bd. 2, p. 586 u. ff. 


Vorwort. V 

die irrigsten Anschauungen zum Ausdrucke und werden die fehler- 
haftesten Urtheile geschöpft, gleichwie die Strafgesetzbücher und 
die öffentliche Meinung von ihnen beeinflusst erscheinen. 

Wer die Psychopathologie des sexualen Lebens zum Gegen- 
stand einer wissenschaftlichen Abhandlung macht, sieht sich einer 
Nachtseite menschlichen Lebens und Elends gegenübergestellt, in 
deren Schatten das glänzende Götterbild des Dichters zur scheuss- 
lichen Fratze wird und die Moral und Aesthetik an dem „Ebenbild 
Gottes" irre werden möchten. 

Es ist das traurige Vorrecht der Medicin und speciell der 
Psychiatrie, dass sie beständig die Kehrseite des Lebens, mensch- 
liche Schwäche und Armseligkeit, schauen muss. 

Vielleicht gewinnt sie einen Trost in dem schweren Beruf 
und entschädigt sie den Ethiker und Aesthetiker, indem sie auf 
krankhafte Bedingungen vielfach zurückzuführen vermag, was den 
ethischen und ästhetischen Sinn beleidigt. Damit übernimmt sie 
die Ehrenrettung der Menschheit vor dem Forum der Moral und 
der Einzelnen vor ihren Richtern und Mitmenschen. Pflicht und 
Recht der medicinischen Wissenschaft zu diesen Studien erwächst 
ihr aus dem hohen Ziel aller menschlichen Forschung nach Wahrheit. 

Der Verfasser macht den Ausspruch Tardieu's (Des atten- 
tats aux moeurs): „Aucune misfere physique ou morale, aucune plaie, 
quelque corrompue qu'elle soit, ne doit effrayer celui qui s'est voue 
a la science de l'homme et le ministfere sacr£ du m£decin, en l'obli- 
geant ä tout voir, lui permet aussi de tout dire u zu dem seinigen. 

Die folgenden Blätter wenden sich an die Adresse von Männern 
ernster Forschung auf dem Gebiet der Naturwissenschaft und der 
Jurisprudenz. Damit jene nicht Unberufenen als Lektüre dienen, 
sah sich der Verfasser veranlasst, einen nur dem Gelehrten ver- 
ständlichen Titel zu wählen, sowie, wo immer möglich, in terminis 
technicis sich zu bewegen. Ausserdem erschien es geboten, ein- 
zelne besonders anstössige Stellen statt in deutscher, in lateinischer 
Sprache zu geben. 

Möge der Versuch, über ein bedeutsames Lebensgebiet dem 
Arzt und Juristen Aufschlüsse zu bieten, wohlwollende Aufnahme 
finden und eine wirkliche Lücke in der Literatur ausfüllen, die, 
ausser einzelnen Aufsätzen und Casuistik, nur die* Theilgebiete be- 
handelnden Schriften von Moreau und Tarnowsky aufweist. 


Vorwort zur siebenten Auflage. 


Die vorliegende siebente Auflage ist aus der Vereinigung der 
6. Auflage der gleichen Schrift und der 2. Auflage der „ Neuen 
Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis" entstanden. 

Sie bietet zum erstenmale eine eingehende wissenschaftliche 
Darstellung der Thatsachen des „ Sadismus u , „Masochismus* und 
„Fetischismus", und dürfte über diesen dunkelsten, hochinteressan- 
ten und forensisch nicht unwichtigen Theil der sexuellen Psycho- 
pathologie manches Licht verbreiten. 

Erfreulicherweise steht der Verf. in seinem Bestreben, dem 
Pädagogen, dem Kliniker, dem Gerichtsarzt und dem Richter das 
psychische Gebiet der Pathologie des Sexuallebens zu klären, seit 
einigen Jahren nicht mehr allein da. Den Forschungen in- und 
ausländischer Gelehrten wurde gewissenhaft Rechnung getragen, 
und es wird kaum einen Abschnitt des Buches geben, in welchem 
der Kenner desselben nicht zahlreiche Zusätze aus der Literatur 
und aus der eigenen Beobachtung und Forschung des Verf. finden wird. 

Gänzlich umgearbeitet sind die Abschnitte über Sadismus, 
Masochismus und Fetischismus. Beachtenswerthe Zusätze finden 
sich in der psychologischen Einleitung über die Beziehungen zwi- 
schen religiösem und sexuellem Gebiet, sowie über Fetischismus, im 
forensischen Theil über Exhibitionismus. Auch sind in dem letzteren 
einige gerichtliche Gutachten verwerthet, für deren Mittheilung ich 
Herrn Landgerichtsarzt Dr. Kautzner in Graz, meinem langjähri- 
gen Collegen in foro, zu grossem Dank verpflichtet bin. 

Neue, weder in der 6. Auflage der „ Psychopathia sexualis* 4 
noch der 2. der „Neuen Forschungen" enthaltene Beobachtungen 
sind die Nr. 27. 36. 45. 57. 80. 87. 88. 90. 93. 109. 141. 176. 
177. 178. 179. 180. 181. 182. 183. 184. 185. 188. 190. 191. dieses 
Buches. 

Möge auch diese Auflage die freundliche Aufnahme, deren sich 
die vorausgehenden zu erfreuen hatten, finden und im Dienst der 
Wissenschaft, des Rechts und der Humanität Nutzen bringen! 

Wien, 15. December 1891. 

Der Verfasser. 


Inhalt. 


Seite 

I. Fragmente einer Psychologie des Sexuallebens 1 

Mächtigkeit sexueller Triebe 1. Sexualer Trieb als Grundlage ethischer 
Gefühle 1. Liebe als Leidenschaft 2. Cultur geschichtliche Entwick- 
lung des Sexuallebens 2. Schamhaftigkeit 2. Christenthum. Mono- 
gamie 4. Stellung des Weibes im Islam 5. Sinnlichkeit und Sittlich- 
keit 6. Culturelle Yersittlichung des Sexuallebens 6. Episoden sitt- 
lichen Niedergangs im Völkerleben 7. Entwicklung sexueller Gefühle 
beim Individuum. Pubertät 7. Sinnlichkeit und religiöse Schwär- 
merei 9. Beziehungen zwischen religiösem und sexuellem Gebiet 9. 
Sinnlichkeit und Kunst 11. Idealisirender Zug der ersten Liebe 11. 
Wahre Liebe 12. Sentimentalität 12. Platonische Liebe 12. Liebe und 
Freundschaft 12. Verschiedenheit der Liebe von Mann und Weib 13. 
Cölibat 15. Ehebruch 15. Ehe 15. Putzsucht 16. Thatsachen des 
physiologischen Fetischismus 17. Religiöser und erotischer Fetischis- 
mus 27. Haar, Hand, Fuss des Weibes als Fetisch 21. Auge, Ge- 
ruch, Stimme, seelische Eigenschaften als Fetisch 21. 

II. Physiologische Thatsachen 23 

Geschlechtsreife 23. Zeitliche ßegränzung des Sexuallebens 23. Ge- 
schlechtssinn 24. Lokalisation? 24. Physiologische Entwicklung des 
Sexuallebens 24. Erection. Erectionscentrum 24. Geschlechtssphäre 
und Geruchssinn 26. Geisselung ein das Sexualleben erregender Ein- 
griff 28. Flagellantensecte 28. Paullims Flagellum salutis 29. Ero- 
gene Zonen 31. Beherrschung des Sexualtriebs 32. Cohabitation 32. 
Ejaculation 33. 

III. Allgemeine Neuro- und Psychopathologie des Sexuallebens 34 

Häufigkeit und Wichtigkeit pathologischer Erscheinungen 34. Schema 
der sexualen Neurosen 36. Reizzustände des Erectionscentrums 35. 
Lähmung desselben 35. Hemmungsvorgänge im Erectionscentrum 36, 
reizbare Schwäche desselben 37. Neurosen des Ejaculationscentrums 37. 
Cerebral bedingte Neurosen 38. Paradoxie d. h. Sexualtrieb ausser- 
halb der Zeit anatomisch-physiologischer Vorgänge 38. Im Kindes- 
alter auftretender Geschlechtstrieb 38. Im Greisenalter wieder er- 
wachender Trieb 39. Sexuelle Verirrungen bei Greisen, erklärt durch 
Impotenz und Demenz 40. Anaesthesia sexualis d. h. fehlender 
Geschlechtstrieb 42, als angeborene Anomalie 42, als erworbene 47. 


VIII Inhalt. 

Seite 
Hyperästhesie d. h. krankhaft gesteigerter Trieb 48. Bedingungen 
und Erscheinungen dieser Anomalie 49. Parästhesie der Sexual- 
empfindung oder Perversion des Geschlechtstriebs 56. Perversion und 
Perversität 56. Sadismus. Versuch einer Erklärung des Sadismus 57. 
Sadistischer Lustmord 62. Anthropophagie 64. Leichenschänder 68. 
Misshandeln von Weibern, Blutigstechen, Flagelliren derselben 71. 
Besudelung weiblicher Personen 79. Symbolischer Sadismus d. h. 
sonstige Ausübung von Gewalt gegen weibliche Personen Sl. Sadis- 
mus an beliebigem Objekt 82. Enabengeissler 83. Sadistische Akte 
an Thieren 85. Sadismus des Weibes 87. Kleist's Penthesilea 89. 
Masochismus 89. Wesen und klinische Erscheinung des Masochis- 
mus 90. Aufsuchen von Misshandlungen und Demüthigungen zum 
Zweck sexueller Befriedigung 91. Passive Flagellation in ihren Be- 
ziehungen zum Masochismus 100. Häufigkeit und Praktiken des Maso- 
chismus 108. Ideeller Masochismus 116. Symbolischer Masochismus 117. 
Jean Jacques Rousseau 120. Der Masochismus in der wissenschaftlichen 
und belletristischen Literatur 122. Larvirter Masochismus 124. Schuh- 
und Fus8fetischisten 124. Larvirter Masochismus, d. h. ekelhafte Hand- 
lungen zum Zweck der Selbstdemüthigung und sexuellen Befriedi- 
gung 136. Masochismus des Weibes 138. Versuch einer Erklärung des 
Masochismus 141. Geschlechtliche Hörigkeit 143. Masochismus und 
Sadismus 151. Fetischismus. Erklärung des Fetischismus 155. 
Fälle, in welchen der Fetisch ein Theil des weiblichen Körpers ist 160. 
Zopffetischismus. Zopfabschneider 166. Der Fetisch ist ein Stück 
der weiblichen Kleidung 170. Liebhaber resp. Diebe weiblicher Taschen- 
tücher 174. Schuhfetischisten 178. Der Fetisch ist ein bestimmter 
Stoff 182. Pelz-, Seide- und Sammtfetischisten 183. Conträre Sexual- 
empfindung als erworbene krankhafte Erscheinung 188. 
Neurotische Belastung als Bedingung erworbener conträrer Sexual- 
empfindung 190. Stufen der erworbenen Entartung 190. Einfache 
Verkehrung der Geschlechtsempfindung 194. Eviratio und Defemi- 
natio 200. Wahnsinn der Skythen 203. Mujerados 204. Uebergangsstufe 
zur Metamorphosis sexualis 205. Metamorphosis sexualis paranoia 217. 
Angeborene conträre Sexualempfindung 223. Verschiedene 
klinische Formen derselben 224. Allgemeine Merkmale 224. Erklärungs- 
versuche der Anomalie 225. Psychische Hermaphrodisie 232. Homo- 
sexuale oder Urninge 256. Effeminatio und Viraginität 279. Andro- 
gyne und Gynandrier 304. Anderweitige Erscheinungen sexueller 
Perversion bei conträr Sexualen 317. Diagnose, Prognose und Therapie 
der conträren Sexualempfindung 318. 

IV. Specielle Pathologie 356 

Die Erscheinungen krankhaften Sexuallebens in den verschiedenen 
Formen und Zuständen geistiger Störung 356. Psychische Entwick- 
lungshemmungen 356. Erworbene geistige Schwächezustände 359. 
Consecutive Geistesschwäche nach Psychosen 359, nach Apoplexien 360, 
nach Kopfverletzung 360, auf Grund von Lues cerebralis 360. De- 
mentia paralytica 361. Epilepsie 362. Periodische Geistesstörung 368. 


Inhalt, IX 

Seite 
Psychopathia sexualis periodica 369. Manie 370. Zeichen sexueller 
Erregung bei Manischen 871. Satyriasis 372. Nymphomanie 372. 
Chronische Satyriasis und Nymphomanie 372. Melancholie 373. 
Hysterie 373. Paranoia 374. 

V. Das krankhafte Sexualleben vor dem Criminalforum 377 

Gefahr sexueller Delikte für die allgemeine Wohlfahrt 377. Zuneh- 
mende Häufigkeit derselben 377. Mutmassliche Ursachen 378. Kli- 
nische Forschungen 378. Mangelhafte Würdigung solcher seitens der 
Juristen 378. Anhaltspunkte für die forensische Beurtheilung sexueller 
Delikte 379. Bedingungen der Aufhebung der Zurechnungsfähigkeit 
3S0. Indicien für die psychopathologische Bedeutung sexueller Delikte 
381. Die einzelnen sexuellenDelikte. Exhibitioniren 381. Frot- 
teurs 393. Statuenschänder 395. Nothzucht und Lustmord 399. Kör- 
perverletzung, Sachbeschädigung, Thierquälerei auf Grund von Sadis- 
mus 399. Körperverletzung, Raub, Diebstahl auf Grund von Feti- 
schismus 400. Unzucht mit Individuen unter 14 Jahren. Schän- 
dung 401. Unzucht wider die Natur 404. Thierschändung 404. 
Unzucht mit Personen desselben Geschlechts. Päderastie 407. Die 
Päderastie im Lichte der Forschungen über conträre Sexualempfin- 
dung 408. Notwendigkeit der Unterscheidung krankhafter und nicht 
krankhaft bedingter Päderastie 408. Forensische Beurtheilung der 
veranlagten conträren Sexualempfindung, sowie der erworbenen krank- 
haften 409. Denkschrift eines Urnings 410. Die gezüchtete, nicht krank- 
hafte Päderastie 414. Ursachen des Lasters 414. Sociales Leben der 
Päderasten 415. Ein Ball der Weiberfeinde in Berlin 417. Art der 
sexuellen Triebrichtung bei den verschiedenen Kategorien conträrer 
Sexualempfindung 419. Paedicatio mulierum 420. Amor lesbicus 428. 
Nekrophilie 430. Incest 431. Unsittliche Handlungen mit Pflege- 
befohlenen 432. 


I. Fragmente einer Psychologie des Sexuallebens. 


Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist nicht dem Zu- 
fall oder der Laune der Individuen anheimgegeben, sondern durch 
einen Naturtrieb gewährleistet, der allgewaltig, übermächtig nach 
Erfüllung verlangt. In der Befriedigung dieses Naturdrangs er- 
geben sich nicht nur Sinnengenuss und Quellen körperlichen Wohl- 
befindens, sondern auch höhere Gefühle der Genugthuung, die eigene, 
vergängliche Existenz durch Vererbung geistiger und körperlicher 
Eigenschaften in neuen Wesen über Zeit und Raum hinaus fort- 
zusetzen. In der grobsinnlichen Liebe, in dem wollüstigen Drang, 
den Naturtrieb zu befriedigen, steht der Mensch auf gleicher Stufe 
mit dem Thier, aber es ist ihm gegeben, sich auf eine Höhe zu 
erheben, auf welcher der Naturtrieb ihn nicht mehr zum willen- 
losen Sklaven macht, das mächtige Fühlen und Drängen höhere, 
edlere Gefühle weckt, die, unbeschadet ihrer sinnlichen Entstehungs- 
quelle, eine Welt des Schönen, Erhabenen, Sittlichen erschliessen. 

Auf dieser Stufe steht der Mensch über dem Trieb der Natur 
und schöpft aus der unversieglichen Quelle Stoff und Anregung zu 
höherem Genuss, zu ernster Arbeit und Erreichung idealer Ziele. 
Mit Recht bezeichnet Maudsley (Deutsche Klinik 1873, 2, 3) die 
geschlechtliche Empfindung als die Grundlage für die Entwicklung 
der socialen Gefühle. „Wäre der Mensch des Fortpflanzungstriebes 
beraubt und alles Dessen, was geistig daraus entspringt, so würde 
so ziemlich alle Poesie und vielleicht auch die ganze moralische 
Gesinnung aus seinem Leben herausgerissen sein." 

Jedenfalls bildet das Geschlechtsleben den gewaltigsten Factor 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexual is. 7. Aufl. 1 


2 Culturelle Versittlichung des Sexuallebens. 

im individuellen und im socialen Dasein, den mächtigsten Impuls zur 
Bethätigung der Kräfte, zur Erwerbung von Besitz, zur Gründung 
eines häuslichen Herdes, zur Erweckung altruistischer Gefühle, 
zunächst gegen eine Person des anderen Geschlechts, dann gegen 
die Kinder und im weiteren Sinne gegenüber der gesammten mensch- 
lichen Gesellschaft. 

So wurzelt in letzter Linie alle Ethik, vielleicht auch ein guter 
Theil Aesthetik und Religion in dem Vorhandensein geschlecht- 
licher Empfindungen. 

Wie das sexuale Leben die Quelle der höchsten Tugenden 
werden kann, bis zur Aufopferung des eigenen Ich, so liegt in 
seiner sinnlichen Macht die Gefahr, dass es zur mächtigen Leiden- 
schaft ausarte und die grössten Laster entwickle. 

Als entfesselte Leidenschaft gleicht die Liebe einem Vulkan, 
der Alles versengt, verzehrt, einem Abgrund, der Alles verschlingt 
— Ehre, Vermögen, Gesundheit. 

Von hohem psychologischem Interesse erscheint es, die Ent- 
wicklungsphasen zu verfolgen, durch welche im Lauf der Cultur- 
entwicklung der Menschheit das Geschlechtsleben bis zu heutiger 
Sitte und Gesittung hindurchgegangen ist 1 ). Auf primitiver Stufe 
erscheint die Befriedigung sexueller Bedürfnisse der Menschen wie 
die der Thiere. Der geschlechtliche Akt entzieht sich nicht der 
Oeffentlichkeit, und Mann und Weib scheuen sich nicht, nackt zu 
gehen. Auf dieser Stufe sehen wir (vgl. Ploss, Das Weib, 1884, 
p. 196 u. ff.) heute noch wilde Völker, wie z. B. die Australier, 
Polynesier, Malayen der Philippinen. Das Weib ist Gemeingut der 
Männer, temporäre Beute des Mächtigsten, Stärksten. Dieser strebt 
nach den schönsten Individuen des anderen Geschlechts und erfüllt 
damit instinktiv eine Art geschlechtlicher Zuchtwahl. 

Das Weib ist eine bewegliche Sache, eine Waare, ein Gegen- 
stand des Kaufs, Tauschs, der Schenkung, ein Werkzeug des 
Sinnengenusses, der Arbeit. Den Anfang einer Versittlichung des 
Geschlechtslebens bildet das Auftreten eines Schamgefühls bezüg- 
lich der Kundgebung und Bethätigung des Naturtriebs der Gesell- 
schaft gegenüber und die Schamhaftigkeit im Verkehr der Ge- 
schlechter. Daraus entsprang das Bestreben, die Schamtheile zu 
verhüllen („Sie erkannten, dass sie nackt waren") und sexuelle Akte 
abseits zu vollziehen. 


*) Vgl. Lombroso, Der Verbrecher, übers, von Fränkel p. 38 u. ff. 


Sociale Stellung des Weibes. 3 

Die Entwicklung dieser Culturstufe wird begünstigt durch 
Kälte des Klima's und das dadurch geweckte BedUrfniss nach all- 
seitiger Bedeckung des Körpers. Daraus erklärt es sich zum Theil, 
dass bei nordischen Völkern die Schamhaftigkeit anthropologisch 
früher nachzuweisen ist als bei südlichen. 

Ein weiteres Moment in der culturellen Entwicklung des Sexual- 
lebens ergibt sich damit, dass das Weib aufhört, bewegliche Sache 
zu sein. Es wird eine Person, und wenn auch lange noch social 
tief unter den Mann gestellt, entwickelt sich doch die Anschauung,, 
dass dem Weibe ein Verfügungsrecht über sich und seine Liebes- 
gunst zustehe. 

Damit wird es Gegenstand der Bewerbung des Mannes. Zu 
dem roh sinnlichen Gefühle geschlechtlicher Bedürfnisse gesellen 
sich Anfänge ethischer Empfindungen. Der Trieb wird durch- 
geistigt. Die Weibergemeinschaft hört auf. Die geschlechtlich 
differenten Einzelwesen fühlen sich durch geistige und körperliche 
Vorzüge zu einander hingezogen und erweisen nur einander Liebes- 
gunst. Auf dieser Stufe hat das Weib ein Gefühl, dass seine Reize 
nur dem Manne seiner Neigung gehören und ein Interesse daran, 
sie Anderen gegenüber zu verhüllen. Damit sind neben der Scham- 
haftigkeit die Grundlagen der Keuschheit und der sexuellen Treue 
— solange der Liebesbund dauert — gegeben. 

Um so früher erreicht das Weib diese sociale Stufe da, wo 
mit dem Sesshaftwerden der Menschen aus früherem Nomadenleben 
ihnen ein Heim, ein Haus ersteht und für den Mann sich das ße- 
dürfniss ergibt, eine Lebensgefährtin für die Hauswirthschaft, eine 
Hausfrau in dem Weibe zu besitzen. 

Diese Stufe haben unter den Völkern des Orients früh die 
alten Aegypter, die Israeliten und die Griechen, unter den Völkern 
des Abendlands die Germanen erreicht. Ueberall auf dieser Stufe 
findet sich die Werthschätzung der Jungfräulichkeit, Keuschheit, 
Schamhaftigkeit und sexuellen Treue, im Gegensatz zu anderen 
Völkern, die die Hausgenossin dem Gastfreund zum sexuellen Ge- 
nüsse bieten. 

Dass diese Stufe der Versittlichung des sexuellen Lebens eine 
ziemlich hohe ist und viel später als manche andere culturelle Ent- 
wicklungsformen, z. B. ästhetische, sich einstellt, lehren die Japa- 
nesen, bei denen es Sitte ist, ein Weib nur zu ehelichen, nachdem 
es jahrelang in Theehäusern, die die Stelle der europäischen Pro- 
stitutionshäuser vertreten, gelebt hat, und bei denen das Nackt- 


4 Christenthum und Islam. 

gehen des weiblichen Geschlechts nichts Anstössiges ist. Jeden- 
falls kann sich bei den Japanesen jedes unverheirathete Weib pro- 
stituiren, ohne an seinem Werth als künftige Frau Einbusse zu 
erleiden, wohl ein Beweis, dass bei diesem merkwürdigen Volke 
das Weib in der Ehe nuB Genuss-, Procreations- und Arbeitswerth, 
aber keinen ethischen Werth besitzt. 

Die Versittlichung des sexuellen Verkehrs erfuhr ihren mäch- 
tigsten Impuls durch das Christenthum, indem es das Weib auf 
gleiche sociale Stufe mit dem Manne erhob und den Liebesbund 
zwischen Mann und Weib zu einer religiös-sittlichen Institution 
gestaltete *). Damit war der Thatsache entsprochen, dass die Liebe 

l ) Diese allgemeine und auch von vielen Culturhistorikern aufgestellte 
Meinung bedarf aber einer Einschränkung, insofern der symbolische und sakra- 
mentale Charakter der Ehe erst vom Concil zu Trient klar und deutlich aus- 
gesprochen wurde, wenn auch es von jeher im Geist des Christenthums lag, 
dass das Weib aus seiner inferioren Stellung, die es in der alten Welt und im 
alten Testament einnahm, befreit und erhoben werden sollte. 

Dass dies so spät wirklich geschah, erklärt sich zum Theil wohl aus 
den Traditionen der Genesis von der secundären Schöpfung des Weibes aus 
der Rippe des Mannes, von seiner Rolle beim Sündenfall und dem dafür 
erfolgten Fluche „dein Wille soll dem Manne unterthan sein". Indem der 
Sündenfall der Grundstein des kirchlichen Lehrgebäudes wurde, für den 
die hl. Schrift des alten Testaments das Weib verantwortlich gemacht hatte, 
musste die sociale Stellung der Frau so lange verkümmert bleiben, bis der 
Geist des Christenthums über Tradition und Scholastik den Sieg gewann. 

Bemerkenswerth ist, dass die Evangelien mit Ausnahme des Verbots der 
yerstossung (Math. 19. 9) keine Stelle zu Gunsten der Frau enthalten. Die 
Milde gegen die Ehebrecherin und die büssende Magdalena berührt die 
Stellung der Frau an und für sich nicht. Eindringlich erklären geradezu die 
Paulini'schen Briefe, dass an der Stellung des Weibes nichts geändert werden 
soll (IL Korinther 11. 3—12; Epheser 5. 22 „die Weiber seien unterthan ihren 
Männern" und 23 „das Weib fürchte den Mann"). 

Wie sehr die Kirchenväter durch Eva's Schuld gegen das Weib prä- 
occupirt sind, lehren Stellen bei Tertullian: „Weib, du solltest stets in 
Trauer und Lumpen gehen, deine Augen voll Thränen. Du hast das Menschen- 
geschlecht zu Grunde gerichtet!" Der hl. Hieronymus ist gar schlecht auf das 
Weib zu sprechen. Er sagt: „Das Weib ist die Pforte des Teufels, der Weg 
des Unrechts, der Stachel des Skorpions" (de cultu feminarum 1. 1). 

Das kanonische Recht erklärt: Nur der Mann ist nach dem Ebenbilde 
Gottes erschaffen, nicht das Weib ; deshalb soll das Weib ihm dienen und seine 
Magd sein! 

Das Provincialconcil von Macon im 6. Jahrhundert debattirte ernstlich 
darüber, ob das Weib überhaupt eine Seele habe. 

Die Wirkung dieser Ansichten der Kirche auf die Völker, welche das 
Christenthum annahmen, war eine entsprechende. Bei den Germanen wurde 


Christenthum und Islam. 5 

des Menschen auf höherer Civilisationsstufe nur eine monogamische 
sein kann und sich auf einen dauernden Vertrag stützen muss. 
Mag auch die Natur bloss Fortpflanzung fordern, so kann ein Ge- 
meinwesen (Familie oder Staat) nicht bestehen ohne Garantie, dass 
das Erzeugte* physisch, moralisch und intellectuell gedeihe. Durch 
die Gleichstellung des Weibes mit dem Manne, durch die Statuirung 
der monogamischen Ehe und ihre Festigung durch rechtliche, reli- 
giöse und sittliche Bande erwuchs den christlichen Völkern eine 
geistige und materielle Superiorität über die polygamischen Völker, 
speciell über den Islam. 

Wenn auch Mohamed das Weib in seiner Stellung als Sklavin 
und Werkzeug des Sinnengenusses zu heben, social und ehelich 
auf eine höhere Stufe zu stellen bestrebt war, so blieb dasselbe 
in der islamitischen Welt dennoch tief unter den Mann gestellt, 
dem allein die Ehescheidung möglich und überdies sehr leicht ge- 
macht war. 

Unter allen Umständen schloss der Islam das Weib von der 
Bethätigung am öffentlichen Leben aus und hinderte damit seine 
intellectuelle und sittliche Fortentwicklung. Dadurch blieb das 
muselmannische Weib wesentlich Mittel zum Sinnengenuss und zur 
Erhaltung der Race, während die Tugenden und Fähigkeiten des 
christlichen Weibes als Hausfrau, Erzieherin der Kinder, gleich- 
berechtigte Gefährtin des Mannes, sich herrlich entfalten konnten. 
So stellt sich der Islam mit seiner Polygamie und seinem Harem- 
leben in grellen Contrast zur Monogamie und dem Familienleben 
der christlichen Welt. 

Derselbe Contrast macht sich bei einem Vergleich der beiden 
Religionen auch bezüglich der Vorstellungen vom Jenseits geltend, 
das dem christlichen Gläubigen unter dem Bilde eines von aller 


nach der Annahme des neuen Glaubens aus den obigen Gründen das Wehr- 
geld der Frauen — der naive Ausdruck ihres Werthes — herabgesetzt 
(J. Falke, Die ritterliche Gesellschaft. Berlin 1862 p. 49). Ueber die 
Schätzung beider Geschlechter bei den Juden s. III. Mosis 27. 3 — 4. 

Auch die Polygamie, im alten Testament (Deuteronom. 21. 15) aus- 
drücklich anerkannt, wird im neuen nirgends ausdrücklich aufgehoben. That- 
8ächlich haben christliche Fürsten (z. B. merovingische Könige wie Chlotar I., 
Charibert I., Pippin I. und viele vornehme Franken) in Polygamie gelebt, wo- 
gegen die Kirche damals noch nichts einzuwenden hatte (Weinhold, Die 
deutschen Frauen im Mittelalter II. p. 15); vgl. auch „Unger, Die Ehe" etc. 
und das vorzügliche Werk von Louis Bridel „La femme et le droit*, 
Paris 1884. 


() Sinnlichkeit und Sittlichkeit. 

irdischen Sinnlichkeit befreiten, rein geistige Wonnen verheissenden 
Paradieses sich darstellt, während die.Jßhantasie des Muselmanns 
in Bildern eines wollüstigen Haremlebengmäiit herrlichen Houris 
sich das Jenseits ausmalt. "Um"- 

Trotz aller Hülfen, die Religion, GgsetalpErziehung und Sitte 
dem Culturmenschen in der Zügelung semer sinnlichen Triebe an- 
gedeihen lassen, läuft derselbe jederzejjWjefahr, von der lichten 
Höhe reiner und keuscher Liebe in d^i^umpf gemeiner Wollust 
li er abzusinken. 

Um sich auf jener Höhe zu behaupten, bedarf es eines be- 
ständigen Kampfes zwischen Naturtrieb und guter Sitte, zwischen 
Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Nur willensstarken Charakteren ist 
es gegeben, sich ganz von der Sinnlichkeit ^zu emancipiren und 
jener reinen Liebe theilhaftig zu werden, aus der die edelsten 
Freuden menschlichen Daseins erblühen.;. 

Man kann darüber streiten, ob die Menschheit im Verlauf der 
letzten Jahrhunderte sittlicher geworden ist. Zweifelsohne ist sie 
schamhafter geworden, und diese civilisatorische Erscheinung des 
Verbergens sinnlich-thierischer Bedürfnisse ist wenigstens eine Con- 
cession, welche das Laster der Tugend macht. 

Aus der Lektüre des Werkes von Sc her r (Deutsche Cultur- 
geschichte) wird Jeder den Eindruck gewinnen, dass unsere sitt- 
lichen Anschauungen gegenüber denen des Mittelalters geläuterte 
geworden sind, weun auch zugegeben werden muss, dass vielfach 
an die Stelle früherer Unfläthigkeit und Rohheit des Ausdrucks nur 
feinere Sitten ohne grössere Sittlichkeit getreten sind. 

Vergleicht man weiter aus einander liegende Zeitabschnitte und 
Culturperioden, so kann kein Zweifel obwalten, dass die öffentliche 
Moral, trotz episodischer Rückschläge, einen unaufhaltsamen Auf- 
schwung innerhalb der Culturentwicklung nimmt und dass einen 
der mächtigsten Hebel auf der Bahn des sittlichen Fortschritts das 
Christenthum darstellt. 

Wir sind heutzutage doch weit erhaben über jene sexuellen 
Zustände, wie sie sich in dem sodomitischen Götterglauben, dem 
Volksleben, der Gesetzgebung und den religiösen Uebungen der 
alten Griechen ausprägten, ganz zu schweigen von dem Phallus- 
und Priapuskult der Athener und Babylonier, von den Bacchanalien 
des alten Roms und der bevorzugten öffentlichen Stellung, welche 
die Hetären bei jenen Völkern einnahmen. 

Innerhalb des langsamen, oft unmerklichen Aufschwungs, wel- 


Episoden sittlicher Rückschläge. 7 

eben menschliche Sitte und Gesittung nimmt, zeigen sich Schwan- 
kungen, Fluktuationen, gleichwie im individuellen Dasein die sexuale 
Seite ihre Ebbe und Fluth aufweist. 

Episoden des sittlichen Niedergangs im Leben der Völker fallen 
jeweils zusammen mit Zeiten der Verweichlichung, der Ueppigkeit 
und des Luxus. Diese Erscheinungen sind nur denkbar mit ge- 
steigerter Inanspruchnahme des Nervensystems, das für das Plus an 
Bedürfnissen aufkommen muss. Im Gefolge überhandnehmender 
Nervosität erscheint eine Steigerung der Sinnlichkeit, und indem 
sie zu Ausschweifungen der Massen des Volks führt, untergräbt 
sie die Grundpfeiler der Gesellschaft, die Sittlichkeit und Reinheit 
des Familienlebens. Sind durch Ausschweifung, Ehebruch, Luxus 
jene unterwühlt, dann ist der Zerfall des Staatslebens, der materielle, 
moralische, politische Ruin eines solchen unvermeidlich. Warnende 
Beispiele in dieser Hinsicht sind der römische Staat, Griechenland, 
Frankreich unter Louis XIV. und XV. *). In solchen Zeiten des 
staatlichen und sittlichen Verfalls traten vielfach geradezu monströse 
Verirrungen des sexuellen Trieblebens auf, die jedoch zum Theil 
auf psycho- oder wenigstens neuro-pathologische Zustände in der 
Bevölkerung sich zurückführen lassen. 

Dass die Grossstädte Brutstätten der Nervosität und entarteten 
Sinnlichkeit sind, ergibt sich aus der Geschichte von Babylon, 
Ninive, Rom, gleichwie aus den Mysterien des modernen gross- 
städtischen Lebens. Bemerkenswert!! ist die Thatsache, welche aus 
der Lektüre des Ploss'schen Werks hervorgeht, nämlich, dass 
Verirrungen des Geschlechtstriebs (ausser bei den Aleuten, ferner 
in Gestalt von Masturbation bei den Orientalinnen und den Nama- 
Hottentottinen) bei un- oder halbcivilisirten Völkern nicht vor- 
kommen *). 

Die Erforschung des sexuellen Lebens des Individuums hat 
mit dessen Entwicklung in der Pubertät zu beginnen und dasselbe 
in seinen verschiedenen Phasen bis zum Erlöschen sexualer Empfin- 
dungen zu verfolgen. 

Schön schildert Mantegazza in seiner „Physiologie der Liebe" 
das Sehnen und Drängen des erwachenden Geschlechtslebens, von 

! ) Vgl. Friedländer, Sittengeschichte Roms. Wiedemeister, Der 
Cäsarenwahnsinn. Suetonius. Moreau, Des aberrations du sens genesique. 

f ) Diese Angaben stehen aber im Widerspruch mit Friedreich (Hdb. 
d. gerichtsärztl. Praxis 1643, 1. p. 271), nach welchem Päderastie bei den Wilden 
Amerikas sehr häufig vorkommen soll, ferner mit Lombroso (op. cit. p. 42). 


g Entwicklung des Sexuallebens. Pubertät. 

dem Ahnungen, unklare Empfindungen und Dränge aber weit über 
die Epoche der Pubertätsentwicklung zurückreichen. Diese Epoche 
ist wohl die psychologisch bedeutsamste. An dem reichen Zu- 
wachs an Gefühlen und Ideen, welche sie weckt, lässt sich die 
Bedeutung des sexuellen Factors für das psychische Leben über- 
haupt ermessen. 

Jene anfangs dunklen, unverständlichen Dränge, entstanden 
aus den Empfindungen, welche bisher unentwickelte Organe im 
Bewusstsein wachriefen, gehen mit einer mächtigen Erregung des 
Gefühlslebens einher. Die psychologische Reaktion des Sexualtriebs 
in der Pubertät gibt sich in mannigfachen Erscheinungen kund, 
denen nur gemeinsam der affektvolle Zustand der Seele ist und 
der Drang, den fremdartigen Gemüthsinhalt in irgend einer Form 
auszuprägen, zu objektiviren. Naheliegende Gebiete sind die Reli- 
gion und die Poesie, die selbst, nachdem die Zeit der sexuellen 
Entwicklung vorüber und jene ursprünglich unverstandenen Stim- 
mungen und Dränge abgeklärt sind, mächtige Förderungen aus der 
sexualen Welt erfahren. Wer daran zweifeln wollte, möge be- 
denken, wie oft religiöse Schwärmerei im Pubertätsalter vorkommt, 
wie häufig in dem Leben der Heiligen *) sexuelle Anfechtungen 
sind und in welch widerliche Scenen, wahre Orgien, die religiösen 
Feste der alten Welt, nicht minder die Meetings gewisser Sekten 


*) Vgl. Friedreich, gerichtl. Psychologie p. 389, der zahlreiche Bei- 
spiele gesammelt hat. So quälte die Nonne Blanbekin unaufhörlich der Ge- 
danke, was aus dem Theil geworden sein möge, der bei der Beschneidung 
Christi verloren ging. 

Die von Papst Pius IL selig gesprochene Veronica Juliani nahm aus 
Andacht zum göttlichen Lämmlein ein irdisches Lämmlein ins Bett, küsste das 
Lamm, Hess es an ihren Brüsten saugen und gab auch einige Tropfen Milch 
von sich. 

Die hl. Catharina von Genua litt oft an einer solchen inneren Hitze, 
dass sie, um sich abzukühlen, sich auf die Erde legte und schrie: „ Liebe, 
Liebe, ich kann nicht mehr! 8 Dabei fühlte sie eine besondere Zuneigung zu 
ihrem Beichtvater. Eines Tages führte sie dessen Hand an ihre Nase und 
empfand dabei einen Geruch, der ihr ins Herz drang, „einen himmlischen 
Geruch, dessen Annehmlichkeit Todte erwecken könnte." 

Von einer ähnlichen Brunst waren die hl. Armelle und die hl. Elisabeth 
vom Kinde Jesu gequält. Bekannt sind die Versuchungen des hl. Antonius 
von Padua. Bezeichnend ist ein altes Gebet: „0 dass ich dich gefunden hätt*, 
holdseligster Emanuel, o hätt 1 ich dich in meinem Bett, des freute sich mein 
Leib und Seel. Komm, kehre willig bei mir ein; mein Herz soll deine 
Kammer sein!" 


Beziehungen zwischen Religion und Liebe. 9 

der Neuzeit ausarteten, ganz zu geschweigen der wollüstigen Mystik, 
die in den Culten der alten Völker sich findet. Umgekehrt sehen 
wir, dass nicht befriedigte Sinnlichkeit gar häufig in religiöser 
Schwärmerei ein Aequivalent sucht und findet ')• 

Aber auch auf unzweifelhaft psychopathologischem Gebiet zeigt 
sich diese Beziehung zwischen religiösem und sexuellem Fühlen. 
Es genüge der Hinweis auf die mächtig sich geltend machende 
Sinnlichkeit in den Krankengeschichten vieler religiös Wahnsinnigen, 
auf die bunte Vermischung von religiösem und sexuellem Delir, 
wie sie in Psychosen so vielfach beobachtet wird (z. B. bei mania- 
kalischen Weibern, die sich für die Muttergottes und Gottesgebärerin 
halten), aber ganz besonders bei Psychosen auf masturbatorischer 
Grundlage; endlich der Hinweis auf die wollüstig grausamen Selbst- 
kasteiungen, Verletzungen, Selbstentmannungen, sogar Kreuzigungen 
auf Grund eines krankhaften geschlechtlich religiösen Fühlens. 

Ein Versuch, die psychologischen Beziehungen zwischen Religion und 
Liebe zu erklären, stösst auf Schwierigkeiten. Analogien bieten sich in 
grosser Zahl. 

Das Gefühl der sexuellen Neigung und das religiöse Gefühl (als psycho- 
logische Thatsache betrachtet) bestehen beide aus je 2 Elementen. 

Auf religiösem Gebiet ist das primäre das Gefühl der Abhängigkeit, 
eine Thatsache, die Schleiermacher erkannt hat, lange bevor die neuere 
anthropologische und ethnographische Forschung, auf Grund der Beobachtung 
primitiver Zustande, zu demselben Resultat gelangt ist. Erst auf höherer 
Culturstufe tritt das zweite und eigentliche ethische Element — die Liebe zur 
Gottheit — in das religiöse Gefühl ein. An die Stelle der bösen Dämonen der 
Naturvölker traten die doppelseitigen, bald gütigen, bald zürnenden Gestalten 
complicirterer Mythologien, bis endlich der allgütige Gott als Spender des 
ewigen Heils verehrt wird, gleichviel ob dies von Jehovah als Wohlergehen 
auf Erden, von Allah als physisches Wohlergehen, im Paradiese gespendet» 
vom Christen als ewige Seligkeit im Himmel, vom Buddhisten als Nirwana 
erhofft wird. 

In der geschlechtlichen Neigung ist die Liebe, die Erwartung 
einer überschwenglichen Seligkeit, das primäre Element. Secundär tritt das 
Gefühl der Abhängigkeit hinzu. Dieses besteht zwar im Keim für beide Theile, 
insofern der andere Theil sich versagen kann ; es ist aber in der Regel nur im 
Weibe, infolge seiner passiven Rolle bei der Fortpflanzung und socialer Ver- 
bältnisse, starker ausgebildet; ausnahmsweise ist dies auch bei Männern mit zum 
weiblichen neigendem psychischem Typus der Fall. 

Die Liebe ist in beiden Gebieten, dem religiösen und dem sexuellen, 
eine mystische und transcendente , d. h. es tritt bei der Geschlechtsliebe das 


*) Vgl. Friedreich, Diagnostik der psych. Krankheiten p. 247 n. ff. 
Neumann, Lehrb. d. Psychiatrie p. 80. 


10 Religion und Liebe. 

eigentliche Ziel des Triebes, die Propagation der Gattung, nicht ins Bewusst- 
sein, und die Stärke des Impulses ist mächtiger, als irgend eine ins Bewußt- 
sein gelangende Befriedigung rechtfertigen könnte. Auf religiösem Gebiete 
aber ist das erstrebte Gut und das geliebte Wesen seiner Natur nach so be- 
schaffen, dass es nicht in die empirische Erkenntniss eingehen kann. Beide 
seelische Vorgänge lassen deshalb der Phantasie den weitesten Spielraum. 

Beide haben aber auch einen „unendlichen" Gegenstand, insofern die 
Seligkeit, welche der Geschlechtstrieb vorspiegelt, gegenüber allen anderen 
Lustgefühlen als unvergleichbar und unmessbar erscheint, und das Gleiche von 
den versprochenen Seligkeiten des Glaubens gilt, die als zeitlich und qualitativ 
unendlich vorgestellt werden. 

Aus der Uebereinstimmuug beider Bewusstseinszustände bezüglich der 
Grösse ihres Gegenstandes folgt, dass sie beide oft zu unwiderstehlicher Macht 
anwachsen und alle Gegenmotive vor sich niederwerfen. Aus ihrer Aehnlich- 
keit bezüglich der Unfassbarkeit ihres eigentlichen Gegenstandes folgt, dass 
sie beide leicht in eine vage Schwärmerei Übergehen, in welcher die Lebhaftig- 
keit des Gefühls die Deutlichkeit und Constanz der Vorstellungen "bei weitem 
überwiegt. In dieser Schwärmerei spielt in beiden Fällen neben der Erwartung 
eines unfassbaren Glückes das Bedürfnis <* schrankenloser Unterwerfung eine Rolle. 

Aus dieser mehrfachen Uebereinstimmung beider Schwärmereien erklärt 
sich, dass bei starken Intensitätsgraden die eine für die andere vicariirend 
eintreten kann, oder eine neben der anderen auftaucht, da jede starke Hebung 
eines Elementes im Seelenleben die Umgebung mithebt. Das gleichbleibende 
Gefühl ruft also von den beiden Vorstell ungskr eisen, mit welchen es verknüpft 
ist, bald den einen, bald den andern ins Bewusstsein. Beide seelische Er- 
regungen können aber auch in den Trieb zur (activ geübten oder passiv 
erduldeten) Grausamkeit umschlagen. 

Innerhalb des religiösen Lebens kömmt es dazu durch das Opfer. Dieses 
wird zuerst mit der Vorstellung dargebracht, dass es von der Gottheit materiell 
genossen wird, dann, dass es ihr zu Ehren, als Zeichen der Unterwerfung, als 
Tribut, dargebracht wird, endlich dass die Sünde und Verschuldung gegen 
die Gottheit getilgt und die Seligkeit erworben wird. 

Besteht das Opfer aber, wie in allen Religionen vorkömmt, in einer 
Selbstpeinigung, so dient es bei religiös sehr erregbaren Naturen nicht nur 
als Symbol der Unterwerfung und als ein Aequivalent im Tausch gegenwärtiger 
Unlust gegen künftige Lust, sondern Alles, was als von der unendlich geliebten 
Gottheit kommend gedacht wird, was auf ihren Befehl oder ihr zu Ehren 
geschieht, wird direct als Lust empfunden. Die religiöse Schwärmerei führt 
dann zur Ekstase, zu einem Zustand, in dem das Bewusstsein derart von 
psychischen Lustgefühlen präoccupirt ist, dass die Vorstellung der erduldeten 
Misshandlung nur ohne ihre Schmerzqualität appercipirt werden kann. 

Auch activ kann die Exaltation der religiösen Schwärmerei zur Freude 
an der Opferung Anderer führen, wenn das Mitleid mit fremdem Schmerz von 
religiösen Lustgefühlen übercompensirt wird. 

Dass es auf dem Gebiete des Geschlechtslebens zu ähnlichen Erschei- 
nungen kommen kann, zeigt der Sadismus und ganz besonders der Masochis- 
mus (s. u.). 

So lässt sich die oft constatirte Verwandtschaft von Religion, Wollust 


Religion und Liebe. \\ 

und Grausamkeit 1 ) etwa auf die folgende Formel bringen: Religiöser und 
sexueller Affectzustand zeigen auf der Höhe ihrer Entwicklung Uebereinstini- 
mung im Quantum und Quäle der Erregung und können deshalb unter ge- 
eigneten Verhältnissen vicariiren. Beide können unter pathologischen Be- 
dingungen in Grausamkeit umschlagen. 

Nicht minder einflussreich erweist sich der sexuelle Factor auf 
die Weckung ästhetischer Gefühle. Was wäre die bildende Kunst 
und die Poesie ohne sexuelle Grundlage ! In der (sinnlichen) Liebe 
gewinnt sie jene Wärme der Phantasie, ohne die eine wahre Kunst- 
schöpfung nicht möglich ist, und in dem Feuer sinnlicher Gefühle 
erhält sich ihre Gluth und Wärme. Damit begreift sich, dass die 
grossen Dichter und Künstler sinnliche Naturen sind. 

Diese Welt der Ideale eröffnet sich mit dem Auftreten sexu- 
eller Entwicklungsvorgänge. Wer in dieser Lebensperiode nicht 
für Grosses, Edles, Schönes sich begeistern konnte, bleibt ein 
Philister sein Leben lang. Schmiedet doch selbst der nicht zum 
Dichter Veranlagte in dieser Epoche Verse! 

Auf der Gränze physiologischer Reaktion stehen Vorgänge in 
der Pubertätsentwicklung, wo jene unklaren, sehnsüchtigen Stim- 
mungen sich in selbst- und weltschmerzlichen Anwandlungen bis 
zum Taedium vitae ausprägen, vielfach mit Lust, Anderen wehe zu 
thun (schwache Analogien eines psychologischen Zusammenhangs 
zwischen Wollust und Grausamkeit), einhergehen. 

Die Liebe der ersten Jugend hat einen romantischen ideali- 
sirenden Zug. Sie verklärt den Gegenstand der Liebe bis zur 
Apotheose. In ihren ersten Anfängen ist sie eine platonische und 
wendet sich gern Gestalten der Poesie, Geschichte zu. Mit Er- 
wachen der Sinnlichkeit läuft sie Gefahr, ihre idealisirende Macht auf 
Personen des anderen Geschlechts zu übertragen, die geistig, körper- 
lich und social nichts weniger als hervorragend sind. Daraus können 
Mesalliancen, Entführungen, Fehltritte entstehen mit der ganzen 
Tragik der leidenschaftlichen Liebe, die in Conflict geräth mit den 
Satzungen der Sitte und Herkunft und zuweilen im Selbstmord oder 
Doppelselbstmord ihren düsteren Abschluss findet. 


■) Dieses Trivium findet seinen Ausdruck nicht nur in den oben geschil- 
derten Erscheinungen des wirklichen Lebens, sondern auch in der frömmelnden 
Literatur und selbst in der bildenden Kunst sinkender Zeiten. Berüchtigt in 
dieser Beziehung ist z. B. die Gruppe der hl. Theresa von Bernini, die in 
„hysterischer Ohnmacht auf eine Marraorwolke sinkt, während ein verbuhlter 
Engel ihr den Pfeil (der göttlichen Liebe) ins Herz schleudert" (Lübke). 


12 Wahre und sentimentale Liebe. 

Die allzu sinnliche Liebe kann nie eine dauernde und rechte 
Liebe sein. Deshalb ist die erste Liebe in der Regel eine höchst 
flüchtige, weil sie nichts Anderes ist, als das Auflodern einer 
Leidenschaft, ein Strohfeuer. 

Nur diejenige Liebe, welche sich auf die Erkenntniss der sitt- 
lichen Vorzüge der geliebten Person stützt, die nicht bloss Freuden 
gewärtigt, sondern auch Leiden um jener willen zu tragen gewillt 
ist und für sie Alles aufzuopfern vermag, diese ist die wahre Liebe. 
Die Liebe des stark veranlagten Menschen scheut vor keiner 
Schwierigkeit und Gefahr zurück, wenn es gilt, den Besitz der ge- 
liebten Person zu erringen und zu behaupten. 

Thaten des Heroismus, der Todesverachtung, sind ihre Lei- 
stungen. Eine solche Liebe läuft aber Gefahr, nach Umständen 
zum Verbrechen zu gelangen, wenn die sittliche Grundlage keine 
feste ist. Ein hässlicher Flecken dieser Liebe ist die Eifersucht. 
Die Liebe des schwach veranlagten Menschen ist eine sentimentale. 
Sie führt *jach Umständen zu Selbstmord, wenn sie nicht erwiedert 
wird oder Hinderhisse findet, während unter gleichen Verhältnissen 
der stark Veranlagte zum Verbrecher werden konnte. 

Die sentimentale Liebe läuft Gefahr, zur Karikatur zu werden, 
namentlich da, wo das sinnliche Element kein starkes ist (die Ritter 
Toggenburg, Don Quixote, viele Minnesänger und Troubadours des 
Mittelalters). 

Solche Liebe hat einen faden, süsslichen Beigeschmack. Sie 
kann damit geradezu lächerlich werden, während sonst die Aeus- 
serungen dieses mächtigsten Gefühls in der Menschenbrust Mit- 
gefühl, Achtung, Grauen, je nachdem, erwecken. 

Vielfach wird jene schwache Liebe auf äquivalente Gebiete 
gedrängt — auf Poesie, die aber dann eine süssliche ist, auf 
Aesthetik, die sich als outrirte erweist, auf Religion, in welcher 
sie der Mystik und religiösen Schwärmerei, bei stärkerer sinnlicher 
Grundlage dem Sektenwesen bis zum religiösen Wahnsinn, anheim- 
fällt. Von all Dem hat die unreife Liebe des Pubertätsalters etwas 
an sich. Lesbar aus jener Zeit des Dichtens und Reimens sind 
nur die Verse des Dichters von Gottes Gnaden. 

Bei aller Ethik, deren die Liebe bedarf, um sich zu ihrer 
wahren und reinen Gestalt zu erheben, bleibt ihre stärkste Wurzel 
gleichwohl die Sinnlichkeit. 

Platonische Liebe ist ein Unding, eine Selbsttäuschung, eine 
falsche Bezeichnung für verwandte Gefühle. 


Platonische Liebe. Sexualempfindung und Selbstgefühl. 13 

Insofern die Liebe ein sinnliches Verlangen zur Voraussetzung 
hat, ist sie nur denkbar normaliter zwischen geschlechtsverschie- 
denen und zu geschlechtlichem Verkehr fähigen Individuen. Fehlen 
diese Bedingungen, oder gehen sie verloren, so tritt an die Stelle 
der Liebe die Freundschaft. 

Bemerkenswert ist die Rolle, welche für die Entstehung und 
die Erhaltung des Selbstgefühls beim Manne das Verhalten seiner 
sexuellen Funktionen spielt. An der Einbusse von Männlichkeit 
und Selbstvertrauen, die der nervenschwache Onanist und der im- 
potent gewordene Mann bieten, lässt sich die Bedeutung jenes 
Factors ermessen. 

Sehr richtig sagt Gyurkovechky (männl. Impotenz, Wien 1889), dass 
alte und junge Männer sich psychisch wesentlich durch das Verhalten ihrer 
Potenz unterscheiden, und dass Impotenz Lebensfreude, geistige Frische, That- 
kraft, Selbstvertrauen und den Schwung der Phantasie schwer schädigt. Dieser 
Ausfall ist umso bedeutender, in je jugendlicherem Alter der Mann seine 
Potenz verliert und je sinnlicher er veranlagt war. 

Ein plötzlicher Verlust der Potenz kann hier zu schwerer Melancholie 
und sogar zu Selbstmord führen, denn für solche Naturen ist Leben ohne 
Liebe unerträglich. 

Aber auch da, wo die Reaktion keine so einschneidende ist, erscheint 
der in seiner Potenz Getroffene moros, missgünstig, egoistisch, eifersüchtig, 
philiströs, energielos, von geringem Selbst- und Ehrgefühl, feige. 

Analoges sieht man bei den Skopzen, die nach ihrer Entmannung ihren 
Charakter in pejus ändern. 

Noch bedeutsamer äussert sich der Ausfall der Potenz 'bei gewissen 
Belasteten im Sinne förmlicher Effeminatio (s. u.). 

Psychologisch weniger einschneidend, aber doch merklich ist 
die Situation bei dem Weibe, das seine geschlechtliche Rolle aus- 
gespielt hat, indem es zur Matrone geworden ist. War die nun 
historisch gewordene Periode des Geschlechtslebens eine befriedigende, 
erfreuen Kinder das Herz der alternden Mutter, so kommt ihr der 
Wechsel ihrer biologischen Persönlichkeit kaum zum Bewusstsein. 
Anders ist die Situation da, wo Sterilität, oder durch die Umstände 
auferlegte Abstinenz von dem natürlichen Beruf des Weibes, jenes 
Glück versagten. 

Diese Thatsachen sind geeignet, die Differenzen, welche in der 
Psychologie des Sexuallebens zwischen Mann und Weib bestehen, 
die Verschiedenheit des sexuellen Fühlens und Verlangens bei beiden 
in ein helles Licht zu setzen. 

Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches 
Bedürfniss als das Weib. Folge leistend einem mächtigen Natur- 


14 Differenzen der Liebe des Mannes und des Weibes. 

trieb, begehrt er von einem gewissen Alter an ein Weib. Er liebt 
sinnlich, wird in seiner Wahl bestimmt durch körperliche Vorzüge. 
Dem mächtigen Drange der Natur folgend, ist er aggressiv und 
stürmisch in seiner Liebeswerbung. Gleichwohl füllt das Gebot 
der Natur nicht sein ganzes psychisches Dasein aus. Ist sein Ver- 
langen erfüllt, so tritt seine Liebe temporär hinter anderen vitalen 
und socialen Interessen zurück. 

Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohl- 
erzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wäre dem 
nicht so, so müsste die ganze Welt ein Bordell und Ehe und 
Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, welcher das 
Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nach- 
geht, abnorme Erscheinungen. 

Das Weib wird um seine Gunst umworben. Es verhält sich 
passiv. Es liegt dies in seiner sexualen Organisation und nicht 
bloss in den auf dieser fussenden Geboten der guten Sitte begründet. 
Gleichwohl macht sich in dem Bewusstsein des Weibes das 
sexuelle Gebiet mehr geltend als in dem des Mannes. Das Be- 
dürfniss nach Liebe ist grösser als bei diesem, continuirlich, nicht 
episodisch, aber diese Liebe ist eine mehr geistige als sinnliche. 
Während der Mann zunächst das Weib und in zweiter Linie die 
Mutter seiner Kinder liebt, findet sich im Bewusstsein des Weibes 
im Vordergrund der Vater ihres Kindes und dann erst der Mann 
als Gatte. Das Weib wird in der Wahl des Lebensgefährten viel 
mehr durch geistige als durch körperliche Vorzüge bestimmt. Nach- 
dem es Mutter geworden ist, theilt es seine Liebe zwischen Kind 
und Gatten. Vor der Mutterliebe schwindet die Sinnlichkeit. In 
dem ferneren ehelichen Umgang findet die Frau weniger eine sinn- 
liche Befriedigung, als einen Beweis der Liebe und Zuneigung des 
Gatten. 

Das Weib liebt mit ganzer Seele. Liebe ist ihm Leben, dem 
Manne Genuss des Lebens, unglückliche Liebe schlägt diesem 
eine Wunde. Dem Weibe kostet sie das Leben oder wenigstens 
das Lebensglück. Es wäre eine des Nachdenkens werthe psycho- 
logische Streitfrage, ob ein Weib zweimal in seinem Leben wahr- 
haft lieben kann. Jedenfalls ist die seelische Richtung des Weibes 
eine monogame, während der Mann zur Polygamie hinneigt. 

In der Mächtigkeit sexueller Bedürfnisse liegt die Schwäche 
des Mannes dem Weibe gegenüber. Er geräth in Abhängigkeit 
von dem Weibe und zwar um so mehr, je schwächer und sinn- 


Sexuelle Abhängigkeit. Cölibat. Ehebruch. 15 

lieber er wird. Dies wird er in dem Masse, als er neuropathisch 
wird. So begreift sich die Thatsache, dass in Zeiten der Er- 
schlaffung und Genusssucht die Sinnlichkeit üppig gedeiht. Dann 
entsteht aber die Gefahr für die Gesellschaft, dass Maitressen und 
ihr Anhang den Staat regieren und dieser zu Grunde geht. (Die 
Maitressen wirthschaft am Hofe Ludwigs XIV. und XV., die Hetären 
des alten Griechenlands.) 

Die Biographie so mancher Staatsmänner aus alter und neuer 
Zeit lehrt, dass sie Weiberknechte waren in Folge ihrer grossen 
Sinnlichkeit, die wieder ihren Grund hatte in neuropathischer Con- 
stitution. 

Es ist ein Zug feiner psychologischer Kenntniss des Menschen, 
dass die katholische Kirche ihre Priester zur Keuschheit (Cölibat) 
verpflichtet und damit von der Sinnlichkeit zu emaneipiren trachtet, 
um sie ganz den Zwecken ihres Berufs zu erhalten. 

Schade nur, dass der im Cölibat lebende Priester der ver- 
edelnden Wirkung verlustig wird, welche Liebe und dadurch Ehe 
auf die Entwicklung des Charakters gewinnen. 

Da dem Manne durch die Natur die Rolle des aggressiven 
Theils im sexuellen Leben zufällt, läuft er Gefahr, die Gränzen, 
welche ihm Sitte und Gesetz gezogen haben, zu überschreiten. 

Unendlich schwerer fällt moralisch ins Gewicht und viel 
schwerer sollte gesetzlich wiegen der Ehebruch des Weibes gegen- 
über dem vom Manne begangenen. Die Ehebrecherin entehrt nicht 
nur sich, sondern auch den Mann und die Familie, abgesehen davon, 
dass es heisst: Pater incertus. Naturtrieb und gesellschaftliche 
Stellung bringen den Mann leicht zu Fall, während dem Weibe 
Vieles Schutz gewährt. 

Auch bei dem unverheiratheten Weibe ist sexueller Umgang 
etwas ganz Anderes als beim Manne. Die Gesellschaft verlangt 
vom ledigen Manne Sittsamkeit, vom Weibe zugleich Keuschheit. 
Auf der Culturhöhe des heutigen gesellschaftlichen Lebens ist eine 
socialen sittlichen Interessen dienende sexuale Stellung des Weibes 
nur als Ehefrau denkbar. 

Das Ziel und Ideal des Weibes, auch des in Schmutz und 
Laster verkommenen, ist und bleibt die Ehe. Das Weib, wie 
Mantegazza richtig bemerkt, begehrt nicht bloss Befriedigung 
sinnlicher Triebe, sondern auch Schutz und Unterhalt für sich und 
seine Kinder. Der noch so sinnliche Mann von besserem Gefühl 
verlangt ein Weib zur Ehe, das keusch war und ist. 


1(J Schamhaftigkeit. Putzsucht. Coquetterie. 

Schild und Zierde des Weibes in der Anstrebung dieses seiner 
einzig würdigen Ziels ist die Schamhaftigkeit. Mantegazza be- 
zeichnet sie fein als „eine der Formen der physischen Selbstachtung* 
beim Weibe. 

Zu einer anthropologisch-historischen Untersuchung über die 
Entwicklung dieses schönsten Schmuckes des Weibes ist hier nicht 
der Ort. Wahrscheinlich ist weibliche Schamhaftigkeit eine erblich 
gezüchtete Frucht der Culturentwicklung. 

Wunderlich steht mit ihr im Contrast eine gelegentliche Preis- 
gebung von körperlichen Beizen, die unter dem Gesetz der Mode 
und conventionell sanktionirt, selbst die züchtigste Jungfrau im Ball- 
saal sich gefallen lässt. Die ausstellerischen Gründe dafür sind 
naheliegend. Glücklicherweise kommen sie dem keuschen Mädchen 
ebensowenig zum Bewusstsein als die Motive zeitweise wiederkehrender 
Mode, gewisse Körpertheile plastischer hervortreten zu lassen 
(„culs"), ganz zu geschweigen von Corset u. dgl. 

Zu allen Zeiten und bei allen Völkern zeigt die Frauenwelt 
das Bestreben, sich zu schmücken und Reize zu entfalten. In der 
Thierwelt hat die Natur das Männchen durchweg mit grösserer 
Schönheit ausgezeichnet. Die Männerwelt bezeichnet die Weiber 
als das schöne Geschlecht. Diese Galanterie entspringt offenbar dem 
sinnlichen Bedürfniss der Männer. Solange dieses Sichschmücken 
Selbstzweck ist, oder der wahre psychologische Grund des Gefallen- 
wollens dem Weibe unbewusst bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. 
In bewusster Bethätigung nennt man dieses Bestreben Gefallsucht. 

Der putzsüchtige Mann wird unter allen Umständen lächerlich. 
An dem Weibe ist man diese kleine Schwäche gewöhnt und findet 
nichts dabei, solange sie nicht Theilerscheinung eines Ganzen ist, 
für das die Franzosen das Wort Coquetterie erfunden haben. 

Die Frauen sind den Männern in der natürlichen Psychologie 
der Liebe weit überlegen, theils hereditär und durch Erziehung, 
da das Gebiet der Liebe ihr eigentliches Element ist, theils weil 
sie feinfühliger sind (Mantegazza). 

Selbst auf der Höhe der Gesittung kann dem Manne nicht 
verübelt werden, dass er im Weibe zunächst den Gegenstand für 
die Befriedigung seines Naturtriebes erkennt. Aber es erwächst 
ihm die Verpflichtung, nur dem Weibe seiner Wahl anzugehören. 
Im Rechtsstaat wird daraus ein bindender sittlicher Vertrag, die 
Ehe, und insofern das Weib für sich und die Nachkommenschaft 
Schutz und Unterhalt benöthigt, ein Eherecht. 


Fetisch und Fetischismus. 17 

Von grossem psychologischem Werth und für gewisse später zu be- 
sprechende pathologische Erscheinungen un erlässlich ist es, auf die psycho- 
logischen Vorgänge einzugehen, welche Mann und Weib einander zufuhren 
und aneinander fesseln, so dass unter allen anderen Personen desselben Ge- 
schlechte nur der oder die Geliebte begehrenswerth erscheinen. 

Könnte man den Vorgängen in der Natur Absicht nachweisen — Zweck- 
mässigkeit kann man ihnen nicht absprechen — so erschiene die Thatsache 
der Fascinirung durch eine einzige Person des anderen Geschlechts mit In- 
differenz gegen aUe anderen, wie sie beim wahrhaft und glücklich Liebenden 
thatsächlich besteht, als eine bewunderungswürdige Einrichtung der Schöpfung, 
um ihre Zwecke fördernde monogamische Verbindungen zu sichern. 

Für den Forscher erweist sich diese Verliebtheit oder diese „ Harmonie 
der Seelen", dieser „Bund der Herzen" aber keineswegs als ein „Mysterium der 
Seelen", sondern ist in den meisten Fällen zurückführbar auf bestimmte körper- 
liche, nach Umständen auch seelische Eigenschaften, durch welche die An- 
ziehungskraft der dadurch geliebten Person bedingt ist. 

Man spricht dann von sogenanntem Fetisch und Fetischismus. Unter 
Fetisch pflegt man Gegenstände oder Theile oder blosse Eigenschaften von 
Gegenständen zu verstehen , die vermöge associativer Beziehungen zu einer 
lebhafte Gefühle, bezw. wichtiges Interesse hervorrufenden Gesammtvorstellung 
oder GesammtperBÖnlichkeit eine Art Zauber („fetisso" portugiesisch), min- 
destens einen sehr tiefen, dem äusseren Zeichen (Symbol, Fetisch) an und für 
sich nicht zukommenden ') , weil individuell eigenartig betonten Eindruck be- 
wirken. 

Die individuelle Werthschätzung des Fetisch bis zur Schwärmerei Seitens 
einer von demselben afficirten Persönlichkeit nennt man Fetischismus. Diese 
psychologisch interessante Erscheinung, erklärbar aus einem empirischen asso- 
ciativen Gesetz, der Beziehung einer Theilvorstellung zur Gesammtvorstellung, 
wobei das Wesentliche aber die individuell eigenartige Gefühlsbetonung der 
Theilvorstellung im Sinne von Lustgefühlen ist, findet sich vornehmlich in 
zwei verwandten psychischen Gebieten — dem der religiösen und der ero- 
tischen Gefühle und Vorstellungen. Der religiöse Fetischismus hat andere 
Beziehung und Bedeutung als der sexuelle, insofern er seine ursprüngliche 
Motivirung in dem Wa.hn fand und findet, dass der als Fetisch imponirende 
Gegenstand oder das Götzenbild göttliche Eigenschaften besitze, nicht bloss 
Sinnbild sei, oder insofern dem Fetisch besondere wunderthätige (Reliquien) 
oder schutzkräftige (Amulette) Eigenschaften abergläubischerweise zugeschrieben 
werden. 

Anders der erotische Fetischismus, welcher seine psychologische 
Motivirung darin findet, dass physische oder auch psychische Qualitäten einer 
Person, ja selbst blosse Gegenstände ihres Gebrauchs u. dergl. zum Fetisch 
werden, indem sie mächtige associative Vorstellungen zur Gesammtpersönlich- 
keit jeweils wecken und überdies mit einer lebhaften sexuellen Lustempfindung 
jederzeit betont werden. Analogien mit dem religiösen Fetischismus ergeben 

l ) Vergl. Max Müller, der das Wort „Fetisch" etymologisch von facti- 
tius (künstlich, unbedeutendes Ding) ableitet. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualia. 7. Aufl. 2 


18 Physiologischer Fetischismus. 

sich immerhin insofern, als auch bei diesem nach Umständen recht unbedeu- 
tende Gegenstände (Knochen, Nägel, Haare u. s. w.) Fetisch sind und mit 
Lustgefühlen bis zur Ekstase sich associiren. 

Bezüglich der Entwicklung physiologischer Liebe ist es wahr- 
scheinlich, dass ihr Keim immer in einem individuellen Fetischzauber, 
welchen die Person des einen Geschlechts auf eine des anderen aus- 
übt, zu suchen und zu finden ist. 

Am einfachsten ist der Fall, dass mit einer sinnlichen Erregung 
der Anblick einer Person des anderen Geschlechts zeitlich zusammen- 
fällt und dieser Anblick die sinnliche Erregung steigert. 

Gefühls- und optischer Eindruck treten in associative Ver- 
knüpfung und diese festigt sich in dem Masse, als das wiederkehrende 
Gefühl das optische Erinnerungsbild weckt oder dieses (Wieder- 
sehen) neuerlich sexuelle Erregung auslöst, möglicherweise bis zu 
Orgasmus und Pollution (Traumbild). 

In diesem Falle wirkt die körperliche Gesammterscheinung 
als Fetisch. 

Wie Binet u. A. hervorhebt, können es aber auch Theile des 
Ganzen, blosse Eigenschaften und zwar körperliche oder auch bloss 
seelische sein, welche die Person des anderen Geschlechts als Fetisch 
beeinflussen, indem ihre Wahrnehmung mit einer (zufälligen) sexuellen 
Erregung zusammenfällt (oder eine solche hervorruft). 

Dass über diese seelische Association der Zufall entscheidet, 
dass der Gegenstand des Fetisch ein individuell höchst verschieden- 
artiger sein kann, dass daraus die sonderbarsten Sympathien (und 
umgekehrt Antipathien) entstehen, ist allbekannte Thatsache der 
Erfahrung. 

Aus dieser physiologischen Thatsache des Fetischismus erklären 
sich die individuellen Sympathien zwischen Mann und Weib, die 
Bevorzugung einer bestimmten Persönlichkeit vor allen anderen des- 
selben Geschlechts. Da der Fetisch ein ganz individuelles Lokal- 
zeichen darstellt, begreift sich, dass er nur ganz individuell wirkt. 
Da er von höchst mächtigen Lustgefühlen betont ist, führt er dazu, 
über die etwaigen Fehler des Gegenstands der Liebe hinwegzutäuschen 
(„die Liebe macht blind 1 *) und eine Exaltation hervorzurufen, welche 
nur individuell begründet, anderen Personen unbegreiflich, nach 
Umständen selbst lächerlich erscheint. So erklärt es sich, wie der 
Nüchterne seinen verliebten Mitmenschen nicht begreifen kann, 
während dieser sein Idol vergöttert, mit ihm einen wahren Cultus 
treibt, ihm Eigenschaften andichtet, welche dasselbe, objectiv be- 


Fetischismus eroticus. 19 

trachtet, keineswegs besitzt. So erklärt es sich, dass die Liebe bald 
mehr als eine Leidenschaft, bald als ein förmlicher psychischer Aus- 
nahmszuetand erscheint, in welchem das Unerreichbare erreichbar, 
das Hässliche schön, das Profane erhaben, jegliches sonstige Inter- 
esse, jegliche Pflicht verschwunden erscheint. 

Mit Recht macht auch Tarde (Archives de l'anthropologie 
criminelle, 5. Jahrg. Nr. 30) geltend, dass nicht bloss individuell, 
sondern auch national der Fetisch verschieden sein kann, jedoch das 
Ideal der Gesammtschönheit bei den Culturvölkern derselben Zeit 
dasselbe bleibt. 

Binet hat sich das grosse Verdienst erworben, diesen 
Fetischismus der Liebe genauer studirt und analysirt zu haben. 

Aus ihm entstehen die besonderen Sympathien. So fühlt sich 
der Eine zu schlanken, der Andere zu dicken, zu brünetten oder 
blonden Schönen hingezogen. Für den Einen ist ein besonderer 
Ausdruck des Auges, für den Anderen ein besonderer Klang der 
Stimme oder der eigenartige Geruch, selbst ein artificieller (Parfüm), 
oder die Hand, der Fuss, das Ohr u. s. w. der individuelle Fetisch- 
zauber, der Ausgangspunkt einer complicirten Kette von seelischen 
Vorgängen, deren Gesammtausdruck Liebe, d. h. die Sehnsucht nach 
dem physischen und seelischen Besitz des Gegenstands der Liebe 
darstellt. 

Mit dieser Thatsache ist eine wichtige Bedingung für die 
Statuirung eines noch physiologischen Fetischismus erwähnt. 

Der Fetisch mag dauernd seine Bedeutung behalten, ohne 
pathologisch zu sein, aber nur dann, wenn er von der Theilvorstellung 
zur Gesammtvorstellung vorschreitet, wenn die durch ihn erschlossene 
Liebe als ihren Gegenstand die gesammte seelische und physische 
Persönlichkeit umfasst. 

Die normale Liebe kann nur Synthese, Generalisation sein. 
Geistreich sagt Ludwig Brunn 1 ) in einem Aufsatz „der Fetischis- 
mus in der Liebe" : 

„Die normale Liebe erscheint uns also als eine Symphonie, 
die sich aus Tönen aller Art zusammensetzt. Sie resultirt aus den 
verschiedensten Anreizen. Sie ist gleichsam polytheistisch. Der 
Fetischismus kennt nur die Klangfarbe eines einzigen Instruments; 
er entsteht aus einem bestimmten Anreiz; er ist monotheistisch. 

Wer nur einigermassen darüber nachdenkt, wird zur Erkenntniss 


*) Deutsches Montagsblatt, Berlin 20, 8, 88. 


20 Fetischismus eroticus. 

kommen, dass von wirklicher Liebe (dieses Wort wird nur zu oft 
missbraucht) nur die Rede sein darf, wenn die ganze Person zugleich 
leiblich und seelisch Gegenstand der Verehrung ist. • 

Ein sinnliches Element muss jede Liebe haben, d. h. den 
Drang, den Gegenstand der Liebe zu besitzen und mit ihm vereint 
Gesetzen der Natur zu dienen. 

Aber wem bloss der Körper der Person des anderen Geschlechts 
Gegenstand der Liebe ist, wer bloss Sinnengenuss befriedigen will, 
ohne die Seele zu besitzen und seelisch gemeinsam zu gemessen, 
dessen Liebe ist keine echte, so wenig als die des Platonikers, der 
nur die Seele liebt und sinnlichen Genuss verschmäht (manche conträr 
Sexuale). Für den Einen ist der blosse Körper, für den Anderen die 
blosse Seele ein Fetisch, seine Liebe blosser Fetischismus. 

Derartige Existenzen stellen jedenfalls Uebergangsfalle zum 
pathologischen Fetischismus dar. 

Diese Annahme trifft um so mehr zu, als als weiteres Kriterium 
wirklicher Liebe seelische x ) Befriedigung durch den Geschlechtsakt 
gefordert werden muss. 

Innerhalb der physiologischen Erscheinungen des Fetischismus 
bleibt die interessante Thatsache zu besprechen, dass unter der 
grossen Zahl von Dingen, die zum Fetisch werden können, es ein- 


*) Der „spinal cerebral posterieur" Magnan's, welcher bei jedem Weibe 
Genuss empfindet und dem auch jedes Weib recht ist, vermag bloss seine Wol- 
lust zu befriedigen. Gekaufte oder geschundene Liebe ist keine eigentliche 
Liebe. (Mantegazza.) Wer das , Sprächwort erfunden hat: „sublata lucerna 
nullum discrimen inter feminas 11 muss ein arger Cyniker gewesen sein. Potenz 
des Mannes, den Liebesakt überhaupt zu leisten, ist keine Gewähr, dass dieser 
auch wirklich den höchsten Liebesgenuss vermittelt. 

Gibt es doch Urninge, die dem Weib gegenüber potent sind, Männer, 
welche ihr Weib nicht lieben und gleichwohl die eheliche .Pflicht* zu leisten 
vermögen. In den meisten Fällen wird in solcher Situation sogar das Wollust- 
gefühl ausbleiben; handelt es sich doch wesentlich um eine Art onanistischen 
Aktes, vielfach nur ermöglicht durch die Zuhilfenahme der Phantasie, die ein 
anderes geliebtes Wesen unterschiebt. Durch diese Täuschung kann dann 
sogar ein Wollustgefühl erzielt werden, aber diese rudimentäre psychische Be- 
friedigung entstammt einem psychischen Kunstgriff, ganz Wie bei der soli- 
tären Onanie, dem die Phantasie zu Hilfe kommen muss, um ein Wollustgefühl 
zu erzielen. Ueberhaupt scheint derjenige Grad von Orgasmus, mit Hilfe dessen 
es zu einem Wollustgefühl kommt, nur da erzielbar, wo die Psyche intervenirt. 

Da wo psychische Impedimente bestehen (Gleichgültigkeit, Widerwille, 
Ekel, Angst vor Ansteckung, Schwängerung u. s. w.), scheint das Wollustgefühl 
überhaupt auszubleiben. 


Fetischismus eroticus. 21 

zelne gibt, die eine solche Bedeutung bei einer grösseren Zahl von 
Personen gewinnen. 

Als solche sind zu erwähnen für den Mann das Haar, die 
Hand, der Fuss des Weibes, der Ausdruck seines Auges. Ein- 
zelne derselben gewinnen in der Pathologie des Fetischismus 
eine bemerkenswerthe Bedeutung. Diese Thatsachen spielen offen- 
bar in der Seele des Weibes sogar eine unbewusste bis bewusste 
Rolle. 

Eine Hauptsorge des Weibes ist die Culfcur seines Haares, 
dem es oft ungebührlich viel Zeit und Geld widmet. Mit welcher 
Sorge pflegt schon beim kleinen Mädchen die Mutter das Haar! 
Welche Rolle spielt der Friseur! Ausgehen des Haares setzt jugend- 
liche Frauenzimmer in Verzweiflung. Ich erinnere mich einer eitlen 
Frau, die darüber gemüthskrank wurde und durch Selbstmord endigte. 
Frauenzimmer sprechen mit Vorliebe von Coiffuren, beneiden andere 
um ihren schönen Haarwuchs. 

Schönes Haar ist ein mächtiger Fetisch für viele Männer. 
Schon in der Sage von der Loreley, die Männer ins Verderben lockt, 
erscheint das „goldene Haar", das sie mit goldenem Kamme kämmt, 
als Fetisch. Nicht mindere Anziehungskraft besitzen vielfach Hand 
und Fuss, wobei freilich oft (aber keineswegs immer) maso- 
chistische und sadistische Gefühle die besondere Art des Fetisch 
bestimmen helfen. 

In übertragenem Sinne, durch Ideenassociation , kann der 
Handschuh oder der Schuh Fetischbedeutung gewinnen. 

Brunn (op. cit.) weist mit Recht darauf hin, dass bei den 
mittelalterlichen Sitten das Trinken aus dem Schuh einer schönen 
Frau (noch heute in Polen zu finden) eine bemerkenswerthe Rolle 
als Galanterie, Huldigung spielte. Auch im Märchen vom Aschen- 
brödel spielt der Schuh eine hervorragende Rolle. 

Besonders wichtig als den Funken der Liebe entzündend ist 
der Ausdruck des Auges. Ein neuropathisches Auge wirkt auf 
Personen beider Geschlechter vielfach als Fetisch. „Madame, vos 
beaux yeux me fönt mourir d'amour" (Stelle bei Molifcre). 

An Beispielen, dass die Ausdünstung des Körpers Fetisch 
werden kann, herrscht Ueberfluss. 

Auch diese Thatsache wird in der Ars amandi des Weibes 
bewusst oder unbewusst verwerthet. Schon die Ruth im alten Testa.- 
ment suchte Booz an sich zu fesseln, indem sie sich parfumirte. 
Die Demimonde der alten und neuen Zeit consumirte und braucht 


22 Physiologischer Fetischismus. 

viel Wohlgerüche. Jäger in sfeiner „Entdeckung der Seele* gibt 
manche Hinweise auf Geruchsympathien. 

Bekannt sind Fälle, wo Jemand ein hässliches Weib hei- 
rathete, nur weil dessen Geruch ihm unendlich sympathisch war. 

Dass auch die Stimme zum Fetisch werden mag, macht 
Bin et wahrscheinlich. Er theilt eine bezügliche Beobachtung von 
Dumas mit, welche dieser in seiner Novelle (la maison du vent) 
verwerthete. Sie betraf eine Frau, welche sich in die Stimme eines 
Tenors verliebte und darüber ihrem Manne untreu wurde. 

Auch Belot's Roman „les baigneuses de Trouville" spreche 
für diese Annahme. Bin et vermuthet, dass so manche Heirath, 
welche mit Sängerinnen geschlossen wurde, auf Fetischzauber ihrer 
Stimme beruhte. 

Er macht noch auf die interessante Thatsache aufmerksam, 
dass bei den Singvögeln die Stimme die gleiche sexuelle Bedeu- 
tung hat wie bei den Vierfüssern der Geruch. 

So locken die Vögel durch ihren Gesang, und demjenigen 
Vogel, welcher am schönsten singt, fliegt Nachts das angelockte 
Weibchen zu. 

Dass auch seelische Eigenschaften als Fetisch in einem 
weiteren Sinne wirken können, ergibt sich aus den pathologischen 
Thatsachen des Masochismus und des Sadismus. 

So erklärt sich die Thatsache der Idiosynkrasien und erhält 
sich der alte Satz „de gustibus non est disputandum" in Kraft. 


II. Physiologische Thatsachen. 


Innerhalb der Zeit anatomisch-physiologischer Vorgänge in den Gene- 
rationsdrüsen finden sich im Bewusstsein des Individuums Dränge vor, zur Er- 
haltung der Gattung beizutragen (Geschlechtstrieb). 

Der Sexualtrieb in diesem Alter der Geschlechtsreife ist ein physio- 
logisches Gesetz. 

Die Zeitdauer der anatomisch-physiologischen Vorgänge in den Sexual- 
organen, gleichwie die Stärke des sich geltend machenden Sexualtriebes ist 
bei Individuen und Völkern verschieden. Race, Klima, hereditäre und sociale 
Verhältnisse sind darauf von entscheidendem Einfluss. Bekannt ist die grössere 
Sinnlichkeit der Südländer gegenüber den sexuellen Bedürfnissen der Nord- 
länder. Aber auch die sexuelle Entwicklung ist bei den Bewohnern südlicher 
Himmelsstriche erheblich frühzeitiger als bei denen nördlicher. Während bei 
dem Weibe der nördlichen Länder die Ovulation, erkennbar an der Entwicklung 
des Körpers und dem Auftreten periodisch wiederkehrender Blutflüsse aus den 
Genitalien (Menstruation), gewöhnlich erst um das 13. bis 15. Lebensjahr er- 
scheint, beim Manne die Pubertätsentwicklung (erkennbar am Tieferwerden 
der Stimme, Entwicklung von Haaren im Gesicht und am Mons veneris, an 
zeitweise auftretenden Pollutionen etc.) erst vom 15. Jahre an bemerklich wird, 
tritt die geschlechtliche Entwicklung bei den Bewohnern südlicher Länder um 
mehrere Jahre früher ein, beim Weibe zuweilen schon im 8. Jahre. 

Bemerkenswerth ist, dass Stadtmädchen sich um etwa 1 Jahr früher 
entwickeln als Landmädchen, und dass, je grösser die Stadt ist, um so früher 
ceteris paribus die Entwicklung erfolgt. 

Von nicht geringem Einfluss auf Libido und Potenz sind aber auch 
hereditäre Einflüsse. So gibt es Familien, in welchen, neben grosser Körper- 
kraft und Longaevitas, bedeutende Libido und Potenz bis in hohe Altersjahre 
sich erhalten, während in anderen die Vita sexualis spät sich entwickelt und 
vorzeitig erlischt. 

Beim Weibe ist die Zeit der Thätigkeit der Generationsdrtisen enger 
begränzt als beim Manne, bei dem die Spermabereitung bis ins höchste Alter 



24 Legalisation und Entwicklung des Sexualtriebs. 

fortdauern kann. Beim Weibe hört die Ovulation etwa 30 Jahre nach ein- 
getretener Mannbarkeit auf. Diese Periode der versiegenden Thätigkeit der 
Ovarien heisst der Wechsel (Klimacterium). Diese biologische Phase stellt 
nicht einfach eine Ausserfun ctionssetzung und schliessliche Atrophie der 
Generationsorgane dar, sondern einen Umwandlungsprocess des gesammten 
Organismus. Die Geschlechtsreife des Mannes in Mitteleuropa beginnt um das 
18. Jahr. Die Potenz erreicht ihren Höhepunkt um das 40. Von da sinkt sie 
langsam. 

Die Potentia generandi erlischt meist um das 62. Jahr, die P. coeundi 
kann bis ins höhere Alter fortbestehen. Der Sexualtrieb besteht continuirlich 
in der Zeit des Geschlechtslebens mit wandelbarer Intensität. Er tritt unter 
physiologischen Bedingungen niemals intermittirend (periodisch) zu Tage, wie 
beim Thier. Beim Manne schwankt seine Intensität organisch auf und nieder 
mit der Ansammlung und Verausgabung von Sperma; beim Weibe fallen die 
Steigerungen des Trieblebens mit dem Process der Ovulation zusammen, und 
zwar so, dass postmenstrual die Libido sexualis am grössten ist. 

Der Sexualtrieb als Fühlen, Vorstellen und Drang ist eine Leistung der 
Hirnrinde. Ein Territorium in dieser, das ausschliesslich sexuale Empfindungen 
und Dränge vermittelte (Centrum eines Geschlechtssinns), ist bis jetzt nicht 
nachgewiesen. 

Die nahen Beziehungen , in welchen Sexualleben und Geruchssinn l ) zu 
einander stehen, lassen vermuthen, dass sexuelle und Olfactoriussphäre in der 
Hirnrinde einander räumlich nahe sind. Die Entwicklung des Sexuallebens 
nimmt ihren Anfang aus Organempfindungen der sich entwickelnden Sexual- 
drüsen. Jene erregen die Aufmerksamkeit des Individuums. Lektüre, Wahr- 
nehmungen im öffentlichen Leben (heutzutage leider viel zu früh und häufig) 
führen die Ahnungen in deutliche Vorstellungen über. Diese werden von 
organischen Gefühlen, und zwar Lust-(Wollust-)gefühlen betont. Mit der Be- 
tonung erotischer Vorstellungen durch Lustgefühle entwickelt sich ein Drang 
zur Hervorruf ung solcher (Geschlechtstrieb). 

Es entwickelt sich nun eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen Hirn- 
rinde (als Entstehungsort der Empfindungen und Vorstellungen) und den 
Generationsorganen. Diese lösen durch anatomisch-physiologische Vorgänge 
(Hyperämie, Spermabereitung, Ovulation) sexuelle Vorstellungen, Bilder und 
Dränge aus. 

Die Hirnrinde wirkt durch appereipirte oder reproducirte sinnliche Vor- 
stellungen auf die Generationsorgane (Hyperämisirung, Samenbereitung, E rec- 
tum, Ejaculation). Dies geschieht durch Centra der Gefässinnervation und 
Ejaculation, die im Lendenmark und jedenfalls einander räumlich nahe sich 
befinden. Beide sind Reflexcentren. 

Das Centrum erectionis (Goltz, Eckhard) ist eine zwischen Gehirn 
und Genitalapparat eingeschaltete Zwischenstation. Die Nervenbahnen, welche 


*) Das Centrum für den Olfaktorius vermuthet F e r r i e r (Functionen 
des Gehirns) in der Gegend des Gyr. uncinatus. Zuckerkandl, „Ueber das 
Riechcentrum" 1887, vindicirt aus vergleichend anatomischen Forschungen dem 
Ammonshorn die Zugehörigkeit zum Riechcentrum. 


Centrum erectionis. 25 

es mit dem Gehirn in Verbindung setzen, laufen wahrscheinlich durch die 
Pedunculi cerebri und die Brücke. Dieses Centrum vermag durch centrale 
(psychische und organische) Reize, durch direkte Reizung seiner Bahnen in 
Pedunculis cerebri, Pons, Cervicalmark , sowie durch periphere Reizung sen- 
sibler Nerven (Penis, Clitoris und Annexa) in Erregung zu gerathen. Dem 
Einfluss des Willens ist es direkt nicht unterworfen. 

Die Erregung dieses Centrums wird durch in der Bahn des ersten bis 
dritten Sacralnerven verlaufende Nerven (Nervi erigentes — Eckhard) zu 
den Corpp. cavernosa fortgeleitet. 

Die Thätigkeit dieser die Erection vermittelnden Nn. erigentes ist eine 
hemmende. Sie hemmen den gangliären Innervationsapparat in den Schwell- 
körpern, unter dessen Abhängigkeit die glatten Muskelfasern der Corpp. caver- 
nosa stehen (K ö 1 1 i k e r und Kohlrausch). Unter dem Einfluss der Thätig- 
keit der Nn. erigentes werden die glatten Muskelfasern der Schwellkörper 
erschlafft und deren Räume mit Blut erfüllt. Gleichzeitig wird durch die er- 
weiterten Arterien des Rindennetzes der Schwellkörper ein Druck auf die 
Venen des Penis geübt und der Rückfluss des Blutes aus dem Penis gehemmt. 
Unterstützt wird diese Wirkung durch Contraction der Mm. bulbo- und ischio- 
cavernosus, die sich aponeurotisch auf der Rückenfläche des Penis ausbreiten. 

Das Erectionscentrum steht unter dem Einfluss von erregenden, aber 
auch von hemmenden Innervationen Seitens des Grosshirns. Erregend wirken 
Vorstellungen und Sinneswahrnehmungen sexualen Inhalts. Nach Erfahrungen 
bei Erhängten scheint das Erectionscentrum auch durch Erregung der Lei- 
tungsDahnen im Rückenmark in Thätigkeit treten zu können. Dass dies auch 
durch organische Reizvorgänge in der Hirnrinde (psychosexuales Centram?) 
möglich ist, lehren Beobachtungen an Hirn- und Geisteskranken. Direkt kann 
das Erectionscentrum in Erregung versetzt werden durch das Lumbarmark 
treffende Rückenmarkserkrankungen (Tabes, überhaupt Myelitis) in frühen 
Stadien. 

Eine reflectorisch bedingte Erregung des Centrums ist durch Reizung 
der (peripheren) sensiblen Nerven der Genitalien und der Umgebung derselben 
durch Friction, durch Reizung der Harnröhre (Gonorrhoe), des Rectum (Hämor- 
rhoiden, Oxyuris), der Blase (Füllung durch Urin, besonders Morgens, Reizung 
durch Blasenstein) , durch Füllung der Samenblasen mit Sperma, durch in 
Folge von Rückenlage und Druck der Eingeweide auf die Blutgefässe des 
Beckens entstandene Hyperämie der Genitalien möglich und häufig. 

Auch durch Reizung der massenhaft im Prostatage webe vorfindlichen 
Nerven und Ganglien (Prostatitis, Kathetereinführung u. s. w.) kann das Erec- 
tionscentrum erregt werden. 

Dass das Erectionscentrum auch hemmenden Einflüssen von Seiten 
des Gehirns unterworfen ist, lehrt der Versuch von Goltz, wonach, wenn 
(bei Hunden) das Lendenmark durchschnitten ist, die Erection leichter eintritt. 

Dafür spricht auch die Thatsache beim Menschen, dass Willenseinfluss, 
Gemüthsbewegungen (Furcht vor Misslingen des Coitus, Ueberraschung inter 
actum sexualem u. s. w.) das Eintreten der Erection hemmen, bezw. die vor- 
handene sistiren können. 

Die Dauer der Erection ist abhängig von der Fortdauer erregender Ur- 
sachen (Sinnes-, sensible Reize), von dem Fernbleiben hemmender Vorgänge, der 


26 Geruchssinn und Vita sexualis. 

Innervationsenergie des Centruuis, sowie von dem früheren oder späteren Ein- 
treten der Ejaculation (s. u.). 

Die centrale und oberste Instanz im sexuellen Mechanismus ist die 
Hirnrinde. Es ist gerechtfertigt, als Stelle für die Auslösung sexualer Gefühle, 
Vorstellungen und Dränge eine bestimmte Region derselben (cerebrales Centruin) 
zu vermuthen, als Entstehungsort all der psychisch -somatischen Vorgänge, die 
man als Geschlechtsleben, Geschlechtssinn, Geschlechtstrieb bezeichnet. Dieses 
Centrum ist ebensowohl durch centrale als durch periphere Reize erregbar. 

Centrale Reize können organische Erregungen durch Krankheiten der 
Hirnrinde darstellen. Physiologisch bestehen sie in psychischen Reizen (Er- 
innerungsvorstellungen und Sinneswahrnehmungen). 

Unter physiologischen Bedingungen handelt es sich wesentlich um op- 
tische Wahrnehmungen und Erinnerungsbilder (z. B. lascive Leetüre), ferner 
um Tasteindrücke (Berührung, Händedruck, Kuss u. s. w.). 

Jedenfalls spielen in physiologischer Breite Gehörs- und Geruchswahr- 
nehmungen eine sehr untergeordnete Rolle. Unter pathologischen Verhältnissen 
(s. u.) haben die letzteren entschieden eine sexuell erregende Bedeutung. 

Bei den Thieren ist ein Einfluss der Geruchswahrnehmungen auf 
den Geschlechtssinn unverkennbar. Althaus (Beiträge zur Physiol. u. Pathol. 
des Olfactorius, Arch. für Psych. XII, H. 1) erklärt geradezu den Geruchssinn 
für wichtig bezüglich der Reproduction der Gattung. Er macht geltend, dass 
Thiere verschiedenen Geschlechts durch Geruchswahmehmungen zu einander 
hingezogen werden und dass fast alle Thiere zur Brunstzeit von ihren 
Geschlechtsorganen aus einen besonders scharfen Geruch verbreiten. Dafür 
spricht ein Experiment von Schiff, der neugeborenen Hunden die Nn. olfac- 
torii exstirpirte und bei den herangewachsenen Thieren constatirte, dass das 
männliche Thier das Weibchen nicht herauszufinden vermochte. Ein entgegen- 
gesetzter Versuch von Mantegazza (Hygiene der Liebe), welcher Kaninchen 
die Augen entfernte und kein Hinderniss für die Begattung aus diesem Defekt, 
beobachtete, lehrt wie wichtig der Geruchssinn für die Vita sexualis bei Thieren 
sein dürfte. 

Bemerkens werth ist auch, dass manche Thiere (Moschusthier, Zibeth- 
katze, Biber) an ihren Genitalien Drüsen haben, die scharfriechende Stoffe se- 
cerniren. 

Auch für den Menschen macht Alt haus Beziehungen zwischen 
Geruchs- und Geschlechtssinn geltend. Er erwähnt Cloquet (Osphre- 
siologie, Paris 1826), der auf den wollust erregenden Duft der Blumen auf- 
merksam machte und auf Richelieu hinwies, der zur Anregung seiner Ge- 
schlechtsfunktionen in einer Atmosphäre der stärksten Parfüms lebte. 

Zippe (Wien. med. Wochenschrift 1879, Nr. 24) macht anlässlich eines 
Falles von Stehltrieb bei einem Onanisten ebenfalls solche Beziehungen 
geltend und citirt als Gewährsmann Hildebrand, der in seiner populären 
Physiologie sagt: „Es lässt sich gar nicht läugnen, dass der Geruchssinn mit 
den Geschlechtsverrichtungen in einem schwachen Zusammenhang steht. Blumen- 
düfte erregen oft wollüstige Empfindungen, und wenn wir uns der Stelle aus 
dem hohen Liede Salomonis erinnern : „ Meine Hände troffen von Myrrhen und 
Myrrhen liefen über meine Pinger an dem Riegel des Schlosses", so finden wir 
diese Bemerkung schon von dem weisen Salomo gemacht. Im Orient sind die 


Geruchssinn und Vita sexualis. 27 

Wohlgerüche wegen ihrer Beziehung zu den Geschlechtstheilen sehr beliebt 
und die Frauengemächer des Sultans duften von aller Blüthen Gemisch." 

Most, Prof. in Rostock, erzählt (vgl. Zippe): „Von einem wollüstigen 
jungen Bauern erfuhr ich, dass er manche keusche Dirne zur Wollust gereizt 
und seinen Zweck leicht erreicht habe, indem er beim Tanze einige Zeit sein 
Taschentuch unter den Achseln getragen und der von Schweiss triefenden 
Tänzerin damit das Gesicht getrocknet hatte." 

Dass die nähere Bekanntschaft mit der Transspiration eines Menschen 
der erste Anlass zu einer leidenschaftlichen Liebe sein kann, beweist der Fall 
Heinrichs III., welcher sich zufällig bei dem Vermählungsfest des Königs von 
Navarra mit Margaretha von Valois mittelst des schweisstriefenden Hemdes 
der Maria von Cleve das Gesicht getrocknet hatte. Obgleich Letztere die Braut 
des Prinzen von Conde* war, fühlte Heinrich dennoch sofort eine so leiden- 
schaftliche Liebe zu ihr, dass er ihr nicht widerstehen konnte und Maria da- 
durch, wie geschichtlich bekannt, höchst unglücklich machte. Analoges wird 
von Heinrich IV. erzählt, bei welchem die Leidenschaft zur schönen Gabriele von 
dem Moment an entstanden sein soll, wo er auf einem Ball mit einem Taschen- 
tuch dieser Dame sich die Stirne getrocknet hatte. 

Aehnliches deutet der „Entdecker der Seele", Prof. Jäger, in seinem 
bekannten Buch (2. Aufl., 1880, Cap. 15) an, indem er p. 173 den Schweiss als 
wichtig für die Entstehung von Sexualaffecten und als besonders verführerisch 
ansieht. 

Auch aus der Lektüre des Werkes von Ploss (Das Weib) ergibt sich, 
dass mannigfach in der Völkerpsychologie das Bestreben sich findet, durch die 
eigene Ausdünstung eine Person des anderen Geschlechts an sich zu ziehen. 

Bemerkenswerth in dieser Hinsicht ist eine von J a g o r berichtete Sitte, 
die zwischen verliebten Eingeborenen auf den Philippinen herrscht. Müssen 
sich dort Liebespaare trennen, so überreicht man sich gegenseitig Wäsche- 
stücke des eigenen Gebrauchs, mit Hülfe derer man sich der Treue versichert. 
Diese Gegenstände werden sorgfältig gehütet, mit Küssen bedeckt und — 
berochen. 

Auch die Vorliebe gewisser Libertins und sinnlicher Frauen für Par- 
füms 1 ) spricht für Zusammenhang von Geruchs- und Geschlechtssinn. 

Bemerkenswerth ist auch ein von Heschl (Wiener Zeitschr. f. pract. 
Heilkunde, 22. März 1861) mitgetheilter Fall von Mangel beider Riechkolben 
bei gleichzeitiger Verkümmerung der Genitalien. Es handelte sich um einen 
45jährigen, sonst wohlgebildeten Mann, dessen Hoden bohnen gross, ohne 
Samenkanälchen waren, und dessen Kehlkopf von weiblichen Dimensionen er- 
schien. Jede Spur von Riechnerven fehlte; auch die Trigona olfactoria und 
die Furche an der unteren Fläche der Vorderlappen des Gehirns * mangelten. 
Die Löcher der Siebplatte waren spärlich; statt Nerven traten durch dieselbe 
nervenlose Fortsätze der Dura. Auch in der Schleimhaut der Nase fand sich 
Mangel an Nerven. Bemerkenswerth ist endlich der bei Geisteskrankheit deut- 


1 ) Vgl. Laycock, Nervous diseases of women, 1840, der die Vorliebe 
für Moschus und derlei Parfüms mit sexueller Erregung bei Damen in Be- 
ziehung fand. 


] 


28 Geruchssinn und Vita sexualis. 

lieh hervortretende Consensus zwischen Geruchs- und Geschlechtsorgan, inso- 
fern sowohl bei masturbatorischen Fällen von Psychose bei beiden Geschlech- 
tern, als auch bei Psychosen auf Grund von Erkrankung der weiblichen 
Genitalien oder klimakterischer Vorgänge Geruchshallucinationen überaus 
häufig, bei fehlender sexueller Veranlassung überaus selten sind. 

Dass bei normalen Menschen Geruchsempfindungen, gleichwie beim Thier, 
eine hervorragende Rolle für die Erregung des sexualen Centrums spielen, 
möchte ich bezweifeln *). Bei der Wichtigkeit dieses Consensus für das Ver- 
Btändniss pathologischer Fälle musste aber schon hier auf die Beziehungen 
zwischen Geruchs- und Geschlechtssinn eingegangen werden. 

Die sexuelle Sphäre in der Hirnrinde kann auch durch Vorgänge in den 
Generationsorganen im Sinne von sexuellen Vorstellungen und Drangen erregt 
werden. Dies ist möglich durch alle Momente, welche auch das Erections- 
centrum durch centripetale Einwirkung in Erregung versetzten (Heiz der ge- 
füllten Samenblasen, die geschwellten Graf sehen Follikel, irgendwie hervor- 
gerufene sensible Reizung im Bereich der Genitalien, Hyperämie und Turgescenz 
der Genitalien, speciell der erectilen Gebilde der Schwellköper von Penis, 
Clitoris, durch sitzende üppige Lebensweise, durch Plethora abdominalis, hohe 
äussere Temperatur, warme Betten, Kleidung, Genuss von Canthariden, Pfeffer 
und anderen Gewürzen). 

Auch durch Reizung der Nerven der Gesässgegend (Züchtigung, 
Geisselung) kann die Libido sexualis erregt werden *). 

Diese Thatsache ist nicht unwichtig für das Verständniss gewisser patho- 
logischer Ersch einungen. Zuweilen geschieht es, dass bei Knaben durch eine 
Züchtigung auf den Podex die ersten Regungen des Geschlechtstriebes wach- 
gerufen werden und ihnen damit die Anregung zur Masturbation gegeben 
wird, eine Erfahrung, die sich Erzieher merken sollten. 

Angesichts der Gefahren, welche diese Form der Züchtigung Schülern 
bereiten kann, wäre es wtinschenswerth , wenn sie von Eltern, Lehrern und 
Erziehern gänzlich aufgegeben würde. 

Dass passive Flagellation die Sinnlichkeit zu erwecken vermag, lehrt 
die im 13. — 15. Jahrhundert verbreitet gewesene Sekte der Flagellanten, die 
theils aus Busse, theils um das Fleisch zu tödten (im Sinne des von der Kirche 
geltend gemachten Keuschheitsprincips, d. h. der Emancipation des Geistes von 
der Sinnlichkeit) sich selbst geisselten. 


') Folgende Beobachtung, welche Binet mittheilt, scheint mit dieser 
Annahme im Widerspruch. Leider ist über die Persönlichkeit des Gegenstands 
jener Beobachtung nichts mitgetheilt. Unter allen Umstanden bleibt sie sehr 
bezeichnend für den Consensus zwischen Geruchs- und Gesehlechtssinn. Stud. 
med. D. sitzt auf einer Bank in einer öffentlichen Anlage , eifrig in einem 
Buch (über Pathologie) studirend. Plötzlich stört ihn eine heftige Erection. 
Er schaut auf und bemerkt, dass eine stark parfümirte Dame auf der anderen 
Ecke der Bank Platz genommen hat. D. konnte sich die Erection nur durch 
den unbewusst ihm zugekommenen Geruchseindruck erklären. 

a ) Meibomius, De flagiorum usu in re medica, London 1765; Boi- 
leau, The history of the flagellants, London 1783. 


Flagellation als sexueller Stimulus. 29 

Anfangs wurde diese Sekte von der Kirche begünstigt. Da aber durch 
das Flagelliren erst recht die Sinnlichkeit wachgerufen wurde und diese That- 
sache in unliebsamen Vorkommnissen sich kundgab , war die Kirche schliess- 
lich genöthigt, gegen das Flagellantenthum einzuschreiten. Bezeichnend für 
die sexuell erregende Bedeutung der Geisselung sind folgende Thatsachen aus 
dem Leben der beiden Geisseiheidinnen Maria Magdalena von Pazzi und Eli- 
sabeth von Genton. Die erstere, Tochter angesehener Eltern, war Karmeliter- 
nonne zu Florenz (um 1580) und erlangte durch ihre Geisselungen und noch 
mehr durch deren Folgen einen bedeutenden Ruf, weshalb sie auch in den 
Annalen Erwähnung findet. Es war ihre grösste Freude, wenn ihr die Priorin 
die Hände auf den Rücken binden und sie in Gegenwart sämmtlicher 
Schwestern auf die blossen Lenden geissein Hess. 

Die schon von Jugend auf vorgenommenen Geisselungen hatten aber ihr 
Nervensystem ganz und. gar zerrüttet und vielleicht keine Geisseiheidin hatte 
so viel Hallucinationen („ Entzückungen *) wie diese. Während derselben hatte 
sie es besonders mit der Liebe zu thun Das innere Feuer drohte sie dabei 
zu verzehren und häufig schrie sie: „Es ist genug! Entflamme nicht stärker 
diese Flamme, die mich verzehrt. Nicht diese Todesart ist es, die ich mir 
wünsche, sie ist mit allzu vielen Vergnügungen und Seligkeiten verbunden." 
So ging es immer weiter. Der Geist der Unreinigkeit aber blies ihr die wol- 
lüstigsten und üppigsten Phantasien ein, so dass sie mehrmals nahe daran 
war, ihre Keuschheit zu verlieren. 

Aehnlich verhielt es sich mit Elisabeth von Genton. Dieselbe gerieth 
durch das Geissein förmlich in bacchantische Wuth. Am meisten raste sie, 
wenn sie, durch ungewöhnliche Geisselung aufgeregt, mit ihrem „Ideal" ver- 
mählt zu sein glaubte. Dieser Zustand war für sie so überschwänglich be- 
glückend, dass sie häufig ausrief: „0 Liebe, o unendliche Liebe, o Liebe, o 
ihr Creaturen, rufet doch alle mit mir: Liebe, Liebe! 8 Bekannt ist auch die 
von Taxil (op. cit. p. 175) bestätigte Beobachtung, dass Wüstlinge, um ihrer 
gesunkenen Potenz aufzuhelfen, zuweilen sich vor dem geschlechtlichen Akt 
flagelliren lassen. 

Diese Thatsachen finden eine interessante Bestätigung durch folgende 
Paullini's „Flagellum salutis« (1. Aufl. 1698, Neudruck Stuttgart 1847) ent- 
lehnte Erfahrungen: 

„Es sind einige Nationen, namentlich die Persianer und Russen, so 
(bevorab die Weiber) Schläge für ein sonderbares Liebs- und Gnadenzeichen 
annehmen. Sonderlich sind die Russische Weiber fast nicht vergnügter und 
fröhlicher, als wenn sie gute schlage von ihren Männern empfangen, wies 
Joann Barclajus mit einer merckwürdigen Historie erläutert. Es kam ein 
Teutscher, Namens Jordan, in Muscovien, und weil ihm das Land gefiel, liess 
er sich häusslich daselbst nieder, und nahm ein Russisch Weib, so er hertzlich 
liebte, und in allem freundlich gegen sie war. Sie aber sähe immer runtz- 
licht aus, warff die Augen nieder und liess ach und wehe von sich hören. 
Der Mann wolte wissen, warum? denn er ja nicht ersinnen konte, was ihr 
fehlen mochte. Ey, sprach sie, was wolt ihr mich doch lieb haben, massen 
ihr dessen noch kein Zeichen habt spüren lassen. Er umhälsete sie, und bat, 
wo er sie etwa ohnversehens und unwissend beleidigt hätte, solches ihm zu 
verzeihen, er wolte es ja nimmer thun. Mir fehlt nichts, war die Antwort, 


30 Flagellation als sexueller Stimulus. 

als, nach unser Landes Manier, die Geisse], das 'eigentliche Merkmahl der 
Liebe. Jordan merckte diese Mode, und gewehnte sich dran, da fieng das 
Weib an den Mann hertzinniglich zu lieben. Eben solche Geschieht erzählt 
auch Peter Petreus von Erlesund mit dem Zusatz, wie die Männer gleich nach 
der Hochzeit unter andern unentbehrlichem Hausgeräth ihnen auch Peitschen 
zulegten." 

Auf S. 73 dieses merkwürdigen Buches sagt Verf. weiter: 

„Der berühmte Graff von Mirandula, Joann Picus, zeugt von einem seiner 
guten Bekandten, dass er ein unersättlicher Kerles gewesen, doch aber so 
träge und untüchtig zum Zyprischen Streit, dass er nicht das Geringste ver- 
mochte, ehe und bevor er derb abgeschmiert war. Je mehr er nu seinen 
Willen zu sättigen verlangte, je durchdringendere Schläge er begehrte, massen 
er seines Wuasches gar nicht theilbafft werden konnte, wann er nicht vorher 
bis aufs Blut abgepeitschet war. Zu dem ende Hess er ihm eine eigne Peitsche 
machen, peitzte solche den Tag zuvor in essig, hernach gab er sie seiner Ge- 
spiehlin, mit inständigster Bitte und gebognen Knieen, ja nicht fehl zu 
schlagen , sondern je düchter , je lieber. Der eintzle Mensch (meint der gute 
Graff) sey dieser, so seine Leibeslust unter solcher Marter gefunden habe. Und 
weil er sonst eben der Schlimste nicht war, erkandte und haste er zugleich 
seine Schwachheit. Gleiche Historie erwehnt Coelius Rhodigin, und aus 
diesem der berühmte Jurist Andreas Tiraquell. Zu des geschickten Medici 
Otten Brunfelsen Zeit lebte in der Churbayerischen Residenzstadt München 
auch ein guter Schlucker, so aber seine Pflichtschuldigkeit, ohne vorhergehende 
scharffe Schläge, nimmer abstatten konte. Auch kandte Herr Thomas Barthelin 
einen Venetianer, der durch blosse Schläge zum Beyschlaff muste erhitzt und 
angetrieben werden. Wie denn auch Cupido selbst seine Nachfolger mit einem 
hiazynthinen Stäblein hinder ihm herschleppt. Zu Lübeck war vor wenig 
Jahren ein Käsekrämer, in der Mühistrassen wohnend, so, wegen begangenen 
Ehebruchs, bey der Obrigkeit verklagt, die Stadt räumen solte. Die Metze 
aber, mit der er zugehalten hatte, gieng zu den Gerichtsherrn, und thät eine 
Vorbitte seinthalben bey ihnen, mit Erzählung, wie Blutsaur ihm alle Gänge 
worden wären. Denn er ja nichts vermocht, wenn sie ihn nicht zuvor erbärm- 
lich abgeprügelt hätte. Der Kerl wolte es anfangs, aus Schaam und Ver- 
meidung des Hohns, nicht allerdings gestehn, doch auf ernstlichere Befragen 
konte ers nicht ableugnen. In dem vereinigten Niederland sol gleichfals ein 
ansehnlicher Mann dergleichen Trägheit an sich gehabt, und ohne Schläge 
zum Handel nicht getaugt haben. Wies aber die Obrigkeit erfuhr, ward er 
nicht nur seines Dienstes entsetzt, sondern auch überdas gebührend abgestrafft. 
Ein glaubwürdiger Freund, und Physicus einer vornehmen Reichsstadt, berichtete 
mich vom 14. Juli vorigen Jahrs, wie ein liederlich Weibsstück ihrer Gespielin 
vor weniger Zeit im Hospital erzählt habe, dass ein gewisser Mann Sie, be- 
neben einer andern von gleicher Gattung, in den Wald beschieden haben, und 
nachdem sie gefolgt, hätte ihnen der Kerl Ruthen abgeschnitten, und den 
blossen Hintern zum besten gegeben, und sie brav drauf hauen geheissen, 
welches sie auch gethan. Was er hiernechst ferner mit ihnen begonnen habe, 
ist leichtüch zu schliessen. Nicht aber wurden nur die Männer durch Schläge 
zur Geilheit erhitzt und aufgemuntert, sondern auch die Weiber, damit sie 


Erogene Zonen. 31 

desto ehe und mehr empfiengen. Das Römische Frauenzimmer Hess sich von 
den Lupercis desswegen peitschen und geissein. Denn so singt Juvenal: 

• Steriles moriuntur, et illis 

Turgida non prodest condita pyscido Lyde: 
Nee prodest agili palmas praebere Luperco/ 

Auch von einer Reihe anderer Haut- und Schleimhautbezirke kann, so- 
wohl beim Manne als auch beim Weibe, Erection und Orgasmus, ja selbst der 
Ejaculationsvorgang ausgelöst werden. Diese „erogenen" Zonen sind beim 
Weibe, solange es Virgo ist, die Clitoris, nach erfolgter Defloration auch die 
Vagina und der Cervix uteri. 

Besonders erogen scheint beim Weib überhaupt die Brustwarze zu 
wirken. Titillatio hujus regionis spielt in der Ars erotica eine hervor- 
ragende Rolle. In seiner topograph. Anatomie 1865 Bd. I p. 552 citirt Hyrtl 
Val. Hildenbrandt, der eine besondere Anomalie des Sexualtriebs, die er 
Suctusstupratio nannte, bei einem Mädchen beobachtete. Dasselbe Hess sich 
von seinem Galan an den Mammae saugen und brachte es durch Zerren an 
denselben allmälig dahin, das Saugen mit dem eigenen Munde vorzunehmen, 
was ihr die angenehmsten Gefühle verursachte. H. weist auch darauf hin, 
dase bei Eühen das Selbstaussaugen der Euter vorkomme. 

L. Brunn (Zeitg. f. Literatur etc. d. Hamburg. Correspondenten 1889 
Nr. 21 in einem interessanten Aufsatz „über Sinnlichkeit und Nächstenliebe 11 ) 
macht geltend, wie eifrig die säugende Mutter „aus Liebe zum Schwachen, 
Unentwickelten, Hülf lösen* sich dem Geschäft des Stillens des Kindes widmet. 

Es liegt nahe, zu vermuthen, dass neben den erwähnten ethischen Be- 
ziehungen auch der Umstand, dass das Säugen mit körperlichen Lustgefühlen 
verbunden sein dürfte, eine Rolle spielt. Dafür spricht die weitere, an und 
für sich ganz richtige, aber einseitig gedeutete Bemerkung Brunns, dass 
nach Houzeau's Erfahrungen bei den meisten Thieren nur während der 
Zeitperiode des Säugens die Beziehungen zwischen Mutter und Jungen innige 
sind und später völliger Gleichgültigkeit weichen. 

Dasselbe (Abstumpfung der Gefühle für das Kind nach dem Abstillen) 
fand Bastian u. A. auch bei wilden Völkern. 

Unter pathologischen Verhältnissen, wie u. A. aus einer These de doctorat 
von Chambard hervorgeht, können (bei Hysterischen) auch Körperstellen in 
der Nähe der Mammae sowie der Genitalien die Bedeutung erogener Zonen 
gewinnen. 

Beim Manne ist physiologisch die einzige erogene Zone die Glans penis 
and vielleicht noch die Haut der äusseren Genitalien. 

Unter pathologischen Verhältnissen kann der Anus erogenes Gebiet 
sein — damit würde sich anale Automasturbation , die nicht allzu selten vor- 
zukommen scheint, und passive Päderastie erklären. (Vgl. Garnier, Anomalies 
sexuelles, Paris, p. 514; F. Moll, Conträre Sexualempfindung, p. 163.) 

Der psychophysiologische Vorgang, welchen der Begriff Ge- 
schlechtstrieb umfasst, setzt sich zusammen 

1) aus central oder peripher geweckten Vorstellungen, 

2) aus damit sich assoeiirenden Lustgefühlen. 

Daraus entsteht der Drang zu geschlechtlicher Befriedigung (Libido 


32 Akt der Cohabitation. 

sexualis). Dieser Drang wird immer starker in dem Masse, als die Erregung des 
cerebralen Gebietes durch bezügliche Vorstellungen und durch Hereingreifen der 
Phantasie die Lustgefühle potenzirt und durch Erregung des Erectionscentrums 
und damit Hyperämisirung der Genitalorgane diese Lustgefühle zu Wollust 
gefühlen (Austreten von Liquor prostaticus in die Urethra u. s. w.) steigert. 

Sind die Umstände günstig zur Ausübung des individuell befriedigenden 
Geschlechtsakts, so wird dem immer mehr anwachsenden Drang Folge geleistet, 
andernfalls treten hemmende Vorstellungen dazwischen, verdrängen die ge- 
schlechtliche Brunst, hemmen die Leistung des Erectionscentrums und ver- 
hindern den geschlechtlichen Akt. 

Für den Culturmenschen ist erforderlich und entscheidend die Bereit- 
schaft von solchen den geschlechtlichen Drang hemmenden Vorstellungen. Von 
der Stärke der treibenden Vorstellungen und der sie begleitenden organischen 
Gefühle einer- und' der der hemmenden Vorstellungen andererseits hängt die 
sittliche Freiheit des Individuums ab und die Entscheidung, ob es nach Um- 
ständen zur Ausschweifung und selbst zum Verbrechen gelangt. Auf die 
Stärke der treibenden Momente haben Constitution, überhaupt organische 
Einflüsse, auf die der Gegenvorstellungen Erziehung und Selbsterziehung ge- 
wichtigen Einfluss. 

Treibende und hemmende Kräfte sind wandelbare Grössen. Verhängniss- 
voll wirkt in dieser Hinsicht der Alkoholübergenuss, insofern er die Libido 
sexualis weckt und steigert, gleichzeitig die sittliche Widerstandsfähigkeit 
herabsetzt. 


Der Akt der Cohabitation *). 

Grundvoraussetzung für den Mann ist genügende Erection. Mit Recht 
macht Anjel (Archiv für Psychiatrie VIII, H. 2) darauf aufmerksam, dass bei 
der sexuellen Erregung nicht bloss das Erectionscentrum erregt wird, sondern 
dass die Nervenerregung sich auf das ganze vasomotorische Nervensystem 
fortpflanzt. Beweis dafür ist der Turgor der Organe beim sexuellen Akt, die 
Injection der Conjunctiva, die Prominenz der Bulbi, die Erweiterung der 
Pupillen, das Herzklopfen (durch Lähmung der aus dem Halssympathicus 
stammenden vasomotorischen Herznerven, dadurch Erweiterung der Herzarterien 
und in Folge der Wallungshyperämie stärkere Erregung der Herzganglien). 
Der Geschlechtsakt geht mit einem Wollustgefühl einher, das beim Manne 
durch in Folge der sensiblen Reizung der Genitalien hervorgerufenes Durch- 
treten von Sperma durch die Ductus ejaculatorii in die Urethra angeregt sein 
dürfte. Das Wollustgefühl tritt beim Mann früher auf als beim Weib, schwillt 
zur Zeit der beginnenden Ejaculation lawinenartig an, erreicht seine Höhe im 
Moment der vollen Ejaculation, um post ejaculationem rasch zu schwinden. 

Beim Weib tritt das Wollustgefühl später und langsam ansteigend auf 
und überdauert meist den Akt der Ejaculation. 

Der entscheidende Vorgang bei der Cohabitation ist die Ejaculation. 
Diese Funktion ist abhängig von einem Centrum (genito-spinale), das Budge 


l ) Vgl. Roubaud, Traite de l'impuissance et de la sterilite\ Paris 1878. 


Akt der Cohabitation. 33 

in der Höhe des 4. Lendenwirbels nachgewiesen hat. Dasselbe ist ein Reflex- 
centnim; der dasselbe erregende Reiz ist das durch Reizung der Glans penis 
aus den Samenblasen reflectorisch in die Pars membranacea urethrae getriebene 
Sperma. Sobald diese unter wachsendem Wollustgefühl vor sich gehende 
Samenentleerung eine entsprechend grosse Quantität darstellt, um als ge- 
nügender Reiz auf das Ejaculationscentrum zu wirken, tritt dieses in Aktion. 
Die motorische Reflexbahn befindet sich in dem 4. und 5. Lumbalnerven. Die 
Aktion besteht in einer convulsivischen Erregung des M. bulbocavernosus 
(innervirt vom 3. und 4. Sacralnerv), wodurch das Sperma herausgeschleu- 
dert wird. 

Auch beim Weib findet auf der Höhe seiner geschlechtlichen und wol- 
lüstigen Erregung ein reflectorisch bedingter Bewegungsakt statt. Er wird 
eingeleitet durch die Reizung der sensiblen Genitalnerven und besteht in einer 
peristalti8chen Bewegung in den Tuben und im Uterus bis zur Portio vaginalis, 
wodurch der Tubar- und Uterinschleim ausgepresst wird. Eine Hemmung des 
Ejaculation8Centrum8 ist möglich durch Hirnrindeneinfluss (Unlust beim Coitus, 
überhaupt Gemütsbewegungen, sowie einigermassen durch Willenseinfluss). 

Mit dem vollzogenen Geschlechtsakt schwinden normaler Weise Erection 
und Libido sexualis, indem die psychische und geschlechtliche Erregung einer 
behaglichen Erschlaffung Platz macht. 


v. Krafft-Ebing, Psychopatkia sexualis. 7. Aufl. 


III. Allgemeine (Neuro- und Psycho-) Pathologie \ 


Ueberaus häufig erweisen sich bei dem Culturmenschen die 
sexualen Funktionen abnorm. Diese Thatsache findet zum Theil 
ihre Erklärung in dem vielfachen Missbrauch der Generationsorgane, 
zum Theil in dem Umstand, dass solche Funktionsanomalien häufig 
Zeichen einer meist erblichen krankhaften Veranlagung des Central- 
nervensystems („funktionelle Degenerationszeichen* 4 ) sind. 

Da die Generationsorgane aber in bedeutsamer funktioneller 
Relation zu dem ganzen Nervensystem und zwar in seinen psy- 
chischen wie somatischen Beziehungen stehen, begreift sich die 
Häufigkeit der aus sexuellen (funktionellen oder organischen) Stö- 
rungen hervorgehenden allgemeinen Neurosen und auch Psychosen. 


l ) Literatur. Parent-Duchätelet, Prostitution dans la ville de 
Paris 1837. — Rosenbaum, Entstehung der Syphilis. Halle 1839. — Derselbe, 
Die Lustseuche im Alterthum. Halle 1839. — Descuret, La medecine des 
passions, Paris 1860. — Casper, Klin. Novellen 1863. — Bastian, Der 
Mensch in der Geschichte. — Friedländer, Sittengeschichte Roms. — Wiede- 
m eist er, Cäsarenwahnsinn. — Scherr, Deutsche Cultur- und Sittengeschichte 
Bd. I, Cap. 9. — Tardieu, Des attentats aux moeurs, 7. 6dit. 1878. - Em- 
minghaus, Psychopathol. p. 98. 225. 230. 232. — Schule, Handbuch der 
Geisteskrankheiten p. 114. — Marc, Die Geisteskrankheiten, übers, v. Ideler, 
IT, p. 128. — v. K rafft, Lehrb. d. Psychiatrie. 4. Aufl. I, p. 90: Lehrb. d. ger. 
Pgychopathol. 2. Aufl. p. 234; Archiv f. Psychiatrie VII, 2. — Moreau, Des 
aberrations du sens genesique. Paris 1880. — Kirn, Allg. Zeitschr. f. Psychi- 
atrie 39, Heft 2. u. 3. — Lombroso, Geschlechtstrieb u. Verbrechen in ihren 
gegenseitigen Beziehungen (Goltdammer's Archiv Bd. 30). — Tarnowsky, 
Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinns. Berlin 1886. — Ball, 
La Folie Srotique. Paris 1888. — Serieux, Recherches cliniques sur les 
anomalies de Tinstinct sexuel. Paris 1888. — Hammond, Sexuelle Impotenz, 
übers, v. Sali in ger. Berlin 1889. 


Schema der sexualen Neurosen. 35 


Schema der sexualen Neurosen. 
I. Periphere Neurosen. 

1) Sensible, 
a) Anästhesie, b) Hyperästhesie, c) Neuralgie. 

2) Secretorische. 
a) Aspermie, b) Polyspermie. 

3) Motorische, 
a) Pollutionen (Krampf), b) Spermatorrhöe (Lähmung). 

IL Spinale Neurosen. 

1) Affectionen des Erectionscentrums. 

a) R eizung (Priapismus) entsteht reflectorisch durch periphere sensible 
Beize (z. 6. Gonorrhöe) , direkt durch organische Reizung der Leitungsbahnen 
vom Gehirn zum Erectionscentrum (spinale Erkrankungen im unteren Cervical- 
und oberen Dorsalmark) oder des Centrums selbst (gewisse Gifte) oder durch 
psychische Reize. 

Im letzteren Fall besteht Satyriasis, d. h. abnorm lange Andauer von 
Erection mit Libido sexualis. Bei blosser reflectorischer oder direkter organi- 
scher Reizung kann die Libido fehlen und der Priapismus selbst mit Unlust- 
gefuhlen verbunden sein. 

b) Lähmung entsteht durch Zerstörung des Centrums oder der Leitungs- 
bahnen (Nervi erigentes) bei Rückenmarkskrankheiten (paralytische Impotenz). 

Eine mildere Form stellt die verminderte Erregbarkeit des Centrums dar, 
in Folge von Ueberreizung desselben (durch sexuelle Excesse, besonders Onanie) 
oder durch ^ntoxication mit Alkohol, Bromsalzen u. s. w. Sie kann mit cere- 
braler Anästhesie verbunden sein, oft auch mit solcher der äusseren Genitalien. 
Häufig findet sich hier cerebrale Hyperästhesie (gesteigerte Libido sexualis, 
Lüsternheit). 

Eine eigene Form verminderter Erregbarkeit stellen diejenigen Fälle 
dar, wo das Centrum nur auf gewisse Reize anspruchsfähig ist und mit einer 
Erection antwortet. So gibt es Männer, bei welchen der sexuelle Contact mit 
der züchtigen Ehefrau nicht das nöthige Reizmoment zur Erection abgibt, wohl 
aber diese eintritt, wenn der Akt mit einer Dirne oder in Form einer wider- 
natürlichen sexuellen Handlung versucht wird. Soweit hiter psychische Reize 
in Betracht kommen, können sie sogar inadäquate sein (s. u. Parästhesie und 
Perversion des Sexuallebens). 


30 Affectionen des Ejaculationscentrums. 

c) H e mm u ng. Das Erectionscentrum kann durch vom Gehirn kommende 
cerebrale Einflüsse funktionsunfähig sein. Dieser hemmende Einfluss ist ein 
emotioneller Vorgang (Ekel, Furcht vor Ansteckung) oder die Vorstellung 1 ) 
der ungenügenden Potenz. Im ersten Fall befinden sich vielfach Männer, die 
unüberwindliche Abneigung gegen die Frau haben, oder Furcht vor Infection, 
oder mit perverser Geschlechtsempfindung behaftet sind ; im letzteren Fall be- 
finden sich Neuropathiker (Neurasthenische, Hypochonder), vielfach auch in 
ihrer Potenz Geschwächte (Onanisten), die Grund haben oder zu haben glauben, 
Misstrauen in ihre Potenz zu setzen. Der bezügliche psychische Vorgang wirkt 
als Hemmungsvorstellung und macht den Akt mit der betreffenden Person des 
anderen Geschlechts temporär oder dauernd unmöglich. 

d) Beizbare Schwäche. Hier besteht abnorme Anspruchsföhigkeit, 
aber rascher Nachlass der Energie des Centrums. Es kann sich um funktionelle 
Störung im Centrum selbst, oder um Innervationsschwäche der Nn. erigentes 
handeln, oder um Schwäche des M. ischiocavernosus. Im Uebergang zu den 
folgenden Anomalien ist noch der Fälle zn gedenken, wo durch abnorm frühe 
Ejakulation die Erection unausgiebig ist. 


2) Affectionen des Ejaculationscentrums. 

a) Abnorm leichte Ejaculation durch mangelnde cerebrale Hemmung 
in Folge grosser psychischer Erregung oder durch reizbare Schwäche des Cen- 
trums. In diesem Fall genügt nach Umständen die blosse Vorstellung einer 
lasciven Situation, um das Centrum in Aktion zu versetzen (hohe Grade von 
spinaler Neurasthenie, meist durch sexuellen Missbrauch). Eine dritte Mög- 
lichkeit ist Hyperaesthesia urethrae, vermöge welcher das austretende Sperma 
eine sofortige und stürmische Reflexaktion des Ejaculationscentrums auslöst. 
Hier kann die blosse Annäherung an die weiblichen Genitalien genügen, um 
die Ejaculation (ante portam) herbeizuführen. 

Bei Hyperaesthesia urethrae als Ursache kann die Ejaculation mit einem 
Schmerz- statt einem Wollustgefühl [ablaufen. Meist besteht in Fällen, wo 
Hyperaesthesia urethrae vorhanden ist, zugleich reizbare Schwäche des Cen- 
trums. Beide Funktionsstörungen sind wichtig für die Vermittlung der Pollutio 
nimia und diurna. 

Das begleitende WpllustgefÜhl kann pathologisch fehlen. Derlei kommt 
bei belasteten Männern und Weibern vor (Anästhesie, Aspermie?), ferner in 
Folge von Krankheit (Neurasthenie, Hysterie), oder (bei Meretrices) in Folge 
von Ueberreizung und dadurch bedingter Abstumpfung. Von der Stärke des 
Wollustgefühls hängt der Grad der den Geschlechtsakt begleitenden psychischen 
und motorischen Erregung ab. Unter pathologischen Bedingungen kann diese 
sich so hoch steigern, das die Coitusbewegungen ein dem Willen entzogenes 


*) Ein interessantes Beispiel, wonach auch eine (Zwangsvorstellung nicht 
sexuellen Inhalts im Spiel sein kann, erzählt Magn an, Ann. med. psych. 1885: 
Student, 21 Jahre, erblich stark belastet, früher Onanist, hat beständig mit 
der Zahl 13 als Zwangsvorstellung zu kämpfen. Sobald er coitiren will, hemmt 
die betreffende Zwangsvorstellung die Erection und macht den Akt unmöglich. 


Cerebral bedingte Neurosen. 37 

convulsivisches Gepräge gewinnen, selbst sich bis zu allgemeinen Convulsionen 
erstrecken. 

b) Abnorm schwer eintretende Ejaculation. Sie ist bedingt durch 
Ulierregbarkeit Ides Centrums (mangelnde Libido, Lähmung des Centrums, 
organisch (durch Gehirn- und Rücken markskrankheiten , funktionell durch 
sexuellen Missbrauch, Marasmus, Diabetes, Morphinismus), hier dann meist mit 
Anästhesie der Genitalien und Lähmung des Erectionscentrums verbunden. 
Oder sie ist 'die Folge einer Läsion des Reflexbogens oder peripherer Anaes- 
thesia (urethrae) oder der Aspermie. Die Ejaculation tritt gar nicht oder ver- 
spätet ein im Verlauf des sexuellen Aktes oder erst später in Form einer 
Pollution. 


HI. Cerebral bedingte Neurosen. 

1) Paradoxie, d. h. sexuale Erregungen ausserhalb der Zeit 
anatomisch-physiologischer Vorgänge im Bereich der Generations- 
organe. 

2) Anästhesie (fehlender Geschlechtstrieb). Hier lassen alle 
organischen Impulse von den Generationsorganen aus, gleichwie alle 
Vorstellungen, alle optischen, acustischen und olfactorischen Sinnes- 
eindrücke das Individuum sexuell unerregt. Physiologisch ist die 
Erscheinung im Kindes- und höheren Greisenalter. 

3) Hyperästhesie (vermehrter Trieb bis zur Satyriasis). 
Hier besteht abnorm starke Anspruchsfähigkeit der Vita sexualis 
auf organische, psychische und sensorielle Reize (abnorm starke 
Libido, Lüsternheit, Geilheit). Der Reiz kann central (Nympho- 
manie, Satyriasis) oder peripher, funktionell oder organisch sein. 

4) Parästhesie (Perversion des Geschlechtstriebs, d. h. Er- 
regbarkeit des Sexuallebens durch inadäquate Reize). 

Diese cerebralen Anomalien fallen in das Gebiet der Psycho- 
pathologie. Die spinalen und peripheren können mit den ersteren 
combinirt vorkommen. In der Regel finden sie sich jedoch bei 
geistig Gesunden. Sie können in verschiedeneu Combinationen vor- 
kommen und den Anlass zu sexuellen Delicten geben. Aus diesem 
Grund verlangen sie Berücksichtigung in der folgenden Darstellung. 
Das Hauptinteresse nehmen jedoch die cerebral bedingten Anomalien 
in Anspruch, da sie überaus häufig zu perversen und selbst crimi- 
nellen Handlungen führen. 


38 Paradoxia sexualis. Sexualtrieb bei Kindern. 


A. Paradoxie. Sexualtrieb ausserhalb der Zeit anatomisch- 
physiologischer Vorgänge. 

1) Im Kindesalter auftretender Geschlechtstrieb. 

Jeder Nerven- und jeder Kinderarzt kennt die Thatsache, dass 
schon bei kleinen Kindern Regungen des Geschlechtslebens auf- 
treten können. Bemerkenswerth in dieser Hinsicht sind Ultz- 
mann's Mittheilungen über Masturbation im Kindesalter 1 ). Man 
muss hier unterscheiden zwischen den zahlreichen Fällen, wo durch 
Phimosis, Balanitis, Oxyuris in Anus oder Vagina Kinder Jucken 
in den Genitalien bekommen, an diesen herummanipuliren , davon 
eine Art Wollustreiz empfinden und so zur Masturbation gelangen, 
und zwischen jenen Fällen, wo ohne peripheren Anlass, auf Grund 
cerebraler Vorgange, beim Kind sexuale Ahnungen und Dränge 
auftreten. Nur in letzteren Fällen kann von einem vorzeitigen 
Hervortreten des Geschlechtstriebs die Rede sein. Immer dürfte 
es sich hier um eine Theilerscheinung eines neuro-psychopathischen 
Belastungszustandes handeln. Eine Beobachtung von Marc (Die 
Geisteskrankheiten etc. von Ideler I, p. 66) illustrirt treffend diese 
Zustände. Gegenstand derselben war ein 8jähriges Mädchen aus 
ehrenwerther Familie, das, aller kindlichen und moralischen Gefühle 
baar, seit dem 4. Jahr masturbirte, nebenher mit Knaben von 10 
bis 12 Jahren Unzucht trieb. Es schwelgte in dem Gedanken, 
seine Eltern umzubringen, um sie bald zu beerben und dann mit 
Männern sich zu vergnügen. 

Auch in diesen Fällen von vorzeitig sich regender Libido 
verfallen die Kinder der Masturbation, und da sie schwer belastet 
sind, versinken sie häufig in Blödsinn und fallen schweren dege- 
nerativen Neurosen oder Psychosen anheim. 

Lombroso (Archiv, di Psichiatria IV, p. 22) hat eine Anzahl hieher- 
gehöriger, schwer erblich belastete Kinder betreffender Fälle gesammelt, so den 
eine 8 Mädchens, das mit 3 Jahren schamlos und hemmungslos masturbirte. 


l ) Auch Louyer-Vill ermay berichtet Onanie von einem 3 — 4 Jahre alten 
Mädchen, ebenso Moreau (Aberrations du sens geneaique, 2. edit. p. 209) von 
einem 2jährigen. Siehe ferner Maudsley, Physiologie und Pathologie der 
Seele, übersetzt von Böhm, p. 218; Hirschsprung (Kopenhagen). Berlin, 
klin. Wochenschr. 1866, Nr. 38. Lombroso, Der Verbrecher, übersetzt von 
Fränkel, p. 119 u. ff. (besonders Fall 10. 19. 21.). 


Wiedererwachen des Sexualtriebs im Greisenalter. 39 

Ein anderes Mädchen begann mit 8 Jahren, setzte die Onanie auch in der 
Ehe and namentlich in der Schwangerschaft fort. Sie gebar 12mal. 5 Kinder 
starben früh, 4 waren Hydrocephali, 2 davon (Knaben) ergaben sich mit 7, 
bezw. 4 Jahren der Masturbation. 

Zambaco (VEnc^phale 1882, Nr. 1. 2.) gibt die entsetzliche Geschichte 
zweier Schwestern mit prämaturem und perversem Sexualtrieb. Die ältere R. 
mastnrbirte schon mit 7 Jahren, trieb Unzucht mit Knaben, stahl, wo sie nur 
konnte, verführte ihre 4jährige Schwester zur Masturbation, trieb mit 10 Jahren 
schon die grössten Scheusslichkeiten, war nicht einmal durch Ferr. candens ad 
clitoridem von ihrem Drang abzubringen, masturbirte sich u. A. mit der Sutane 
des Geistlichen, während dieser ihr zusprach sich zu bessern etc. 


2) Im Greisenalter wieder erwachender Geschlechtstrieb 1 ). 

Es gibt seltene Fälle, wo bis zum höheren Greisenalter der 
Geschlechtstrieb fortbesteht. „Senectus non quidem annis sed viribus 
magis aestimatur u (Zittmann). Oesterlen (Maschka, Handb. III, 
p. 18) berichtet sogar von einem 83jährigen Mann, der von einem 
württembergischen Schwurgericht wegen Unzucht Vergehens zu drei 
Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde. Leider erfahrt man nichts 
über Art des Delicts und psychischen Zustand des Thäters. 

Das Bestehen von Aeusserungen des Geschlechtstriebs im 
höheren Alter ist an und für sich jedenfalls nicht pathologisch. 
Präsumptionen auf pathologische Bedingungen müssen 
sich aber nothwendig ergeben, wenn das Individuum 
decrepid ist, sein Geschlechtsleben schon längst erloschen 
war, der Trieb bei dem zudem vielleicht früher sexuell 
nicht sehr bedürftigen Menschen mit grosser Stärke sich 
geltend macht und rücksichtslos, schamlos, selbst pervers 
Befriedigung erstrebt. 

In solchen Fällen wird schon der gesunde Menschenverstand 
pathologische Bedingungen vermuthen. Die medicinische Wissen- 
schaft kennt die Thatsache, dass ein so qualificirter Trieb auf krank- 
haften Veränderungen im Gehirn, die zu Greisenblödsinn führen, 
beruht. Diese krankhafte Erscheinung des Geschlechtslebens kann 
ein Vorbote der senilen Demenz sein und sich jedenfalls lange vor- 
her einstellen, ehe es zu greifbaren Erscheinungen intellectueller 
Schwäche kommt. Immer wird der aufmerksame und erfahrene 
Beobachter in diesem Prodomalstadium schon eine Umwandlung 


') Vgl. Kirn, Zeitschr. f. Psych. Bd. 39. — Legrand du Saulle, 
Annal. d'hyg. 1868 oct. 


40 Sexualtrieb im Greisenalter. Sexuelle Delicte. 

des Charakters in pejus und eine Abschwächung des moralischen 
Sinnes zugleich mit der auffallenden geschlechtlichen Erscheinung 
nachweisen können. 

Die Libido des seniler Demenz Entgegengehenden äussert sich 
zunächst in lasciven Reden und Gesten. Das nächste Angriffs- 
object dieser der Hirnatrophie und psychischen Degeneration ver- 
fallenden cynischen Greise sind Kinder. Die leichtere Gelegenheit* 
an solche zu gerathen, gewiss aber wesentlich das Gefühl mangel- 
hafter Potenz dürften diese traurige und bedenkliche Thatsache er- 
klären. Mangelhafte Potenz und tief gesunkener moralischer Sinn 
machen die weitere Thatsache begreiflich, warum die geschlecht- 
lichen Akte dieser Greise perverse sind. Sie sind eben einfach 
Aequivalente des unmöglichen physiologischen Aktes. 

Als solche verzeichnen die Annalen der gerichtlichen Medicin 
Exhibition der Genitalien 1 ) ) wollüstiges Betasten der Genitalien von 
Kindern 2 ), Verleitung dieser zur Manustupration des Verführers, 
Onanisirung der Opfer 3 ), Flagellation derselben. 

In diesem Stadium kann die Intelligenz noch intact genug sein, 
um die OefFentlichkeit und die Entdeckung zu meiden, während der 
moralische Sinn schon zu tief gesunken ist, um die sittliche Bedeu- 
tung des Aktes zu ermessen und dem Trieb zu widerstehen. Mit 
eintretender Demenz werden diese Akte immer schamloser. Nun 
schwindet auch das Bedenken wegen mangelhafter Potenz und werden 
auch Erwachsene heimgesucht, aber die defekte Potenz nöthigt zu 
Aequivalenten des Coitus. Nicht selten kommt es auch hier zur So- 
domie, wobei, wie Tarnowsky (op. cit. 77) bemerkt, beim Geschlechts- 
akt mit Gänsen, Hühnern u. dgl., der Anblick des sterbenden Thieres 
und seiner Todeszuckungen im Momente des Coitus dem Kranken 
volle Befriedigung gewährt. Ebenso grauenerregend und nach dem 
Obigen psychologisch verständlich sind die perversen geschlecht- 
lichen Handlungen mit Erwachsenen. 

Einen Beleg, wie hoch gesteigert die Geschlechtslust während 
des Ablaufs einer Dementia senilis sein kann, bietet die Beobach- 
tung 49 in des Verf. Lehrbuch der gerichtl. Psychopath., 2. Aufl., 
p. 161, quum senex libidinosus germanam suam filiam aemulatione 


y ) Fälle b. Lasegue: Les Exhibitionistes. Union medicale 1871 1. Mai. 
2 ) Legrand du Saulle, La folie devant les tribunaux p. 530. 
z ) Kirn, Maschka's Handb. d. ger. Med. p. 373. 374. — Derselbe, 
Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 39, p. 220. 


Sexualtrieb im Greisenalter. 41 

motus necaret et adspectu pectoris sciosi puellae moribundae delect- 
aretur. 

Im Verlauf des Leidens kann es anlässlich manischer Episoden 
oder auch ohne solche zu erotischem Delir und Zuständen wahrer 
Satyriasis kommen, wie der folgende Fall erweist. 

Beobachtung 1. J. Rene, von jeher sinnlichen und sexuellen Genüssen 
ergeben, aber das Decorum wahrend, hatte seit seinem 76. Jahr eine fort- 
schreitende Abnahme der Intelligenz und zunehmende Perversion des morali- 
schen Sinnes gezeigt. Früher geizig, äusserlich sittsam, verschwendete er nun 
Hab und Gut im Umgang mit Freudenmädchen, trieb sich nur noch in Bor- 
dellen herum, wollte von jedem Frauenzimmer auf der Strasse, dass es ihn 
heirathe oder wenigstens zum Coitus zulasse und verletzte so sehr den öffent- 
lichen Anstand, dass man ihn in eine Irrenanstalt bringen musste. Dort 
steigerte sich die geschlechtliche Erregung zu einem Zustand wahrer Satyriasis, 
die bis zum Tode andauerte. Er onanirte beständig, selbst vor Anderen, deli- 
rirte nur in obscönen Vorstellungen, hielt die Männer seiner Umgebung für 
Frauen und verfolgte sie mit seinen schmutzigen Anträgen (Legrand du 
Gaulle, La folie p. 533). 

Auch bei der Dem. senilis verfallenen Matronen, früher ehrbaren Frauen, 
können solche Zustände von höchster sexueller Erregung (Nymphomanie, Furor 
uterinus) vorkommen. 

Dass auf dem Boden der Dem. senilis der krankhaft erregte 
und perverse Trieb sich auch Personen des eigenen Geschlechts (s. u.) 
ausschliesslich zuwenden kann, geht aus der Lektüre Schopen- 
hauers 1 ) hervor. Die Art der Befriedigung ist hier passive 
Päderastie oder, wie ich aus folgendem Fall erfuhr, mutuelle Ma- 
sturbation. 

Beobachtung 2. Herr X., 80 Jahre alt, von hohem Stand, aus be- 
lasteter Familie, von jeher sexuell sehr bedürftig und Cyniker, von abnormem 
und jähzornigem Charakter, zog nach eigenem Geständniss schon als junger 
Mensch Masturbation dem Coitus vor, bot aber nie Erscheinungen von conträrer 
Sexualität, hatte Maitressen, zeugte mit einer derselben ein Kind, heirathete 
48 Jahre alt aus Neigung, zeugte noch 6 Kinder, gab seiner Gemahlin Zeit 
seiner Ehe nie zu Klagen Anlass. Die Verhältnisse seiner Familie konnte 
ich nur unvollkommen erfahren. Sichergestellt ist, dass sein Bruder im Ver- 
dacht mannmännlicher Liebe stand und dass ein Neffe in Folge excessiver 
Masturbation irrsinnig wurde. 

Seit Jahren hat sich der von Hause eigenartige, jähzornige Charakter 
des Patienten immer extremer gestaltet. Er ist äusserst misstrauisch geworden 
und eine geringfügige Contrariirung seiner Wünsche bringt ihn in masslosen 
Affekt bis zu Wuthanfällen, in welchen er 'sogar die Hand gegen seine Ge- 
mahlin erhebt. 


a ) Die Welt als Wille und Vorstellung. 1859 B. 1J, p. 461 u. ff. 


42 Anaesthesia sexualis. 

Seit einem Jahr bestehen deutliche Zeichen einer Dem. senilis incipiens. 
Patient ist vergeeslich geworden, er lokalisirt falsch in der Vergangenheit und 
ist zeitlich nicht recht orientirt. Seit 14 Monaten bemerkt man an dem alten 
Herrn eine wahre Verliebtheit gegenüber einzelnen männlichen Dienstboten, 
namentlich einem Gärtnerburschen. Sonst schroff und vornehm gegenüber 
Untergebenen , überhäuft er diesen Favori mit Gunstbezeigungen und Ge- 
schenken und befiehlt seiner Familie und seinen Hausofficianten, ihm mit dem 
grössten Respekt zu begegnen. Mit wahrer Brunst erwartet der Alte die 
Stunden der Rendezvous. Er schickt seine Familie fort, um ungestört mit dem 
Favoriten zu sein, hält sich Stunden lang mit ihm eingeschlossen und wird, 
wenn die Thüren sich wieder öffnen, ganz erschöpft auf dem Ruhebett ge- 
troffen. Nebem diesem Geliebten hat Patient aber episodisch noch Verkehr 
mit anderen Dienern. Hoc constat amatos eum ad se trauere, ab iis oscula 
concupiscere, genitalia sua tangi jubere itaque masturbationem mutuam fieri. 
Durch dieses Treiben ist eine förmliche Demoralisation geschaffen. Die Familie 
ist machtlos , denn jede Gegenvorstellung ruft Zorn.infalle bis zur Bedrohung 
der Angehörigen hervor. Patient ist vollkommen einsichtslos für seine sexuellen 
perversen Handlungen, so dass die Entmündigung und Versetzung in eine 
Irrenanstalt als einziger Ausweg für die trostlose hochangesehene Familie 
übrig bleibt. 

Irgendwelche erotische Erregung gegenüber dem anderen Geschlecht 
ist nicht zu beobachten, obwohl Patient noch mit seiner Gemahlin dasselbe 
Schlafgemach bewohnt. Bemerkenswerth bezüglich der perversen Sexualität 
und des tief gesunkenen moralischen Sinnes dieses Unglücklichen ist die That- 
sache, dass er die Dienerinnen seiner Schwiegertochter ausfragt, ob diese keine 
Liibhaber besitzen. 


B. Anaesthesia sexualis (fehlender Geschlechtstrieb). 

1) Als angeborene Anomalie. 

Als unanfechtbare Beispiele von cerebral bedingtem Fehlen 
des Geschlechtstriebs können nur solche Fälle gelten, in welchen 
trotz normal entwickelter und funktionirender Generationsorgane 
(Spermabereitung, Menstruation) jegliche Regung des Geschlechts- 
lebens überhaupt und von jeher mangelt. Diese funktionell ge- 
schlechtslosen Individuen sind sehr selten und wohl immer degenerative 
Existenzen, bei denen anderweitige funktionelle Cerebralstörungen, 
psychische Degenerationszustände, ja selbst anatomische Entartungs- 
zeichen nachweisbar sind. 

Einen klassischen, hierher gehörenden Fall beschreibt Le- 
grand du Saulle (Annales me'dicopsychol. 1876, mai). 


Anaestheda sexualis. 43 

Beobachtung 3. D., 33 Jahre, stammt von einer Mutter, die an Ver- 
folgungswahnsinn litt. Der Vater dieser Frau litt ebenfalls an Verfolgungs- 
wahn und endete durch Selbstmord. Deren Mutter war irrsinnig, die Mutter 
dieser Frau war im Puerperium irrsinnig geworden. Drei Geschwister des 
Patienten waren im Säuglingsalter gestorben, ein überlebendes war charaktero- 
logisch abnorm. D. war schon mit 13 Jahren mit Ideen geplagt, irrsinnig zu 
werden. Mit 14 Jahren machte er einen Suicidversuch. Später Vagabundage. 
Als Soldat wiederholt Insubordination , ganz verrückte Streiche. Er war von 
beschränkter Intelligenz, bot keine Degenerationszeichen, normale Genitalien, 
hatte mit 17 oder 18 Jahren Samenergüsse gehabt, nie onanirt, niemals Ge- 
schlechtsempfindung gehabt, nie den Umgang mit Weibern gesucht. 

Beobachtung 4. P., 36 Jahre alt, Taglöhner, wurde Anfang November 
wegen spastischer Spinalparalyse auf meiner Klinik aufgenommen. Er behauptet, 
aus gesunder Familie zu stammen. Seit der Jugend Stotterer. Schädel micro- 
cephal (cf. 53). Patient etwas imbecill. Er war nie gesellig, hatte niemals 
eine sexuelle Regung. Der Anblick eines Weibes hatte nie für ihn etwas An- 
ziehendes. Niemals regte sich bei ihm ein masturbatorischer Drang. Erectionen 
häufig, aber nur Morgens beim Erwachen mit voller Blase und ohne Spur von 
sexueller Regung. Pollutionen sehr selten, etwa einmal jährlich im Schlafe, 
meist unter Träumen, dass er mit einem weiblichen Individuum etwas zu thun 
habe. Einen ausgesprochen erotischen Inhalt haben aber diese Träume nicht, 
wie überhaupt nicht seine Träume. Eine eigentliche Wollustempfindung soll 
mit dem Akt der Pollution nicht vorhanden sein, Pat. empfindet diesen Mangel 
sexueller Empfindungen nicht. Er versichert, sein 34 Jahre alter Bruder sei 
sexuell geradeso beschaffen wie er, für eine 21 Jahre alte Schwester macht er 
dies wahrscheinlich. Ein jüngerer Bruder sei sexuell normal beschaffen. Die 
Untersuchung der Genitalien des Pat. ergibt ausser Phimose nichts Abnormes. 

Auch Hammond (Sexuelle Impotenz, deutsch von Salinger, 
Berlin 1889) weiss aus seiner reichen Erfahrung nur über folgende 
o Fälle angeborener Anaesthesia sexualis zu berichten. 

Beobachtung 5. Herr W., 33 Jahre alt, kräftig, gesund, mit normalen 
Genitalien, hat nie Libido empfunden, vergebens durch obscöne Lektüre und 
Verkehr mit Meretrices seinen mangelnden Sexualtrieb zu wecken versucht. Er 
empfand bei solchen Versuchen nur Ekel bis zu Erbrechen, nervöse und phy- 
sische Erschöpfung, und selbst, als er die Situation forcirte, nur einmal eine 
flüchtige Erection. W. hat nie onanirt, seit dem 17. Jahr alle paar Monate 
eine Pollution gehabt. Wichtige Interessen forderten, dass er heirathe. Er 
hatte keinen Horror feminae, sehnte sich nach Heim und Weib, fühlte sich 
aber unfähig, den sexuellen Akt zu vollziehen und starb unbeweibt im ameri- 
kanischen Bürgerkrieg. 

Beobachtung 6. X., 27 Jahre, mit normalen Genitalien, hat nie 
Libido empfunden. Erection gelang nicht durch mechanische oder thermische 
Reize, aber statt Libido sexualis entstand dann regelmässig Drang zu Alkohol- 
excessen. Umgekehrt riefen solche auch spontane Erectionen hervor, wobei 


44 Anaesthesia sex aal is. 

er dann gelegentlich masturbirte. Er empfand Abneigung gegen Frauen und 
Ekel vor Coitus. 

Versuchte er gleichwohl solchen während einer Erection, so schwand 
diese sofort. Tod im Coma in einem Anfall von Hirnhyperämie. 

Beobachtung 7. Frau O., normal gebaut, gesund, regelmässig 
menstruirt, 35 Jahre, seit 15 Jahren verheirathet, hat niemals Libido gefühlt, 
niemals im sexuellen Verkehr mit dem Gemahl einen erotischen Reiz empfan- 
den. Sie hatte keine Aversion gegen den Coitus, schien ihn zuweilen sogar 
angenehm zu empfinden, hatte aber nie einen Wunsch nach Wiederholung der 
Cohabitatioii. 

Im Anschluss an derartige reine Fälle von Anästhesie möge 
solcher gedacht werden, in welchen die psychische Seite der Vita 
sexualis zwar ebenfalls ein leeres Blatt in der Lebensgeschichte 
des Individuums darstellt, aber zeitweise elementare sexuelle Em- 
pfindungen sich wenigstens durch Masturbation (vgl. den Uebergangs- 
fall, Beob. 6) kundgeben. Nach der geistreichen, aber nicht streng 
richtigen und zu dogmatischen Eintheilung Magnan's wäre die 
sexuelle Existenz hier auf das spinale Gebiet beschränkt. Mög- 
licherweise besteht in einzelnen solchen Fällen immerhin virtuell 
eine psychische Seite der Vita sexualis, aber sie ist höchst schwach 
veranlagt und geht durch Masturbation, bevor sie Ansätze zu einer 
Entwicklung nehmen konnte, unter. 

Damit würden sich Uebergangsfälle von der angeborenen zur 
erworbenen (psychischen) Anaesthesia sexualis ergeben. Diese Ge- 
fahr droht nicht wenigen belasteten Masturbanten. Psychologisch 
interessant ist, dass auch dann ein ethischer Defekt sich zeigt, wenn 
die sexuelle Wurzel früh verdorrt. 

Als beachtenswerthe Fälle mögen die beiden folgenden, von 
mir im Archiv für Psychiatrie VII. früher veröffentlichten hier Er- 
wähnung finden. 

Beobachtung 8. F. J., 19 Jahr, Stud.. stammt von einer nervösen Mutter, 
deren Schwester epileptisch war Mit 4 Jahren acute 14tägige Hirnaffection. Als 
Kind gemüthlos, kalt gegen die Eltern, als Schüler sonderbar, verschlossen, sich 
absondernd, grübelnd und lesend. Gute Begabung. Vom 15. Jahre an Onanie. 
Seit der Pubertät excentrisches Wesen, beständiges Schwanken zwischen reli- 
giöser Schwärmerei und Materialismus, Studium der Theologie und Natur- 
wissenschaften. Auf der Universität hielten ihn die Commilitonen für einen 
Narren. Las ausschliesslich Jean Paul, verbummelte seine Zeit. Gänzlicher 
Mangel geschlechtlicher Empfindungen gegenüber dem anderen Geschlecht. 
Liess sich einmal zum Beischlaf herbei, empfand aber kein geschlechtliches 
Gefühl dabei, fand den Coitus eine Albernheit und Hess die Wiederholung 
bleiben. Ohne alle emotionelle Grundlage stieg ihm oft der Gedanke an 


Anaesthesin sexualis. 45 

Selbstmord auf; er machte ihn zum Gegenstand einer philosophischen Abhand- 
lung, in der er ihn gleich der Masturbation für eine recht zweckmässige Hand- 
lung erkannte. Nach wiederholten Vorstudien, die er an sich mit verschiedenen 
Giften anstellte, probirte er es mit 57 Gran Opium, wurde aber gerettet und 
ins Irrenhaus gebracht. 

Pat. ist aller sittlichen und socialen Gefühle baar. Seine Schriften ver- 
rathen eine unglaubliche Frivolität und Banalität. Er besitzt ausgebreitete 
Kenntnisse, aber seine Logik ist eine eigentümlich verschrobene. Von affec- 
tiven Erscheinungen keine Spur. Mit einer Blasirtheit und Ironie ohne Gleichen 
behandelt er Alles, selbst das Erhabenste. Mit philosophischen Scheingründen 
und Trugschlüssen plaidirt er für die Berechtigung des Selbstmords, den zu 
vollbringen er jeweils vorhat, wie ein Anderer das gleichgültigste Geschäft. 
Er bedauert, dass man ihm sein Federmesser genommen hat. Er hätte sich 
sonst wie Seneca im Bade die Adern öffnen können. Ein Freund hatte ihm 
kürzlich statt eines Giftes, wie er wünschte, ein Abführmittel gegeben. Es 
sei für ihn statt eines Abführmittels in die andere Welt eines in den Abort 
gewesen. Seine „alte lebensgefährliche närrische Idee" könne nur der grosse 
Operateur mit der Sense herausschneiden etc. 

Pat. hat einen grossen, rhombisch verschobenen Schädel, die linke Stirn- 
hälfte ist flacher als die rechte. Hinterhaupt sehr steil. Ohren weit hinten, 
stark abstehend, die äussere Ohröffnung bildet eine schmale Spalte. Genitalien 
sehr schlaff, Hoden ungewöhnlich weich und klein. 

Ab und zu klagt Pat. über „ Grübelsucht *. Er muss zwangsweise den 
unnützesten Problemen nachgehen, unterliege einem stundenlangen höchst pein- 
lichen und ermattenden Denkzwang und sei dann so abgehetzt, dass er zu 
keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig sei. 

Pat. wurde nach Jahresfrist ungebessert nach Hause entlassen, vertrieb 
sich dort nach wie vor die Zeit mit Lesen, Bummelei, trug sich mit dem Ge- 
danken, ein neues Christenthum zu schaffen, weil Christus an Grössenwahnsinn 
gelitten und die Welt mit Wundern getäuscht habe. (!) Nach einjährigem 
Aufenthalt zu Hause führte ihn ein plötzlich aufgetretener psychischer Auf- 
regungszustand wieder der Anstalt zu. Er bot ein buntes Gemisch von Pri- 
mordialdelirium der Verfolgung (Teufel, Antichrist, wähnt sich verfolgt, Ver- 
giftungswahn, verfolgende Stimmen) und der Grösse (Christuswahn, Welt- 
erlösung), dabei ganz impulsives verwirrtes Handeln. Nach 5 Monaten ging 
diese intercurrente Geisteskrankheit zurück und Pat. befand sich wieder auf dem 
Boden seiner originären in te De et u eilen Verschrobenheit und moralischen Defecte. 

Beobachtung 9. E., 30 Jahre, vacirender Malergeselle, wurde be- 
treten, als er einem Knaben, den er in den Wald gelockt hatte, das Scrotum 
abschneiden wollte. Er motivirte dieses Vorhaben damit, dass er hineinschneiden 
wollte, auf dass die Erde sich nicht vermehre; er habe in seiner Jugend oft 
zu gleichem Zweck in seine Geschlechtstheile hineingeschnitten. 

E.'s Stammbaum ist nicht zu eruiren. Von Kindheit an war E. geistig 
abnorm, hinbrütend, nie lustig, sehr reizbar, jähzornig, grübelnd, schwachsinnig. 
Er hasste die Weiber, liebte die Einsamkeit, las viel. Er lachte zuweilen vor 
sich hin, machte dummes Zeug. In den letzten Jahren hatte sich sein Hass 
gegen Frauenzimmer gesteigert, namentlich gegen Schwangere, durch die nur 


46 Anaesthesia sexualis. 

Elend in die Welt komme. Er hasste auch die Kinder, verfluchte seinen Er- 
zeuger, hegte communistische Ideen, schimpfte über die Reichen und die Geist- 
lichen, über den Herrgott, der ihn so arm auf die Welt habe kommen lassen. 
Er erklärte, es sei besser, die noch vorhandenen Kinder zu castriren, als neue 
auf die Welt zu setzen, die doch nur zur Armuth und zu Elend verurtheilt 
wären. Er habe es immer so gehalten, schon im 15. Jahr sich selbst zu 
castriren versucht, um nicht zum Unglück und zur Vermehrung der Menschen 
beizutragen. Das weibliche Geschlecht verachte er, weil es zur Vermehrung 
der Menschen beitrage. Nur zweimal habe er in seinem Leben sich von 
Weibern manustupriren lassen, sonst nie mit ihnen zu thun gehabt. Geschlecht- 
liche Regungen habe er wohl dann und wann, aber nie zu naturgemässer Be- 
friedigung derselben. Wenn die Natur nicht selbst helfe, so helfe er gelegentlich 
durch Onanie nach. 

E. ist ein starker, musculöser Mann. Die Bildung der Genitalien lässt 
nichts Abnormes erkennen. An Scrotum und Penis finden sich zahlreiche 
Schnittnarben als Spuren früherer Selbstentmannungsversuche, an deren Aus- 
führung er durch den Schmerz gehindert gewesen sein will. Am rechten 
Kniegelenk Zustand des Genu valgum. Von Onanie wurde nichts an ihm be- 
merkt. Er ist von finsterem, trotzigem, reizbarem Wesen. Sociale Gefühle 
sind ihm vollständig fremd. Ausser sehr mangelhaftem Schlaf und häufigem 
Kopfschmerz bestehen keine Funktionsstörungen. 

Von derartigen cerebral bedingten Fällen müssen diejenigen 
getrennt werden, wo ein Mangel oder eine Verkümmerung der 
Generationsorgane den Funktionsausfall bedingt, so bei gewissen 
Hermaphroditen, Idioten, Cretinen. Ein hierher gehöriger Fall findet 
sich in Maschka's Handbuch. 

Beobachtung 10. Klägerin klagt auf Ehescheidung wegen Impotenz 
ihres Mannes, der ihr noch nie ehelich beigewohnt habe. Sie ist 31 Jahre alt. 
Virgo. Der Mann ist etwas geistesschwach, körperlich kräftig, die äusseren 
Genitalien wohlgebildet. Er gibt an, noch nie eine vollkommene Erection. 
noch nie Ausfluss des Samens gehabt zu haben, und behauptet, dass ihm der 
Umgang mit Weibern völlig gleichgültig sei. 

Dass Anaethesia sexualis nicht durch blosse Aspermie bedingt 
ist, lehren Ultzmann's 1 ) Erfahrungen, wonach selbst bei Ange- 
borenheit dieser Aspermie die Vita sexualis und die Potenz ganz 
befriedigend sein kann, ein weiterer Beleg dafür, dass mangelnde 
Libido ab origine in cerebralen Bedingungen zu suchen ist. 

Eine mildere Form der Anästhesie stellen die „naturae fri- 
gidae" des Zacchias dar. 

Man trifft sie häufiger beim weiblichen als beim männlichen 


l ) Ueber männliche Sterilität. Wiener med. Presse 1878, Nr. 1. Ueber 
Potentia generandi et coeundi. Wiener. Klinik 1885, Heft 1, S. 5. 


Erworbene Anaesthesia sezualis. 47 

Geschlecht. Geringe Neigung zum sexuellen Umgang bis zur aus- 
gesprochenen Abneigung , natürlich ohne sexuelles Aequivalent, 
Mangel jeglicher psychischen, wollüstigen Erregung beim Coitus, 
der einfach pflichtgemäss gewährt wird, ist die Signatur dieser 
Anomalie, über die ich häufig Klagen von Ehemännern zu hören 
bekam. In solchen Fällen handelte es sich immer um neuropathische 
Frauen ab origine. Einzelne waren zugleich hysterisch. 

2) Erworbene Anästhesie. 

Die erworbene Verminderung bis zum Erlöschen des Sexual- 
triebs kann auf sehr verschiedenen Ursachen beruhen. 

Diese können organische und funktionelle, psychische und 
somatische, centrale und periphere sein. 

Physiologisch ist die Abnahme der Libido mit fortschreitendem 
Alter und das temporäre Schwinden derselben nach dem Geschlechts- 
akt. Die Verschiedenheiten bezüglich der zeitlichen Dauer des 
Sexualtriebs sind individuell grosse. Erziehung und Lebensweise 
haben auf die Intensität der Vita sexualis grossen Einfluss. Geistig 
angestrengte Thätigkeit (ernstes Studium), körperliche Anstrengung, 
gemüthliche Verstimmung, sexuelle Enthaltsamkeit sind der Er- 
regung des Sexualtriebs entschieden abträglich. 

Die Abstinenz wirkt anfangs steigernd. Bald früher, bald 
später, je nach constitutionellen Verhältnissen, lässt die Thätigkeit 
der Generationsorgane nach und damit die Libido. 

Jedenfalls besteht bei dem geschlechtsreifen Individuum zwischen 
der Thätigkeit seiner Generationsdrüsen und dem Grad seiner Libido 
ein enger Zusammenhang. Dass jene aber nicht entscheidend ist, 
lehrt die Erfahrung bezüglich sinnlicher Frauen, die noch post cli- 
macterium den sexuellen Umgang fortsetzen und (cerebral bedingte) 
sexuelle Erregungszustände bieten können. 

Auch an den Eunuchen lässt sich erkennen, dass die Libido 
die Spermabereitung lange überdauern kann. 

Andererseits lehrt aber die Erfahrung, dass die Libido doch 
wesentlich mitbedingt wird von der Funktion der Generationsdrüsen 
und dass die erwähnten Thatsachen Ausnahmeerscheinungen sind. 
Als periphere Ursachen für verminderte bis fehlende Libido sind 
anzuführen: Castration, Entartung der Geschlechtsdrüsen, Marasmus, 
sexuelle Excesse in Form von Coitus und Masturbation, Alkoho- 
lismus. In gleicher Weise dürfte das Schwinden der Libido bei 


48 Hyperaesthesia sexualie. 

allgemeinen Ernährungsstörungen (Diabetes, Morphinismus u. s. w.) 
zu deuten sein. 

Endlich wäre der Hodenatrophie zu gedenken, die zuweilen 
in Folge von Herderkrankungen des Gehirns (Kleinhirn) beobachtet 
wurde. 

Eine Herabsetzung der Vita sexualis durch Degeneration der 
Leitungsbahnen und des Centr. genitospinale findet sich bei Rücken- 
marks- und Hirnkrankheiten. Eine centrale Schädigung des Ge- 
schlechtstriebs kann organisch durch Hirnrindenerkrankung (Dem. 
paralytica in vorgerücktem Stadium), funktionell durch Hysterie 
(centrale Anästhesie ?), durch Gemüthskrankheit (Melancholie, Hypo- 
chondrie) hervorgerufen sein. 


C. Hyperästhesie (krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb). 

Nicht geringe Schwierigkeit hat die Pathologie, selbst im 
Einzelfall, wenn sie angeben soll, ob der Drang nach sexueller 
Befriedigung pathologische Höhe erreicht hat. Emminghaus, 
Psychopathologie, p. 225, bezeichnet als entschieden krankhaft das 
unmittelbare Wiedererwachen der Begierde nach der Befriedigung, 
mit Inbeschlagnahme der ganzen Aufmerksamkeit, nicht minder das 
Erwachen der Libido bei an und für sich geschlechtlich indifferentem 
Anblick von Personen oder Sachen. Im Allgemeinen stehen sexueller 
Trieb und entsprechendes Bedürfniss in Proportion zur körperlichen 
Kraft und zum Alter. 

Von der Pubertät an erhebt sich der Sexualtrieb rapid zu 
bedeutender Höhe, ist von den 20er bis zu den 40er Jahren am 
mächtigsten, um von da an langsam abzunehmen. Das eheliche 
Leben scheint den Trieb zu conserviren und zu zügeln. 

Sexueller Verkehr bei wechselndem Objekt der Befriedigung 
steigert den Trieb. 

Da das Weib weniger geschlechtsbedürftig ist als der Mann, 
muss ein Vorherrschen geschlechtlichen Bedürfnisses bei jenem die 
Vermuthung pathologischer Bedeutung erwecken, um so mehr, wenn 
dieses Bedürfniss in Putzsucht, Coquetterie oder gar Männersucht 
zu Tage tritt und so über die von Zucht und Sitte gezogenen 
Schranken hinaus sich bemerklich macht. 

Von grösster Bedeutung ist bei beiden Geschlechtern die Con- 
stitution. Mit einer neuropathischen Constitution ist häufig ein 


Hyperaesthesia sexualiß. 49 

krankhaft gesteigertes geschlechtliches Bediirfniss verbunden, und 
derlei Individuen tragen einen grossen Theil ihres Lebens schwer 
unter der Last dieser constitutionellen Anomalie ihres Trieblebens. 
Die Gewalt des Sexualtriebs kann bei ihnen zeitweise geradezu die 
Bedeutung einer organischen Nöthigung gewinnen und die Willens- 
freiheit ernstlich gefährden. Die Nichtbefriedigung des Drangs 
kann hier eine wahre Brunst oder eine mit Angstempfindungen 
einhergehende psychische Situation herbeiführen, in welcher das 
Individuum dem Trieb erliegt und seine Zurechnungsfähigkeit 
zweifelhaft wird. 

Unterliegt das Individuum nicht seinem mächtigen Drang, so 
steht es in Gefahr, durch die erzwungene Abstinenz sein Nerven- 
system im Sinne einer Neurasthenie zu ruiniren oder eine bereits 
vorhandene bedenklich zu steigern. 

Auch bei normal organisirten Individuen ist der Sexualtrieb 
keine constante Grösse. Abgesehen von der der Befriedigung 
folgenden temporären Gleichgültigkeit, dem Nachlass des Triebs 
bei dauernder Abstinenz, nachdem ein gewisses Reactionsstadium 
des sexuellen Verlangens glücklich überwunden ist, hat die Art der 
Lebensweise grossen Einfluss. 

Der Grossstädter, welcher beständig an sexuelle Dinge erinnert 
und zu sexuellem Genuss angeregt wird, ist jedenfalls geschlechts- 
bedürftiger als der Landbewohner. Excedirende, weichliche, sitzende 
Lebensweise, vorwiegend animalische Nahrung, der Genuss von Spiri- 
tuosen, Gewürzen u. dergl. wirken stimulirend auf das Sexualleben. 

Beim Weibe ist dieses postmenstrual gesteigert. Bei neuro- 
pathischen Frauen kann die Erregung zu dieser Zeit pathologische 
Höhe erreichen. 

Bemerkenswerth ist die grosse Libido der Phthisiker. Hof- 
mann a. a. 0. berichtet von einem phthisischen Bauern, der noch 
am Abend vor seinem Tod sein Weib sexuell befriedigte. 

Die sexuellen Akte sind Coitus (eventuell Nothzucht), faute 
de mieux: Masturbation, bei defektem moralischem Sinn Päderastie, 
Bestialität. Ist bei übermässigem Sexualtrieb die Potenz herab- 
gesetzt oder gar erloschen, so sind alle möglichen Perversitäten 
geschlechtlichen Handels möglich. 

Die excessive Libido kann peripher und central hervorgerufen 
sein. Die erstere Entstehungs weise ist die seltenere. Pruritus der 
Genitalien, Ekzem können sie bedingen, desgleichen gewisse, die 
Geschlechtslust mächtig stimulirende Stoffe, wie z. B. Canthariden. 

y. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 4 


50 Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 

Bei Frauen kommt nicht selten im Klimakterium eine durch 
Pruritus vermittelte sexuelle Erregung vor, aber auch sonst bei 
neuropathischer Belastung. Magnan (Annales mädico-psychol. 1885. 
p. 157) berichtet von einer Dame, die anfallsweise Morgens von 
einem schrecklichen Erethismus genitalis befallen wurde, desgleichen 
von einem 55jährigen Manne, der Nachts von unerträglichem Pria- 
pismus- gefoltert war. In beiden Fällen bestand eine Neurose. 

Centrale Auslösung von geschlechtlicher Erregung ist ein bei 
Belasteten, Hysterischen und in psychischen Exaltationszuständen 
häufiges Vorkommen *). Hier, wo die Hirnrinde und damit das psycho- 
sexuale Centrum in einem Zustand von Hyperästhesie sich befindet 
(abnorme Erregbarkeit der Phantasie, erleichterte Associationen), 
können nicht bloss optische und Tastempfindungen, sondern auch 
solche des Gehörs und Geruchs genügen, um lascive Vorstellungen 
hervorzurufen. 

Magnan (op. cit.j berichtet von einem Fräulein, das mit der Pubertät 
wachsenden sexuellen Drang hatte und ihn durch Masturbation befriedigte. 
Allmählig bekam die Dame beim Anblick eines beliebigen Mannes heftige sexuelle 
Erregung, und da sie für sich nicht gut stehen konnte, schloss sie sich jeweils 
in ein Zimmer ein, bis der Sturm sich gelegt hatte. Schliesslich gab sie sich 
beliebigen Männern hin, um vor ihrem quälenden Trieb Ruhe zu bekommen, 
aber weder Coitus noch Onanie brachten Erleichterung, so dasB sie in ein Irren- 
haus ging.l 

Ein Pendant ist eine Mutter von fünf Kindern, die, sehr unglücklich 
über ihren sexuellen Drang, Suicidversuche machte, dann eine Irrenanstalt 
aufsuchte. Dort besserte sich ihr Zustand, aber sie getraute sich nicht mehr 
das Asyl zu verlassen. 

Mehrere prägnante, Männer und Frauen betreuende Fälle siehe in des 


*) Bei Individuen, in welchen hochgradige sexuelle Hyperästhesie mit 
erworbener reizbarer Schwäche des sexuellen Apparates einhergeht, kann es 
sogar dazu kommen, dass auf den blossen Anblick gefälliger weiblicher Ge- 
stalten hin, vom psychosexualen Centrum aus, ohne jede periphere Reizung 
der Genitalien, nicht allein der Erections-, sondern auch der Ejaculations- 
mechanismus in Thätigkeit gesetzt wird. Solche Individuen haben nur nöthig 
mit einem weiblichen Vis-a-vis im Eisenbahn-Coup^ , Salon u. s. w. sich in 
ideelle sexuelle Relation zu setzen, um zum Orgasmus und zur [Ejaculation zu 
gelangen. 

Hammond, op. cit. p. 40, beschreibt eine Reihe derartiger Fälle, 
welche wegen consecutiver Impotenz in seine Behandlung kamen, und erwähnt, 
dass die betreffenden Individuen für diesen Vorgang den Ausdruck „ideeller 
Coitus" gebrauchen. Herr Dr. Moll in Berlin theilte mir einen ganz gleichen 
Fall mit; auch dort wurde für den Vorgang die gleiche Bezeichnung ge- 
wählt. 


Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 51 

Verfassers Arbeit „Ueber gewisse Anomalien des Geschlechtstriebs", Beob. 6, 7 
(Archiv für Psychiatrie VII, 2), von denen 3 u. 5 hier Aufnahme finden mögen. 

Beobachtung 11. Am 7. Juli 1874 Nachmittags verliess der von Triest 
in Geschäftsangelegenheiten nach Wien reisende Ingenieur Clemens in Brück 
den Bahnzug, ging durch die Stadt nach dem nahen Dorf St. Ruprecht und 
machte dort an einem 70 Jahre alten, allein in einem Hause befindlichen Weib 
einen Nothzuchtsversuch. Er wurde von den Ortsbewohnern festgenommen und 
von der Ortspolizei arretirt. Er gab im Verhör an, die Wasenmeisterei auf- 
Huchen gewollt zu haben, um dort seinen aufgeregten Geschlechtstrieb an 
einer Hündin zu befriedigen. Er leide oft an solchen Geschlechtsaufregungen. 
Kr leugnet nicht seine Handlung, entschuldigt sie mit Krankheit. Die Hitze* 
das Rütteln des Waggon, Sorge um seine Familie, zu der er sich begeben 
wollte, hätten ihn verwirrt und krank gemacht. Scham und Reue waren nicht 
an ihm zu bemerken. Sein Benehmen war offen, seine Miene heiter, die Augen 
geröthet, glänzend, der Kopf heiss, die Zunge belegt, Puls voll, weich, über 
100 Schläge, die Finger etwas zitternd. 

Die Angaben des Delinquenten sind präcise, aber hastig, der Blick un- 
sicher, mit dem unverkennbaren Ausdruck der Lüsternheit. Dem herbeigerufenen 
Gerichtsarzt macht er einen pathologischen Eindruck, wie wenn er sich im 
Beginn eines Säuferwahnsinns befände. 

Cl. ist 45 Jahre alt, verheirathet, Vater eines Kindes. Die Gesundheits- 
verhältnisse seiner Eltern und sonstigen Familie sind ihm unbekannt. 

In der Kindheit war er schwächlich, neuropathisch. Mit 5 Jahren erlitt 
er eine Kopfverletzung durch einen Hieb mit einer Haue. Davon datirt eine auf 
dem rechten Scheitel- und Stirnbein sich befindende V 2 " breite, über 1 " lange 
Narbe. Der Knochen ist hier etwas eingedrückt. Die überliegende Haut mit 
dem Knochen verwachsen. 

An dieser Stelle erzeugt Druck Schmerz, der in den unteren Ast des 
Trigeminns irradiirt. Auch spontan ist diese Stelle häufig schmerzhaft. In 
der Jugend öfter Anfälle von „Ohnmacht". Vor der Pubertätszeit Pneumonie. 
Rheumatismus und Darmkatarrh. 

Schon mit 7 Jahren empfand er eine auffällige Hinneigung zu Männern, 
resp. zu einem Oberst. Er empfand einen Stich durchs Herz, wenn er diesen 
Mann sah; küsste den Boden, den dieser betreten hatte. Mit 10 Jahren verliebte 
er sich in einen Reichstagsabgeordneten. Auch später schwärmte er für 
Männer, jedoch in durchaus platonischer Weise. Vom 14. Jahre an onanirte er. 
Mit 17 Jahren erster Umgang mit Frauen. Damit verloren sich sofort die 
früheren Erscheinungen conträrer Sexualempfindung. Damals auch ein acuter 
eigenthümlicher psychopathischer Zustand, den Cl. als eine Art Clairvoyance 
schildert. Vom 15. Jahre an Hämorrhoidalleiden mit Erscheinungen von 
Plethora abdominalis. Wenn er, wie dies alle 3 — 4 Wochen stattfand, pro- 
fusen HämorrhoidalblutflusB hatte, befand er sich besser. Sonst war er be- 
ntändig in einer peinlichen geschlechtlichen Erregung, der er theils durch 
Onanie, theils durch Coitus Abhilfe schuf. Jedes Weib, dem er begegnete, reizte 
ihn. Selbst wenn er unter weiblichen Verwandten sich befand, trieb es ihn, 
ihnen unzüchtige Anträge zu machen. Zuweilen gelang es ihm, seiner Triebe 
Herr zu werden, zu Zeiten wurde er zu unzüchtigen Handlungen hingerissen. 


52 Hyperaesthesia sexualis. 

Wenn man ihn dann zur Thüre hinauswarf, war es ihm ganz recht, denn er 
bedurfte, wie er meint, einer solchen Correctur und Unterstützung gegenüber 
seinem übermächtigen Trieb, der ihm selbst lästig war. Eine Periodicität war 
in diesen geschlechtlichen Regungen nicht zu erkennen. 

Bis zum Jahre 1861 excedirte er in Venere und zog sich mehrere Tripper 
und Chancres zu. 

1861 Heirath. Er fühlte sich geschlechtlich befriedigt, fiel aber seiner 
Frau lästig durch seine grossen Bedürfnisse. 

1864 machte er einen Anfall von Manie im Spital zu Fiume durch, er- 
krankte nochmals im gleichen Jahr und wurde nach der Irrenanstalt Ybbs 
gebracht, wo er bis 1867 blieb. 

Er litt dort an recidivirender Manie mit grosser geschlechtlicher Er- 
regung. Einen Darmkatarrh und Aerger bezeichnet er als Ursache seiner da- 
maligen Erkrankung. 

In der Folge war er wohl, aber er litt sehr unter der Uebermacht seiner 
geschlechtlichen Bedürfnisse. Wenn er nur kurze Zeit von seiner Frau ent- 
fernt war, zeigte sich der Trieb so mächtig, dass ihm Mensch oder Thier 
ganz gleich zur Befriedigung seiner Geschlechtslust war. Namentlich zur 
Sommerszeit war es gar arg mit diesen Antrieben, die immer mit einem starken 
Blutandrang zum Unterleib einhergingen. Er meint auf Grund von medicin. 
Reminiscensen aus medic. Leetüre, bei ihm überwiege eben das Gangliensystem 
über das cerebrale. 

Im October 1873 musste er sich seines Berufs wegen von seiner Frau 
trennen. Bis Ostern, ausser zeitweiser Onanie, keine geschlechtlichen Hand- 
lungen. Von da an brauchte er Weiber und Hündinnen. Von Mitte Juni bis 
7. Juli hatte er keine Gelegenheit zu geschlechtlicher Befriedigung. Er fühlte 
sich nervös aufgeregt, abgespannt, wie wenn er irre würde. Schlief die letzten 
Nächte schlecht. Die Sehnsucht nach seiner Frau, die in Wien lebte, trieb 
ihn von seinem Dienst fort. Er nahm Urlaub. Die Hitze unterwegs, der 
Lärm der Eisenbahn machten ihn ganz confus, er konnte es vor geschlecht- 
licher Aufregung und Blutwallung im Unterleib nicht mehr aushalten, Alles 
tanzte ihm vor den Augen. Da verliess er in Brück das Coupe\ er sei ganz 
verwirrt gewesen, habe nicht gewusst, wohin er gehe, es sei ihm momentan 
der Gedanke gekommen, sich ins Wasser zu stürzen, es sei ihm wie ein Nebel 
vor den Augen gewesen. Mulierem tunc adspexit, penem nudavit feminamque 
amplecti conatus est. Diese schrie jedoch um Hilfe und so wurde er ar- 
retirt. 

Nach dem Attentat wurde es ihm plötzlich klar, was er gethan. Er 
bekannte offen seine That, der er sich in allen Details erinnert, die ihm aber 
als etwas Krankhaftes erscheint. Er habe nichts dafür gekonnt. 

Cl. litt noch einige Tage an Kopfweh, Congestionen, war ab und zu 
aufgeregt, unruhig, schlief schlecht. Seine geistigen Funktionen sind ungestört, 
jedoch ist er ein originär eigentümlicher Mensch, von schlaffem, energielosem 
Wesen. Der Gesichtsausdruck hat etwas faunartig Lüsternes und Verschrobenes. 
Er leidet an Hämorrhoiden. Die Genitalien bieten nichts Abnormes. Der 
Schädel ist im Stirntheil schmal und etwas fliehend. Körper gross, gut genährt. 
Ausser einer Diarrhöe ist an ihm keine Störung der vegetativen Funktionen 
bemerkbar. 


Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 53 

Beobachtung 12. Frau E., 47 Jahre. Onkel väterlicherseits war irr- 
sinnig, Vater ein exaltirter und in Venere excessiver Mann. Bruder der Pat. 
an einer acuten Hirnaffektion gestorben. Pat., von Kindheit auf nervös, ex- 
centrisch, romantisch, zeigte, kaum den Kinderschuhen entronnen, einen ex- 
cesaiven Geschlechtstrieb und ergab sich schon mit dem 10. Jahre dem Ge- 
schlechtsgenuss. Mit 19 Jahren Heirath. Leidliche Ehe ; der sonst leistungsfähige 
Gemahl genügte ihr nicht, sie hatte bis auf die letzten Jahre beständig ausser 
dem Manne noch mehrere Freunde. Sie war sich der Verwerflichkeit dieser 
Lebensweise wohl bewusst, fühlte aber die Ohnmacht ihres Willens gegenüber 
dem unersättlichen Trieb, den sie äusserlich wenigstens geheim zu halten 
sachte. Sie meinte später, sie habe eben an „ Männermanie tf gelitten. 

Pat. hat 6mal geboren. Vor 6 Jahren Sturz aus dem Wagen mit 
bedeutender Hirnerschütterung. In der Folge Melancholie mit Persecutions- 
delirium, welche Krankheit sie der Irrenanstalt zuführte. Pat. nähert sich dem 
Klimakterium, Menses in letzter Zeit profus und zu häufig. Seitdem ihr selbst 
angenehmes Zurücktreten des früher übermächtigen Triebes. Decentes Ver- 
halten. Geringer Grad von Descensus uteri und Prolapsus ani. 

Die Hyperaesthesia sexualis kann continuirlich mit Exacer- 
bationen vorhanden sein oder intermittirend, selbst periodisch. Im 
letzteren Fall ist sie eine cerebrale Neurose für sich (siehe specielle 
Pathologie) oder Theilerscheinung eines allgemeinen psychischen 
Erregungszustandes (Manie , episodisch bei Dementia paralytica, 
senilis u. s. w.). 

Einen bemerkenswerthen Fall von intermittirender Satyriasis 
hat Lentz (Bulletin de la socie*te de me*d. legale de Belgique Nr. 21) 
veröffentlicht. 

Beobachtung 13. Seit 3 Jahren hatte der allgemein geachtete, ver- 
heirathete Landwirth D., 35 Jahre alt, immer häufigere und heftigere Zustände 
von geschlechtlicher Aufregung geboten, die seit einem Jahre sich zu wahren 
Paroxysmen von Satyriasis gesteigert hatten. Eine erbliche oder sonstige 
organische Ursache war nicht aufzufinden. 

D. musste in Zeiten grösserer geschlechtlicher Erregung den Beischlaf 
10 — 15mal in 24 Stunden ausführen, ohne davon Befriedigung zu fühlen. 

Allmäh Hg entwickelte sich bei ihm ein Zustand allgemeiner nervöser 
Ueberreiztheit (£r£thisme general) mit grosser Gemüthsreizbarkeit bis zu patho- 
logischen Zornaffekten und Drang zu Alkoholausschweifung, die Symptome von 
Alkoholismus herbeiführte. Seine Anfälle von Satyriasis erreichten solche 
Heftigkeit, dass das Bewusstsein sich verdunkelte und der Kranke in blindem 
Drang zu geschlechtlichen Akten sich hinreissen Hess. Qua de causa factum 
est ut uzorem suam alienis viris immovero animalibus ad coeundum tradi, 
cum ipso filiabus praesentibus concubitum exsequi jusseiit, propterea quod 
haec facta majorem ipsi voluptatem afferent. Die Erinnerung für die Ereig- 
nisse auf der Höhe dieser Anfalle, in welchen die extreme Gereiztheit selbst 
zu Wuthzornanfallen führte, fehlte gänzlich. D. meinte selbst, er habe 
Momente gehabt, in welchen er seiner Sinne nicht mehr mächtig war und, 


54 Hyperaesthesia sexualis. 

ohne Befriedigung durch die Frau, an dem nächst besten weiblichen Individuum 
sich hätte vergreifen müssen. Nach einer heftigen GemÜthsbewegung verloren 
sich mit einem Male diese geschlechtlichen Aufregungszustände. 

Wie mächtig, bedenklich und peinlich die sexuelle Hyperästhesie 
für mit dieser Anomalie Behaftete werden kann, lehren folgende 
zwei Beobachtungen. 

Beobachtung 14. Hyperaesth. sexualis. Delir. acutum ex abstinentia. 

Am 29. Mai 1882 wurde F., 23 Jahre, ledig, Schuhmacher, auf der Klinik 
aufgenommen. Er stammt von jähzornigem Vater, neuropathischer Mutter, 
deren Bruder irrsinnig war. 

Pat. war früher nie erheblich krank, kein Trinker, aber von jeher sexuell 
sehr bedürftig. Vor 5 Tagen war er acut psychisch erkrankt. Er machte am 
hellen Tage und vor Zeugen 2 Nothzuchtsversuche, delirirte verhaftet nur von 
obscönen Dingen, masturbirte masslos, gerieth vom 3. Tage ab in zornige Tob- 
sucht und bot bei der Aufnahme das Bild eines schweren Delirium acutum 
mit heftigen motorischen Reizerscheinungen und Fieber. Unter Ergotin- 
behandlung wurde Genesung erzielt. 

Am 5. Januar 1888 zweite Aufnahme in zorniger Tobsucht. Am 4. war 
er moros, reizbar, weinerlich, schlaflos geworden, dann hatte er nach frucht- 
losen Attaquen auf Frauenzimmer wachsende zornige Erregung geboten. 

Am 6. Steigerung des Zustande zu schwerem Delir. acutum (schwere 
Bewusstseinsstörung, Jactation, Zähneknirschen, Grimassiren u. a. motorische 
Reizerscheinungen, Temp. bis 40,7 ). Ganz triebartiges Masturbiren. Genesung 
unter energischer Ergotinbehandlung bis 11. Januar. 

Pat. gibt genesen interessante Aufschlüsse über die Ursache seiner Er- 
krankung. 

Von jeher sexuell sehr bedürftig. Erster Coitus mit 16 Jahren. Abstinenz 
machte Kopfweh, grosse psychische Reizbarkeit, Mattigkeit, Nachlass der 
Arbeitslust, Schlaflosigkeit. Da er auf dem Lande selten Gelegenheit zur 
Befriedigung seiner Bedürfnisse hatte, half er sich mit Masturbation. Er 
mu8ste 1 — 2mal täglich masturbiren. 

Seit 2 Monaten kein Coitus. Zunehmende sexuelle Erregung, konnte 
nur an Mittel zur Befriedigung seines Triebes denken. Masturbation genügte 
nicht zur Bannung der immer mehr sich geltend machenden Beschwerden ex 
abstinentia. In den letzten Tagen heftiger Drang nach Coitus, zunehmende 
Schlaflosigkeit und Reizbarkeit. Für die Höhe der Erkrankung nur summa- 
rische Erinnerung. Pat. genesen im December, höchst anständiger Mensch. 
Er fasst seinen unbändigen Trieb als entschieden pathologisch auf und fürchtet 
sich vor der Zukunft. 

Beobachtung 15. Am 11. Juli 1884 wurde R., 33 Jahre, Bediensteter, 
mit Paranoia persecutor. und Neurasthenia sexualis aufgenommen. Mutter war 
neuropathisch. Vater starb an Rückenmarkskrankheit. Von Eindesbeinen auf 
mächtiger, dabei schon im 6. Jahr bewusst gewordener Sexualtrieb. Seit dieser 
Zeit Masturbation, vom 15. Jahr an faute de mieux Päderastie, gelegentlich 
sodomi tische Anwandlungen. Später Abusus des Coitus, in der Ehe cum uxore. 


Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 55 

Ab und zu selbst perverse Impulse, Cunnilingus auszuführen, der Frau Can- 
thariden beizubringen, da ihre Libido der seinigen nicht entsprach. Nach 
kurzer Ehe starb die Frau. Pat. gerieth in schlechte Verhältnisse, hatte keine 
Mittel zu coitiren. Nun wieder Masturbation, Benutzung von Lingua canis 
zur Erzielung von Ejaculation. Zeitweise Priapismus und der Satyriasis nahe 
Zustande. Er war dann gezwungen, zu masturbiren, damit ihm nicht Stuprum 
passire. Mit überhandnehmender sexueller Neurasthenie und hypochondrischen 
Anwandlungen wohlthätig empfundene Abnahme der Libido nimia. 

Ein klassisches Beispiel von reiner Hyperaesthesia sexualis bietet 
folgender, für das Verständniss so mancher, theil weise selbst ge- 
schichtlich berühmter Messalinen werth volle Fall, den ich Trelat's 
Folie lucide entlehne. 

Beobachtung 16. Frau V. leidet seit frühester Jugend an Männersucht. 
Aus guter Familie, feingebildet, gutmüthig, sittsam bis zum Erröthen, war sie 
schon als junges Mädchen der Schreck ihrer Familie. Quandoquidem sola erat 
cum nomine sexus alterius, negligens, utrum infans sit an vir, an senex, utrum 
pulcher an teter, statim corpus nudavit et vehementer libidines suas satiari 
rogavit vel vim et manus ei iniecit. Man versuchte sie durch Heirath zu 
kuriren. Sie liebte rasend ihren Mann, aber neben ihm konnte sie nicht um- 
hin, von jedem Anderen, dessen sie allein habhaft werden konnte, mochte er 
Dienstbote, Taglöhner, Schüler u. s. w. sein, den Coitus zu begehren. 

Nichts konnte sie von dem Drange kuriren. Selbst als sie Grossmutter 
war, blieb sie Messaline. Puerum quondam duodecim annos natum in cubi- 
culum allectum stuprare voluit. Der Junge wehrte sich, entwich. Sie bekam 
eine derbe Züchtigung durcn dessen Bruder. Alles vergebens. Man that sie 
in ein Kloster. Sie war dort ein Muster von guter Sitte und Hess sich nicht 
das Mindeste zu Schulden kommen. Sofort nach der Zurücknahme * begannen 
wieder die Skandale. Die Familie verbannte sie, warf ihr eine kleine Rente 
aus. Sie verdiente durch ihrer Hände Arbeit das Nöthige, um sich Liebhaber 
erkaufen zu können. Wer diese sauber gekleidete Matrone von guten Manieren 
und liebenswürdigem Wesen sah, konnte nicht ahnen, wie rücksichtslos ge- 
schlechtsbedürftig sie mit 65 Jahren noch war Am 17. Januar 1854 bracht« 
sie ihre Familie, verzweifelt durch neue Skandale, in die Irrenanstalt. 

Sie lebte dort bis zum Mai 1858, wo sie einer Apoplexia cerebri im 
73. Lebensjahr erlag. Ihr Benehmen in der Ueberwachung der Anstalt war 
musterhaft. Sich selbst Überlassen und unter günstiger Gelegenheit traten bis 
kurz vor dem Tod die sexuellen Dränge zu Tage. Ausgenommen diese, ergab 
die vierjährige Beobachtung durch Irrenärzte niemals ein Zeichen von geistiger 
Abnormität. 


56 Paraesthesia sexualis. 


D. Parästhesie "der Geschlechtsempflndung (Perversion des 

Geschlechtstriebs). 

Hier findet eine perverse Betonung sexueller Vorstellungskreise 
mit Gefühlen statt, insofern Vorstellungen, die physio-psychologisch 
sonst mit Unlustgefühlen betont sind, mit Lustgefühlen einher- 
gehen, und zwar können diese abnorm stark damit sich associiren, 
bis zur Höhe von Affekten. Das praktische Resultat sind perverse 
Handlungen (Perversion des Geschlechtstriebs). Dies ist um so 
leichter der Fall, wenn bis zur Höhe von Affekt gesteigerte Lust- 
gefühle die etwa noch möglichen gegensätzlichen Vorstellungen mit 
entsprechenden Unlustgefühlen hemmen, oder aber solche durch 
Fehlen oder Verlust von moralischen, ästhetischen, rechtlichen Vor- 
stellungen überhaupt nicht hervorgerufen werden können. Dieser 
FalJ. ist aber nur zu häufig da vorhanden, wo die Quelle ethischer 
Vorstellungen und Gefühle (eine normale Geschlechtsempfindung) 
von jeher eine. trübe oder verpestete war. 

Als pervers muss — bei gebotener Gelegenheit zu natur- 
gemässer geschlechtlicher Befriedigung — jede Aeusserung des 
Geschlechtstriebs erklärt werden, die nicht den Zwecken der Natur, 
i. e. der Fortpflanzung entspricht. Die aus Parästhesie entsprin- 
genden perversen geschlechtlichen Akte sind klinisch, social und 
forensisch äusserst wichtig; deshalb muss auf sie hier näher einge- 
gangen und jeder ästhetische und sittliche Ekel überwunden werden. 

Perversion des Geschlechtstriebs ist, wie sich unten ergeben 
wird, nicht zu verwechseln mit Perversität geschlechtlichen Han- 
delns, denn dieses kann auch durch nicht psychopathologische Be- 
dingungen hervorgerufen sein. Die concrete perverse Handlung, so 
monströs sie auch sein mag, ist nicht entscheidend. Um zwischen 
Krankheit (Perversion) und Laster (Perversität) unterscheiden zu 
können, muss auf die Gesammtpersönlichkeit des Handelnden und 
auf die Triebfeder seines perversen Handelns zurückgegangen 
werden. Darin liegt der Schlüssel der Diagnostik (s. u.). 

Parästhesie kann mit Hyperästhesie combinirt vorkommen. 
Diese Combination erscheint klinisch als eine häufige. Bestimmt 
sind dann sexuelle Akte zu gewärtigen. Die perverse Richtung 
der Geschlechtsbethätigung kann auf sexuelle Befriedigung am an- 
deren Geschlecht und auf solche am eigenen abzielen. 


Perversion des Geschlechtstriebs. 57 

Damit ergeben sich zwei für die Eintheilung des zu behan- 
delnden Stoffes benutzbare grosse Gruppen von Perversion des 
Sexuallebens. 


I. Geschlechtliche Neigung zu Personen des anderen Geschlechts 

in perverser Bethätigung des Triebs. 

1) Verbindung von aktiver Grausamkeit und Gewaltthätigkeit mit 

Wollust — Sadismus 1 ). 

Dass Wollust und Grausamkeit häufig mit einander verbun- 
den auftreten, ist eine längst bekannte und nicht selten zu be- 
obachtende Thatsache. Schriftsteller aller Richtungen haben auf 
diese Erscheinung hingewiesen 2 ). Noch innerhalb der Breite des 
Physiologischen stehen die nicht seltenen Fälle, wo sexuell sehr 
erregbare Individuen während des Coitus den Consors beissen oder 
kratzen 3 ). 

Schon ältere Autoren haben auf den Zusammenhang zwischen 
Wollust und Grausamkeit aufmerksam gemacht. 

Blumröder (Ueber Irresein, Leipzig 1836, p. 51) sah einen Menschen, 
der mehrere in den Brustmuskel gebissene Wunden hatte, die ihm ein geschlecht- 
lich hoch erregtes Weib im höchsten Moment der Wollust zugefügt hatte. 

In einer Abhandlung „Ueber Lust und Schmerz* (Friedreich's Ma- 
gazin für Seelenkunde 1830, II, 5) macht er speciell aufmerksam auf den 
psychologischen Zusammenhang zwischen Wollust und Mordlust. Er verweist 
in dieser Hinsicht auf die indische Mythe von Siwa und Durga (Tod und Wol- 
lust), auf die Menschenopfer mit wollüstigen Mysterien, auf die sexuellen Triebe 
in der Pubertät mit wollüstig gefühltem Drang zum Selbstmord, mit Peitschen, 
Zwicken, Blutigstechen der Genitalien im dunklen Drang nach Befriedigung 
der Geschlechtslust. 

Auch Lombroso (Verzeni e Agnoletti, Roma 1874) bringt zahlreiche 
Beispiele für das Auftreten von Mordlust bei hochgesteigerter Wollust. 


') So genannt nach dem berüchtigten Marquis de Sade. dessen obscöne 

Romane von Wollust und Grausamkeit triefen. In der französischen Literatur 

ist der Ausdruck .Sadismus* zur Bezeichnung dieser Perversion eingebürgert. 

*) U. A. Novalis in seinen „Fragmenten", Görres, „Christliche Mystik", 

Bd. DI, S. 460. 

') Vergl. auch die berühmten Verse Alfred de Musset's an die Anda- 
lusierin: 
Quelle est süperbe en son däsordre, — quand eile tombe, les seins nus — 
Qu'on la voit, b£ante, se tordre — dans un baiser de rage et mordre — 
En hurlant des mots inconnus! 


58 Paraesthesia sexualis. 

Umgekehrt tritt oft, wenn die Mordlust aufgestachelt ist, in 
ihrem Gefolge die Wollust auf. Lombroso führt op. cit. die von 
Mantegazza erwähnte Thatsache an, dass sich den Schrecken einer 
Plünderung seitens der Soldateska regelmässig viehische Wollust 
hinzugeselle *). 

Diese Beispiele stellen Uebergänge zu ausgesprochen patho- 
logischen Fällen dar. 

Belehrend sind die Beispiele entarteter Cäsaren (Nero, Tiberius), die sich 
daran ergötzten, Jünglinge und Jungfrauen vor ihren. Augen abschlachten zu 
lassen, nicht minder die Geschichte jenes Scheusals, des Marschalls Gilles de 
Rays (Jacob, Curiosites de l'histoire de France. Paris 1858), der 1440 wegen 
Schändung und Tödtung, die er während 8 Jahren an über 800 Kindern be- 
gangen hatte, hingerichtet wurde. Wie dieses Ungeheuer bekannte, war es 
durch die Leetüre des Suetonius und die Schilderungen der Orgien eines Tiber, 
Caracalla u. s. w. auf die Idee gekommen, Kinder in seine Schlösser zu locken, 
sie unter Martern zu schänden und dann zu tödten'. Der Unmensch versicherte, 
bei der Verübung dieser Thafcen eine unerklärliche Seligkeit genossen zu haben. 
Er hatte dabei zwei Helfershelfer. Die Leichen der unglücklichen Kinder wur- 
den verbrannt und nur eine Anzahl von besonders hübschen Kinderköpfen 
wurde — zum Andenken aufbewahrt. 

Beim Versuch einer Erklärung der Verbindung von Wollust 
und Grausamkeit muss man auf die quasi noch physiologischen 
Fälle zurückgehen, in denen, im Momente der höchsten Wollust, 
ein sehr erregbares, aber sonst normales Individuum Akte wie Beissen 
und Kratzen begeht, die sonst vom Zorne eingegeben werden. 
Erinnert muss ferner daran werden, dass die Liebe und der Zorn 
nicht nur die beiden stärksten Affekte, sondern auch die beiden 
allein möglichen Formen des rüstigen (sthenischen) Affekts sind. 
Beide suchen ihren Gegenstand auf, wollen sich seiner bemächtigen 
und entladen sich naturgemäss in einer körperlichen Einwirkung 
auf denselben; beide versetzen die psychomotorische Sphäre in die 
heftigste Erregung und gelangen mittelst dieser Erregung zu ihrer 
normalen Aeusserung. 


l ) In der Exaltation des Kampfes drängt sich die Vorstellung der Exal- 
tation der Wollust ins Bewusstsein. Vgl. bei Grillparzer die Schilderung 
einer Schlacht durch einen Krieger: 

„Und als nun erschallt das Zeichen, — beide Heere sich erreichen, — 
Brust an Brust, — Götterlust! — herüber, hinüber, — jetzt Feinde, jetzt 
Brüder — streckt der Mordstahl nieder. — Empfangen und Geben — den 
Tod und das Leben — im wechselnden Tausch — wild taumelnd im Rausch!* 

Traum ein Leben, 1. Akt. 


Sadismus. 59 

Von diesem Standpunkte aus wird es begreiflich, dass die 
Wollust zu Handlungen treibt, die sonst dem Zorn adäquat sind 1 ). 
Sie ist wie dieser ein Exaltationszustand, eine mächtige Erregung 
der gesammten psychomotorischen Sphäre. Daraus entsteht ein 
Drang gegen das Objekt, welches den Reiz hervorruft, auf alle 
mögliche Weise und in der intensivsten Art zu reagiren. So wie 
die maniakalische Exaltation leicht in furibunde Zerstörungssucht 
übergeht, so erzeugt die Exaltation des geschlechtlichen Affekts 
manchmal einen Drang, die allgemeine Erregung in sinnlosen und 
scheinbar feindseligen Akten zu entladen. Diese stellen sich gewisser- 
massen als psychische Mitbewegungen dar; es handelt sich aber 
nicht etwa um eine blosse unbewusste Erregung der Muskelinner- 
vation (was als blindes Umsichschlagen nebenbei auch vorkommt), 
sondern um eine wahre Hyperbulie, um den Willen, auf das Indi- 
viduum, von dem der Reiz ausgeht, eine möglichst starke Wirkung 
auszuüben. Das stärkste Mittel dazu ist aber die Zufügung von 
Schmerz. 

Von solchen Fällen der Schmerzzuftigung im höchsten Affekte 
der Wollust ausgehend, gelangt man zu Fällen, in denen es zur 
ernstlichen Misshandlung, zur Verwundung und selbst zur Tödtung 
des Opfers kommt*). In diesen Fällen ist der Trieb zur Grausam- 
keit, der den wollüstigen Affekt begleiten kann, in einem psycho- 
pathischen Individuum ins Masslose gewachsen, während anderer- 
seits wegen Defektuosität der moralischen Gefühle alle normalen 
Hemmungen entfallen oder sich zu schwach erweisen. 

Derartige monströse — sadistische Handlungen haben aber 
beim Manne, bei welchem sie weit häufiger vorkommen als beim 
Weibe, noch eine zweite starke Wurzel in physiologischen Ver- 
hältnissen. 

Im Verkehr der Geschlechter kommt dem Manne die aktive, 
selbst aggressive Rolle zu, während das Weib passiv, defensiv sich 
verhält 8 ). Für den Mann gewährt es einen grossen Reiz, das 


') Schulz, Wiener med. Wochenschrift 1869, Nr. 49, berichtet einen 
merkwürdigen Fall von einem 28jährigen Mann, der mit seiner Frau den Coitus 
nur dann vollziehen konnte, wenn er sich vorher künstlich in die Stimmung 
des Zornes versetzte. 

*) Ueber analoge Vorkommnisse bei brünstigen Thieren s. Lombroso 
(Der Verbrecher, übers, v. Frank el p. 18). 

*) Auch bei den Thieren ist es regelmässig das Männchen, welches das 
Weibchen mit Liebesanträgen verfolgt. Verstellte oder ernstliche Flucht des 


60 Paraesthesia sexualis. 

Weib sich zu erobern, es zu besiegen und in der Ars amandi bildet 
die Züchtigkeit des in der Defensive bis zum Zeitpunkte der Hin- 
gebung verharrenden Weibes ein Moment von hoher psychologischer 
Bedeutung und Tragweite. Unter normalen Verhältnissen sieht sich 
also der Mann einem Widerstände gegenüber, welchen zu über- 
winden seine Aufgabe ist und zu dessen Ueberwindung ihm die 
Natur den aggressiven Charakter gegeben hat. Dieser aggressive 
Charakter kann aber unter pathologischen Bedingungen gleichfalls 
ins Masslose wachsen und zu einem Drange werden, sich den Gegen- 
stand seiner Begierden schrankenlos zu unterwerfen, bis zur Ver- 
nichtung, Tödtung desselben *) 2 ). 

Treffen diese beiden constituirenden Elemente, der abnorm 
gesteigerte Drang nach einer heftigen Reaction gegen den Gegen- 
stand des Reizes und das krankhaft gesteigerte Bedürfniss, sich 
das Weib zu unterwerfen, zusammen, so wird es zu den heftigsten 
Ausbrüchen des Sadismus kommen. 

' Sadismus ist also nichts Anderes als eine pathologische Steige- 


Weibchens ist nicht selten zu beobachten ; dann kommt es zu einem ähnlichen 
Verhältniss wie zwischen Raubthier und Beutethier. 

l ) Die Eroberung des Weibes findet heutzutage in der civilen Form der 
Courm acherei, Verführung, List u. s.w. statt. Aus der Culturgeschichte und 
der Anthropologie wissen wir, dass es Zeiten gab und noch Völker gibt, in 
welchen die brutale Gewalt, der Raub, selbst die Wehrlosmachung des Weibes 
durch Keulenschläge die Liebesbewerbung ersetzte. Es ist möglich, dass ata- 
vistische Rückschläge in derartige Neigungen zu Ausbrüchen des Sadismus 
beitragen. 

8 ) In den Jahrbüchern für Psychologie II p. 128 referirt Schäfer (Jena) 
über zwei Erankheits^erichte A. Pa y e r's. In dem ersten Falle wurden Zustande 
höchster sexueller Erregung durch den Anblick von Kampfscenen, selbst ge- 
malten, ausgelöst; in dem anderen durch grausame Quälereien kleiner Thiere 
(s. unten pag. 72). Referent fügt hinzu: „Kampflust und Mordgier sind in 
der ganzen Thierreihe so überwiegend ein Attribut des männlichen Geschlechte, 
dass ein engster Zusammenhang dieser Seite männlicher Neigungen mit der 
rein sexuellen wohl ausser Frage steht. Ich glaube übrigens auf Grund ein- 
wandfreier Beobachtungen konstatiren zu dürfen, dass auch bei psychisch und 
sexuell vollkommen gesunden männlichen Personen die ersten dunklen und 
unverstandenen Vorboten sexueller Regungen durch die Lektüre aufregender 
Jagd- und Kampfscenen ausgelöst werden können, resp. in unbewusstem Drange 
nach einer Art Befriedigung zu kriegerischen Knabenspielen (Ringkämpfen) 
Veranlassung geben , in denen ja auch der Fundamentaltrieb des Geschlechts- 
lebens nach möglichst extensiver und intensiver Berührung des Partners mit 
dem mehr oder weniger deutlichen Hintergedanken der Ueberwältigung zum 
Ausdruck kommt/ 


Sadismus. Q\ 

rung von — andeutungsweise auch unter normalen Umständen mög- 
lichen — Begleiterscheinungen der psychischen Vita sexualis, ins- 
besondere der männlichen, ins Masslose und Monströse. Es ist 
aber selbstverständlich durchaus nicht nothwendig und durchaus 
nicht die Regel, dass das sadistische Individuum sich dieser Elemente 
seines Triebs bewusst sei. Was es empfindet, ist in der Regel 
nur der Drang nach grausamen und gewaltthätigen Handlungen 
am entgegengesetzten Geschlecht und die Betonung der Vorstellung 
solcher Akte mit wollüstigen Empfindungen. Daraus ergibt sich 
ein mächtiger Impuls, die vorgestellten Handlungen wirklich zu be- 
gehen. Insofern die eigentlichen Motive dieses Dranges dem 
Handelnden nicht bewusst werden, tragen die sadistischen Akte den 
Charakter impulsiver Handlungen. 

Wenn die Association zwischen Wollust und Grausamkeit 
vorhanden ist, so weckt nicht nur der wollüstige Affekt den Drang 
zur Grausamkeit, sondern auch umgekehrt: Grausame Vorstellungen 
und Handlungen wirken sexuell erregend und werden in diesem 
Sinne vom perversen Individuum benützt 1 ). 

Eine Unterscheidung zwischen originären und erworbenen 
Fällen von Sadismus ist kaum durchführbar. Viele ab origine be- 
lastete Individuen bieten geraume Zeit hindurch Alles auf, um ihren 
perversen Trieben zu widerstehen. Ist die Potenz noch vorhanden, 
so führen sie anfangs, oft mit Zuhülfenahme innerlicher Vorstel- 
lungen perverser Art, eine normale Vita sexualis. Später erst, 
nach allmähliger Ueberwindung der ethischen und ästhetischen 
Gegenmotive und nach immer wiederholter Erfahrung, dass der 
normale Akt nicht voll befriedigt, kommt es zum Durch bruch des 
krankhaften Triebes nach aussen. Durch diese späte Umsetzung 
einer originären perversen Anlage in Handlungen kann der Schein 
einer erworbenen Perversion vorgetäuscht werden. In der Regel 
ist wohl anzunehmen, dass dieser psychopathische Zustand ab origine 
besteht. 

Die sadistischen Akte sind dem Grade ihrer Monstrosität nach 
verschieden, je nach der Macht des perversen Triebs über das er- 
griffene Individuum und der Stärke der noch vorhandenen Wider- 
stände, welche fast immer durch originäre ethische Defekte, erbliche 


*) Es kommt auch vor, dass eine zufällige Wahrnehmung von Blut- 
vergießen u. dgl. den präformirten psychischen Mechanismus des Sadisten erst 
in Bewegung setzt und den latenten perversen Trieb weckt. 


62 Paraesthesia sexualis. 

Degenerescenz, moralisches Irresein, mehr oder minder herabgesetzt 
sind. So entsteht eine lange Reihe von Formen, welche mit den 
schwersten Verbrechen beginnt und bei läppischen Handlungen 
endigt, die dem perversen Bedürfnisse des Sadisten eine bloss sym- 
bolische Befriedigung gewähren sollen. 

Die sadistischen Akte können ferner noch ihrer Art nach 
unterschieden werden, je nachdem sie entweder nach consumirtem 
Goitus. durch welchen die Libido nimia noch nicht gesättigt ist, 
vorgenommen werden, oder bei gesunkener Potenz präparatorisch 
zur Aufstachelung der gesunkenen Kraft verwendet werden, oder 
endlich bei gänzlich fehlender Potenz als Aequivalent an die Stelle 
des unmöglich gewordenen Coitus, zur Erzielung der Ejaculation 
treten. In den beiden letzteren Fällen besteht jedoch trotz der 
Impotenz noch heftige Libido, oder hat wenigstens beim betreffenden 
Individuum zur Zeit bestanden, als sadistische Akte gewohnbeits- 
mässig wurden. Sexuelle Hyperästhesie ist immer als Basis sadi- 
stischer Neigungen zu betrachten. Die Impotenz, welche bei den 
hier in Betracht kommenden psycho- und neuropathischen In- 
dividuen, in Folge ihrer meistens von früher Jugend an geübten 
Excesse, so häufig ist, wird in der Regel spinale Schwäche sein. 
Manchmal mag auch eine Art psychischer Impotenz eintreten, durch 
die Concentration des Denkens auf den perversen Akt, neben 
welchem das Bild der normalen Befriedigung verblasst. 

Wie immer die That äusserlich beschaffen sein mag, für ihr 
Verständniss wesentlich ist immer die seelisch-perverse Veranlagung 
und Triebrichtung des Thäters. 

a) Lustmord 1 ) (Wollust, potenzirt als Grausamkeit, Mord- 
lust bis zur Anthropophagie). 

Am grässlichsten, aber auch am bezeichnendsten für den Zu- 
sammenhang zwischen Wollust und Mordlust ist der Fall des An- 
dreas Bichel, den Feuerbach in seiner „aktenmässigen Darstellung 
merkwürdiger Verbrechen " veröffentlicht hat. 

B. puellas stupratas necavit et dissecuit. Bezüglich des Mordes eines 
seiner Opfer äusserte er sich folgendermaßen im Verhör: 

„Ich habe ihr die Brust geöffnet und mit einem Messer die fleischigen 
Theile des Körpers durchschnitten. Darauf habe ich mir diese Person, wie 


l ) Vgl. Metzger 's ger. Arzneiw., herausgegeben von Rem er, p. 539. 
Klein's Annalen X, p. 176, XVIII, p. 311. Heinroth, System der psych, 
ger. Med. p. 270. Neuer Pitavai 1855. 23. Th. (Fall Blaize Ferrage). 


Sadismus. 63 

der Metzger das Vieh, zugerichtet und habe den Körper mit dem Beil von 
einander gehackt, so wie ich ihn für das Loch brauchen konnte, das ich zum 
Einscharren auf dem Berg gemacht hatte. Ich kann sagen, dass ich während 
des OefPnens so gierig war, dass ich zitterte und mir ein Stück wollte heraus- 
geschnitten und gegessen haben. 11 

Auch Lombroso (Geschlechtstrieb und Verbrechen in ihren gegen- 
seitigen Beziehungen, Goltdammer's Archiv Bd. 30) fuhrt bezügliche Fälle 
an, so einen gewissen Philippe, der die Freudenmädchen post actum zu er- 
würgen pflegte und meinte: „Die Weiber habe ich lieb, aber es macht mir 
Spass, sie zu erwürgen, nachdem ich sie genossen/ 

Ein gewisser Grassi (Lombroso op. cit. p. 12) wurde Nachts von ge- 
schlechtlicher Begierde gegen eine Verwandte ergriffen. Durch ihren Wider- 
stand gereizt, versetzte er ihr mehrere Messerstiche in den Unterleib, und da 
der Vater und der Onkel der Unglücklichen ihn zurückhalten wollten, erschlug 
er auch diese. Gleich darauf eilte er zu einer Buhldirne, um in ihren Armen 
seine geschlechtliche Brunst zu kühlen. Doch das genügte nicht. Er mordete 
dann noch seinen Vater und tödtete mehrere Ochsen im Stalle. 

Dass eine grössere Anzahl von sog. Lustmorden auf Hyperästhesie 
in Verbindung mit Paraesthesia sexualis beruhen, ist nach allem 
Vorausgehenden nicht zu bezweifeln. 

So kann es auf Grund perverser Gefühlsbetonung zu weiteren 
Akten der Brutalität gegen den Leichnam kommen, so z. B. zum 
Zerstücken desselben, wollüstigem Wühlen in dessen Eingeweiden. 
Schon der Fall Bichel deutet diese Möglichkeit an. 

Ein Beispiel aus neuerer Zeit ist Menesclou (Annales d'hygifene 
publique), von Lasegue, Brouardel, Motet begutachtet, für 
geistig gesund erklärt und hingerichtet. 

Beobachtung 17. Am 15. April 1880 verschwand ein vierjähriges 
Mädchen aus der Wohnung seiner Eltern. Am 16. verhaftete man Menesclou, 
einen der Miether des Hauses. In seinen Taschen fand man die Vorderarme 
des Kindes, aus dem Ofen zog man den Kopf und Eingeweide halb verkohlt 
hervor. Auch im Abort fanden sich Theile der Leiche. Die Genitalien wurden 
nicht aufgefunden. M., über ihren Verbleib gefragt, wurde verlegen. Die 
Umstände, sowie ein bei ihm gefundenes schlüpfriges Gedicht Hessen keinen 
Zweifel, dass er das Kind geschändet und dann ermordet hatte. M. äusserte 
keine Reue, seine That sei eben ein Unglück. Die Intelligenz ist beschränkt. 
Kr bietet keine anatomischen Degenerationszeichen, ist schwerhörig, skrophulös. 

M., 20 Jahre alt, litt im Alter von 9 Monaten an Convulsionen ; später 
litt er an unruhigem Schlaf , Enuresis nocturna , war nervös, entwickelte sich 
verspätet und mangelhaft. Von der Pubertät an wurde er reizbar, zeigte 
schlimme Neigungen, war faul, ungelehrig, in allen Beschäftigungen unbrauch- 
bar. Selbst im Correctionshause wurde er nicht besser. Man that ihn zur 
Marine, auch dort that er nicht gut. Heimgekehrt, hestahl er seine Eltern, 
trieb sich in schlechter Gesellschaft herum. Den Weibern lief er nicht nach, 


64 Paraesthesia sexualis. 

der Onanie war er eifrig ergeben, gelegentlich sodomisirte er Hündinnen. 
Seine Mutter litt an Mania menstrualis periodica, ein Onkel war irrsinnig, 
ein anderer trunksüchtig. 

Bei der Untersuchung von M/s Gehirn erwiesen sich beide Stirnlappen, 
die erste und zweite Schläfenwindung, sowie ein Theil der Occipitalwindungen 
krankhaft verändert. 

Beobachtung 18. Commis Alton in England geht vor die Stadt 
spazieren. Kr lockt ein Kind in ein Gebüsch, kehrt nach einer Weile zurück 
und geht auf sein Bureau, wo er die Notiz „Killed to-day a young girl, it was 
fine and hot" in sein Tagebuch macht. 

Man vermisst das Kind, sucht es, findet es in Stücke zerfetzt; manche 
Theile, darunter die Genitalien, sind nicht auffindbar. A. zeigte nicht die 
geringste Spur von Gemüthsbewegung und gab keine Aufschlüsse über Motive 
und Umstände seiner schrecklichen That. 

Er war ein psychopathischer Mensch, hatte zeitweise Depressionszustände 
mit Taedium vitae. 

Sein Vater hatte einen Anfall von acuter Manie gehabt, ein naher Ver- 
wandter litt an Manie mit Mordtrieben. A. wurde hingerichtet. 

In derartigen Fällen kann es geschehen, dass sogar Gelüste 
nach dem Fleisch des ermordeten Opfers auftreten und dass in 
Folgegebung dieser perversen Betonung der bezüglichen Vorstellung 
Theile der Leiche verzehrt werden. 

Beobachtung VJ. Leger, Winzer, 24 Jahre alt, von Jugend auf finster, 
verschlossen, leu tscheu, geht fort, um eine Stelle zu suchen. Er treibt sich 
8 Tage in einem Walde herum, fängt dort ein Mädchen von 12 Jahren, not- 
züchtigt es, verstümmelt dessen Genitalien, reisst ihm das Herz heraus, is&t 
davon, trinkt das Blut und verscharrt den Leichnam. Verhaftet, leugnet er 
anfangs; gesteht aber endlich sein Verbrechen mit cynischer Kaltblütigkeit 
Er hört sein Todesurtheil gleichgültig an und wird hingerichtet. Esquirol 
fand bei der Section krankhafte Verwachsungen zwischen Hirnhäuten und Ge- 
hirn (Georget, Darstellung der Prozesse Leger, Feldtmann etc., übersetzt von 
Amelung, Darmstadt 1827). 

Beobachtung 20. Tirsch, Siechenhauspfründner in Prag, 55 Jahre 
alt, von jeher verschlossen, eigentümlich, roh, höchst reizbar, mürrisch, rach- 
süchtig, wegen Nothzuchtsversuchs an einem 10jährigen Mädchen zu 20 Jahren 
verurtheilt, hatte in letzter Zeit durch Wuthausbrüche aus geringem Anlass 
und durch Taedium vitae Aufmerksamkeit erregt. 

1864, nach Abweisung eines einer Wittwe gemachten Heirathsantrags. 
hatte er einen Hass gegen die Frauenzimmer gefasst und trieb sich am 8. Juli 
herum, in der Absiebt, eine von diesem verhassten Geschlecht zu tödten. 

Vetulam oecurentem in silvam allexit, coitum poposcit, renitentem pro- 
stravit, jugulum feminae compressit „furore eaptus". Cadaver virga betulae 
deseeta verberare voluit neque tarnen id perfecit, quia conscientia sua haec 
fieri vetuit, cultello mammas et genitalia deseeta domi coeta proximis diebus 


Sadismus. 05 

cum globis comedit. Am 12. September bei der Verhaftung fand man noch 
Reste dieses grauenvollen Mahles vor. Er motivirte seine Handlung mit „inner- 
licher Gier", wünschte selbst seine Hinrichtung, da er ja immer ein Verstossener 
gewesen sei. In der Haft enorme Gemüthsreizbarkeit , gelegentlich Wuth- 
ausbruch, der mehrtägige Beschränkung nöthig machte und mit Nahrungs- 
weigenmg einherging. Es wurde aktenmässig constatirt, dass die meisten 
seiner früheren Excesse mit Ausbrüchen von Aufregung und Wuth zusammen- 
fielen (Maschka, Prager Vierteljahrsschrift 1866, I, p. 79). 

In die Reihe dieser psycho-sexualen Monstra gehört wohl 
auch der Frauenmörder von Whitechapel 1 ), auf den die Polizei 
noch immer vergeblich fahndet. Das regelmässige Fehlen von 
Uterus, Ovarien und Labien bei den (10) Opfern dieses modernen 
„Blaubart" spricht überdies für die Annahme, dass er in Anthropo- 
phagie noch weitergehende Befriedigung sucht und findet. 

In anderen Fällen von Lustmord unterbleibt aus physischen 
oder psychischen Gründen (s. oben) das Stuprum, und das sadistische 
Verbrechen tritt allein als Ersatz für den Goitus auf. 

Das Prototyp solcher Fälle ist der folgende Fall des Verzenj. 
Das Leben seiner Opfer hing von dem raschen oder tardiven Ein- 
treten der Ejaculation ab. Da dieser denkwürdige Fall Alles bietet, 
was die gegenwärtige Wissenschaft über den Zusammenhang von 
Wollust mit Mordlust bis zur Anthropophagie kennt, so möge er, 
zumal da er gut beobachtet ist, ausführliche Erwähnung finden. 

Beobachtung 21. Vincenz Verzeni, geb. 1849, seit dem 11. Januar 
1872 in Haft, ist angeklagt 1. der versuchten Erdrosselung seiner Muhme 
Marianne, als dieselbe vor vier Jahren krank zu Bette lag; 2. des gleichen 
Verbrechens an der 27jährigen Ehefrau Arsuffi ; 3. der versuchten Erdrosselung 
der Ehefrau Gala , indem er ihr die Kehle zudrückte , während er auf ihrem 
Leib kniete; 4. ausserdem verdächtig folgender Mordthaten: 

Im December begab sich die 14jährige Johanna Motta Morgens zwischen 
7 und 8 Uhr auf ein benachbartes Dorf. Da sie nicht zurück kam, ging ihr 
Dienstherr aus, um sie zu suchen, und fand ihren Leichnam in der Nähe des 
Dorfes an einem Feldweg, durch eine Unzahl von Wunden greulich verstümmelt. 
Die Gedärme und Genitalien waren aus dem geöffneten Leibe herausgerissen 
und fanden sich in der Nähe. Die Nacktheit der Leiche, Erosionen an deren 
Schenkeln Hessen ein unsittliches Attentat vermuthen, der mit Erde gefüllte 
Mund deutete auf Erstickung. In der Nähe der Leiche unter einem Stroh- 
haufen fanden sich ein abgerissenes Stück der rechten Wade und Kleidungs- 
stücke vor. Der Thäter blieb unermittelt. 


*) Vgl. u. A. Spitzka, The Journal of nervous and mental Disease, 
Dec. 1888; Kiernan, The medical Standard, Nov.-Dec. 1888. 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 5 


tfö Paraesthesia sexualis. 

Am 28. August 1871 früh Morgens ging die 28jährige Ehefrau Frigeni 
aufs Feld. Da sie um 8 Uhr nicht zurück war, ging ihr Mann fort, sie iu 
holen. Er fand sie als Leiche nackt auf dem Feld, mit einer von Erdrosse- 
lung herrührenden Strangrinne am Hals, mit zahlreichen Verletzungen, auf- 
geschlitztem Bauch und heraushängenden Därmen. 

Am 29. August, Mittags, als Maria Previtali, 19 Jahre alt, üben Feld 
ging, wurde sie von ihrem Vetter Verzeni verfolgt, in ein Getreidefeld ge- 
schleppt, zu Boden geworfen und am Halse gewürgt. Als er sie einen Moment 
losliess, um zu spähen, ob Niemand in der Nähe sei, erhob sich das Mädchen 
und erreichte durch sein flehentliches Bitten, dass V. es laufen liess, nachdem 
er ihm während einiger Zeit noch die Hände zusammengepresst hatte. 

V. wurde vor Gericht gestellt. Er ist 22 Jahre alt, sein Schädel über 
mittelgross, asymmetrisch. Das rechte Stirnbein ist schmäler und niedriger als 
das linke , der Stirnhöcker rechts wenig entwickelt , das rechte Ohr kleiner 
als das linke (um 1 cm in der Höhe und 3 in der Breite); beide Ohren er- 
mangeln der unteren Hälfte des Helix, die rechte Schläfenarterie ist etwas athero- 
matös. Stiernacken, enorme Entwicklung des Os zygomat. und des Unter- 
kiefers, Penis sehr entwickelt, Frenulum fehlend ; leichter Strabismus alternans 
divergens (Insufficienz der Mm. recti interni und Myopie). Lombroso schliesst 
aus diesen Degenerationszeichen auf eine angeborene Bildungshemmung des 
rechten Stirnlappens. Wie es scheint, ist Verzeni ein Hereditarier — zwei 
Onkel sind Gretins, ein dritter ist mikrocephal, bartlos, ein Hode fehlend, der 
andere atrophisch. Der Vater bietet Spuren von pellagröser Entartung und 
hatte einen Anfall von Hypochondria pellagrosa. Ein Vetter litt an Hyperaemia 
cerebri, ein anderer ist Gewohnheitsdieb. 

Verzeni's Familie ist bigott, von schmutzigem Geiz. Er selbst zeigt ge- 
wöhnliche Intelligenz, weiss sich gut zu vertheidigen, sucht sein Alibi zu be- 
weisen, Andere zu verdächtigen. In seiner Vergangenheit findet sich nichts, 
das auf Geisteskrankheit deutet; 6 ein Charakter ist übrigens auffällig; er ist 
schweigsam, liebt die Einsamkeit. Im Gefängniss cynisch, Masturbant, sucht 
sich um jeden Preis den Anblick von Weibern zu verschaffen. 

V. gestand endlich seine Thaten und deren Motive ein. Ihre Begehung 
habe ihm ein unbeschreiblich angenehmes (wollüstiges) Gefühl verschafft, das 
von Erection und Samenergiessung begleitet war. Schon wenn er seine Opfer 
am Halse kaum berührt hatte, stellten sich sexuelle Empfindungen ein. Es 
sei ihm ganz gleich in Bezug auf diese Empfindungen gewesen, ob die Frauen 
alt, jung, hässlich oder schön waren. Gewöhnlich habe schon das einfache 
Drosseln derselben ihn befriedigt, und dann habe er seine Opfer am Leben 
gelassen — in den erwähnten 2 Fällen habe die geschlechtliche Befriedigung 
gezögert, einzutreten, und da habe er zugedrückt, bis seine Opfer todt waren. 
Seine Befriedigung bei diesen Garottirungen sei grösser gewesen, als wenn er 
onanirte. Die Hautabschürfungen an den Schenkeln der Motta seien durch 
seine Zähne entstanden, als er mit grossem Genuss das Blut aussaugte. Ein 
Wadenstück derselben habe er ausgesogen und dann mitgenommen, um es 
daheim zu rösten, es indessen unterwegs unter einem Strohhaufen verborgen, aus 
Furcht, dass seine Mutter hinter seine Streiche komme. Auch die Kleider und 
Eingeweide habe er ein Stück weit mitgenommen, weil es ihm einen Genuss 
gewährte, sie zu beriechen und zu betasten. Die Stärke, die er in diesen 


Sadismus. 67 

Momenten höchster Wollust besessen, sei enorm gewesen. Ein Narr sei er nie 
gewesen; bei der Ausführung seiner Thaten habe er gar nichts mehr um sich 
gesehen (offenbar durch höchste sexuelle Erregung aufgehobene Apperception 
und instinktives Handeln). Nachher sei ihm immer sehr behaglich gewesen, 
ein Gefühl grosser Befriedigung; Gewissensbisse habe er nie gehabt. Nie sei 
es ihm in den Sinn gekommen, die Geschlechtstheile der von ihm gemarterten 
Frauen zu berühren oder die Opfer zu stupriren, es habe ihm genügt, sie zu 
erdrosseln und ihr Blut zu saugen. In der That scheinen die Angaben dieses 
modernen Vampyrs auf Wahrheit zu beruhen. Normale geschlechtliche An- 
triebe scheinen ihm fremd gewesen zu sein — zwei Geliebte, die er hatte, 
begnügte er sich zu beschauen — es ist ihm Belbst auffällig, dass er keine 
Gelüste ihnen gegenüber hatte, sie zu drosseln oder ihnen die Hände zu pressen, 
aber freilich habe er mit ihnen nicht denselben Genuas gehabt wie mit seinen 
Opfern. Von moralischem Sinne, Reue u. dgl. fand sich keine Spur. 

Yerzeni sagte selbst, es dürfte gut sein, wenn man ihn eingesperrt 
lasse, denn in der Freiheit könne er seinem Gelüste keinen Widerstand leisten. 
V. wurde zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. (Lombroso: Verzeni e 
Agnoletti, Roma 1873.) 

Interessant sind die Geständnisse, welche V. nach seiner Verurth eilung 
machte. 

»Ich hatte einen unsäglichen Genuss, wenn ich Weiber würgte, empfand 
dabei Erectionen und hatte eine wahre Geschlechtslust. Es war mir schon ein 
Genuss, auch nur die weiblichen Kleider zu beriechen. Das Lustgefühl beim 
Drosseln war viel grösser als das, welches ich beim Onaniren empfand. Bei 
dem Trinken des Blutes der Motta empfand ich grosses Wohlgefallen. Es 
gewährte mir auch grossen Genuss, den Ermordeten die Haarnadeln aus dem 
Haar zu ziehen. 

„Die Kleider und Eingeweide nahm ich aus Lust, sie zu beriechen und 
zu betasten. Meine Mutter kam schliesslich hinter meine Streiche, weil sie 
nach jedem Mord oder Mordversuch Samenflecke in meinem Hemd bemerkte. 
Verrückt bin ich nicht, aber in jenen Augenblicken des Würgens sah ich gar 
nichts mehr. Nach der Verübung der Thaten war ich befriedigt und fühlte 
mich wohl. Es fiel mir nie ein, die Geschlechtstheile u. dgl. zu berühren oder 
zu beschauen. Es genügte mir, die Weiber am Halse zu quetschen und ihr 
Blut zu saugen. Ich weiss heute noch nicht, wie das Weib gebaut ist. 

„Während des Würgens und nach demselben drückte ich mich an 
den ganzen Leib, ohne auf einen Körpertheil mehr als auf den anderen zu 
achten." 

V. war ganz von selbst auf seine perversen Akte gekommen, nachdem 
er, 12 Jahre alt, bemerkt hatte, dass ihn ein seltsames Lustgefühl überkomme, 
wenn er Hühner zu erwürgen hatte. Deshalb habe er auch öfters Massen 
davon getödtet und dann vorgegeben, ein Wiesel sei in den Hühnerstall ein- 
gedrungen (Lombroso, Goltdammer's Archiv Bd. 30, p. 18). 

Einen analogen Fall führt Lombroso (Goltdammer's Archiv) 

an, der in Vittoria (Spanien) vorkam. 

Beobachtung 22. Ein gewisser Gruyo, 41 Jahre alt, von früher un- 
bescholtenem Lebenswandel und Smal verheirathet gewesen, erwürgte im Lauf 


68 Paraesthesia sexualis. 

von 10 Jahren . 6 Weiber. Sie waren fast sämmtlich öffentliche Dirnen und 
schon ziemlich alt. Nach dem Erwürgen riss er ihnen per vaginam Darm und 
Nieren heraus. Einige seiner Opfer schändete er vor dem Mord, andere (ein- 
getretener Impotenz wegen) nicht. Er verfahr bei seinen G-reuelthaten 
mit solcher Vorsicht, dass er 10 Jahre lang unentdeckt blieb. 


b) Leichenschänder. 

An die grauenvolle Gruppe der Lustmörder reihen sich natur- 
gemäss die Nekrophilen, insofern bei ihnen, gleichwie bei Lust- 
mördern und analogen Fällen, eine an und für sich Grauen er- 
weckende Vorstellung, vor der der Gesunde bezw. Nichtentartete 
zurückschaudert, mit Lustgefühlen betont und damit zum Impuls 
für nekrophile Akte wird. 

Die in der Literatur vorkommenden Fälle von Leichen- 
schändung machen den Eindruck pathologischer, nur sind sie 
bis auf den berühmten des Sergeant Bertrand (s. u.) nichts weniger 
als genau beobachtet und beschrieben. 

In einzelnen Fällen mag nichts Anderes vorliegen, als dass 
zügellose Begierde in der Vorstellung des eingetretenen Todes kein 
Hinderniss ihrer Befriedigung sieht. 

Ein derartiger Fall ist vielleicht der siebente unter den von 
Moreau mitgetheilten. 

In diesem machte ein 23 Jahre alter Mann einen Nothzuchtsversuch an 
der 53 Jahre alten X., tödtete die sich Sträubende*, benutzte sie dann ge- 
schlechtlich , warf sie dann ins Wasser, fischte sie aber heraus, um sie neuer- 
lich zu stupriren. 

Der Mörder wurde hingerichtet. Die Meningen des Stirnhirns fand man 
verdickt und mit der Hirnrinde verwachsen. 

Mehrere Beispiele von Nekrophilie haben andere französische Schrift- 
steller mitgetheilt. Zwei Fälle betrafen Mönche, während sie die Todten wache 
hielten. In einem dritten handelte es sich um einen Idioten, der Überdies an 
periodischer Manie litt, nach Nothzucht in einer Irrenanstalt Aufnahme gefunden 
hatte und dort weibliche Leichen in der Todtenkammer schändete. 

In anderen Fällen liegt aber unzweifelhaft eine direkte Be- 
vorzugung der Leiche vor dem lebenden Weibe vor. Wenn keine 
weiteren Akte der Grausamkeit — Zerstückelung etc. — an der 
Leiche vorgenommen werden, so ist es wahrscheinlich die Leblosig- 
keit selbst, welche den Reiz für den perversen Thäter bildet. Es 
mag sein, dass die Leiche, welche allein menschliche Form mit 
vollkommener Willenslosigkeit verbindet, deshalb ein krankhaftes 


Sadismus. 69 

Bedürfniss befriedigt, den Gegenstand der Begierde sich ohne Mög- 
lichkeit eines Widerstandes schrankenlos unterworfen zu sehen. 

Brierre de fioismont (Gazette mädicale 1859, 21. Juli) theilte die 
Geschichte eines Leichenschänders mit, der sich nach Bestechung der Leichen- 
wächter zur Leiche eines 16jährigen Mädchens aus vornehmem Hause ein- 
geschlichen hatte. Nachts hörte man im Todtenzimmer ein Geräusch, wie 
wenn ein Stück Möbel umfalle. Die Mutter des verstorbenen Mädchens drang 
ein, bemerkte einen Menschen, der im Nachthemd vom Bett der Todten herab- 
sprang. Man meinte zuerst, man habe es mit einem Dieb zu thun, erkannte 
aber bald den wahren Thatbestand. Es stellte sich heraus, dass der Schänder, 
ein Mensch aus vornehmem Hause, schon Öfter die Leichen junger Weiber 
geschändet hatte. Er wurde zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. 

Von hohem Interesse auf dem Gebiet der Nekrophilie ist die von Taxil 
(La Prostitution contemporaine p. 171) berichtete Geschichte eines Prälaten, 
der zeitweise in einem Prostitutionshause in Paris erschien und eine Prostituirte, 
als Leiche weiss geschminkt auf dem Paradebett liegend, bestellte. 

Zur bestimmten Stunde erschien er dann in dem zu einem Trauer- 
gemach hergerichteten Zimmer in vollem Ornat, that, wie wenn er eine Seelen- 
messe lese und warf sich dann auf das Mädchen, das die ganze Zeit über die 
Rolle der Leiche spielen musste '). 

Durchsichtiger sind die Fälle, in denen der Thäter die Leiche 
misshandelt und zerstückelt. Solche Fälle schliessen sich unmittelbar 
an die Lustmörder an, indem Grausamkeit, wenigstens ein Drang, 
sich am weiblichen Körper zu vergreifen, mit der Wollust dieser 
Individuen verbunden ist. Vielleicht schreckt ein Rest moralischer 
Bedenken von der Vorstellung grausamer Akte am lebenden Weibe 
ab, vielleicht überspringt die Phantasie den Lustmord und hängt 
sich gleich an sein Resultat, die Leiche. Möglicher Weise spielt 
auch hier die Vorstellung der Willenslosigkeit der Leiche eine Rolle. 

Beobachtung 23. Sergeant Bertrand ist ein Mensch von zartem 
Körperbau, von auffälligem Charakter, von Kindheit auf verschlossen und die 
Einsamkeit liebend. 

Die Gesundheit8verhältnis8e seiner Familie sind nicht genügend bekannt, 
das Vorkommen von Geisteskrankheiten in der Ascendenz ist jedoch sicher- 
gestellt Schon als Kind will er mit einem ihm unerklärlichen Zerstörungs- 
drang behaftet gewesen sein. Er habe zerbrochen, was er gerade zur Hand hatte. 

Schon in früher Kindheit kam er ohne alle Verführung zur Onanie. 
Mit 9 Jahren begann er Hinneigung zu Personen des anderen Geschlechts zu 
verspüren. Mit 13 Jahren erwachte mächtig in ihm der Drang zu geschlecht- 


*) Simon (Crimes et dälits p. 209) theilt eine Erfahrung Lacassagne's 
mit, dem ein anständiger Mann berichtete, er sei jeweils, aber nur dann mächtig 
sexuell erregt, wenn er Zuschauer bei einem — Leichenbegängniss sei. 


70 Paraesthesia sexualis. 

licher Befriedigung an Weibern; er onanirte nun sehr viel. Wenn er dies 
that, stellte er sich in seiner Phantasie jeweils ein Zimmer, erfallt mit Frauen, 
vor. Er stellte sich vor, er übe den Geschlechtsakt mit denselben und martere 
sie dann. Darauf stellte er sich dieselben als Leichen vor und wie er sie als 
Leichen befleckte. Gelegentlich kam bei solcher Situation auch die Vor- 
stellung, es mit männlichen Leichen zu thun zu haben, aber sie war mit Ekel 
betont. 

Mit der Zeit empfand er den Drang , mit wirklichen Leichen derartige 
Situationen durchzumachen. 

Aus Mangel an menschlichen Leichen verschaffte er sich Thierleichen, 
schlitzte ihnen den Leib auf, riss die Eingeweide heraus und masturbirte da- 
bei. Er will damit einen unsäglichen Genuas empfunden haben. 1846 ge- 
nügten ihm nicht mehr Leichen. Er tödtete nun Hunde und verfuhr dann 
mit ihnen wie früher. Ende 1846 bekam er zum ersten Male das Gelüste, 
Menschenleichen zu benutzen. Er scheute sich anfangs davor. 1847, als er 
zufallig auf dem Kirchhof das Grab einer frisch beerdigten Leiche gewahr 
wurde, kam dieser Drang unter Kopfweh und Herzklopfen mit solcher Macht, 
dass er, obwohl Leute in der Nähe waren und Gefahr der Entdeckung bestand, 
die Leiche ausgrub. Beim Abgang eines geeigneten Instruments, um sie zu 
zerstückeln, begnügte er sich, dieselbe mit der Todtengräberschaufel voll Wuth 
zu hauen. 

1847 und 1848 kam, angeblich in Zwischenräumen von etwa 14 Tagen 
und unter heftigen Kopfschmerzen, der Drang, an Leichen Brutalitäten zu 
verüben. Mitten unter den grössten Gefahren und mit den grössten Schwierig- 
keiten genügte er etwa 15mal diesem Trieb. Er grub die Leichen mit den 
Händen aus, spürte vor Erregung gar nicht die Verletzungen, die er sich da- 
bei zuzog. Im Besitz der Leiche, schnitt er sie mit Säbel oder Taschenmesser 
auf, riss die Eingeweide aus und masturbirte in dieser Situation. Das Ge- 
schlecht der Todten war ihm angeblich ganz gleichgültig, jedoch wurde 
constatirt, dass dieser moderne Vampyr mehr weibliche als männliche Leichen 
ausgrub. 

Während dieser Akte sei er in unbeschreiblicher geschlechtlicher Auf- 
regung gewesen. Nachdem er sie zerschnitten, hatte er die Leichen jeweils 
wieder eingegraben. 

Im Juli 1848 gerieth er zufällig an die Leiche eines etwa 16jährigen 
Mädchens. 

Da erwachte zum ersten Mal in ihm das Gelüste, an dem Cadaver den 
Coitus auszuüben. „Ich bedeckte ihn allenthalben mit Küssen, drückte ihn 
wie rasend an mein Herz. Alles, was man an einem lebenden Weib gemessen 
kann, war nichts im Vergleich zu dem empfundenen Genuss. Nachdem ich 
diesen etwa eine V* Stunde gekostet, zerstückte ich wie gewöhnlich die Leiche 
und riss die Eingeweide heraus. Dann begrub ich den Cadaver wieder.* 

Erst von diesem Attentat ab will B. den Drang verspürt haben, Leichen 
vor der Zerstückung geschlechtlich zu benutzen und habe er in der Folge bei 
etwa drei weiblichen Leichen dies gethan. Das eigentliche Motiv des Leichen- 

« 

ausgrabens sei aber nach wie vor das Zerstücken gewesen und der Genuss bei 
dieser Handlung grösser als beim geschlechtlichen Benutzen der Leiche. 

Diese letzte Handlung habe immer nur eine Episode des Hauptaktes ge- 


Sadismus. 71 

bildet und niemals seine Brunst gestillt, weshalb er immer nachher dieselbe 
oder eine andere Leiche verstümmelt habe. 

Die Gerichtsärzte nahmen „Monomanie" an. Das Kriegsgericht verur- 
theilte B. zu 1 Jahr Kerker. 

(Michea, Union med. 1849. — L unier, Annal. uaeM. psychol. 1849, 
p. 153. — Tardieu, Attentats aux moeurs 1878. p. 114. — Legrand, La 
folie devant les tribun. p. 524.) 


c) Misshandeln von Weibern (Blutigstechen, 

Flagelliren etc.). 

An die Lustmörder und Leichenschänder , und den Ersteren 
noch nahestehend, reihen sich solche Fälle an, wo Verletzung des 
Opfers der Lüste und der Anblick des fliessenden Blutes desselben 
Reiz und Genuss für entartete Menschen ist. 

Ein solches Ungeheuer war der berüchtigte Marquis de Sade *), 
nach welchem die Verbindung von Wollust und Grausamkeit des- 
halb genannt wird. Der Coitus hatte für ihn nur einen Reiz, wenn 
er den Gegenstand seiner Lüste blutig stechen konnte. Seine höchste 
Wollust war es, nackte Freudenmädchen zu verwunden und dann 
ihre Wunden zu verbinden. 

Hierher gehört auch wohl der Fall eines Capitäns, von dem 
Brierre de Boismont (a. a. 0.) erzählt, der seine Geliebte zwang, 
jeweils vor dem sehr häufigen Coitus sich Blutegel ad pudenda zu 
setzen. Schliesslich verfiel dieses Weib in tiefe Anämie und wurde 
dadurch irrsinnig. 

In sehr bezeichnender Weise zeigt diesen Zusammenhang 
zwischen Wollust und Grausamkeit mit Drang, Blut zu vergiessen 
und Blut zu sehen, folgender meiner Clientel entlehnte Fall. 


l ) Taxil (op. cit. p. 180) gibt nähere Mittbeilungen über dieses psycho- 
sexuale Monstrum, das ein Fall von habitueller Satyriasis, zugleich mit Par- 
aesthesia sexualis gewesen sein durfte. 

S. war so cyniach, dass er ernstlich seine grausame Lüsternheit idealisiren 
und sich zum Apostel einer darauf bezüglichen Lehre machen wollte. Er trieb 
es so arg (u. A. machte er eine geladene Gesellschaft von Herren und Damen 
liebestoll, indem er ihr mit Canthariden versetzte Chocoladebonbons serviren 
liesa), dass man ihn in die Irrenanstalt Charenton sperrte. In der Revolution 
(1790) wurde er frei. Er schrieb nun obscone Romane, die von Wollust und 
Grausamkeit triefen. Als Bonaparte Consul wurde, machte ihm S. seine Romane, 
prachtvoll gebunden, zum Geschenk. Der Consul Hess seine Werke vernichten 
und den Verfasser neuerdings in Charenton interniren, wo er 1814, 64 Jahre 
alt, starb. 


72 Paraesthesia sexual is. 

Beobachtung 24. Herr X., 25 Jahre alt, stammt von luetischem, au 
Dem. paralytica gestorbenem Vater und Constitutionen hystero-neurasthenischer 
Mutter. Er ist ein schwächliches, constitutione!! neuropatbisches, mit mehr- 
fachen anatomischen Degenerationszeichen behaftetes Individuum. Schon als 
Kind Anwandlungen von Hypochondrie und Zwangsvorstellungen. Später be- 
ständiger Wechsel zwischen exaltirten und deprimirten Stimmungen. Schon 
als Junge von 10 Jahren fühlte Pat. einen sonderbar wollüstigen Drang, Blnt 
aus seinen Fingern fliessen zu sehen. Er schnitt oder stach sich deshalb öfters 
in die Finger und fühlte sich dann ganz beseligt. Schon früh gesellten sich 
dazu Erectionen, desgleichen, wenn er fremdes Blut sah, z. B. ein Dienst- 
mädchen sich in den Finger schnitt. Das machte ihm besonders wollüstige 
Empfindungen. Seine Vita sexuali» regte sich nun immer mächtiger. Ganz 
ohne Verführung begann er zu onaniren, dabei kamen ihm jeweils Erinnerungs- 
bilder blutender Frauenzimmer. Es genügte ihm nun nicht mehr, sein eigenes 
Blut fliessen zu sehen. Er lechzte nach dem Anblick des Blutes junger 
Frauenspersonen , besonders solcher , die ihm sympathisch waren. Er konnte 
sich oft kaum bezwingen, zwei Cousinen und ein Stubenmädchen nicht zu 
verletzen. Aber auch an und für sich nicht sympathische Frauenzimmer riefen 
diesen Drang hervor, wenn sie ihn durch besondere Toilette, Schmuck, na- 
mentlich Corallenschmuck, reizten. Es gelang ihm, diesen Gelüsten zu wider- 
stehen , aber in seiner Phantasie waren blutige Gedanken beständig gegen- 
wärtig und unterhielten wollüstige Erregungen. Ein inniger Zusammenhang 
bestand zwischen beiden Gedanken- und Gefühlskreisen. Oft kamen auch 
anderweitige grausame Phantasien, z. B. dachte er sich in der Rolle eines 
Tyrannen, der das Volk mit Kartätschen zusammenschlössen Hess. Er musste 
sich die Scene ausmalen, wie es wäre, wenn Feinde eine Stadt überfallen, die 
Jungfrauen schänden, martern, tödten, rauben würden. In ruhigeren Zeiten 
schämte und ekelte sich der sonst gutmüthige und ethisch nicht defekte Patient 
vor solchen grausam-wollüstigen Phantasien, gleichwie sie auch sofort latent 
wurden, sobald er durch Masturbation seiner sexuellen Erregung Befriedigung 
verschafft hatte. 

Schon nach wenigen Jahren war Pat. neurasthenisch geworden. Nun 
genügte ihm die blosse Phantasievorstellung von Blut und Blutscenen, um zur 
Ejaculation zu gelangen. Um sich von seinem Laster und seinen cynisch 
grausamen Phantasien zu befreien, trat Pat. in sexuellen Verkehr mit weiblichen 
Individuen. Coitus war möglich, aber nur indem Pat. sich vorstellte, da* 
Mädchen blute aus den Fingern. Ohne Zuhülfenahme dieser Phantasievor- 
stellung wollte sich keine Erection einstellen. Die grausamen Gedanken, 
hineinzuschneiden, beschränkten sich auf die Hand des Weibes. In Zeiten 
höchst gesteigerter sexueller Erregung genügte der Anblick einer sym- 
pathischen Frauenhand, um die heftigsten Erectionen hervorzu- 
rufen. Erschreckt durch populäre Leetüre über die schädlichen Folgen der 
Onanie und abstinirend, verfiel Pat. in einen Zustand schwerer allgemeiner 
Neurasthenie mit hypochondrischer Dysthymie, taed. vitae. Eine complicirte 
und wachsame ärztliche Behandlung stellte binnen Jahresfrist den Kranken 
wieder her. Er ist seit drei Jahren psychisch gesund, ist nach wie vor sexuell 
sehr bedürftig, aber nur selten von seinen früheren blutdürstigen Ideen heimge- 
sucht. Der Masturbation hat X. ganz entsagt. Er findet Befriedigung im 


Sadismus. 78 

natürlichen Geschlechtsgenuss, ist vollkommen potent und nicht mehr genöthigt, 
seine Blutideen zu Hülfe zu nehmen. 

Dass derlei wollüstig-grausame Dränge bloss episodisch und 
unter bestimmten Ausnahmezuständen bei Belasteten vorkommen 
können, lehrt folgender von Tarnowsky (op. cit. p. 61) berich- 
teter Fall. 

Beobachtung 25. Z., Arzt, von neuropathischer Constitution, auf 
Alkohol schlecht reagirend, unter gewöhnlichen Verhältnissen normal coitirend, 
fühlte, sobald er Wein getrunken, durch einfachen Coitus seine gesteigerte 
Libido nicht mehr befriedigt. In diesem Zustand musste er in die nates der 
Puella stechen oder mit einer Lancette einschneiden, Blut sehen und das Ein- 
dringen der Klinge in den lebenden Körper fühlen, um Ejaculation zu erzielen 
und das Gefühl vollständiger Sättigung seiner Wollust zu haben. 

Die Meisten aber, die mit dieser Form der Perversion belastet 
sind, erscheinen als durch den normalen Reiz des Weibes nicht er- 
regbar. Schon im obigen ersten Fall musste die Vorstellung des 
Blutens zu Hülfe genommen werden, um Erectionen zu erzielen. 
Der folgende Fall betrifft einen Mann, der durch Onanie in früher 
Jugend etc. seine Erectionsfähigkeit eingebüsst hat, so dass der 
sadistische Akt bei ihm an die Stelle des Coitus tritt. 

Beobachtung 26. Der Mädchenstecher in Bozen (mitgetheilt von 
Demme, Buch der Verbrechen Bd. II, p. 341). 

1829 kam H., 30 Jahre alt, Soldat, in gerichtliche Untersuchung. Er 
hatte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten mit einem Brod- 
oder Federmesser Mädchen mit Stichen in den Unterleib, am liebsten in die 
Schamgegend verwundet und motivirte diese Attentate mit einem bis zur 
Wuth gesteigerten Geschlechtstrieb, der nur in dem Gedanken und der Hand- 
lung des Stechens von weiblichen Personen Befriedigung fand. 

Dieser Drang habe ihn oft tagelang verfolgt. Er sei dann in einen 
ganz verwirrten Seelenz ustand gerathen, der sich erst wieder löste, wenn diesem 
Drang durch die That entsprochen war. Im Moment des Stechens habe er 
die Befriedigung des vollbrachten Beischlafs gehabt und diese Befriedigung sei 
gesteigert worden durch den Anblick des Blutes, das am Messer herunterlief. 

Schon im 10. Jahre war bei ihm der Geschlechtstrieb mächtig zu Tage 
getreten. Er verfiel zuerst der Masturbation und fühlte sich davon an Körper 
und Geist geschwächt. 

Bevor er zum „ Mädchenstecher u wurde, hatte er durch Missbrauch 
unreifer Mädchen, durch Onanirung von solchen , ferner durch Sodomie 
seine Geachlechtslust befriedigt. Allmählig war ihm der Gedanke gekommen, 
welch ein Genuas es sein müsse, ein junges hübsches Mädchen in die Scham- 
gegend zu stechen und an dem Anblick des vom Meeser ablaufenden Blutes 
sich zu weiden. 


74 Paraesthesia sexualis. 

Unter seinen Effekten fanden sich Nachbildungen von Gegenständen des 
Cultus, von ihm selbst gemalte obscöne Bilder der Empfangniss Maria's, des 
im Schoosse der Jungfrau „geronnenen Gedanken Gottes*. Er galt als ein 
sonderbarer, sehr reizbarer, leutscheuer, weibersüchtiger, mürrischer, ver- 
drossener Mensch. Scham und Reue über seine Handlungen wurden an ihm 
nicht wahrgenommen. Offenbar war er eine durch frühe sexuelle Excesse im- 
potent gewordene Persönlichkeit '), die bei fortdauernder starker Libido sexualis 
und durch Belastung zu Perversion des Geschlechtslebens hinneigte. 

Beobachtung 27. In den 60er Jahren wurde die Bevölkerung von 
Leipzig durch einen Mann erschreckt, welcher junge Mädchen auf der Strasse 
mit einem Dolch anzufallen pflegte und sie am Oberarm verletzte. Endlich 
verhaftet, erkannte man in ihm einen Sadisten, welcher im Moment des Dolch- 
stichs eine Ejaculation hatte und bei dem also die Verwundung der Mädchen 
Aequivalent für Coitus war. (Wharton, a treatise on mental unsoundness 
Philadelphia 1873, §. 623) *). 

In den drei nächsten Fällen besteht gleichfalls Impotenz. 
Dieselbe ist aber vielleicht psychisch bedingt, indem ab origine der 
Hauptton der Vita sexualis auf der sadistischen Neigung liegt und 
deren normale Elemente verkümmert sind. 

Beobachtung 28 (mitgetheilt von Demme, Buch der Verbrechen, VII. 
p. 281). Der Mädchenschneider von Augsburg, Bartle, Weinhändler, hatte schon 
mit 14 Jahren sexuelle Regungen, jedoch entschiedenen Widerwillen gegen Be- 
friedigung derselben durch Coitus bis zu Ekel gegen das weibliche Geschlecht. 
Schon damals kam ihm die Idee, Mädchen zu schneiden und sich dadurch 
geschlechtlich zu befriedigen. Er verzichtete aber darauf aus Mangel an Ge- 
legenheit und Muth. 

Masturbation verschmähte er; ab und zu hatte er Pollutionen mit eroti- 
schen Träumen von geschnittenen Mädchen. 

19 Jahre alt, schnitt er zum ersten Mal ein Mädchen. Er hatte dabei 
Samenergie8sung und fühlte die höchste Wollust. Seither wurde der Impuls 
immer machtvoller. Er wählte nur junge und hübsche Mädchen und fragte 
sie meist vorher, ob sie noch ledig seien. Jeweils trat die Ejaculation und 
sexuelle Befriedigung ein, aber nur dann, wenn er merkte, dass er die Mädchen 
wirklich verwundet hatte. Nach dem Attentat fühlte er sich immer matt und 
übel, auch von Gewissensbissen gefoltert. Bis zum 32. Jahr verwundete er 


*) Vgl. Krauss, Psychologie des Verbrechens, 1884, p. 188. Dr. Hof er, 
Annalen der Staatsarzneikunde, 6. Jahrgang, Heft 2; Schmidt' s Jahrbücher 
Bd. 59, p. 94. 

*) Nach Zeitungsnachrichten wurden im December 1890 eine Reihe ähn- 
licher Attentate in Mainz verübt. Ein junger Bursche von 14 bis 16 Jahren 
drängte sich an Frauen und Mädchen heran und stach sie mit einem spitzen 
Instrument in die Beine. Er wurde verhaftet und machte den Eindruok 
geistig gestört zu sein. Näheres über den offenbar sadistischen Fall ist nicht 
bekannt. 


Sadismus. 75 

durch Schneiden, hatte aber immer Sorge, die Mädchen nicht gefährlich zu 
verletzen. Von da ab bis zum 36. Jahr vermochte er seinen Trieb zu beherrschen. 
Nun versuchte er sich zu befriedigen, indem er Mädchen bloss am Arm oder 
Hals drückte, aber es kam dabei nur zur Erection, nicht zur Ejaculation. 
Nun versuchte er es, die Mädchen mit dem in der Scheide gelassenen Messer 
zu stechen, aber auch das genügte nicht. Endlich stach er mit dem offenen 
Messer und hatte vollen Erfolg, da er sich vorstellte, ein gestochenes Mädchen 
blute stärker und habe mehr Schmerz als ein geschnittenes. Im 37. Jahr 
wurde er erwischt und verhaftet. In seiner Behausung fand man eine Menge 
von Dolchen, Stockdegen, Messern. Er gab an, dass der blosse Anblick dieser 
Waffen, noch mehr das Anfassen derselben ihm Wollustgefühle mit heftiger 
Erregung verschafft habe. 

Im Ganzen hatte er 50 Mädchen eingestandenermaßen verletzt. 

Seine äussere Erscheinung war eher eine angenehme. Er lebte in sehr 
guten Verhältnissen, war aber ein eigenthümlicher, leutscheuer Patron. 

Beobachtung 29. J. H., 25 J., kam im Jahre 1883 zur Consultation 
wegen seiner hochgradigen Neurasthenie und Hypochondrie. Pat. gibt zn, 
seit seinem 14. Jahre onanirt zu haben, und zwar bis zum 18. Jahre weniger, 
seit dieser Zeit aber fehlt ihm jede Kraft, dem Triebe zu widerstehen. Bis da- 
hin hatte er, da er ängstlich gehütet wurde und man ihn wegen seiner Kränk- 
lichkeit fast nie allein Hess, sich nie einer Frauensperson nähern können. Er 
hatte auch kein rechtes Verlangen nach dem ihm unbekannten Genuss. 

Durch Zufall kam er aber dazu, als ein Stubenmädchen der Mutter beim 
Fensterwaschen eine Scheibe zerbrach und sich heftig in die Hand schnitt. 
Als er dabei behülflich war, die Blutung zu stillen, konnte er sich nicht ent- 
halten, das ausströmende Blut von der Wunde aufzusaugen, wobei er in 
äusserst heftige erotische Erregung kam, bis zu vollständigem Orgasmus und 
Ejaculation. 

Von nun an suchte er auf jede mögliche Weise sich den Anblick und 
womöglich den Geschmack von ausfliessendem frischem Blute von weiblichen 
Personen zu verschaffen. Am liebsten war ihm das von jungen Mädchen. Er 
scheute kein Opfer und keine Geldausgabe, um sich diesen Genuss zu ver- 
schaffen. Anfänglich stand ihm das junge Mädchen zu Diensten, das sich 
nach seinem Wunsch mit einer Nadel oder sogar Lancette in die Finger stechen 
Hess. Als aber die Mutter es erfuhr, entliess sie das Mädchen. Nun musste 
er sich an Meretrices halten, um sich Ersatz zu verschaffen, was mit Schwierig- 
keiten, aber doch oft genug gelang. In der Zwischenzeit betrieb er Onanie 
und Manustupration per feminam, was ihm aber nie volle Befriedigung, da- 
gegen Abspannung und Selbstvorwürfe einbrachte. Er besuchte wegen seiner 
nervösen Leiden viele Curorte und war zweimal in Anstalten internirt, die er 
aus eigenem Antriebe aufsuchte. Er gebrauchte Hydrotherapie, Electricität 
und roborirende Guren ohne besonderen Erfolg. Es gelang, seine abnorme 
geschlechtliche Erregbarkeit und den Drang zur Onanie durch kalte Sitzbäder, 
Monobromkampher und Gebrauch von Bromsalzen zeitweise zu bessern. Jedoch 
wenn Pat. sich frei fühlte, verfiel er sofort wieder in seine alte Leidenschaft 
und scheute weder Mühe noch Geld, um seine Geschlechtslust auf die besagte 
abnorme Weise zu befriedigen. 


76 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung SO (mitgetheilt von Dr. Albert Moll in Berlin). L.T., 
21 Jahre, Kaufmann in einer rheinischen Stadt, gehört einer Familie an, in 
der sich mehrere nervöse und psychopathische Mitglieder befinden. Eine 
Schwester leidet an Hysterie und Melancholie. 

Patient war immer von sehr ruhigem Wesen, dabei schüchtern. Er zog 
sich schon auf der Schule oft von anderen Schülern zurück, besonders wenn 
diese Gespräche über Mädchen führten. In Damengesellschaft glaubte er mit 
jeder Aeusserung, die er that, den Anstand zu verletzen. Es war ihm z. B. 
sehr anstössig, in Gegenwart von Damen, verheiratheten und unverheiratheten, 
vom Schlafengehen, Aufstehen u. s. w. zu reden. In den unteren Klassen lernte 
Pat. gut. Später wurde er träger und kam nicht gut vorwärts. 

Pat. kam wegen abnormer Erscheinungen in seinem sexuellen Leben am 
17. August 1890 zu Dr. Moll. Er that dies auf den Rath eines ihm verwandten 
Arztes X., dem er sich früher anvertraut hatte. 

Pat. macht einen auffallend ängstlichen und scheuen Eindruck, gibt 
auf Befragen an , dass er überhaupt sehr ängstlich sei , besonders in Gegen- 
wart anderer PerHonen gehe ihm jedes Selbstvertrauen und sicheres Auftreten 
ab. Diese Angabe wird von Dr. X. bestätigt. 

Was das sexuelle Leben des Pat. betrifft, so kann er die Anfänge des- 
selben bis zu seinem 7. Lebensjahr zurückdatiren. Er spielte schon damals 
viel mit seinen Genitalien und wurde dafür auch bestraft. Bei diesem Onaniren, 
wobei angeblich sein Glied in Erection gerieth, stellte er sich stets vor, dass 
er ein Weib mit der Ruthe auf die entblössten Nates schlage, und zwar so 
lange, bis sie Schwielen bekam. „ Namentlich reizte mich," so erzählte Pat, 
„wenn ich mir dachte, dass es ein stolzes schönes Frauenzimmer wäre und 
ich diesen Akt im Beisein Anderer, besonders Frauen, vornähme, damit die 
Betreffende fühlte, welche Macht ich über sie hätte. Ich suchte in 
Folge dessen frühzeitig Leetüre zu bekommen, die vom Schlagen handelte, 
z. B. über die Misshandlung römischer Sklaven. Erectionen bekam ich jedoch 
nur dann , wenn die vorgestellten Misshandlungen im Schlagen auf Rücken 
oder Hinterbacken bestanden. Anfangs glaubte ich, dass diese Art von Er- 
regung sich mit der Zeit vei Heren würde, und machte deshalb Niemand Mit- 
theilung davon." 

Die zeitig begonnene Onanie setzte Pat. fort, und zwar immer mit dem 
gleichen Gedankeninhalt. Seit dem 13. oder 14. Lebensjahre hatte er beim 
Onaniren Samenerguss. Decimum septimum annum agens primum feminam 
adiit coeundi causa neque coitum perficere potuit libidine et erectione deficienti- 
bus. Moz autem iterum apud alteram coitum conatus est nullo sneceasu. Tum 
feminam per vim verberavit. Tantopere erat ezeitatus ut mulierem dolore 
cl am ante na atque lamentantem verberare non desierit. An irgend welche straf- 
rechtliche Folgen, die auch ausblieben, dachte er nicht. Bei dieser Procedur 
stellten sich Erection, Orgasmus und Ejakulation ein. Den Akt führte Pat. 
so aus, dass er das Weib zwischen seine Kniee nahm, so dass sein Glied den 
Körper des Weibes berührte, aber ohne immissio penis in vaginam, die dem 
Patienten überhaupt ganz überflüssig scheint. 

Nachträglich empfand aber Pat. über das Schlagen solches Schamgefühl 
und es bemächtigte sich seiner eine so trübe Stimmung, dass er öfters an 
Selbstmord dachte. Pat. ging in den folgenden 3 Jahren noch einige Male zu 


Sadismus. 77 

Weibern. Niemals machte er aber wieder einem solchen die Zumuthung, sich 
von ihm schlagen zu lassen. Er versuchte Erection dadurch zu erzielen, dass 
er an das Schlagen dachte; doch hatte dies keinen Erfolg und auch Mani- 
pulation am Gliede durch das Weib fahrte nicht zur Erection. Nach einem 
solchen missglückten Versuch fasste Pat. endlich den Entschluss, sich einem 
Arzte zu offenbaren. 

Pat. macht noch eine Reihe weiterer Angaben betreffend seine vita 
sexualis. Der abnorme Geschlechtstrieb habe ihn auch durch seine Stärke be- 
lästigt Er ging mit sexuellen Gedanken schlafen, sie verfolgten ihn des Nachts 
und gleich nach dem Erwachen waren sie wieder da. Nie war er längere Zeit 
vor dem Andrangen der krankhaften, ihn erregenden Vorstellungen sicher, denen 
er sich dann allerdings auch mit Vorliebe hingab und von denen er sich nur 
durch Onanie auf kurze Zeit befreien konnte. 

Auf meine Frage gibt Pat. an, dass ein anderes Mittel gegen das 
Weib angewendet, als die erwähnten Schläge auf Rücken und besonders nates, 
auf ihn keinen Reiz ausübt. Weder Fesselung desselben, noch Treten und 
Stossen kann ihm einen solchen gewähren. Es ist dies um so mehr zu be- 
tonen, als das den Pat. erregende Schlagen des Weibes ihm deshalb als 
sexueller Reiz gilt, weil es für das Weib „demüthigend und entehrend" ist, 
und weil dasselbe fühlen soll, „dass es vollständig in seiner Gewalt ist". Auch 
würde es dem Pat. keinen Reiz verursachen, wenn er das Weib auf einen 
anderen als die erwähnten Körpertheile schlüge oder ihm auf eine andere Art 
als durch Schläge Schmerz zufügte. 

Multo minorem ei affert voluptatem si nates suae a muliere verberantur; 
tarnen ea res saepe eiaculationem seminis effecit, sed haec fieri putat erectione 
deficienti. 

Inter verbera autem penem in vaginam immittendo null am voluptatem 
se habere ratus qualibet parte corporis feminae pene tacta semen eiaculat. 
Ebenso wie bei dem Schlagen des Weibes den Reiz für ihn 
das Demüthigen des Weibes bildet, so fühlt er sich im um- 
gekehrten Falle dadurch sexuell erregt, dass das Schlagen 
ihn demüthigt und er sich ganz in die Gewalt des Weibes hin- 
gegeben fühlt Dennoch konnte ihn eine andere Art der eigenen Demüthi- 
gung, als das Schlagen auf seine Hinterbacken, nicht erregen. Sich selbst 
fesseln zu lassen oder von dem Weibe mit Füssen getreten zu werden, ist dem 
Pat. zuwider. 

Die Träume des Pat. bewegten sich, so weit sie erotischer Natur waren, 
stets in derselben Richtung, wie seine sexuellen Neigungen im wachen Zustand ; 
es erfolgte dabei im Traume gleichfalls oft ein wirklicher Samenerguss. Ob 
übrigens die perversen sexuellen Gedanken zuerst im Traum oder im wachen 
Zustand aufgetaucht sind, kann Pat. nicht mehr genau angeben, da die 
Erinnerung auf eine so frühe Zeit, das 7. Lebensjahr, zurückgeht. Doch glaubt 
er, dass diese Gedanken sich zuerst im Wachen gezeigt haben. In seinen 
Träumen begegnete es dem Pat. öfters, dass er eine männliche Person schlug, 
wobei gleichfalls Samenerguss eintrat. Im wachen Zustand bewirkt es bei ihm 
nur sehr geringe Erregung, wenn er sich vorstellt, dass er eine männliche 
Person schlage. Die nackte Gestalt eines Mannes allein hat indessen für ihn 
keinerlei Reiz, während ihn die nackte Gestalt eines Weibes entschieden 


78 Paraesthesia sexualis. 

anlockt, obwohl Beine Libido erst dann ihre eigentliche Befriedigung finde, 
wenn die oben geschilderten Vorgänge stattfinden und er, wie gesagt, keinen 
Drang zum Coitus in vaginam empfindet. 

Die Behandlung des Pat. ist wesentlich auf die Erzielung eines normalen 
Beischlafs, womöglich mit normalem Trieb, gerichtet, da anzunehmen ist, 
dass, wenn es gelingt, sein sexuelles Leben normal zu gestalten, auch das 
scheue und ängstliche Wesen des Pat., welches ihn sehr belästigt, leichter 
zum Schwinden gebracht werden kann. Die von mir (Dr. Moll) seit 3 7* Monaten 
durchgeführte Behandlung lief auf dreierlei hinaus. 

Erstens wurde dem Pat., der seine Heilung lebhaft wünscht, auf das 
Entschiedenste verboten, sich den perversen Gedanken beliebig hinzugeben. 
Selbstverständlich gab ich ihm nicht den thörichten Rath, an das Schlagen 
überhaupt nicht zu denken. Ein solcher Rath kann von dem Pat. nicht be- 
folgt werden, da die Gedanken ihm ohne sein Zuthun "kommen und schon 
beim zufalligen Lesen des Wortes „schlagen" rege werden. Nur das verbot 
ich ihm entschieden, dass er sich solchen Gedanken jemals willkürlich hingebe. 
Ich empfahl ihm vielmehr, Alles zu thun, um seine Vorstellungen auf ein 
anderes Gebiet hinüberzuleiten. 

Zweitens gestattete ich, ja empfahl ich dem Pat., da ihn manche 
nackte Weiber interessirten, wenn auch nicht, wie er meinte, in sexueller Be- 
ziehung erregten, sich in seiner Phantasie Bolche Weiber vorzustellen. 

Drittens suchte ich durch allerdings schwer zu erzielende Hypnose und 
Suggestion den Pat. möglichst in dieser Richtung zu unterstützen. Jeder Bei- 
schlafsversuch wurde dem Pat. vorläufig untersagt, um ihn durch einen Miss- 
erfolg nicht zu entmuthigen. 

Diese Behandlung führte innerhalb 2 7* Monaten dazu, dass nach An- 
gabe des Pat. die perversen Vorstellungen viel seltener auftauchten und immer 
mehr in den Hintergrund traten, ja es stellten sich nach seinen Angaben bei 
der Vorstellung nackter Weiber Erectionen ein, deren Häufigkeit zunahm und 
die ihn öfters dazu brachten, mit der Vorstellung des Coitus zu onaniren, ohne 
dass dabei die Vorstellung des Schiagens aufgetaucht wäre. Im Schlaf traten 
erotische Träume nur selten auf; diese hatten jetzt bald normalen Coitus, bald 
das Schlagen zum Inhalt. 

Nach Verlauf von 27* Monaten seit Beginn der Behandlung empfahl 
ich dem Pat., den Coitus zu versuchen. Er hat dies seitdem viermal gethan. 
Ich empfahl ihm stets, ein Weib zu wählen, das ihm zusagte, versuchte auch 
vor dem Coitus seine sexuelle Erregung durch Tinctura cantharidum zu er- 
höhen. 

Die vier Versuche, deren letzter am 29. November 1890 stattfand, ver- 
liefen in folgender Weise: Beim ersten waren längere Manipulationen des 
Weibes am Penis nöthig, um Erection zu erzielen. Dann gelang immisaio in 
vaginam, Ejaculation mit Orgasmus. Während des ganzen Aktes trat keine 
Vorstellung auf, dass er das Weib schlage oder geschlagen werde, vielmehr 
erregte ihn das Weib als solches genügend, um den Coitus auszuführen. Beim 
zweiten Versuch gelang dies noch besser und schneller; Manipulationen des 
Weibes ad genitalia waren nur in ganz geringem Masse nöthig. Beim dritten 
Versuch gelang Beischlaf erst, nachdem Pat. lange Zeit an das Schlagen ge- 
dacht und dadurch Erection erzielt hatte; zum Schlagen selbst kam es in- 


Sadismus. 79 

dessen nicht. Beim vierten Versuch gelang der Coitua wieder ohne jeden Ge- 
danken an das Schlagen und dabei ohne jede Manipulation am Penis. 

■ 

Selbstverständlich kann der geschilderte Fall bis jetzt in keiner Weise 
als geheilt betrachtet werden. Wenn Pat. auch einige Male in annähernd 
oder ganz normaler Weise den Coitus ausfuhren konnte, so ist damit noch 
nicht gesagt, dass er auch in Zukunft dazu stets im Stande sein wird. Dazu 
kommt, dass der Gedanke des Schiagens ihm immer noch einen grossen Beiz 
gewährt, wenn er auch sehr viel seltener auftritt als früher. Dennoch ist die 
Möglichkeit vorhanden, dass der abnorme Trieb, der gegenwärtig eine wesent- 
liche Schwächung erfahren hat, auch in Zukunft vermindert bleiben, vielleicht 
sogar verschwinden wird. 

Dieser sorgfältig beobachtete Fall ist in mehrfacher Beziehung 
äusserst interessant. Er deckt deutlich erkennbar eine der ver- 
borgenen Wurzeln des Sadismus auf, den Drang zur schranken- 
losen Unterwerfung des Weibes, welcher hier bewusst geworden 
ist. Dies ist um so merkwürdiger, da es sich hier um ein schüch- 
ternes, im sonstigen Leben möglichst bescheiden, ja ängstlich auf- 
tretendes Individuum handelt. Der Fall zeigt auch deutlich, dass 
starke, ja das Individuum gegen alle Hindernisse mit sich fort- 
reissende Libido vorhanden sein kann, während gleichzeitig der 
Coitus nicht begehrt wird, weil der Hauptton des Gefühls auf den 
grausamen Theil des sadistischen, wollüstig-grausamen Vorstellungs- 
kreises ab origine gefallen ist. — Dieser Fall enthält gleichzeitig 
schwache Elemente von Masochismus (s. unten). 

Die Fälle sind übrigens durchaus nicht selten, in denen Männer 
mit perversen Neigungen mittelst hoher Bezahlung Prostituirte be- 
wegen, sich von ihnen flagelliren und selbst blutig verwunden zu 
lassen. Die Werke, die sich mit der Prostitution beschäftigen, ent- 
halten darüber Berichte. So Coffignon, la corruption ä Paris etc. 

d) Besudelung weiblicher Personen. 

Mitunter äussert sich der perverse sadistische Trieb, Frauen 
zu beschädigen und verächtlich, demüthigend zu behandeln in dem 
Drange, dieselben mit ekelhaften oder wenigstens beschmutzenden 
Dingen zu besudeln. 

Hierher gehört der folgende von Arndt (Vierteljahrsschr. f. 
ger. Medicin N. F. XVII, H. 1) veröffentlichte Fall. 

Beobachtung 31. Stud. med. A. in Greifswald accusatus qnod iteram 
iteramque puellis honestis parentibus natis in publico genitalia sua e bracis 
dependentia plane nudata quae antea summo amiculo (Paletotschösse) tecta 
erant» ostenderat. Nonnunquam puellas fugientes secutus easque ad se attractas 
urina oblivit Haec luce clara facta sunt; nunquam aliquid haec faciens locutus est. 


gO Paraesthesia sexualis. 

A. ist 23 Jahre alt, kräftig von Körper, Bauber im Anzug, decent in 
seinen Manieren. Andeutung von Cranium progeneum. Chronische Fneunomie 
der rechten Lungenspitze. Emphysem. Puls 60, in der Erregung nur 70 — 80 
Schläge. Genitalien normal. Klagen über zeitweise Verdauungsstörungen, 
Hartleibigkeit, Schwindel , excessive Erregung des Geschlechtstriebs, die schon 
früh zur Onanie führte, nie aber, auch in der Folge nicht, auf naturgemässe 
Befriedigung desselben gerichtet war. Klagen üher zeitweise melancholische 
Verstimmung, selbstquälerische Gedanken und perverse Antriebe, zu denen er 
selbst kein Motiv finden könne, z. B. zum Lachen bei erraten Veranlassungen, 
sein Geld ins Wasser zu werfen, im strömenden Regen umherzulaufen. 

Der Vater des Inculpaten ist von nervösem Temperament, die Mutter 
nervösem Kopfweh unterworfen. Ein Bruder litt an epileptischen Krämpfen. 

Inculpat zeigte von Jugend auf nervöses Temperament, war zu Krämpfen 
und Ohnmächten geneigt, gerieth in Zustände von momentaner Erstarrung, 
wenn er hart getadelt wurde. 1869 studirte er Medicin in Berlin. 1870 
machte er als Lazarethgehilfe den Krieg mit. Seine Briefe aus dieser Zeit 
verrathen eine auffallende Schlaffheit und Weichheit. Bei der Rückkehr nach 
Hause im Frühjahr 1871 fällt seine Gemüthsreizbarkeit der Umgebung auf. 
In der Folge häutig Klagen über körperliche Beschwerden, Unannehmlichkeiten 
wegen eines Liebesverhältnisses. Im November 1871 lebte er in Greifswald 
eifrig seinen Studien. Er galt als ein höchst anständiger Mensch. In der 
Haft ist er ruhig, gelassen, zeitweise in sich versunken. Seine Handlangen 
schiebt er auf Rechnung von peinigenden und in letzter Zeit excessiven ge- 
schlechtlichen Regungen. Seiner unzüchtigen Handlungen sei er sich wohl 
bewusst gewesen und habe sich ihrer hinterher geschämt. Eine wirkliche ge- 
schlechtliche Befriedigung habe er dabei nicht empfunden. Einer rechten 
Einsicht in seine Lage wird er sich nicht bewusst. Er betrachtet sich als 
eine Art Märtyrer, der einer bösen Macht zum Opfer gefallen ist. Annahme 
von Aufhebung der freien Willensbestimmung. 

Dieser Besudelungsdrang kommt auch bei paradoxem, im 
Greisenalter wieder erwachendem Geschlechtstrieb vor, der sich ja 
so oft gleichzeitig auf perverse Art äussert. 

So berichtet Tarnowsky (op. cit. p. 76) folgenden Fall: 

Beobachtung 32. Ich kannte einen solchen Patienten, der ein mit 
einem decolletirten Ballkleid geputztes Frauenzimmer sich in einem hell er- 
leuchteten Zimmer auf ein niedriges Sopha hinlegen Hess. Ipse apud januam 
alius cubiculi obscurati constitit adspiciendo aliquantulum feminam, excitatus 
in eam insiluit excrementa in sinus eius deposuit. Haec faciens eiaculationem 
quandam se sentire confessus est. 

Ein Wiener Gewährsmann theilt mir mit, dass Männer Pro- 
stituirte mittelst hoher Belohnungen dazu bringen, zu dulden, ut 
illi viri in ora earum spuerent et faeces et urinas in ora explerent 1 ). 

l ) Leo Taxil, La Corruption, Paris, Noiret, macht pag. 223 dieselben 
Angaben. Es gibt auch Männer, die introductio linguae meretricis in anum 
verlangen. 


Sadismus. 81 

Hierher scheint auch der folgende Fall des Dr. Pascal (Igiene 
delT amore) zu gehören. 

Beobachtung 83. Ein Mann hatte eine Geliebte. Seine einzigen 
Beziehungen zu dieser bestanden darin, dass sie sich mit Kohle oder Russ 
die Hände von ihm schwärzen Hess, dann musste sie sich vor einen Spiegel 
setzen, so dass er ihre Hände in diesem sehen konnte. Während einer oft 
längeren Converaation mit der Geliebten schaute er unverwandt nach dem 
Spiegelbild ihrer Hände und empfahl sich dann nach einiger Zeit sehr be- 
friedigt. 

Bemerkenswerth in dieser Art dürfte folgender, mir von ärztlicher Seite 
initgetheilter Fall sein: Ein Offizier war in einem Bordell zu E. nur unter 
dem Namen „Oel* bekannt. Oel erzielte Erection und Ejaculation einzig da- 
durch, dass er puell. publ. nudam in einen mit Oel gefüllten Bottich treten 
Hess und sie am ganzen Körper einölte! 

Angesichts dieser Vorkommnisse drängt eich die Vermuthung 
auf, dass gewisse Fälle von Schädigung weiblicher Personen (z. B. 
Bespritzen mit Schwefelsäure, Tinte u. s. w.) in der Befriedigung 
eines perversen Sexualtriebs wurzeln, wenigstens handelt es sich 
hier auch um eine Art von Wehethun und sind die Beschädigten 
jeweils Frauenzimmer, die Beschädiger männliche Individuen. Jeden- 
falls verlohnt es sich der Mühe, in derlei öerichtsfällen künftig 
der Vita sexualis der Attentäter Aufmerksamkeit zu schenken. 

Auf die sexuelle Natur derartiger Attentate wirft auch der 
unten mitgetheilte Fall Bachmann helles Licht, da in diesem Falle 
das sexuelle Motiv des Delicts erwiesen ist. 

e) Sonstige Ausübung von Gewalt gegen weibliche 
Personen. Symbolischer Sadismus. 

Mit den vorstehenden Gruppen sind die Formen, in welchen 
sich der sadistische Trieb gegen das Weib äussert, noch nicht er- 
schöpft. Wenn der Trieb nicht tibermächtig oder noch genügender 
moralischer Widerstand vorhanden ist, kann es geschehen, dass 
die perverse Neigung durch einen scheinbar ganz sinnlosen läppischen 
Akt befriedigt wird, der aber für den Thäter symbolische Be- 
deutung hat. 

Dies scheint der Sinn der folgenden zwei Fälle zu sein. 

Beobachtung 34. (Dr. Pascal, Igiene delT amore). Ein Mann 
ging an einem festgesetzten Tage ein Mal monatlich zu seiner Geliebten und 
schnitt ihr mit einer Scheere die Haare ab, welche ihr über die Stirne herab- 
hingen. Es gewährte ihm dies den grössten Genuas. Sonst stellte er keine 

Ansprüche an das Mädchen. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 6 


82 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung 35. Ein Mann in Wien besucht regelmässig mehrere 
Prostituirte, nur um ihnen das Gesicht einzuseifen und ihnen dann mit einem 
Rasirmesser so über das Gesicht zu fahren, als ob er ihnen einen Bart ab- 
Bcheeren wollte. Er verletzt die Mädchen dabei niemals, geräth aber in sexuale 
Erregung und ejaculirt während dieser Procedur. 

Durchsichtiger ist die Bedeutung des folgenden Falles, in 
welchem eine sadistische Comödie gespielt wird. 

Beobachtung 36. Ein Mann benachrichtigt eine Puella publica stets 
im Voraus von seinen Besuchen. Sie muss ihn am Fenster stehend mit einer 
verbundenen Wange erwarten und bei seinem Eintritt ins Zimmer über heftigen 
Zahnschmerz klagen. Er bedauert sie, erkundigt sich nach den näheren Um- 
ständen des Schmerzes, nimmt das Tuch ab und legt es wieder an; coitirt 
aber niemals, sondern findet in diesem Vorgang allein seine Befriedigung 1 ). 

Ganz einzig in seiner Art ist der folgende Fall, welcher leider 
wissenschaftlich nicht näher explorirt ist. 

Bei einer Verhandlung vor einem Wiener Strafgerichte kam der folgende 
Vorgang zur Cognition: In einem öffentlichen Gasthausgarten erschien ein 
Graf N. in Begleitung einer jungen Frauensperson und gab dort durch sein 
Treiben ein öffentliches Aergerniss. Er verlangte von seiner Begleiterin, dass 
sie vor ihm niederkniee und ihn mit gefalteten Händen anbete. Dann musste 
die Person seine Stiefel lecken. Endlich forderte er von ihr öffentlich „etwas 
ganz Unerhörtes" (Osculum ad nates oder dgl.), und liess erst ab, nachdem die 
Person geschworen hatte, es zu Hause auszuführen. 

In diesem Falle fällt vor allem auf: das Bedürfniss des perversirten 
Mannes, das Weib vor Zeugen zu demüthigen (vgl. oben die Phantasien des 
Sadisten, Beobachtung 29); ferner dass hier der Wunsch nach Demüthigung 
des Weibes ganz in den Vordergrund tritt, Akte rein symbolischer Natur vor- 
genommen werden. Daneben sind freilich auch in diesem nicht näher be- 
kannten Falle grausame Akte wahrscheinlich. 

f) Sadismus an beliebigem Object. — Knabengeissler. 

Ausser den geschilderten sadistischen Handlungen an weib- 
lichen Individuen kommen solche an beliebigen lebenden und em- 
pfindenden Objekten, Kindern und Thieren, vor. Es kann dabei 
volles Bewusstsein bestehen, dass der grausame Drang eigentlich 
gegen Weiber gerichtet ist und nur faute de mieux das nächste 
erreichbare Object (Schüler) misshandelt werden; — es kann aber 

*) Leo Taxil op. cit. pag. 224 erzählt, dass in den Pariser Lupanaren 
Instrumente bereit gehalten werden, die Knüttel vorstellen, aber nur luftgefüllte 
Hülsen sind, dieselben, mit denen sich im Circus die Clowns prügeln. Sadistische 
Männer verschaffen sich damit die Illusion, Weiber zu prügeln. 


Sadismus. 83 

auch der Zustand des Thäters so beschaffen sein, dass der Drang 
nach grausamen Handlungen allein von wollüstigen Regungen be- 
gleitet ins Bewusstsein tritt, während dessen eigentliches Objekt 
(das die wollüstige Betonung solcher Handlungen erst erklären 
kann) im Dunklen bleibt. 

Die erstere Alternative genügt zur Erklärung in den Fällen, 
welche Dr. Albert (Friedreich's Blätter f. ger. Med. 1859 p. 77) er- 
zählt, Fälle, in welchen wollüstige Erzieher ihre Zöglinge ohne alle 
Veranlassung auf den entblössten Podex peitschten. 

An die zweite Alternative, den in Bezug auf sein Objekt un- 
bewussten sadistischen Trieb, müssen wir wohl denken, wenn Knaben 
beim Anblick der Züchtigung ihrer Altersgenossen sofort sexuell 
erregt und dadurch in ihrer weiteren Vita sexualis bestimmt werden, 
wie in den folgenden Fällen. 

Beobachtung 37. K., 25 Jahre, Kaufmann, wendete sich im Herbst 
1889 an mich um Rath wegen einer Anomalie seiner Vita sexualis, welche ihn 
Siechthum und Versagtbleiben künftigen ehelichen Glückes fürchten lasse. 

Pat. stammt aus nervöser Familie, war als Kind zart, schwächlich, nervös, 
gesund bis auf Morbilli, entwickelte sich später kräftig. 

Mit 8 Jahren, in der Schule, war er Zeuge, wie der Lehrer Knaben züch- 
tigte, indem er deren Kopf zwischen die Schenkel nahm und deren Qesäss mit 
Ruthenstreichen bearbeitete. 

Dieser Anblick verursachte Pat. eine wollüstige Erregung. „Ohne eine 
Ahnung von der Gefährlichkeit und Abscheulichkeit der Onanie" befriedigte 
er sich durch solche und masturbirte von nun an oft, indem er jeweils das 
Erinnerungsbild gezüchtigter Knaben sich vergegenwärtigte. 

So ging es fort bis zum 20. Jahre. Da erfuhr er von der Bedeutung 
der Onanie, erschrack heftig, suchte seinen Drang zur Masturbation zu unter- 
drücken, verfiel aber auf nach Beiner Meinung unschädliche und moralisch zu 
rechtfertigende psychische Onanie, wozu er die erwähnten Erinnerungsbilder 
flaggellirter Knaben benutzte. 

Pat. wurde nun neurasthenisch , litt unter Pollutionen, versuchte sich 
durch Besuch öffentlicher Häuser zu heilen, brachte es aber zu keiner Erection. 

Er bestrebte sich nun, zu normalen geschlechtlichen Empfindungen durch 
geselligen Verkehr mit anständigen Damen zu gelangen, erkannte aber, dass 
er ganz unempfindlich für die Reize des schönen Geschlechts sei. 

Pat. ist ein intelligenter, normal gewachsener, schöngeistig veranlagter 
Mann. Neigung zu Personen des eigenen Geschlechts besteht nicht. 

Mein ärztlicher Rath bestand in Vorschriften zur Bekämpfung der 
Neurasthenie, der Pollutionen, Verbot psychischer und manueller Onanie, Fern- 
haltung aller sexuellen Reize, Inaussichtstellung hypnotischer Behandlung be- 
hufs successiver Rückerziehung der Vita sexualis zur Norm. 

Beobachtung 38. Abortiver Sadismus. N., Stud. Kommt im December 
1890 zur Beobachtung. Er treibt seit früher Jugend Onanie. Nach seinen 


84 Paraesthesia sexualis. 

Angaben wurde er geschlechtlich erregt, als er seine Geschwister durch 
den Vater züchtigen sah, später Mitschüler durch den Lehrer. Als Zuschauer 
solcher Akte hatte er immer Wollustgefühle. Wann dies zum ersten Male 
auftrat, weiss er nicht genau zu sagen ; etwa mit 6 Jahren sei dies schon der 
Fall gewesen. Er weiss auch nicht mehr genau, wann er zur Onanie kam; 
behauptet aber bestimmt, dass sein Sexualtrieb durch Züchtigung Anderer ge- 
weckt worden sei und dass er dadurch ganz unbewusst zur Onanie gelangte. 
Pat. erinnert sich bestimmt, dass er vom 4. — 8. Jahre Öfters selbst auf den 
Podex gezüchtigt worden ist, davon aber nur Schmerz und niemals Wollust 
empfunden habe. 

Da er nicht immer Gelegenheit hatte, Andere züchtigen zu sehen, stellte 
er sich nun in seiner Phantasie vor, wie Solche gezüchtigt wurden. Das er- 
regte seine Wollust und er onanirte dann. Wo immer er konnte, suchte er 
es in der Schule so einzurichten, dass er beim Züchtigen Anderer zusehen 
konnte. Er fühlte ab und zu auch den Wunsch, selbst Andere zu züchtigen. 
Mit 12 Jahren brachte er einen Kameraden dazu, dass dieser sich von ihm 
züchtigen Hess. Dabei empfand er grosse Wollust — Als aber der Andere 
ihn dann en revanche züchtigte, empfand er nur Schmerz. 

Der Drang, Andere zu züchtigen, war nie sehr stark. Pat. empfand 
mehr Befriedigung darin , seine Phantasie in Geisselscenen schwelgen zu 
lassen. Sonstige sadistische Anwandlungen hatte er nie. Niemals Drang, Blut 
zu sehen u. dgl. 

Bis zum 15. Jahre bestand sein sexueller Genuas in Onanie im Anschluss 
an obige Phantasien. 

Von da an (Tanzstunde, Umgang mit Mädchen) schwanden die früheren 
Phantasien fast völlig und waren nur mehr schwach von Wollustgefuhlen 
begleitet, so dass Pat. davon ganz abliess. An die Stelle derselben traten 
Coitusphantasien in natürlicher, nicht sadistischer Art. 

Aus „ Gesundheitsrücksichten" coitirte Pat. zum ersten Mal. Er war potent 
und vom Akt befriedigt. Er suchte nun von Onanie sich zu enthalten, aber 
es gelang nicht, obwohl er öfter coitirte und dabei mehr Genuss fand als 
bei Onanie. 

Er möchte von der Onanie als etwas Unwürdigem loskommen. Schäd- 
liche Wirkungen hat er davon nicht bemerkt. Coitirt lmal monatlich, onanirt 
aber 1 — 2mal in jeder Nacht. Er ist jetzt sexuell ganz normal bis auf die 
Onanie. Von Neurasthenie ist nichts zu finden. Genitalien normal. 

Beobachtung 39. P., 15 Jahre, aus vornehmem Hause, stammt von 
hysterischer Mutter. Deren Bruder und Vater starben im Irrenhause. 

Zwei Geschwister starben an Fraisen im zarten Kindesalter. 

P. ist talentirt, brav, ruhig, zeitweilig aber sehr ungehorsam, halsstarrig, 
jähzornig. Er leidet an Epilepsie, ist Onanist. Eines Tages kam heraus, dass 
P. den 14jährigen, mittellosen Kameraden B. durch Geld dazu vermochte, sich 
von ihm in Oberarme, Hinterbacken, Oberschenkel kneipen zu lassen. Wenn 
dann B. weinte, wurde P. aufgeregt, schlug auf B. mit der rechten Hand los, 
während er mit der linken in seiner linken Hosentasche manipulirte. 

P. gestand, dass ihm die Misshandlung des Freundes, den er sonst sehr 
gern habe, ein besonderes Vergnügen bereitet habe, und dass ihm die EJjacu- 


Sadismus. 85 

lation, da er während der Misshandlung masturbirte, bedeutend mehr Genuss 
verschaffe, als wenn er solitär masturbirte. (v. Gyurkovechky, Pathologie 
und Therapie der mannlichen Impotenz. 1889, p. 80.) 

Dass in allen diesen Fällen sadistischer Misshandlungen an 
Knaben nicht etwa an eine Combination von Sadismus mit con- 
trarer Sexualempfindung, wie sie bei conträr Sexualen öfters vor- 
kommt (s. unten), zu denken ist, ergibt sich — abgesehen davon, 
dass alle positiven Anzeichen dafür fehlen — auch aus der Be- 
trachtung der nächsten öruppe, wo neben dem Objekt der Miss- 
handlung — Thiere — die Richtung des Triebes auf das Weib 
wiederholt deutlich hervortritt. 

g) Sadistische Akte an Thieren. 

In zahlreichen Fällen benützen sadistisch perverse Männer, die 
vor einem Verbrechen am Menschen zurückschrecken, oder denen 
es überhaupt nur auf den Anblick der Leiden eines empfindenden 
Wesens ankommt, zur Potenzirung oder Erregung ihrer Wollust 
den Anblick des Sterbens von Thieren oder die Marterung derselben. 

Bezeichnend in dieser Hinsicht ist der von Hof mann in seinem Lehr- 
buch der gerichtlichen Medicin berichtete Fall eines Mannes in Wien, der sich 
nach der gerichtlichen Aussage mehrerer Prostituirten vor dem Geschlechtsakt 
durch Martern und Tödten von Hühnern, Tauben und anderen Vögeln aufzu- 
regen pflegte und deshalb von ihnen den Spitznamen „ Hendlmann " erhielt. 

Werthvoll für die Bedeutung eines derartigen Falles ist die Beobachtung 
von Lombroso bezüglich zweier Männer, die, wenn sie Hühner oder Tauben 
drosselten oder schlachteten, Ejaculationen bekamen. 

Derselbe Autor berichtet in seinem Uomo dclinquente p. 201 von einem 
bedeutenden Dichter, der beim Anblick des Zerstückeins eines geschlachteten 
Kalbes oder auch beim blossen Gewahrwerden von blutigem Fleisch sexuell 
mächtig erregt wurde. 

Ein entsetzlicher Sport soll nach Mantegazza (op. cit. p. 114) bei ent- 
arteten Chinesen darin bestehen, Anseres zu sodomisiren und ihnen tempore 
ejacnlationis den Hals abzusäbeln. (!) 

Mantegazza (Fisiologia del piacere, 5. ed. p. 394 — 395) berichtet von 
einem Mann, der einmal zusah, wie man Hähne abschlachtete und seit dieser 
Zeit eine Gier hatte, die warmen, noch dampfenden Eingeweide derselben zu 
durchwühlen, weil er dabei ein Wollustgefühl empfand. 

Die Vita sexualis ist also auch in diesem und ähnlichen Fällen ab ori- 
ghe so beschaffen, dass der Anblick von Blut, Tödtung etc. wollüstige Gefühle 
erregt. Ebenso im folgenden Falle: 

Beobachtung 40. C. L., 42 Jahre alt, Ingenieur, verheirathet, Vater 
von 2 Kindern. Stammt aus neuropathischer Familie, Vater jähzornig, Potator, 
Mutter hysterisch, litt an eclamptischen Anfällen. 


86 Paraesthesia sexualis. 

Pat. erinnert sich, in seinen Knabenjahren mit Vorliebe der Schlachtung 
von Hausthieren zugesehen zu haben, insbesondere der von Schweinen. Es kam 
dabei zu ausgesprochenem Wollustgefühl und Ejakulation. Später suchte er 
Schlachthäuser auf, um sich am Anblick des ausfliessenden Blutes und der 
Todeszuckungen der Thiere zu ergötzen. Wo er Gelegenheit dazu finden 
konnte, tödtete er selbst ein Thier, was ihm jedesmal ein vicariirendes Gefühl 
des Geschlechtsgenusses verschaffte. 

Erst um die Zeit der vollen Entwicklung kam er zur Erkenntniss seiner 
Abnormität. Weibern war Pat. nicht geradezu abgeneigt, aber nähere Be- 
rührung mit ihnen schien ihm ein Gräuel. — Auf Anrathen eines Arztes hei- 
rathete er mit 25 Jahren eine ihm sympathische Frau, in der Hoffnung, seinen 
abnormen Zustand los zu werden. Obwohl er seiner Frau sehr zugethan war. 
konnte er nur selten und nach langer Bemühung und Anspannung seiner Phan- 
tasie mit ihr den Coitus ausüben. Trotzdem zeugte er 2 Kinder. Im Jahre 1866 
machte er den Krieg in Böhmen mit. Seine Briefe von dort an seine Frau 
waren in einem exaltirt enthusiastischen Tone geschrieben. Seit der Schlacht 
von Königgrätz ist er verschollen. 

War die Fähigkeit zum normalen Beischlafe in diesem Falle 
durch das Ueberwiegen der perversen Vorstellungen sehr beein- 
trächtigt, so erscheint sie im folgenden Falle gänzlich unterdrückt. 

Beobachtung 41. (Dr. Pascal, Igiene dell' amore). Ein Herr erschien 
bei Prostituirten, Hess von ihnen lebendes Geflügel oder ein Kaninchen kaufen 
und verlangte, dass die Person das Thier martere. Er hatte es abgesehen auf 
Köpfen, Augenausreissen , Ausreissen der Eingeweide. Fand er eine Puella, 
die sich zu derlei herbeiliess und recht grausam vorging, so war er entzückt, 
zahlte und ging, ohne von der Person etwas weiter zu verlangen oder sie zu 
berühren, seiner Wege. 

Aus den beiden letzten Abschnitten ergibt sich, dass das 
Leiden eines jeden empfindenden Wesens für sadistisch veranlagte 
Naturen zur Quelle eines perversen sexuellen Genusses werden kann, 
dass es einen Sadismus an beliebigem Object gibt. 

Es wäre jedoch durchaus falsch und übertrieben, überall wo 
ausserordentliche, überraschende Grausamkeit sich findet, diese aus 
sadistischer Perversion erklären zu wollen, und, wie es hie und da 
geschieht, in den zahllosen Gräueln der Geschichte oder auch in 
gewissen massenpsychologischen Erscheinungen der Gegenwart den 
Sadismus als Motiv vorauszusetzen. 

Grausamkeit fliesst ja aus verschiedenen Quellen und ist dem 
primitiven Menschen natürlich. Mitleid ist dem gegenüber die se- 
cundäre und spät erworbene Erscheinung. Der Kampf- und Ver- 
nichtungstrieb, der für die prähistorischen Zustände eine so werth- 
volle Ausrüstung war, wirkt noch lange nach und erhält durch 


Sadismus. 87 

Culturbegriffe wie „der Verbrecher" noch neue Objecte, während 
sein ursprüngliches Object „der Feind" noch da ist. Dass nicht 
die blosse Tödtung, sondern die Marter des Unterlegenen verlangt 
wird, erklärt sich theils aus dem Machtgefühl, das sich auf diesem 
Wege befriedigt, theils aus der Masslosigkeit des Vergeltungstriebes. 
So lassen sich alle Gräuel und alle historischen Ungeheuer erklären, 
ohne auf den Sadismus zu recurriren (der ja öfters im Spiele ge- 
wesen sein mag, aber als relativ seltene Perversion nicht voraus- 
gesetzt werden darf). 

Daneben ist noch ein starkes psychisches Element zu berück- 
sichtigen, welches namentlich die Anziehungskraft erklärt, die heute 
noch Hinrichtungen u. dgl. ausüben; das ist die Lust am starken 
und ungewöhnlichen Eindruck überhaupt, am seltenen Schauspiel, 
der gegenüber das Mitleid in rohen oder abgestumpften Naturen 
schweigt. 

Es gibt aber unzweifelhaft Naturen, auf die trotz oder ge- 
rade vermittelst ihres lebhaften Mitleidens Alles, was mit Tod und 
Qualen zusammenhängt, eine geheimnissvolle Anziehungskraft hat, 
die innerlich widerstrebend und doch einem dunklen Drange fol- 
gend, sich mit solchen Dingen oder wenigstens Bildern und Be- 
richten davon zu beschäftigen trachten. Auch dies ist noch nicht 
Sadismus, so lange dabei kein sexuelles Element ins Bewusstsein 
tritt, obwohl möglicher Weise dunkle Fäden im Unbewussten solche 
Erscheinungen mit einem verborgenen Untergrund des Sadismus 
verbinden mögen. 

h) Sadismus des Weibes. 

Dass Sadismus — eine, wie wir gesehen haben, beim Manne 
häufige Perversion — beim Weibe weit seltener vorkommt, ist 
leicht erklärlich. Einmal stellt der Sadismus, in welchem das Be- 
dürfniss nach Unterwerfung des anderen Geschlechts ein consti- 
tuirendes Element bildet, seiner Natur nach eine pathologische 
Steigerung des männlichen Geschlechtscharakters dar, zweitens 
sind die Hindernisse, die sich der Aeusserung des monströsen Triebes 
entgegenstellen, begreiflicherweise für das Weib noch grösser als 
für den Mann. 

Gleichwohl kommt Sadismus des Weibes vor und lässt sich 
recht wohl aus dem ersten constitutiven Element des Sadismus, der 
allgemeinen Uebererregung der motorischen Sphäre, allein erklären. 

Wissenschaftlich beobachtet sind bis jetzt nur zwei Fälle. 


88 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung 42. Ein verheiratheter Mann stellt sich mit zahlreichen 
Schnittnarben an den Armen vor. Er gibt über den Ursprung derselben 
Folgendes an : Wenn er sich seiner jungen , etwas „nervösen" Frau nähern 
wolle, müsse er sich erst einen Schnitt am Arme beibringen. Sie sauge dann 
an der Wunde, worauf sich bei ihr eine hochgradige sexuelle Erregung 
einstelle. 

Dieser Fall erinnert an die überall verbreitete Vampyrsage, deren Ent- 
stehung vielleicht auf solche sadistische Thatsachen zurückzuführen ist '). 

In einem zweiten Falle von Sadismus des Weibes, den ich 
Herrn Dr. Moll in Berlin verdanke, liegt neben der perversen 
Richtung des Triebes, wie so oft, Anästhesie gegenüber den nor- 
malen Vorgängen des Geschlechtslebens vor, auch treten hier gleich- 
zeitig Spuren von Masochismus (s. unten) auf. 

Beobachtung 43. Frau H. in EL, 26 Jahre alt, stammt aus einer Familie, 
in der sich Nervenkrankheiten oder psychische Störungen angeblich nicht finden ; 
hingegen bietet Patientin selbst Zeichen von Hysterie und Neurasthenie. Obwohl 
8 Jahre verheirathet und Mutter eines Kindes, hatte Frau H. niemals das Ver- 
langen, den Coitus auszuführen. Als junges Mädchen streng sittlich erzogen, 
blieb sie bis zur Verheirathung in fast naiver Unkenntniss der sexuellen Vor- 
gänge. Sie ist seit dem 15. Lebensjahre regelmässig menstruirt. Eine wesent- 
liche Abnormität an den Genitalien scheint nicht vorhanden zu sein. Der Coitus 
ist der Patientin nicht nur kein Vergnügen, sondern geradezu ein unangenehmer 
Akt; der Abscheu davor hat immer mehr zugenommen. Es ist der Patientin 
durchaus unklar, wie man einen solchen Akt als höchsten Genuas der Liebe 
bezeichnen kann, die ihr etwas bei weitem Höheres sei, das nicht mit solchem 
sinnlichen Triebe zusammenhänge. Dabei sei erwähnt, dass die Patientin ihren 
Mann ernstlich liebt. Sie hat auch am Küssen desselben einen entschiedenen 
Genuas, den sie aber nicht genauer beschreiben kann. Dass aber die Genitalien 
irgend etwas mit Liebe zu thun hätten, kann ihr nicht einleuchten. Frau H. 
ist übrigens eine entschieden verständige Frau mit weiblichem Wesen. 

Si oscula dat conjugi, magnum voluptatem percipit in mordendo eum. 
Gratissimum ei esset conjugem mordere eo modo ut sanguis fluat. Contenta 
esset, si loco coitus morderetur a conjuge ipsaeque eum mordere liceret. Tarnen 
eam poeniteret, si morsu magnum dolorem faceret (Dr. Moll). 

In anderen Fällen von Sadismus, welche uns Geschichte und 
Literatur bieten, müssen wir wohl an eine Umkehrung des weib- 


*) Die Sage ist besonders auf der Balkanhalbinsel viel verbreitet. Bei 
den Neugriechen geht sie auf die antike Mythe von den Lamien und Mormo- 
lyken — blutsaugende Weiber — zurück. Diesen Stoff hat Goethe in seiner 
„Braut von Korinth" bearbeitet. Die auf Yampyrismus bezüglichen Verse: 
, saugen deines Herzens Blut" etc. sind erst durch Vergleich der antiken 
Quellen ganz verständlich. 


Masochismus. 89 

liehen Geschlechtscharakters, eine partielle Viraginität, denken, um 
die sadistischen Akte zu erklären. 

In der Geschichte finden sich Beispiele von zum Theil illustren 
sadistisch empfindenden Frauen, deren Herrschsucht, Wollust und 
Grausamkeit diese Messalinen in ganz eigenartiger Betonung er- 
scheinen lässt. Hierher gehört Valeria Messalina selbst, Katharina 
von Medici, die Anstifterin der Bartholomäusnacht, deren Haupt- 
vergnügen es war, ihre Hofdamen vor ihren Augen mit Ruthen 
streichen zu lassen, u. A. 

Ein meisterhaftes Gemälde des vollkommenen weiblichen Sadis- 
mus bietet der geniale, aber zweifellos geistig nicht normale Hein- 
rich von Kleist in seiner „Penthesilea". 

In seiner Penthesilea (22. Auftritt) schildert Kleist seine Heldin, wie 
sie. von wollüstig-mordlustiger Raserei ergriffen, den in ihre Hände gelockten, 
in Liebesbrunst bisher verfolgten Achilles in Stücke reisst, ihre Meute auf 
ihn hetzt. 

„Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend, den Zahn schlägt 
sie in seine weisse Brust, sie und die Hunde, die wetteifernden, Oxus und 
Sphynx den Zahn in seine rechte, in seine linke sie; als ich erschien, troff 
Blut von Mund und Händen ihr herab," und später als Penthesilea er- 
nüchtert ist: 

„Küsst ich ihn todt? — Nicht — küsst ich ihn nicht? Zerrissen wirklich? 
— So war es ein Versehen; Küsse, Bisse, das reimt eich und wer recht von 
Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen" l ). 

2) Verbindung passiv erduldeter Grausamkeit und Gewalttätigkeit 

mit Wollust. — Masochismus 2 ). 

Das Gegenstück des Sadismus ist der Masochismus. Während 
jener Schmerzen zufügen und Gewalt ausüben will, geht dieser 
darauf aus, Schmerzen zu leiden und sich der Gewalt unterworfen 
zu fühlen. 

Unter Masochismus verstehe ich eine eigenthümliche Perversion 
der psychischen Vita sexualis, welche darin besteht, dass das von 
derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen 
und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen 


*) In der neuesten Literatur findet sich der Stoff benützt, vor Allem 
in den weiter unten zu besprechenden Romanen Sacher-Masoch's , dann in 
Ernst von Wildenbruch's „Branhilde", Rachilde's »La Marquise de Sade" .etc. 

*) So genannt nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch , dessen Romane 
und Novellen die Darstellung dieser Perversion zum Lieblingsgegenstande 
haben. 


90 Paraesthesia sexualis. 

einer Person des anderen Geschlechts vollkommen und unbedingt 
unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, ge- 
demüthigt und misshandelt zu werden. Diese Vorstellung wird mit 
Wollust betont; der davon Ergriffene schwelgt in Phantasien, in 
welchen er sich Situationen dieser Art ausmalt, trachtet oft nach 
einer Verwirklichung derselben und wird durch diese Perversion 
seines Geschlechtstriebs nicht selten für die normalen Reize des 
anderen Geschlechts mehr oder weniger unempfänglich, zu einer 
normalen Vita sexualis unfähig — psychisch impotent. Diese 
psychische Impotenz beruht dann aber durchaus nicht etwa auf 
einem horror sexus alterius, sondern nur darauf, dass dem perversen 
Trieb eine andere Befriedigung als die normale,, zwar auch durch 
das Weib, aber nicht durch den Coitus, adäquat ist. 

Es kommen aber auch Fälle vor, in welchen neben der per- 
versen Richtung des Triebs auch die Empfänglichkeit für normale 
Reize noch leidlich erhalten ist und nebenher ein geschlechtlicher 
Verkehr unter normalen Bedingungen stattfindet. In anderen Fällen 
wieder ist die Impotenz eine nicht rein psychische, sondern eine 
physische, i. e. spinale, da diese Perversion, wie fast alle anderen 
Perversionen des Geschlechtstriebs, nur auf dem Boden einer psycho- 
pathischen, meistens einer belasteten Individualität sich zu ent- 
wickeln pflegt, und solche Individuen in der Regel sich masslosen 
Excessen, besonders masturbatorischen, zu welchen sie die Schwie- 
rigkeit, ihre Phantasien zu verwirklichen, immer wieder hindrängt, 
von früher Jugend an hinzugeben pflegen. 

Die Zahl der bis jetzt beobachteten Fälle von unzweifelhaftem 
Masochismus ist bereits eine recht grosse. Ob Masochismus neben 
. einem normalen Geschlechtsleben vorkommt oder das Individuum 
ausschliesslich beherrscht, ob und inwieweit der von dieser Perver- 
sion Ergriffene eine Verwirklichung seiner seltsamen Phantasien an- 
strebt oder nicht, ob er seine Potenz dabei mehr oder weniger ein- 
gebüsst hat oder nicht — das Alles hängt nur vom Grade der 
Intensität der im einzelnen Falle vorhandenen Perversion und von 
der Stärke der ethischen und ästhetischen Gegenmotive sowie von 
der relativen Rüstigkeit der physischen und psychischen Organisation 
des Ergriffenen ab. Das für den Standpunkt der Psychopathie 
Wesentliche und das Gemeinsame aller dieser Fälle ist: die Rich- 
tung des Geschlechtstriebs auf den Vorstellungskreis der 
Unterwerfung unter und Misshandlung durch das andere 
Geschlecht. 


Masochismus. 91 

Was oben vom Sadismus bezüglich des impulsiven Charakters 
(Verdunklung der Motivation) der aus ihm fliessenden Handlungen, 
und bezüglich des regelmässig originären Charakters der Perversion 
gesagt wurde — gilt auch vom Masochismus. 

Auch beim Masochismus findet sich eine Abstufung der Akte 
von den widerlichsten und monströsesten Handlungen bis zum ein- 
fach läppischen herab, je nach dem Grade der Intensität des per- 
versen Triebes und der restlichen Kraft der moralischen und 
ästhetischen Gegenmotive. Den äussersten Consequenzen des Maso- 
chismus wirkt aber auch der Selbsterhaltungstrieb entgegen, und 
deshalb finden Mord und schwere Verletzung, die im sadistischen 
Affekte begangen werden können, hier, soweit bis jetzt bekannt, 
kein passives Gegenstück in der Wirklichkeit. Wohl aber können 
die perversen Wünsche masochistischer Individuen in innerlichen 
Phantasien bis zu diesen äussersten Consequenzen fortschreiten (s. 
unten Beobachtung 54). 

Auch die Akte, denen die Masochisten sich hingeben, werden 
von Einigen in Verbindung mit dem Coitus ausgeführt, resp. prä- 
paratorisch verwendet, von Anderen zum Ersätze des unmöglichen 
Coitus. Auch hier hängt dies nur vom Zustande der meist physisch 
oder psychisch, durch die perverse Richtung der sexuellen Vor- 
stellungen beeinträchtigten Potenz ab und betrifft nicht das Wesen 
der Sache. 

a) Aufsuchen von Misshandlungen und Demüthigungen 
zum Zweck sexueller Befriedigung. 

Die folgende ausführliche Selbstbiographie eines Masochisten 
gibt eine erschöpfende Darstellung eines typischen Falles dieser selt- 
samen Perversion. 

Beobachtung 44. Ich stamme aus einer neuropathischsn Familie, 
in welcher neben allerlei Sonderbarkeiten des Charakters und der Lebens- 
führung auch mehrfache Abnormitäten in sexueller Beziehung vorkommen. 

Meine Phantasie war von jeher ungemein lebhaft und sehr früh auf 
sexuelle Dinge gerichtet. Dabei war ich, soweit ich mich zurückerinnern kann, 
lange vor dem Eintritt der Pubertät der Onanie sehr stark ergeben. Meine Ge- 
danken waren schon damals in stundenlangem Brüten auf den Verkehr mit 
dem weiblichen Geschlecht gerichtet. Aber die Beziehungen, in die ich mich 
dabei zum anderen Geschlechte setzte, waren ganz seltsamer Art. Ich stellte 
mir nämlich vor, dass ich in der Gefangenschaft, in der unumschränkten Macht 
einer Frau sei, und dass diese Frau ihre Macht dazu benütze, mich auf jede 


92 Paraesthesia sexualis. 

mögliche Weise zu quälen und zu misshandeln. Dabei spielten namentlich 
Schlage und Hiebe in meiner Phantasie eine grosse Rolle, aber auch noch 
eine ganze Reihe anderer Handlungen und Situationen, welche alle ein Ver- 
hältniss der Knechtschaft und Unterwerfung ausdrückten. Ich sah 
mich vor meinem Ideal stets auf den Enieen liegen, wurde mit Füssen ge- 
treten, mit Ketten beladen und in Kerker gesperrt. Schwere Leiden aller Art 
wurden mir zur Probe meines Gehorsams und zur Belustigung meiner Herrin 
auferlegt. Je ärger ich gedemüthigt und misshandelt wurde, desto mehr 
schwelgte ich in diesen Vorstellungen. (Daneben entstand bei mir eine grosse 
Vorliebe für Sammt und für Pelzwerk, die ich immer zu berühren und zu 
streicheln trachtete, und die in mir gleichfalls Erregungen geschlechtlicher 
Natur hervorriefen.) 

Ich erinnere mich deutlich, als Kind mehrere wirkliche Züchtigungen, 
auch von weiblicher Hand, erhalten zu haben. Niemals war damit eine andere 
Empfindung als Schmerz und Scham verbunden; nie ist es mir eingefallen, 
solche Wirklichkeiten mit meinen Phantasien in Zusammenhang zu bringen. 
Die Absicht, mich gerecht zu strafen und mich zu bessern, erschütterte mich 
schmerzlich, während ich mit meinen Phantasiegebilden eine Absicht meiner 
„Herrin* voraussetzte, sich an meinen Leiden und Demüthigungen zu weiden, 
die mich entzückte. Ebensowenig habe ich je die Leitung und die Befehle 
weiblicher Personen, die mich zu beaufsichtigen hatten, zu meinen Phantasien 
in Beziehung gebracht. Es war mir früh gelungen, die Wahrheit über die 
normale Beziehung der Geschlechter zu entdecken; aber diese Entdeckung 
liess mich vollkommen kalt. Die Vorstellung sinnlicher Genüsse blieb an die 
Bilder geknüpft, mit denen sie vom Anfang an verbunden war. Ich hatte zwar 
auch den Wunsch, weibliche Geschöpfe zu betasten, zu umarmen und zu küssen; 
die höchsten Freuden erwartete ich aber nur von ihren Misshandlungen und 
von solchen Situationen, in denen sie mich ihre Macht fühlen Hessen. Ich 
hatte bald das Bewusstsein, anders zu sein als andere Menschen, und war am 
liebsten allein, um meinen Träumen nachzuhängen. Wirkliche Mädchen und 
Frauen interessirten mich in meinen Knabenjahren nur wenig, da ich gar 
keine Möglichkeit sah, sie in der von mir gewünschten Weise in Thätigkeit 
treten zu sehen. Auf einsamen Wegen im Walde geisselte ich mich mit von 
Bäumen herabgefallenen Zweigen und liess meine Einbildungskraft dabei in 
gewohntem Sinne spielen. Im Anblick von Bildern gebieterischer Frauen- 
gestalten schwelgte ich, namentlich dann, wenn sie, z. B. als Königinnen, 
einen Pelz trugen. In allerlei Lektüre suchte ich Beziehungen zu meinen 
Lieblings Vorstellungen. Rousseau's confessions, die mir damals in die Hände 
fielen, boten mir eine grosse Entdeckung. Ich fand einen Zustand geschildert, 
der in wesentlichen Punkten dem meinigen glich. Noch mehr erstaunte ich 
über die Uebereinstimmung mit meinen Ideen, als ich Sacher-Masoch's Schriften 
kennen lernte. Ich verschlang sie alle mit Begierde, obwohl die blutrünstigen 
Scenen oft weit über meine Phantasien hinausgingen und dann meinen Ab- 
scheu erregten. Später begann ich, um neue Nahrung für meine Phantasie 
zu haben, selbst schriftliche Schilderungen von erotischen Scenen in meinem 
Geschmacke zu entwerfen und Zeichnungen von Situationen auszuführen, die 
ich mir bis jetzt innerlich ausgemalt hatte. Dabei war mir die Wirklichkeit 
noch immer gleichgültig. In Gegenwart eines weiblichen Wesens war mir 


Masochismus. 93 

jede sinnliche Regung fremd, höchstens kam beim Anblick eines weiblichen 
Fusses mir flüchtig der Wunsch, von ihm getreten zu werden. 

Diese Gleichgültigkeit bezog sich indessen nur auf das rein sinnliche 
Gebiet. Während meiner späteren Knaben- und ersten Jünglingsjahre erfasste 
mich oft eine schwärmerische Neigung für junge Mädchen meiner Bekannt- 
schaft mit allen oft geschilderten Extravaganzen dieser jugendlichen Regungen. 
Dabei aber fiel mir niemals ein, die Welt meiner sinnlichen Gedanken mit 
diesen reinen Idealen in Beziehung zu setzen. Ich hatte eine solche Gedanken- 
verbindung nicht einmal zurückzuweisen; sie tauchte gar nicht auf. Das ist 
um so merkwürdiger, als mir meine wollüstigen Phantasien wohl sehr seltsam 
und unrealisirbar, aber durchaus nicht schmutzig und verwerflich erschienen. 
Auch diese waren für mich eine Art von Poesie; es blieben aber zwei ge- 
trennte Welten : Dort war mein Herz oder vielmehr meine ästhetisch angeregte 
Phantasie, hier meine sinnlich entzündete Einbildungskraft. Während meine 
.erhabenen" Gefühle immer ein bestimmtes junges Mädchen zum Gegenstande 
hatten, sah ich mich zu anderen Stunden zu den Füssen einer reifen Frau, 
die mich wie oben geschildert behandelte. Diese Rolle theilte ich jedoch 
niemals einer mir bekannten Dame zu. Auch in den Träumen meines Schlafs 
erschienen die beiden Kreise erotischer Vorstellungen mit einander abwechselnd, 
aber nie verschmelzend. Nur die Bilder des sinnlichen Kreises riefen Pollu- 
tionen hervor. 

In meinem 19. Jahre liess ich mich von Freunden, innerlich wider- 
strebend, aber von Neugier getrieben, zu Prostituirten führen. Ich empfand 
aber dort nichts als Widerwillen und Abscheu und lief so bald als möglich 
davon, ohne auch nur die mindeste sinnliche Regung empfunden zu haben. — 
Später wiederholte ich den Versuch aus eigener Initiative, um mich zu über- 
zeugen, ob ich geschlechtlich leistungsfähig sei, da ich über den ersten ganz 
unerwarteten Misserfolg sehr betrübt war. Das Resultat war immer dasselbe : 
Ich empfand keine Spur von Erregung und hatte nicht die mindeste Erection. 
Es war mir zunächst nicht möglich, ein wirkliches Weib als Gegenstand sinn- 
licher Befriedigung zu betrachten. Ferner konnte ich nicht auf die Umstände 
und Situationen verzichten, die für mich die Hauptsache in sexualibus aus- 
machten, und von denen ich doch um keinen Preis ein Wort gesagt hätte. 
Die immissio penis, die ich vornehmen sollte, erschien mir als ein ganz un- 
sinniger und schmutziger Akt. Erst in zweiter Reihe traten zu diesen Um- 
ständen mein Widerwille gegen gemeine Frauenzimmer und die Furcht vor 
Ansteckung. 

In der Einsamkeit ging indessen mein geschlechtliche« Leben in der 
alten Weise fort. So oft meine alten Phantasiebilder auftauchten, traten 
kräftige Erectionen ein und ich provocirte fast täglich Ejaculationen. Ich 
begann an allerlei nervösen Zuständen zu leiden und hielt mich jetzt für im- 
potent, trotz der kräftigen Erectionen und der heftigen Begierde, wenn ich 
allein war. Trotzdem setzte ich meine Experimente mit Prostituirten in 
Zwischenräumen fort. Mit der Zeit streifte ich meine Schüchternheit und theil- 
weise den Widerwillen gegen das Berühren des Gemeinen ab; ich blieb aber 
trotzdem vollständig kalt. 

Nachdem ich mit fortschreitendem Alter meine Menschenscheu und 
meinen Hang zur Träumerei etwas überwunden hatte, fand in meinem sexuellen 


94 Paraesthesia sexualis. 

Denken insofern eine Annäherung an das Normale statt, als ich jetzt anfing, 
mein Interesse wirklichen Personen zuzuwenden. Es gelang mir sogar, sinn- 
liche Wünsche an weibliche Personen meiner Bekanntschaft zu knüpfen, ohne 
dabei meine sonderbaren Ideen aus dem andern Kreise mit herüberzunehmen. 
So knüpfte ich einige Tändeleien mit anständigen Mädchen an. Es kam zu 
Umarmungen und Küssen, die Begierde regte sich, aber die Kraft nicht, 
oder doch zu schwach, als dass ich mich für potent unter normalen Umständen 
hätte halten können. Mein Lauern auf die Regungen meiner Geschlechtskraft 
war natürlich nicht geeignet, diese zu fördern. So brach ich das Verhältniss 
jedesmal tiefbeschämt wieder ab. 

Dabei ging mein altes Treiben immer fort. Ich war noch immer sehr 
eifriger Onanist, wenn auch mit verminderter Kraft. Meine Phantasien ge- 
nügten mir aber nicht mehr ganz. Ich fing jetzt an, auf der Strasse den 
Weibern, anständigen und anderen, nachzulaufen, namentlich im Winter solchen, 
die Sammt und Pelzwerk trugen ; ich folgte oft den Prostituirten in ihre Woh- 
nungen und Hess mich von ihnen onanisiren. Ich meinte dabei immer ein 
reelleres Vergnügen zu finden, als bei meinen Gedankenschwelgereien, fand 
aber ein geringeres. Wenn das Weib sich auszog, folgte mein Interesse den 
Kleidern. Die leeren Gewänder haben mich nie stark angezogen, doch mehr 
als das nackte Weib. Der eigentliche Gegenstand meines Interesses war das 
bekleidete Weib. Dabei spielen Sammt und Pelz die erste Rolle, aber auch 
jeder andere Gegenstand der Bekleidung zog mich an und namentlich die Ge- 
stalt, wie sie durch Schnürung der Taille, Bauschen der Röcke etc. bestimmt 
wurde. Am nackten Körper hatte ich kaum je ein anderes Interesse als besten- 
falls ein ästhetisches. Ein sehr grosses Interesse hatte ich von jeher für weib- 
liche Schuhe und namentlich Stief letten mit hohen Absätzen, immer verbunden 
mit der Vorstellung, getreten zu werden oder den Fuss huldigend zu küssen etc. 

Ich überwand schliesslich auch meine letzte Scheu und Hess mich eines 
Tages, um meine Träume zu realisiren, von einer Prostituirten flagelliren, 
treten etc. Der Effekt war eine grosse Enttäuschung. Was da mit 
mir geschah, war für meine Empfindung roh, widerlich abstossend und lächer- 
lich zugleich. Die Schläge verursachten mir nur Schmerz, die sonstige Situation 
Widerwillen und Beschämung. Trotzdem erzwang ich mechanisch eine Eja- 
culation, wobei ich mit Hülfe meiner Phantasie die wirkliche Situation in die 
von mir ersehnte umdichtete. Diese — die eigentlich erwünschte Situation — 
unterschied sich von der herbeigeführten wesentlich dadurch, dass ich mir 
ein Weib vorstellte, das mir die Misshandlung mit derselben Lust geben sollte, 
als ich sie von ihr empfangen wollte. 

Auf der Voraussetzung einer solchen Gesinnung des Weibes, eines tyran- 
nischen, grausamen Weibes, dem ich mich unterwerfen wollte, waren alle 
meine sexuellen Phantasien aufgebaut. Die Handlung, die das Verhältniss 
ausdrückte, war mir nebensächlich. Mir wurde jetzt erst, nach dem ersten 
Versuch einer unmöglichen Verwirklichung, ganz klar, worauf mein Sehnen 
eigentlich gerichtet war. Ich hatte freilich in meinen wollüstigen Träumen 
sehr oft von allen Misshandlungsvorstellungen abstrahirt, und mir nur ein 
gebieterisches Weib und etwa eine imperative Geberde, ein befehlendes Wort, 
einen Kuss auf ihren Fuss oder dergleichen vorgestellt; aber jetzt erst kam 
mir völlig zum Bewusstsein, was mich eigentlich anzog, und dass die Flagella- 


Masochismus. 95 

tion nur das stärkste Ausdrucksmittel der Hauptsache und ganz nebensäch- 
lich war. 

Trotz dieser Enttäuschung gab ich die Versuche, meine erotischen Vor- 
stellungen in die Wirklichkeit zu übertragen, nicht auf, nachdem der erste 
Schritt gethan war. Ich vertraute darauf, dass meine Phantasie, wenn einmal 
an die neue Wirklichkeit gewöhnt, in ihr Nahrung zu stärkeren Leistungen 
finden werde. Ich suchte zu meinem Zweck möglichst geeignete Weiber und 
iostruirte sie sorgfältig zu einer complicirten Comödie. Dabei erfuhr ich auch 
gelegentlich, dass mir der Weg von gleichgesinnten Vorgängern vorbereitet 
war. Der Werth dieser Comödien für die Wirkung meiner Phantasiebilder auf 
meine Sinnlichkeit blieb problematisch. Was mir diese Handlungen und Ge- 
berden leisteten, um mir Nebenumstände der erwünschten Situation lebhafter 
vorzustellen, das nahmen sie mir oft an der Hauptsache wieder weg, die meine 
Phantasie allein — ohne das Bewusstsein einer bestellten groben Täuschung — 
leichter vor mich hinzaubern konnte. Die körperliche Empfindung unter den 
mannigfaltigen Misshandlungen war wechselnd. Je besser die Selbsttäuschung 
gelang, desto mehr wurde der Schmerz als Lust empfunden. 

Oder vielmehr: die Misshandlung wurde dann vom Bewusstsein nur als 
symbolischer Akt aufgefasst. Daraus entstand die Illusion der ersehnten 
Situation, die zunächst von lebhafter psychischer Lustempfindung begleitet war. 
Diese Lust strahlte aber dann in wollüstigen physischen Empfindungen über 
den ganzen Körper aus, und dadurch wurde die Perception der Schmerzqualität 
der Misshandlung aufgehoben. Aehnlich, aber einfacher, weil ganz auf psychi- 
schem Gebiet, war der Vorgang bei den moralischen Misshandlungen , den 
Demüthigungen, denen ich mich unterwarf. Auch diese wurden mit Lust betont, 
wenn die Selbsttäuschung eben gelang. Sie gelang aber selten gut und nie 
vollkommen. Es blieb immer ein störendes Element im Bewusstsein. Deshalb 
kehrte ich dazwischen immer wieder zur einsamen Onanie zurück. Uebrigens 
war auch im andern Falle der Schluss des ganzen Aktes gewöhnlich eine 
durch Onanie provocirte Ejaculation, manchmal eine solche ohne mechanische 
Nachhülfe. 

So trieb ich es eine ganze Reihe von Jahren bei abnehmender Potenz, 
aber wenig verminderter Begierde und ungeschwächter Gewalt meiner seltsamen 
geschlechtlichen Vorstellung über mich. Und so ist der Zustand meiner Vita 
sexualie auch noch in der Gegenwart. Der Ooitus, den ich nie zu Stande gebracht 
habe, erscheint meiner Vorstellung noch immer wie einer jener seltsamen und 
unsauberen Akte, die ich aus den Darstellungen geschlechtlicher Verirrungen 
kenne. Meine eigenen geschlechtlichen Vorstellungen erscheinen mir natürlich 
und beleidigen meinen sonst empfindlichen Geschmack nicht im Mindesten. 
Ihre Verwirklichung lässt mich freilich, wie oben dargestellt ist, aus verschiedenen 
Gründen ziemlich unbefriedigt. An hübschen Mädchen und Frauen der an- 
ständigen Welt habe ich Gefallen, lasse mich aber längst nicht mehr näher mit 
ihnen ein. Eine direkte, eigentliche Verwirklichung meiner geschlechtlichen 
Phantasie habe ich niemals, auch nicht andeutungsweise erreicht. So oft ich 
zu weiblichen Wesen in nähere Beziehung getreten bin, habe ich den Willen 
des Weibes dem meinigen unterworfen gefühlt, nie umgekehrt. Ein Weib, das 
Herrschgelüste innerhalb der geschlechtlichen Beziehungen manifestirt, habe 
ich niemals begegnet. Frauen, die im Hause regieren wollen und sogenanntes 


$6 Paraesthesia sexualis. 

Pantoffelheldenthum sind etwas von meinen erotischen Vorstellungen ganz 
Verschiedenes. Ausser der Perversion meiner Vita sexualis bietet meine Ge- 
sammtpersönlichkeit noöh viel Abnormes, meine neuropathische Anlage kommt 
in zahlreichen Symptomen auf psychischem und physischem Gebiet zum Aus- 
druck. Daneben glaube ich an mir originäre Abnormitäten des Charakters 
im Sinne einer Annäherung an den weiblichen Typus constatiren zu müssen. 
Wenigstens fasse ich in diesem Sinne meine hochgradige Willensschwäche auf 
und einem auffallenden Mangel an Muth gegenüber 'Menschen und Thieren, 
der mit meiner Kaltblütigkeit gegenüber Elementarereignissen contrastirt. 
Meine äussere Erscheinung ist durchaus männlich. 

Der Verfasser dieser Autobiographie machte mir ferner noch 
folgende Mittheilungen: 

„Es war stets mein eifriges Bestreben, zu erfahren, ob die seltsamen 
Vorstellungen, welche mich in geschlechtlicher Beziehung beherrschen, auch 
bei anderen Männern vorkommen, und seit den ersten Mittheilungen hierüber, 
die mir zufällig zu Ohren kamen, habe ich Überall darnach geforscht. Freilich 
ist, da es sich hier eigentlich um einen Vorgang im Innern der Vorstellungs- 
welt handelt, die Constatirung nicht leicht und nicht überall sicher. Ich nehme 
Masochismus da an , wo ich perverse Handlungen im sexuellen Verkehr finde, 
die ich nicht anders als durch diese dominirende Idee erklären kann. Ich 
halte diese Anomalie für eine sehr verbreitete. 

Von einer ganzen Reihe von Prostituirten hier in Berlin und in Wien 
habe ich Berichte hierüber gehört und so erfahren, wie zahlreich meine Leidens- 
genossen sind. Immer gebrauche ich die Vorsicht, nicht etwa selbst Geschichten 
zu erzählen und zu fragen, ob diese ihnen vorgekommen sind, sondern ich 
Hess diese Personen ihre Erlebnisse pele-m§le erzählen. 

Einfache Flagellation ist so verbreitet, dass fast jede Prostituirte darauf 
eingerichtet ist. Aber auch Fälle von unzweifelhaftem Masochismus sind äusserst 
häufig. Die von dieser Perversion beherrschten Männer unterwerfen sich den 
raffinirtesten Qualen. Dabei führen sie mit den dazu abgerichteten Prostituirten 
stets dieselbe Scene auf: demüthiges Niederwerfen des Mannes, Fusstritte, 
Befehle, eingelernte drohende und beschimpfende Reden, dann Flagellation, 
Schläge auf die verschiedensten Körpertheile und alle möglichen Misshand- 
lungen, Blutigstechen mit Nadeln u. dgl. Die Scene endet manchmal mit dem 
Coitus, öfter mit Ejaculation ohne solchen. Zweimal haben mir solche Pro- 
stituirte schwere Eisenketten mit Handschellen, welche ihre Kunden anfertigen 
und sich anlegen liessen, dann die getrockneten Erbsen, auf welche sie knieen, 
mit Nadeln gespickte Sitze, auf welche sie sich auf Befehl setzen müssen, 
und dergleichen mehr gezeigt. Manches Mal begehrt der pervertirte Mann, 
dass das Weib seinen Penis schmerzhaft zusammenschnürt, mit Nadeln sticht, 
mit einer Klinge Einschnitte in ihn macht oder ihn mit einem Holzstück 
schlägt. Selbst die Procedur des Henkens wird nachgeahmt und eben recht- 
zeitig unterbrochen. Andere wieder lassen sich mit der Spitze eines Messers 
oder Dolches leicht ritzen, dabei aber muss das Weib sie mit dem Tode 
bedrohen. 

Bei allen diesen Dingen ist die Symbolik des Unterwerfungsverhältnisses 
Hauptsache. Das Weib wird gewöhnlich „Herrin" genannt, der Mann „Sklave*. 


Masochisinus. 97 

Ein Mann in hervorragender Stellung hat, als Bedienter gekleidet, auf 
dem Kutschbock des Wagens seiner Maitresse Fahrten mitgemacht. Hierin 
dürfte eine bewusste Nachahmung der „ Venus im Pelz 8 vorliegen. Ueberhaupt 
acheint mir, dass die Schriften des Sacher-Masoch viel zur Entwicklung dieser 
Perversion bei Disponirten beigetragen haben. Eigentümlich ist es, dass die 
ganz unerklärliche Schwärmerei für Pelzwerk sich Behr oft mit dieser Perversion 
verbindet. Sie ist auch, gleichwie die für Sammt, von frühester Jugend auf 
mir eigen. 

Bei all diesen Comödien mit Prostituirten handelt es sich dem Maeo- 
ehisten um ein kümmerliches Surrogat. Ob es eine Verwirklichung masochisti- 
scher Träume in einem Liebesverhältniss gibt, weiss ich nicht. 

Wenn die Sache vorkommt, so ist sie jedenfalls äusserst selten, weil die 
Geschmacksrichtung beim Weibe (Sadismus des Weibes, wie ihn Sacher-Masoch 
schildert) sehr selten zu finden sein dürfte und der Aeusserung sexueller Ab- 
normitäten beim Weibe obendrein noch grössere Hindernisse der Scham etc. 
entgegenstehen als beim Manne. Ich selbst habe niemals das leiseste Anzeichen 
eines Entgegenkommens dieser Art bemerkt und keinen Versuch einer wirk- 
lichen Realisirung meiner Phantasien machen können. Einmal hat mir ein 
Mann seine masochis tische Perversion anvertraut und behauptet, sein Ideal 
gefunden zu haben." 

Dem obigen Falle der Beobachtung 44 ähnlich sind die beiden 
folgenden Fälle. 

Beobachtung 45. Herr Z., 29 J., Techniker, kommt wegen vermeint- 
licher Tabes in die Sprechstunde. Vater war nervös und starb tabisch. Vaters 
Schwester war irrsinnig. Mehrere Verwandte sind hochgradig nervös und 
sonderbare Leute. 

Pat. erweist sich bei näherer Untersuchung als sexual, spinal und cere- 
bral asthenisch. Er bietet keine anamnestischen noch gegenwärtigen Symptome 
im Sinne einer Tabes dorsalis. Die naheliegende Frage nach Mksbrauch der 
Genitalorgane wird im Sinne der seit der Jugend geübten Masturbation be- 
antwortet. Im Lauf der Exploration ergaben sich folgende interessante psycho- 
sexuale Anomalien. 

Mit 5 Jahren erwachte die Vita sexualis im Sinne von wollüstig em- 
pfundenem Drang, sich selbst zu geissein, zugleich mit dem Gelüste, der Fla- 
gellation durch Andere theilhaftig zu werden. An bestimmte, geschlechtlich 
differenzirte Individuen dachte er dabei nicht. Faute de mieux trieb er Auto- 
flagellation und erzielte im Laufe der Jahre Ejaculation. 

Schon lange vorher hatte er durch Masturbation sich zu befriedigen 
angefangen, wobei ihm jeweils Flagellationssituationen vorschwebten. 

Herangewachsen suchte er zweimal ein Lupanar auf, um daselbst von 
Meretrice8 gegeisselt zu werden. Er suchte sich zu diesem Zweck das schönste 
Madchen aus, aber er war enttäuscht, brachte es nicht zu Erection, ge- 
schweige zur Ejaculation. 

Er erkannte, dass das Geissein Nebensache, die Hauptsache die Idee des 
l nterworfenseins unter den Willen des Weibes sei. Dazu gelangte er das erste 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 7 


98 Paraesthesia sexualis. 

Mal nicht, wohl aber das zweite Mal. Weil er im „Gedanken der Unter- 
werfung" war, hatte er vollen Erfolg. 

Mit der Zeit erzielte er unter Anstrengung seiner Phantasie im Sinne 
masochisti8cher Vorstellungen sogar Coitus, auch ohne Flagellation, aber er 
empfand davon wenig Befriedigung, so dass er es vorzog, auf masochistiache 
Weise sexuell zu verkehren. Im Sinne seiner originären Flagellationsgelüste 
fand er an masocb istischen Scenen nur Gefallen, wenn er ad Podicem flagellirt 
wurde oder sich wenigstens eine solche Situation phantastisch hinzudichtete. 
In Zeiten hoher Erregbarkeit genügte es ihm sogar, einem schönen Mädchen 
solche Scenen erzählen zu dürfen. Er gerieth dadurch in Orgasmus und ge- 
langte meist zur Ejakulation. 

Früh gesellte sich dazu eine höchst wirksame fetischistische Vor- 
stellung. Er merkte, dass ihn nur solche Weiber fesselten und befriedigten, 
die hohe Stiefel und kurzen Rock („ungarische Tracht") trugen. Wie er zu 
dieser fetischistischen Vorstellung gelangt ist» weiss er nicht anzugeben. Auch 
an Knaben reize ihn das mit hohem Stiefel bekleidete Bein, aber dieser Reiz 
sei rein ästhetisch, ohne jegliche sinnliche Betonung, wie er überhaupt nie 
homosexuale Empfindungen an sich wahrgenommen haben will. Seinen Fetischis- 
mus begründet Pat. mit einer Vorliebe für Waden. Es reize ihn aber nur 
die in einem eleganten Stiefel steckende Damenwade. Nackte Waden, über- 
haupt feminile Nuditäten üben auf ihn nicht den geringsten sexuellen Reiz 
aus. Eine untergeordnete Fetischneben Vorstellung ist für Pat. das menschliche 
Ohr. Es ist ihm ein wollüstiges Gefühl, schönen Menschen, d. h. Menschen, 
die schönes Ohr haben, über die Ohren zu streichen. Bei Männern gewährt 
ihm dies einen sehr geringen, bei Weibern einen hohen Genuss. 

Auch habe er ein Faible für Ratzen. Er finde sie einfach schön, jede 
ihrer Bewegungen sei ihm sympathisch. Der Anblick einer Katze könne ihn 
sogar aus der tiefsten Gemüthsdepression herausreissen. Die Katze erscheine 
ihm heilig, er sehe in einer solchen geradezu ein göttliches Wesen! Des 
Grundes dieser sonderbaren Idiosynkrasie ist er sich nicht bewusst. 

Neuerlich habe er häufiger auch sadistische Vorstellungen im Sinne der 
Prügelung eines Knaben. Bei diesen Flagellationsphantasien spielen sowohl 
Männer als Weiber eine Rolle, vorwiegend aber letztere, und dabei ist sein 
Genuss ein weit grösserer. 

Pat. findet, dass neben dem, was er als Masochismus kenne und em- 
pfinde, noch etwas Anderes bestehe, das er am liebsten mit , Pagismus * be- 
zeichnen möchte. 

Während seine masochistischen Schwelgereien und Akte durchaus grob- 
sinnlicher Art und Betonung seien, bestehe sein „ Pagismus u in der Idee, Page 
eines schönen Mädchens zu sein. Er stelle sich dieses ganz keusch vor, aber 
pikant, seine Stellung ihm gegenüber als die eines Sklaven, aber in ganz 
keuschem Verhältniss, rein „platonischer" Hingebung. Dies Schwelgen in der 
Idee, einem solchen „ schönen Geschöpf" als Page zu dienen, sei mit einem 
köstlichen, aber durchaus nicht sexuellen Gefühl betont. Er empfinde davon 
eine exquisite moralische Befriedigung im Gegensatz zum sinnlich betonten 
Masochismus, und deshalb müsse er seinen „ Pagismus " für etwas Anders- 
artiges halten. 

Pat. bietet in seinem Aeusseren auf den ersten Blick nichts Auffälliges, 


Masochismus. 99 

aber sein Becken ist abnorm weit, bat -flache Darmbeinschaufeln, ist abnorm 
geneigt und entschieden weiblich. Neuropathisches Auge. Er weist auch 
darauf hin, dass er oft Kitzel und Wollustreiz im Anus habe, auch von da 
aus (erogene Zone) sich Befriedigung ope digiti verschaffen könne. 

Pat. zweifelt an seiner Zukunft. Hülfe wäre für ihn nur möglich, wenn 
er ein rechtes Interesse am Weibe bekommen könnte, aber sein Wille, seine 
Phantasie seien dazu zu schwach. 

Was der Patient dieser Beobachtung als „Pagisnius" be- 
zeichnet, ist nichts vom Wesen des Masochismus Verschiedenes, 
wie sich aus dem Vergleich mit den unten folgenden Fällen von 
„symbolischem " Masochismus und anderen ergibt, ferner aus der 
Erwägung, dass der Coitus bei dieser Perversion mitunter als in- 
adäquater Akt verschmäht wird, und aus der Thatsache, dass es 
in solchen Fällen öfters zu einer phantastischen Exaltirung des 
perversen Ideals kömmt. 

Beobachtung 46. X., 28 Jahre, Literat, belastet, von Kind auf 
sexuell hyperästhetisch, bekam mit 6 Jahren Träume, es prügle ihn ein Weib 
ad nates. Er erwachte dabei jeweils in höchster wollüstiger Erregung und 
gelangte so zur Onanie. Mit 8 Jahren bat er einmal die Köchin, sie möge 
ihn durchprügeln. Vom 10. Jahre ab Neurasthenie. Bis zum 25. Jahre Fla- 
gellationsträume oder auch bezügliche Phantasien des wachen Lebens mit 
Onanie. Vor 3 Jahren Zwang, sich von einer Puella prügeln zu lassen. Pat. 
war enttäuscht, da dabei Erection und Ejaculation ausblieben. Neuer Versuch 
mit 27 Jahren in der Absicht, dadurch Erection und Coitus zu erzwingen. 
Dies gelang erst allmählig durch folgenden Kunstgriff. Die Puella musste, 
während er Coitus versuchte, ihm erzählen, wie sie andere Impotente unbarm- 
herzig schlage, und ihm Gleiches androhen. Ueberdies musste er sich vor- 
stellen, er sei gefesselt, ganz in der Gewalt des Weibes, hülflos. werde von 
demselben aufs Schmerzlichste geschlagen. Gelegentlich musste er, um potent 
zu sein, sich auch wirklich binden lassen. So gelang ihm Coitus. Pollutionen 
waren nur dann von Wollustgeiuhl begleitet, wenn er (selten) träumte, er werde 
misshandelt oder er sei Zuschauer, wie eine Puella die andere geisselte. Beim 
Coitus hatte er nie ein rechtes Wollustgefühl. Am Weib interessiren 
ihn nur die Hände. Kräftige handfeste Frauenzimmer mit derben Fäusten 
sind ihm die liebsten. Gleichwohl ist sein Flagellationsbedürfniss nur ein 
ideelles, denn bei seiner grossen Hautempfindlichkeit genügen im schlimmsten 
Fall einige Hiebe. Männerhiebe wären ihm zuwider. Er möchte heirathen. 
Aus der Unmöglichkeit, von einer honneten Frau Flagellation zu verlangen, 
und dem Zweifel, ob er ohne solche potent sei. entspringt seine Verlegenheit 
und sein Bedürfniss zu genesen. 

In allen drei bis jetzt angeführten Fällen diente den von der 
Perversion des Masochismus Beherrschten als Ausdruck der von ihm 
ersehnten Situation der Unterwerfung unter das Weib hauptsächlich 


100 Paraeathesia sexualis. 

die passive Flagellation. Das gleiche Mittel wird von einer grossen 
Zahl von Masochisten benutzt. 

Nun ist aber passive Flagellation ein Vorgang, welcher be- 
kanntlich geeignet ist, durch mechanische Reizung der Gesässnerven 
reflektorisch Erectionen auszulösen 1 ). Diese Wirkung der Flagel- 
lation wird von geschwächten Wüstlingen dazu benützt, ihrer ge- 
sunkenen Potenz durch diese Procedur nachzuhelfen und diese Per- 
versität — nicht Perversion — ist eine ungemein häufige. 

Es ist deshalb geboten, zu untersuchen, in welchem Verhält- 
nisse die passive Flagellation der Masochisten zu jener psychisch 
nicht perverser, aber physisch geschwächter Wüstlinge steht. 

Dass Masochismus etwas wesentlich Anderes und Umfassen- 
deres sei als blosse Flagellation und diese vielmehr Beiwerk, eines 
der vielen Mittel zum Zweck masochis tisch er Befriedigung im Sinne 
einer Unterwerfung unter das Weib, dürfte nicht schwer zu er- 
weisen sein. 

Für den Masochisten ist die Unterwerfung unter das Weib 
die Hauptsache, die Misshandlung nur ein Ausdrucksmittel für dieses 
Verhältniss und die stärkste Einwirkung, die er erleiden kann. Die 
Handlung hat für ihn symbolischen Werth und ist Mittel zum 
Zweck seelischer Befriedigung im Sinne seiner besonderen Gelüste. 
Das Wesentliche ist der Drang nach Misshandlung, als Zeichen der 
Unterwerfung. Als Ausdruck dieser Unterwerfung dienen neben 
der Flagellation und oft ohne sie viele andere Mittel v wie die 
folgende Casuistik zeigt. Diese Thatsache setzt eine originäre 
Anomalie der sexuellen Empfindungs weise, eine Paraesthesia 
sexualis voraus. 

Der nicht masochistische Geschwächte hingegen, der sich flagel- 
liren lässt, sucht nur eine mechanische Reizung seines spinalen 
Gentrums. 

Ob in einem einzelnen Falle einfacher (reflektorischer) Flagel- 
lantismus oder wirklicher Masochismus vorliegt, wird durch die 
Aussagen der Betreffenden, oft schon durch die Nebenumstände der 
Handlung klar. Es kommt hier namentlich auf Folgendes an: 

Erstens besteht beim Masochisten der Trieb zur passiven 
Flagellation fast immer ab origine. Er taucht als Wunsch auf, be- 
vor eine Erfahrung über reflektorische Wirkung der Procedur 
gemacht wurde, oft zuerst in Träumen, wie z. B. in der unten 
folgenden Beob. 48. 


*) Vgl. oben, Einleitung pag. 28. 


Masochismus. X 1 

Zweitens ist beim Masochisten in* der Regel die passive Flagel- 
lation nur eine von den vielen und verschiedenartigen Misshand- 
lungen, welche im Vorstellungskreise des Masochisten als Phantasien 
auftauchen und oft verwirklicht werden. Bei diesen anderen Miss- 
handlungen und den häufigen rein symbolische Demüthigungen 
ausdrückenden Akten, die neben der Flagellation angewendet werden, 
kann von einer reflektorischen physischen Beizwirkung natürlich 
nicht die Rede sein. 

Drittens ist der Umstand von Bedeutung, dass die ersehnte 
Flagellation beim Masochisten, wenn ausgeführt, gar nicht aphro- 
disisch zu wirken braucht. Es tritt sogar oft mehr oder minder 
deutlich eine Enttäuschung ein, und zwar jedesmal, wenn die Ab- 
sicht des Masochisten nicht gelingt, sich durch diesen bestellten 
Vorgang die Illusion der ersehnten Situation (in der Gewalt des 
Weibes zu sein) zu verschaffen, so dass ihm das mit der Procedur 
beauftragte Weib nur als das executive Werkzeug seines eigenen 
Willens erscheint. *So wenig als man sich selbst kitzeln kann, so 
wenig kann man sich einem Weibe unterworfen fühlen, das man 
durch den eigenen Willen lenkt. Vergl. in Bezug auf diesen 
wichtigen Punkt die drei vorangehenden Fälle und unten Beob. 50. 

Zwischen Masochismus und einfachem (reflektorischem) Flagel- 
lantismus besteht ein analoges Verhältniss wie etwa zwischen con- 
trärer Sexualempfindung und erworbener Päderastie. 

Es benimmt dieser Anschauung nichts an Werth, dass auch 
beim Masochisten die Flagellation die bekannte reflektorische Wir- 
kung haben kann, dass mitunter bei Gelegenheit einer in der Jugend 
erhaltenen Züchtigung auf diesem Wege die Wollust zum erstenmale 
geweckt und gleichzeitig dabei die masochistisch veranlagte Vita 
sexualis aus ihrer Latenz tritt. Dann muss der Fall eben durch 
die oben unter „ zweitens 14 und „ drittens" angeführten Umstände 
charakterisirt sein, um als masochistischer zu gelten. 

Ist über die Entstehungsart des Falles nichts Näheres be- 
kannt, so können Nebenumstände, wie die oben unter „zweitens" 
angeführten, ihn doch deutlich als einen masochistischen erkennen 
lassen. Dies gilt z. B. von den beiden folgenden Fällen. 

Beobachtung 47. Ein Kranker Tamowsky's Hess durch eine Ver- 
trauensperson eine Wohnung für die Dauer seiner Anfälle miethen und das 
Personal (3 Prostituirte) genau instruiren, was mit ihm zu geschehen habe. Er 
erschien zeitweise, wurde entkleidet, masturbirt, flagellirt, wie es befohlen war. 
Er leistete anscheinend Widerstand , bat um Gnade , dann gab man ihm be- 


102 Paraesthesia sexualis. 

fohlenermassen zu essen, Hess ihti schlafen, behielt ihn aber trotz Protest da, 
schlag ihn, wenn er sich nicht fügte. So ging es einige Tage. Mit Lösung 
des Anfalls wurde er entlassen und kehrte zu Frau und Kindern zurück, die 
von seiner Krankheit keine Ahnung hatten. Der Anfall wiederholte sich 1 — 2mal 
jährlich. (Tarnowsky — op. cit.) 

Beobachtung 48. X., 84 Jahre, schwer belastet, leidet an conträrer 
Sexualempfindung. Aus verschiedenen Gründen war er nicht in der Lage, sich 
am Manne zu befriedigen, trotz grossem sexuellem Bedürfhiss. Gelegentlich 
träumte ihm, ein Weib geissele ihn. Er hatte dabei eine Pollution. 

Durch diesen Traum kam er dazu, als Surrogat für mannmännliche 
Liebe sich von Meretrices misshandeln zu lassen. Er miethet sich zeitweise 
eine solche, entkleidet sich vollkommen, während Jene die letzte Hülle nicht 
fallen lassen darf, und lässt sich von ihr mit den Füssen treten, peitschen, 
schlagen. Qua re summa libidine affectus pedem feminae lambit quod solum 
eum libidinosum facere potest: tum eiaculationem assequitur. Mit dieser tritt 
grösster Ekel an der moralisch entwürdigenden Situation ein, der er sich 
dann, so rasch als möglich ist, entzieht. 

Es kommen aber auch Fälle vor, in welchen passive Flagel- 
lation allein den ganzen Inhalt masochistischer Phantasien aus- 
macht, ohne dass andere Vorstellungen der Demüthigung etc. auf- 
treten, und ohne dass die eigentliche Natur dieses Ausdrucks mittels 
der Unterwerfung deutlich ins Bewusstsein tritt. Solche Fälle sind 
von denen des einfachen, reflektorischen Flagellantismus schwer zu 
unterscheiden. Die Ermittelung der primären Entstehung des Ge- 
lüstes, vor jeder Erfahrung reflektorischer Wirkung (s. oben unter 
„erstens"), sichert hier allein die Differentialdiagnose, neben dem 
Umstände, dass es sich bei echten Masochisten gewöhnlich um 
bereits in jungen Jahren perverse Individuen handelt und dass die 
Verwirklichung des Gelüstes meistens später unterbleibt oder ent- 
täuscht (s. oben unter „drittens"), da ja sich das Ganze hauptsäch- 
lich auf dem Gebiete der Phantasie abspielt. 

Ein solcher Fall ist der folgende. 

Beobachtung 49. Autobiographie. Im Jänner 1891 erhielt ich fol- 
genden Brief eines Herrn aus Ungarn; „In gedrückter Stimmung und verzwei- 
felnd an einem Leben, das mich von Allem ausschliesst, was menschliches Glück 
ausmacht, wende ich mich an Sie mit dem letzten Schimmer von Hoffnung 
auf Errettung aus einem Zustand, der, wenn er andauert, nur in tragischer 
Weise seinen Abschluss finden kann. 

Ich bin 30 Jahre, stamme von einer Mutter, die an periodischer Geistes- 
störung litt. Schon im 14. Jahre machten sich bei mir abnorme geschlecht- 
liche Neigungen bemerklich. Es verursachte mir stets ein gewisses Wollust- 
gefühl, von anderen gleichalterigen Knaben körperlich gezüchtigt zu werden, 
besonders wenn man mich über die Oberschenkel legte und mich auf das Gesäss 


Masochismus. 103 

schlug. Es hatte einen besonderen Reiz für mich, wenn dies schöne junge 
Leute oder Knaben thaten, mit wohlgestalteten Beinen und straff sitzenden 
Beinkleidern. Unter solchen Vorstellungen gelangte ich auch zur Onanie, die 
ich ziemlich häufig, zeitweise fast täglich trieb, und zwar in absoluter Unkennt- 
nis der schrecklichen Folgen dieses Lasters. So ging es bis zum 18. Jahre, 
wo ich unbegreiflich Ahnungsloser auf die verderblichen Wirkungen dieses 
Treibens aufmerksam gemacht wurde. 

Von nun an begann der furchtbare Kampf mit der stetigen Versuchung, 
der ich nur zu oft unterlag. Die erwähnten Vorstellungen wichen nicht von 
mir, ich wünschte mir sehnsuchtig von jungen hübschen Leuten von circa 
20 — 22 Jahren in straffsitzenden Beinkleidern gezüchtigt zu werden. Besonders 
waren es junge Militärs, Husaren etc., die meine Phantasie belebten. Zeitweise 
vermochte ich mich meiner Vorstellungen und der Onanie zu erwehren , aber 
dann hatte ich Pollutionen unter denselben Traumvorstellungen. 

In den 20er Jahren bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass die ge- 
schlechtliche Neigung zu weiblichen Personen, welche ich bei gleichalterigen 
Kameraden bemerkte und deren Eintreten ich erwartete, sich nicht einstellte. 
Ich war kalt und zum Theil verlegen Frauen gegenüber. Dabei waren mir 
weibliche Nuditäten keineswegs unangenehm — im Gegentheil, sie hatten 
etwas Anziehendes für mich, nur meine Sinnlichkeit wurde nicht erregt. 

Ich versuchte 2mal Coitus, wurde durchaus nicht abgestossen durch 
Zusammenliegen im Bette mit dem betreffenden Mädchen, küsste und umarmte 
es vielmehr mit Vergnügen, hatte auch Spuren von Erection, weiter aber kam 
es nicht. Seitdem wurde ich hoffnungslos und unterlag zeitweise den Ver- 
suchungen zur Onanie, der ich bis vor wenigen Monaten fröhnte. Trotzdem 
pflegte ich zwar den gesellschaftlichen Verkehr mit Frauen und besonders mit 
jungen Mädchen, war auch in der Gesellschaft gerne gesehen, beliebt als 
flotter Tänzer, immer hoffend, dass auf diese Weise meine unglückselige Nei- 
gung erfolgreich bekämpft werden würde — aber vergebens, sie war immer 
wieder stärker. So habe ich todtunglückliche Stunden verlebt und es ist das 
Gespenst des Selbstmords an mir vorübergegangen. Einmal eröffnete ich mich 
einem Arzte in Pest, aber auch er hatte nur die gewöhnlichen Mittel für ge- 
schlechtlich reizbare Leute, wie kalte Bäder, beruhigende Medikamente, Um- 
gang mit Frauen etc. 

Vergebens versuchte ich Alles, bis mir durch Zufall ein Buch über die 
conträre Sexualempfindung in die Hände fiel und mir einen letzten Hoffnungs- 
schimmer eröffnete. Ich bin in angesehener Stellung als Kaufmann, mit leb- 
haftem Sinn für das Familienleben begabt und in der Lage, mich mit einem 
Mädchen, das ich von Herzen gern habe und das mich gern hat, so günstig 
als möglich verheirathen zu können, und doch fühle ich die grausame Unmög- 
lichkeit, diesen Schritt zu thun. Ich leide furchtbar unter der Erörterung dieser 
scheusslichen Abnormitäten. 

Meine einzige Hoffnung ist eine Heilung auf hypnotischem Wege. Möchte 
sie nicht vergeblich sein." 

Humanität und wissenschaftliches Interesse veranlassten mich, den Schrei- 
ber vorstehender Zeilen zu mir einzuladen. Anfangs Februar kam Herr D., 
eine distinguirte, sympathische, männliche Erscheinung. 

Die Untersuchung des Falles Hess ihn als solchen von Masochismus er- 


104 Paraesthesia sexualis. 

kennen. Er erinnert sich bestimmt, dass, als er einmal Mitschüler in der 
Schule vom Lehrer prügeln sah, ihm dies ein wollüstiges Gefühl hervorrief. 
Kr selbst kann sich nicht erinnern, vom Lehrer jemals geprügelt worden zu 
sein. Sein MasochismuB sei eine durchaus primäre Erscheinung und 
ihm ganz unverständlich. Erst allmälig und faute de mieux sei er zur Onanie 
gekommen, wobei jeweils Flagellationssituationen, in welchen er die passive 
Rolle spielte, ihm vorschwebten. Gelüste nach Prügeln vom Lehrer habe er 
nie gehabt — es waren immer Mitschüler und herangewachsene junge Leute, 
von denen er geprügelt sein wollte. Als Erwachsener hat er es nie über sich 
vermocht, seine masochistischen Neigungen zu befriedigen. 

Im Verkehr mit puellis kam ihm wiederholt die Idee, sich von solchen 
prügeln zu lassen, aber da sie sinnlich ganz unbetont blieb, kam es nicht zur 
Ausfuhrung. Pat. erklärt, seine Neigung zu Personen des eigenen Geschlechts 
sei rein masochistisch. Sonst finde er am Manne sexuell nicht das mindeste Inter- 
esse. Bis zum 18. Jahr hatte Pat. auch sadistische Anwandlungen. Er schwärmte 
für den Stand des Pädagogen, dachte, er müsse Lehrer werden, um Knaben 
prügeln zu können. Dieser ideelle Sadismus verlor sich später voll- 
ständig. Pat. klagt, dass er sich so einsam in der Welt fühle, er komme 
sich wie ein Paria vor, habe das Gefühl, er sei nicht wie die anderen Menschen. 
Seine Libido zum Weib sei doch sehr herabgesetzt, möglicherweise in Folge 
seiner Masturbation. Er bekomme keine Erectionen bei Anblick weiblicher 
Reize, während z. B. der Anblick einer Reitpeitsche, eines Stockes ihn mächtig 
sexuell errege. 

Als er zu coitiren versuchte, traten bei ihm keine masochistischen Vor- 
stellungen auf. Solche stellten sich aber jeweils ein , wenn er sympathischer 
junger Männer ansichtig ward. 

Er glaubt, dass wenn er von seinen Fl agellationsge danken frei würde, 
ihm geholfen wäre, da seine Sinnlichkeit sich dann gewiss auf ein normales 
Gebiet richten würde. 

Pat. bietet neuropathisches Auge, ist frei von allen Degenerationszeichen. 
Bemerkenswerth ist noch iui Sinne einer Belastung, dass der Vater seiner 
Mutter ein Sonderling gewesen ist und sich in psychopathischem Zustand er- 
schossen hat. 

Pat. fühlt sich wohl bis auf leichte neurasthenische Beschwerden. Der 
Patellarreflex ist gesteigert. Die Genitalien sind ganz normal. Seine Pollu- 
tionsträume drehen sich ausschliesslich um Züchtigung durch junge Leute, be- 
sonders Militärs, mit straiFsitzender Hose. 

Als Grundzüge der Behandlung werden aufgestellt: 1. Bekämpfung der 
Erscheinungen der neurasthenischen Neurose. 2. Suggestivbehandlung im Sinne 
a) des Meidens der Onanie, b) der Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen 
Geschlecht und des Verschwindens der Geisseigedanken sowohl im Wachen als 
im Traumleben, c) der ausschliesslichen Libido zum weiblichen Geschlecht, des 
Auftretens von Erectionen beim Anblick schöner Frauengestalten, der vollen 
Potenz dem Weibe gegenüber und des ausschliesslichen Träumens von Weibern. 
Pat. gerieth durch die Bernheim'sche Methode rasch in tiefes Engourdissement 
schon bei der ersten Sitzung. 

In der 2. (5. 2.) wird ein kataleptiformer Zustand der Muskulatur über- 
dies erzielt. Sitzungen fast täglich. Es zeigt sich, dass Stirnstreichen tiefere 


Masochismus. 105 

Hypnose mit Katalepsie macht, die jedoch tiefes Engourdissement nicht über- 
schreitet. In der 3. Sitzung wird mit den Suggestionen begonnen. 

Am 10. 2. behauptet Pat., dass er kein Interesse für den Mann mehr 
habe, dafür wachsendes für das Weib. Er fange an von Weibern zu träumen. 

13. 2. Pat. fühlte sich unter Tags ganz frei von Masochismus, auch 
Stöcke und Peitschen interessiren ihn nicht mehr. Nachts hat er noch „matte" 
Flagellationsträume, Männer betreffend, aber ohne wollüstige Betonung und 
ohne Pollution. Kürzlich hatte er auch einen ihm bisher ganz fremden und 
nicht erotisch gefärbten Traum, des Inhalts, er geissle sich selbst. 

19. 2. Pat. versuchte Coitus mit einer ihm sympathischen Puella. Die 
Erection blieb unvollständig, Ejaculation trat nicht ein, so dass er vom Ver- 
such abstand. Pat. findet, dass seine Libido dem Weib gegenüber doch recht 
gering sei. Er fühlt sich aber nicht unglücklich über seinen vorläufigen Miss- 
erfolg und rechnet auf endlichen Erfolg, da er sich frei von seinen krank- 
haften Anwandlungen und als ein anderer Mensch fühle. 

Am 20. 2. muss Pat. leider, durch verwandtschaftliche Pflichten heim- 
berufen, die Behandlung abbrechen. 

Zur Sicherung der Diagnose dieses rudimentären Falles als 
eines solchen von Masochismus trägt auch der Umstand bei, dass 
hier Andeutungen von Sadismus (s. unten) gleichzeitig vorhanden 
sind. Der rein psychische Charakter dieser letzteren Perversion ist 
aber ausser Frage. Gleichzeitig ist der Fall mit — nicht vollkom- 
men ausgebildeter — conträrer Sexualempfindung combinirt, ein 
Zusammentreffen, welches bei Masochisten und Sadisten nicht sel- 
ten ist. 

Als Gegensatz zu diesem Falle von rudimentärem, schwer 
constatirbarem Masochismus möge hier wieder ein Fall von typischem 
Masochismus folgen, in welchem der gesammte Vorstellungskreis, 
wie er dieser Perversion eigenthümlich ist, vollkommen aus- 
gebildet erscheint. Dieser Fall, über welchen wieder eine ein- 
gehende Selbstschilderung des gesammten psychischen Zustands 
vorliegt, unterscheidet sich von jenem der obigen Beobachtung 44 
nur dadurch, dass auf eine Verwirklichung der perversen Phan- 
tasien hier ganz verzichtet wurde und dass neben der bestehen- 
den Perversion der Vita sexualis normale Reize so weit wirksam 
sind, dass nebenher geschlechtlicher Verkehr unter normalen Be- 
dingungen möglich ist. 

Beobachtung 50. Ich bin 35 Jahre alt, geistig und körperlich normal. 
In dem weitesten Kreise meiner Verwandten — in gerader wie in der Seiten- 
linie — ist mir kein Fall von psychischer Störung bekannt. Mein Vater, welcher 
bei meiner Geburt etwa 30 Jahre alt war, hatte, soviel ich weiss, eine Vorliebe 
für üppige und grosse Frauengestalten. 


1()(3 Paraestfaesia sexualis. 

Schon in meiner früheren Kindheit schwelgte ich gern in Vorstellungen, 
welche die absolute Herrschaft eines Menschen über den andern zum Inhalt 
hatten. Der Gedanke an die Sklaverei hatte für mich etwas höchst Aufregendes, 
und zwar gleich stark vom Standpunkte des Herrn wie von dem des Dieners 
aus. Dass ein Mensch den andern besitzen , verkaufen , prügeln könne , regte 
mich ungemein auf, und bei der Lektüre von „ Onkel Tom's Hütte" (welches 
Werk ich etwa zur Zeit der eintretenden Pubertät las) , hatte ich Erectionen. 
Besonders aufregend war für mich. der Gedanke, dass ein Mensch vor einen 
Wagen gespannt würde, in welchem ein anderer, mit einer Peitsche versehener 
Mensch sass und den Ersteren lenkte und durch Schläge antrieb. 

Bis zum 20. Lebensjahre waren diese Vorstellungen rein objectiv und 
geschlechtslos, d. h. der in meiner Vorstellung entstandene Unterworfene war 
ein Dritter (also nicht ich), auch war der Herrscher nicht nothwendig ein Weib. 

Diese Vorstellungen waren daher auch ohne Einfluss auf meinen geschlecht- 
lichen Trieb, beziehungsweise auf die Ausübung desselben. Wenngleich durch jene 
Vorstellungen Erectionen eintraten, so habe ich doch niemals in meinem Leben 
onanirt, auch coitirte ich von meinem 19. Jahre an ohne Beihülfe der erwähnten 
Vorstellungen und ohne jede Beziehung auf dieselben. Immerhin hatte ich eine 
grosse Vorliebe für ältere, üppige und grosse Frauenspersonen, wenngleich ich 
auch jüngere nicht verschmäht«. 

Von meinem 21. Lebensjahr ab fingen die Vorstellungen an, sich zu ob- 
jektiviren und als fSssentiale trat hinzu, dass die „ Herrin* eine über 40 Jahre 
alte, grosse, Htarke Person sein musste. Von jetzt an war ich — in 
meinen Vorstellungen — stets der Unterworfene; die »Herrin* 
war ein rohes Weib, die mich in jeder Beziehung, auch geschlechtlich, aus- 
nützte, die mich vor ihren Wagen spannte und sich von mir spazieren fahren 
Hess, der ich folgen musste wie ein Hund, der nackt zu ihren Füssen liegen 
musste und von ihr geprügelt, bezüglich gepeitscht wurde. Das war das fest- 
stehende Gerippe meiner Vorstellungen, um welches sich alle anderen gruppirten. 

Ich fand in diesen Vorstellungen stets ein unendliches Behagen, welches 
mir Erection, niemals aber Ejaculation verursachte. In Folge der entstandenen 
geschlechtlichen Aufregung suchte ich mir sodann irgend ein Weib, mit Vorliebe 
ein äusserlich meinem Ideale entsprechendes, aus und coitirte mit demselben, 
ohne irgend welches reale Beiwerk, zuweilen auch ohne beim Coitus von den 
Vorstellungen befangen zu sein. Daneben hatte ich jedoch auch Neigung zu 
anders gearteten Weibern und coitirte auch, ohne durch Vorstellung hierzu ge- 
zwungen zu sein. 

Obgleich ich nach alledem ein in geschlechtlicher Beziehung nicht allzu 
anormales Leben führte, traten doch jene Vorstellungen periodisch mit Sicherheit 
ein, blieben sich im Wesentlichen auch stets gleich. Mit zunehmendem Ge- 
schlechtstriebe wurden die Zwischenräume immer geringer. Gegenwärtig melden 
sich die Vorstellungen etwa alle 14 Tage bis 8 Wochen. Würde ich vorher 
coitiren, so würde vielleicht dem Eintritt derselben vorgebeugt werden. Ich habe 
niemals den Versuch gemacht, meine sehr bestimmt und charakteristisch auf- 
tretenden Vorstellungen zu realisiren, d. h. sie mit der Aussenwelt in Verbindung 
zu bringen, sondern mich stets mit Schwelgereien in Gedanken begnügt, weil 
ich von der Ueberzeugung fest durchdrungen war, dass sich eine Realisirung 
meiner „Ideale * niemals auch nur annähernd würde herbeiführen lassen. Der 


Masochismus. 107 

Gedanke an eine Comödie mit bezahlten Dirnen erschien mir stets lächerlich 
und zwecklos, denn eine von mir bezahlte Person könnte in meiner Vorstellung 
niemals die Stelle einer „ grausamen Herrin* 1 einnehmen. Ob es sadistisch an- 
gehauchte Weiber wie Sacher-Masoch's Heldinnen gibt, bezweifle ich. Wenn 
es deren aber auch gäbe und ich das Glück (!) gehabt hätte , eine solche zu 
finden, so würde mir ein Verkehr mit derselben mitten in der realen Welt immer 
nur als eine Comödie erschienen sein. Ja, sagte ich mir, wenn es mir sogar 
pasgirt wäre, in die Sklaverei einer Messalina zu gelangen, so glaube ich, dass 
ich bei den sonstigen Entbehrungen jenes von mir erstrebten Lebens sehr bald 
überdrüssig geworden wäre, und in den lucidis intervallis meine Freiheit unter 
allen Umständen zu erreichen getrachtet hätte. 

Dennoch habe ich ein Mittel gefunden, in gewissem Sinne eine Reali- 
sirung herbeizuführen. Nachdem durch vorangegangene Schwelgereien mein 
Geschlechtstrieb stark angeregt ist, gehe ich zu einer Prostituirten und stelle 
mir dort irgend eine Geschichte des vorerwähnten Inhaltes, in welcher ich die 
Hauptperson bilde, innerlich lebhaft vor. Nach etwa halbstündiger, unter stetiger 
Erection erfolgenden inneren Ausmalung solcher Situationen coitire ich sodann 
mit gesteigertem Wollustgefühl und unter starker Ejaculation. Nach der letzteren 
ist der Spuk verschwunden. Beschämt entferne ich mich so bald als möglich, 
und vermeide auf das Vorangegangene zurückzukommen. Sodann habe ich 
etwa 14 Tage keinerlei Vorstellungen mehr; bei besonders befriedigendem Coitus 
kommt es sogar vor, dass ich bis zum nächsten Anfalle gar kein Verständniss 
für masochistische Situationen habe. Der nächste Anfall kommt aber sicher, 
ob früher oder später. Ich muss jedoch bemerken, dass ich auch coitire, 
ohne durch solche Vorstellungen präparirt zu sein, insbesondere auch mit 
weiblichen Wesen, die mich und meine bürgerliche Stellung genau kennen, 
und in deren Gegenwart ich jene Vorstellungen durchaus perhorrescire. In 
letzteren Fällen bin ich jedoch nicht immer potent, während 
die Potenz unter dem Banne masochistischer Vorstellungen eine unbedingte ist. 
Dass ich in meinem übrigen Denken und Fühlen sehr ästhetisch veranlagt bin 
und die Misshandlung eines Menschen an sich u. s. w. im höchsten Grade 
verachte, erscheint mir nicht überflüssig zu bemerken. Schliesslich will ich 
nicht unerwähnt lassen, dass auch die Form der Anrede von Bedeutung ist. 
Es ist ein Essentiale in meinen Vorstellungen, dass die „Herrin" mich mit 
.Du" anredet, während ich dieselbe mit „.Sie" anreden muss. Dieser Umstand 
des Geduztwerdens von einer dazu geeigneten Person, als Ausdruck der absoluten 
Herrschaft, hat mir von früher Jugend an schon Wollustgefühle erregt und 
thut dies auch heute noch. 

Ich habe das Glück gehabt, eine Frau zu finden, welche mir in allen 
Punkten, vor allem auch in geschlechtlicher Beziehung, durchaus zusagte, ob- 
wohl dieselbe, wie ich nicht erst hinzuzufügen brauche, in keiner Weise maso- 
chistische n Idealen ähnelt. 

Dieselbe ist sanftmüthig, jedoch üppig, ohne welche Eigenschaft ich mir 
überhaupt einen geschlechtlichen Reiz nicht vorstellen kann. 

Die ersten Monate der Ehe verliefen geschlechtlich ganz normal, die 
masochistischen Anfälle blieben gänzlich aus, ich hatte beinahe das Verständniss 
rar den Masochismus verloren. Da kam das erste Kindbett und hiermit die 
nothwendig gewordene Abstinenz. Pünktlich stellten sich sodann mit ein- 


108 Paraesthesia sexualis. 

tretender Libido die masochistischen Anwandlungen wieder ein, welche mit 
unabweisbarer Notwendigkeit einen außerehelichen Coitus mit masochistischen 
Vorstellungen herbeiführten — trotz meiner aufrichtigen grossen Liebe zu 
meiner Frau. 

ßemerkenswerth ist hierbei, dass der später wieder beginnende Coitus 
maritaUs sich nicht als ausreichend erwies, um die masochistischen Vorstellungen 
zu bannen, wie das bei einem masochistischen Coitus regelmassig der Fall ist. 

Was das Wesen des Masochismus anbelangt, so bin ich der Ansicht» 
dass bei demselben die Vorstellungen, also die geistige Seite, Haupt- und Selbst- 
zweck sind. 

Wäre die Verwirklichung masochistischer Ideen (also die passive 
Flagellation u. dergl.) das ersehnte Ziel, so steht hiermit die Thatsache im 
Widerspruche, dass ein grosser Theil der Masochisten zur Verwirklichung ent- 
weder gar nicht schreitet, oder, wenn er dies dennoch versucht, eine grosse 
Ernüchterung empfindet, jedenfalls die ersehnte Befriedigung nicht erzielt. 

Also das Schwelgen selbst ist Hauptsache, und dieses bietet in der That 
einen unerhörten Genuss, welches den davon Befangenen über alles Aeusserliche, 
selbst über Kummer und Sorgen, hinwegsetzt. 

Eine staunenerregende Thatsache ist es, dass es einen Autor gibt, der 
den Inhalt seiner derartigen Schwärmereien, anstatt dieselben, wie Andere, im 
tiefinnersten Geinüthe zu bewahren, der Allgemeinheit preisgibt und zwar in 
Form von Novellen und Romanen. 

In der „ Venus im Pelz" finden wir Gleichempfindende Wort für Wort, 
Zeile für Zeile die uns so vertrauten Vorstellungen, von denen wir freilich bis- 
her glaubten, sie seien unsere ureigenste Erfindung. 

Ich hielt es bisher nicht für möglich, dass z. B. der mit Wollust betonte 
Gedanke, in einen Pflug gespannt und gleich einem Zugthier zur Arbeit ge- 
trieben zu werden, ausser in meinem noch in einem anderen Menschenhirn 
auftauchen könne. 

Auch die Launenhaftigkeit der Herrin, das sie bedienen Müssen, bei der 
Toilette und im Bade, das Eingesperrtwerden — ach wie unendlich vertraut 
sind uns von Kindheit an solche Vorstellungen! 

Daher wirkt, vielleicht gerade wegen dieser Hervorzerrung geheim 
zu haltender Dinge an das Tageslicht, die Lektüre dieses Buches auch auf 
Masochisten abstossend, und daher ernüchternd und heilend. 

Schliesslich möchte ich nicht unterlassen, aus meiner Erfahrung zu be- 
stätigen, dass die Zahl der Masochisten, besonders in grossen Städten, in der 
That eine ziemlich grosse zu sein scheint. Die einzige Quelle für derartige 
Forschungen sind — da Mittheilungen inter viros nicht stattzufinden pflegen — 
die Aussagen der Prostituirten und da diese in den wesentlichen Punkten über- 
einstimmen, wird man immerhin gewisse Thatsachen für erwiesen annehmen 
können. 

Dahin gehört zunächst die Thatsache, dass jede erfahrene Prostituirte 
irgend ein zur Flagellation geeignetes Instrument (gewöhnlich eine Ruthe) im 
Besitze zu haben pflegt, wobei allerdings in Betracht zu ziehen ist, dass es 
Männer gibt, die sich lediglich zur Erhöhung ihrer Geschlechtslust geissein 
lassen, also — im Gegensatze zu den Masochisten — die Flagellation als Mittel 
betrachten. 


Masochismus. 109 

Dagegen stimmen die Prcrstituirten fast sämmtlich darin überein, dass es 
eine Anzahl von Männern gibt, welche gern „Sklaven" spielen, d. h. sich gerne 
so nennen hören, sich schimpfen und treten, auch schlagen lassen. Wie gesagt, 
die Zahl der Masochisten ist grösser, als man es sich bisher hat träumen 
lassen. 

Die Lektüre der »neuen Forschungen 1 * machte, wie Sie sich denken kön- 
nen, einen ungeheuren Eindruck auf mich. Ich möchte an eine Heilung, so- 
zusagen an eine Heilung durch Logik, glauben, nach dem Motto : „tout com- 
prendre c'est tout guerir." 

Freilich ist das Wort Heilung mit Einschränkung zu verstehen, und zwar 
mn88 man auseinanderhalten: allgemeine Gefühle und concrete Vorstellungen. 
Die ersteren sind niemals zu beseitigen. Sie kommen wie der Blitz und sind 
da, man weiss nicht von wannen und wieso. 

Aber die Ausübung" des Masochismus durch Schwelgen in concreten, zu- 
sammenhängenden Vorstellungen läset sich vermeiden oder doch eindämmen. 

Jetzt liegt die Sache anders. Ich sage mir: Was, du begeisterst dich an 
Dingen, die nicht nur das ästhetische Gefühl Anderer, sondern auch dein eigenes 
reprobirt? Du findest etwas schön und begehrenswerth, was andererseits, nach 
deinem eigenen Urtheil, hässlich, gemein, lächerlich und unmöglich zugleich 
ist? Du sehnst eine Situation herbei, in die du in Wirklichkeit niemals gelangen 
möchtest? Diese Gegenvorstellung wirkt sofort hemmend und ernüchternd, und 
bricht den Phantasien die Spitze ab. Thatsächlich habe ich auch seit der 
Lektüre der „neuen Forschungen* (etwa Anfang dieses Jahres) nicht ein einziges 
Mal mehr geschwelgt, obwohl die masochistischen Anwandlungen selbst sich in 
den regelmässigen Intervallen einstellten. 

Im Uebrigen muss ich gestehen, dass der Masochismus trotz seines stark 
pathologischen Charakters nicht nur nicht im Stande ist, mir den Genuss des 
Lebensglückes zu vereiteln, sondern überhaupt auch nicht im Geringsten in 
mein äusseres Leben eingreift. In nicht masochistischem Zustande bin ich, was 
Fühlen und Handeln anlangt, ein äusserst normaler Mensch. Während der 
masochistischen Anwandlungen ist zwar im Gefühlsleben eine grosse Revolution 
ausgebrochen, meine äussere Lebensweise erleidet jedoch keine Aenderung. Ich 
habe einen Beruf, welcher es mit sich bringt, dass ich mich viel in der Oeffent- 
lichkeit bewege. Ich übe denselben auch im masochistischen Zustande ebenso 
aus wie sonst. 

Der Verfasser der vorstehenden Aufzeichnungen übersandte 
mir ferner noch die folgenden Bemerkungen: 

I. Masochismus ist meiner Erfahrung gemäss unter allen Umständen 
angeboren, und keineswegs vom Individuum gezüchtet. Ich weiss es positiv, 
dass ich niemals auf das Gesäss geschlagen worden bin, und dass meine maso- 
chistischen Vorstellungen von frühester Jugend an sich zeigten, und dass ich, 
solange ich überhaupt zu denken vermag, derartige Gedanken hegte. Wäre die 
Entstehung derselben die Folge eines bestimmten Ereignisses, insbesondere eines 
Schlages gewesen, so würde ich ganz bestimmt die Erinnerung hieran nicht 
verloren haben. Charakteristisch ist, dass die Vorstellungen bereits vorhanden 
waren, ehe noch Libido überhaupt vorhanden war. Damals waren die Vor- 


HO Paraesthesia sexaalis. 

Stellungen auch gänzlich geschlechtslos. Ich besinne mich, das« es mich als 
Knabe stark anregte (um nicht zu sagen aufregte), als ein älterer Knabe mich 
duzte, während ich zu ihm „Sie* sagte. Ich drängte mich zu einer Unterhaltung 
mit demselben, wobei ich dafür sorgte, dass diese gegenseitige Anrede möglichst 
häufig erfolgte. Später, als ich geschlechtsreifer wurde, hatten derartige Sachen 
nur dann Reiz, wenn sie Beziehung zu einer Frau, und zwar zu einer (rela- 
tiv) älteren hatten. 

II. Ich bin körperlich und seelisch durchaus männlich veranlagt. Ueber- 
starker Bartwuchs und starke Behaarung am ganzen Körper. In meinen nicht 
masochistischen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht ist für mich die domi- 
nirende Stellung des Mannes eine unerläßliche Bedingung, und jeden Versuch, 
dieselbe zu beeinträchtigen, würde ich mit Energie zurückweisen. Ich bin ener- 
gisch, wenn auch nicht allzu muthig, doch wird der fehlende Muth dann ergänzt, 
wenn es sich um Verletzung des Stolzes handelt. Gegen Naturereignisse (Ge- 
witter, Meeressturm u. s. w.) bin ich völlig unempfindlich *). 

Auch meine masochistischen Neigungen haben nichts, was weiblich oder 
weibisch zu nennen wäre (?). Allerdings ist hierbei die Neigung vorherrschend, 
vom Weibe gesucht und begehrt zu werden, doch ist das allgemeine Verhält- 
niss zur „ Herrin 8 , wie es herbeigesehnt wird, nicht das, in welchem das Weib 
zum Manne steht, sondern das Verhältniss des Sklaven zum Herrn, das des 
Hausthieres zu seinem Besitzer. Zieht man ganz rücksichtslos die Consequenzen 
aus dem Masochismus, so kann man nicht anders sagen, als dass das Ideal 
desselben die Stellung eines Hundes oder Pferdes ist. Beide sind in Eigenthum 
eines Anderen, werden von demselben nach Gutdünken gemisshandelt, ohne dass 
dieser irgend Jemand Rechenschaft zu geben hätte. 

Gerade diese unumschränkte Herrschaft über Leben und Tod. wie sie nur 
beim Sklaven und Hausthiere zu finden ist, ist das Um und Auf aller maso- 
chistischen Vorstellungen. 

III. Die Grundlage aller masochistischen Vorstellungen ist die Libido, und 
je nachdem bei dieser Ebbe und Fluth eintritt, ist dasselbe auch bei jenen der 
Fall. Andererseits erhöhen die Vorstellungen, sobald sie vorhanden sind, die 
Libido ganz erheblich. Ich bin von Natur durchaus nicht übermässig geschlechts- 
bedürftig. Erscheinen jedoch die masochistischen Vorstellungen, so drängt es 
mich zum Coitus um jeden Preis (meist zieht es mich dann zu möglichst 
niedrigen Weibern), und wird diesem Drängen nicht bald Statt gegeben, so 
steigert sich in kurzer Zeit die Libido bis fast zur Satyriasis. Man könnte 
hier fast von einem Circulus vitiosus sprechen. 

Die Libido tritt ein, entweder durch Zeitablauf oder besondere Aufregung 
(auch nicht masochiBtischer Art, z. B. Küssen). Trotz dieses Ursprunges ver- 
wandelt sich diese Libido kraft der durch sie selbst erzeugten masochistischen 
Vorstellungen sehr bald in eine masochistische, also unreine Libido. 

Dass übrigens die Begierde durch äussere zufällige Eindrücke, ins- 
besondere durch den Aufenthalt in den Strassen einer Grossstadt, erheblich 
gesteigert wird, unterliegt keinem Zweifel. Der Anblick schöner und imponirender 


] ) Diese Differenz des Muthes gegenüber Naturereignissen einerseits, 
Willenskonflikten andererseits ist jedenfalls auffallend (vgl. Beob. 44 p. 96), 
wenn auch hier die einzige erwähnte Andeutung von Effeminatio. 


Masochismus. 111 

Frauengestalten , in natura wie in effigie, wirkt aufregend. Für den unter 
dem Zeichen des Masochismus Stehenden ist — wenigstens für die Dauer des 
Anfalles — das ganze äussere Erscheinungsleben masochistisch angehaucht. 
Die Ohrfeige, die die Meisterin dem Lehrling applicirt, der Peitschenhieb des 
Fiakers — alles das hinterlässt dem Masochisten tiefe Eindrücke, während es 
ihn im nicht masochistischen Zustande gleichgültig läset oder gar anekelt. 

IV. Nachfolgend ein Beispiel von masochistischen Vorstellungen: 
„Sie* ist ein Bauernweib, ein rohes, grosses, starkknochiges Weib von 

40 — 50 Jahren. Sie ist Besitzerin eines kleinen, gänzlich abgelegenen Gehöftes, 
das sie ganz allein mit nur ihrem Knechte bewirthschaftet. Schon vor Sonnen- 
aufgang beginnt die Arbeit. Um 4 Uhr Morgens öffnet sie den Verschlag, in 
welchem sie mich Nachts über eingesperrt hielt, und weckt mich, den auf dem 
Boden Liegenden, mit einem Fusstritte, dann werde ich herausgeführt und vor 
einen Wagen gespannt, der mit Milch nach der Stadt fährt. Sie geht mit dem 
Stricke nebenher und treibt mich an; auf der Landstrasse setzt sie sich auf 
den ohnehin schweren Wagen und schläft bis zur Ankunft- am Ziele. Dort, 
auf offenem Markte des kleinen Städtchens, liege ich, immer noch vor den 
Wagen gespannt, auf dem blossen Erdboden und ruhe mich aus. Vorüber- 
gehende sto88en oder treten mich unversehens. Nachdem der Vorrath verkauft 
ist, geht es wieder heimwärts. Nach kurzer Rast beginnt neue Arbeit, immer 
unter Aufsicht der Herrin, welche mit dem Stricke daneben steht und mich 
antreibt. Abends um 7 oder 8 Uhr werde ich zur Ruhe gebracht und schlafe 
dann bis zum andern Morgen, wo dasselbe Spiel beginnt. Arbeit und Schläge, 
Schläge und Arbeit, kein Vergnügen, keine Zerstreuung, tagein, tagaus! 

Ein andermal denke ich mich in die Rolle der bezahlten Geliebten eines 
älteren weiblichen Roues, welche mich in geschlechtlicher Weise auf das Rück- 
sichtsloseste ausnützt und in dieser Beziehung die schamlosesten Ansprüche 
an mich stellt. Genüge ich diesen nicht willig, so erhalte ich Schläge oder 
andere Strafen, dabei verachtet sie mich unsäglich, läset mich die niedrigste 
Hausarbeit verrichten, und zeigt mir bei jeder Gelegenheit, wie niedrig sie 
meine Manneswürde achtet. 

Ich kann den Charakter des Masochismus in keine bessere Formel kleiden, 
als in folgende: 

Ein richtiger Masochist zieht den Fusstritt eines gemeinen Weibes ohne 
Bedenken den Umarmungen einer Venus vor. 

V. Schon bei der Lektüre von Sacher-Masoch fiel es mir auf, dass bei 
dem Masochisten ab und zu sadistische Gefühle gelegentlich mit unterlaufen. 
Auch an mir habe ich hin und wieder sporadische Empfindungen von Sadismus 
entdeckt. Ich muss aber bemerken, dass die sadistischen Gefühle, nicht derart 
markant sind als die masochistischen, und dass dieselben, abgesehen davon, 
dass sie nur selten und gewissermassen accessorisch auftreten, niemals aus dem 
Rahmen des abstracten Gefühlslebens heraustreten und vor Allem nicht die 
Gestalt concreter und zusammenhängender Vorstellungen (wie oben) annehmen. 
Die Wirkung auf die Libido ist jedoch bei beiden die gleiche. 

War dieser Fall merkwürdig durch die vollständige Entwicke- 
lung des psychischen Thatbestandes der den Masochismus ausmacht, 
so ist es der folgende durch die besondere Extravaganz der aus 


112 Paraesthesia sexual is. 

der Perversion hervorgehenden Handlungen. Auch dieser Fall ist 
besonders geeignet, das Moment der Unterwerfung unter und der 
Demüthigung durch das Weib zugleich mit der eigenthümlichen 
geschlechtlichen Betonung der daraus sich ergebenden Situationen 
klar zu machen. 

Beobachtung 51. Masochismus. Herr Z., Beamter. 50 Jahre, gros?-, 
muskulös, gesund, stammt angeblich von gesunden Eltern, jedoch war der Vater 
bei der Zeugung 30 Jahre älter als die Mutter. Eine Schwester, 2 Jahre älter 
als Z„ leidet an Verfolgungswahn. Z. bietet in seinem Aeusseren nichts Auf- 
fälliges. Skelett durchaus männlich, starker Bart, jedoch Rumpf gänzlich un- 
behaart. Er bezeichnet sich als prononcirten Gemüthsmensch , der Niemand 
etwas abschlagen kann, gleichwohl jähzornig, aufbrausend, dabei augenblicklich 
bereuend. 

Z. hat angeblich nie onanirt. Von Jugend auf nächtliche Pollutionen, 
bei denen nie der sexuelle Akt, immer aber das Frauenzimmer eine Bolle 
spielt«. Es träumte ihm z. B., eine ihm sympathische Frauensperson lehne 
sich kräftig an ihn an, oder er lag schlummernd im Grase und sie stieg scherz- 
weise auf seinen Rücken. Vor Coitus mit einem Weibe hatte Z. von jeher 
Abscheu. Dieser Akt kam ihm thierisch vor. Trotzdem drängte es ihn zum 
Weibe. Nur in Gesellschaft von hübschen Frauen und Mädchen fühlte er sich 
wohl und an seinem Platze. Er war sehr galant, ohne je zudringlich zu sein. 

Eine üppige Frau mit schönen Formen, namentlich hübschem Fuss, 
konnte ihn, wenn sie sass, in höchste Erregung versetzen. Es drängte ihn, 
sich ihr als Stuhl anzubieten, um „so viel Herrlichkeit tragen zu dürfen". Ein 
Tritt, eine Ohrfeige von ihr wäre ihm Seligkeit gewesen. Vor dem Gedanken, 
mit ihr zu coitiren, hatte er Horror. Er fühlte das Bedürfniss, dem Weibe zu 
dienen. Es kam ihm vor, dass Damen gerne reiten. Er schwelgte in dem 
Gedanken, wie herrlich es sein müsste, sich unter der Last eines schönen 
Weibes abzuquälen, um ihm Vergnügen zu bereiten. Er malte sich die Situation 
nach jeder Richtung aus, dachte sich den schönen Fuss mit Sporen, die herr- 
lichen Waden, die weichen vollen Schenkel. Jede schön gewachsene Dame, 
jeder hübsche Frauenfuss regte seine Phantasie immer mächtig an, aber niemals 
verrieth er Beine absonderlichen, ihm selbst abnorm erscheinenden Empfindungen 
und wusste sich zu beherrschen. Er fühlte aber auch kein Bedürfniss, dagegen 
anzukämpfen — im Gegentheil, es hätte ihm leid gethan, seine ihm so liob 
gewordenen Gefühle preisgeben zu müssen. 

32 Jahre alt, machte Z. zufällig die Bekanntschaft einer ihm sympathi- 
schen, vom Manne geschiedenen und in Nothlage befindlichen 27 Jahre alt<*n 
Frau. Er nahm sich um sie an, arbeitete für sie, ohne irgendwelche eigen- 
nützige Absicht, monatelang. Eines Abends verlangte sie ungestüm von ihm 
geschlechtliche Befriedigung, that ihm beinahe Gewalt an. Der Coitus hatte 
Folgen. Z. nahm die Frau zu sich, lebte mit ihr, coitirte massig, empfand 
den Coitus mehr als eine Last denn als einen Genuss, wurde erectionsschwach. 
konnte die Frau nicht mehr recht befriedigen, bis sie endlich erklärte, sie 
wolle keinen Verkehr mehr mit ihm, da er sie nur reize, aber nicht befriedig!*. 
Obwohl er die Frau unendlich liebte, konnte er doch seinen eigenartigen 


Masochismus. 113 

Phantasien nicht entsagen. Er lebte nun mit der Frau nur mehr in freund- 
schaftlichem Verkehr und beklagte es tief, dass er ihr in seiner Weise nicht 
dienen konnte. 

Furcht, wie sie bezügliche Propositionen aufnehmen möchte, und Scham- 
gefühl hielten ihn davon ab, sich ihr zu entdecken. Er fand Ersatz dafür in 
seinen Träumen. So träumte ihm z. B., er sei ein edles feuriges Pferd und 
werde von einer schönen Dame geritten. Er fühlte ihr Gewicht, den Zügel, 
dem er gehorchen musste, den Schenkeldruck in der Flanke, er hörte ihre 
wohlklingende fröhliche Stimme. Die Anstrengung trieb ihm den SchweisB aus, 
das Empfinden des Sporns that das Uebrige und bewirkte jeweils das Eintreten 
einer Pollution unter grossem Wollustgefühl. 

Anderemale träumte ihm, er sei ein kleines, ganz schwaches Pferd. Nun 
kam eine grosse massige Frauensperson, bestieg das Pferd und unternahm eine 
grössere Bergparthie. 

Rücksicht«- und mitleidslos Hess sie ihre Last das arme Thier fühlen, 
behäbig machte sie es sich bequem auf dessen Rücken, und während er unter 
ihr zusammenzubrechen drohte, war sie unendlich vergnügt und bewunderte 
mit Seelenruhe die reizende Gegend. 

Unter dem Einflüsse solcher Träume überwand Z. vor 7 Jahren seine 
Scheu, um derlei auch in der Wirklichkeit erleben zu können. 

Es gelang ihm, „passende" Gelegenheiten aufzutreiben. Er berichtet 
darüber Folgendes: »Ich wusste es immer so anzustellen, dass bei irgend einer 
Gelegenheit sie sich von selbst auf meinen Rücken setzte. Nun trachtete ich 
ihr diese Situation so angenehm als möglich zu machen und erreichte es leicht, 
dass sie bei nächster Gelegenheit aus eigenem Antrieb sagte: »Komm, lass 
mich ein bischen reiten!" Gross gewachsen und beide Hände auf einen Stuhl 
gestützt, brachte ich meinen Rücken in horizontale Lage, auf den sie sich 
dann rittlings, nach Männerart reitend, setzte. Ich machte dann so viel als 
möglich alle Bewegungen eines Pferdes und liebte es, wenn auch sie mich nur 
als Pferd behandelte, ganz ohne Rücksicht. Sie konnte mich schlagen, stechen, 
schelten, liebkosen, ganz nach Laune. Personen von 60 — 80 Kilo konnte ich 
so 7« "-'/* Stunden ununterbrochen auf dem Rücken haben. Nach dieser Zeit 
bat ich gewöhnlich um eine Ruhepause. Während dieser Zeit war der Verkehr 
zwischen mir und der Herrin ein ganz harmloser und von dem Vorher- 
gegangenen nicht die Rede. Nach einer Viertelstunde war ich jeweils wieder 
vollkommen erholt und stellte mich der Herrin bereitwillig wieder zur Ver- 
fügung. Ich machte dies, wenn es Zeit und Umstände erlaubten, 3— 4mal 
hintereinander. Es kam vor, dass ich Vor- und Nachmittags mich hingab. 
Ich fühlte nachträglich keine Ermüdung oder sonst ein unbehagliches Gefühl, 
nur hatte ich an solchen Tagen sehr wenig Esslust. Wenn es anging, war es 
mir am liebsten, wenn ich den Oberkörper entblössen konnte, um die Reitgerte 
empfindlicher zu fühlen. Die Herrin musste decent sein. Am liebsten war 
sie mir mit schönen Schuhen, Strümpfen, kurzer, bis zu den Knieen reichender 
geschlossener Hose, Oberkörper vollkommen bekleidet, mit Hut und Hand- 
schuhen.* 

Herr Z. berichtet weiter, dasB er seit 7 Jahren Coitus nicht mehr voll- 
zogen hat, sich jedoch für potent hält. Das Damenreiten entschädige ihn 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 8 


1X4 Paraesthesia sexualis. 

vollkommen für jenen „thierischen Akt", auch dann, wenn es nicht gerade zur 
Ejaculation kam. 

Seit 8 Monaten hat sich Z. gelobt, von seinem masochistischen Sport 
abzulassen, und dieses Gelübde auch gehalten. Gleichwohl meint er. wenn 
ein auch nur halbwegs hübsches Weib ihn ohne Umschweife anreden würde 
„komm, ich will dich reiten," er nicht die Kraft hätte, dieser Versuchung zu 
widerstehen. Z. bittet um Aufklärung, ob seine Abnormität heilbar sei, ob 
er verabscheuungBWürdig sei als lasterhafter Mensch, oder ein Kranker, der 
Mitleid verdiene. 

Sehr ähnlich erscheint der folgende Fall. 

Beobachtung 52. Ein Mann findet seine Befriedigung in folgender 
Weise : Er geht zeitweise zu einer Puella publica. Hier lägst er zunächst einen 
Porcellanring, wie man sie zum Aufhängen von Fenstervorhängen benutzt, 
über seinen Penis ziehen. An den Ring werden zwei Schnüre geknüpft, diese 
werden zwischen seinen Beinen durch nach rückwärts geführt und dann an 
einer Ecke der Bettstelle befestigt. Nun bittet jener Mann das Weib, ihn mit 
einer Peitsche unbarmherzig zu schlagen, ihm dabei fortwährend „hüh* zuzu- 
rufen und ihn überhaupt wie ein störrisches Pferd zu behandeln oder zu 
misshandeln. Je mehr ihn das Weib durch Zurufe und Hiebe zum Anziehen 
anspornt, desto höher steigt bei ihm die sexuelle Erregung; es tritt Erection 
ein (wohl auch mechanisch begünstigt durch Gompression der Vena dorsalis 
penis, welche, wenn die Schnüre straff gespannt werden, durch den harten 
Ring zusammengedrückt werden muss). Bei zunehmender Erection wird das 
ganze Glied durch den Ring comprimirt und endlich tritt Ejaculation mit 
Wollustgefühl ein. 

Schon in der bisherigen Casuistik hat neben anderen Dingen 
das Treten mit Füssen eine Rolle als Ausdrucksmittel masochistischer 
Situationen der Demüthigung und Schmerzzufügung gespielt. Die 
ausschliessliche und weitestgehende Verwerthung dieses Mittels zu 
perverser Erregung und Befriedigung zeigt der folgende klassische 
Fall von Masochismus, welchen Hammond op. cit. p. 28, nach einer 
Beobachtung von Dr. Cox 1 ) in Colorado, berichtet. 

Beobachtung 53. X., Muster eines Ehemanns, streng sittlich.. Vater 
mehrerer Kinder, hat Zeiten resp. Anfälle, in welchen er ins Bordell geht, sich 
2 — 3 der grössten Mädchen auswählt und mit ihnen sich einschliesst. Er ent- 
blösst seinen Oberkörper, legt sich auf den Boden, kreuzt die Hände auf dem 
Abdomen, schliesst die Augen und lässt die Puellae über seine nackte Brust, 
Hals und Gesicht gehen und ersucht sie, kräftig bei jedem Tritt sein Fleisch 
mit den Absätzen ihrer Schuhe zu drücken. Gelegentlich verlangt er eine 
noch schwerere Dirne oder einige andere Kunstgriffe, die jene Procedur noch 
grausamer gestalten. Nach 2 — 3 Stunden hat er genug, honorirt die Mädchen 


*) Transactions of the Colorado State medical society quoted in the 
, Alienist and Neurologist" 1883 April, p. 345. 


Masochismus. 115 

mit Wein und Geld, reibt sich seine blauen Flecke, kleidet sich an, zahlt seine 
Rechnung und geht in sein Geschäft, um nach einer Woche etwa dieses sonder- 
bare Vergnügen sich neuerdings zu verschaffen. 

Gelegentlich kommt es vor, dass er eines dieser Mädchen sich auf seine 
Brost stellen läset, während die anderen sie im Kreise herumdrehen müssen, 
bis seine Haut unter dem Drehen der Schuhabsätze blutrünstig geworden ist. 

Häufig muss eines der Mädchen so auf ihn sich stellen, dass ein Schuh 
quer über den Augen steht und der Absatz auf den einen Augapfel drückt, 
wahrend der andere Schuh quer über seinem Halse ruht. In dieser Stellung 
hält er den Druck der circa 150 Pfund schweren Person etwa 4 — 5 Minuten 
lang aus. Verf. spricht von Dutzenden analoger Fälle, die ihm 
bekannt geworden seien. Hammond vermuthet mit Grund, dass dieser 
Mann, im Verkehr mit dem Weibe impotent geworden, in dieser eigenartigen 
Procedur ein Aequi valent für Coitus sucht und findet, und während er blutig 
getreten wird, angenehme, von Ejaculation begleitete Sexualgefühle hat. 

Die bisher angeführten zehn Fälle von Masochismus und die 
zahlreichen analogen Fälle, welche die Berichterstatter erwähnen, 
bilden das Gegenstück zur oben geschilderten Gruppe c. des Sadis- 
mus. Wie dort perverse Männer an der Misshandlung von Weibern 
sich erregen und befriedigen, so suchen sie hier den gleichen Effect 
durch das passive Empfangen solcher Misshandlungen. 

Aber auch die Gruppe a. der Sadisten, die der Lustmörder, 
ist merkwürdiger Weise nicht ganz ohne Gegenstück im Maso- 
chismus. 

In seiner äussersten Consequenz muss ja der Masochismus zu 
der Begierde führen, von einer Person des anderen Geschlechts 
getödtet zu werden, so wie der Sadismus im aktiven Lustmord 
gipfelt. Solcher Consequenz stellt sich aber der Trieb der Lebens- 
erhaltung entgegen, so dass es hier nicht zum Aeussersten in wirk- 
licher Ausführung kommt. 

Wo aber das ganze Gebäude der masochistischen Vorstellungen 
nur in petto errichtet wird, da kann es in den Phantasien solcher 
Individuen selbst zu dieser äussersten Consequenz kommen, wie der 
folgende Fall zeigt. 

Beobachtung 54. Ein Mann in mittleren Jahren, verheirathet und 
Familienvater, der stete eine normale Vita sexualis geführt hat, aber aus sehr 
„nervöser" Familie zu stammen angibt, macht folgende Mittheilung: In seiner 
frühen Jugend sei er beim Anblick einer Frauensperson, welche ein Thier mit 
einem Messer schlachtete, sexuell mächtig erregt worden. Von da ab habe er 
viele Jahre lang in der wollüstig betonten Vorstellung geschwelgt, von Weibern 
mit Messern gestochen und geschnitten, ja selbst getödtet zu werden. Später, 
nach Beginn des normalen Geschlechtsverkehrs, haben diese Vorstellungen den 
perversen Beiz für ihn gänzlich verloren. 


116 Paraesthesia sexualis. 

Mit diesem Falle sind die oben p. 96 angeführten Mit- 
theilungen zu vergleichen, wonach Männer einen sexuellen Genuss 
darin finden, von Weibern mit Messern leicht gestochen, dabei aber 
mit dem Tode bedroht zu werden. 

Derartige Phantasien geben vielleicht den Schlüssel zum Ver- 
standniss des folgenden seltsamen Falles, welchen ich einer Mit- 
theilung des Herrn Dr. Körb er in Rankau i./Schl. verdanke. 

Beobachtung 55. Eine Dame erzählte mir Folgendes: Als junges 
unwissendes Mädchen wurde sie mit einem etwa 80jährigen Manne verheirathet. 
In der ersten Nacht ihres Ehelebens zwang er ihr ein Waschnäpfchen mit Seife 
in die Hände und wünschte dringend, ohne jedwede Liebesbezeugung, von ihr 
um Kinn und Hals (wie zum Barbieren) eingeschäumt zu werden. Die völlig 
unerfahrene junge Frau that es und war nicht wenig erstaunt, in den ersten 
Wochen ihres Ehelebens dessen Geheimnisse in absolut keiner anderen Form 
kennen zu lernen ; der Mann erklärte ihr beständig, dass es ihm höchster Genuss 
sei, von ihr im Gesicht eingeschäumt zu werden. Nachdem sie später Freun- 
dinnen zu Rathe gezogen, brachte sie ihren Mann zur Ausübung des Coitus 
und hat (wie sie bestimmt versichert, von ihm) im Laufe der Jahre drei Kinder 
bekommen. Der Mann ist ein fleissiger und solider, aber kurz angebundener, 
mürrischer Mensch, seines Zeichens Kaufmann. 

Es ist immerhin denkbar, dass der hier erwähnte Mann den 
Akt des Rasirens (resp. Einseifens als Vorbereitung dazu) als eine 
rudimentäre, symbolische Verwirklichung von Verletzungs- oder 
Tödtungsvorstellungen und Messer-Phantasien, wie sie der obige 
ältere Herr in seiner Jugend hatte, auffasste und auf diese Weise 
dadurch sexuell erregt und befriedigt wurde. Das vollkommene 
sadistische Gegenstück zu diesem so aufgefassten Falle liefert dann 
die oben p. 82 mitgetheilte Beob. 35, welche einen Fall von sym- 
bolischem Sadismus betrifft. 

Ueberhaupt gibt es eine ganze Gruppe von Masochisten, welche 
sich mit symbolischen Andeutungen der ihrer Perversion entsprechen- 
den Situationen begnügt, eine Gruppe, welche der Gruppe e. der 
„ symbolischen B Sadisten entspricht, so wie die früher angeführten 
Fälle von Masochismus den Gruppen c. und a. des Sadismus ent- 
sprachen. So wie sich die perversen Gelüste des Masochisten einer- 
seits (freilich nur in der Phantasie) bis zum „passiven Lustmord u 
steigern, so können sie andererseits sich mit blossen symbolischen 
Andeutungen der erwünschten Situation begnügen, die sonst durch 
Misshandlungen ausgedrückt wird (was freilich objeetiv genommen 
noch immer weiter geht als jenes Phantasma des Ermordetwerdens, 
nach der entscheidenden subjeetiven Sachlage aber weniger weit). 


Masochismus. 117 

Es mögen hier neben dem obigen Fall der Beob. 55 noch 
einige derartige Fälle angeführt werden, in denen die von Maso- 
chisten gewünschten und bestellten Vorgänge rein symbolischen 
Charakter haben und gewissermassen zur Markirung der ersehnten 
Situation dienen. 

Beobachtung 56. (Pascal, Igiene dell' amore.) Alle drei Monate 
erschien bei einer Prostituirten ein etwa 45 Jahre alter Mann und bezahlte 
ihr 10 Free, für folgenden Vorgang. Die Puella musste ihn entkleiden, ihm 
Hände und Füsse zusammenbinden, ihm die Augen verbinden und überdies 
die Fenster verdunkeln. Dann Hess sie den Gast auf ein Sopha niedersetzen 
und musste ihn in seinem hülflosen Zustand allein lassen. Nach einer halben 
Stunde musste die Person wiederkommen und die Bande lösen. Darauf zahlte 
der Mann und ging ganz befriedigt von d armen, um nach etwa drei Monaten 
seinen Besuch zu erneuern. 

Dieser Mann scheint sich die Situation, hülflos in der Gewalt 
eines Weibes zu sein, mittelst seiner Phantasie im Dunklen weiter 
ausgemalt zu haben. Noch sonderbarer ist der folgende Fall, in 
dem wieder eine complicirte Comödie im Sinne masochistischer Ge- 
lüste aufgeführt wird. 

Beobachtung 57. (Dr. Pascal, ibid.) Ein Herr in Paris begab sich 
an bestimmten Abenden in eine Wohnung, deren Besitzerin zur Befriedigung 
seiner seltsamen Neigung willfährig war. Er erschien in Gala im Salon der 
Dame, welche in Balltoilette sein und ihn mit strenger Miene empfangen 
musste. Er redete sie als Marquise an, sie musste ihn mit den Worten «lieber 
Graf* begrüssen. Darauf sprach er von dem Glück, sie allein zu treffen, von 
seiner Liebe zu ihr und einer Schäferstunde. Nun musste die Dame die Be- 
leidigte spielen. Der Pseudograf ereiferte sich immer mehr und verlangte, 
der Pseudomarquise einen Euss auf die Schulter drücken zu dürfen. — Grosse 
Entrüstungsscene, die Klingel wird gezogen, ein eigens dazu geinietheter Diener 
erscheint und wirft den Grafen hinaus, welcher sehr befriedigt abzieht und 
die Personen der Comödie reichlich belohnt. 

Im Anschlüsse an diese Fälle von symbolischem Masochismus 
seien hier noch zwei Fälle mitgetheilt, in welchen die psychische 
Perversion ganz auf dem Gebiete der Vorstellung und Phantasie 
geblieben ist und keine Verwirklichung derselben versucht wurde. 
Der erste betrifft ein geistig und körperlich belastetes , mit De- 
generationszeichen behaftetes Individuum, bei dem frühzeitig psy- 
chische und physische Impotenz eingetreten ist. 

Beobachtung 58. Herr Z., 22 Jahre, ledig, wurde mir von seinem 
Vater zugeführt behufs ärztlichen Rathes, da er höchst nervös und offenbar 
sexuell nicht normal sei. Mutter und Muttersmutter waren geisteskrank ge- 
wesen. Der Vater zeugte ihn zu einer Zeit, wo er sehr nervenleidend war. 


118 Paraesthesia sexualis. 

Pat. soll ein sehr lebhaftes und talentirtes Kind gewesen sein. Schon mit 
7 Jahren bemerkte man bei ihm Masturbation. Er wurde vom 9. Jahre ab 
zerstreut, vergesslieh, kam mit seinen Studien nicht recht vorwärts, bedurfte 
beständiger Nachhülfe und Protection, absolvirte mühsam das Gymnasium und 
fiel während seines Freiwilligenjahrs durch Indolenz, Vergesslichkeit und ver- 
schiedene dumme Streiche auf. 

Anlas8 zur Consultation bot ein Vorfall auf der Strasse, indem Z. sich 
an eine junge Dame angedrängt hatte und in höchst zudringlicher Weise und 
in grosser Aufregung dieselbe zu einer Conversation mit ihm hatte bestimmen 
wollen. 

Pat. motivirte diesen Auftritt damit, dass er durch ein Gespräch mit 
einem anständigen Mädchen sich habe aufregen wollen, um dann zum Coitus 
mit einer Prostituirten potent zu sein! 

Z.'s Vater bezeichnet ihn als einen von Hause aus gutartigen, moralischen, 
aber schlaffen, faden, mit sich zerfallenen, über seine schlechten Erfolge in der 
bisherigen Lebensführung oft desperaten, gleichwohl indolenten Menschen, der 
sich für nichts ausser für Musik interessire, zu welcher er grosse 4 * Begabung 
besitze. 

Das Aeussere des Pat. — sein plagiocephaler Schädel, seine grossen ab- 
stehenden Ohren, die mangelhafte Innervation des r. Mundfacialis, der neuro- 
pathische Ausdruck der Augen deuten auf eine degenerative neuropathologische 
Persönlichkeit. 

Z. ist gross von Statur, von kräftigem Körperbau, eine durchaus männ- 
liche Erscheinung. Becken männlich, Hoden gut entwickelt, Penis auffallend 
gross, Mons veneris reichlich behaart, der rechte Hode hängt tiefer herab als 
der linke, der Cremasterreflex ist beiderseits schwach. Intellectuell ist Pat. 
unter dem Durchschnittemittel. Er fühlt selbst seine Insuffizienz, klagt über 
Indolenz und bittet, man möge ihn willensstark machen. Linkisches, verlegenes 
Benehmen, scheuer Blick, schlaffe Haltung deuten auf Masturbation. Pat. 
gesteht zu, dass er vom 7. Jahr ab bis vor 1 */* Jahren ihr ergeben war, jahre- 
lang 8— 12mal täglich onanirte. Bis vor einigen Jahren, wo er neurasthenisch 
wurde (Kopfdruck, geistige Unfähigkeit, Spinalirritation u. s. w.), will er dabei 
immer grosses Wollustgefühl empfunden haben. Seither habe sich dieses ver- 
loren und der Reiz zur Masturbation sei von ihm gewichen. Er sei immer 
schüchterner, schlaffer, energieloser geworden, feig, furchtsam, habe an nichts 
Interesse, besorge seine Geschäfte nur aus Pflicht, fühle sich sehr abgespannt. 
An Coitus habe er nie gedacht, er begreife auch von seinem Standpunkt aus 
als Onanie t nicht, wie Andere am Coitus Vergnügen finden können. 

Forschungen nach conträrer Sexualempfindung ergaben ein negatives 
Resultat. 

Er will sich nie zu Personen des eigenen Geschlechts hingezogen gefühlt 
haben. Eher glaubt er noch hie und da eine übrigens schwache Inclination 
zu Frauenzimmern gehabt zu haben. Zur Onanie will er ganz von selbst ge- 
kommen sein. Im 13. Jahr bemerkte er zum erstenmal anlässlich masturbato- 
rischer Manipulationen Ejakulation von Sperma. 

Erst nach langem Zureden liess sich Z. herbei, seine Vita sexualis ganz 
zu entschleiern. Wie seine folgenden Mittheilungen erweisen, dürfte er als ein 
Fall von ideellem Masochismus mit rudimentärem Sadismus zu classificiren 


Masochisnius. \\Q 

sein. Pat. erinnert sich bestimmt, dass schon mit 6 Jahren und ohne allen 
Anläse bei ihm „Gewalt Vorstellungen* auftauchten. Er musste sich vorstellen, 
das Stubenmädchen zwänge ihm die Beine auseinander, zeige einem andern 
seine, des Pat. Genitalien, versuche ihn in heisses oder kaltes Wasser zu werfen, 
um ihm Schmerz zu bereiten. Diese „ Gewaltvorstellungen u wurden mit wol- 
lüstigem Gefühl betont und der Anlass zu masturbatorischen Manipulationen. 
Pat. rief sie später auch willkürlich hervor, um sich zur Masturbation anzu- 
regen. Auch in seinen Träumen spielten sie nunmehr eine Rolle. Zu Pollutionen 
führten sie aber nie, offenbar weil Pat. unter Tags masslos masturbirte. 

Mit der Zeit gesellten sich zu diesen masochistischen Gewaltvorstellungen 
solche im Sinne des Sadismus. Anfangs waren es Bilder von Knaben, die ein- 
ander gewaltsam masturbirten , die Genitalien abschnitten. Oft versetzte er 
sich dabei in die Rolle eines solchen Knaben, bald in passiver, bald in aktiver. 

Später beschäftigten ihn Bilder von Mädchen und Frauen, die vor ein- 
ander exhibitionirten ; es schwebten ihm Situationen vor, wie z. B., dass das 
Stuben- einem anderen Mädchen die Beine auseinander zerre, dasselbe an den 
Schamhaafen reisse, ferner solche, in welchen Knaben grausam gegen Mädchen 
vorgingen, sie stachen, in die Genitalien zwickten. 

Auch derlei Bilder wirkten jeweÜH sexuell erregend, jedoch empfand er 
nie Drange, im Sinne solcher aktiv vorzugehen oder passiv solche an sich ver- 
werthen zu lassen. Es genügte ihm, sie zur Automasturbation zu benutzen. 
Seit IV2 Jahren sind mit abnehmender sexueller Phantasie und Libido diese 
Bilder und Dränge selten geworden, aber ihr Inhalt ist derselbe geblieben. 
Masochistische Gewaltvorstellungen überwiegen die sadistischen. Wenn er 
neuerlich einer Dame ansichtig wird, kommt ihm die Vorstellung, sie habe 
dieselben sexuellen Gedanken wie er. Daraus erklärt er zum Theil seine Ver- 
legenheit im socialen Verkehr. Da Pat. gehört hatte, er werde seine ihm nach- 
gerade lästigen sexuellen Vorstellungen los werden, wenn er sich an eine natür- 
liche Geschlechtsbefriedigung gewöhne, machte er im Lauf der letzten 1 l jt Jahre 
zweimal den Versuch zu coitiren, obwohl er dagegen nur Widerwillen empfand 
und sich keinen Erfolg versprach. Der Versuch endete auch beidemale mit 
einem vollständigen Fiasco. Das zweite Mal empfand er beim bezüglichen 
Versuch solche Aversion, dass er das Mädchen von sich stiess und die Flucht 
ergriff. 

Der zweite Fall ist die folgende mir von einem Collegen zur 
Verfügung gestellte Beobachtung. Wenn auch aphoristisch, erscheint 
auch sie geeignet, das entscheidende Moment des Masochismus, das 
Bewusstsein des Unterworfenseins in seiner eigenartigen psycho- 
sexualen Wirkung, in ein helles Licht zu stellen. 

Beobachtung 59. Masochismus. Z., 27 Jahre, Künstler, kräftig ge- 
baut, von angenehmem Aeusseren, angeblich nicht belastet, in der Jugend ge- 
sund, ist seit seinem 23. Jahre nervös und zu hypochondrischer Verstimmung 
geneigt. In sexueller Beziehung geneigt zu Renommage, ist er gleichwohl nicht 
sehr leistungsfähig. Trotz Entgegenkommens Seitens des weiblichen Geschlechts 
beschränken sich des Pat. Beziehungen zu demselben auf unschuldige Zärtlich- 


120 Paraesthesia sexualis. 

keiten. Hierbei ist sein Hang bemerkenswerth , Frauen zu begehren, die sich 
ihm gegenüber spröde benehmen. Seit seinem 25. Jahre macht er die Beob- 
achtung, dass er durch Frauenzimmer, mögen sie auch noch so hasslich sein, 
jeweils sexuell erregt wird, sobald er in ihrem Wesen einen herrischen Zag 
entdeckt. Ein zorniges Wort aus dem Munde einer solchen Frauensperson 
genügt, um die heftigsten Erectionen bei ihm hervorzurufen. So sass er z. B. 
eines Tages in einem Cafe und hörte, wie die (hassliche) Cassierin den Kellner 
mit energischer Stimme auszankte. Er kam durch diesen Auftritt in die höchste 
sexuelle Erregung, die in kurzer Zeit zur Ejakulation führte. Z. verlangt von 
Frauen, mit denen er sexuell verkehren soll, dass sie ihn zurückstossen, ihn 
auf allerhand Weise quälen etc. Er meint, es könnte ihn nur ein Weib reizen, 
das den Heldinnen in den Romanen von Sacher-Masoch gleiche. 

Solche Fälle, in welchen sich die ganze Perversion der Vita 
sexualis nur auf dem Gebiete der Phantasie, des inneren Vor- 
stellungs- und Trieblebens abspielt und nur ganz zufällig einmal 
zur Cognition Anderer kommt, scheinen nicht selten zu sein. Ihre 
praktische Bedeutung, wie die des Masochismus überhaupt 
(welchem ja das hohe forensische Interesse des Sadismus nicht zu- 
kömmt), liegt lediglich in der psychischen Impotenz, welcher solche 
Individuen durch ihre Perversion in der Regel verfallen und in dem 
mächtigen Drange zur solitären Befriedigung unter adäquaten 
Phantasievorstellungen mit allen seinen Folgen. 

Dass Masochismus eine ungemein häufig auftretende Perversion 
sei, geht wohl zur Genüge aus der relativ grossen Zahl der bisher 
wissenschaftlich beobachteten Fälle hervor, so wie aus den ver- 
schiedenen oben mitgetheilten unter einander übereinstimmenden 
Berichten. 

Auch die Werke, die sich mit der Darstellung der Prostitution 
in grossen Städten beschäftigen, enthalten über diesen Gegenstand 
zahlreiche Berichte. 

L£o Taxil op. cit. pag. 228 schildert masochistische Scenen 
in den Pariser Bordellen. Der von dieser Perversion ergriffene 
Mann wird auch dort „resclave* genannt. 

Coffignon (La corruption ä Paris) hat in seinem Buch ein 
Capitel „Les passioneis ", das Beiträge zu diesem Thema bietet. 

Interessant und erwähnenswerth ist es gewiss, dass auch einer 
der berühmtesten Männer aller Zeiten von dieser Perversion ergriffen 
war und derselben auch in seiner Selbstbiographie (wenn auch in 
etwas missverständlicher Weise) gedacht hat. Aus den „Confessions* 
von Jean Jacques Rousseau geht hervor, dass auch er mit 
Masochismus behaftet war. 


Masochismus. 121 

Rousseau, bezüglich dessen Lebens- und Krankheitsgeschichte auf 
Möbius (J. J. Rousseau's Krankheitsgeschichte, Leipzig 1889) und Chatelain 
(La folie de J. J. Rousseau, Neuchatel 1890) verwiesen sein mag, erzählt in 
seinen Confessions (1. Theil, 1. Buch), wie sehr ihm Frl. Lambercier, 30 Jahre 
alt, imponirte, als er, 8 Jahre alt, bei ihrem Bruder in Pension und Lehre war. 
Ihre Besorgniss, wenn er eine Frage nicht gleich zu beantworten wusste, die 
Drohung der Dame, ihm Ruthenstreiche zu geben, wenn er nicht brav lerne, 
machten auf ihn den tiefsten Eindruck. Nachdem er eines Tages Schläge 
von der Hand des Frl. L. bekommen hatte, empfand er neben Schmerz und 
Scham ein wollüstig sinnliches Gefühl, das ihn mächtig erregte, neue Züch- 
tigungen davon zu tragen, Nur aus Furcht, die Dame damit zu betrüben, 
unterliess es Rousseau, weitere Gelegenheiten, sich diesen wollüstigen Schmerz 
zu verschaffen, zu provociren. Eines Tages zog er sich aber unbeabsichtigt 
eine neue Züchtigung von der Hand der L. zu. Sie war die letzte, denn 
Frl. L. musste von dem eigenartigen Effect dieser Züchtigung etwas bemerkt 
haben, und liess von nun an den 8jährigen Knaben auch nicht mehr in ihrem 
Zimmer schlafen. Seither fühlte R. das Bedürfniss, sich von Damen, die ihm 
gefielen, a la Lambercier züchtigen zu lassen, obwohl er versichert, bis zum 
Jünglingsalter von Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander nichts 
gewusst zu haben. Bekanntlich wurde R. erst mit 30 Jahren durch Madame 
de Warrens in die eigentlichen Mysterien der Liebe eingeweiht und seiner 
Unschuld verlustig. Bis dahin hatte er nur Gefühle und Dränge zu Weibern 
im Sinne passiver Flagellation und sonstiger masochistischer Vorstellungen 
gehabt. 

Rousseau schildert in extenso, wie sehr er bei seinem grossen 
sexuellen Bedürfniss unter seiner eigenartigen, zweifellos durch die 
züchtigenden Ruthenstreiche geweckten Sinnlichkeit litt, schmach- 
tend in der Begierde und ausser Stand, ihr Verlangen zu offenbaren. 
Es wäre aber irrig zu glauben, dass es Rousseau bloss um seine 
Flagellation zu thun gewesen wäre. Diese erweckte nur einen dem 
Masochismus zuzuzählenden Vorstellungskreis. Darin liegt jedenfalls 
der psychologische Kern der interessanten Selbstbeobachtung. Das 
Wesentliche bei R. war das Unterwerfungsgefühl unter das Weib. 
Dies geht klar aus seinen „ Confessions" hervor, in welchen er aus- 
drücklich hervorhebt: 

„£tre aux genoux d'une maitresse imperieuse, ob£ir ä 
ses ordres, avoir des pardons ä lui demander, etaient pour 
moi de tres douces jouissances. u 

Diese Stelle beweist doch, dass das Bewusstsein der Unter- 
werfung, Demüthigung vor dem Weibe die Hauptsache war. 

Freilich war Rousseau selbst in einem Irrthum befangen, indem 
er annahm, dass dieser Drang, sich vor einem Weibe zu demüthigen, 
allein durch Ideenassociation aus der Vorstellung der Flagellation 
entstanden sei: 


122 Paraesthesia aexualis. 

i 
„N'osant jamais d£clarer mon goüt, je l'amusais du moins par 

des rapports qui m'en conservaient l'idee. 14 

Erst im Zusammenhang mit den jetzt constatirten so zahl- 
reichen Fällen von Masochismus, unter denen so viele sind, welche 
mit Flagellation durchaus nichts zu thun haben, so dass der primäre 
und rein psychische Charakter des Erniedrigungstriebes klar wird, 
kann die volle Einsicht in Rousseau s Fall gewonnen und der Irr- 
thum aufgedeckt werden, in den er bei der Selbstzergliederung seines 
Zustandes nothwendig gerathen musste. 

Mit Recht macht auch Bin et (Revue anthropologique XXIV. 
p. 250), welcher den Fall Rousseau eingehend analysirt, auf diese 
masochistische Bedeutung desselben aufmerksam, indem er sagt: „Ce 
qu'aime Rousseau dans les femmes, ce n'est pas seulement le sourcil 
fronet, la main lev£e, le regard s^vfere, l'attitude impdrieuse, c'est 
aussi l'etat emotionnel, dont ces faits sont la traduetion exterieure ; 
il aime la femme fiere, d^daigneuse, l'lcrasant ä ses pieds du poids 
de sa royale colfcre." 

Die Erklärung dieses psychologischen räth seihaften Factums 
sucht und findet Bin et in seiner Annahme, dass es sich hier um 
Fetischismus handle, nur mit dem Unterschied, dass Objekt des 
Fetischismus, also Gegenstand der individuellen Anziehung (Fetisch) 
nicht eine körperliche Sache, wie z. B. eine Hand, ein Fuss, sondern 
eine geistige Eigenschaft sein kann. Er nennt diese Schwärmerei 
„amour spiritualiste" im Gegensatz zu „amour plastique", wie sie 
der gewöhnliche Fetischismus aufweist. 

Diese Bemerkungen sind geistreich, aber sie geben nur ein 
Wort zur Bezeichnung einer Thatsache, keine Erklärung für die- 
selbe. Ob überhaupt eine Erklärung möglich sei, wird uns später 
beschäftigen. 

Auch bei dem berühmten oder berüchtigten französischen 
Schriftsteller C. P. Baudelaire, welcher in Geisteskrankheit endigte, 
finden sich Elemente von Masochismus (und Sadismus). 

Baudelaire entstammt einer Familie von Irren und Ueberspannten. Er 
war von Jugend auf psychisch abnorm. Entschieden krankhaft war seine Vita 
aexualis. Er hatte Liebesverhältnisse mit hasslichen, widerwärtigen Personen, 
Negerinnen, Zwerginnen, Riesinnen. Gegen eine sehr schöne Frau äusserte er 
den Wunsch, sie an den Händen aufgehängt zu sehen und ihr die Fasse küssen 
zu dürfen. Diese Schwärmerei für den nackten Fuss erscheint auch in einem 
seiner fieberglühenden Gedichte als Aequivalent für den Geschlechtsgenuss. Er 
erklärte die Weiber für Thiere, die man einsperren, schlagen und gut füttern 
mus8. Diese masochistische und sadistische Neigungen verrathende Persönlichkeit 


Ma80chismu8. 123 

m 

in paralytischem Blödsinn zu Grunde. (Lombroso, Der geniale Mensch, 
übers, v. Fränkel. p. 83.) 

In der wissenschaftlichen Literatur haben die Thatsachen, 
welche den Masochismus ausmachen, bis auf die jüngste Zeit keine 
Beachtung gefunden. Zu erwähnen wäre nur, dass Tarnowsky 
(die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinns, Berlin 1866) 
die Erfahrung mittheilt, dass glücklich verheirathete , geistreiche 
Männer ihm vorgekommen sind, die von Zeit zu Zeit einen un- 
widerstehlichen Drang fühlten, sich selbst der gröbsten cynischen 
Behandlung zu unterwerfen — Schimpfworte, Schläge von Eynäden, 
aktiven Päderasten oder Prostituirten zu empfangen. Bemerkens- 
werth ist auch Tarnowsky 's Erfahrung, dass bei gewissen, der 
passiven Flagellation Ergebenen Schläge allein und zuweilen selbst 
blutige, nicht den gewünschten Erfolg (Potenz oder wenigstens 
Ejaculation beim Flagelliren) haben. „Man muss den Betreffenden 
dann mit Gewalt entkleiden oder ihm die Hände binden, ihn an 
eine Bank befestigen u. s. w., wobei er sich anstellt, als ob er 
sich widersetzt, schimpft und scheinbar einigen Widerstand leistet. 
Nur unter solchen Bedingungen bewirken die Ruthenschläge eine 
Erregung, die zum Samenerguss führt. " 

Auch 0. Zimmermanns Schrift „Die Wonne des Leids 14 , 
Leipzig 1885, enthält manchen Beitrag aus der Cultur- und Literatur- 
geschichte zum vorliegenden Thema 1 ). 

In jüngster Zeit fand der Gegenstand mehrfache Beachtung. 

A. Moll führt in seinem Werke „Die conträre Sexualempfin- 
dung 11 , Berlin 1891, p. 133 ff. und p. 141 ff., eine Anzahl von 
Fällen des vollkommenen Masochismus bei conträr Sexualen an, 
darunter an letzterer Stelle einen Fall, in dem ein solcher maso- 
chistischer Conträrsexualer einem eigens dazu bestellten Manne 
eine ausführliche Instruction in 20 Paragraphen übersendet, nach 
welcher der Bestellte den Besteller als Sklaven zu behandeln und 
zu misshandeln habe. 


l ) Es muss jedoch das Gebiet des Masochismus von dem in jener Schrift 
behandelten Hauptthema, dass die Liebe ein Moment des Leids enthält, scharf 
abgegrenzt werden. Von jeher ist ungetheilte Liebessehnsucht als „freudvoll 
und leidvoll " geschildert worden, und Dichter haben von „wonniger Qual 14 
oder , schmerzlicher Wollust 41 gesprochen. Dies darf nicht, wie Z. thut, mit 
Erscheinungen des Masochismus confundirt werden, so wenig es hierhergehört, 
wenn die sich nicht hingebende Geliebte „ grausam" genannt wird. Immerhin ist 
es merkwürdig, dass Hamerling (Amor und Psyche, 4. Gesang) zum Aus- 
druck dieses Gefühls völlig masochistische Bilder, Geisselung etc. verwendet. 


124 Paraesthesia sexual is. 

Im Juni 1891 theilte mir Herr Dimitri von Stefanowsky, 
d. Zt. Staatsanwaltssubstitut zu Jaroslaw in Russland, mit, dass er schon 
vor etwa drei Jahren der von mir als „ Masochismus u beschriebenen 
Erscheinung von Perversion der Vita sexualis, welche er mit dem 
Namen „ Passivismus tt bezeichnet, sein Interesse zugewendet, vor 
l 1 /* Jahren dem Professor v. Kowalewsky in Charkow eine be- 
zügliche Arbeit für das russische Archiv für Psychiatrie eingereicht 
und im November 1888 in der Moskauer juridischen Societät einen 
Vortrag über dieses Thema vom juridisch -psychologischen Stand- 
punkte aus gehalten habe (abgedruckt im „Juridischen Boten", dem 
Organ der genannten Societät, und zwar 1890, Nr. 6 bis 8). 

In der neueren Roman- und Novellenliteratur ist die psycho- 
sexuale Perversion, welche den Gegenstand dieser Studie bildet, von 
Sacher-Masoch behandelt worden, dessen bereits mehrfach er- 
wähnte Schriften geradezu typische Bilder des perversen Seelenlebens 
derartiger Männer entwerfen! 

Auf Sacher-Masoch's Schriften berufen sich viele von dieser 
Perversion Ergiffenen, wie aus den obigen Beobachtungen ersicht- 
lich, ausdrücklich als auf typische Darstellungen ihres eigenen psy- 
chischen Zustandes. 

Zola hat in seiner „Nana" eine masochistische Scene, ähn- 
liches in „Eugfene Rougon". Die neueste „decadente" Literatur 
in Frankreich und Deutschland beschäftigt sich mehrfach auch mit 
dem Thema des Sadismus und Masochismus. Der neuere russische 
Roman soll nach v. Stefanowski's Angabe den Gegenstand häufig 
behandeln; aber schon nach des alten Reiseschriftstellers Johann 
Georg Forster (1754 — 94) Mittheilungen sollen diese Dinge selbst 
im russischen Volkslied eine Rolle spielen. 

b) Fu8s- und Schuhfetischisten. — Larvirter Masochismus. 

An die oben erwähnte Gruppe der „symbolischen 11 Maso- 
chisten, die nicht gerade die Misshandlung durch Weiber als Aus- 
drucksmittel der Unterwerfung aufsuchen, sondern allerlei an sich 
sinnlose Handlungen, die erst durch die Eenntniss des masochistischen 
Vorstellungskreises verständlich werden, schliesst sich die Gasse 
der in ungemein zahlreichen Exemplaren auftretenden Fuss- und 
Schuhfetischisten an. 

Unter Fetischisten (s. unten sub 3.) verstehe ich Individuen, 
deren sexuelles Interesse sich ausschliesslich auf einen bestimmten 


Masochisinus. 125 

Körpertheil des Weibes, oder auch auf bestimmte Stücke der weib- 
lichen Kleidung concentrirt. 

Eine der häufigsten Formen dieses Fetischismus ist es, dass 
der Fuss oder der Schuh des Weibes der Fetisch ist, welcher aus- 
schliesslicher Gegenstand sexueller Empfindungen und Triebe wird. 

Es ist nun höchst wahrscheinlich und ergibt sich aus der rich- 
tigen Aneinanderreihung der beobachteten Fälle, dass die meisten, 
vielleicht alle Fälle von Schuhfetischismus auf der Basis mehr 
oder minder bewusster masochistischer Selbstdemüthigungstriebe 
beruhen. 

Schon im Falle Hamm ond's (Beob. 53) besteht die Befriedi- 
gung eines Masochisten im Sichtretenlassen. Auch Beob. 44 u. 48 
lässt sich treten, Beob. 51, Equus eroticus, schwärmt für den Fuss 
des Weibes, und so fort. In den meisten Fällen von Masochismus 
spielt das Treten mit Füssen als ein naheliegendes Ausdrucksmittel 
des Unterwerf imgs Verhältnisses eine Rolle 1 ). 

Unter den constatirten zahlreichen Fällen von Schuhfetischis- 
mus wird der folgende, von Dr. A. Moll in Berlin mitgetheilte, 
der viel Uebereinstimmung mit dem Falle Hammond's zeigt, aber 
ausführlicher dargestellt und sorgfältig beobachtet ist, besonders 
geeignet erscheinen, den Zusammenhang zwischen Masochismus und 
Schuhfetischismus darzuthun. 

Beobachtung 60. 0. L. , 31 Jahr, Buchhalter in einer württem- 
bergischen Stadt, stammt aus belasteter Familie. 

Patient ist ein grosser, starker, blühend aussehender Mann. Er ist im 
Allgemeinen von ruhigem Temperament, kann aber unter Umständen sehr 
heftig werden; er gibt selbst an, dass er streitsüchtig und rechthaberisch sei. 
L. ist von gutmüthigem Charakter und freigebig; bei geringem Anlass ist er 
zum Weinen geneigt. Auf der Schule galt er als ein begabter Schüler mit 
leichter Auffassungsgabe. Patient leidet an zeitweisen Congestionen nach dem 
Kopf, ist sonst aber ganz gesund; abgesehen davon, dass er sich in Folge 
seiner zu beschreibenden sexuellen Perversion sehr gedrückt und oft schwer- 
müthig fühlt. 

Ueber erbliche Belastung ist wenig zu ermitteln. 

Ueber die Entwickelung seines sexuellen Lebens ergibt sich aus den 
von dem Patienten gemachten Angaben Folgendes: 

Schon in frühester Jugend, und zwar 8 oder 9 Jahre alt, hatte L. den 
Wunsch, als Hund seinem Lehrer die Stiefel zu lecken. L. hält es für möglich, 
dass dieser Gedanke in ihm dadurch rege wurde, dass er einmal den Vorgang 


l ) Auch die Begierde, sich mit Füssen treten zu lassen, findet sich bei 
religiösen Schwärmern wieder, vgl. Turgenjew, „Sonderbare Geschichten *. 


126 Paraestheeia sexualis. 

gesehen, wie ein Hund dies in Wirklichkeit that; doch kann L. dies nicht mit 
Bestimmtheit angeben. 

Jedenfalls scheint dem Patienten soviel sicher, dass die ersten bezüg- 
lichen Ideen ihm im Wachen, nicht im Traumzustande gekommen sind. 

Von seinem 10. — 14. Lebensjahre versuchte L. stets seinen Mitschülern 
und auch kleinen Mädchen die Stiefel zu berühren. Er wählte sich aber hierzu 
nur solche Mitschüler, die reiche und vornehme Eltern hatten. Einer 
von jenen, Sohn eines reichen Guisbesitzers, hatte Reitstiefel; diese nahm L. 
in der Abwesenheit des Knaben in die Hände, schlug sich damit und drückte 
sie sich fest ins Gesicht. Ebenso machte es L. mit den eleganten Stiefeln 
eines Dragoneroffiziers. 

Nach Eintritt der Pubertät übertrug sich das Verlangen ausschliesslich 
auf das Schuhwerk des weiblichen Geschlechts. So war des Patienten Trachten 
beim Schlittschuhlaufen stets darauf gerichtet, Damen und Mädchen die Schutt- 
schuhe an- und abzuschnallen, er wählte aber stets nur solche weibliche Per- 
sonen, die reich und vornehm waren und recht elegante Stiefel hatten. Auf 
der Strasse und überall sah L. stets nach eleganten Stiefeln ; die Vorliebe für 
diese ging so weit, dass er Sand oder Schmutz, der die eingedrückten Spuren 
jener trug, in sein Portemonnaie, ja sogar öfter in den Mund steckte. Schon 
als 14jähriger Knabe ging L. in Bordelle und besuchte öfter ein Cafe chantant, 
lediglich um sich am Anblick eleganter Stiefel (weniger Schuhe) aufzuregen. 
In die Schulbücher, an die Wände von Closets malte L. Stiefel. Im Theater 
sah er nur nach den Schuhen von Damen. Stundenlang lief L. auf der Strasse 
und auf Dampfschiffen Damen nach, die elegante Stiefel trugen ; mit Entzücken 
dachte er hierbei daran, wie er wohl dazu gelangen könnte, die Stiefel zu 
berühren. Diese eigentümliche Vorliebe für Stiefel ist bis heute bestehen 
geblieben. Der Gedanke, sich von Damen mit ihren Stiefeln 
treten zu lassen oder dieselben küssen zu dürfen, bereitet L. 
die grösste Wollust. Vor Schuhläden blieb und bleibt er stehen, nur 
um die Stiefel zu betrachten. Namentlich reizt ihn die Eleganz des Stiefels. 

Am liebsten hat Patient hoch geknöpfte oder geschnürte Stiefel mit 
hohen Absätzen; aber auch weniger elegante Stiefel, eventuell mit niedrigen 
Absätzen regen den Patienten auf, wenn deren Trägerin eine recht reiche, 
vornehme und namentlich stolze Dame ist. 

Mit 20 Jahren versuchte L. den Coitus, war aber nicht dazu im Stande, 
„trotz der grössten Anstrengung," wie Patient meint. Gedanken an Schuhe 
hatte Patient während des Beischlafversuches nicht; hingegen hatte er es ver- 
sucht, sich vorher an Schuhen sexuell aufzuregen ; er behauptet, dass die zu 
grosse Aufregung das Misslingen des Coitus verschuldete. Er hat bis jetzt, 
wo er 31 Jahr alt ist, den Coitus 4—5 Mal, jedesmal vergebens, versucht; bei 
dem einen Versuche hatte der durch seine Krankheit schon tief bedauerns- 
werthe Patient noch das Unglück, sich eine Lues zuzuziehen. Auf die Frage, 
wie sich denn Patient den höchsten Wollustakt denke, erklärte er: „Meine 
grösste Wollust ist es, mich nackt auf den Fussboden zu 
legen und mich dann von Mädchen mit eleganten Stiefeln 
treten zu lassen; natürlich ist dies nur in Bordellen möglich.* Es sind 
übrigens nach Angabe des Patienten in manchen Bordellen diese sexuellen 
Perversionen von Männern wohl bekannt, ein Beweis, dass diese keine so grosse 


Masochismus. 127 

Seltenheit sind; die Bordellmädchen nennen derartige Männer häufig „ Stiefel - 
freier". Uebrigens hat Patient nur sehr selten den Wollustakt, so wie er für 
ihn am schönsten und angenehmsten ist, wirklich zur Ausführung gebracht. 
Gedanken, die ihn zum Beischlaf trieben, hat Patient gar nicht, wenigstens 
nicht in dem Sinne, dass dabei etwa eine Einführung des Gliedes in die 
Scheide stattfinde ; darin kann Patient keinerlei Genuss finden. Ja er hat all- 
mählich eine Furcht vor dem Coitus erworben, die sich aus den mehrfach 
misslungenen Versuchen genügend erklären lässt, da der Patient selbst an- 
gibt, dass das Nichtvollen denk önnen des Coitus ihn ausserordentlich genire. 
Eigentliche Onanie hat Patient nie getrieben. Abgesehen von wenigen Fällen, 
wo Patient durch Onanie an Stiefeln oder auf ähnliche Weise seinen Geschlechts- 
trieb befriedigte, kennt er eine solche Befriedigung nicht, da es bei der Auf- 
regung durch Stiefel fast stets bei Erectionen bleibt und höchstens zeitweise 
langsame kleine Ergüsse einer Flüssigkeit stattfinden, die Patient für Samen hält. 

Ein blosser Schuh, den L. sieht, und der von keiner Person getragen 
wird, regt ihn entschieden auch auf; aber bei weitem nicht so sehr, wie der 
von einem Weibe getragene Schuh. Ganz neue, noch nicht getragene Schuhe 
regen den Patienten viel weniger auf als getragene, die aber noch nicht ab- 
getreten sein dürfen und noch möglichst neu aussehen müssen; diese reizen 
den Patienten am meisten. 

Es reizt den Patienten, wie erwähnt, auch der Damenstiefel, wenn er 
nicht getragen wird. L. denkt sich dann die betreffende Dame dazu ; er drückt 
den Stiefel an seine Lippen und an seinen Penis. L. würde „vor Entzücken 
vergehen", wenn eine anständige stolze Dame ihn mit ihren Schuhen treten 
würde. 

Abgesehen von den oben genannten Eigenschaften der Weiber (Stolz, 
Reich th um, Vornehmheit), die mit der Eleganz der Stiefel einen besonderen 
Reiz gewähren, sind dem Patienten auch die körperlichen Vorzüge des weib- 
lichen Geschlechts keineswegs gleichgültig. 

Er schwärmt für schöne Damen, auch ohne an Stiefel zu denken, aber 
es ist dies keine auf geschlechtliche Befriedigung gerichtete Liebe. Selbst in 
Verbindung mit den Stiefeln spielen die körperlichen Reize eine Rolle; eine 
hässliche und alte Frau könnte den Patienten selbst mit den elegantesten 
Stiefeln nicht reizen; auch die sonstige Kleidung und andere Verhältnisse 
spielen eine wesentliche Rolle, wie sich schon aus dem Umstände ergibt, dass 
elegante Stiefel von stolzen vornehmen Damen ganz besonders erregend auf 
den Patienten wirken. Ein ungebildetes Dienstmädchen in seinem Arbeits- 
anzuge würde den Patienten selbst mit den elegantesten Stiefeln nicht erregen. 

Schuhe und Stiefel von Männern üben jetzt auf den Patienten keinerlei 
Reiz mehr aus; auch sonst fühlte sich Patient niemals sexuell auch nur im 
geringsten zu Männern hingezogen. 

Hingegen treten sonst Erectionen bei dem Patienten sehr leicht auf. 
Wenn ein Kind auf seinen Schoss sitzt, wenn er einen Hund oder ein Pferd 
längere Zeit berührt, wenn er auf der Eisenbahn fährt oder reitet, so treten 
Erectionen auf, und zwar, wie Patient vermuthet, in den letzten Fällen durch 
die Erschütterung. 

Jeden Morgen hat er Erectionen, und er ist im Stande, innerhalb sehr 
kurzer Zeit dadurch Erection zu erzielen, dass er an die ihm angenehme Be- 


128 Paraesthesia sexualis. 

handlung mit den Stiefeln denkt. Früher traten des Nachts öfter Pollutionen 
auf, etwa alle 3—4 Wochen, während sie jetzt seltener, etwa alle 8 Monate 
einmal eintreten. 

Bei seinen erotischen Träumen wird Patient fast stets von denselben 
Gedanken sexuell erregt, die dies im Wachen thun. Seit einiger Zeit glaubt 
Patient, Samenerguss bei den Krectionen zu fühlen ; doch schliefst er dies nur 
daraus, dass er an der Spitze des Penis stets etwas Nasses fühle. 

Lektüre, die in die sexuelle Sphäre des Patienten fällt, regt ihn ausser- 
ordentlich auf, so z. B. wird er von der Lektüre der „Venus im Pelz" 2 ) von 
Sacher-Masoch so erregt, „dass der Same nur so von ihm läuft*. 

Uebrigens bildet für L. diese Art des Samenergusses bei dieser Lektüre 
eine entschiedene Befriedigung seines Geschlechtstriebes. 

Die von mir an den Patienten gerichtete Frage, ob denn Schläge, die 
er von einem Weibe empfinge, ihn auch aufregen würden, glaubt er bejahend 
beantworten zu müssen. Zwar hat Patient nie direct einen derartigen Versuch 
gemacht, aber scherzhaft ausgeführte Schläge waren ihm jedenfalls stets eine 
grosse Annehmlichkeit. 

Besonders aber würde es dem Patienten einen grossen Reiz gewähren, 
wenn er von dem Weibe, selbst ohne Stiefel, mit den blossen Füssen gestossen 
würde. Aber er glaubt nicht, dass die Schläge als solche die Aufregung be- 
wirken würden, sondern der Gedanke, von dem Weibe misshandelt zu werden, 
was ebenso wie durch Schläge auch durch grobe Scheltworte geschehen könnte: 
übrigens würden Schläge und Scheltworte nur dann erregend wirken, wenn sie 
von einer stolzen und vornehmen Dame herkommen. 

Ueberhaupt ist es im Allgemeinen das Gefühl derDemuth und 
hündischen Ergebung, das dem Patienten Wollust bereitet. 

„Würde mir," so erzählt Patient, „eine Dame befehlen, auf sie zu warten, 
wenn auch in strenger Kälte, so würde ich trotzdem Wollust empfinden." 

Patient antwortet auf die Frage, ob denn auch beim Stiefel ihn das 
Gefühl der Demüthigung überkäme: „Ich glaube, dass diese allgemeine Leiden- 
schaft der eigenen Demüthigung sich speciell auf den Stiefel der Damen con- 
centrirt habe, da es ja symbolisch ist, das Jemand ,nicht werth ist, einem 
anderen die Schuhriemen zu lösen 1 , und überhaupt ein Untergebener kniet* 

Die Strümpfe des Weibes üben auf den Patienten auch eine erregende 
Wirkung aus, aber nur in geringem Grade und vielleicht nur durch Erwecken 
der Vorstellung der Stiefel. Die Leidenschaft für Damenschuhe hatte bei dem 
Patienten immer mehr zugenommen, nur in den letzten Jahren glaubt er eine 
Abnahme zu bemerken; er geht nur sehr selten zu einem öffentlichen Mädchen, 
ist aber auch dann im Stande, sich mehr zurückzuhalten. Dennoch beherrscht 
ihn diese Leidenschaft noch vollständig, jeder andere Genuss wird dem 
Patienten dadurch vereitelt; ein hübscher Damenstiefel würde des Patienten 


*) In dieser Erzählung schildert der Schriftsteller einen Mann, dessen 
Hauptwollust es ist, von einem schönen Weib, das er liebt, als Sklave behandelt 
zu werden. Es finden sich hier ausser zahlreichen Stellen, wo der Mann von 
dem Weibe gepeitscht wird, auch solche, wo dieses ihn mit Füssen tritt. Es 
ist dies derjenige Akt, der in dem oben beschriebenen Falle das Hauptauf- 
regungsmittel bildet. 


Masochismus. 129 

Blick von der schönsten Landschaft abziehen können. Er geht jetzt oft des 
Nachts in Hotels durch die Corridore und sucht elegante Damenstiefel aus, die 
er dann küsst und gegen sein Gesicht, Hals, hauptsächlich aber gegen seinen 
Penis druckt. 

Der durchaus bemittelte Patient ist vor einiger Zeit eigens nach Italien 
gereist, nur mit dem Wunsche, unerkannt bei einer reichen vornehmen Dame 
Bedienter zu werden; der Plan misslang jedoch. 

Eine Behandlung des Patienten, der nur zur Gonsultation erschien, hat 
bisher nicht stattgefunden. 

Die oben mitgetheilte Krankengeschichte reicht bis in die allerletzte 
Zeit, in der Patient mir über sein Befinden briefliche Mittheilungen ge- 
macht hat. 

Eines ausführlichen Commentars bedarf die obige Krankengeschichte 
nicht. Sie scheint mir eines der besten Krankheitsbilder, das geeignet ist, die 
von y. Krafft-Ebing angenommene Verwandtschaft zwischen Stiefel-Fetischis- 
mus und Masochismus zu illustriren *). 

Der Hauptreiz für den Patienten ist, wie er — ohne dass derartige 
Antworten in ihn hineinexaminirt wurden — immer wieder betont, die eigene 
Unterwürfigkeit dem Weibe gegenüber > das möglichst hoch über ihm stehen 
soll durch Stolz und vornehme Stellung. 

Solche Fälle, in denen innerhalb eines ausgebildeten maso- 
chistischen Vorstellungskreises der Fuss und der Schuh oder der 
Stiefel des Weibes, als Werkzeug der Demüthigung aufgefasst, 
Gegenstand eines besonderen sexuellen Interesses geworden sind, 
finden sich zahlreich. Sie bilden in vielfachen leicht zu verfolgenden 
Abstufungen den nachweisbaren Uebergang zu anderen Fällen, in 
welchen die masochistischen Neigungen immer mehr in den Hinter- 
grund treten und nach und nach unter die Schwelle des Bewusst- 
seins tauchen, während das Interesse für den Frauenschuh, schein- 
bar als ein ganz unerklärliches, allein im Bewusstsein stehen bleibt. 
Letztere sind die zahlreichen Fälle von Schuhfetischismus. 

Diese sehr häufigen Fälle der Schuhverehrer, die, wie alle 
Fetischisten, auch forensisches Interesse bieten (Schuhdiebstähle), 
bilden ein Grenzgebiet zwischen Masochismus und Fetischismus. 


') Dr. Moll wendet jedoch op. cit. pag. 136 gegen die Auffassung des 
Fuss- und Schuh-Fetischismus überhaupt als eine Erscheinung des (mitunter 
latenten) Masochismus ein, dass es räthselhaft bleibe, warum der Fetischist so 
oft Stiefel mit hohen Absätzen, dann Stiefel oder Schuhe grade von einer 
besonderen Beschaffenheit, zum Knöpfen oder Lackschuhe, vorzieht. Gegen 
diesen Einwand ist zu bemerken, dass erstens die hohen Absätze den Schuh 
eben als weiblichen charakterisiren, und dass zweitens der Fetischist an seinen 
Fetisch, unbeschadet des sexuellen Charakters seiner Neigung, auch allerlei 
Ansprüche ästhetischer Natur zu stellen pflegt. Vgl. unten Beob. 90, p. 185. 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 9 


130 Paraestheaia sexualis. 

Man kann sie wohl zum grössten Theil oder alle als larvirten Maso- 
chismus (mit unbewusst gebliebener Motivation) auffassen, wobei der 
Fuss oder Schuh des Weibes als Fetisch des Masochisten 
zu selbständiger Bedeutung gelangt ist. 

Hier mögen zunächst noch zwei Fälle angeführt werden, in 
denen zwar schon der Frauenschuh in den Mittelpunkt des In- 
teresses rückt, aber auch deutliche masochistische Gelüste eine grosse 
Rolle spielen. (Vergl. auch oben Beob. 44, p. 94.) 

Beobachtung 61. Herr X., 25 Jahre alt, von gesunden Eltern, früher 
nie erheblich krank, stellte mir folgende Selbstbiographie zur Verfügung : Ich 
begann mit 10 Jahren zu onaniren, ohne indessen dabei jemals einen wol- 
lüstigen Gedanken zu haben. Indessen Übte doch schon damals — das weiss 
ich genau — der Anblick und die Berührung eleganter Mädchenstiefel einen 
eigenen Zauber auf mich aus ; mein höchster Wunsch war, auch solche Stiefel 
tragen zu dürfen, ein Wunsch, der bei gelegentlichen Maskeraden wohl auch in 
Erfüllung ging. Dann war es noch ein ganz anderer Gedanke, der mich pei- 
nigte: es war nämlich mein Ideal, mich in gedemüthigter Si- 
tuation zu sehen, ich wäre gern Sklave gewesen, wollte gezüch- 
tigt sein, kurz, ganz der Behandlung theilhaftig werden, die man in den 
vielen Sklavengeschichten beschrieben findet. Ob durch die Lektüre dieser 
Bücher dieser Wunsch in mir entstanden ist, oder spontan, weiss ich nicht 
anzugeben. 

Mit 13 Jahren trat die Pubertät ein; mit den eintretenden Ejaculationen 
stieg das Wollustgefühl und ich onanirte häufiger, oft 2 oder 3mal am Tage. 
Während der Zeit vom 12.— -16. Jahre hatte ich während des on an is tischen 
Aktes immer die Vorstellung, ich würde gezwungen, Mädchenstiefel zu tragen. 
Der Anblick eines eleganten Stiefels am Fusse eines nur einigermassen hüb- 
schen Mädchens berauschte mich, namentlich zog ich gern mit Begier den 
Ledergeruch in meine Nase. Um Leder auch während des Onanirens zu 
riechen, kaufte ich mir Ledermanchetten. die ich beroch, während ich ona- 
nirte. Meine Schwärmerei für lederne Damenstiefel ist noch heute dieselbe, nur 
vermengt sie sich seit dem 17. Lebensjahre mit dem Wunsche, Diener 
sein zu können, vornehmen Damen die Stiefel wichsen zu 
dürfen, sie ihnen an- und ausziehen zu müssen u. dergl. 

Meine nächtlichen Träume bestehen stets in Schuhscenen : entweder ich 
stehe vor dem Schaufenster eines Schuhladens, event. betrachte die eleganten 
Damenschuhe, namentlich die Knöpfschuhe, oder ich liege vor den Füssen einer 
Dame und berieche und belecke ihre Schuhe. Seit etwa einem Jahr habe ich die 
Onanie aufgegeben und gehe ad puellas ; der Coitus kommt zu Stande durch 
festes Denken an Damenknöpfstiefel, event. nehme ich den Schuh der puella 
mit ins Bett. Beschwerden habe ich durch meine frühere Onanie nie gehabt. 
Ich lerne leicht, habe ein gutes Gedächtniss, habe, so lange ich lebe, noch 
keine Kopfschmerzen gehabt. — So weit über mich. 

Nur noch ein paar Worte Über meinen Bruder : Ich bin fest davon über- 
zeugt, dass auch er Schuhfetischist ist; unter vielen anderen Thatsachen, die 
mir das beweisen, sei nur die eine hervorgehoben, dass es ein grosses Ver- 


Masochismus. 131 

gnügen für ihn ist, sich von einer (bildschönen) Cousine treten zu lassen. Im 
Uebrigen mache ich mich anheischig, von jedem Manne, der vor einem Schuh- 
laden stehen bleibt und sich die ausgelegten Schuhe ansieht, auszusagen, ob 
er .Fussfreier" ist oder nicht. Diese Anomalie ist ungemein häufig; wenn 
ich in Bekanntenkreisen die Unterhaltung darauf leite, was am Weibe reize, 
hört man ungemein häufig aussprechen, dass es viel mehr das bekleidete, 
als das nackte Weib sei ; wohl aber hütet sich ein jeder, seinen speciellen 
Fetisch zu nennen. — Auch einen Onkel von mir halte ich für einen Schuh- 
fetischisten. 

Beobachtung 62, mitgetheilt von Mantegazza in seinen „Anthro- 
pologischen Studien * 1886, p. 110. X., Amerikaner, aus guter Familie, phy- 
sisch und moralisch gut constituirt, war von. der Zeit der erwachenden Pubertät 
an sexuell nur erregbar durch den Schuh des Weibes. Dessen Körper, oder auch 
speciell der nackte oder mit dem Strumpf bekleidete Fuss machten ihm 
keinen Eindruck, aber der mit dem Schuh bekleidete Fuss oder auch der 
Schuh allein machten ihm Erection, selbst Ejaculation. Es genügte ihm der 
blosse Anblick, falls ihm elegante Stiefel zur Disposition standen, d. h. solche 
aus schwarzem Leder, auf der Seite zum Knöpfen und mit möglichst hohen 
Absätzen. Sein genitaler Trieb wird mächtig erregt, indem er solche Stiefel 
berührt, küsst, anzieht. Sein Genuss wird erhöht, indem er die Sohlen durch- 
dringende Nägel einschlägt, so dass die Spitzen der Nägel beim Gehen in 
sein Fleisch eindringen. Er empfindet davon furchtbare Schmerzen, aber zu- 
gleich wahre Wollust. Sein höchster Genuss ist es, vor schönen, elegant be- 
kleideten Damenfüssen niederzuknieen, sich von ihnen treten zu 
lassen. Ist die Trägerin der Schuhe eine hässliche Frau, so wirken sie nicht 
und erkaltet seine Phantasie. Hat Patient bloss- Schuhe zur Disposition, so 
schafft seine Phantasie eine schöne Frau hinzu und die Ejaculation erfolgt. 
Seine nächtlichen Träume drehen sich um die Stiefeletten schöner Frauen. 
Anblick von Damenschuhen in Schaufenstern kommt demselben unmoralisch 
vor, während das Sprechen über die Natur des Weibes ihm harmlos und ge- 
schmacklos erscheint. Verschiedene Male versuchte X. Coitus, aber erfolglos. 
Es kam nie zu einer Ejaculation. 

Auch in dem folgenden Falle ist das masochistische Element 
noch deutlich genug — daneben aber auch gleichzeitig das sadistische 
(vgl. oben p. 85 Thierquäler). 

Beobachtung 63. Junger kräftiger Mann, 26 Jahre alt. Am schönen 
Geschlecht reizen ihn sinnlich absolut nichts als elegante Stiefel am Fuss 
einer feschen Dame, besonders wenn sie von schwarzem Leder und mit hohen 
Absätzen versehen sind. Es genügt ihm der Stiefel ohne Besitzerin. Es ge- 
währt ihm höchste Wollust, ihn zu sehen, zu betasten, zu küssen. Der nackte 
oder bloss bestrumpfte Damenfuss lässt ihn ganz kalt. Seit der Kindheit habe 
er ein Faible für elegante Damenstiefel. 

X. ist potent; beim sexuellen Akt muss die Person elegant gekleidet 
sein und vor Allem schöne Stiefel anhaben. Auf der Höhe wollüstiger Erregung 
gesellen sich grausame Gedanken zur Bewunderung der Stiefel. Er muss mit 


132 Paraesthesia sexualis. 

Wonne der Todesqualen des Thieres gedenken, von dem das Leder zu den 
Stiefeln stammt. Zeitweise zwingt es ihn, Hühner und andere lebende Thiere 
zur Phryne mitzunehmen, damit diese zu seiner grössten Wollust mit ihren 
eleganten Stiefeln auf den Thieren herumtrete. Kr nennt dies „zu den Füssen 
der Venus opfern*. Andere Male muss das Weib auf ihm mit den ge- 
stiefelten Füssen herumtreten, je ärger, um so lieber. 

Bis vor einem Jahre begnügte er sich, da er am Weibe nicht den ge- 
ringsten Reiz fand, mit Liebkosen von Damenstiefeln seines Geschmacks, wo- 
bei es zur Ejaculation und vollen Befriedigung kam. (Lombroso, Archiv, 
di psichiatria IX, fascic. III.) 

Der folgende Fall erinnert theils an den dritten dieser Reihe 
durch das Interesse für die Nägel der Schuhe (als mögliche Schmerz- 
erreger), theils an den vierten durch die leise mit anklingenden 
sadistischen Elemente. 

Beobachtung 64. X., 34 Jahre alt, verheirathet, von neuropathischen 
Eltern , als Kind schwer an Convulsionen leidend , geistig auffallend früh 
(konnte schon mit 3 Jahren lesen!), aber einseitig entwickelt, nervös von 
Kindesbeinen an, bekam mit 7 Jahren den Drang, sich mit den Schuhen, 
bezw. den Schuhnägeln von Weibern zu beschäftigen. Ihr Anblick, noch 
mehr das Betasten der Schuhnägel und ihr Zählen machte ihm unbeschreib- 
lichen Ge.nuss. 

Nachts musste er sich vergegenwärtigen, wie seine Cousinen sich Schuhe 
anmessen lassen, wie er einer derselben Hufeisen anschmiedete oder die Füsse 
abschnitt. 

Mit der Zeit überwältigten ihn die Schuhscenen auch bei Tage und 
ohne sein Zuthun führten sie zu Erection und Ejaculation. Oefters nahm er 
Schuhe von weiblichen Hausgenossen, und wenn er sie nur mit dem Penis 
berührte, hatte er Ejaculation. Eine Zeitlang vermochte er als Student diese 
Ideen und Gelüste zu beherrschen. Dann kam eine Zeit, wo er dem Geräusch 
weiblicher Fusstritte auf dem Strassenpflaster lauschen musste, was ihm, gleich- 
wie der Anblick des Nägeleinschlagens in Damenschuhe, oder der Anblick 
solcher in Verkaufsauslagen, jeweils ein wollüstiges Erbeben machte. Er 
heirathete und war in den ersten Monaten der Ehe frei von diesen Impulsen. 
Allmählich wurde er hysteropathisch und neurasthenisch.. 

In diesem Stadium bekam er hysterische Anfälle, sobald der Schuster 
ihm von Nägeln an Damenschuhen oder von Frauenschuhebeschlagen sprach. 
Noch grösser war die Reaktion, wenn er einer hübschen Dame mit stark be- 
schlagenen Schuhen ansichtig wurde. Um Ejaculation zu bekommen, brauchte 
er nur Damensohlen aus Carton auszuschneiden und mit Nägeln zu belegen, 
oder aber er kaufte Damenschuhe, Hess sie im Laden beschlagen, machte sie 
daheim auf dem Boden scharren und berührte endlich damit die Spitze seines 
Penis. Aber auch spontan kamen wollüstige Schuhsituationen, in welchen er 
sich durch Masturbation befriedigte. 

X. ist sonst intelligent, tüchtig im Beruf, aber gegen seine perversen 
Gelüste kämpft er vergebens an. Er bietet Phimose: Penis kurz, an der 
Wurzel bauchig, nicht vollkommen erectionsfähig. Eines Tages Hess sich 


Masochismus. 133 

Patient über den Anblick einer genagelten Damensohle vor dem Laden eines 
Schuatero zur Masturbation hinreisaen und wurde dadurch criminell (Blanche, 
Archiv, de Neurologie, 1882, Nr. 22). 

Hier ist auch auf den weiter unten darzustellenden Fall 
(Beob. 79 der 6. Aufl.) eines conträr Sexualen hinzuweisen, dessen 
sexuelles Interesse hauptsächlich von den Stiefeln männlicher Diener 
in Anspruch genommen wird. Er möchte sich von ihnen treten 
lassen etc. 

Ein masochistisches Element liegt noch in dem folgen- 
den Falle : 

Beobachtung 65. (Dr. Pascal, Igiene dell' amore). X., Kaufmann, 
bekam von Zeit zu Zeit, besonders bei schlechter Witterung, folgendes Gelüste : 
Er redete eine beliebige Prostituirte an und ersuchte sie mit ihm zu einem 
Schuster zu gehen, wo er ihr das schönste Paar Lackstiefeletten kaufte, unter 
der Bedingung, dass sie dieselben sofort anziehe. Nachdem dies geschehen, 
musste die Betreffende auf der Strasse möglichst in den Koth und Pfützen 
treten, um die Stiefel recht zu beschmutzen. War dies geschehen , so führte 
X. die Person in ein Hotel und kaum mit ihr in einem Zimmer, stürzte er 
auf ihre Füsse los und empfand ein ausserordentliches Vergnügen, dabei an 
diesen seine Lippen zu wetzen. Nachdem die Stiefel auf diese Weise gereinigt 
waren, gab er ein Geldgeschenk und ging seiner Wege. 

Aus diesen Fällen ergibt sich deutlich, dass der Schuh der 
Fetisch des Masochisten ist und zwar offenbar wegen der Be- 
ziehung des bekleideten weiblichen Fusses zur Vorstellung des Ge- 
tretenwerdens und anderen Akten der Demtithigung. 

Wenn also in anderen Fällen von Schuhfetischismus der 
Frauenschuh allein als Erreger sexueller Begierden erscheint, so 
lässt sich wohl annehmen, dass in solchen Fällen masochistische 
Motive latent geblieben sind. Die Idee des Getretenwerdens etc. 
bleibt in der Tiefe des Unbewussten und die Vorstellung des 
Schuhes allein, des Mittels zu solchen Dingen, taucht im Be- 
wusstsein auf. Fälle, welche sonst ganz unerklärlich blieben, 
finden so eine genügende Aufklärung. Es handelt sich hier um 
larvirten Masochismus und dieser dürfte stets als unbewusstes Motiv 
anzunehmen sein, wenn nicht ausnahmsweise die Entstehung des 
Fetischismus aus einer Association von Vorstellungen bei Gelegen- 
heit eines bestimmten Erlebnisses nachweisbar ist, wie im Falle 
der Beob. 87 u. 88 (s. unten p. 179 u. 180). 

Derartige Fälle von Trieb zu Frauenschuhen ohne bewusstes 


134 Paraesthesia sexualis. 

Motiv und ohne nachweisbare Entstehung sind aber geradezu zahl- 
los *). Als Beispiele mögen hier drei Fälle angeführt werden. 

Beobachtung 66. Cl eriker, 50 Jahre alt Derselbe erscheint zeit- 
weise in Prostitutionshäusern unter dem Vorwand, ein Zimmer im Hause zu 
miethen, laset sich in ein Gespräch mit einer Puella ein, wirft lüsterne Blicke 
nach ihren Schuhen, zieht ihr einen aus, osculatur et mordet caligam libidine 
captus; adgenitalia denique caligam premit, eiaculat semen semineque ejacu- 
lato axillas pectusque terit, kommt aus seiner wollüstigen Ekstase zu sich, 
bittet die Besitzerin des Schuhs um die Gnade, ihn einige Tage behalten zu 
dürfen, und bringt dann ihn höflich dankend nach der bedungenen Zeit zurück. 
(Cantarano, „La Psichiatria". V, p. 205.) 

Beobachtung 67. Stud. Z., 23 Jahre alt, stammt aus belasteter Fa- 
milie. Schwester war gemüthskrank, Bruder litt an Hysteria virilis. Pat. seit 
Kindesbeinen sonderbar, hat häufig hypochondrische Verstimmungen, Taed. 
vitae, fühlt sich zurückgesetzt. Bei einer Consultation wegen ,Gemüthsleiden* 
finde ich einen höchst verschrobenen, belasteten Menschen mit neurasthenischen 
und hypochondrischen Symptomen. Der Verdacht auf Masturbation bestätigt 
sich. Pat. gibt interessante Enthüllungen bezüglich seiner Vita sexualis. Im 
Alter von 10 Jahren fühlte er sich mächtig vom Fuss eines Kameraden an- 
gezogen. Mit 12 Jahren habe er für Damenfüsse zu schwärmen begonnen. Es 
war ihm ein wonniges Gefühl, in ihrem Anblick zu schwelgen. Mit 14 Jahren 
begann er zu masturbiren, indem er sich dabei einen hübschen Damenfuss 
dachte. Von nun an begeisterte er sich für die Füsse seiner 3 Jahre älteren 
Schwester. Auch die Füsse anderer Damen, sofern sie ihm sympathisch waren, 
wirkten sexuell erregend. Am Weibe interessirte ihn nur der Fuss. Der Ge- 
danke an sexuellen Verkehr mit einem Weibe erweckte ihm Ekel. Noch nie- 
mals hat er Coitus versucht. Vom 12. Jahre ab empfand er nie mehr ein 
Interesse für den Fuss männlicher Individuen. Die Art der Bekleidung des 
weiblichen Fusses ist ihm gleichgültig, entscheidend ist, dass die Persönlich- 
keit ihm sympathisch erscheint. Der Gedanke, die Füsse Prostituirter zu ge- 
messen, sei ihm ekelhaft. Seit Jahren ist er verliebt in die Füsse seiner 
Schwester. Wenn er nur der Schuhe dieser gewahr werde, errege dieser An- 
blick mächtig die Sinnlichkeit. Ein Kuss, eine Umarmung der Schwester 
habe nicht diese Wirkung. Sein Höchstes sei , den Fuss eines sympathischen 
Weibes zu umfassen, zu küssen. Dann komme es sofort unter lebhaftem Wol- 
lustgefühl zur Ejaculation. Oft trieb es ihn, mit einem Schuh der Schwester 
seine Genitalien zu berühren, jedoch vermochte er bisher diesen Drang zu be- 
herrschen, zumal da er seit 2 Jahren (in Folge vorgeschrittener reizbarer 
genitaler Schwäche) schon beim blossen Anblick des Fusses ejaculirte. Von 
den Angehörigen erfährt man, dass Pat. eine „lächerliche Bewunderung* für 
die Füsse seiner Schwester habe, so dass diese ihm aus dem Wege gehe und 
sich bemühe, ihre Füsse vor dem Pat. zu verbergen. Pat. empfindet seinen 


') Mit dem Fussfetischismus hängt es offenbar zusammen, dass einzelne 
derartige Individuen den Coitus , der sie nicht befriedigt oder den zu leisten 
sie nicht im Stande sind, durch Tritus membri inter pedes mulieris ersetzen. 


Ma80chißmu8. 135 

perversen sexuellen Drang als krankhaft und ist peinlich davon berührt, dass 
seine schmutzigen Phantasien gerade den Fuss der Schwester zum Gegenstand 
haben. Er weiche der Gelegenheit aus, wie er nur könne, suche sich durch 
Masturbation zu helfen, wobei ihm, gleichwie bei Traumpollutionen, Damen- 
füsse in der Phantasie vorschweben. Werde aber der Drang zu mächtig, so 
könne er nicht widerstehen, des Anblicks des Fusses der Schwester theilhaftig 
zu werden. Gleich nach der Ejaculation empfinde er lebhaften Aerger, wieder 
schwach gewesen zu sein. Seine Neigung zum Fuss der Schwester habe ihn 
unzählige schlaflose Nächte gekostet. Er wundere sich oft, dass er seine 
Schwester noch gerne haben könne. Obwohl es ihm recht sei, dass diese ihre 
Fasse vor ihm verberge, sei er oft sehr irritirt darüber, dass er dadurch um 
seine Pollution komme. Pat. betont, dass er sonst sittlich sei, was auch seine 
Angehörigen bestätigen. 

Beobachtung 68. S. in New- York ist des Strassenraubes angeklagt. 
In der Ascendenz zahlreiche Fälle von Irresein, auch Vaters Bruder und Vaters 
Schwester sind geistig abnorm. Mit 7 Jahren zweimal heftige Hirnerschüt- 
terung. Mit 13 Jahren Sturz von einem Balkon. Im 14. Jahre bekam S. heftige 
Anfälle von Kopfweh. Zugleich mit diesen Anfällen oder unmittelbar darauf 
sonderbarer Antrieb, die Schuhe weiblicher Familienglieder, meist nur einen, 
zu entwenden und in irgend einem Winkel zu verbergen. Zur Rede gestellt, 
läugnet er jeweils oder behauptet, sich der Sache nicht zu erinnern. Das 
Gelüste nach Schuhen war unbesiegbar, kehrte alle 3 — 4 Monate wieder. Ein- 
mal machte er einen Versuch, einen Schuh vom Fusse eines Dienstmädchens 
zu entwenden, ein andermal hatte er seiner Schwester einen Schuh aus dem 
Schlafzimmer entwendet. Im Frühjahr wurden zwei Damen auf offener Strasse 
die Schuhe von den Füssen gerissen. Im August verliess S. in der Frühe sein 
Haus, um an sein Geschäft als Buchdrucker zu gehen. Einen Augenblick 
darauf entriss er einem Mädchen auf der Strasse einen Schuh, entfloh, lief in 
seine Officin, wurde dort wegen Strassenraubs verhaftet. Er behauptet, von 
seiner That nicht viel zu wissen, es sei wie ein Blitz beim Anblick des Schuhs 
in ihn gefahren, dass er dessen bedürfe, wozu, wisse er nicht. Er habe in 
•einem Zustand von Unbesinnlichkeit gehandelt. Der Schuh befand sich, wie 
richtig angegeben, in seinem Rocke. In der Haft war er geistig so erregt, 
dass man Ausbruch von Irrsinn befürchtete. Entlassen, stahl er seiner Frau, 
während sie schlief, wieder Schuhe. Sein moralischer Charakter, seine Lebens- 
weise waren untadelhaft. Er war ein intelligenter Arbeiter, nur schnell fol- 
gende unregelmäßige Beschäftigung machte ihn confus und unfähig zur Arbeit. 
Freisprechung (Nichols, Americ. J. J. 1859), Beck, medical juris prud. 1860 
vol I, p. 732. 

Dr. Pascal hat op. cit. noch einige ganz ähnliche Beobach- 
tungen und viele andere sind mir durch Collegen und Patienten 
zugekommen. 


136 Paraesthesia sexualis. 


c) Ekelhafte Handlungen zum Zweck der Selbstdemüthigung 
und sexuellen Befriedigung. — Larvirter Masochismus. 

Es sind zahlreiche Fälle constatirt, in denen pervertirte Männer 
durch die Sekrete und sogar durch die Excremente von Weibern, 
deren Anblick und Berührung sie aufsuchen, in sexuelle Erregung 
versetzt werden. Diesen Fällen dürfte fast immer ein dunkler 
Drang im Sinne des Masochismus zu Grunde liegen, ein Behagen 
an und Streben nach der äussersten Erniedrigung der eigenen 
Person. 

Ganz klar wird dieser Zusammenhang erst durch die Ge- 
ständnisse der mit dieser scheusslichen Perversion Behafteten. Be- 
lehrend in dieser Beziehung ist die weiter unten folgende Beobach- 
tung 88 der 6. Aufl., welche einen conträr Sexualen betrifft. 

Der Gegenstand dieser Beobachtung schwelgt nicht bloss im 
Gedanken, Sklave des geliebten Mannes zu sein und verweist in 
dieser Hinsicht auf Sacher-Masoch's „Venus im Pelz", sed etiam sibi 
fingit amatum poscere ut crepidas sudore diffluentes olfaciat ejusque 
stercore vescatur. Deinde narrat, quia non habeat, quae confingat 
et exoptet, eorum loco suas crepidas sudore infectas olfacere suoque 
stercore vesci, inter quae facta pene errecto se voluptate perturbari 
semenque eiaculari. 

Klar ist die masochistische Bedeutung eines ekelhaften Aktes 
noch im folgenden, mir von einem befreundeten Collegen mit- 
getheilten Falle. 

Beobachtung 69. H. v. G., Gutsbesitzer, Major a. D., im 60. Jahre 
gestorben, aus einer Familie stammend, in der Leichtsinn, Schuldenmachen 
und Lockerung der ethischen Begriffe hereditär ist. Irf seiner Jugend schon 
den tollsten Ausschweifungen ergeben (als Veranstalter .nackter Bälle" bekannt) r 
immer von cynischem und brutalem Wesen, jedoch in seinem Militärdienste 
stramm und genau, musste wegen einer nicht bekannt gewordenen, unsauberen 
Affaire quittiren und lebte durch 17 Jahre als Privatmann. Um die Verwaltung 
seines Vermögens völlig unbekümmert, führte er sich als Lebemann überall ein,, 
war aber ob seines lasciven Wesens überall gemieden. Die ihm trotz seiner 
Brüekheit doch deutlich gewordene Isolirung aus den angestrebten Gesell- 
schaftskreisen veranlasste ihn wohl, dass er mit Vorliebe ordinäre Gesellschaft,. 
Fiaker, Handwerker, Gasthaus- „Schwemmen" aufsuchte. Ob er mit Männern 
in geschlechtlichen Verkehr trat, ist nicht nachweisbar; sicher ist aber, dass 
er auch in späterem Alter Symposien mit gemischter Gesellschaft arrangirte 
und als Wüstling bekannt war. 

In den letzten Jahren seines Lebens hielt er sich Abends in der Nähe 


Masochismus. 137 

von Neubauten auf, suchte sich aus den den Bau verlassenden Arbeiterinnen 
die schmutigsten heraus und bewog sie, ihn zu begleiten. 

Es ist sichergestellt, dass er die Taglöhnerinnen sich entkleiden Hess 
und ihnen dann an den Zehen saugte, worauf seine Libido rege wurde 
und er selbe dann befriedigte. 

Auch Gantarano bringt in „La Psichiatria", V. Jahrg., p. 207 eine 
Beobachtung, nach welcher dem Coitus offenbar aus gleicher Ursache Beissen 
und Saugen an den möglichst lange nicht gewaschenen Zehen der Puella 
vorhergeht. 

Es sind mehrere Fälle zu meiner Kenntniss gelangt, in denen 
neben anderen masochistischen Akten (Misshandlungen, De- 
müthigungen) derartigen ekelhaften Gelüsten gefröhnt wird und die 
Aussagen der Betreffenden keinen Zweifel an der Bedeutung dieser 
ekelhaften Akte übrig lassen. 

Solche Fälle bahnen uns den Weg zum Verständniss anderer, 
welche ohne den Zusammenhang mit dem masochistischen Drang 
nach Erniedrigung vollkommen unbegreiflich wären 1 ). Es ist jedoch 
wahrscheinlich, dass dieser Drang oft in seiner eigentlichen Be- 
deutung dem pervertirten Individuum unbewusst bleibt und nur der 
Trieb zu ekelhaften Dingen ins Bewusstsein tritt, — also auch hier 
larvirter Masochismus. 

Hierher gehören weitere Fälle Cantarano's 1. c. (mictio, in einem an- 
deren Falle gar defaecatio puellae ad linguam viri ante actum), Geniessen von 
nach Fäces riechendem Confect, um potent zu sein; ferner folgender, gleich- 
falls von einem Arzte mir mitgetheilter Fall: 

Beobachtung 70. Ein im höchsten Grade decrepider, russischer 
Fürst Hess sich von seiner Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wen- 
dend, setzen musste , auf die Brust defaciren , und regte nur auf diese Weise 
die Reste seiner Libido an. 

Ein Anderer aoutenirt eine Maitresse in aussergewöhnlich glänzender 
Weise mit der ihr auferlegten Verpflichtung, ausschliesslich Marzipan zu essen. 
Ut libidinosus fiat et eiaculare possit excrementa feminae ore excipit. — Ein 
brasilianischer Arzt berichtete mir Über mehrere zu seiner Kenntniss gekom- 
mene Fälle von Defaecatio feminae in os viri. 

Derartige Fälle kommen überall vor und durchaus nicht selten. Alle 
möglichen Sekrete, Speichel, Nasenschleim, selbst Ohrenschmalz werden in 


! ) Die Analogie mit den Excessen religiöser Schwärmerei ist selbst hier 
noch vorhanden. Die religiöse Schwärmerin Antoinette Bouvignon de la Porte 
mischte ihre Speisen mit Koth, um sich zu kasteien. (Zimmermann, op. cit. 
p. 124.) Die beatificirte Marie Alacoque leckte, um sich zu „mortificiren*. 
mit der Zunge die Dejectionen von Kranken auf und saugte an deren mit 
Geschwüren bedeckten Zehen. 


138 Paraesthesia sexualis. 

diesem Sinne benätzt, mit Begierde verschlangen, oscula ad nates und selbst 
ad anum gegeben. (Dr. ^ioll op. cit. p. 135 berichtet Gleiches von Conträr- 
sexualen). Das perverse Gelüste, den Cunnilongas activ auszuüben, welches 
weit verbreitet ist, dürfte auch h&ufig in masochistischen Antrieben seine 
Wurzel haben. 

Pelanda, Archivio di Psichiatria X, fascicolo 3 — 4, erzählt 
folgenden Fall: 

Beobachtung 71. W., 45 Jahre, belastet, war schon mit 8 Jahren 
der Masturbation ergeben. A decimo sexto anno libidines suas bibendo recentem 
feminarum urinam satiavit. Tanta erat voluptas urinam bibentia ut nee ali- 
quid olfaceret nee saperet, haec faciens. Nach dem Trinken empfand er jedes- 
mal Ekel, Uebelbefinden und fasste die besten Vorsätze, derlei künftig bleiben 
zu lassen. — Ein einziges Mal hatte er gleichen GenuBS beim Trinken des 
Urins von einem 9jährigen Knaben, mit dem er einmal Fellatio getrieben hatte. 
Pat. leidet an epileptischer Geistestörung. 

Die in dieser Gruppe geschilderten Fälle bilden das voll- 
kommene Gegenstück zur Gruppe d. der Sadisten. 

Hierher gehören noch ältere Fälle, welche schon T a r d i e u (Etüde me- 
dico-legale sur les attentats aux moeurs p. 206) an senilen Persönlichkeiten 
beobachtet hat. Er schildert als „Renifleurs" „qui in secretos locos nimirum 
theatrorum posticos convenientes quo complures feminae ad micturiendum 
festinant, per nares urinali odore excitati, illico se invicem polluunt." 

Einzig in dieser Hinsicht sind die „Stercoraires", von denen Taxil (La 
Prostitution contemporaine) berichtet. 

Endlich möge noch folgender Fall, von einem Arzt mir mitgetheilt, hier 
Platz finden: 

Beobachtung 72. Ein als Sonderling und Misanthrop seiner Um- 
gebung von Jugend her bekannter Notar, der in seiner im Convicte verbrachten 
Studienzeit der Onanie sehr ergeben war, regte, nach eigener Erzählung, seine 
Geschlechtslust dadurch auf, dass er eine Anzahl von ihm gebrauchter 
Ciosetpapiere auf der Bettdecke auf breitete, bis durch Betrachtung und 
Beriechung derselben Erection eintrat, die er dann zur Onanie benützte. 

Nach seinem Tode fand sich ein grosser Korb solcher Papiere mit genau 
notirtem Datum und Jahreszahl bei seinem Bette vor. 

Hier handelt es sich wahrscheinlich um Phantasien im Sinne der obigen 
ausgeführten Handlungen. 

d) Masochismus des Weibes. 

Beim Weibe ist die willige Unterordnung unter das andere 
Geschlecht eine physiologische Erscheinung. In Folge seiner pas- 
siven Rolle bei der Fortpflanzung und der von jeher bestehenden 
socialen Zustände sind für das Weib mit der Vorstellung geschlecht- 


Masochismus. 139 

licher Beziehungen überhaupt die Vorstellungen der Unterwerfung 
regelmässig verbunden. Sie bilden sozusagen die Obertöne, welche 
die Klangfarbe weiblicher Gefühle bestimmen. 

Der Kenner der Culturgeschichte weiss, in welchem Verhalt- 
nisse der absoluten Unterwerfung das Weib von jeher bis zu relativ 
hohen Culturzuständen gehalten wurde *) , und ein aufmerksamer 
Beobachter des Lebens kann heute noch leicht erkennen, wie die 
Gewöhnung unzähliger Generationen, im Verein mit der passiven 
Rolle, welche die Natur dem Weibe zugewiesen hat, diesem Ge- 
schlechte eine instinctive Neigung zur freiwilligen Unterordnung 
unter den Mann angebildet hat; er wird bemerken, dass von den 
Frauen ein stärkeres Betonen der üblichen Galanterie höchst ab- 
geschmackt gefunden, ein Abweichen davon nach der Seite eines 
herrischen Benehmens zwar mit lautem Tadel, aber oft mit heimlichem 
Behagen aufgenommen wird *). Unter dem Firniss unserer Salon- 
sitten ist überall der Instinkt der Frauendienstbarkeit erkennbar. 

So liegt es nahe, den Masochismus überhaupt als eine patho- 
logische Wucherung specifisch weiblicher psychischer Elemente an- 
zusehen als krankhafte Steigerung einzelner Züge des weiblichen 
psychischen Geschlechtscharakters und seine primäre Entstehung 
bei diesem Geschlechte zu suchen (s. unten Anm. zu p. 148). 

Als feststehend kann aber wohl angenommen werden, dass 
eine Neigung zur Unterordnung unter den Mann (die ja als er- 
worbene zweckmässige Einrichtung, als Anpassungserscheinung an 
sociale Thatsachen gelten kann) beim Weibe bis zu einem gewissen 
Grade als normale Erscheinung sich vorfindet. 

Dass es unter solchen Umständen nicht öfter zur „ Poesie u 
symbolischer Unterwerfungsakte kommt, hat seinen Grund theil- 
weise darin, dass der Mann nicht die Eitelkeit des Schwachen be- 
sitzt, der die Sachlage zur Ostentation seiner Macht benutzen würde 


') Die Rechtsbücher des frühesten Mittelalters gaben dem Manne das 
Tödtungs-, die des späten noch das Züchtigungsrecht über sein Weib. Von 
letzterem wurde auch in höheren Ständen ausgiebig Gebrauch gemacht (vrgl. 
Schultze, Das höfische Leben zur Zeit des Minnesangs, Bd. I, pag. 16$ f.). Daneben 
steht unvermittelt der paradoxe Frauendienst des Mittelalters (s. unten p. 147). 

2 ) Vrgl. den Ausspruch der Lady Milford in Schillert „ Kabale und 
Liebe" : 

„Wir Frauenzimmer können nur zwischen Herrschen und Dienen wählen, 
aber die höchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn 
uns die grössere Wonne versagt wird, Sklavinnen eines Mannes zu sein, den 
wir lieben!* (II. Akt, 1. Scene.) 


140 Paraesthesia sexualis. 

(wie die Damen des Mittelalters gegenüber den minnedienenden 
Rittern), sondern lieber reelle Vortheile herausschlägt. Der Barbar 
lässt die Frau für sich ackern, der Culturphilister spekulirt auf ihre 
Mitgift. Beides trägt sie willig. 

Fälle pathologischer Steigerung dieses Instinkts der Unter- 
ordnung im Sinne eines Masochismus des Weibes dürften oft genug 
vorkommen, werden aber in ihren Entäusserungen durch die Sitte 
reprimirt. Uebrigens thun viele junge Frauen nichts lieber als vor 
ihren Männern oder Geliebten auf den Enieen zu liegen. Bei allen 
slavischen Völkern sollen sich die Weiber der niederen Stände 
unglücklich fühlen, wenn sie von ihren Männern nicht geprügelt 
werden. 

Ein ungarischer Gewährsmann theilt mir mit, dass die Bäue- 
rinnen des Somogy'er Comitates sich nicht eher von ihrem Manne 
geliebt glauben, bevor sie. nicht die erste Ohrfeige als Liebeszeichen 
erhalten haben. 

Beobachtungen von Masochismus des Weibes beizubringen, 
dürfte dem ärztlichen Forscher schwer fallen. Innere und äussere 
Widerstände, Schamgefühl und Sittsamkeit stellen naturgemäss beim 
Weibe den Durchbruch perverser sexueller Triebe nach aussen fast 
unüberwindliche Hindernisse entgegen. 

So kommt es, dass bis jetzt nur ein einziger Fall von Maso- 
chismus des Weibes wissenschaftlich constatirt ist; und dieser ist 
von verdunkelnden Nebenumständen begleitet. 

Beobachtung 73. Fräulein v. X., Russin, 35 Jahre alt, aus schwer 
belasteter Familie, befindet sich seit einigen Jahren im Initialstadium einer 
Paranoia persecutoria. Dieselbe ist hervorgegangen aus einer Neurasthenia 
cerebrospinalis, deren Ausgangspunkt in sexueller Ueberreizung zu finden ist. 
Pat. war seit ihrem 24. Jahr der Onanie ergeben. Durch nicht erfüllte Heiraths- 
erwartung und heftige sinnliche Erregung ist sie zur Masturbation und 
psychischen Onanie gelangt. Neigung zu Personen des eigenen Ge- 
schlechts kam niemals vor. Pat. gibt an: „ Mit 6— 8 Jahren trat bei mir 
das Gelüste auf, gegeisselt zu werden. Da ich niemals Schläge bekommen 
hatte, auch nie dabei war, wie jemand gegeisselt wurde , kann ich mir nicht 
erklären, wie ich zu diesem sonderbaren Verlangen kam. Ich kann mir nur 
denken, dass es mir angeboren ist. Ich hatte ein wahres Wonnegefühl bei 
diesen Geisselvorstellungen und malte mir in meiner Phantasie aus, wie schön 
es wäre, wenn eine Freundin mich geisselte. Nie kam mir die Phantasie, mich 
von einem Manne geissein zu lassen. Ich schwelgte in der Idee und versuchte 
es nie zur wirklichen Ausführung meiner Phantasien zu gelangen. Vom 10. Jahre 
ab verloren sich diese. — Erst als ich mit 34 Jahren Rousseau's „Confessions" 
las, wurde mir klar, was meine Geisseigelüste zu bedeuten hätten und dass es 


Masochi8mu8. 141 

sich bei mir um dieselben krankhaften Vorstellungen handelte, wie bei Rousseau. 
Nie habe ich seit meinem 10. Jahre mehr derartige Anwandlungen gehabt." 

Dieser Fall ist durch seinen originären Charakter und durch 
die Berufung auf Rousseau als Fall von Masochismus sicher anzu- 
sprechen. Dass es eine Freundin ist, welche in der Phantasie als 
geisselnd vorgestellt wird, ist einfach daraus zu erklären, dass die 
masochistischen Gelüste hier bei einem Kinde ins Bewusstsein treten, 
bevor die psychische Vita sexualis ausgebildet ist und der Trieb 
zum Manne auftritt. Conträre Sexualempfindung ist hier ausdrück- 
lich ausgeschlossen. 


Versuch einer Erklärung des Masochismus. 

Die Thatsachen des Masochismus gehören jedenfalls zu den 
interessantesten im Gebiet der Psychopathologie. Ein Versuch ihrer 
Erklärung hat zunächst zu ermitteln, was an dem Phänomen das 
Wesentliche und was dabei das Unwesentliche ist. 

Das Entscheidende beim Masochismus ist jedenfalls die schran- 
kenlose Unterwerfung unter den Willen der Person des anderen 
Geschlechts (beim Sadismus umgekehrt die schrankenlose Beherrschung 
dieser Person), und zwar unter Weckung und Begleitung von mit 
Lust betonten sexuellen Gefühlen bis zur Entstehung von Orgas- 
mus. Nebensächlich ist nach allem Vorausgehenden die specielle 
Art und Weise, wie dieses Abhängigkeits- oder Beherrschungs- 
•verhältniss bethätigt wird (s. oben), ob durch bloss symbolische 
Akte, oder ob zugleich der Drang besteht, von einer Person des 
anderen Geschlechts Schmerzen zu erdulden. 

Während der Sadismus als eine pathologische Steigerung des 
männlichen Geschlechtscharakters in seinem psychischen Beiwerk 
angesehen werden kann, stellt der Masocbismus eher eine krank- 
hafte Ausartung specifisch weiblicher, psychischer Eigentümlich- 
keiten dar. 

Es gibt aber unzweifelhaft auch einen häufigen Masochismus 
des Mannes, und dieser ist es, welcher meistens in die äussere Er- 
scheinung tritt und die Casuistik fast ausschliesslich füllt. Die 
Gründe hiefür sind oben p. 140 erwähnt. 


142 Paraesthesia eexualis. 

Für den Masochismus lassen sich in der Welt der normalen 
Vorgänge zwei Wurzeln nachweisen. 

Erstens ist im Zustande der wollüstigen Erregung jede Ein- 
wirkung, welche von der Person, von der der sexuelle Reiz aus- 
geht, auf den Erregten ausgeübt wird, willkommen, unabhängig 
von der Art dieser Einwirkung. Es liegt noch ganz im Bereiche 
des Physiologischen, dass sanfte Püffe und leichte Schläge als Lieb- 
kosungen aufgefasst werden, 

„like the lovers pinch which hurts and is desired" 

(Skakespeare, Antonius und Kleopatra V. 2.) 

Es liegt von hier aus nicht allzu ferne, dass der Wunsch, eine 
recht starke Einwirkung von Seite des Consors zu erfahren, in 
Fällen pathologischer Steigerung der Liebesinbrunst, zu einem Ge- 
lüste nach Schlägen u. dgl. führt, da der Schmerz das immer be- 
reite Mittel einer starken körperlichen Einwirkung ist. So wie im 
Sadismus der sexuelle Affekt zu einer Exaltation führt, in welcher 
die überschäumende motorische Erregung in Nebenbahnen über- 
strömt, so entsteht hier im Masochismus eine Ekstase, in der die 
steigende Fluth einer einzigen Empfindung jeden von der geliebten 
Person kommenden Einfluss begierig verschlingt und mit Wollust 
überschwemmt. 

Die zweite und wohl die mächtigere Wurzel des Masochismus 
ist in einer weit verbreiteten Erscheinung zu suchen, welche zwar 
schon in das Gebiet des ungewöhnlichen, abnormen, aber durchaus 
noch nicht in das des perversen Seelenlebens fällt. 

Ich meine hier die allverbreitete Thatsache, dass in unzähli- 
gen, in den verschiedensten Variationen auftretenden Fällen ein 
Individuum in eine ganz ungewöhnliche, höchst auffällige Ab- 
hängigkeit von einem anderen Individuum des entgegengesetzten 
Geschlechtes geräth bis zum Verlust jedes selbstständigen Willens, 
eine Abhängigkeit, welche den beherrschten Theil zu Handlungen 
und Duldungen zwingt, die schwere Opfer am eigenen Interesse 
bedeuten und oft genug gegen Sitte und Gesetz Verstössen. 

Diese Abhängigkeit ist aber von den Erscheinungen des nor- 
malen Lebens nur durch die Intensität des Geschlechtstriebes, der 
hier im Spiele ist, und das geringe Mass der Willenskraft, die ihm 
das Gleichgewicht halten soll, verschieden, also nur intensiv ver- 
schieden, nicht qualitativ, wie es die Erscheinungen des Masochis- 
mus sind. 

Ich habe diese Thatsache der abnormen, aber noch nicht per- 


Masochismus. 143 

versen Abhängigkeit eines Menschen von einem anderen des ent- 
gegengesetzten Geschlechts, welche Thatsache namentlich vom 
forensischen Standpunkte aus betrachtet hohes Interesse bietet, mit 
dem Namen .geschlechtliche Hörigkeit" bezeichnet 1 ), weil die 
daraus hervorgehenden Verhältnisse durchaus den Charakter der 
Unfreiheit tragen. Der Wille des herrschenden Theils gebietet 
über den des unterworfenen Theils wie der des Herrn über den des 
Hörigen 2 ). 

Diese „ geschlechtliche Hörigkeit" ist, wie gesagt, eine aller- 
dings abnorme Erscheinung. Sie beginnt eben da, wo die Norm, 
das von Gesetz und Sitte vorgezeichnete Mass der Abhängigkeit 
eines Theils vom anderen oder beider von einander, in Folge indi- 
vidueller Besonderheit in der Intensität an sich normaler Motive, 
verlassen wird. Die geschlechtliche Hörigkeit ist aber keine per- 
verse Erscheinung; die hier wirkenden Triebfedern sind dieselben, 
die auch die gänzlich innerhalb der Norm verlaufende psychische 
vita sexualis — wenn auch mit minderer Heftigkeit — in Bewegung 
setzen. 

Furcht, den Genossen zu verlieren, der Wunsch, ihn immer 
zufrieden, liebenswürdig und zum geschlechtlichen Verkehr geneigt 
zu erhalten, sind hier die Motive des unterworfenen Theiles. Ein 
ungewöhnlicher Grad von Verliebtheit, der — namentlich beim 
Weibe — durchaus nicht immer einen ungewöhnlichen Grad von 
Sinnlichkeit bedeutet, und Charakterschwäche andererseits sind die 
einfachen Elemente des ungewöhnlichen Vorganges 8 ). 


x ) Vgl. des Verfassers Abhandlung „über geschlechtliche Hörigkeit und 
Masochismus * in den psychiatrischen Jahrbüchern Bd. X, p. 169 ff., wo dieser 
Gegenstand ausführlich und namentlich vom forensischen Gesichtspunkte aus 
behandelt wurde. 

*) Der Ausdruck Sklave oder Sklaverei, obwohl er oft auch in solchen 
Situationen bildlich gebraucht wird, wurde hier vermieden, weil dies Lieb- 
lingsausdrücke des Masochismus sind, von welchem die. „Hörigkeit" durchaus 
unterschieden werden muss. 

Der Ausdruck „Hörigkeit" soll auch nicht gleichgestellt werden mit 
J. St. Mill's „Hörigkeit der Frau". Was Mi 11 mit diesem Ausdrucke be- 
zeichnet, sind Gesetze und Sitten, sociale und historische Erscheinungen. Hier 
aber sprechen wir von jedesmal individuell besonders motivirten Thatsachen, 
die mit jeweils geltenden Sitten und Gesetzen geradezu im Widerspruch stehen. 

*) Das Wichtigste dabei ist vielleicht, dass sich durch die Gewöhnung an 
den Gehorsam eine Art Mechanismus der ihres Motives unbewussten, mit auto- 
matischer Sicherheit functionirenden Folgsamkeit ausbilden kann, der mit Gegen- 
motiven gar nicht zu kämpfen hat, weil er unter der Schwelle des Bewusstseins 


144 Paraesthesia sexual is. 

Das Motiv des anderen Theiles ist Egoismus, der freien Spiel- 
raum findet. 

Die Erscheinungen der Geschlechtshörigkeit sind in ihren 
Formen mannigfaltig und die Zahl der Fälle ist eine ungemein 
grosse 1 ). In geschlechtliche Hörigkeit gerathene Männer finden 
wir im Leben bei jedem Schritt. Hierher gehören bei den Ehe- 
männern die sogenannten Pantoffelhelden, namentlich die alternden 
Männer, die junge Frauen heirathen und das Missverh'altniss der Jahre 
und körperlichen Eigenschaften durch unbedingte Nachgiebigkeit 
gegen alle Launen der Gattin auszugleichen trachten; hierher sind 
zu zählen auch ausserhalb der Ehe die überreifen Männer, die ihre 
letzten Chancen in der Liebe durch ungemessene Opfer zu ver- 
bessern trachten; hierher aber auch Männer jeden Alters, die von 
heisser Leidenschaft für ein Weib ergriffen, bei ihm auf Kälte und 
Berechnung stossen und auf harte Bedingungen capituliren müssen; 
verliebte Naturen, die von notorischen Dirnen sich zur Eheschlies- 
sung bewegen lassen; Männer, die, um Abenteurerinnen nachzu- 
laufen, Alles im Stich lassen und ihre Zukunft aufs Spiel setzen, 
Gatten und Väter, die Weib und Kind verlassen und das Einkom- 
men der Familie einer Hetäre zu Füssen legen. 

So zahlreich aber auch die Beispiele männlicher Hörigkeit 
sind, so muss doch jeder halbwegs unbefangene Beobachter des 
Lebens zugeben, dass sie an Zahl und Gewicht der Fälle gegen 
die weiblicher Hörigkeit weit zurückbleiben. Dies ist leicht er- 
klärlich. Für den Mann ist die Liebe fast stets nur Episode, er 
hat daneben viele und wichtige Interessen; für das Weib hingegen 
ist sie der Hauptinhalt des Lebens, bis zur Geburt von Kindern 
fast immer das erste, nach dieser noch oft das erste, immer min- 
destens das zweite Interesse. Was aber noch viel wichtiger ist: 
der Mann, den der Trieb beherrscht, löscht ihn leicht in den Um- 


liegt und von dem herrschenden Theil wie ein todtes Instrument gehandhabt 
werden kann. 

') In allen Literaturen spielt naturgemäße die Geschlechtshörigkeit eine 
Bolle. Ungewöhnliche, aber nicht perverse Erscheinungen des Seelenlebens 
sind ja für den Dichter ein dankbares und erlaubtes Gebiet. Die berühmteste 
Schilderung männlicher Hörigkeit ist wohl des Abbe Prevost „Mano Lescault". 
Eine vorzügliche Schilderung weiblicher Hörigkeit bietet George Sand's „Leone 
Leoni". Hierher gehört vor Allem Kleist's »Käthchen von Heilbronn 11 , von ihm 
selbst als Gegenstück zur (sadistischen) Penthesilea bezeichnet, hierher Halm's 
„Griseldis" und viele ähnliche Dichtungen. 


Masochismus. 145 

armungen, zu denen er unzählige Gelegenheiten findet. Das Weib 
aber ist in den höheren Ständen, wenn überhaupt mit einem Mann 
versehen, an diesen Einen gefesselt, und selbst in den unteren 
Classen der Gesellschaft sind noch immer bedeutende Hindernisse 
der Polyandrie vorhanden. 

Deshalb bedeutet für ein Weib der Mann, den sie 
hat, das ganze Geschlecht. Seine Wichtigkeit für sie wächst 
dadurch ins Ungeheure. Dazu kommt endlich noch, dass das nor- 
male Verhältniss, wie es Gesetz und Sitte zwischen Mann und Weib 
geschaffen haben, weit davon entfernt ist, ein paritätisches zu sein 
und an und für sich schon überwiegende Abhängigkeit des Weibes 
genug enthält. Um so tiefer hinab in die Hörigkeit werden sie die 
Concessionen drücken, welche sie dem Geliebten.macht, um seine 
ihr fast unersetzliche Liebe zu erhalten, und um so höher steigen die 
unersättlichen Ansprüche der Männer, die entschlossen sind, ihren 
V ortheil auszubeuten und eine Industrie aus der Ausbeutung der 
grenzenlosen weiblichen Opferfähigkeit machen. 

Dahin gehört der Mitgiftjäger, der sich mit hohen Summen 
dafür bezahlen lässt, die leicht geschaffenen Illusionen einer Jung- 
frau über ihn zu zerstören, der planmässig vorgehende Verführer 
und Compromittirer der Frauen, der auf Lösegelder und Schweig- 
gelder speculirt, der goldverschnürte Krieger und der Musiker mit 
der Löwenmähne, die rasch ein gestammeltes „Dich oder den Tod!" 
hervorzulocken wissen, das eine Anweisung auf bezahlte Schulden 
und gute Versorgung ist, dahin gehört aber auch der Soldat in 
der Küche, dessen Liebe die Köchin mit Liebe plus Sättigungs- 
mitteln aufwiegt, der Geselle, der die Ersparnisse der Meisterin, 
die er geheirathet hat, vertrinkt, und der Zuhälter, der die Pro- 
stituirte, von der er lebt, mit Schlägen zwingt, täglich eine be- 
stimmte Summe für ihn zu verdienen. Das sind nur einige der 
unzähligen Formen der Hörigkeit, in welche das Weib durch sein 
hohes Liebesbedürfniss und die Schwierigkeiten seiner Lage so leicht 
gezwungen wird. 

Das Gebiet der „ geschlechtlichen Hörigkeit 11 musste hier eine 
kurze Darstellung finden, da in ihm offenbar der Mutterboden zu 
gehen ist, aus dem die Hauptwurzel des Masochismus entspriesst. 

Die Verwandtschaft beider Erscheinungen des psychischen Ge- 
schlechtslebens springt sofort in die Augen. Sowohl Hörigkeit als 
Masochismus bestehen ja wesentlich in einer unbedingten Unter- 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis 7. Aufl. 10 


146 Paraesthesia sexualis. 

werfung des von der Abnormität Ergriffenen unter eine Person de» 
anderen Geschlechts und in seiner Beherrschung durch dieselbe 1 ). 

Die beiden Erscheinungen sind aber auch wieder scharf zu 
trennen, und zwar sind sie nicht graduell, sondern qualitativ ver- 
schieden. 

Geschlechtliche Hörigkeit ist keine Perversion, sie ist nichts 
krankhaftes; die Elemente, aus denen sie entsteht, Liebe und 
Willensschwäche, sind nicht pervers, nur ihr gegenseitiges Stärke- 
verhältniss erzeugt das abnorme Resultat, das den eigenen Inter- 
essen, oft Sitten und Gesetzen, so sehr widerspricht. Das Motiv, 
aus welchem der unterworfene Theil hier handelt und die Tyrannei 
erduldet, ist der normale Trieb zum Weibe (resp. Manne), dessen 
Befriedigung der Preis seiner Hörigkeit ist. Die Acte des unter- 
worfenen Theiles, in denen die geschlechtliche Hörigkeit zum Aus- 
druck kommt, geschehen auf Befehl des herrschenden Theiles, um 
seiner Habsucht etc. zu dienen. Sie haben für den unterworfenen 
Theil gar keinen selbstständigen Zweck; sie sind für ihn nur Mittel, 
den eigentlichen Endzweck, den Besitz des herrschenden Theiles zu 
erlangen oder zu bewahren. Endlich ist Hörigkeit eine Folge der 
Liebe zu einem bestimmten Individuum, sie tritt erst ein, wenn 
diese Liebe erwacht ist. 

Ganz anders verhält sich dies Alles beim Masochismus, welcher 
entschieden krankhaft, eine Perversion ist. Das Motiv für die Hand- 
lungen und Duldungen des unterworfenen Theiles ist hier der Reiz, 
. den die Tyrannei als solche für ihn hat. Er mag daneben den 
herrschenden Theil auch zum Coitus begehren; jedenfalls ist sein 
Trieb auch auf die Akte, die zum Ausdruck der Tyrannei dienen, 
als auf directe Objecte der Befriedigung gerichtet. Diese Akte, in 
denen der Masochismus zum Ausdruck kommt, sind für den unter- 
worfenen Theil nicht Mittel zum Zweck, wie bei der Hörigkeit, 
sondern selbst Endzweck. Endlich tritt beim Masochismus die 
Sehnsucht nach Unterwerfung a priori auf, vor jeder Neigung zu 
einem bestimmten Gegenstand der Liebe. 

Der Zusammenhang zwischen Hörigkeit und Masochismus, 
der bei der Uebereinstimmung beider Erscheinungen im äusseren 


x ) Es können Fälle vorkommen, in welchen die geschlechtliche Hörig- 
keit sich in denselben Acten ausspricht, die dem Masochismus geläufig sind. 
Wenn rohe Männer ihre Weiber prügeln und diese aus Liebe dulden, ohne 
jedoch nach Schlägen Sehnsucht zu haben, so liegt eine Trugform der Hörig- 
keit vor, die Masochismus vortäuschen kann. 


Masochisnius. 147 

Effect der Abhängigkeit bei allem Unterschied der Motivirung wohl 
anzunehmen ist, der Uebergang der Abnormität in die Per- 
version dürfte sich zunächst auf folgendem Wege vollziehen. 

Wer sich durch lange Zeit im Zustande der geschlechtlichen 
Hörigkeit befindet, wird disponirt sein, leichtere Grade des Maso- 
chismus zu acquiriren. Die Liebe, welche gern Tyrannei um des 
Geliebten willen erträgt, wird dann direct Liebe zur Tyrannei. 
Wenn die Vorstellung des Tyrannisirtwerdens lange mit 
der lustbetonten Vorstellung des geliebten Wesens eng 
associirt war, so geht endlich die Lustbetonung auf die 
Tyrannei selbst über und es ist Perversion eingetreten. 
Das ist der Weg, auf dem Masochismus gezüchtet werden kann '). 


x ) Es ist sehr interessant und beruht auf der im äusseren Effecte wesent- 
lich übereinstimmenden Natur von Hörigkeit und Masochismus, dass zur Illu- 
strirung des Ersteren ganz allgemein im Scherz und bildlich Ausdrücke ge- 
braucht werden, wie „ Sklaverei, Kettentragen, gefesselt sein, die Geissei über 
Jemand schwingen, an den Triumphwagen spannen, zu Füssen liegen, Pan- 
toffelheld sein" etc., lauter Dinge, die für den Masochisten in buchstäblicher 
Ausführung den Gegenstand seiner perversen Begierde bilden. 

Solche Bilder werden bekanntlich im täglichen Leben oft gebraucht 
und sind geradezu trivial geworden. Sie stammen aus der dichterischen Sprache. 
Die Dichtung hat zu allen Zeiten, innerhalb de? Gesammtbildes heftiger Liebes- 
leidenschaft das Moment der Abhängigkeit vom Gegenstande, der sich ver- 
sagen kann oder muss, erkannt, und auch die Thatsachen der „Hörigkeit" 
boten sich ihr stets zur Beobachtung dar. Indem der Dichter Ausdrücke, wie 
die oben angeführten, wählt, um die Abhängigkeit des Verliebten mittelst 
Binnenfälliger Bilder anschaulich zu machen, geht er genau denselben 
Weg wie der Masochist, der, um sich selbst seine Abhängigkeit (die ihm 
Selbstzweck ist) sinnenfällig vorzustellen, solche Situationen verwirklicht. 

Schon die Dichtung des Alterthums gebraucht für die Geliebte den 
Ausdruck „domina" und verwendet gerne das Bild des in Fesselnschlagens 
(z. B. Horaz Od. IV. 11). Von da bis in unsere Zeiten (vgl. Grillparzer 
Ottokar V. Akt: „Herrschen ist süss, so süss fast als gehorchen") ist die galante 
Dichtung aller Jahrhunderte von dergleichen Phrasen und Bildern erfüllt. 
Interessant ist auch die Geschichte des Wortes „Maitresse*. 

Die Dichtung wirkt aber auf das Leben zurück. Auf diesem Wege 
dürfte der höfische Frauendienst des Mittelalters entstanden sein, der mit 
seiner Verehrung der Frauen als „Herinnen" in der Gesellschaft und im ein- 
zelnen Liebesverhältniss, seiner Uebertragung des Lehne- und Vasallenverhält- 
nisses auf die Beziehung zwischen dem Ritter und seiner Dame, seiner Unter- 
werfung unter alle weibliche Launen, seiner Liebesproben und Gelübde, seiner 
Verpflichtung zum Gehorsam gegen alle Gebote der Damen, als eine syste- 
matische, poetische Ausgestaltung verliebter „Hörigkeit" erscheint. Einzelne 
extreme Erscheinungen, wie z. B. die Thaten und Leiden des Ulrich von Lichten- 


148 Paraesthesia sexualis. 

Ein leichter Grad von Masochismus kann also wohl aus der 
Hörigkeit entstehen, erworben werden. Der echte, vollkommene, 
tiefwurzelnde Masochismus mit seiner glühenden Sehnsucht nach 
Unterwerfung von frühester Jugend an, ist aber angeboren. 

Die Erklärung für die Entstehung der — immerhin seltenen — 
Perversion des ausgebildeten Masochismus dürfte sich am richtigsten 
in der Annahme finden lassen, dass dieselbe aus der ungemein 
häufigen Abnormität der „geschlechtlichen Hörigkeit" hervorgeht, 
indem hie und da diese Abnormität durch Vererbung auf ein 
psychopathisches Individuum in der Weise übergeht, dass 
sie dabei zur Perversion wird. Dass eine leichte Verschiebung 
der hier in Betracht kommenden psychischen Elemente diesen 
Uebergang bewerkstelligen kann, wurde oben erörtert. 

Dieser Uebergang der Abnormität in Perversion bei der erb- 
lichen Uebertragung wird insbesondere dann leicht eintreten können, 
wenn die psychopathische Veranlagung des Nachkommen den an- 
deren Faktor des Masochismus liefert, das, was oben seine erste 
Wurzel genannt wurde, die Neigung geschlechtlich hyperästhetischer 
Naturen, alle Einwirkungen, die vom geliebten Gegenstande aus- 
gehen, der geschlechtlichen Einwirkung zu assimiliren. 

Aus diesen beiden Elementen — aus der „geschlechtlichen 
Hörigkeit 41 einerseits, aus jener oben erörterten Disposition zur ge- 
schlechtlichen Ekstase, welche selbst Misshandlungen jnit Lust- 
betonung appercipirt, andererseits — aus diesen beiden Elementen, 
deren Wurzeln sich bis in das Gebiet physiologischer Thatsachen 
zurückverfolgen lassen, entsteht auf einem geeigneten psycho- 
pathischen Boden der Masochismus, indem die sexuelle Hyperästhesie 
allerlei zuerst physiologisches, dann nur abnormes Beiwerk der Vita 
sexualis zur krankhaften Höhe der Perversion steigert 1 ). 


stein oder des Pierre Vidal im Dienste ihrer Damen, oder das Treiben der 
Bruderschaft der „Galois" in Frankreich, welche ein Martyrium der Liebe suchten 
.und eich allerlei Qualen unterzogen, tragen aber schon deutlich masochisti- 
schen Charakter und zeigen auch hier den naturgemäßen Uebergang einer 
Erscheinung in die andere. 

l ) Erwägt man, dass, wie oben dargethan, „geschlechtliche Hörigkeit* 
eine Erscheinung ist, die beim weiblichen Geschlechte viel häufiger und in 
stärkeren Graden zu beobachten ist als beim männlichen, so drängt sich der 
Gedanke auf, dass der Masochismus (wenn auch nicht immer, so doch in der 
Regel) ein Erbstück der „Hörigkeit" weiblicher Vorfahren sei. Er tritt so 
in eine — wenn auch entfernte — Beziehung zur conträren Sexualempfindung, 
als Uebergang einer eigentlich dem Weibe zukommenden Perversion auf den 


Masochismus. 149 

Jedenfalls stellt auch der Masochismus als angeborene sexuelle 
Perversion ein functionelles Degenerationszeichen im Rahmen der 
(fast ausschliesslich) erblichen Belastung dar und auch für meine 
Fälle von Masochismus und Sadismus bestätigt sich diese klinische 
Erfahrung. 

Dass die eigenartige, psychisch anomale Richtung der Vita 
sexualis, als welche der Masochismus erscheint, eine originäre 
Abnormität darstellt und nicht so zu sagen gezüchtet bei einem 
Disponirten aus passiver Plagellation sich entwickelt, auf dem Wege 
der Ideenassociation , wie Rousseau und Binet annehmen, ist wohl 
leicht zu erweisen. 

Es ergibt sich das aus den zahlreichen, ja die Majorität 
bildenden Fällen, in welchen die Flagellation beim Masochisten 
niemals aufgetaucht ist, in welchem der perverse Trieb sich aus- 
schliesslich auf rein symbolische die Unterwerfung ausdrückende 
Handlungen ohne eigentliche Schmerzzufügung richtet. 

Dies lehrt die ganze hier mitgetheilte Casuistik .von Beobach- 
tung 53 an. 

Es ergibt sich aber das gleiche Resultat, nämlich dass die passive 
Flagellation nicht der Kern sein kann, an den sich alles Uebrige 
angesetzt hat, auch aus der näheren Betrachtung solcher Fälle, in 
denen diese eine Rolle spielt wie oben Beobachtung 44 und 50. 

Besonders lehrreich in dieser Beziehung ist die obige Beobach- 
tung 51, denn hier kann nicht an eine sexuell stimulirende Wir- 
kung einer in Jugend erlittenen Strafe gedacht werden. Ueber- 


Mann. Diese Auffassung des Masochismus als eine rudimentäre conträre 
Sexualempfindung, als eine theilweise Effeminatio, welche hier nur die secun- 
dären Geschlechtscharaktere der psychischen vita sexualis ergriffen hat (eine 
Auffassung, die noch in der 6. Auflage dieser Schrift unbedingteren Ausdruck 
gefunden hat), findet eine Stütze in den Aussagen der Patienten der obigen 
Beobachtung 44 und 50, welche weitere Züge von Effeminatio an sich tragen, 
auch beide ein relativ älteres Weib, von dem sie aufgesucht und erobert 
würden, als ihr Ideal bezeichnen, ferner in der Thatsache, dass der (potente) 
Masochist die Rolle des Succubus vorzieht, wie aus diesbezüglichen Mittheilungen 
hervorgeht. 

Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass „ Hörigkeit * auch innerhalb 
der mannlichen vita sexualis eine nicht geringe Rolle spielt und Masochismus 
mithin auch ohne einen solchen Uebergang weiblicher Elemente auf den Mann 
erklärt werden kann. Auch ist hier zu bedenken, dass sowohl Maeochismus 
als Sadismus, sein Gegenstück, bei conträrer Sexualempfindung in regelloser 
Combination vorkommen. 


150 Paraeetheeia sexualis. 

haupt ist in diesem Falle die Anknüpfung an eine frühe Erfahrung 
nicht möglich, da die hier den Gegenstand des sexuellen Haupt- 
interesses bildende Situation mit einem Kinde gar nicht ausführ- 
bar ist. 

Endlich ergibt sich überzeugend die Entstehung des Maso- 
chismus aus rein psychischen Elementen aus der Gonfrontirung 
desselben mit dem Sadismus (s. unten). 

Dass passive Flagellation so häufig beim Masochismus vor- 
kommt, erklärt sich einfach daraus, dass sie das stärkste Ausdrucks- 
mittel für das Verhältniss der Unterwerfung ist. 

Ich wiederhole es als entscheidend für die Differenzirung von 
einfacher passiver Flagellation und Flagellation auf Grund maso- 
chistischen Verlangens, dass im ersteren Fall die Handlung Mittel 
zum Zweck des dadurch möglich werdenden Coitus oder wenigstens 
einer Ejaculation, im letzteren Fall Mittel zum Zweck der seelischen 
Befriedigung im Sinne masochistischer Gelüste ist. 

Wie wir oben gesehen haben, unterwerfen sich Masochisten 
aber auch allen möglichen anderen Misshandlungen und Qualen, bei 
denen von reflectorischer Erregung von Wollust nicht die Rede sein 
kann. Da solche Fälle zahlreich sind, so muss untersucht werden, 
in welchem Verhältniss bei derartigen Akten (und bei der gleich- 
wertigen Flagellation der Masochisten) Schmerz und Lust zu ein- 
ander stehen. Auf Grund der Aussage eines Masochisten ergibt sich 
folgendes : 

Das Verhältniss ist nicht derart, dass einfach, was sonst 
physischen Schmerz verursacht, hier als physische Lust empfunden 
wird, sondern der in der masochistischen Ekstase Befindliche fühlt 
keinen Schmerz, sei es, weil er vermöge seines Affektzustandes 
(gleich dem Soldaten im Kampfgewühl) die physische Einwirkung 
auf seine Hautnerven überhaupt nicht appercipirt, oder weil (wie 
bei dem religiösen Märtyrer und Ekstatiker) der UeberfÜllung des 
Bewusstseins mit Lustgefühlen gegenüber die Vorstellung der Miss- 
handlung nur wie ein blosses Zeichen, ohne ihre Schmerzqualität, 
in ihm stehen bleibt. 

Es findet gewissermassen eine Uebercompensation des physischen 
Schmerzes durch die psychische Lust statt und nur die Differenz 
bleibt als restliche psychische Lust im Bewusstsein. Diese erfahrt 
überdies einen Zuwachs, indem, sei es durch reflectorisch spinalen 
Einfluss, sei es durch eigenartige Betonung der sensiblen Ein- 
drücke im Sensorium, eine Art Hallucination körperlicher Wollust 


Masochismus und Sadismus. 151 

entsteht, mit ganz vager Localisation der hinaus projicirten Em- 
pfindung. 

Analoges scheint in den Selbstpeinigungen religiöser Schwärmer 
{Fakire, heulende Derwische, religiöse Flagellanten) vorhanden zu 
sein, nur mit anderer Qualität des Lustgefühls. Auch hier wird 
die Vorstellung der Marter ohne ihre Schmerzqualität appercipirt, 
indem das Bewusstsein von der mit Lust betonten Vorstellung er- 
füllt ist, durch die Marter Gott zu dienen, Sünden zu tilgen, den 
Himmel zu verdienen u. s. w. 


Masochismus und Sadismus. 

Das vollkommene Gegenstück des Masochismus ist der Sadis- 
mus. Während jener Schmerzen leiden und sich der Gewalt unter- 
worfen fühlen will, geht dieser darauf aus, Schmerz zuzufügen und 
Gewalt auszuüben. 

Der Parallelismus ist ein vollständiger. Alle Akte und Situa- 
tionen, die vom Sadisten in der aktiven Rolle ausgeführt werden, 
bilden für den Masochisten in der passiven Rolle den Gegenstand 
der Sehnsucht. Bei beiden Perversionen schreiten diese Akte von 
rein symbolischen Vorgängen zu schweren Misshandlungen fort. 
Selbst der Lustmord, in welchem der Sadismus gipfelt, findet, wie 
sich aus der obigen Beobachtung 54 ergibt — allerdings nur als 
Phantasma — sein passives Gegenstück. Beide Perversionen können 
unter günstigen Umständen neben einer normalen Vita sexualis ein- 
hergehen; bei beiden kommen die Akte, in welchen sie sich ent- 
laden, entweder als präparatorische vor dem Coitus oder vicariirend 
an dessen Stelle vor 1 ). 


l ) Beide haben natürlich mit ethischen und ästhetischen Gegenmotiven 
in Foro interno zu kämpfen. Nach der Ueberwindung dieser geräth aber der 
Sadismus bei seinem Hinaustritt in die Aussenwelt sofort mit dem Strafgesetz 
in Conflict. Mit dem Masochismus ist dies nicht der Fall, was eine grössere 
Häufigkeit masochistischer Akte zur Folge hat. Dagegen treten der Verwirk- 
lichung der letzteren der Selbsterhaltungetrieb und die Scheu vor Schmerzen 
entgegen, Die praktische Bedeutung des Masochismus liegt nur in seinen Be- 
ziehungen zur psychischen Impotenz, während die des Sadismus ausserdem 
und hauptsächlich auf forensischem Gebiete liegt. 


152 Paraesthesia sexualis. 

Die Analogie betrifft aber nicht bloss die äussere Erscheinung ; 
sie erstreckt sich auch auf das innere Wesen beider Perversionen. 
Beide sind als originäre Psychopathien seelisch abnormer, insbeson- 
dere mit psychischer Hyperästhesia sexualis, aber nebenher in der 
Regel auch noch mit anderen Abnormitäten behafteter Individuen 
zu betrachten; für jede dieser beiden Perversionen lassen sich je 
zwei constitutive Elemente nachweisen, welche in psychischen That- 
sachen innerhalb der physiologischen Breite ihre Wurzel haben. 
Für den Masochismus liegen diese Elemente, wie oben dargethan. 
darin, dass 1. im sexuellen Affect jede vom Consors ausgehende 
Einwirkung, an sich unabhängig von der Art dieser Einwirkung, 
mit Lust betont wird, was bei bestehender Hyperaesthesia sexualis 
so weit gehen kann, jede Schmerzempfindung zu übercompensiren : 
2. dass die, aus an sich nicht perversen seelischen Elementen hervor- 
gehende, „ geschlechtliche Hörigkeit" unter pathologischen Be- 
dingungen zu einem perversen lustbetonten Unfcerwerfungsbedürfhiss 
unter das andere Geschlecht werden kann, was — wenn auch die 
Vererbung von weiblicher Seite her durchaus nicht noth wendig an- 
genommen werden muss — sich als eine pathologische Entartung 
eigentlich dem Weibe zukommender Charaktere, des dem Weibe 
physiologischen Unterordnungsinstinkts darstellt. 

Dementsprechend finden sich für die Erklärung des Sadismus 
ebenfalls zwei constitutive Elemente, deren Ursprung sich bis ins 
Gebiet des Physiologischen zurückverfolgen lässt: 1. dass im sexuellen 
Affect, gewissermassen als psychische Mitbewegung, ein Drang ent- 
stehen kann auf den Gegenstand der Begierde auf jede mögliche, 
möglichst starke Weise einzuwirken, was bei sexuell hyperästhetischen 
Individuen zu einem Drang der Schmerzzufügung werden kann; 
2. dass die aktive Rolle des Mannes, seine Aufgabe das Weib zu 
erobern, unter pathologischen Bedingungen zu einem Verlangen 
nach schrankenloser Unterwerfung werden kann. 

So stellen sich Masochismus und Sadismus als vollkommene 
Gegensätze dar. Dem entspricht auch, dass den von diesen Per- 
versionen ergriffenen Individuen als ihr Ideal die entgegengesetzte 
Perversion beim anderen Geschlechte erscheint, wie z. B. aus Be- 
obachtung 44 u. 50 und auch aus Rousseau's Confessions hervorgeht. 

Die Gegenüberstellung des Masochismus und Sadismus kann 
aber auch dazu dienen, die Möglichkeit der Annahme vollständig 
zu beseitigen, als ob der Erstere ursprünglich aus der reflectorischen 
Wirkung der passiven Flagellation entsprungen sei und alles Weitere 


Masochismus und Sadismus. 153 

das Produkt hieran anknüpfender Ideenassociationen wäre, wie Bin et 
bei der Erklärung von Rousseau's Fall meint und wie Rousseau 
selbst glaubte, vgl. oben p. 121. Bei der aktiven Misshandlung näm- 
lich, welche für den Sadisten den Gegenstand des sexuellen Gelüstes 
bildet, findet ja gar keine Reizung der eigenen sensiblen Nerven durch 
den Misshandlungsakt statt, so dass hier an dem rein psychischen 
Charakter des Ursprungs dieser Perversion nicht gezweifelt werden 
kann. Sadismus und Masochismus sind einander aber so verwandt, 
entsprechen einander in allen Stücken so sehr, dass der Analogie- 
schluss vom Einen auf den Anderen auch in diesem Falle gestattet 
sein muss und schon allein genügen würde, den rein psychischen 
Charakter des Masochismus zu erweisen. 

Nach der oben ausgeführten Gegenüberstellung aller Elemente 
und Erscheinungen des Masochismus und Sadismus, und als Resume 
aller beobachteten Fälle, erscheinen Lust am Schmerzzufügen und 
Lust am zugefügten Schmerz nur wie zwei verschiedene Seiten des- 
selben seelischen Vorgangs, dessen Primäres und Wesentliches das 
Bewusstsein aktiver, bezw. passiver Unterwerfung ist, wobei der 
Verbindung von Grausamkeit und Wollust nur eine secundäre psycho- 
logische Bedeutung innewohnt. Grausame Handlungen dienen zum 
Ausdruck dieser Unterwerfung, einmal, weil sie das stärkste Mittel 
zum Ausdrucke dieses Verhältnisses sind, dann, weil sie überhaupt 
die stärkste Einwirkung darstellen, die ein Mensch neben und ausser 
dem Coitus auf einen anderen ausüben kann. 

Interessant, aber der Erklärung einige Schwierigkeiten bietend, 
sind die Fälle, in denen Sadismus und Masochismus in Einem Indi- 
viduum gleichzeitig auftreten. Solche Fälle sind z. B. Beob. 49, 
50, 58 etc., besonders Beob. 30, aus welch letzterer hervorgeht, 
dass es gerade die Vorstellung der Unterwerfung ist, welche so- 
wohl aktiv als passiv den Kern des perversen Gelüstes bildet. Der- 
gleichen ist in mehr oder minder deutlichen Spuren auch sonst noch 
mehrfach zu beobachten. Allerdings ist die eine der beiden Per- 
versionen immer bei weitem vorwiegend. 

Wegen dieses entschiedenen Ueberwiegens der einen Perver- 
sion und ihres späteren Auftretens in solchen Fällen ist wohl an- 
zunehmen, dass nur die eine, vorwiegende Perversion originär, 
die andere im Laufe der Zeit erworben ist. Die Vorstellungen 
der Unterwerfung und Misshandlung, im aktiven oder im passiven 
Sinne mit intensiver Wollust betont, haben sich bei einem solchen 
Individuum tief eingelebt. Gelegentlich versucht sich die Phantasie 


154 Paraesthesia sexualis. 

auch einmal in demselben Vorstellungskreis, aber mit invertirter 
Rolle. Es kann selbst zu Verwirklichungen dieser Inversion kommen. 
Derartige Versuche in Phantasien und Handlungen werden aber 
meistens, als der ursprünglichen Richtung inadäquat, bald wieder 
aufgegeben. 

Masochismus und Sadismus treten auch mit conträrer Sexual- 
empfindung und zwar mit allen Formen und Stufen dieser Perversion 
combinirt auf. Der conträr Sexuale kann sowohl Sadist als Maso- 
chist sein. VergL oben Beob. 48 und 49 und zahlreiche Fälle der 
unten folgenden Casuistik der conträren Sexualempfindung. 

Wo immer sich auf dem Boden einer neuropathischen Indivi- 
dualität eine sexuelle Perversion entwickelt hat, kann die hierbei 
stets anzunehmende sexuelle Hyperästhesie auch die Erscheinungen 
des Masochismus und Sadismus hervortreiben, bald einzeln, bald beide 
vereinigt, die eine aus der anderen hervorgehend. Masochismus und 
Sadismus erscheinen so als Grundformen psychosexualer 
Perversion, die auf dem ganzen Gebiete der Verirrungen des 
Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten 
können *). 


l ) Jeder Versuch einer Erklärung der Thatsachen, sei es des Sadismus, 
sei es des Masochismus, wird wegen des hier dargethanen engen Zusammen- 
hangs beider Erscheinungen auch geeignet sein müssen, jeweils die andere 
Perversion zu erklären. Dieser Forderung würde ein Versuch des Amerikaners 
J. G. Kiernan eine Erklärung des Sadismus zu liefern (vid. : „ Psychological 
aspects of the sexual appetite" im „ Alienist and Neurologist" , St. Louis, 
April 1891) genügen, und er möge aus diesem Grunde hier kurz erwähnt 
werden. 

Kiernan, der für seine Ansicht in der anglo-amerikanischen Literatur 
mehrere Vormänner hat, geht von der Ansicht mehrerer Naturforscher (Dal- 
linger, Drysdale, Rolph, Cienkowsky) aus, welche die sogenannte Conjugation, 
einen Geschlechtsakt gewisser niederer Thiere, als Kannibalismus, als Ver- 
schlingen des Partners anffassten. Er schliesst unmittelbar hieran die be- 
kannten Thatsachen an, dass Krebse sich bei Gelegenheit der geschlechtlichen 
Vereinigung Glieder vom Leibe reissen, Spinnen den Männchen dabei den 
Kopf abbeissen und andere sadistische Akte brünstiger Thiere gegen den Con- 
sors. Von hier geht er zum Lustmord und anderen wollüstig-grausamen Akten 
bei Menschen über und nimmt an, Hunger und Geschlechtstrieb seien in ihrer 
Wurzel identisch, der geschlechtliche Kannibalismus der niederen Thierwelt 
wirke in der höheren und beim Menschen nach, und Sadismus sei ein atavisti- 
scher Rückschlag. 

Diese Erklärung des Sadismus würde freilich auch den Masochismus 
erklären ; denn wenn die Wurzel des geschlechtlichen Verkehrs in kannibalietd- 
schen Vorgängen zu suchen ist, so führt hier sowohl der Sieg des einen Theils 


Fetischismus. 155 


3) Verbindung der Vorstellung von einzelnen Körpertheilen oder 
Kleidungsstücken des Weibes mit Wollust. — Fetischismus. 

Schon in den Betrachtungen über die Psychologie des nor- 
malen Sexuallebens, welche dieses Werk einleiten (s. oben p. 17), 
wurde dargethan, dass noch innerhalb der Breite des Physiologischen, 
die ausgesprochene Vorliebe, das besondere concentrirte Interesse 
für einen bestimmten Körpertheil am Leibe der Personen des ent- 
gegengesetzten Geschlechts, insbesondere für eine bestimmte Form 
dieses Körpertheils, eine grosse psychosexuale Bedeutung gewinnen 
kann. Ja es kann geradezu diese besondere Anziehungskraft be- 
stimmter Formen und Eigenschaften auf viele, ja die meisten 
Menschen als das eigentliche Princip der Individualisirung in der 
Liebe angesehen werden. 

Diese Vorliebe für einzelne bestimmte physische Charaktere 
an Personen des entgegengesetzten Geschlechts — neben welcher 
sich auch ebenso eine ausgesprochene Bevorzugung bestimmter 
psychischer Charaktere konstatiren lässt — habe ich in Anlehnung 
an Binet (du Fetischisme dans l'amour, Revue philosophique 1887) 
und Lombroso (Einleitung der italienischen Ausgabe der 2. Aufl. 
dieses Buches) „Fetischismus" genannt, weil thatsächlich das 
Schwärmen für und das Anbeten von einzelnen Körpertheilen (oder 
selbst Kleidungsstücken) auf Grund sexueller Dränge vielfach an 
die Verehrung von Reliquien, geweihten Gegenständen u. s. w. in 
religiösen Culten erinnert. Dieser physiologische Fetischismus wurde 
bereits oben p. 17 ff. ausführlich erörtert. 

Es gibt jedoch auf psychosexualem Gebiet neben diesem 
physiologischen noch einen unzweifelhaft pathologischen erotischen 
Fetischismus, über welchen bereits eine reichhaltige Casuistik vor- 
liegt, und dessen Erscheinungen ein hohes klinisch-psychiatrisches, 


als auch die Niederlage des andern zum Ziele der Natur, und auch ein Trieb, 
das Opfer und der Unterliegende zu sein, wäre erklärt. 

Es mus8 aber hier eingewendet werden, dass die Basis des Raisonne- 
ments ungenügend ist. Der höchst complicirte Vorgang der Conjugation 
niederer Organismen, in welchen die Wissenschaft erst in den letzten Jahren 
näher eingedrungen ist, kann eben durchaus nicht einfach als eine Verschlingung 
eines Individuums durch ein anderes angesehen werden (vrgl. Weismann, die 
Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selectionstheorie. Jena 1886, 
pag. 51) 


156 Paraesthesia sexualis. 

unter Umständen auch forensisches Interesse bieten. Dieser patho- 
logische Fetischismus bezieht sich nicht allein auf bestimmte Körper- 
theile, sondern selbst auf leblose Gegenstände, welche jedoch fast 
immer Theile der weiblichen Kleidung sind und damit in naher 
Beziehung zum Körper des Weibes stehen. 

Dieser pathologische Fetischismus schliesst sich in allmählichen 
Uebergängen an den physiologischen an, so dass es (wenigstens für 
den Körpertheil-Fetischismus) beinahe unmöglich ist, eine scharfe 
Grenze zu ziehen, wo die Perversion beginnt. Dazu kommt noch, 
dass das gesammte Gebiet des Körpertheil-Fetischismus eigentlich 
nicht ausserhalb des Kreises der Dinge fällt, die normaliter als 
Reize für den Geschlechtstrieb wirken, sondern innerhalb desselben. 
Das Abnorme liegt hier nur darin, dass ein Theileindruck vom 
Gesammtbilde der Person des anderen Geschlechts alles sexuelle 
Interesse auf sich concentrirt, so dass daneben alle anderen Ein- 
drücke verblassen und mehr oder minder gleichgültig werden. Des- 
halb ist der Körpertheil-Fetischist nicht als ein Monstrum per ex- 
cessum zu betrachten, wie z. B. der Sadist oder Masochist, sondern 
eher als ein Monstrum per defectum. Nicht was auf ihn als Reiz 
wirkt, ist abnorm, sondern eher das, was nicht als Reiz wirkt, die 
Einschränkung des Gebietes sexuellen Interesses, die für ihn eingetreten 
ist. Freilich pflegt dieses eingeengte sexuelle Interesse auf dem 
engeren Gebiet mit um so grösserer, mit ganz abnormer Intensität 
aufzutreten. 

Es würde sich wohl empfehlen, als Grenze des pathologischen 
Fetischismus den Umstand anzunehmen, ob das Vorhandensein des 
Fetischs conditio sine qua non für die Möglichkeit den Coitus zu 
vollziehen ist oder nicht. Aber die nähere Betrachtung der Thatsachen 
ergibt, dass diese Grenze eben nur scheinbar eine scharfe ist. Es 
gibt so zahlreiche Fälle, in denen der Coitus trotz Abwesenheit des 
Fetisch zwar noch möglich ist, aber eben ein unvollkommener, er- 
zwungener (oft mit Hülfe von Phantasiebildern, die sich auf den 
Fetisch beziehen), besonders ein unbefriedigender und erschöpfender 
ist, dass auch hier sich Alles bei näherer Betrachtung der ent- 
scheidenden subjectiven, psychischen Sachlage in Uebergänge 
auflöst, die einerseits zur blossen, noch physiologischen Vorhebe, 
andererseits zur psychischen Impotenz in Abwesenheit des Fetisch 
führen. 

So ist es vielleicht besser, das Kriterium für das Pathologische 
auf dem Gebiete des Körpertheil-Fetischismus auf ganz subjectiveni, 


Fetischismus. 157 

psychischem Boden zu suchen. Die Concentration des sexuellen 
Interesses auf einen bestimmten Körpertheil, welcher — das ist 
hier hervorzuheben — nie eine directe Beziehung zum sexus hat (wie 
Mammae, äussere Genitalien) — führt die Körpertheil-Fetischisten 
oft dahin, dass sie als eigentliches Ziel ihrer geschlechtlichen Be- 
friedigung nicht den Goitus betrachten , sondern irgend eine «Mani- 
pulation an dem betreffenden, als Fetisch wirksamen Körpertheil. 
Dieser verirrte Trieb kann nun wohl beim Körpertheil-Fetischisten 
als das Kriterium des Krankhaften angesehen werden, gleichgültig, 
ob dabei noch wirklicher Coitus möglich ist oder nicht. 

Der Gegenstands- oder Kleidungs-Fetischismus aber kann 
wohl in allen Fällen als eine pathologische Erscheinung angesehen 
werden, da sein Object ausserhalb des Kreises normaler Reize für 
den Geschlechtstrieb fällt. 

Auch hier besteht zwar in den Erscheinungen eine gewisse 
äussere Uebereinstimmung mit Vorgängen der psychisch normalen 
vita sexualis; der innere Zusammenhang und Sinn des pathologischen 
Fetischismus ist aber ein ganz anderer. Auch auf dem Gebiete 
der schwärmerischen Liebe eines psychisch nicht abnormen Menschen 
können das Taschentuch, der Schuh, Handschuh, Brief, die Blume, 
,die sie ihm gab", die Haarlocke u. s. w. ebenfalls Gegenstand 
abgöttischer Verehrung sein, aber nur, weil sie ein Erinnerungs- 
zeichen an die abwesende oder gestorbene geliebte Person darstellen, 
deren Gesammtpersönlichkeit damit reproducirt wird. Der patho- 
logische Fetischist hat keine derartigen Beziehungen. Für ihn ist 
der Fetisch der ganze Vorstellungsinhalt. Wo er desselben gewahr 
wird, tritt die sexuelle Erregung ein und macht der Fetisch seine 
Wirkung geltend 1 ). 

Pathologischer Fetischismus scheint nach aller bisherigen Er- 
fahrung nur auf dem Boden der meist hereditären psychopathischen 
Veranlagung oder bestehender psychischer Erkrankung vorzu- 
kommen. 

So kommt es, dass er nicht selten mit den anderen (originären) 
Perversionen des Geschlechtssinns, welche demselben Boden ent- 
stammen, combinirt erscheint. Bei conträr Sexualen, bei Sadisten 


*) Ganz anders ist der Fall in Zola's Therese Raquin, wo der betr. 
Mann die Stiefel der Geliebten mehrmals küsst, gegenüber jenen Schuh- und 
Stiefelf etischisten , die beim Anblick eines jeden Stiefels an beliebiger Dame 
oder auch ohne solche in wollüstige Ekstase gerathen bis zur Ejaculation. 


158 Paraeethesia sezualis. 

und Masochisten kommt Fetischismus in den verschiedensten Ge- 
staltungen nicht selten vor. Ja, gewisse Formen des Körpertheil- 
Fetischismus (Hand- und Fuss-Fetischismus) haben sogar mit den 
zwei zuletzt genannten Perversionen wahrscheinlich mehr oder 
minder dunkle Zusammenhänge (s. unten). 

Beruht nun aber auch Fetischismus auf einer angeborenen* 
allgemeinen psychopathischen Disposition, so ist doch diese Per- 
version selbst, nicht wie die bisher behandelten in ihrem Wesen 
originärer Natur; sie ist nicht fertig angeboren, wie wir wohl vom 
Sadismus und Masochismus annehmen können. 

Während in den bisher dargestellten Gebieten der sexuellen 
Perversionen dem Forscher durchaus Fälle originären Charakters 
entgegentraten, begegnet man hier durchaus erworbenen Fällen. 
Abgesehen davon, dass beim Fetischismus die veranlassende Ge- 
legenheit der Erwerbung oft nachweisbar ist, fehlen hier die 
physiologischen Thatsachen, die auf dem Gebiete des Sadismus 
und Masochismus durch eine allgemeine sexuale Hyperästhesie 
auf die Höhe einer Perversion gehoben werden und dort die An- 
nahme originären Ursprungs rechtfertigen. Es bedarf hier für 
jeden einzelnen Fall noch eines Geschehnisses, das den Stoff der 
Perversion liefert. 

Es gehört allerdings — wie oben gesagt — zum physio- 
logischen Geschlechtsleben, für dies und jenes an der Frau und um 
sie zu schwärmen; aber gerade die Goncentration des gesammten 
sexuellen Interesses auf einen solchen Theileindruck ist hier das 
Wesentliche und diese Concentration muss für jedes damit be- 
haftete Individuum einen individuellen Erklärungsgrund haben. 

Man kann sich daher der Ansicht Binet's anschliessen, dass 
im Leben eines jeden Fetischisten ein Ereigniss anzu- 
nehmen ist, welches die Betonung gerade dieses einzigen 
Eindrucks mit Wollustgefühlen determinirt hat. Dieses 
Ereigniss wird in die früheste Jugend zurückzuversetzen sein und 
in der Regel mit dem ersten Erwachen der Vita sexualis zusammen- 
fallen. Dieses erste Erwachen ist mit irgend einem sexuellen Theil- 
eindruck zusammengefallen (denn es sind immer Dinge, die zum 
Weibe in irgend einer Beziehung stehen) und stempelt ihn für die 
Dauer des ganzen Lebens zum Hauptgegenstand des sexuellen In- 
teresses. Die Gelegenheit, bei welcher die Association entstanden 
ist, wird in der Regel vergessen. Nur das Resultat der Association 
bleibt bewusst. Originär ist hier nur der allgemein zur Psycho- 


Fetischismus. 159 

pathie disponirte Charakter, die sexuelle Hyperästhesie solcher In- 
dividuen 1 ). 

Wie die bisher behandelten Perversionen kann auch der 
erotische (pathologische) Fetischismus sich äusserlich in den selt- 
samsten unnatürlichen und selbst verbrecherischen Akten mani- 
festiren: Befriedigung am Leibe des Weibes loco indebito, Dieb- 
stahl und Raub von Gegenständen, die als Fetisch wirken, Polluirung 
solcher etc. Es hängt auch hier nur von der Intensität des per- 
versen Triebes und der relativen Stärke der ethischen Gegenmotive 
ab, ob und wie weit es zu dergleichen Akten kommt. 

Diese perversen Akte der Fetischisten können ebenso wie die 
anderer geschlechtlich perverser Individuen, entweder die gesammte 
äussere Vita sexualis allein ausmachen, oder neben dem normalen 
geschlechtlichen Akt ein hergehen, je nachdem die physische und 
psychische Potenz, die Erregbarkeit für normale Reize noch mehr 
oder minder erhalten ist. Im letzteren Falle dient nicht selten der 
Anblick oder die Berührung des Fetisch als nothwendiger prä- 
paratorischer Akt. 

Die grosse praktische Wichtigkeit, welche den Thatsachen des 
pathologischen Fetischismus zukommt, liegt nach dem Gesagten in 
zwei Momenten. 

Erstens ist der pathologische Fetischismus nicht selten eine 
Ursache psychischer Impotenz 8 ). Da der Gegenstand, auf 


*) Wenn dagegen Bin et op. cit. behauptet, jede sexuelle Perversion, 
ohne Ausnahme, beruhe auf einem solchen „Accident agissant sur un sujet 
prediapose" (wobei unter dieser Prädisposition nur Hyperästhesie im Allgemeinen 
verstanden wird), so ist eine solche Annahme für die anderen sexuellen Per- 
versionen, ausserhalb des Fetischismus, weder erforderlich noch genügend. Es 
ist z. B. nicht abzusehen, wie auf ein selbst sehr erregbares Individuum der 
Anblick der Züchtigung eines Anderen gerade sexuell erregend wirken soll, 
wenn nicht die physiologische Nachbarschaft von Wollust und Grausamkeit im 
Übernormal erregbaren Individuum zum originären Sadismus geworden ist. 

*) Es kann als eine Art (psychischen) Fetischismus im weiteren Sinne 
betrachtet werden, dass, was häufig geschieht, junge Ehemänner, die viel mit 
Prostituirten verkehrt haben, sich der Keuschheit ihrer jungen Ehefrauen 
gegenüber impotent sehen. Einer meiner Clienten war niemals potent seiner 
jungen, schönen, züchtigen Frau gegenüber, weil er an die lascive Weise der 
Prostituirten gewöhnt war. Versuchte er ab und zu einen Coitus bei Puellis, 
so war er vollkommen potent. Einen ganz ähnlichen interessanten Fall be- 
richtet Hammond op. cit. p. 48 u. 49. Freilich spielen in derartigen Fällen 
meistens schlechtes Gewissen und hypochondrische Angst vor Impotenz eine 
grosse Rolle. 


160 Paraesthesia sexualis. 

welchen das sexuelle Interesse des Fetischisten sich concentrirt, an 
und für sich in keiner unmittelbaren Beziehung zum normalen 
Geschlechtsakt steht, so geschieht es oft, dass der Fetischist durch 
seine Perversion die Erregbarkeit für normale Reize einbüsst, oder 
wenigstens den Coitus nur mittelst Concentration der Phantasie auf 
seinen Fetisch leisten kann. Auch liegt in dieser Perversion und in 
der Schwierigkeit ihrer adäquaten Befriedigung, gerade so wie bei 
den anderen Perversionen des Geschlechtssinns , namentlich für 
jugendliche Individuen, und gerade für solche, welche in Folge 
ethischer und ästhetischer Gegenmotive vor der Verwirklichung 
ihrer perversen Gelüste zurückschrecken, die beständige Verlockung 
zur psychischen und physischen Onanie, welche wieder deletär auf 
Constitution und Potenz zurückwirkt. 

Zweitens ist der Fetischismus von grosser forensischer Be- 
deutung. So wie der Sadismus zu Mord und Körperverletzung 
ausarten kann, so kann der Fetischismus zum Diebstahl und selbst 
zum Raub der betreffenden Gegenstände führen. 

Der erotische Fetischismus hat zum Gegenstande entweder 
einen bestimmten Körpertheil des entgegengesetzten Geschlechts, 
oder ein bestimmtes Kleidungsstück desselben oder einen Stoff 
der Bekleidung. (Es sind bis jetzt nur Fälle von pathologischem 
Fetischismus des Mannes bekannt, deshalb ist hier nur von weib- 
lichen Körpertheilen und weiblichen Kleidungsstücken die Rede.) 

Danach zerfallen die Fetischisten in drei Gruppen. 

a) Der Fetisch ist ein Theil des weiblichen Körpers. 

Wie es innerhalb des physiologischen Fetischismus besonders 
das Auge, die Hand, der Fuss und das Haar des Weibes sind, 
welche besonders häufig zum Fetisch werden, so sind es auch hier, 
auf pathologischem Gebiete, dieselben Körpertheile, welche alleiniger 
Gegenstand des sexuellen Interesses geworden sind. Die ausschliess- 
liche Concentration des Interesses auf diese Theile, neben denen 
alles Andere am Weibe verbJassen und der sonstige sexuelle Werth 
des Weibes auf Null sinken kann, so dass statt des Coitus seltsame 
Manipulationen am Fetisch- Gegenstande zum Ziele der Begierde 
werden — das ist es, was eben diese Fälle zu pathologischen macht. 

Beobachtung 74. (Bin et, op. cit.). X., 84 Jahre alt, Gymnasial- 
lehrer, hat in der Kindheit an Convulsionen gelitten. Mit 10 Jahren begann 
er zu onaniren, unter wollüstigen Empfindungen, die sich an sehr sonderbare 


Fetischismus. 161 

Vorstellungen knüpften. Er schwärmte eigentlich für die Augen des Weibes, 
da er aber durchaus sich auf irgend eine Art den Coitus vorstellen wollte und 
in semalibus gänzlich unwissend war, so kam er auf die Idee, um sich so 
wenig wie möglich von den Augen zu entfernen, den Sitz der weiblichen Ge- 
schlechtsorgane in die Nasenlöcher zu verlegen. Um diese Vorstellung dreht 
sich von jetzt ab seine sehr lebhafte sexuelle Begierde. Er entwirft Zeich- 
nungen, welche correcte griechische Profile von Frauenköpfen darstellen, aber 
mit so weiten Nasenlöchern, dass die Immissio penis möglich wird. 

Eines Tages sieht er im Omnibus ein Mädchen, in welchem er sein 
Ideal zu erkennen glaubt. Er verfolgt es in dessen Wohnung, hält augen- 
blicklich um dessen Hand an. Hinausgewiesen, dringt er immer wieder ein, 
bis er verhaftet wird. 

X. hat niemals geschlechtlichen Umgang gehabt. 

Sehr zahlreich sind die Handfetischisten. Noch nicht eigent- 
lich pathologisch ist der folgende Fall. Er möge als ein Ueber- 
gangsfall hier Platz finden. 

Beobachtung 75. B. aus neuropathischer Familie, sehr sinnlich, 
geistig intakt, geräth beim Anblick einer jungen schönen Damenhand jeweils 
in Entzücken und verspürt sexuelle Erregung bis zur Erection. Küssen und 
Drücken der Hand ist ihm Seligkeit. Solange sie mit dem Handschuh bedeckt 
ist» fühlt er sich unglücklich. Unter dem Vorwand, wahrzusagen, sucht er in 
den Besitz solcher Hände zu gelangen. Der Fuss ist ihm gleichgültig. Sind 
die schönen Hände mit Ringen geziert, so erhöht dies seine Lust. Nur die 
lebende, nicht die nachgebildete Hand macht ihm diese wollüstige Erregung, 
Nur wenn er durch häufigen Coitus sexuell erschöpft ist, verliert die Hand 
ihren sexuellen Reiz. Anfangs störte ihn das Erinnerungsbild von weiblichen 
Händen selbst in der Arbeit. (Bin et, op. cit.) 

Bin et berichtet, dass solche Fälle von Schwärmerei für die 
Hand des Weibes zahlreich sind. 

Erinnern wir uns an dieser Stelle, dass nach Beob. 24 ein 
Mann sich aus sadistischen Regungen, nach Beob. 46 aus maso- 
chistischen für die Hand des Weibes begeistern kann. Solche Fälle 
sind also mehrdeutig. 

Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, dass sämmtliche 
oder nur die meisten Fälle von Handfetischismus eine sadistische 
oder masochistische Erklärung zulassen oder ihrer bedürfen. 

Der folgende ausführlich beobachtete, interessante Fall lehrt, 
dass, trotzdem anfänglich ein sadistisches oder masochistisches Ele- 
ment mit im Spiele zu sein scheint — ' zur Zeit der Reife des In- 
dividuums und der Ausbildung der Perversion, diese von dergleichen 
Elementen nichts enthält. Diese könnten allerdings im Laufe der 
Zeit wieder weggefallen sein; aber die Annahme der Entstehung 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexnalis. 7. Aufl. 11 


162 Paraesthesia sexualis. 

des Fetischismus aus einer zufalligen Association genügt hier voll- 
kommen. 

Beobachtung 76. Fall von Handfetischismus mitgetheilt von 
Albert Moll. P. L., 28 Jahr, Kaufmann in Westfalen. 

Abgesehen davon, dass der Vater des Patienten ein auffallend miss- 
gestimmter und etwas heftiger Mann ist, lässt ßich in der Familie nichts 
erblich Belastendes nachweisen. 

Patient war in der Schule nicht sehr fleissig; er war niemals im Stande,, 
seine Aufmerksamkeit längere Zeit auf einen Gegenstand zu concentriren; hin- 
gegen hatte er von Kindheit an grosse Neigung zur Musik. Sein Temperament 
war von jeher etwas nervös. 

Er kam im August 1890 zu mir und klagte Ober Kopf- und Unterleibs- 
schmerzen, die einen durchaus neurasthenischen Eindruck machten. Patient 
gibt ferner an, dass er sehr energielos sei. 

Ueber sein sexuelles Leben macht Patient erst auf genaue dahin 
zielende Fragen folgende Angaben. Die ersten Anfange geschlechtlicher 
Erregungen stellten sich bei ihm, soweit ihm in Erinnerung ist, bereits im 
7. Lebensjahre ein. Er gerieth, wenn er einen anderen Knaben in demselben 
Alter Urin lassen sah und dabei dessen Geschlechtstheil erblickte, in wollüstige 
Aufregung. L. behauptet mit Sicherheit, dass diese Aufregung mit deutlichen 
Erectionen verbunden war. Verführt durch einen anderen Knaben, wurde L. 
im Alter von 7 oder 8 Jahren zur Onanie veranlasst. „Als sehr leicht erregbare 
Natur," sagt L., „gab ich mich sehr häufig der Onanie bis zum 18. Lebens- 
jahre hin, ohne dass mir über die schädlichen Folgen oder überhaupt über die 
Bedeutung des Vorganges eine klare Vorstellung gekommen wäre." Besonders 
liebte er es, mit einigen Schulfreunden gegenseitige Onanie zu treiben, keines- 
wegs aber war es ihm gleichgültig, wer der andere Knabe war, vielmehr 
konnten ihm nur wenige Altersgenossen nach dieser Richtung hin genügen. 
Auf die Frage, was ihn besonders veranlasste, diesen oder jenen Knaben vor- 
zuziehen, antwortet L., dass ihn bei seinen Schulkameraden besonders eine 
weisse, schön geformte Hand verlockte, mit ihnen gegenseitige Mastur- 
bation zu treiben. L. erinnert sich ferner daran, dass er häufig beim Beginn 
der Turnstunde sich ganz allein auf einem entfernt stehenden Barren mit 
Turnen beschäftigte; er that dies in der Absicht, sich möglichst aufzuregen, 
und es gelang ihm dies in dem Masse, dass er ohne Berührung mit der Hand 
und ohne Samenerguss — L. stand noch in zu jugendlichem Alter — deut- 
liches Wollustgefühl hatte. Interessant ist noch ein Vorgang, dessen sich der 
Patient aus seiner früheren Lebenszeit erinnert. Der eine Lieblingskamerad 
N., mit dem L. mutuelle Masturbation trieb, machte ihm eines Tages folgen- 
den Vorschlag: L. solle einmal versuchen, an sein (d. h. N/s) Glied zu ge- 
langen, er, N., wolle sich möglichst sträuben und den L. daran zu verhindern 
suchen. L. ging auf den Vorschlag ein. Es war somit die Onanie direct 
mit einem Kampfe der beiden Betheiligten verbunden, wobei N. stets besiegt 
wurde. 

Der Kampf endete nämlich regelmässig damit, dass N. schliesslich von 
L. gezwungen wurde, sich an seinem Gliede masturbiren zu lassen. L. ver- 
sichert mir, dass diese Art der Masturbation ihm sowohl wie dem N. ein ganz 


Fetischismus. 163 

besonders grosses Vergnügen l ) bereitet hätte. In dieser Weise setzte nun L. 
bis zum 18. Lebensjahre sehr oft die Onanie fort. Von einem Freunde belehrt, 
bemühte er sich nun, mit allem Aufwand von Energie gegen seine üble An- 
gewohnheit anzukämpfen. Es gelang ihm dies auch nach und nach immer 
mehr, bis er endlich nach Ausführung des ersten Coitus gänzlich von der 
Onanie abstand. Dies geschah aber erst im Alter von 217* Jahren. Un- 
begreiflich erscheint es jetzt dem Patienten, und es erfüllt ihn angeblich mit 
Ekel, dass er jemals daran Gefallen finden konnte, mit Knaben Onanie zu 
treiben. Keine Macht könnte ihn heute dazu bringen, eines anderen Mannes 
Glied zu berühren, dessen Anblick ihm schon unangenehm ist. Es hat sich 
jede Neigung zu Männern verloren und Patient fühlt sich durchaus zum Weibe 
hingezogen. 

Es sei aber erwähnt, dass, trotzdem L. entschiedene Neigung zum Weibe 
hat, doch eine abnorme Erscheinung bei ihm besteht. 

Was ihn nämlich bei dem weiblichen Geschlechte wesentlich aufregt, 
ist der Anblick einer schönen Hand; bei weitem mehr reizt es den L., 
wenn er eine weibliche schöne Hand berührt, als wenn er das betreffende 
-weibliche Wesen in völlig nacktem Zustande erblicken würde. 

Wie weit die Vorliebe des L. für die schöne Hand eines weiblichen 
Wesens geht, erhellt aus folgendem Vorgang. 

L. kannte eine schöne junge Dame, der alle Reize zur Verfügung standen; 
aber ihre Hand war ziemlich gross und hatte keine schöne Form, war viel- 
leicht auch manchmal nicht so rein, wie L. beanspruchte. Es war dem L. 
infolgedessen nicht nur unmöglich, ein tieferes Interesse für die Dame zu fassen, 
sondern er war nicht einmal im Stande, die Dame zu berühren. L. meint, 
dass es im Allgemeinen nichts Ekelhafteres für ihn gebe, als unsaubere Finger- 
nägel ; diese allein machte es ihm unmöglich, eine sonst noch so schöne Dame 
zu berühren. Uebrigens hat L. häufig den Coitus in früheren Jahren dadurch 
ersetzt, dass er das betreffende Mädchen an seinem Gliede so lange mit der 
Hand manipuliren Hess, bis Samenerguss erfolgte. 

Auf die Frage, was ihn an der Hand des Weibes besonders anziehe, 
insbesondere, ob er in ihr das Symbol der Macht sehe, und ob es ihm Genuas 
bereite, von dem Weibe eine directe Demüthigung zu erfahren, antwortete 
Patient, dass nur die schöne Form der Hand ihn reize, dass von einem 
Weibe gedemüthigt zu sein, ihm keinerlei Befriedigung gewähre und dass 
ihm noch niemals ein Gedanke daran gekommen sei, in der Hand das Symbol 
oder das Werkzeug der, Macht des Weibes zu finden. Die Vorliebe für die 
Hand des Weibes ist auch heute noch so gross, dass Patient einen höheren 
Genuss darin fühlt, wenn diese an seinem Gliede ist, als wenn er den Coitus 
in yaginam vollzieht. Dennoch möchte Patient diesen lieber ausführen, weil 
er ihm als die natürliche, das erstere aber als eine krankhafte Neigung 
erscheint. Die Berührung seines Körpers durch eine schöne weibliche Hand 
verursacht dem Patienten sofort Erection; er meint, dass Küssen und andere 
Berührungen bei weitem nicht so starken Einfluss ausüben. 

Patient hat nur in den letzten Jahren öfter den Coitus ausgeführt, aber 
es fiel ihm jedesmal der Entschluss dazu ausserordentlich schwer. 


] ) Also eine Art rudimentären Sadismus bei L. und Masochismus bei N. 1 


164 Paraesthesia sexualis. 

Auch fand er in dem Coitus nicht die volle Befriedigung, die er suchte. 
Wenn sich aber L. in der Nähe eines weiblichen Wesens befindet, das er gern 
besitzen möchte, so erhöht sich in blossem Ansehen der Betreffenden zuweilen 
die sexuelle Aufregung des L. in dem Grade, dass Samenerguss erfolgt. L. 
versichert ausdrücklich, dass er hierbei absichtlich sein Glied nicht berühre oder 
drücke; die unter solchen Umstanden erfolgende Samenentleerung gewahrt 
dem L. einen bei weitem grösseren Genuss, als der wirklich vollzogene Bei- 
schlaf *)• 

Die Träume des Patienten L., auf den ich zurückkomme, betreffen nie- 
mals den Beischlaf. Wenn er des Nachts Pollutionen hat, so kommen sie fast 
stets in Verbindung mit ganz anderen Gedanken vor, als dies bei normalen 
Männern der Fall ist. Die betreffenden Träume des Patienten sind Recapitu- 
lationen aus seiner Schulzeit. In dieser hatte nämlich Patient, abgesehen von 
der oben erwähnten mutuellen Onanie auch dann Samenerguss, wenn ihn eine 
grosse Aengstlichkeit überfiel. 

Wenn z. B. der Lehrer ein Extemporale dictirte und L. beim Uebersetzen 
nicht zu folgen vermochte, so traten öfter Samenergüsse ein *). Die jetzigen in 
der Nacht zeitweise auftretenden Pollutionen sind stets nur von Traumen be- 
gleitet, die den gleichen oder verwandten Inhalt haben, wie die eben erwähnten 
Vorgänge auf der Schule. 

Patient hält sich in Folge seines unnatürlichen Fühlens und Empfindens 
für unfähig, ein Weib dauernd zu lieben. 

Eine Behandlung der sexuellen Perversion des Patienten konnte bisher 
nicht stattfinden. 

Dieser Fall von Handfetischismus beruht sicher nicht auf Maso- 
chismus oder Sadismus, sondern erklärt sich einfach aus früh ge- 
triebener mutueller Onanie. Ebensowenig liegt hier conträre Sexual- 
empfindung vor. Bevor der Sexualtrieb sich seines Objektes klar 
bewusst wurde, ward hier die Hand des Mitschülers benutzt. So- 
bald der Trieb zum anderen Geschlechte deutlich wird, erscheint 
das Interesse für die Hand auf die des Weibes übertragen. 

Es mögen so bei Handfetischisten, die nach Binet ja so 
zahlreich sind, noch andere Associationen zum gleichen Resultat 
führen. 


*) Also hochgradige sexuelle Hyperästhesie. Vgl. oben Anm. zu p. 50. 

2 ) Auch dies ist sexuelle Hyperästhesie. Jede beliebige starke Erregung 
versetzt die sexuelle Sphäre in Aufruhr (Bin et 's „dynamogenie generale*). 
Dr. Moll theilt diesbezüglich noch folgenden Fall mit: 

„Ein ähnlicher Vorgang wird mir von einem 27jährigen Herrn E. mit- 
getheilt. Derselbe, ein Kaufmann, hatte oft in der Schule und auch ausserhalb 
derselben dann Samenerguss mit Wollustgefühl, wenn ein starkes Angstgefühl 
sich seiner bemächtigte. Ausserdem aber übte fast jeder sowohl körperliche wie 
seelische Schmerz einen ähnlichen Einfluss aus. Der Patient E. hat angeblich 
normalen Geschlechtstrieb, leidet aber an nervöser Impotenz." 


Fetischismus. 165 

An die Handfetischisten würden sieb naturgem'äss die Fuss- 
fetischisten anreiben. Während aber an die Stelle des Handfeti- 
schismus nur selten der zur folgenden Gruppe des Gegenstands- 
fetischismus gehörige Handschuhfetischismus tritt, finden wir statt 
der Schwärmerei für den nackten Fuss des Weibes, wovon sich 
nur hie und da Andeutungen kaum pathologischer Art finden, den 
weitverbreiteten, in unzähligen Fällen vorkommenden Schuh- und 
Stiefelfetischismus. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen. Die 
Hand des Weibes wird meist entblösst gesehen, der Fuss bekleidet. 
So knüpfen sich die frühen Associationen, welche bei Fetischisten 
die Richtung der vita sexualis determiniren , naturgem'äss an die 
nackte Hand, aber an den bekleideten Fuss. 

Der Schuhfetischismus fände seinen Platz gleichfalls in der 
folgenden Gruppe der Kleidungsfetischisten; er ist aber seines in 
der Mehrzahl der Fälle nachweisbar masochistischen Charakters 
wegen grösstentheils bereits oben (p. 124 u. ff.) dargestellt worden. 

Neben Auge, Hand und Fuss spielen auch oft Mund und Ohr 
die Rolle des Fetisch. Solche Fälle erwähnt u. A. Moll op. cit. 
(Vgl. auch Belot's Roman: La bouche de Madame X., der nach B/s 
Angabe auf einer directen Beobachtung beruht.) 

Aus meiner eigenen Beobachtung stammt der folgende merk- 
würdige Fall. 

Beobachtung 77. Ein sehr belasteter Herr consultirte mich wegen 
ihn fast zur Verzweiflung treibender Impotenz. 

Sein Fetisch waren , solange er Junggeselle war, Weiber von üppigen 
Formen. Er heirathete eine Dame von entsprechender Complexion, war mit 
ihr ganz potent und glücklich. Nach einigen Monaten erkrankte die Dame 
schwer und magerte stark ab. Als er eines Tages wieder seiner ehelichen 
Pflicht nachkommen wollte, war er gänzlich impotent und blieb es. Versuchte 
er dagegen Coitus mit üppigen Weibern, so war er völlig potent. 

Selbst Körperfehler können zum Fetisch werden. 

Descartes, welcher (Traite* des Passions CXXXVI) selbst Betrachtungen 
über das Entstehen seltsamer Neigungen aus Ideenassociationen anstellt, fand 
stets Geschmack an schielenden Frauen, weil der Gegenstand seiner ersten 
Liebe diesen Fehler hatte. (Bin et op. cit.) 

Lydston (A Lecture on sexual perversion, Chicago 1890) berichtet den 
Fall eines Mannes, der ein Liebesverhaltniss mit einem Weibe unterhielt, dem 
ein Unterschenkel amputirt worden war. Nach der Trennung von ihr suchte 
er begierig nach anderen Weibern mit dem gleichen Defect. — Ein nega- 
tiver Fetisch! 


166 Paraesthesia sexualis. 

Wenn der Theil des weiblichen Körpers, welcher den Fetisch 
bildet, abtrennbar ist, also Haare, so kann es zu den extravagantesten 
Handlungen kommen. Eine nicht uninteressante und zudem foren- 
sisch wichtige Categorie bilden deshalb die Haarfetischisten. 
Während solche Bewunderer des Frauenhaars in physiologischer 
Breite nicht selten sein dürften und möglicherweise verschiedene 
Sinne (Auge, Geruch, Gehör wegen des knisternden Geräusches, 
jedenfalls auch Tastsinn, ganz analog wie bei Sammt- und Seide- 
fetischisten s. unten) hier Erregungen empfangen, die wollüstige 
Betonung finden, ist auch schon eine Reihe ganz gleichförmiger 
pathologischer Fälle zur Beobachtung gekommen, in denen der zum 
übermächtigen Impuls gewordene Haarfetischismus dergleichen In- 
dividuen zu Delicten hinreisst. Das ist die Gruppe der Zopf- 
abschneider 1 ). 

Beobachtung 78. Ein Zopf abschneide r. P., 40 Jahre, Kunstschlosser, 
ledig, stammt von einem Vater, der temporär irrsinnig war, und von einer sehr 
nervösen Mutter. Er entwickelte sich gut, war intelligent, aber früh mit Tics 
und Zwangsvorstellungen behaftet gewesen. Er hatte nie masturbirt, liebte 
platonisch, trug eich öfters mit Heirathsplänen, coitirte nur selten mit Freuden- 
mädchen, fühlte sich aber vom Verkehr mit solchen nie befriedigt, eher ange- 
widert. Vor etwa 3 Jahren trafen ihn schwere Schicksalsschläge (finanzieller 
Ruin) und machte er Überdies eine fieberhafte Krankheit mit Delir durch. Diese 
Umstände schädigten schwer das Centralnervensysteni des erblich Belasteten. 
Am Abend des 28. August 1889 wurde P. auf dem Trocadero in Paris in flagranti 
verhaftet, als er im Gedränge einem jungen Mädchen den Zopf abgeschnitten 
hatte. Man verhaftete ihn mit dem Zopf in der Hand, eine Scbeere in der 
Tasche. Er entschuldigte sich mit momentaner Sinnes Verwirrung , unseliger 
unbezwinglicher Leidenschaft, gab zu, dass er schon lOmal Zöpfe abgeschnitten 
habe, die er daheim in wonnigem Entzücken verwahre. 

Bei der Haussuchung fand man 65 Zöpfe und Haarflechten, sortirt in 
Paketen vor. Schon am 15. December 1886' war P. unter ähnlichen Umständen 
einmal verhaftet gewesen, aber wegen Mangel an Beweisen freigelassen worden. 

P. gibt an, dass er seit 3 Jahren, wenn Abends allein im Zimmer, sich 
unwohl, ängstlich, erregt und schwindlig fühlte und dann vom Drang heim- 
gesucht wurde, Frauenhaar zu betasten, Als er gelegentlich den Zopf eines 
jungen Mädchens wirklich in der Hand halten konnte, fühlte er sich wollüstig 
höchst erregt , bekam Erection und , ohne weitere Berührung des Mädchens, 


*) Moll, op. cit. p. 131 berichtet: „Ein Mann X. wird, sobald er ein 
weibliches Wesen mit einem Zopf erblickt, sofort hochgradig sexuell erregt; 
offenes noch so schönes Haar vermag diese Wirkung nicht zu erzielen. * 

Es ist übrigens natürlich nicht gerechtfertigt, alle Zopfabschneider für 
Fetischisten zu halten, da in seltenen Fällen derlei auch aus Gewinnsucht ge- 
schieht, resp. der geraubte Zopf Waare, nicht Fetisch ist. 


* Fetischismus. 167 

Ejaculation. Heimgekehrt schämte er sich des Vorfalls, aber der Wunsch, Zöpfe 
zu besitzen, ungemein wollüstig betont, wurde immer mächtiger in ihm. Er 
wunderte sich sehr darüber, da er doch früher beim intimsten Verkehr mit 
Weibern nie etwas derart empfunden hatte. Eines Abends konnte er dem Drang 
nicht widerstehen, einem Mädchen den Zopf abzuschneiden. Daheim, mit dem 
Zopf in der Hand, wiederholte Bich der wollüstige Vorgang. Es zwang ihn, 
mit dem Zopf über seinen Körper zu fahren, seine Genitalien darein zu wickeln. 
Endlich ganz erschöpft, schämte er sich, getraute sich während einiger Tage 
gar nicht auszugehen. Nach Monaten der Ruhe trieb es ihn wieder, Frauen- 
haar, gleichgültig wem gehörig, unter die Hände zu bekommen. Gelangte er 
zum Ziel, so fühlte er sich wie besessen von einer übernatürlichen Gewalt, 
ausser Stand, seine Beute loszulassen. Konnte er den Gegenstand seiner Be- 
gierde nicht erreichen, so wurde er tief verstimmt, eilte heim, wühlte dann in 
seiner Collection von Zöpfen, kämmte, betastete sie, gerieth dabei in mächtigen 
Orgasmus und befriedigte sich durch Masturbation. Zöpfe in den Auslegekästen 
der Friseure Hessen ihn ganz kalt. Es mussten vom Kopf einer Frauensperson 
herabhängende Zöpfe sein. 

Auf der Höhe seiner Zopfattentate will er jeweils in solcher Erregung 
gewesen sein, dass er nur unvollkommen Apperception und demgemäss Er- 
innerung hatte von dem, was um ihn her vorging. Sobald er mit der Scheere 
den Zopf berührte, kam es zur Erection und im Moment des Abschneidens zur 
Ejaculation. 

Seit seinen Schicksalsschlägen vor etwa 3 Jahren will er gedächtniss- 
schwach, geistig rasch erschöpft, von Schlaflosigkeit und nächtlichem Auf- 
schrecken heimgesucht sein. P. bereut tief seine Streiche. 

Man fand bei ihm nicht bloss Zöpfe vor, sondern auch eine Menge von 
Haarnadeln, Bänder und andere weibliche Toilettegegenstände, die er sich hatte 
schenken lassen. Er hatte von jeher eine wahre Manie gehabt, derlei zu sam- 
meln, nicht minder Zeitungen, Holzstückchen und anderen ganz werthlosen 
Kram , von dem er nie hatte lassen wollen. Auch hatte er eine sonderbare, 
ihm ganz unerklärliche Scheu, eine gewisse Strasse zu passiren; machte er 
einmal den Versuch dazu, so wurde ihm ganz unwohl. 

Das Gutachten erwies den Hereditarier, den zwangsmässigen, impulsiven, 
entschieden unfreien Charakter der inkriminirten Akte, welche die Bedeutung 
einer Zwangshandlung, hervorgerufen durch eine mit abnormen sexuellen Ge- 
fühlen übermächtig betonte Zwangsvorstellung haben. Freispruch. Irrenhaus. 
(Voisin, Socquet, Motet, Annales d'hygiene, 1890, April.) 

Im Anschluss an diesen Fall verdient auch der folgende, ähn- 
liche alle Beachtung, da er gut beobachtet, geradezu klassisch zu 
nennen ist und den Fetisch, sowie die ursprüngliche associative 
Weckung der bezüglichen Vorstellung in ein helles Licht stellt. 

Beobachtung 79. Ein Zopf abschneider. E., 25 Jahre. Mutter- 
schwester epileptisch, Bruder litt an Convulsionen. E. will als Kind geBund 
gewesen sein und ziemlich gut gelernt haben. Mit 15 Jahren empfand er zum 
ersten Mal beim Anblick einer sich kämmenden Dorfschönen ein wollüstiges 
Gefühl mit Erection. Bis dahin hatten Personen des anderen Geschlechts keinen 


168 Paraestheeia sexualis. 

Eindruck auf ihn gemacht. 2 Monate später, in Paris, erregte ihn jedesmal 
mächtig der Anblick der über den 'Nacken herabflatternden Haare junger 
Mädchen. Eines Tages konnte er sich nicht enthalten, bei solcher Gelegenheit 
den Zopf eines jungen Mädchens zwischen den Fingern zu drehen. Er wurde 
deshalb verhaftet und zu 3 Monaten verurtheilt. 

Darauf diente er 5 Jahre als Soldat. Zöpfe waren ihm während dieser 
Zeit nicht gefährlich, aber auch wenig zugänglich, jedoch träumte ihm zuweilen 
von Frauenköpfen mit Zopf oder aufgelöstem Haar. Gelegentlich Coitus mit 
Frauenzimmern, jedoch ohne dass deren Haar als Fetisch wirkte. 

Wieder in Paris, träumt er in obiger 1 Weise neuerlich und wird von 
Frauenhaar wieder sehr erregt. 

Niemals träumt er von der ganzen Gestalt eines Weibes, nur von 
Köpfen mit Zöpfen. 

Seine sexuelle Erregung durch solchen Fetisch war in letzter Zeit so 
mächtig geworden, dass er sich mit Masturbation half. 

Die Idee, Frauenhaar zu betasten oder noch besser, Zöpfe zu besitzen, 
um während deren Betastung masturbiren zu können, wurde immer mächtiger. 

Wenn er Frauenhaar unter den Fingern hatte, kam es neuerlich zur 
Ejaculation, Eines Tages war es ihm gelungen, bereits 3 Zöpfe von kleinen 
Mädchen auf der Strasse etwa 25 cm lang abzuschneiden und in seinen Besitz 
zu bringen, als er beim Versuch an einem vierten verhaftet wurde. Tiefe 
Reue und Scham. Keine Verurtheilung. Seit geraumer Zeit in der Irren- 
anstalt, ist er so weit gekommen, dass ihn die Zöpfe der Weiber nicht mehr 
aufregen. Freigelassen, gedenkt er in seine Heimath zu gehen, wo die Weiber 
ihr Haar aufgebunden zu tragen pflegen. (Magna n, Archivs de l'anthropo- 
logie criminelle, 5. Bd., Nr. 28.) 

Ein dritter Fall ist der folgende, der ebenfalls geeignet ist, 
das Psychopathische solcher Erscheinungen zu illustriren, und an 
welchem namentlich der merkwürdig vermittelte Ausgang in Heilung 
beachtenswerth ist. 

Beobachtung80. Zopffetischismus. Herr X., Mitte der Dreissiger, 
aus höherer Gesellschaftsklasse, ledig, aus angeblich nicht belasteter Familie, 
jedoch von Kindsbeinen auf nervös, unstet, eigenartig, will seit etwa dem 
8. Jahr sich mächtig durch Frauenhaar angezogen gefühlt haben. Ganz be- 
sonders war dies Seitens junger Mädchen der Fall. Als er 9 Jahre alt war, 
trieb ein 13 Jahre altes Mädchen mit ihm Unzucht. Er hatte kein Verständ- 
niss dafür und blieb dabei ganz unerregt. Auch die 12jährige Schwester 
dieses Mädchens machte sich mit ihm zu schaffen , küsste ihn ab, presste ihn 
an sich. Er Hess sich das ruhig gefallen, weil das Haar dieses Mädchens ihm 
so gut gefiel. Etwa 10 Jahre alt, begann er wollüstige Empfindungen beim 
Anblick von ihm zusagendem Frauenhaar zu verspüren. Allmählich kamen jene 
auch spontan, und sofort gesellten sich Erinnerungsbilder von Mädchenhaar 
hinzu. Im 11. Jahr wurde er von Mitschülern zur Masturbation verführt. Die 
associative Knüpfung sexueller Gefühle und einer fetischistischen Vorstellung war 
damals schon festgeschlossen und trat jeweils hervor, wenn Pat. mit seinen 
Kameraden Unzucht trieb. Mit den Jahren wurde der Fetisch immer mäch- 


Fetischismus. 169 

tiger. Selbst falsche Zöpfe begannen ihn zu erregen, jedoch waren ihm lebende 
immer lieber. Wenn er solche berühren oder gar küssen konnte, war er ganz 
selig. Er verfasste Aufsätze und machte Gedichte über die Schönheit des 
Frauenhaars, zeichnete Zöpfe und masturbirte dazu. Vom 14. Jahr wurde er 
von seinem Fetisch so mächtig erregt, dass er heftige Erectionen bekam. 
Entgegen seinem früheren Geschmack als Knabe reizten ihn nur mehr Zöpfe, 
ganz besonders üppige, schwarze, dicht geflochtene. Er empfand lebhaften 
Drang, solche Zöpfe zu küssen, resp. an ihnen zu saugen. Das Betasten solchen 
Haares machte ihm wenig Befriedigung, viel mehr der Anblick, namentlich 
aber das Küssen und Saugen. 

War ihm dies unmöglich, 60 war er unglücklich bis zu Taedium vitae. 
Er versuchte sich dann schadlos zu halten, indem er sich phantastisch „Haar- 
abenteuer" ausmalte und dazu masturbirte. 

Nicht selten, auf der Strasse und im Gedränge, konnte er sich nicht 
zurückhalten, Damen einen Kuss auf den Kopf zu drücken. Er eilte dann 
heim, um zu masturbiren. Zuweilen konnte er jenem Impuls Widerstand leisten, 
aber er musste unter lebhaften Angstgefühlen schleunigst die Flucht ergreifen, 
um aus dem Bannkreis seines Fetisch zu gelangen. Nur einmal im Gedränge 
trieb es ihn, einem Mädchen den Zopf abzuschneiden. Er hatte dabei heftige 
Angst, reussirte nicht mit seinem Taschenmesser und entging mit Mühe durch 
die Flucht der Gefahr, erwischt zu werden. 

Erwachsen, versuchte er durch Coitus mit puellis sich zu befriedigen. 
Er gelangte zu mächtiger Erection durch Küssen der Zöpfe, brachte es aber 
zu keiner Ejaculation. Deshalb war er vom Coitus unbefriedigt. Gleichwohl 
war seine liebste Vorstellung Coitus mit Haarküssen. Dieses allein genügte 
ihm nicht, da er dadurch auch nicht zur Ejaculation gelangte. Faute de mieux 
stahl er einmal einer Dame ihr ausgekämmtes Haar, steckte es in den Mund 
und masturbirte dazu, indem er sich die Eigenthümerin vorstellte. Im Dunkeln 
hatte er kein Interesse am Weib, weil er dessen Zöpfe nicht sah. Auch auf- 
gelöstes Kopfhaar hatte für ihn keinen Reiz, ebensowenig Schamhaare. Seine 
erotischen Träume drehten sich nur um Zöpfe. In der letzten Zeit war Pat. 
sexuell so erregt geworden, dass er in eine Art Satyriasis gerieth. Er wurde 
unfähig zum Beruf, fühlte sich so unglücklich, dass er sich in Alkohol zu 
betäuben suchte. Er consumirte sehr grosse Mengen, bekam ein Alkoholdelir, 
einen Anfall von Alkohol epilepsie, wurde spitalsbedürftig. Nach Beseitigung 
der Intoxication schwand ziemlich rasch die sexuelle Erregung unter geeigneter 
Behandlung, und als Pat. entlassen wurde, war er von seiner nur noch in 
Träumen ab und zu sich geltend machenden Fetischvorstellung befreit. 

Der körperliche Befund ergab normale Genitalien, wie überhaupt keine 
Degenerationszeichen. 

Derartige Fälle von Zopffetischismus, der zu Attentaten auf 
Frauenzöpfe führt, scheinen von Zeit zu Zeit allerorten vorzukom- 
men. Im November 1890 wurden nach amerikanischen Zeitungs- 
berichten ganze Städte in den Ver. Staaten durch einen solchen 
Zopfabschneider beunruhigt. 


170 Paraesthesia sexualis. 


b) Der Fetisch ist ein Stück der weiblichen Kleidung. 

Wie gross die Bedeutung ist, die Schmuck, Putz und Kleidung 
auch für die normale Vita sexualis des Mannes haben, ist allgemein 
bekannt. Cultur und Mode haben hier dem Weibe gewissermassen 
künstliche Geschlechtscharaktere angeschaffen, deren Wegfall, wenn 
das Weib unbekleidet in Betracht kommt, trotz der normalen sinn- 
lichen Wirkung dieses Anblicks, als Verlust, als befremdend wirken 
kann 1 ). Es darf hierbei auch nicht übersehen werden, dass die 
Kleidung des Weibes häufig die Tendenz zeigt, bestimmte Geschlechts- 
eigenthümlichkeiten, secundäre Geschlechtscharaktere (Busen, Taille, 
Hüften) hervorzuheben und zu outriren. 

Bei den meisten Individuen erwacht der Geschlechtstrieb lange 
vor der Möglichkeit und Gelegenheit intimen Verkehrs, und die 
frühen Begierden der Jugend beschäftigen sich mit dem gewohnten 
Bilde der bekleideten weiblichen Gestalt. So kommt es, dass nicht 
selten im Beginn der vita sexualis die Vorstellung des geschlecht- 
lich Beizenden und des Bekleideten sich associiren. Diese Associa- 
tion kann namentlich dann eine unlösbare werden — das bekleidete 
Weib dem nackten dauernd vorgezogen werden — , wenn die be- 
treffenden Individuen, unter der Herrschaft anderer Perversionen 
stehend, überhaupt nicht zu einer normalen vita sexualis und zur 
Befriedigung durch natürliche Reize gelangen. 

Bei psychopathischen, sexuell hyperästhetischen Individuen 
kommt es in Folge dessen wirklich vor, dass das bekleidete Weib 
bleibend dem nackten Körper vorgezogen wird. Erinnern wir uns, 
dass in Beob. 48 das Weib die letzte Hülle nicht fallen lassen 
darf, dass Beob. 51, equus eroticus, das bekleidete Weib vorzieht. 
Auch Beob. 89 der 6. Aufl. enthält eine gleiche Aeusserung eines 
Conträrsexualen. 

Dr. Moll (op. cit.) erwähnt einen Patienten, der den Coitus 
mit puella nuda nicht ausführen konnte; das Weib musste wenig- 
stens mit einem Hemd bekleidet sein; p. 129 führt derselbe Autor 
einen Conträrsexualen an, der demselben Kleidungsfetischismus 
unterworfen ist. 

Der Grund dieser Erscheinung ist offenbar in der Gedanken- 
onanie solcher Individuen zu suchen. Sie haben beim Anblick tin- 


J ) Vergl. Goethe's Bemerkungen zu seinem Abenteuer in Genf (Briefe 
aus der Schweiz, 1. Abthcil., Schluss). 


Fetischismus. • 171 

zähliger bekleideter Gestalten Begierden empfunden, bevor sie sich 
der Nacktheit gegenüber sahen 1 ). 

Eine ausgesprochenere Form des Kleidungfetischismus besteht 
darin, dass nicht überhaupt das bekleidete Weib vorgezogen wird, 
sondern eine bestimmte Art der Kleidung zum Fetisch wird. Es ist 
begreiflich, dass ein starker und namentlich ein früher sexueller Ein- 
druck, der mit der Vorstellung einer bestimmten Kleidung des be- 
treffenden Weibes verbunden war, bei hyperästhetischen Individuen 
ein höchst intensives Interesse an diese Kleidung knüpfen kann. 

Hainmond (op. cit. p. 46) berichtet folgenden aus Roubaud 
„Traite de rimpuissance", Paris 76, citirten Fall: 

Beobachtung 81. X., Sohn eines Generals, wurde auf dem Lande 
aufgezogen. Im Alter von 14 Jahren wurde er von einer jungen Dame in die 
Freuden der Liebe eingeweiht. Diese Dame war eine Blondine, die ihr Haar 
in gewundenen Locken trug und, um nicht entdeckt zu werden, mit ihrem 
jungen Liebhaber nur in ihrer gewöhnlichen Kleidung mit Gamaschen, Corset 
und in ihrem Seidenkleide geschlechtlich verkehrte. 

Als er nach Beendigung seiner Studien zur Garnison gesandt wurde 
und hier nun seine Freiheit gemessen wollte, fand er, dass sein Sexualtrieb 
nur unter ganz bestimmten Bedingungen angeregt wurde. So konnte eine 
Brünette ihn nicht im mindesten reizen, und ein Weib im Nachtcostüm war 
im Stande, jede Liebesbegeisterung in ihm ganz zu ersticken. Eine Frau, die 
»eine Begierden wecken sollte, musste eine Blondine sein, mit Gamaschen 
gehen, ein Corset und ein seidenes Kleid tragen, kurz, ganz so gekleidet sein, 
wie die Dame, die zuerst in ihm den Geschlechtstrieb erregt hatte. Er war 
immer den Bemühungen, ihn zu verheirathen, ausgewichen, da er wusste, dass 
er seine Gattenpflichten gegen ein Weib im Schlaf cos tüme nicht werde aus- 
üben können. 

H a m m o n d berichtet noch p. 42 einen Fall , wo der Coitus maritalis 
nur durch bestimmtes Costüm erzielt werden konnte, und Dr. Moll op. cit. 
erwähnt mehrere derartige Fälle bei Hetero- und Homosexualen. Als ver- 
anlassende Ursache ist eine frühe Association oft nachzuweisen und stets an- 
zunehmen. Nur so wird es erklärlich, dass auf solche Individuen ein be- 
stimmtes Costüm unwiderstehlich wirkt, gleichgültig, welche Person immer 
den Fetisch trägt. So wird es begreiflich, dass, wie Coffignon (op. cit.) er- 
zählt, Männer in Bordellen darauf bestehen, dass die Weiber, mit denen sie 
zu thun haben, ein bestimmtes Costüm als Ballettänzerin, Nonne etc. anlegen, 
und dass diese Häuser zu solchen Zwecken mit einer ganzen Maskengarderobe 
versehen sind. 


') Etwas dem Objecte nach Aehnliches, der psychischen Vermittlung 
nach aber ganz Anderes ist die Thatsache, dass der halbverhüllte Körper oft 
reizender wirkt, als der ganz nackte. Dies beruht auf Contrastwirkung und 
Erwartungsaffecten, welche eine allgemeine Erscheinung sind und nichts Patho- 
logisches enthalten. 


172 Paraesthesia sexualis. 

Binet(op. cit.) erzählt den Fall eines Richters, der ausschliesslich in 
die Italienerinnen, die als Malermodelle nach Paris kommen, und in ihr be- 
stimmtes Costüm verliebt war. Die veranlassende Ursache war hier nachweis- 
bar ein Eindruck beim Erwachen des Geschlechtstriebs. 

Eine dritte Form des Kleidungsfetischismus, die einen weit 
höheren Grad des Pathologischen darstellt, ist bei weitem die 
häufigste. Sie besteht darin, dass es gar nicht mehr das Weib 
selbst ist, welches, wenn auch bekleidet oder auf eine bestimmte 
Art gekleidet, in erster Linie sexuell reizend wirkt, sondern dass 
das sexuelle Interesse so sehr sich auf ein bestimmtes Stück der 
weiblichen Kleidung concentrirt, dass die lustbetonte Vorstellung 
dieses Kleidungsstückes sich gänzlich von der Gesammtvorstellung 
des Weibes loslöst und so selbstständigen Werth gewinnt. Dies 
ist das eigentliche Gebiet des Kleidungsfetischismus, wo eine un- 
belebte Sache, ein isolirtes Stück der Kleidung für sich allein zur 
Erregung und Befriedigung des Geschlechtstriebes benützt und 
verwendet wird. Diese dritte Form des Kleidungsfetischismus ist 
auch die forensisch wichtige. 

In einer grossen Zahl von Fällen handelt es sich hier um 
Stücke weiblicher Leibwäsche, die ja durch ihren intimen Charakter 
besonders geeignet sind, solche Associationen an sie zu knüpfen. 

Beobachtung 82. K. , 45 Jahre alt, Schuhmacher, angeblich erblich 
nicht belastet, von eigenthümlichem Wesen, geistig wenig begabt, von männ- 
lichem Habitus, ohne Degenerationszeichen, sonst tadellos in seinem Benehmen, 
wurde ertappt, als er am 5. Juli 187(5 Abends aus einem Versteck gestohlene 
Frauenwäsche abholte. Ks fanden sich bei ihm etwa 300 Toilettegegenstande 
von Frauen vor, darunter neben Frauenhemden und Beinkleidern auch Nacht- 
hauben, Strumpfbänder, sogar. eine weibliche Puppe. Als er verhaftet wurde, 
hatte er gerade ein Frauenhemd auf dem Leibe. Schon seit 13 Jahren hatte 
er seinem Drang, Frauenwäsche zu stehlen, gefröhnt, war, das erste Mal des- 
halb bestraft, vorsichtig geworden und hatte in der Folge mit Raffinement 
und Glück gestohlen. Wenn dieser Drang über ihn kam, sei ihm ängstlich, 
der Kopf ganz schwer geworden. Er habe dann nicht widerstehen können, 
koste es, was es wolle. Es sei ihm ganz gleich gewesen, wem er die Sachen 
wegnehme. 

Die gestohlenen Sachen habe er Nachts im Bett angezogen, dabei sich 
schöne Weiber vorgestellt und wollüstige Gefühle und Samenabgang verspürt. 

Dies war offenbar das Motiv seiner Diebstähle, jedenfalls hatte er nie 
eines der gestohlenen Gegenstände sich entäussert, vielmehr dieselben da und 
dort versteckt. 

Er gab an. dass er in früheren Zeiten mit Weibern normal geschlechtlich 
verkehrt habe. Onanie, Päderastie und andere sexuelle Akte stellte er in 
Abrede. Mit 25 Jahren will er verlobt gewesen sein, jedoch sei diese Ver- 


Fetischismus. 173 

lobung ohne seine Schuld zurückgegangen. Das Krankhafte seines Zustandes 
und das Unrechte seiner Handlungen vermochte er nicht einzusehen (Passow, 
Vierteljahrsschrift f. ger. Medic. N. F. XXVIII, p. 61. Krauss, Psychologie 
des Verbrechens 1884, p. 190). 

Einen Fall von leidenschaftlichem Interesse für einzelne Stücke 
der weiblichen Kleidung berichtet Hainmond op. cit. p. 43. Auch 
hier besteht des Patienten Genuss darin, selbst ein Corset am Leibe 
zu tragen, ebenso andere weibliche Kleidungsstücke (ohne Spuren 
von conträrer Sexualempfindung). Der Schmerz bei forcirtem 
Schnüren an sich selbst und an Frauen hervorgerufen ist ihm eine 
Freude: sadistisch-masochistisches Element. 

Ein hierher gehöriger Fall dürfte auch der von Diez (Der 
Selbstmord 1838, p. 24) mitgetheilte sein, wo ein junger Mensch 
dem Drang nicht widerstehen konnte, Frauen wasche zu zerreissen. 
Er hatte während dieses Zerreissens regelmässig Ejaculation. 

Eine Verbindung von Fetischismus mit Zerstörungsdrang gegen 
den Fetisch (gewissermassen Sadismus am unbelebten Object) scheint 
mehrfach vorzukommen. Vgl. unten Beob. 93, p, 186. 

Ein Kleidungsstück, welches zwar nicht eigentlich intimen 
Charakter hat, aber durch Stoff und Farbe an Leibwäsche erinnert, 
auch wohl durch die Stelle, an welcher es getragen wird, sexuelle 
Beziehungen erhält, ist die Schürze (vgl. auch die metonymische 
Verwendung des Wortes „Schürze* neben „Unterrock" im Sprach- 
gebrauch: „Jeder Schürze nachlaufen* etc.). Dies bietet eine Hand- 
habe zum Verständniss des folgenden Falles: 

Beobachtung 83. C. , 37 Jahre alt, aas schwer belasteter Familie, 
von plagiocephalem Schädel, geistig schwach begabt, bemerkte mit 15 Jahren 
eine zum Trocknen aufgehängte Schürze. Er band sie sich um und onanirte 
hinter einer Hecke. Seither konnte er keine Schürze sehen, ohne den Akt 
damit zu wiederholen. Sah er Jemand, gleichgültig ob Frau oder Mann, mit 
einer Schürze angethan, daherkommen, so musste er nachlaufen. Um ihn von 
seinen endlosen Schürzendiebstählen zu befreien, that man ihn im 16. Jahre 
zur Marine. Dort gab es keine Schürzen und vorläufig Ruhe. Mit 19 Jahren 
heimgekehrt, musste er wieder Schürzen stehlen, kam dadurch in fatale Ver- 
wicklungen, wurde mehrmals eingesperrt, versuchte durch mehrjährigen Auf- 
enthalt in einem Trappistenkloster von seinem Gelüste frei zu werden. Aus- 
getreten, ging es ihm wie früher. 

Anlässlich eines neuen Diebstahls wurde er gerichtsärztlich untersucht 
und der Irrenanstalt übergeben. Nie stahl er etwas Anderes als Schürzen. 
Es war ihm ein Genuss, in dem Erinnerungsbild der ersten gestohlenen Schürze 
zu schwelgen. Seine Träume drehten sich um Schürzen. In der Folge benutzte 
er ihre Erinnerungsbilder, um gelegentlich Coitus zu Stande zu bringen, oder 
auch zu masturbiren. (Charcot-Magnan, Arch. de Neurolog. 1882, Nr. 12.) 


174 Paraesthesia sexualis. 

In einem dieser Reihe von Beobachtungen analogen von Lombroso 
(Amori anomali precoci nei pazzi. Arch. di psich. 1883, p. 17) mitgetheilten 
Falle bekam ein erblich schwer belasteter Knabe schon im 4. Jahre Erection 
und heftige sexuelle Erregung beim Anblick weisser Gegenstände, namentlich 
Wasche. Berührung, Zerknittern von solcher machte ihm Wollust Mit dem 
10. Jahr begann er Angesichts weisser gestärkter Wäsche zu masturbiren. Er 
scheint mit moralischem Irresein behaftet gewesen zu sein und wurde wegen 
Mordes hingerichtet. 

Mit eigenthümlichen Umständen combinirt ist der folgende 
Fall von Unterrockfetischismus: 

Beobachtung 84. Herr Z., 35 Jahre alt, Beamter, stammt als einziges 
Kind von einer nervösen Mutter und gesnndem Vater ab. Er war von Kindes- 
beinen an „ nervös B , erschien bei der Consultation auffällig durch neuro- 
pathisches Auge, zarten, schmächtigen Körper, feine Züge, sehr dünne Stimme, 
spärlichen Bartwuchs. Bis auf Erscheinungen leichter Neurasthenie ist an 
Pat. nichts Krankhaftes nachzuweisen. Genitalien normal, desgleichen die 
sexuellen Funktionen. Pat. will nur 4— 5mal, und zwar als kleiner Junge, 
masturbirt haben. 

Schon mit 13 Jahren wurde Pat. durch den Anblick von nassen 
Weiberkleidern mächtig sexuell erregt, während solche Kleider in trockenem 
Zustande ihn gar nicht erregten. Sein grösster Genuss war es, wenn es regnete, 
nach durchnässten Frauenzimmern auszuschauen. Traf er auf ein solches und 
hatte das betreffende Weib zudem ein sympathisches Gesicht, so hatte er in- 
tensive Wollustgefühle , mächtige Erection und fühlte sich zum Coitus ge- 
trieben. 

Gelüste, sich nasse Weiberröcke zu verschaffen oder ein Frauenzimmer 
mit Wasser zu bespritzen, will er nie gehabt haben. Ueber die ursprüngliche 
Entstehung seiner Pica vermochte Pat. keinen Aufschluss zu geben. 

Es ist möglich, dass der Geschlechtstrieb in diesem Falle beim Anblick 
eines Weibes zum ersten Mal aufgetaucht ist, welches bei Regenwetter die 
nassen Röcke aufhob und Reize sehen liess. Der seines Objektes noch nicht 
bewusste dunkle Trieb wurde dann auf die nassen Röcke projicirt, wie in 
anderen Fällen. 

Häufig und deshalb forensisch wichtig sind die Liebhaber 
weiblicher Taschentücher. — Zur Häufigkeit des Taschentücher- 
fetischismus mag beitragen, dass das Taschentuch dasjenige Wäsche- 
stück des Weibes ist, welches am häufigsten auch im nicht intimen 
Verkehr in den Anblick und, sammt der ihm anhaftenden Körper- 
temperatur und speeifischen Gerüche, durch Zufall in die Hände 
einer anderen Person gerathen kann. Hierauf mag die Häufigkeit 
früher Association von wollüstigen Empfindungen mit der Vor- 
stellung eines Taschentuches, die auch hier wohl immer anzunehmen 
ist, beruhen. 


Fetischismus. 175 

Beobachtung 85. Ein bisher unbescholtener, 32 Jahre alter lediger 
Bäckergehilfe wurde ertappt, als er einer Dame ein Taschentuch stahl. Er 
gestand mit aufrichtiger Reue, dass er bereits 80 — 90 derartige Sacktücher 
entwendet hatte. Er hatte es nur auf solche abgesehen und zwar ausschliess- 
lich bei jüngeren und ihm zusagenden Frauenzimmern. 

Inculpat bietet in seiner äusseren Erscheinung nichts Auffälliges. Er 
kleidet sich sehr gewählt, zeigt ein eigentümliches, theils ängstlich depres- 
sives, theils unmännlich devotes Wesen und Benehmen, das sich oft bis zu 
einem larmoyanten Ton und Thränen steigert. Auch eine unverkennbare Un- 
behilflichkeit, Schwäche in der Auffassung, Trägheit in der Orientirung und 
Reflexion gibt er zu erkennen. Eine seiner Schwestern ist epileptisch. Er lebt 
in guten Verhältnissen, war nie schwer krank, entwickelte sich gut. In der 
Mittheilung seiner Lebensgeschichte zeigt er Gedächtnissschwäche, Unklarheit, 
auch das Rechnen fällt ihm schwer, obwohl er früher gut gelernt hatte und 
aufTasste. Sein ängstliches, unsicheres Wesen machte den Verdacht auf Onanie 
rege. Inculpat gestand, dass er seit dem 19. Jahr diesem Laster in excessiver 
Weise ergeben war. 

Seit einigen Jahren hatte er in Folge seines Lasters an Abgeschlagenheit, 
Mattigkeit, Zittern der Beine, Rückenschmerzen, Unlust zur Arbeit gelitten. 
Oefters kam auch eine traurig-ängstliche Verstimmung Über ihn, in welcher 
er die Leute mied. Von den Folgen geschlechtlichen Verkehrs mit Frauen- 
zimmern hatte er übertriebene, abenteuerliche Vorstellungen und konnte sich 
nicht dazu entsch Hessen. In letzter Zeit hatte er jedoch an Verehelichung 
gedacht. 

Mit tiefer Reue und in schwachsinniger Weise gestand nun X., dass er 
vor V 3 Jahr im Menschengedränge beim Anblick eines jungen hübschen Mäd- 
chens sich heftig geschlechtlich erregt fühlte, sich an dasselbe drängen musste 
und den Drang empfand, durch Wegnahme des Taschentuchs sich für eine 
ausgiebigere Befriedigung seiner geschlechtlichen Regung zu entschädigen. 

In der Folge wurde er, sobald er ein ihm zusagendes Frauenzimmer 
gewahr wurde, unter heftiger geschlechtlicher Erregung, Herzklopfen, Erection 
und Impetus coeundi vom Drang erfasst, sich an die betreffende Person zu 
drängen und ihr — faute de mieux — das Taschentuch zu entwenden. Ob- 
wohl ihn keinen Moment das Bewusstsein seiner strafbaren Handlung verliess, 
konnte er seinem Drange nicht Widerstand leisten. Dabei fühlte er Angst, 
die theils durch den zwangsmässigen geschlechtlichen Trieb, theils durch die 
Furcht vor Entdeckung bedingt war. 

Das Gutachten macht mit Recht den angeborenen Schwachsinn, den 
zerrüttenden Einfluss der Onanie geltend und führt das abnorme Gelüste auf 
einen perversen Geschlechtstrieb zurück, wobei ein interessanter und physio- 
logisch auch gekannter Connex zwischen Geruchs- und Geschlechtssinn bestehe. 
Die Unwiderstehlichkeit des krankhaften Triebs wurde anerkannt. X. wurde 
nicht bestraft (Zippe, Wiener med. Wochenschrift 1879, Nr. 23). 

Der Güte des Herrn Landesgerichtsarztes Dr. Fritsch in 
Wien verdanke ich weitere Mittheilungen über diesen Taschentuch- 
fetischisten, welcher im August 1890 neuerdings verhaftet wurde, 


176 Paraesthesia sexualis. 

als er gerade einer Dame das Taschentuch aus dem Rocke ziehen 
wollte. 

Bei einer Hausdurchsuchung fand man 446 Stück Damentaschentücher 
vor. Ueberdies will er 2 Bändel solcher Corpp. delicti verbrannt haben. Ferner 
ergab sich im Laufe der Untersuchung, dass X. schon 1883 wegen Diebstahls 
von 27 Sacktüchern mit 14 Tagen Arrest und wegen des gleichen Delicto 1886 
mit 3 Wochen Arrest bestraft war. 

Ueber seine verwandtschaftlichen Beziehungen erfahrt man nur, dass 
sein Vater viel an Congestionen litt und dass eine Tochter seines Bruders 
schwachsinnig und Constitutionen neuropathisch ist. 

X. hatte 1879 geheirathet und ein selbständiges Geschäft angefangen. 
1881 gerieth er in Concurs. Bald darauf begehrte seine Frau, die sich mit 
ihm nicht vertragen konnte und der er angeblich seine eheliche Pflicht nicht 
leistete (von X. bestritten), die Ehescheidung. Er lebte in der Folge als Bäcker- 
gehilfe im Geschäfte seines Bruders. 

Seinen unglücklichen Drang nach Taschentüchern von Damen beklagt 
er tief, aber wenn er in die bezügliche Situation komme, vermöge er sich 
leider nicht zu beherrschen. Er verspüre dabei ein Wonnegefühl und es sei 
ihm, wie wenn jemand ihn dazu dränge. Zuweilen vermöge er sich zurück- 
zuhalten, aber wenn die Dame ihm sympathisch sei, erliege er im ersten An- 
trieb. Er sei dabei ganz nass von Schweiss, theils aus Angst vor Entdeckung, 
theils in Folge des Triebes zur Ausführung der That. Schon seit den Pubertäts- 
jahren will er sinnliche Erregungen beim Anblick von Taschentüchern, Weibern 
gehörig, empfunden haben. Der näheren Umstände, unter welchen diese 
fetischistische Association sich knüpfte, vermag er sich nicht zu erinnern. Die 
sinnliche Erregung beim Anblick von Damen mit aus der Tasche hervor- 
stehendem Taschentuch habe sich immer mehr gesteigert. Wiederholt sei es 
dabei zu Erectionen gekommen, nie aber zu Ejaculation. 

Vom 21. Jahr ab will er einige Male Anwandlungen zu normaler Ge- 
schlechtsbefriedigung gehabt und ohne bestehende Taschentuchvorstellungen 
anstandslos coitirt haben. Mit überhandnehmendem Fetischismus sei die An- 
eignung von Taschentüchern für ihn eine viel grössere Befriedigung geworden 
als der Coitus. Die Aneignung eines Taschentuchs einer sympathischen Dame 
sei ihm soviel werth gewesen, als ob er mit der betr. Dame sexuell verkehrt 
hätte. Er fühlte dabei wahren Orgasmus. 

Konnte er nicht in den Besitz eines begehrten Taschentuches gelangen, 
so fühlte er quälende Aufregung, Zittern, Schweiss am ganzen Körper. 

Taschentücher ihm besonders sympathischer Frauen bewahrte er separat 
auf, weidete sich an ihrem Anblick und fühlte dabei grosses Wohlbehagen. 
Auch der Geruch derselben machte ihm eine wonnige Empfindung, jedoch 
behauptet er, es sei wesentlich der eigenthümliche Wäschegeruch, nicht der 
etwaigen Parfüms gewesen, der ihn sinnlich erregte. Masturbirt will er nur 
höchst selten haben. 

Ausser zeitweiligem Kopfschmerz und Schwindel klagt X. über keine 
körperlichen Beschwerden. Er bedauert tief sein Unglück, seinen krankhaften 
Trieb, den bösen Dämon, der ihn zu solchen strafbaren Handlungen antreibe. 
Er habe nur einen Wunsch, dass ihm Jemand helfen könnte. Objektiv finden 


Fetischismus. 177 

sich leicht neurasthenische Erscheinungen, Anomalien der Blutvertheilung, un- 
gleiche Pupillen. 

Nachweis, dass X. unter krankhaftem, unwiderstehlichem Zwang seine' 
Delicte begangen hat. Freisprechung. 

Solche Fälle von Taschentuchfetischismus, der ein abnormes 
Individuum bis zu Diebstählen fortreisst, sind sehr zahlreich. Sie 
kommen auch bei conträr Sexualen vor, wie der folgende Fall 
beweist, den ich Herrn Dr. Moll's hier mehrfach citirtem Werke 
p. 125 entnehme 1 ). 

Beobachtung 86. Fall von Taschentuchfetischismus bei 
conträrer Sezualempfindung. 

K., 38 Jahre alt, Handwerker, ein kräftig gebauter Mann, klagt über 
zahlreiche Beschwerden, Schwäche in den Beinen, Rückenschmerzen, Kopf- 
schmerz, Mangel an Arbeitslust u. s. w. Die Klagen machen den ausgespro- 
chenen Eindruck von Neurasthenie mit Neigung zur Hypochondrie. Erst 
mehrere Monate, nachdem Patient in meiner Behandlung gewesen, gibt er an, 
dass er auch sexuell abnorm sei. 

K. hat niemals irgendwelchen Trieb zum Weibe gehabt ; schöne Männer 
hingegen übten von jeher einen ganz besonderen Reiz auf ihn aus. Patient 
hat von Jugend auf bis zur Zeit, wo er zu mir kam, viel onanirt. Mutuelle 
Onanie oder Päderastie hat K. niemals getrieben. Er glaubt auch nicht, dass 
er hierin eine Befriedigung gefunden hätte, da trotz seiner Vorliebe für Männer 
ein weisses Wäschestück von ihnen den Hauptreiz auf K. ausübte, wobei 
aber die Schönheit des Besitzers eine Rolle spielte; besonders sind es Taschen- 
tücher von schönen Männern, durch die K. sexuell erregt wird. Seine höchste 
Wollust besteht darin, dass er in die Taschentücher von Männern masturbirt. 
Er nahm aus diesem Grunde öfter seinen Freunden Taschentücher; um sich 
vor Entdeckung der Entwendung zu schlitzen, liess Patient stets eines seiner 
eigenen Taschentücher bei seinen Freunden zurück als Ersatz des jeweilig ge- 
stohlenen. K. wollte auf diese Weise dem Verdacht des Diebstahles entgehen 
und den Schein einer Verwechslung erregen. Auch andere Wäsche von Männern 
erregte den K. sexuell, aber nicht in dem Grade wie Taschentücher. 

Den Coitus mit Weibern hat K. öfter ausgeführt, wobei er Erection 
mit Ejaculation hatte, aber ohne Wollustgefühl. Auch bestand keinerlei Reiz 


l ) Pag. 124 op. cit. sagt Dr. Moll über diesen Trieb bei Heterosexualen : 
,Die Leidenschaft für Taschentücher kann soweit gehen, dass ein Mann voll- 
ständig im Banne des Taschentuchs steht. Eine weibliche Person sagte mir: 
,Ich kenne einen Herrn; wenn ich ihn in der Ferne sehe, so brauche ich nur 
mein Taschentuch hervorzuziehen, so dass es aus der Tasche etwas heraus- 
guckt, und ich bin Bicher, jener Herr folgt mir wie ein Hund seinem Herrn. 
Ich kann hingehen, wohin ich will, jener Herr wird mir immer nachfolgen; 
der Herr kann in einer Droschke fahren, er kann bei der Erledigung eines 
sehr wichtigen Geschäftes sein; wenn er mein Taschentuch erblickt, lässt er 
jenes im Stich, um mir, resp. dem Taschentuch zu folgen. 4 * 

v. Krafft-Ebing, Psyehopathia sexualis. 7. Aufl. 12 


178 Paraesthesia sexualis. 

für den Patienten den Beischlaf auszuüben. Die Erection und Ejakulation 
traten auch nur dann auf, wenn Patient während des Aktes an das Taschen- 
tuch eines Mannes dachte; noch leichter war dieser dem Patienten dann möglich, 
wenn er das Taschentuch eines Freundes mitnahm und wahrend des Beischlafs 
in der Hand hielt. 

Entsprechend seiner sexuellen Perversion verlaufen auch die nächtlichen 
Pollutionen unter wollüstigen Vorstellungen, in denen Männerwäsche eine 
Hauptrolle spielt. 

Es ist möglich, dass beim Interesse für (gebrauchte) Taschen- 
tücher manchmal Gefühlselemente im Sinne des Masochismus Gruppe c. 
mitspielen. 

Noch weit häufiger als die Wäschefetischisten sind die fetischist- 
ischen Schwärmer für den Schuh des Weibes. Diese Fälle sind 
geradezu zahllos und es ist eine grosse Zahl derselben auch schon zur 
wissenschaftlichen Beobachtung gelangt, während über den ähnlichen 
Handschuhfetischismus mir nur einige Mittheilungen aus dritter 
Hand vorliegen (über den Grund der relativen Seltenheit des Hand- 
schuhfetischismus s. oben S. 165). 

Beim Schuhfetischismus fehlt aber durchaus die nahe Be- 
ziehung des Gegenstandes zum Leibe des Weibes, welche den Wäsche- 
fetischismus begreiflich macht. Aus diesem Grunde, und weil eine 
ganze Anzahl gut beobachteter Fälle vorliegt, in welchem die 
fetischistische Schwärmerei für den Schuh oder Stiefel des Weibes, 
bewusster und unbezweifelbarer Weise, aus einem masochistischen 
Vorstellungskreise hervorwächst, ist wohl die Präsumption gerecht- 
fertigt, dass eine, wenn auch verborgene Wurzel masochistischer 
Natur für diesen Schuhfetischismus stets anzunehmen ist, wenn eine 
andere Art seiner Entstehung im speci eilen Falle nicht nachweis- 
bar ist. 

Aus diesem Grunde wurde die grössere Zahl der vorliegenden 
Beobachtungen über Schuh- resp. Fussfetischismus oben in dem 
Abschnitt „Masochismus 11 aufgenommen. Dort wurde auch wohl 
der regelmässig masochistische Charakter dieser Form des erotischen 
Fetischismus zur Genüge durch Aufzeigung der Uebergänge dar- 
gethan. 

Diese Präsumption masochistischen Charakters wird nur dort 
für den Schuhfetischismus entkräftet und aufgehoben, wo eine 
nachweisbare anderweitige zufällige Veranlassung für eine Asso- 
ciation zwischen sexuellen Regungen und der Vorstellung des Frauen- 
schuhes vorliegt, deren Zustandekommen a priori ja ziemlich un- 
wahrscheinlich wäre. 


Fetischismus. 179 

■ 

Ein solcher nachweisbarer Zusammenhang liegt, aber bei den 
beiden folgenden Beobachtungen vor: 

Beobachtung 87. Schuhfetischismus. Herr v. P., aus altadeligem 
Geschlecht, Pole, 32 Jahr, verheirathet, consultirte mich 1890 wegen „Un- 
natürlichkeit" seiner Vita sexualis. Er versichert, aus ganz gesunder Familie 
zu stammen, sei übrigens schon von Eindesbeinen auf nervös, als lljähriger 
Junge an Chorea minor leidend gewesen. Seit 10 Jahren leide er viel an 
Schlaflosigkeit und verschiedenen neurasthenischen Beschwerden. 

Vom 15. Jahr ab will er erst den Unterschied der Geschlechter erkannt 
und sexuelle Regungen gefühlt haben. 17 Jahre alt, habe ihn eine französische 
Gouvernante verfuhrt, jedoch Coitus nicht gestattet, sodass nur gegenseitige 
mächtige Erregung der Sinnlichkeit (mutuelle Masturbation) möglich war. 
Mitten in dieser Situation fiel sein Blick auf die hocheleganten Stiefeletten 
dieser Person. Sie machten mächtigen Eindruck. Sein Verkehr mit dieser 
liederlichen Person dauerte 4 Monate. Während dieser Attouchements wurden 
ihre Stiefeletten zum Fetisch für den Unglücklichen. Er begann sich für 
Damenschuhe Überhaupt zu interessiren und lungerte förmlich herum, um 
hübsch chaussirter Damen ansichtig zu werden. Der Schuhfetisch gewann in 
seinem Bewusstsein enorme Macht. Er Hess sich von der Französin den Penis 
mit ihrem Schuh berühren, wodurch sofort Ejaculation unter grossem Wollust- 
gefühl erfolgte. Nach der Entfernung der Verführerin ging er zu Puellis, durch 
die er die gleiche Manipulation vornehmen Hess. Gewöhnlich genügte diese zur 
Befriedigung. Nur selten und subsidiär griff er zum Coitus. Immer mehr 
schwand die Neigung dazu. Seine Vita sexualis bestand in Traumpollutionen, 
bei welchen ausschliesslich Frauenschuhe eine Rolle spielten und in Be- 
friedigung durch Frauenschuhe, apposita ad mentulam, aber es musste dies 
von der Puella geschehen. Sinnlich erregte ihn im Verkehr mit dem andern 
Geschlecht nur der Schuh und zwar der elegante, von französischer Facon, 
mit Absatz, glänzend schwarz, wie das Original. 

Accessorische Bedingungen sind im Laufe der Zeit geworden: Schuh 
einer Prostituirten , dieselbe recht elegant, chic, mit gesteiften Unterröcken 
und womöglich schwarzen Strümpfen. 

Sonst interessirt ihn am Weibe gar nichts. Der nackte Fuss ist 
ihm ganz gleichgiltig. Auch seelisch hat das Weib nicht den mindesten 
Beiz für ihn. Masochistische Gelüste im Sinne des Getretenwer- 
dens hat er nie gehabt. Im Lauf der Jahre hat sein Fetischismus solche 
Macht gewonnen, dass wenn er auf der Strasse einer Dame mit gewissem 
Aeu88em und gewissen Schuhen ansichtig wird, er so heitig erregt wird, dass 
er masturbiren muss. Ein geringer Druck auf den Penis genügt dem hoch- 
gradig neurasthenisch Gewordenen zur Ejaculation. Auch Schuhe in den Ver- 
kaufsauslagen, sogar neuerlich blosse Schuhwaarenannoncen genügten, um ihn 
heftig zu erregen. Von sehr reger Libido half er sich mit Masturbation, 
wenn ihm Schuhsituationen nicht zu Gebot standen. Pak erkannte früh das 
Peinliche und Gefährliche seiner Situation und wenn er sich auch bis auf 
neuraathenische Beschwerden physisch wohl fühlte, so war er doch moralisch 
sehr gedrückt. Er suchte Hülfe bei den verschiedensten Aerzten. Kaltwasser- 
heilanstalten und Hypnoseversuche waren erfolglos. Die renommirtesten Aerzte 


180 Paraesthesia sexual is. 

riethen ihm zur Heirath und versicherten ihm, sobald er einmal ein Mädchen 
ernstlich liebe, werde er von seinem Fetischbann befreit sein. Pat. hatte kein 
Vertrauen in seine Zukunft, befolgte aber den Bath der Aerzte. Er wurde 
grausam in seinen durch die Autorität der Aerzte erweckten Hoffnungen be- 
trogen, obwohl er eine durch geistige und körperliche Eigenschaften aus- 
gezeichnete Dame zum Altar führte. Die Brautnacht war schrecklich, er fühlte 
sich wie ein Verbrecher und liess seine Frau unberührt. Am folgenden Tag 
sah er eine Prostituirte mit dem gewissen Chic. Er war schwach genug mit 
ihr in seiner Weise zu verkehren. Nun kaufte er ein Paar elegante Damen - 
Stiefeletten, versteckte sie im Ehebett und indem er sie während der ehelichen 
Umarmung betastete, konnte er nach einigen Tagen seiner ehelichen Pflicht 
genügen. Er ejaculirte tardiv, da er sich zum Coitus zwingen musste, und 
schon nach wenig Wochen versagte dieser Kunstgriff, indem seine Phantasie 
erlahmte. P. fühlte sich namenlos elend und hätte am liebsten seinem Leben 
ein Ende gemacht. Seine Frau, sinnlich bedürftig und durch den bisherigen 
Verkehr sehr erregt, konnte er nicht mehr befriedigen und sah sie physisch 
und moralisch schwer leiden. Sein Geheimniss konnte und wollte er ihr nicht 
entdecken. Er empfand Ekel vor dem ehelichen Umgang, fürchtete sich vor 
seiner Frau, vor den Abenden, dem Alleinsein mit ihr. Er brachte es zu 
keiner Erection mehr. 

Er versuchte es wieder mit Prostituirten, befriedigte sich, indem er ihre 
Schuhe betastete, dann musste die Puella mit dem Schuh seinen Penis be- 
rühren; er ejaculirte oder wenn dies nicht geschah, versuchte er Coitus mit 
dem feilen Weibe, jedoch ohne Erfolg, da dann sofort Ejaculation eintrat. 
Pat. kommt ganz verzweifelt zur Consultation. Er beklagt es tief, entgegen 
seiner inneren Ueberzeugung, dem unseligen Bath der Aerzte gefolgt zu sein, 
eine brave Frau unglücklich gemacht, physisch und moralisch geschädigt zu 
haben. Ob er es vor Gott verantworten könne, eine solche Ehe fortzusetzen? 
Selbst wenn er sich seiner Frau entdecke, sie Alles für ihn thun würde, sei 
ihm nicht geholfen, denn es müsse eben der bewusste Demimondeparfum 
dabei sein. 

Die Erscheinung dieses Unglücklichen bietet ausser seinem Seelenschmerz 
nichts Auffälliges. Genitalien ganz normal. Prostata etwas vergrössert. Er 
klagt, dass er so unter der Herrschaft seiner Stiefelvorstellungen sei, dass er 
schon erröthe, wenn nur von Stiefeln die Rede sei. Seine ganze Phantasie 
drehe sich um solche. Wenn er auf seinem Landgut sei, müsse er oft plötzlich 
nach der 10 Meilen entfernten Stadt reisen, um seinen Fetischismus an Schau- 
läden oder auch an Puellis zu befriedigen. 

Zu einer Behandlung konnte sich der Bedauernswerthe nicht entschliessen, 
da sein Vertrauen zum ärztlichen Stand tief erschüttert war. Ein Versuch, 
ob Hypnose und damit eine Beseitigung der fetischistischen Association möglich 
sei, scheiterte an der seelischen Aufregung des Unglücklichen, den ausschliess- 
lich der Gedanke beherrschte, seine Frau unglücklich gemacht zu haben. 

Beobachtung 88. X., 24 Jahre, aus belasteter Familie (Matter- 
bruder und Grossvater irrsinnig, Schwester epileptisch, andere Schwester an 
Migräne leidend, Eltern von erregbarem Temperament), hatte in der Dentitions- 
zeit einige Krampfanfälle gehabt, wurde, 7 Jahre alt, von einem Dienstmädchen 


Fetischismus. 181 

zur Onanie verleitet. Zum ersten Mal empfand X. ein Vergnügen an diesen 
Manipulationen, als gelegentlich jenes Mädchen mit dem Fusse, an wel- 
chem ein Schuh war, seinen Penis bestrich. Damit war bei dem be- 
lasteten Jungen eine bezügliche Association gegeben, vermöge welcher fortan 
der blosse Anblick eines Frauenschuhs, ja schliesslich die blosse Phantasie- 
vorstellung genügte, um sexuelle Erregung und Erection hervorzurufen. Er 
onanirte nun, Frauenschuhe ansehend oder solche sich vorstellend. In der 
Schule erregten ihn mächtig die Schuhe der Lehrerin, überhaupt solche, die 
theilweise durch lange Frauenkleider verhüllt waren. Eines Tages konnte er 
sich nicht enthalten, die Lehrerin bei den Schuhen zu fassen, was ihm eine grosse 
geschlechtliche Erregung verursachte. Trotz Schlägen konnte er nicht umhin, 
wiederholt diese Handlung auszuführen. Endlich erkannte man, dass hier ein 
krankhaftes Motiv im Spiel sein müsse und that ihn zu einem Lehrer. Er 
schwelgte nun in der Erinnerungsvorstellung an die Schuhscene mit der Lehrerin, 
hatte dabei Erection, Orgasmus und vom 14. Jahr ab Ejaculation. Daneben 
masturbirte er, während er an einen Frauenschuh dachte. Eines Tages kam 
ihm der Gedanke, seinen Genuas zu erhöhen, indem er einen solchen Schuh 
zu masturbatorischen Zwecken benütze. Er nahm nun häufig heimlich Schuhe 
und benutzte sie zu solchem Zweck. 

Sonst konnte ihn am Weibe nichts sexuell erregen; der Gedanke an 
Coitus erfüllte ihn mit Abscheu. Auch Männer interessirten ihn in keiner 
Weise. 

Mit 18 Jahren eröffnete er einen Kramladen und handelte u. A. auch 
mit Frauenschuhen. Es erregte ihn geschlechtlich, indem er Käuferinnen Schuhe 
anpassen oder mit den von ihnen benutzten Schuhen manipuliren konnte. 
Eines Tages erlitt er dabei einen epileptischen Anfall und bald darauf einen 
zweiten, als er in gewohnter Weise onanirte. Jetzt erst erkannte er die Ge- 
sundheitsschädlichkeit seiner sexuellen Praktiken. Er bekämpfte seine Onanie, 
verkaufte keine Schuhe mehr und bemühte sich, die krankhafte Association 
zwischen Frauenschuhen und Geschlechtsfunktion los zu werden. Nun traten 
aber massenhaft Pollutionen unter erotischen Träumen, Frauenschuhe betreffend, 
auf, und die epileptischen Anfalle dauerten fort. Obwohl ohne geringste 
sexuelle Empfindung für das weibliche Geschlecht, entschlosB er sich zur Hei- 
rath, die ihm als einziges Heilmittel erschien. 

Er heirathete eine junge hübsche Dame. Trotz lebhafter Erection, 
wenn er an die Schuhe seiner Frau dachte, war er aber bei Cohabitations- 
versuchen gänzlich impotent, indem das Unlustgefühl gegen Coitus, überhaupt 
gegen intimen Verkehr , den Einfluss der sexuell erregenden Schuhvorstellung 
weit überwog. Wegen seiner Impotenz wandte sich Pat. an Dr. Hammond, der 
seine Epilepsie mit Brom behandelte und ihm rieth, einen über dem Ehebett 
aufgehängten Schuh beim Coitus fest zu fixiren und sich seine Frau als Schuh 
zu denken. Pat wurde frei von epileptischen Anfällen und potent, so dass 
er etwa alle 8 Tage coitiren konnte. Auch nahm seine sinnliche Frregung 
durch Frauenschuhe immer mehr ab. (Hammond, sexuelle Impotenz, deutsch 
von Salinger, 1889, S. 23.) 

An diese beiden Fälle von Schuhfetischismus, welche offenbar 
auf blosser, durch keinen inneren Zusammenhang der Dinge unter- 


182 Paraeathesia eexualis. 

stützt er, also zufälliger Association beruhen, sei hier noch der 
folgende, offenbar gleichfalls aus blosser zufälliger Association ent- 
standene, äusserst sonderbare Fall eines Fetischisten angereiht, welcher 
nur durch die Vorstellung einer Nachtmütze auf einem alten 
hässlichen Frauenkopfe, sexuell erregt wurde. 

Beobachtung 89. L., 37 Jahre alt, Commis, aus sehr belasteter 
Familie, bekam mit 5 Jahren die erste Erection, als er seinen Schlaf kameraden, 
einen älteren Verwandten, eine Nachtmütze aufsetzen sah. Die gleiche Wirkung 
trat ein, als er später einmal die alte Bausmagd eine Nachthaube aufsetzen 
sah. Später genügte zur Erection die blosse Vorstellung eines alten häss- 
lichen, mit einer Nachthaube bedeckten Frauenkopfes. Der blosse Anblick 
einer Haube oder der einer nackten Frauengestalt oder eines nackten Mannes 
liessen ihn kalt, aber die Berührung einer Nachtmütze rief Erection, zuweilen 
selbst Ejaculation hervor. L. war nicht Masturbant, auch bis zum 32 Jahr, 
wo er ein schönes und geliebtes Mädchen heirathete, sexuell nie thätig 
gewesen. 

In der Hochzeitsnacht blieb er unerregbar, bis er in seiner Noth das 
Erinnerungsbild des alten hässlichen Weiberkopfes mit der Nachtmütze zu 
Hilfe nahm. Sofort gelang der Coitus. 

In der Folge musste er jeweils zu diesem Mittel greifen. Seit der Kind- 
heit hatte er zeitweise Anfalle von tiefer Gemüthsverstimmung mit Anwand* 
lungen von Selbstmord, ab und zu auch nächtliche schreckhafte Halluci- 
nationen. Beim Hinausschauen zum Fenster bekam er Schwindel und Angst- 
zustände. Er war ein linkischer, sonderbarer, verlegener, geistig schlecht ver- 
anlagter Mensch. (Charcot und Magnan, Arch. de Neurol. 1882, Nr. 12.) 

In diesem ganz einzigen Falle scheint die zeitliche Coincidenz 
der ersten geschlechtlichen Regung mit einem ganz heterogenen 
Eindruck allein das Gelüst determinirt zu haben. 

Einen mindestens ebenso seltsamen Fall von zufällig asso- 
ciativem Fetischismus erwähnt Hammond op. cit. p. 50. Bei einem 
im Uebrigen ganz gesunden und psychisch normalen, verheiratheten 
Manne von 30 Jahren soll die Potenz in Folge der Uebersied- 
lung in ein anderes Haus plötzlich verschwunden, und nach 
Wiederherstellung der gewohnten Schlafzimmereinrichtung zurück- 
gekehrt sein. 

c) Der Fetisch ist ein bestimmter Stoff. 

Es gibt eine dritte Hauptgruppe von Fetischisten, deren Fetisch 
weder ein Theil des weiblichen Körpers noch ein Theil der weib- 
lichen Kleidung als solcher ist, sondern ein bestimmter Stoff, der 
nicht einmal als Stoff weiblicher Bekleidung immer zur Geltung 


Fetischismus. 183 

kommt, sondern auch als blosser Stoff an sich sexuelle Empfin- 
dungen wecken oder steigern kann. In manchen Fällen erscheint 
hier das Befühlen solcher Stoffe während des sexuellen Aktes un- 
erlässlich, um diesen möglich oder wenigstens befriedigend zu 
machen. Solche Stoffe sind: Pelzwerk, Sammt und Seide. 

Diese Fälle unterscheiden sich von den vorhergehenden Erschei- 
nungen des erotischen Eleidungsfetischismus dadurch, dass diese Stoffe 
nicht, wie Frauenwäsche, in naher Beziehung zum weiblichen Körper 
stehen und nicht wie Schuhe und Handschuhe Beziehungen zu be- 
stimmten Theilen desselben und deren anderweitiger symbolischer 
Bedeutung haben. Auch kann dieser Fetischismus nicht, wie die 
einzeln stehenden Fälle der Nachtmütze und der Schlafzimmer- 
einrichtung, aus einer ganz zufälligen Association abgeleitet werden, 
da diese Fälle eine ganze Gruppe mit gleichartigem Objekt bilden. 
Man muss wohl annehmen, dass gewisse Tastempfindungen (eine 
Art Kitzel, der in einer entfernten Verwandtschaft zu wollüstigen 
Empfindungen steht?) bei hyperästhetischen Individuen hier veran- 
lassend für die Entstehung des Fetischismus sind. 

Hier möge zunächst die folgende Selbstbeobachtung eines mit 
diesem seltsamen Fetischismus behafteten Mannes Platz finden: 

Beobachtung 90. N. N. f 87 Jahre alt, aus neuropathischer Familie 
stammend, selbst von neuropathischer Constitution, giebt an: 

Von frühester Jugend ist mir eine tiefgewurzelte Schwärmerei für Pelz- 
werk und Sammt eigen, in dem Sinne, dass diese Stoffe bei mir geschlecht- 
liche Erregung bewirken, ihr Anblick und ihre Berührung mir ein wollüstiges 
Vergnügen bereiten. An irgend ein Ereigniss, welches diese seltsame Neigung 
veranlasst hätte (etwa gleichzeitiges Eintreten der ersten sexuellen Regung mit 
dem Eindrucke dieser Stoffe, resp. erste Erregung durch ein so gekleidetes 
Weib), überhaupt an den ersten Anfang dieser Schwärmerei vermag ich mich 
nicht zu erinnern. Ich will damit die Möglichkeit eines solchen Ereignisses, 
einer zufälligen Verbindung im ersten Eindruck und darauf beruhender Asso- 
ciation, nicht absolut ausschliefen, halte es aber für sehr unwahrscheinlich, 
dass dergleichen stattgefunden hat, weil ich glaube, dass ein solches Vorkomm- 
nis« sich mir tief eingeprägt hätte. 

Ich weiss nur, dass ich schon als kleines Kind lebhaft danach trachtete, 
Pelzwerk zu sehen und zu streicheln, und dabei eine dunkle wollüstige Empfin- 
dung hatte. Mit dem ersten Auftreten bestimmter sexueller Vorstellungen, 
d. h. der Richtung geschlechtlicher Gedanken auf das Weib, war auch schon 
•die besondere Vorliebe für das Weib, das gerade mit diesen Stoffen gekleidet 
ist, vorhanden. 

So ist es seither bis in mein reifes Mannesalter geblieben. Ein Weib, 
welches einen Pelz, oder Sammt, oder gar Beides trägt, erregt mich viel rascher 
und viel mächtiger als eines ohne dieses Beiwerk. Die genannten Stoffe sind 


184 Paraesthesia sexualis. 

zwar nicht conditio sine qua non der Erregung, die Begierde tritt auch ohne 
sie auf die gewöhnlichen Reize ein; aber der Anblick und namentlich die Be- 
rührung dieser Fetischstoffe bildet für mich ein mächtiges Unterstützungs- 
mittel anderer normaler Reize und eine Erhöhung des erotischen Genusses. 
Oft bringt mich der blosse Anblick eines nur leidlich hübschen Frauenzimmers, 
welches aber in diese Stoffe gekleidet ist, in lebhafte Erregung und reisst 
mich völlig hin. Schon der Anblick meiner Fetischstoffe gewährt mir Genuas, 
viel grösseren die Berührung. (Der penetrante Geruch des Pelzwerks ist mir 
dabei gleichgültig, eher unangenehm, nur wegen der Association mit an. 
genehmen Gesichts- und Tastempfindungen leidlich.) Ich sehne mich mächtig 
danach, diese Stoffe am Körper eines Weibes zu betasten, zu streicheln, zu 
küssen, mein Gesicht darein zu vergraben. Der höchste Genuas ist mir inter 
actum meinen Fetisch auf der Schulter eines Weibes zu sehen und zu 
fühlen. 

Sowohl Pelzwerk allein als Sammt allein übt die geschilderte Wirkung 
auf mich aus, Ersteres viel stärker als Letzterer. Am stärksten wirkt die 
Combination beider Stoffe. Auch weibliche Kleidungsstücke aus Sammt und 
Pelzwerk, allein ohne die Trägerin gesehen und befühlt, wirken sexuell erregend 
auf mich ein, ja ebenso — wenn auch in geringerem Grade — Pelzwerk zu 
Decken verarbeitet, die nicht zur weiblichen Kleidung gehören, auch Sammt 
und Plüsch an Möbeln und Draperien. Die blossen Abbildungen von Pelz- 
und Sammttoiletten sind für mich Gegenstand erotischen Interesses, ja das 
blosse Wort „Pelz" hat für mich magische Eigenschaft und ruft sofort erotische 
Vorstellungen hervor. 

Der Pelz ist für mich so sehr ein Gegenstand sexuellen Interesses, dass 
ein Mann, der einen wirksamen (s. unten) Pelz trägt, mir einen höchst un- 
angenehmen, ärgerlichen und skandalösen Eindruck matht, etwa wie auf jeden 
normalen Menschen ein Mann in Costüm und Haltung einer Ballettänzerin 
machen würde. Aehnlich zuwider, weil einander widerstreitende Empfindungen 
erweckend, ist mir der Anblick einer alten oder hasslichen Frau in einem 
schönen Pelz. 

Dieses erotische Wohlgefallen an Pelzwerk und Sammt ist etwas von 
bloss ästhetischem Gefallen ganz und gar Verschiedenes. Ich habe einen sehr 
lebhaften Sinn für schöne weibliche Kleidung, dabei auch noch eine besondere 
Vorliebe für Spitzen, diese ist aber rein ästhetischer Natur. Eine Frau in 
Spitzentoilette (oder sonst in geschmückter, eleganter Kleidung) ist schöner, 
aber nur eine in meine Fetischstoffe gekleidete ist reizender als eine andere 
unter sonst gleichen Umständen. 

Pelzwerk übt aber auf mich die geschilderte Wirkung nur dann aus, 
wenn es recht dichte, feine, glatte, ziemlich lange, in die Höhe stehende so- 
genannte Grannenhaare hat. Von diesen hängt, wie ich deutlich bemerkt 
habe, die Wirkung ab. Ganz gleichgültig sind für mich nicht nur die all- 
gemein für ordinär geltenden, grobhaarigen, zottigen Pelzsorten, sondern ebenso 
unter den für schön und edel geltenden diejenigen, bei welchen das Grannen- 
haar ganz entfernt wird (Seehund, Biber), oder von Natur kurz ist (Hermelin), 
oder Überlang und liegend (Affe, Bär). Die speeifische Wirkung haben nur 
die stehenden Grannenhaare bei Zobel, Marder, Skunks u. dgl. Nun besteht 
aber auch Sammt aus dichten, feinen, in die Höhe stehenden Haaren (Fasern), 


Fetischismus. 185 

worauf die gleiche Wirkung beruhen dürfte. Die Wirkung scheint eben von 
einem ganz bestimmten Eindruck dichter, feiner Haarspitzen auf die End- 
organe der sensiblen Nerven abzuhängen. 

Wieso aber dieser eigentümliche Eindruck auf die Tastnerven zum 
Geschlechtsleben in Beziehung tritt, ist mir ganz räthselhaft. Thatsache ist, 
dass dies bei vielen Menschen der Fall ist. Ich bemerke noch ausdrücklich, 
dass mir schönes Haar des Weibes wohl gefällt, aber keine grössere Rolle für 
mich spielt als jeder andere Reiz, und dass mir bei dem Berühren von Pelz- 
werk kein Gedanke an Frauenhaar kommt. (Die Tastempfindung hat auch 
an sich nicht die mindeste Aehnlichkeit.) Ueberhaupt tritt gar keine weitere 
Vorstellung dabei auf. Pelz an und für sich weckt eben bei mir die Sinn- 
lichkeit; wieso ist mir ganz unerklärlich. 

Die bloss ästhetische Wirkung, die Schönheit edlen Pelzwerks, för die 
wohl Jeder mehr oder minder empfänglich ist, die seit Raphael's Fornarina 
und Ruben's Helene Fourment von unzähligen Malern als Folie und Rahmen 
weiblicher Reize verwendet worden ist, und die in der Mode, in der Kunst 
und Wissenschaft weiblicher Bekleidung eine so grosse Rolle spielt — diese 
ästhetische Wirkung erklärt hier gar nichts, wie oben schon bemerkt. Die 
gleiche ästhetische Wirkung, wie auf normale Menschen schönes Pelzwerk, 
üben auf mich wie auf Jeden Blumen , Bänder, Edelsteine und jeder andere 
Schmuck aus. Solche Dinge heben, geschickt verwendet, die weibliche Schön- 
heit, und können so unter Umständen etwa indirect einen sinnlichen Effect 
hervorrufen. Niemals haben sie auf mich einen directen mächtigen sinnlichen 
Effect, wie die genannten Fetischstoffe. 

Obwohl nun bei mir, und wohl bei allen »Fetischisten", die sinnliche 
und die ästhetische Wirkung durchaus scharf zu trennen sind, so hindert das 
nicht, dass ich auch an meinen Fetisch eine ganze Reihe von ästhetischen 
Anforderungen in Bezug auf Form, Schnitt, Farbe etc. stelle. Ich könnte mich 
hier über diese Anforderungen meines Geschmacks noch sehr weitläufig ver- 
breiten, unterlasse dies aber, als nicht mehr zum eigentlichen Thema gehörig. 
Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, wie der Fetischismus eroticus sich 
noch mit rein ästhetischen Geschmacksregungen complicirt. 

Ebenso wenig wie durch den ästhetischen Eindruck lässt sich die spe- 
cifische erotische Wirkung meiner Fetischstoffe etwa durch die Association 
mit der Vorstellung des Körpers einer Trägerin erklären. Denn erstens wirken 
diese Stoffe auf mich, wie gesagt, auch ganz vom Körper isolirt, als blosse 
Stoffe, und zweitens wirken viel intimere Kleidungsstücke (Mieder, Hemd), die 
ohne Zweifel Associationen hervorrufen, weit schwächer. Die Fetischstoffe 
haben also selbständigen sinnlichen Werth für mich. Wieso, das ist mir selbst 
räthselhaft. 

Dieselbe erotische Fetischwirkung wie Pelzwerk und Sammt haben für 
mich Federn auf Frauenhüten, an Fächern etc. (ähnliche Berührungsempfindung 
des leicht Spielenden, eigentümlich Kitzelnden). Endlich kommt die Fetisch- 
wirkung in sehr abgeschwächtem Grade auch noch anderen glatten Stoffen, 
Atlas, Seide zu, während rauhe Stoffe, rauhes Tuch, Flanell geradezu abstos- 
send wirken. 

Zum Schlüsse will ich noch erwähnen, dass ich irgendwo eine Abhand- 
lung von Carl Vogt über mikrokephale Menschen gelesen habe, wonach eines 


186 Paraesthesia sexualis. 

dieser Wesen sich beim Anblick eines Pelzes auf diesen stürzte and ihn unter 
lebhaften Zeichen der Freude streichelte. Es liegt mir fern, deshalb im weit 
verbreiteten Pelzfetischismus ernstlich einen atavistischen Rückschlag in den 
Geschmack der bepelzten Urahnen des Menschengeschlechts sehen zu wollen. 
Jener Gretin übte nur mit der ihm zukommenden Ungenirtheit einen ihm an- 
genehmen Tastakt aus, der nicht noth wendig sexuell-sinnlicher Natur sein 
musste; wie auch viele ganz normale Menschen gerne eine Katze oder der- 
gleichen, selbst Sammt und Pelzwerk streicheln, ohne aber dadurch gerade 
sexuell erregt zu werden. 

In der Literatur finden sich einige hierher gehörigen Fälle: 

Beobachtung 91. Knabe von 12 Jahren fühlte mächtige geschlecht- 
liche Erregung, als er zufällig sich mit einem Fuchspelz zudeckte. Von nun 
an Masturbation unter Benützung von Pelzwerk oder Mitnehmen eines zot- 
tigen Hündchens ins Bett, wobei Ejaculation erfolgte, zuweilen gefolgt von 
einem hysterischen Anfall. Seine nächtli<hen Pollutionen waren dadurch be- 
dingt, dasB er träumte, er liege nackt auf weichem Pelze und sei von diesem 
ganz eingehüllt. Durch die Reize von Männern oder Frauen war er ganz 
unerregbar. 

Er wurde neurasthenisch, litt an Beachtuugswahn, meinte, Jedermann 
bemerke seine sexuelle Anomalie, hatte deshalb Taed. vitae und wurde schliess- 
lich irrsinnig. 

Er war sehr belastet, hatte unregelmässig gebildete Genitalien und 
sonstige anatomische Degenerationszeichen. (Tarnowsky, op. cit. p. 22.) 

Beobachtung 92. C. ist ein besonderer Liebhaber des Sammts. C. 
wird durch schöne Weiber in normaler Weise angezogen, ganz besonders aber 
erregt es ihn, wenn er die Person, mit der er sexuell verkehrt, in Sammt- 
kleidung antrifft. Hier ist nun besonders auffallend, dass nicht sowohl das 
Sehen als das Berühren des Sammts die Erregung verursacht. C. sagte mir, 
dass das Herüberstreichen über die Sammtjacke einer weiblichen Person ihn 
so sehr sexuell errege, wie es auf andere Weise kaum erfolgen könne. (Dr. 
Moll, op. cit. p. 127.) 

Ein ganz eigenthtimlicher Fall von Stofffetischismus ist 
der folgende. Er ist verbunden mit dem Trieb den Fetisch zu be- 
schädigen, der in diesem Falle entweder ein Element von Sadismus 
gegen das Weib als Trägerin des Stoffes darstellt oder den auch 
sonst bei Fetischisten mehrfach vorkommenden unpersönlichen Gegen- 
stands-Sadismus (vgl. oben p. 173). Dieser Beschädigungstrieb hat 
den vorliegenden zu einem merkwürdigen Criminalfall gemacht. 

Beobachtung 93. Im Juli 1891 stand der 25jährige Schlossergeselle 
Alfred Bachmann in Berlin vor der zweiten Ferienstrafkammer des Landgerichts I. 
Im April d. J. gingen der Polizei mehrfach Anzeigen zu, wonach eine bös- 
willige Hand die Kleider von Damen mit einem haarscharfen Instrument zer- 
schnitten hatte. Am Abende des 25. April gelang es, den Unhold in der 


Fetischismus. 187 

Person des Angeklagten zu ertappen. Ein Kriminalbeamter bemerkte, wie 
der Angeklagte sich in auffalliger Weise an eine Dame herandrängte, die in 
Begleitung eines Herrn durch die Passage ging. Der Beamte ersuchte die 
Dame, ihr Kleid zu besichtigen, während er den Verdächtigen festhielt. Es 
stellte sich heraus, dass das Kleid einen ziemlich langen Schnitt erhalten 
hatte. Der Angeklagte wurde zur Wache geführt, woselbst man ihn unter- 
suchte. Ausser einem scharfen Messer, welches er geständlich zum Aufschlitzen 
der Kleider gebrauchte, fand man noch zwei seidene Schleifen bei ihm, wie 
die Damen sie an ihren Kleidern anzubringen pflegen; der Angeklagte gab 
auch zu, dass er diese im Gedränge von den Kleidern abgetrennt habe. Schliess- 
lich förderte die Leibesuntersuchung noch ein seidenes Damen-Halstuch zu 
Tage. Dies wollte der Angeklagte gefunden haben. Da seine Behauptung in 
diesem Falle nicht widerlegt werden konnte, so wurde er hiefür nur der 
Fundunterschlagung angeklagt, während seine sonstige Handlungsweise sich 
in zwei Fällen, in denen Straf antrag seitens der Beschädigten gestellt worden 
ist, als Sachbeschädigung und in zwei Fällen als Diebstahl kennzeichnete. 
Der Angeklagte, ein schon mehrfach vorbestrafter Mensch, mit blassem, aus- 
druckslosem Gesicht, gab vor dem Richter eine sonderbare Erklärung über 
sein räthselhaftes Thun ab. Die Köchin eines Majors habe ihn einmal die 
Treppe hinuntergeworfen, als er bei ihr bettelte, und seit dieser Zeit habe er 
einen grimmigen Haas auf das ganze weibliche Geschlecht geworfen. Man 
zweifelte an seiner Zurechnungsfähigkeit und Hess ihn deshalb durch einen 
Kreisphysikus untersuchen. Der Sachverständige begutachtete im Termine, 
dass keinerlei Grund vorliege, den allerdings wenig intelligenten Angeklagten 
für geisteskrank zu halten. Der Letztere vertheidigte sich in eigentümlicher 
Weise. Ein unbezähmbarer Trieb zwinge ihn, sich den Damen zu nähern, die 
seidene Kleider trugen. Das Berühren eines seidenen Stoffes sei 
für ihn ein Wonnegefühl, und dies gehe sogar so weit, dass er im 
Untersuchungsgefängnisse erregt worden sei, wenn ihm beim Wollezupfen zu- 
fallig ein seidener Faden unter die Finger kam. Der Staatsanwalt Müller IL 
hielt den Angeklagten einfach für einen gemeingefährlichen, bösartigen Men- 
schen, der für längere Zeit unschädlich gemacht werden müsste. Er beantragte 
gegen ihn ein Jahr Gef ängniss. Der Gerichtshof verurth eilte den Angeklagten 
zu 6 Monaten Gef ängniss und einjährigem Ehrverlust. 

Von ärztlicher Seite wurde mir der folgende Fall mitgetheilt. 

In einem Bordell war ein Mann unter dem Namen „Sammt" bekannt. 
Dieser bekleidete eine sympathische Puella mit einem schwarzen Sammtkleide 
und erregte und befriedigte seine sexuellen Triebe lediglich durch Bestreichen 
seines Gesichtes mit einem Zipfel des Sammtkleides, während er sonst mit der 
Person nicht in Berührung kam. 

Ein anderer Gewährsmann versichert mir, dass namentlich bei Maso- 
chisten die Schwärmerei für Pelz, Sammt und Federn häufig vorkommt. 
(Vgl. oben Beob. 44.) Auch in den Romanen von Sacher-Masoch spielt der 
Pelz eine hervorragende Rolle , wie er ja auch einzelnen derselben zum Titel 
diente. Gesucht und unbefriedigend erscheint die dort gegebene Erklärung, 
der Pelz (Hermelin) sei das Symbol der Herrschaft und deshalb der Fetisch 
der dort geschilderten Männer. 


188 Paraeethesia sexnalis. 


IL Tief herabgesetzte bis gänzlich mangelnde Oeschlechtsempfindnng 
gegenüber dem anderen Geschlecht bei stellvertretendem Geschlechts- 
gefihl und (Geschlechtstrieb zum eigenen (homosexuale s. conträre 

Empfindung). 

Zu den festesten Bestandteilen des Ichbewusstseins nach Er- 
reichung der geschlechtlichen Vollentwicklung gehört das Bewusst- 
sein, eine bestimmte geschlechtliche Persönlichkeit zu repräsentiren 
und das Bedürfniss derselben, während der Zeit physiologischer Vor- 
gänge (Samen- Eiberei tung) in dem Generationsapparat, im Sinne 
dieser besonderen geschlechtlichen Persönlichkeit sexuelle Akte zu 
vollbringen, die bewusst oder unbewusst auf eine Erhaltung der 
Gattung abzielen. 

Bis auf dunkle Ahnungen und Dränge bleiben Geschlechts- 
gefühl und sexuelle Triebe latent bis zur Zeit der Entwick- 
lung der Generationsorgane. Das Kind ist generis neutrius, 
und wenn auch in diesem Zeitraum der noch nicht zum klaren Be- 
wusstsein gelangten, blos virtuell vorhandenen, noch nicht durch 
mächtige organische Gefühle getragenen latenten Sexualität, abnorm 
früh, spontan oder durch äusseren Einfluss Erregungen der Genital- 
organe eintreten und in Masturbation Befriedigung finden mögen, 
so fehlt doch bei all Dem noch gänzlich die seelische Beziehung 
zu Personen des anderen Geschlechts, und haben bezügliche sexuelle 
Akte mehr oder weniger die Bedeutung spinalreflektorischer. 

Die Thatsache der Unschuld oder der sexuellen Neutralität 
ist um so bemerkenswerther, als doch früh schon, in der Erziehung, 
Beschäftigung, Kleidung u. s. w., das Eind eine Differenzirung von 
Kindern des anderen Geschlechtes erfahrt. Diese Eindrücke bleiben 
aber vorläufig seelisch unbeachtet, weil sie offenbar sexuell unbetont 
bleiben, da das Centralorgan (Hirnrinde) für sexuelle Gefühle und 
Vorstellungen noch nicht aufnahmsfähig, weil unentwickelt ist. 

Mit der beginnenden anatomischen und funktionellen Ent- 
wicklung der Zeugungsorgane und der damit Hand in Hand gehen- 
den Differenzirung der dem betreffenden Geschlecht zukommenden 
Körperformen, entwickeln sich beim Knaben beziehungsweise Mädchen 
die Grundlagen eines ihrem Geschlecht entsprechenden seelischen 
Empfindens, wozu nun allerdings Erziehung, überhaupt äussere Ein- 


Erworbene conträre Sexaalempfindung. 189 

flüsse, bei dem aufmerksam gewordenen Individuum mächtig bei- 
tragen. 

Ist die sexuelle Entwicklung eine normale, ungestörte, so ge- 
staltet sich ein bestimmter, dem Geschlecht entsprechender Charakter. 
Es entstehen bestimmte Neigungen, Reaktionen im Verkehr mit Per- 
sonen des anderen Geschlechts und es ist psychologisch bemerkens- 
werth, wie verhältnissmassig rasch sich der bestimmte, dem be- 
treffenden Geschlecht zukommende seelische Typus herausentwickelt. 

Während z. B. Schamhaftigkeit in der Kinderzeit wesentlich 
nur eine unverstandene und unverständliche Forderung der Erziehung 
und Nachahmung war, und bei der Unschuld und Naivetät des 
Kindes nur unvollkommen zum Ausdruck gelangte, erscheint jene 
dem Jüngling und der Jungfrau nunmehr als ein zwingendes Gebot 
der Selbstachtung, die, wenn ihr nur irgendwie nahegetreten wird, 
eine mächtige vasomotorische Reaktion (Schamröthe) und psychische 
Affekte hervorruft. 

Ist die ursprüngliche Veranlagung eine günstige, normale, und 
bleiben die psychosexuale Entwicklung schädigende Faktoren ausser 
Spiel, so entwickelt sich eine so festgefügte, und dem Geschlecht, 
welches das Individuum repräsentirt, so vollkommen entsprechende 
und harmonische psychosexuale Persönlichkeit, dass nicht einmal 
der spätere Verlust der Zeugungsorgane (etwa durch Castration), 
oder später der Klimax oder das Senium, sie wesentlich verändern 
können. 

Damit soll allerdings nicht behauptet werden, dats der 
castrirte Mann oder das castrirte Weib, der Jüngling und der Greis, 
die Jungfrau und die Matrone, der impotente und der potente Mann 
seelisch nicht wesentlich von einander differirten. 

Eine interessante und für das Folgende belangreiche Frage 
geht dahin, ob die peripheren Einflüsse der Keimdrüsen (Hoden und 
Ovarien) oder centrale cerebrale Bedingungen für die psychosexuale 
Entwicklung entscheidend sind. Für die wichtige Bedeutung der 
Keimdrüsen in dieser Hinsicht spricht die Thatsache, dass ange- 
borener Mangel oder Entfernung derselben vor der Pubertät Körper- 
entwicklung und auch psychosexuale Entwicklung mächtig beein- 
flussen, sodass die letztere verkümmert und eine mehr dem Typus 
des entgegengesetzten Geschlechtes sich nähernde Richtung nimmt 
(Eunuchen, gew. Viragines u. s. w.). 

Dass die körperlichen Vorgänge in den Genitalorganen aber 
nur mitwirkende, nicht die ausschliesslichen Faktoren in dem Werde- 


190 Paraesthesia sexualis. 

proce88 einer psychosexualen Persönlichkeit sind, geht daraus 
hervor, dass trotz anatomischer und physiologischer Normalitat der- 
selben, gleichwohl eine dem Geschlecht, welches der betreffende 
repräsentirt, gegensätzliche Sexualempfindung sich entwickeln kann. 

Hier kann die Ursache nur in einer Anomalie centraler Be- 
dingungen, in einer abnormen psychosexualen Veranlagung gegeben 
sein. Diese Veranlagung ist hinsichtlich ihrer anatomischen und funk- 
tionellen Begründung vorläufig eine ganz dunkle. Da in fast allen 
bezüglichen Fällen der Träger der perversen Sexualempfindung eine 
neuropathische Belastung nach mehrfacher Hinsicht aufweist und 
diese mit erblich degenerativen Bedingungen sich in Beziehung 
setzen lässt, darf jene Anomalie der psychosexualen Empfindungs- 
weise als funktionelles Degenerationszeichen klinisch angesprochen 
werden. Diese perverse Sexualität tritt mit sich entwickelndem Ge- 
schlechtsleben spontan, ohne äussere Anlässe zu Tage, als indivi- 
duelle Erscheinungsform einer abnormen Artung der Vita sexualis 
und imponirt dann als eine angeborene Erscheinung oder sie 
entwickelt sich erst im Verlauf einer Anfangs normale Bahnen ein- 
geschlagen habenden Sexualität auf Grund ganz bestimmter schäd- 
licher Einflüsse und erscheint damit als eine gewordene erworbene. 
Worauf diese räthselhafte Erscheinung der erworbenen homosexualen 
Empfindung beruhen mag, entzieht sich zur Zeit noch ganz der 
Erklärung und gehört der Hypothese an. Es ist wahrscheinlich 
auf Grund genauer Untersuchung der sogen, erworbenen Fälle, dass 
die auch hier vorhandene Veranlagung in einer latenten Homo- 
oder mindestens Bisexualität besteht, die zu ihrem Manifestwerden 
der Einwirkung von veranlassenden gelegentlichen Ursachen bedurfte, 
um aus ihrem Schlummer geweckt zu werden. 

Innerhalb der sogen, conträren Sexualempfindung zeigen sich 
Gradstufen der Erscheinung, ziemlich parallel gehend dem Grad 
der Belastung 'des Individuums, insofern in milderen Fällen blos 
psychischer Hermaphroditismus, in schwereren allerdings nur homo- 
sexuelle Empfindungsweise und Triebrichtung, aber auf die Vita 
sexualis beschränkt, in noch schwereren überdies die ganze seelische 
Persönlichkeit und selbst die körperliche Empfindungsweise im Sinne 
der sexuellen Perversion umgewandelt, in ganz schweren sogar der 
körperliche Habitus entsprechend umgestaltet erscheint. 

Auf diesen klinischen Thatsachen fusst demgemäss auch die 
folgende Eintheilung der verschiedenen Erscheinungsweisen dieser 
psychosexualen Anomalie. 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 191 


A. Die homosexuale Empfindung als erworbene Erscheinung. 

Das Entscheidende ist hier der Nachweis der perversen Em- 
pfindung gegenüber dem eigenen Geschlecht, nicht die Constati- 
rung geschlechtlicher Akte an demselben. Diese zwei Phänomene 
dürfen nicht mit einander verwechselt, Perversität darf nicht für 
Perversion gehalten werden. 

Sehr oft kommen perverse sexuelle Akte zur Beobachtung, 
ohne dass ihnen Perversion zu Grunde läge. Dies gilt ganz be- 
sonders für sexuelle Handlungen unter Personen desselben Ge- 
schlechts, namentlich hinsichtlich Päderastie. Hier ist nicht noth- 
wendig Paraesthesia sexualis im Spiel, sondern Hyperästhesie bei 
physisch oder psychisch unmöglicher naturgemässer Geschlechts- 
befriedigung. 

So finden wir homosexuellen Verkehr bei impotent gewor- 
denen Masturbanten oder Wollüstlingen oder, faute de mieux, bei 
sinnlichen Weibern und Männern in Gefängnissen, Schiffen, Casernen, 
Bagno's, Pensionaten u. s. w. 

Zum normalen Geschlechtsverkehr wird sofort zurückgekehrt, 
wenn die Hindernisse für denselben entfallen. Ganz besonders häufig 
ist die Ursache solcher temporärer Verirrung: die Masturbation 
und ihre Folgen bei jugendlichen Individuen. 

Nichts ist geeignet, die Quelle edler idealer Gefühlsregungen, 
die aus einer normal sich entwickelnden geschlechtlichen Empfin- 
dung ganz von selbst sich erheben, so zu trüben, ja nach Um- 
ständen ganz versiegen zu machen, als in frühem Alter getriebene 
Onanie. Sie streift von der sich entfalten sollenden Knospe Duft 
und Schönheit und hinterlässt nur den grobsinnlichen thierischen 
Trieb nach geschlechtlicher Befriedigung. Gelangt ein dergestalt 
verdorbenes Individuum in das zeugungsfähige Alter, so fehlt ihm 
der ästhetische, ideale, reine und unbefangene Zug, der zum an- 
deren Geschlechte hindrängt. Damit ist die Gluth der sinnlichen 
Empfindung erlöscht und die Neigung zum anderen Geschlechte 
eine bedeutend abgeschwächte. Dieser Defekt beeinflusst die Moral, 
die Ethik, den Charakter, die Phantasie, die Stimmung, das Ge- 
fühls- und Triebleben des jugendlichen Masturbanten, sowohl des 
männlichen als des weiblichen, in ungünstiger Weise und lässt nach 
Umstanden das Verlangen nach dem anderen Geschlecht auf den 


192 Paraesthesia sexualis. 

Nullpunkt sinken, so dass Masturbation jeglicher naturgemäßen 
Befriedigung vorgezogen wird. 

Zuweilen leidet auch die Entwicklung höherer sexualer Ge- 
fühle gegenüber dem anderen Geschlechte dadurch Noth, dass 
hypochondrische Angst vor Ansteckung beim Geschlechtsgenuss 
oder eine wirklich erfolgte Infection, oder auch eine verfehlte Er- 
ziehung, welche tendenziös auf solche Gefahren hinwies und sie 
übertrieb, oder (besonders beim Mädchen) berechtigte Angst vor 
den Folgen des Coitus (Schwängerung), oder auch Ekel vor dem 
Mann auf Grund physischer und moralischer Gebrechen desselben 
die Befriedigung des mit krankhafter Stärke sich geltend machenden 
Triebs in perverse Bahnen lenkten. Aber die zu frühe und per- 
verse Geschlechtsbefriedigung schädigt nicht bloss den Geist, son- 
dern auch den Körper, insofern sie Neurosen des Sexualapparates 
herbeiführt (reizbare Schwäche des Erections- und des Ejaculations- 
centrums, mangelhaftes Wollustgefühl beim Beischlaf u. s. w.), 
während sie die Phantasie in fortwährender Erregung erhält und 
die Libido anregt. 

Bei wohl jedem Masturbanten kommt ein Zeitpunkt, wo er, 
erschreckt durch Belehrung über die Folgen des Lasters oder diese 
an sich gewahrend (Neurasthenie), oder durch Beispiel, Verführung 
zum anderen Geschlecht gedrängt, dem Laster entfliehen und seine 
Vita sexualis saniren möchte. 

Die moralischen und physischen Bedingungen sind hier die 
denkbar ungünstigsten. Die reine Gluth der Empfindung ist dahin, 
das Feuer sexueller Brunst fehlt, nicht minder das Selbstvertrauen, 
denn jeder Masturbant ist mehr weniger feige, muthlos. Rafft sich 
der jugendliche Sünder zu einem Versuch zu coitiren auf, so wird 
er entweder enttäuscht, weil mit mangelhaftem Wollustgefühl der 
Genuss fehlt, oder es fehlt ihm die physische Kraft zur Vollbringung 
des Akts. Dieses Fiasko hat die Bedeutung einer Katastrophe 
und führt zu absoluter psychischer Impotenz. Böses Gewissen, die 
Erinnerung an erlebte Blamagen hindern den Erfolg bei weiteren 
Versuchen. Die fortbestehende Libido sexualis verlangt aber nach 
Befriedigung und die moralische und physische Perversion drängt 
immer mehr vom Weibe ab. 

Aus verschiedenen Gründen (neurasthenische Beschwerden, 
hypochondrische Furcht vor den Folgen u. s. w.) wird das In- 
dividuum aber auch von Masturbation abgedrängt. Vorübergehend 
kann es hier zu Bestialität kommen. Nahe liegt dann der Verkehr 


Erworbene conträre Sexaalempfindung. 193 

mit dem eigenen Geschlecht — durch gelegentliche Verführung, 
durch Freundschaftsgefühle, die sich auf dem Boden pathologischer 
Sexualität leicht mit sexuellen verbinden. 

Passive und mutuelle Onanie sind dann der bisherigen Ge- 
pflogenheit adäquate Akte. Findet sich ein Verführer, leider so 
häufig, so entsteht der gezüchtete Päderast, d. h. ein Mensch, der 
quasi Akte der Onanie mit Personen des eigenen Geschlechts voll- 
zieht, sich dabei in aktiver, seinem wirklichen Geschlecht ent- 
sprechender Bolle fühlt und gefällt, und seelisch nicht bloss Per- 
sonen des anderen, sondern auch denen des eigenen Geschlechts 
gegenüber sich auf dem Indifferenzpunkt befindet. 

Bis zu dieser Stufe erstreckt sich die sexuelle Verkommenheit 
des normal veranlagten, unbelasteten geistig gesunden In- 
dividuums. Es ist kein Fall nachzuweisen, in welchem die Perversität 
zur Perversion, zur Umkehr der Geschlechtsempfindung geworden 
wäre *). 


') Garnier („Anomalies sexuelles", Paris, p. 508—509) berichtet 2 Fälle 
(Beob. 222 u. 223), welche dieser Annahme scheinbar entgegenstehen, besonders 
den ersteren, wo Kränkung über die Untreue der Geliebten den Betreffenden 
dazu gelangen Hess, den Verführungen von Männern zu unterliegen. Aus der 
Beobachtung ergibt sich aber klar, das* dieses Individuum niemals Gefallen 
an homosexualen Akten hatte. In Beobachtung 223 handelt es sich um einen 
Effeminirten ab origine, mindestens einen psychischen Hermaphroditen. 

Die Meinung Derjenigen, welche für die Entstehung homosexualer Empfin- 
dungen und Triebe ausschliesslich fehlerhafte Erziehung und andere psycho- 
logische Momente verantwortlich machen, ist eine ganz irrige. 

Man kann einen Unbelasteten noch so weibisch erziehen, und ein 
Weib noch so männlich, sie werden dadurch nicht homosexual werden. Die 
Naturanlage ist entscheidend, nicht die Erziehung und anderes Zufällige, wie 
z. B. Verführung. Von conträrer Sexualempfindung kann nur die Rede sein, 
wenn die Person des eigenen Geschlecht« einen psychosexualen Reiz auf die 
andere ausübt, also Libido, Orgasmus vermittelt, namentlich aber seelisch an- 
ziehend wirkt. Ganz anders die Fälle, wo faute de mieux bei grosser Sinn- 
lichkeit und mangelhaftem ästhetischem Sinn eine Person des eigenen Geschlechts 
zu einem onanistischen Akt .(nicht zu einem Coitus in seelischem Sinne) an 
ihrem Körper benutzt wird. 

Sehr klar und überzeugend weist Moll in seiner verdienstvollen Mono- 
graphie auf das Schwergewicht der originären Veranlagung gegenüber der 
Bedeutung von Gelegenheitsursachen hin (vgl. op. cit. p. 156 — 175). Er weiss 
„von vielen Fällen, wo der frühere sexuelle Verkehr mit Männern eine Per- 
version nicht herbeiführen konnte". Moll sagt ferner bezeichnend: „Ich kenne 
eine derartige Epidemie (von mutueller Onanie) aus einer Berliner Schule, wo- 
selbst ein jetziger Schauspieler die mutuelle Onanie in schamloser Weise ein- 
v. K rafft- Eb in g, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 13 


J94 Paraesthesia sexualis. 

Anders liegt die Sache beim belasteten Individuum. Die 
latente perverse Sexualität entwickelt sich unter dem Einfluss der 
durch Masturbation, Abstinenz oder sonstwie entstandenen Neur- 
asthenie. 

Es kommt allmählich im Contakt mit Personen des eigenen 
Geschlechts zu sexueller Erregbarkeit durch solche. Bezügliche 
Vorstellungen werden mit Lustgefühlen betont und erwecken ent- 
sprechende Drange. Diese entschieden degenerative Reaktionsweise 
ist der Anfang eines körperlich seelischen ümwandlungsprocesses, 
der in dem Folgenden seine Darstellung finden mag und zu dem 
Interessantesten gehört, was sich psychopathologisch beobachten 
lässt. Diese Metamorphose lässt verschiedene Stadien oder Stufen 
erkennen. 

* 

I. Stufe: Einfache Verkehrung der Geschlechtsempfindung. 

Diese Stufe ist erreicht mit dem Zeitpunkt, wo die Person 
des eigenen Geschlechts aphrodisisch wirkt und der Betreffende ge- 
schlechtlich für sie empfindet. Charakter und Empfindungsweise 
bleiben aber vorerst dem Geschlecht, welches der jene Verkehrung 
der Geschlechtsempfindung Bietende besitzt, noch entsprechend. Er 
fühlt sich in aktiver Rolle, empfindet seinen Drang zum eigenen 
Geschlecht als eine Verirrung und sucht eventuell Hülfe. 

Mit episodisch gebesserter Neurose können sogar Anfangs 
normale sexuelle Empfindungen wieder auftreten und sich behaupten. 
Die folgende Beobachtung erscheint recht geeignet, diese Etappe 
auf dem Weg der psychosexualen Entartung zu exemplificiren. 

Beobachtung 94. Erworbene conträreSexualemp findung. 
Ich bin Beamter und stamme aus einer, soviel mir bekannt, unbelasteten 
Familie; mein Vater starb an einer acuten Krankheit, die Mutter lebt, ist 
ziemlich „nervös". Eine Schwester ist seit einigen Jahren 
sehr intensiv religiös geworden. 

Ich selbst bin gross, mache einen durchaus männlichen Eindruck in 
Sprache, Gang und Haltung. An Krankheiten habe ich nur Masern durch- 
gemacht, habe aber von meinem 13. Jahre an an sogen, nervösen Kopfschmerzen 
gelitten. 


geführt hat. Obwohl ich jetzt die Namen von sehr vielen Berliner Urningen 
weiss, so konnte ich doch unter den damaligen Schülern des betr. Gymnasiums 
von keinem auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit ermitteln, dass er Urning 
geworden sei, hingegen weiss ich von vielen dieser Schüler ziemlich genau, 
dass sie jetzt geschlechtlich normal empfinden und verkehren." 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 195 

Mein sexuelles Leben begann im 13. Lebensjahre, wo ich einen etwas 
älteren Jungen kennen lernte, mit dem ich mich durch gegenseitiges Betasten 
der Genitalorgane vergnügte. In meinem 14. Lebensjahre hatte ich die erste 
Ejakulation. Von zwei älteren Mitschülern zur Onanie verführt, fröhnte ich 
derselben theils mit anderen, theils allein, im letzteren Fall jedoch stets mit 
dem Gedanken an Personen weiblichen Geschlechts. Meine Libido sexualis 
war sehr gross, wie sie es auch heute noch ist. Später versuchte ich mit einem 
hübschen, kräftigen Dienstmädchen mit sehr starken Mammae anzubinden; 
id solum afisecutus sum, ut me praesente superiorem corporis sui partem enu- 
daret mihique concederet os mammasque osculari, dum ipsa penem meum 
valde erectum in manum suam recepit eumque trivit. 

So stürmisch ich auch den Coitus verlangte, sie gab es nicht zu, son- 
dern erlaubte mir schliesslich nur noch, ihre Geschlechtstheile zu berühren. 

Auf die Universität gekommen, suchte ich ein Bordell auf, reussirte auch 
ohne Anstrengung. 

Da aber trat ein Ereigniss ein, welches in mir einen Umschwung her- 
vorbrachte. Tch begleitete eines Abends einen Freund nach Hause und griff ihm, 
etwas angeheitert wie ich war, ad genitalia. Er wehrte sich nur wenig; ich 
ging dann mit auf sein Zimmer, wir onanisirten uns und trieben fortan diese 
mutuelle Masturbation ziemlich häufig; es kam sogar zur immissio penis in os 
mit folgender Ejaculation. Sonderbar ist es nur, dass ich in diesen Betreffen- 
den nicht im geringsten verliebt war, dagegen leidenschaftlich in einen anderen 
meiner Freunde, in dessen Nähe ich aber niemals die geringste sexuelle Er- 
regung spürte, den ich überhaupt nie mit sexuellen Vorgängen in meinen 
Gedanken zusammenbrachte. Meine Besuche in Bordellen, wo ich ein gern 
gesehener Gast war, wurden seltener, ich fand bei meinem Freunde Ersatz und 
sehnte mich nicht nach geschlechtlichem Verkehr mit Weibern. 

Päderastie trieben wir niemals, das Wort wurde zwischen uns überhaupt 
nicht genannt. Seit Beginn dieses Verhältnisses mit meinem Freunde onanirte 
ich wieder mehr; naturgemäss traten die Gedanken an weibliche Personen 
mehr und mehr in den Hintergrund, ich dachte an junge, hübsche, kräftige 
Männer mit möglichst grossen Gliedern. Burschen von 16 — 25 Jahren ohne 
Bart waren mir die liebsten, aber sie mussten hübsch und sauber sein. Be- 
sonders erregten mich jugendliche Arbeiter mit Hosen aus sogen. Manchester- 
stoff oder aus englischem Leder, vornehmlich Maurer. 

Gleichgestellte Personen reizen mich so gut wie gar nicht, dagegen 
empfinde ich beim Anblick eines solchen strammen Jungen aus dem Volke 
eine deutliche sexuelle Erregung. Das Berühren solcher Beinkleider, das Oeffnen 
derselben, das Ergreifen des Penis, sowie das Küssen des Burschen erscheint 
mir von höchstem Reiz. Meine Empfänglichkeit für weibliche Reize ist etwas 
abgestumpft, doch bin ich im geschlechtlichen Verkehr mit einem Weibe, 
besonders wenn es stark entwickelte Mammae hat, stets potent, ohne dass ich 
Phantasiebilder zu Hilfe nehme. Ich habe nie den Versuch gemacht, einen 
jungen Arbeiter oder der gl. für meine unschönen Gelüste zu missbrauchen und 
werde es auch nicht thun, aber die Lust dazu verspüre ich sehr oft. Zuweilen 
halte ich das Bild eines solchen Burschen fest und onanire dann zu Hause. 

Sinn für weibliche Beschäftigung fehlt mir völlig. In Damengesellschaft 
verkehre ich massig gern, Tanzen ist mir zuwider. Ich interessire mich lebhaft 


196 Paraestheaia sexualis. 

für schöne Künste. Dass ich stellenweise conträr sexual empfinde, ist, glaube 
ich, zum Theil eine Folge grosser Bequemlichkeit, welche mich verhindert, 
irgend ein Verhältniss mit einem Mädchen anzuknüpfen, da mir das zu viel 
Umstände macht; immer Bordelle aufzusuchen, ist mir aus ästhetischen Gründen 
zuwider; so verfalle ich denn auf das leidige Onaniren, von dem zu lassen 
mir sehr schwer fällt. 

Ich habe mir selbst hundertmal vorgehalten, dass ich, um vollständig 
normal sexuell empfinden zu können, vor allem die schier unbezwingliche 
Leidenschaft für die unselige Onanie, diese meinem ästhetischen Gefühl so 
widerwärtige Verirrung, unterdrücken müsse; ich habe mir so und so oft vor- 
genommen, mit aller Kraft des Willens gegen diese Leidenschaft anzukämpfen ; 
es ist mir bis heute nicht gelungen. Anstatt, wenn sich der sexuelle Trieb 
besonders heftig in mir regte, Befriedigung auf natürlichem Wege zu suchen, 
zog ich es vor, zu onaniren, weil ich fühlte, dass ich davon mehr Genuas 
haben würde. 

Und dabei hat mich die Erfahrung gelehrt, dass ich bei Mädchen stets 
potent bin und zwar ohne Mühe und ohne Zuhilfenahme von Bildern männ- 
licher Genitalien, mit Ausnahme eines einzigen Falles, in dem ich es aber 
deshalb nicht zu einer Ejaculation brachte, weil das betreffende weibliche 
Wesen — es war in einem Bordell — jeglicher Reize entbehrte. Ich kann 
mich des Gedankens und schweren Selbstvorwurfes nicht entschlagen, dass die 
bis zu einem gewissen Grade bei mir doch nun einmal vorhandene c. S. eine 
Folge des excessiven Onanirens ist, und das wirkt vornehmlich so deprimirend 
auf mich, weil ich mir sagen muss, dass ich kaum in mir die Kraft fühle, 
diesem Laster aus eigenem Willen ganz zu entsagen. 

In Folge des in meinem Schreiben erwähnten geschlechtlichen Verhält- 
nisses zu einem Studiengenossen und langjährigen Schulfreunde, welches aber 
erst während unserer Universitätszeit entstand, nachdem wir 7 Jahre lediglich 
freundschaftlich verkehrt hatten, ist in mir der Trieb zu unnatürlicher Be- 
friedigung der Libido bedeutend stärker geworden. 

Ich bitte, mir noch die Erzählung einer Episode zu gestatten, die mir 
Monate lang viel zu schaffen gemacht. 

Ich lernte im Sommer 1882 einen 6 Jahre jüngeren Kommilitonen 
kennen, welcher zugleich mit mehreren anderen an mich und meine Bekannten 
empfohlen war. Sehr bald fühlte ich ein tiefes Interesse für den bildschönen, 
ungemein proportionirt, schlank und gesund aussehenden Menschen, welches 
sich nach mehrwöchentlichem Verkehr zu intensivstem Freundschaftsgefühl, 
weiterhin zur leidenschaftlichen Liebe und quälenden Eifersuchtsempfindung 
entwickelte. Ich merkte sehr bald, dass bei mir sinnliche Regungen stark 
mitsprachen, und so fest ich mir auch vornahm, mich diesem, von allem 
anderen abgesehen, von mir wegen seines vortrefflichen Charakters so hoch 
geachteten Menschen gegenüber im Zaum zu halten, unterlag ich doch in 
einer Nacht, als wir nach vorausgegangenem reichlichem Biergenuss in meiner 
Wohnung bei einer Flasche Champagner sassen und auf gute, wahre und 
dauernde Freundschaft tranken, der unwiderstehlichen Begierde, ihn an mich 
zu pressen u. s. w. 

Als ich ihn am nächsten Tage wiedersah, schämte ich mich so, dass ich 
ihm nicht in die Augen blicken konnte. Ich empfand die bitterste Reue über 


Erworbene conträre Sexaalempfindung. 197 

mein Vergehen und machte mir die heftigsten Vorwürfe, dass ich diese Freund- 
schaft, die rein und edel sein und bleiben sollte, so beschmutzt hatte. Um 
jenem zu beweisen, dass ich mich nur momentan hatte hinreissen lassen, 
drängte ich ihn, am Schlüsse des Semesters mit mir eine Reise zu machen; 
nach einigem Widerstreben, dessen Gründe mir nur zu klar waren, willigte er 
ein; wir schliefen mehrere Nächte im selben Zimmer, ohne dass ich den ge- 
ringsten Versuch gemacht hätte, jene Handlung zu wiederholen. t Ich wollte 
mit ihm über den Vorgang jener Nacht sprechen, ich brachte es nicht fertig; 
als wir im folgenden Semester getrennt waren, konnte ich es auch nicht Über 
mich gewinnen, ihm in der betreffenden Sache zu schreiben, und als ich ihn 
dann im März in X. besuchte, ging es mir wieder so. Und doch fühlte ich 
das dringendste Bedürfniss, diesen dunkeln Punkt durch eine offene Aussprache 
zu klären. Im October dieses Jahres war ich wieder in X. und diesmal fand 
ich den Muth zur rückhaltlosen Aussprache. Ich bat ihn um Verzeihung, die 
er mir gern gewährte; ja, ich fragte ihn 60gar, weshalb er mir damals nicht 
entschiedenen Widerstand geleistet, worauf er antwortete, zum Theil hätte er 
mir aus Gefälligkeit meinen Willen gelassen, zum Theil, weil er ziemlich an- 
gezecht gewesen und somit in einer gewissen Apathie befangen gewesen sei. 
Ich setzte ihm meinen Zustand eingehend auseinander, gab ihm auch die 
Psychopathia sexualis zu lesen und sprach ihm die feste Hoffnung aus, dass 
es mir aus eigener Kraft gelingen würde, meiner unnatürlichen Triebe völlig 
und dauernd Herr zu werden. Seit dieser Aussprache ist das Verhältniss 
zwischen jenem Freunde und mir das denkbar erfreulichste und beglückendste, 
die freundschaftlichen Gefühle sind auf beiden Seiten innige, wahre und 
hoffentlich dauernde. 

Wenn ich nicht eine Besserung meines abnormen Zustandes erkennen 
sollte, würde ich mich wohl entschliessen, mich vollständig Ihrer Behandlung 
zu unterstellen, um so mehr, als ich mich nach genauem Studium Ihres Werkes 
nicht zu der Kategorie der sogen. Urninge zählen kann, vielmehr die feste 
Ueberzeugung oder jedenfalls Hoffnung habe, dass festester Wille, unterstützt 
und geleitet durch sachkundige Behandlung, mich zum normal empfindenden 
Menschen machen können. 

Beobachtung 95. Ilma S. ') , 29 Jahre , ledig , Kaufmannstochter, 
stammt aus schwer belasteter Familie. Vater war Potator und endete durch 
Selbstmord, gleichwie Bruder und Schwester der Pat. Schwester leidet an 
Hysteria convulsiva. Mutters Vater erschoss sich in irrsinnigem Zustand. 
Mutter war kränklich und starb apoplectisch gelähmt. Pat. war nie schwer 
krank, begabt, schwärmerisch, phantasievoll, träumerisch. Menses mit 18 Jahren 
ohne Beschwerden, in der Folge höchst unregelmässig. Mit 14 Jahren Chlorose 
und Schreckkatalepsie. Später Hysteria gravis und Anfall von hysterischem 
Wahnsinn. Mit 18 Jahren Verhältniss mit einem jungen Mann, das kein pla- 
tonisches blieb. Die Liebe dieses Mannes wurde brünstig erwidert. Aus An- 
deutungen der Pat. geht hervor, dass sie sehr sinnlich war und sich nach 
Entfernung von dem Geliebten der Masturbation ergab. Pat. führte in der 


*) Vgl. d. Verf. „Experimentelle Studie auf dem Gebiet des Hypnotismus. 
2. Aufl. 1889/ 


198 Paraesthesia sexualis. 

Folge einen romanhaften , Lebenswandel. Um ihr Fortkommen zu finden, zog 
sie Männerkleider an, wurde Hauslehrer, gab die Stelle auf, weil die Frau 
vom Hause, ihr Geschlecht nicht kennend, sich in sie verliebte und ihr nach- 
stellte. Sie wurde nun Bahnbeamter. In Gesellschaft der Collegen musste 
81 e, um ihr wahres Geschlecht zu verbergen, mit ihnen Bordelle besuchen, die 
anstössigsten Gespräche anhören. Dies wurde ihr so widerlich, dass sie ihre 
Stelle aufgab, eines Tages wieder Weiberkleider anzog und in weiblicher 
Stellung ihren Erwerb suchte. Wegen Diebstählen kam sie in Haft, wegen 
schwerer hystero-epileptischer Insulte ins Spital. Dort entdeckte man Neigung 
und Trieb zum eigenen Geschlecht. Pat. fiel allenthalben lästig durch brün- 
stige Liebe zu Pflegerinnen und Mitkranken. 

Man hielt ihre sexuelle Perversion für eine angeborene. Pat. gab in 
dieser Hinsicht interessante berichtigende Aufschlüsse: 

„Man beurtheilt mich unrichtig, wenn man glaubt, dass ich mich dem 
weiblichen Geschlecht gegenüber als Mann fühle. Ich verhalte mich vielmehr 
in meinem ganzen Denken und Fühlen als Weib. Habe ich doch meinen Cousin 
so geliebt, wie nur ein Weib einen Mann lieben kann. 

„Die Aenderung meiner Gefühle entstand dadurch, dass ich in Pest, als 
Mann verkleidet, Gelegenheit hatte, meinen Cousin zu beobachten. Ich sah, 
dass ich mich in ihm arg getäuscht hatte. Das bereitete mir furchtbare Seelen- 
qualen. Ich wusste, dass ich nie mehr im Stande sein werde, einen Mann zu 
lieben, dass ich zu jenen gehöre, die nur einmal lieben. Dazu kam., dass ich 
in der Gesellschaft meiner Collegen von der Bahn die anstössigsten Gespräche 
anhören, die verrufensten Häuser besuchen musste. Durch die so gewonnenen 
Einblicke in das Treiben der Männerwelt bekam ich einen unüberwindlichen 
Widerwillen gegen die Männer. Da ich aber von Natur sehr leidenschaftlich 
bin und das Bedürfniss habe, mich einer geliebten Person anzuschliessen und 
mich derselben ganz hinzugeben, fühlte ich mich immer mehr zu mir sym- 
pathischen Frauen und Mädchen, besonders durch Intelligenz hervorragenden, 
mächtig hingezogen." 

Die offenbar erworbene conträre Sexualempfindung dieser Pat. 
äusserte sich oft in stürmischer, entschieden sinnlicher Weise und 
gewann weiteren Boden durch Masturbation, da die permanente 
Aufsicht in Spitälern sexuelle Befriedigung am eigenen Geschlecht 
nicht möglich machte. Charakter und Beschäftigungsweise blieben 
weiblich. Zu Erscheinungen von Viraginität kam es nicht. Nach 
dem Verf. kürzlich gewordenen Mittheilungen soll diese Kranke 
durch zweijährige Behandlung in der Irrenanstalt von ihrer Neurose 
und sexualen Perversion befreit und genesen entlassen worden sein. 

Beobachtung 96. X., 19 Jahre alt, stammt von nervenkranker 
Mutter; 2 Schwestern des Vaters der Mutter waren irrsinnig. Pat. von ner- 
vösem Temperament, gut beanlagt, kräftig entwickelt, normal gebaut, wurde 
vom älteren Bruder, als er 12 Jahre alt war, su mutueller Onanie verführt. 

In der Folge setzte Pat. dieses Laster splitär fort. Seit etwa 3 Jahren 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 199 

kommen ihm bei dem masturbatorischen Akt sonderbare Phantasien im Sinne 
-der »conträren Sexualempfindung ". 

Er erscheint sich nämlich als eine Frauensperson, z. 6. als eine Ballet- 
tänzerin, und im Coitus mit einem Offizier oder mit einem Circusreiter be- 
griffen. Diese perversen Bilder begleiten den onanistischen Akt, seitdem Pat. 
neurasthenisch geworden ist. Er sieht die Schädlichkeit der Masturbation ein, 
kämpft verzweifelt dagegen an, erliegt seinem heftigen Drange aber immer 
wieder. 

Gelingt es Pat. auf einige Tage sich davon zurückzuhalten, so stellen 
sich ganz normale Dränge im Sinne des sexuellen Verkehrs mit weiblichen 
Individuen ein, aber eine gewisse Furcht vor Ansteckung hält diese Dränge 
in Schranken und treibt ihn immer wieder der Masturbation in die Arme. 

Bemerkenswerth ist, dass bei diesem Unglücklichen lascive Träume 
bisher nur weibliche Personen zum Inhalt hatten. 

Im Laufe der letzten Monate war Pat. hochgradig neurasthenisch und 
hypochondrisch geworden. Er fürchtete Tabes. 

Ich rieth zu Behandlung der Neurasthenie, Unterdrückung der Mastur- 
bation, ehemöglicher Cohabitation nach gebesserter Neurasthenie. 

Beobachtung 97. Herr X., 35 Jahre, ledig, Beamter, stammt von 
gemüthskranker Mutter. Bruder Hypochonder. 

Pat. war gesund, kräftig, von lebhaftem, sinnlichem Temperament, hatte 
abnorm früh und mächtig sich regenden Sexualtrieb, masturbirte schon als 
kleiner Knabe, coitirte zum ersten Mal schon mit 14 Jahren, angeblich mit 
Genuas und voller Potenz. 15 Jahre alt, versuchte ihn ein Mann zu verführen, 
manustuprirte ihn. X. empfand Abscheu, befreite sich aus dieser „ekelhaften" 
Situation. Er excedirte herangewachsen in unbändiger Libido mit Coitus, 
wurde 1880 neurasthenisch, litt an Erectionsschwäche und Ejaculatio praecox, 
wurde damit immer weniger potent und empfand auch keinen Genuss mehr 
beim sexuellen Akt. Zu jener Zeit der sexuellen Decadence hatte er noch 
eine Zeitlang eine ihm früher fremde und ihm noch jetzt ganz unbegreifliche 
Neigung zum sexuellen Verkehr mit halbreifen Mädchen von 12 — 13 Jahren. 
Seine Libido steigerte sich mit abnehmender; Potenz. 

Allmählig bekam er Neigung zu Knaben von 13 — 14 Jahren. Es trieb 
ihn, an solche sich anzudrängen. 

Quodsi ei occasio data est ut tangere posset pueros qui ei placuere, 
penis vehementer se erexit tum maxime quum crura puerorum tangere potuisset. 
Abhinc feminas non cupivit. Nonnunquam feminas ad coitum coegit sed erectio 
debilis, eiaculatio praematura erat sine ulla voluptate. 

Es interessirten ihn nur noch junge Bursche. Er träumte von ihnen, 
bekam dabei Pollutionen. Von 1882 ab hatte er ab und zu Gelegenheit, con- 
cumbere cum juvenibus. Er war dann sexuell mächtig erregt, half sich mit 
Masturbation. 

Nur ausnahmsweise wagte er es, Betastungen des Schlafgenossen vor- 
zunehmen und zu mutueller Masturbation zu gelangen. Päderastie verabscheute 
er. Meist war er genöthigt, seinem sexuellen Bedürfniss durch solitäre Mastur- 
bation zu genügen. Er stellte sich dabei das Erinnerungsbild sympathischer 
Knaben vor. Nach sexuellem Verkehr mit solchen fühlte er sich jeweils ge- 


200 Paraesthesia sexualis. 

kräftigt, erfrischt, aber moralisch gedrückt in dem Bewusstsein, eine perverse, 
unsittliche, strafbare Handlung begangen zu haben. Er empfand es höchst 
peinlich, dass sein abscheulicher Trieb mächtiger sei als sein Wille. 

X. vermuthet, dass seine Liebe zum eigenen Geschlecht durch masslose 
Excesse im natürlichen Geschlechtsgenuss entstanden sei, beklagt tief seine 
Lage, fragt anlässlich einer Consultation im December 1888, ob es kein Mittel 
gebe , um ihn zu normaler Sexualität zurückzubringen , da er ja eigentlich 
keinen Horror feminae habe und gerne heirathen würde. 

Ausser Erscheinungen sexueller und spinaler Neurasthenie massigen 
Grades bietet der intelligente, von Degenerationszeichen freie Pat. keine Krank* 
heitssymptome. 

IL Stufe: Eviratio und Defeminatio. 

Tritt bei derart entwickelter conträrer Sexualempfindung keine 
Rückbildung ein, so kann es zu tiefer greifenden und dauernden 
Umänderungen der psychischen Persönlichkeit kommen. Der 
hier sich vollziehende Process lässt sich kurz als Eviration be- 
zeichnen. Der Kranke erfahrt eine tiefgehende Wandlung seines 
Charakters, speciell seiner Gefühle und Neigungen im Sinne einer 
weiblich fühlenden Persönlichkeit. Von nun an fühlt er sich auch 
als Weib bei sexuellen Akten, hat nur mehr Sinn für passive Ge- 
schlechtsbethätigung und geräth nach Umstanden auf die Stufe 
der Courtisane. In diesem Zustand tieferer und dauernder psycho- 
sexualer Veränderung gleicht der Betreffende vollkommen dem (an- 
geborenen) Urning höheren Grades. Die Möglichkeit einer Wieder- 
herstellung der alten geistigen und sexualen Persönlichkeit erscheint 
hier ausgeschlossen. 

Die folgende Beobachtung ist ein klassisches Beispiel der- 
artiger dauernder erworbener conträrer Sexualempfindung. 

Beobachtung 98. Seh., 30 Jahre alt, Arzt, theilte mir eines Tage» 
seine Lebens- und Krankheitsgeschichte mit, Aufklärung und Rath erbittend 
für gewisse Anomalien seiner Vita sexualis. 

Die folgende Darstellung folgt vielfach verbotenus der umfangreichen 
Autobiographie, sie nur gelegentlich kürzend. 

Von gesunden Eltern erzeugt, war ich als Kind schwächlich, gedieh 
aber unter guter Pflege und kam in der Schule gut fort. 

Im 11. Jahre wurde ich von einem Spielkameraden zur Masturbation 
verleitet und ergab mich ihr mit Leidenschaft. Bis zum 15. Jahr fiel mir das 
Lernen leicht. Mit sich häufenden Pollutionen wurde ich weniger leistungs- 
fähig, kam in der Schule nicht mehr so gut fort, war unsicher, beklommen 
und verlegen, wenn ich vom Lehrer aufgerufen wurde. Erschrocken über das 
Sinken meiner Fähigkeiten und erkennend, dass daran die grossen Sperma- 
verluste Schuld waren, unterliess ich nun das Onaniren, aber gleichwohl 


Erworbene conträre Sexaalempfindung. 201 

häuften sich die Pollutionen, so dass ich oft 2 — 3mal in einer Nacht eja- 
culirte. 

Ich consultirte nun verzweifelt Aerzte um Aerzte. Keiner konnte mir 
helfen. 

Da ich durch die Spermaverluste immer schwächer und matter wurde, 
auch der Trieb nach Geschlechtsbefriedigung immer mächtiger sich regte, 
ging ich in Bordelle. Aber dort konnte ich mich nicht befriedigen, denn 
wenn mich auch der Anblick des nackten Weibes ergötzte, so trat doch nicht 
Orgasmus noch Erection ein, und selbst durch Manustupration seitens der 
Puella war die Erection nicht zu erzielen. 

Kaum hatte ich das Bordell verlassen, so quälte mich wieder der Trieb 
und hatte ich heftige Erectionen. Da schämte ich mich vor den Mädchen 
und besuchte nicht mehr solche Häuser. So vergingen ein paar Jahre. Mein 
Sexualleben bestand aus Pollutionen. Meine Neigung zum anderen Geschlecht 
erkaltete immer mehr. Mit 19 Jahren kam ich auf die Universität. Das 
Schauspielhaus zog mich mehr an. Ich wollte Künstler werden. Die Eltern 
gaben es nicht zu. In der Hauptstadt musste ich mit Collegen hie und da 
wieder zu Mädchen gehen. Ich fürchtete derartige Situationen, da ich wusste, 
dass mir der Coitus nicht gelingen werde, meine Impotenz den Freunden ver- 
rathen werden könnte, und so mied ich thunlich die Gefahr, in Spott und 
Schande zu gerathen. 

Eines Abends sass neben mir im Opernhause ein älterer Herr. Er 
machte mir die Cour. Ich lachte herzlich über den närrischen alten Mann 
und ging auf seine Spässe ein. Exinopinato genitalia mea prehendit, quo 
facto statim penis meus se erexit. Erschrocken stellte ich ihn zur Rede, was 
er wolle. Er erklärte- mir, er sei in mich verliebt. Da ich in der Klinik von 
Zwittern gehört hatte, glaubte ich einen solchen vor mir zu haben, wurde 
neugierig und wollte seine Genitalien sehen. Der Alte willigte erfreut ein, 
ging mit mir in den Abort. Sicuti penem maximum eius erectum adspexi, 
perterritu8 effugi. 

Jener passte mich ab, machte mir sonderbare Anträge, die ich nicht 
verstand und abwies. Er Hess mir keine Ruhe. Ich erfuhr die Geheimnisse 
des mannmännlichen Liebens, fühlte, wie meine Sinnlichkeit dadurch erregt 
wurde, widerstand aber so schmachvoller Leidenschaft (wie ich damals dachte) 
und blieb die drei nächsten Jahre davon frei. Wiederholt versuchte ich während 
dieser Zeit wieder fruchtlos den Coitus mit Mädchen. Ebenso erfolglos waren 
meine Bemühungen, durch ärztliche Kunst mich von meiner Impotenz zu befreien. 

Als wieder einmal die Libido sexualis mich plagte, erinnerte ich mich 
der Aeu8serung des alten Herrn, dass auf der E.-Promenade mannliebende 
Männer zusammenkommen. 

Nach hartem Kampf und mit klopfendem Herzen ging ich hin, machte 
die Bekanntschaft eines blonden Herrn und Hess mich verfahren. Der erste 
Schritt war gethan. Diese Art der geschlechtlichen Liebe war mir adäquat. 
Am liebsten war ich immer in den Armen eines kräftigen Mannes. 

Die Befriedigung bestand in mutueller Manustupration. Gelegentlich 
Osculum ad penem alterius. Ich war nun 23 Jahre alt. Das Zusammensitzen 
mit den Commilitonen auf den Krankenbetten in der Klinik während der Vor- 
träge regte mich mächtig auf, so dass ich kaum dem Vortrage folgen konnte. 


202 Paraesthesia sexualis. 

Im gleichen Jahre knüpfte ich mit einem 84jährigen Kaufmann ein förmliches 
Liebesbündnies. Wir lebten wie Mann und Frau. X. wollte den Mann spielen, 
wurde immer verliebter. Ich war ihm zu Willen, jedoch musste er mich ab 
und zu auch Mann sein lassen. Mit der Zeit bekam ich ihn satt, wurde ihm 
untreu, er wurde eifersüchtig. Es kam zu furchtbaren Scenen, zu temporärer 
Versöhnung, schliesslich zu definitivem Bruch. (Der Kaufmann wurde später 
irrsinnig und endete durch Selbstmord.) 

Ich machte viele Bekanntschaften, liebte die ordinärsten Leute. Solche, 
die vollbärtig, gross und im mittleren Alter waren, die aktive Rolle gut zu 
spielen begabt waren, bevorzugte ich. 

Ich bekam eine Proctitis. Der Professor meinte von dem vielen Sitzen 
wegen der Vorbereitungen aufs Examen. Ich bekam eine Fistel, musste operirt 
werden, aber das kurirte mich nicht von meinem Drang, mich passiv benutzen 
zu lassen. Ich wurde Arzt, kam in eine Provinzialstadt, musste da leben wie 
eine Nonne. 

Ich bekam Neigung, mich in Damengesellschaft zu bewegen, und wurde 
dort gerne gesehen, weil man fand, dass ich nicht so einseitig sei wie die 
meisten Männer und mich für Toilette und dergleichen Damengespräch inter- 
essirte. Jedoch fühlte ich mich sehr unglücklich und einsam. 

Glücklicherweise lernte ich in dieser Stadt einen gleich mir empfinden- 
den Mann, eine „Schwester* kennen. Auf einige Zeit war ich durch ihn ver- 
sorgt. Als er fort musste, kam eine Verzweiflungsperiode mit Trübsinn bis 
zu Selbstmordgedanken. 

Da ich es in dem Städtchen nicht aushalten konnte, wurde ich Militär- 
arzt in der Grossstadt. Da lebte ich wieder auf, machte oft 2—3 Bekannt- 
schaften an einem Tage. Ich hatte nie die Knaben oder junge Leute geliebt, 
nur wahre Männergestalten. So entging ich den Krallen der Preller. Der 
Gedanke, einmal der Polizei in die Hände zu fallen, war mir schrecklich; 
gleichwohl konnte er mich nicht an der Befriedigung meiner Triebe ver- 
hindern. 

Nach einigen Monaten verliebte ich mich in einen 40jährigen Beamten. 
Ein Jahr lang blieb ich ihm treu. Wir lebten wie ein Liebespaar. Ich war 
die Frau und wurde vom Geliebten förmlich verhätschelt. Eines Tages wurde 
ich in eine kleine Stadt versetzt. Wir waren trostlos. Per totam noctem 
postremam nos vicissim osculati et amplexati sumus. 

In T. war ich namenlos unglücklich, trotz einiger „Schwestern", die 
ich fand. Ich konnte den Geliebten nicht vergessen. Um dem grobsinnlichen 
Trieb, der nach Befriedigung drängte, zu genügen, wählte ich mir Soldaten. 
Um Geld machten die Leute Alles, aber sie blieben kalt und ich hatte keinen 
Genuss mit ihnen. Es gelang mir, nach der Hauptstadt zurückversetzt zu 
werden. Neues Liebesverhältniss, aber viel Eifersucht, da der Geliebte gerne 
in Schwesterngesellschaft ging, eitel und kokett war. Es kam zum Bruch. 

Ich war grenzenlos unglücklich und froh, durch Versetzung aus der 
Hauptstadt fortzukommen. Ich sitze nun in C. einsam, trostlos. Zwei Infan- 
teristen wurden abgerichtet, aber mit dem früheren unbefriedigenden Erfolg. 
Wann werde ich neuerdings wahre Liebe finden?! Ich bin über mittelgross, 
gut entwickelt, sehe etwas verlebt aus, weshalb ich da, wo ich Eroberungen 
machen will, mit Toilettekünsten nachhelfe. Haltung, Gesten, Stimme sind 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 203 

männlich. Körperlich fühle ich mich jugendlich wie ein Bursche von 20 Jahren. 
Ich liebe das Theater, Überhaupt die Kunst. Meine Aufmerksamkeit auf der 
Bohne gilt den Schauspielerinnen, an welchen ich jede Bewegung und jeden 
Faltenwurf bemerke und kritisire. 

In Herrengesellschaft bin ich schüchtern, befangen, in der von meines- 
gleichen bin ich ausgelassen, witzig, kann schmeicheln wie eine Katze, wenn 
mir der Mann sympathisch ist. Bin ich ohne Liebe, so gerathe ich in tiefe 
Melancholie, die aber den Tröstungen des ersten hübschen Mannes sofort 
weicht. Im Uebrigen bin ich leichtsinnig, nichts weniger als ehrgeizig. Meine 
Charge imponirt mir nicht. Männliche Beschäftigung ist mir unsympathisch. 
Am liebsten lese ich Romane, gehe ins Theater u. s. w. Ich bin weich, empfind- 
sam, leicht gerührt, leicht verletzlich, nervös. Ein plötzliches Geräusch macht 
mich am ganzen Körper erbeben und ich muss mich dann zusammennehmen, 
dass ich nicht aufschreie. 

Epikrise: Der vorstehende Fall ist jedenfalls ein solcher von er- 
worbener conträrer Sexualempfindung, denn geschlechtliche Empfindung und 
Trieb waren ursprünglich dem weiblichen Geschlecht zugewendet. Durch 
Masturbation wird Seh. neurasthenisch. 

Als Theilerscheinung neurasthenischer Neurose entsteht verminderte An- 
spruchsfahigkeit des Erectionscentruins und damit relative Impotenz. Dadurch 
erkaltet die sexuelle Empfindung zum anderen Geschlechte bei fortbestehender 
Libido sexualis. Die erworbene conträre Sexualempfindung muss eine krank- 
hafte sein, denn schon die erstmalige Berührung durch eine Person des eigenen 
Geschlechts bildet einen adäquaten Reiz für das Erectionscentrum. Die Per- 
venion sexuellen Fühlens wird eine ausgeprägte. Anfangs fühlt sich Seh. 
noch in der Rolle des Mannes beim geschlechtlichen Akte, immer mehr im 
Verlauf verwandelt sich aber Fühlen und Drang zur Befriedigung in der Weise, 
wie sie beim (angeborenen) Urning die Regel ist. 

Diese Eviratio lässt die passive Rolle und weiterhin (passive) Pä- 
derastie begehren8werth erscheinen. Jene erstreckt sich weiterhin auf den 
Charakter. Dieser wird weiblich, insofern Seh. nun mit Vorliebe in Gesell- 
schaft wirklicher Feminae sich bewegt, immer mehr Sinn für weibliche Be- 
schäftigung bekommt und sogar zur Schminke und Toilettekünsten Zuflucht 
nimmt, um sinkende Reize aufzufrischen und „Eroberungen 11 zu machen. 

Die vorausgehenden Thatsachen der erworbenen conträren 
Sexualempfindung und der Eviratio finden eine interessante Be- 
stätigung in folgenden ethnologischen Erfahrungen. 

Schon bei Herodot findet sich die Beschreibung einer sonderbaren 
Krankheit, von welcher häufig die Skythen befallen wurden. Die Krankheit 
bestand darin, dass Männer weibisch von Charakter wurden, weibliche Kleidung 
anlegten, weibliche Arbeit verrichteten und auch in ihrem Aeusseren weibliches 
Gepräge bekamen. 

Für diesen Skythenwahnsinn ') gab Herodot als Erklärung die Mythe, 


J ) Vgl. Sprengel, Apologie des Hippokrates, Leipzig 1792, p. 611; 
Friedreich, Literärgeschichte der psych. Krankheiten 1830, p. 31; Lalle- 


204 Paraesthesia sexualis. 

es habe die Göttin Venus, erzürnt über die Plünderung ihres Tempels zu 
Ascalon durch die Skythen, die Tempelschänder und ihre männliche Nach- 
kommenschaft zu Weibern gemacht. 

Hippokrates glaubt nicht an übernatürliche Krankheiten, erkennt,, 
dass Impotenz hier eine vermittelnde Rolle spiele, erklärt dieselbe aber un- 
richtig aus der Gewohnheit der Skythen, sich anlässlich der durch ihr vieles 
Herumreiten entstandenen Krankheiten in der Ohrengegend zur Ader zu lassen. 
Er glaubte, diese Venen seien höchst wichtig für die Erhaltung der Geschlechts- 
kraft und ihre Durchschneidung führe Impotenz herbei. Indem die Skythen 
ihre Impotenz nun für göttliche Strafe und unheilbar hielten, zogen sie Weiber- 
kleider an und lebten fortan wie Weiber unter Weibern. 

Bemerkenswerth ist, dass nach Klaproth (Reise in den Kaukasus, 
Berlin 1812, V, p. 285) und Chotomski (a. a. 0.) noch in unserem Jahr- 
hundert Impotenz eine häufige Folge des Reitens auf umgesattelten Pferden 
bei den Tataren ist. Dasselbe wird beobachtet bei den Apaches und Navajos 
des westlichen Continents, die fast niemals zu Fuss gehen, excessiv reiten und 
durch kleine Genitalien, geringe Libido und Potenz auffällig sind. Dass exces- 
sives Reiten schädlich für die Generatio nsorganc sein kann, wussten schon 
Sprengel, L allem and, Nysten. 

Höchst interessante analoge Erfahrungen berichtet H a m m o n d von den 
Puebloindianern in Neu-Mexico. 

Diese Nachkommen der Azteken züchten sich sog. Mujerados, deren jeder 
Pueblostamm einen zu den religiösen Ceremonien (recte Orgien im Frühjahr), 
bei welchen Päderastie eine hervorragende Rolle spielt, bedarf. 

Man wählt, um einen Mujerado zu züchten, einen möglichst kräftigen 
Mann, masturbirt ihn excessiv und lässt ihn beständig herumreiten. Es ent- 
steht allmählig eine so reizbare Schwäche der Genitalorgane, dass beim Reiten 
massenhaft Samenerguss entsteht. Dieser Reizungszustand geht in paralytische 
Impotenz über. Nun atrophiren Hoden und Penis, die Barthaare fallen aus, 
die Stimme verliert an Tiefe und Umfang, Körperkraft und Energie nehmen ab. 

Neigungen und Charakter werden weiblich. Der M. verliert seine Stellung 
in der Gesellschalt als Mann, er nimmt weibliche Manieren und Sitten an, ge- 
sellt sich den Weibern zu. Gleichwohl wird er aus religiösen Gründen in 
Ehren gehalten. Es ist wahrscheinlich, dass er auch ausser der Zeit der Feste 
vornehmen Pueblos zur Päderastie dient. 

Hammond konnte 2 Mujerados untersuchen. Der eine war es vor 
7 Jahren geworden und gerade 35 Jahre alt. Bis vor 7 Jahren war er ganz 
männlich und potent gewesen. Allmählig hatte er Schwund der Hoden und 
des Penis bemerkt. Gleichzeitig verlor er Libido und Erectionsvermögen. 
Er unterschied sich in Kleidung und Haltung nicht von den Weibern, unter 
welchen ihn Hammond traf. 

Die Schamhaare fehlten, der Penis war geschrumpft, das Scrotum schlaff, 


mand, Des pertes seminales, Paris 1830, I. p. 581; Nysten, Dictionn. de 
m&lecine 11. 6dit., Paris 1858, Art. eviration u. Maladie des Scythes; Ma- 
randon, De la maladie des Scythes, Annal. medico-psychol. 1877, Mars, 
p. 161; Hammond, American Journal of Neurology and Psychiatry 1882. 
August. 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 205 

hängend, die Hoden waren auf ein Minimum geschrumpft und auf Druck kaum 
mehr empfindlich. 

Der M. hatte grosse Mammae wie eine Gravida und versicherte, er habe 
schon mehrere Kinder, deren Mütter gestorben waren, gesäugt. 

Ein zweiter M., 36 Jahre, seit 10 Jahren gezüchtet, bot dieselbe Er- 
scheinung, jedoch nur geringe Mammaentwicklung. Gleich dem vorigen war 
«eine Stimme hoch, dünn, der Körper fettreich. 


m. Uebergangsstufe zur Hetamorphosis gexualis paranoica. 

Eine weitere Entwicklungsstufe stellen Fälle dar, wo auch 
das körperliche Empfinden im Sinne einer Transmutatio sexus 
sich umgestaltet. 

Die folgende Beobachtung ist in dieser Hinsicht ein Unicum. 

Beobachtung 99. Autobiographie. 1844 in Ungarn geboren, war 
ich lange Jahre das einzige Kind meiner Eltern, da die meisten anderen Ge- 
schwister an Lebensschwäche starben; erst spät kam noch ein Bruder nach, 
welcher das Leben behielt 

Ich stamme aus einer Familie, in welcher Nerven- und psychische Leiden 
vielfach vorgekommen sind. Als kleines Kind soll ich sehr hübsch gewesen 
sein, mit blonden Locken und d archsichtiger Haut; sehr folgsam, stille, be- 
scheiden, so dass man mich in jede Damengesellschaft mitnahm, ohne dass ich 
genirt hätte. 

Bei sehr reger Phantasie, meiner Feindin das ganze Leben hindurch, 
entwickelten sich meine Talente schnell. Mit 4 Jahren konnte ich lesen und 
schreiben, mein Gedächtniss reicht bis ins 3. Jahr zurück ; ich spielte mit Allem, 
was mir unter die Hände fiel, mit Bleisoldaten oder Steinen oder Bändern aus 
einem Kinderladen : nur einen Apparat zum Holzmachen, den man mir schenkte, 
mochte ich nicht. Am liebsten war ich zu Hause bei meiner Mutter, die mein 
Alles war. Freunde hatte ich 2—3, mit denen ich gutmüthig verkehrte, aber 
gerade so gerne mit ihren Schwestern, welche mich auch stets wie ein Mädchen 
behandelten, was mich Anfangs nicht genirte. 

Ich mu8s auf dem Wege gewesen sein, ganz wie ein Mädchen zu werden, 
ich weiss wenigstens noch gut, wie es stets hiess: „das schickt sich für einen 
Buben nicht. 4 Darauf bemühte ich mich, den Buben zu spielen, machte Alles 
meinen Kameraden nach und suchte sie an Wildheit zu übertreffen, was auch 
gelang; es war mir kein Baum und kein Gebäude zu hoch, um es nicht zu 
besteigen. An den Soldaten hatte ich grosse Freude, den Mädchen wich ich 
mehr aus, da ich mit ihren Sachen doch nicht spielen sollte, und es mich auch 
stets wurmte, dass sie mich so ganz ihresgleichen behandelten. 

In Gesellschaft Erwachsener war ich aber stets gleich bescheiden und 
gleich gerne gesehen. Phantastische Träume von wilden Thieren, die mich 
einmal aus dem Bette trieben, ohne dass ich erwacht wäre, peinigten mich 
häufig. Ich wurde stets zwar einfach, aber höchst zierlich gekleidet und bekam 
dadurch eine Neigung zu schönen Kleidern ; eigentümlich scheint es mir, dass 


206 Paraesthesia sexualis. 

ich schon von der Schulzeit an Hinneigung zu Frauenhandschuhen hatte, die ich 
heimlich anzog, so oft ich konnte ; so ereiferte ich mich, als meine Mutter ein- 
mal ein Paar solcher verschenkt hatte, ganz energisch dagegen und theilte meiner 
Mutter auf Befragen mit : ich hätte sie lieber selber gerne gehabt ; ich wurde 
tüchtig ausgelacht und hütete mich von da an sehr, meine Vorliebe für weib- 
liche Sachen zu zeigen. Und doch war meine Freude daran so gross. Besonders 
hatte ich an Maskenkleidern meine Freude, d. h. nur an weiblichen; sah ich 
solche, so beneidete ich die Besitzerin; am liebsten sah ich 2 als weisse Damen 
allerdings wunderschön verkleidete junge Herren mit sehr schönen Madchen- 
masken vor den Gesichtern, und doch hätte ich mich um keinen Preis vor 
Anderen als Mädchen gezeigt, so fürchte ich mich vor dem Spotte. In der. 
Schule zeigte ich den gröseten Fleiss, war 6tes vorne an ; meine Eltern lehrten 
mich von Kindheit an, dass zuerst die Pflicht komme, und gaben mir auch 
stets hievon das Beispiel ; auch war mir der Besuch der Schule ein Vergnügen, 
denn die Lehrer waren mild und die älteren Schüler plagten die jüngeren, 
nicht. Nun verliessen wir meine erste Heimath, da der Vater gezwungen war, 
seinem Beruf zu Liebe sich auf ein Jahr von der Familie zu trennen; wir 
zogen nach Deutschland. Hier herrschte ein strenger bis roher Ton, theils 
unter den Lehrern, theils unter den Schülern, und ich wurde wieder wegen 
meiner Mädchenhaftigkeit verspottet. 

Meine Mitschüler gingen so weit, dass sie einem Mädchen, welches genau 
meine Züge hatte, meinen Namen gaben und mir den ihrigen, so dass ich das 
Mädchen, mit dem ich mich, als sie verheirathet war, später befreundete, 
hasste. Meine Mutter fuhr fort, mich zierlich zu kleiden, und dies war mir 
zuwider, da es mir stets Spott eintrug, so dass ich froh war, als ich endlich 
ganz richtige Hosen und ganz richtige Männerröcke bekam. Doch kam mit 
diesen eine neue Plage; sie genirten mich an den Genitalien, besonders wenn 
das Tuch etwas rauh war, und die Berührung des Schneiders beim Anmessen 
war mir durch ihren Kitzel, der mich zusammenschaudern machte, ganz un- 
erträglich, besonders an den Genitalien; nun sollte ich turnen, und da konnte 
ich einfach Alles nicht machen oder nur schlecht, was Mädchen nicht auch 
leicht machen können; beim Baden plagte mich das Schamgefühl des Ent- 
blössens, ich that es aber sehr gerne; ich hatte bis zum 12. Jahre eine grosse 
Schwäche im Kreuze. Schwimmen lernte ich spät, nachher aber gut, so 
dass ich grosse Touren machte. Mit 13 Jahren hatte ich Pubes, war etwa 
6 Fus8 gross, aber im Gesicht ein Weibsbild bis 18 Jahren, wo der Bart stark 
kam und ich vor der Weiberähnlichkeit Ruhe hatte. Eine mit 12 Jahren 
erworbene, erst mit 20 Jahren geheilte Inguinalhernie genirte mich sehr, be- 
sonders beim Turnen; es kam hiezu vom 12. Jahre an bei langem Sitzen und 
besonders bei Nachtarbeit, die häufig lang war, ein Jucken, Brennen, Zittern 
von dem Penis an bis über das Kreuz hinaus, welches Sitzen und Stehen 
erschwerte und sich durch Erkältung steigerte; ich ahnte aber im Entferntesten 
nicht, dass dies mit den Genitalien Zusammenhang haben könnte. Da keiner 
meiner Freunde daran litt, so kam es mir ganz fremd vor und brauchte ich 
die äusserste Geduld, es zu ertragen, um so mehr, als überhaupt der Unterleib 
mich oft genirte. 

In sexualibus war ich noch ganz unwissend, hatte aber jetzt, so mit 
12 bis 18 Jahren, das sichere Gefühl, lieber ein Frauenzimmer sein zu wollen. 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 207 

Ihre Gestalt gefiel mir besser, ihr ruhiges Auftreten, ihr Anstand, aber beson- 
ders ihre Kleider benagten mir sehr, hütete mich aber wohl, es merken zu 
lassen, doch weiss ich gewiss, dass ich das Castrationsmesser nicht gescheut 
hätte, um meinen Zweck zu erreichen. Hätte ich sagen sollen, warum ich 
Heber in Frauenkleidern stäke, so hätte ich bloss sagen können : es zieht mich 
eben mit Gewalt hinein; vielleicht kam ich mir auch wegen meiner selten 
weichen Haut eher wie ein Mädchen vor; diese war nämlich, besonders im 
Gesicht und an den Händen, sehr empfindlich. Bei den Mädchen war ich 
gerne gesehen; obgleich ich lieber stets unter ihnen gewesen wäre, so ver- 
höhnte ich sie, wo ich konnte, denn ich musste übertreiben, um nicht selbst 
weibisch zu erscheinen, und beneidete sie im Herzen doch stets ; besonders war 
mein Neid gross, wenn eine Freundin lange Kleider bekam, in Handschuhen 
und Schleier ging. Als ich mit 15 Jahren eine Reise machte, schlug mir eine 
junge Dame, bei der ich wohnte, vor, mich als Dame zu maskiren und mit 
ihr auszugehen; ich ging aber, da sie nicht allein war, nicht darauf ein, so 
gerne ich es gethan hätte. So wenig Umstände machte man mit mir; gerne 
sah ich auf jener Reise, dass die Knaben in einer Stadt Blousen mit kurzen 
A ermein und nackten Armen trugen. Eine ganz geputzte Dame erschien mir 
wie eine Göttin, berührte mich ihre Glacehand, so war ich glücklich und 
neidisch, und wäre eben zu gerne an ihrer Stelle in den schönen Sachen und 
der zierlichen Gestalt gesteckt. Nichtsdestoweniger studirte ich sehr fleissig, 
machte Realschule und Gymnasium in 9 Jahren durch, legte eine gute Maturitäts- 
prüfung ab. Ich erinnere mich, mit 15 Jahren das erste Mal zu einem Freunde 
den Wunsch geäussert zu haben, ein Mädchen zu sein ; auf seine Frage nach 
dem Grunde konnte ich keine Antwort geben. Im 17. Jahre war ich in lockere 
Gesellschaft gekommen, ich trank viel Bier, rauchte und suchte mit Kellnerinnen 
zu scherzen; diese verkehrten gerne mit mir, aber man behandelte mich stets, 
als ob ich auch Röcke trüge. Die Tanzstunde konnte ich nicht besuchen, es 
trieb mich hinaus; hätte ich als Maske hingehen können, dann wäre es anders 
gewesen. Meine Freunde liebte ich zärtlich, nur einen hasste ich, der mich 
zur Onanie verleitet hatte. Pfui über jenen Tag, der mir für mein Lebenlang 
geschadet hat; ich trieb sie ziemlich stark, kam mir aber dabei wie ein doppelter 
Mensch vor; ich kann das Gefühl nicht beschreiben; ich glaube, es war 
männlich, aber mit weiblichem gemischt. An ein Mädchen konnte ich nicht 
ankommen, ich fürchtete dieselben, und doch waren sie mir nicht fremd; sie 
imponirten mir aber doch mehr als meinesgleichen, ich beneidete sie, ich hätte 
auf alle Freuden verzichtet, wenn ich hätte nach der Klasse zu Hause als 
Mädchen sein dürfen und wenn ich vollends so hätte ausgehen dürfen; eine 
Crinoline, ein knapper Handschuh war eben mein Ideal. 

Ich empfand bei jedem Damenanzuge, den ich sah, wie ich mich darin 
fühlen würde, nämlich als Dame ; eine Sehnsucht nach Männern hatte ich nicht. 

Ich erinnere mich zwar, mit ziemlicher Zärtlichkeit an einem bildschönen 
Freunde mit Mädchengesicht und dunklen Locken gehangen zu haben, glaube 
aber nur den Wunsch gehabt zu haben, dass wir beide Mädchen sein möchten. 

Auf der Hochschule gelangte ich endlich einmal zum Coitus; hoc modo 
sensi, me libentius sub puella coneubuisse et penem meum cum eunno mutatum 
maluisse. Das Mädchen musste auch zu seinem Erstaunen mich wie ein Mädchen 
behandeln, auf was sie gerne einging und mich aber auch behandelte, als 


208 Paraesthesia sexualis. 

wäre ich nun sie (sie war noch ziemlich dumm und verspottete mich des- 
halb nicht). 

Als Student war ich zur Zeit wild, fühlte aber stet«, dass ich diese Wild- 
heit nur mehr als Maske vornahm ; ich trank, schlug mich, konnte aber wieder 
nicht Tanzunterricht nehmen, weil ich mich zu verrathen fürchtete. Meine 
Freundschaften waren innig, aber ohne Nebengedanken; am meisten freute es 
mich, wenn ein Freund sich als Dame maskirte oder wenn ich die Toiletten 
der Damen auf einem Balle mustern konnte ; ich hatte alles Yerst&ndniss dafür 
und fing auch allmählich an zu fühlen wie ein Frauenzimmer. 

Wegen unglücklicher Verhältniese machte ich zwei Selbstmordversuche; 
ohne Grund schlief ich einmal 14 Tage nicht, hatte viel Hallucinationen (Ge- 
sicht und Gehör zugleich), verkehrte mit Verstorbenen und Lebenden zugleich, 
was mir bis heute geblieben ist. 

Auch eine Freundin hatte ich, die meine Liebhaberei kannte, meine 
Handschuhe anzog, aber mich eben auch nur als Mädchen gelten liess. So 
verstand ich die Weiber besser, als ein anderer Mann, und wie sie das heraus 
hatten, so wurde ich eben wieder more feminarum behandelt, als hätte man 
eine Freundin getroffen. Ich konnte es im Ganzen auch nicht ausstehen, wenn 
gezotet wurde, und that es eigentlich auch nur Bramarbasirens halber, wenn 
es geschah. Den anfänglichen Ekel gegen Gestank und Blut legte ich bald 
ab bis zum Gegentheile, einzelne Gegenstände jedoch konnte ich nie sehen 
ohne Ekel. Nur das Eine fehlte mir stets, dass ich über mich stets im Un- 
klaren war; ich wusste, dass ich weibliche Neigungen habe, glaubte aber doch 
ein Mann zu sein, doch zweifle ich, ob ich ausser den Coitus versuchen, die 
mir nie Vergnügen machten (was ich der Onanie zuschrieb), je einmal ein 
Weib bewunderte, ohne den Wunsch, dasselbe zu sein, oder mich zu fragen, 
ob ich es sein möchte oder in seinem Putze auftreten möchte. In der Geburts- 
hilfe, welche zu lernen mir sehr schwer wurde (ich schämte mich für die auf- 
liegenden Mädchen und hatte Mitleid mit ihnen), habe ich bis zum heutigen 
Tag ein Gefühl des Schreckens zu überwinden ; ja es kam mir schon vor, da*s 
ich die Traktionen mitzufühlen vermeinte. An mehreren Stellen mit Erfolg als 
Arzt verwendet, machte ich einen Feldzug mit als freiwilliger Arzt. Das Reiten, 
welches mir schon als Student peinlich war, weil die Genitalien dabei mehr 
weibliche Gefühle vermittelten, fiel mir schwer (nach Frauenart wäre es leichter 
gegangen). 

Immer noch glaubte ich, ein Mann mit undeutlichen Gefühlen zu sein, 
und immer, wenn ich mit Damen zusammenkam, wurde ich bald eben wieder 
als uniformirte Dame behandelt (wäre, als ich das erste Mal die Uniform trug, 
viel lieber in ein Damenkostüm mit Schleier geschlüpft; es war mir ein 
störendes Gefühl, wenn man auf den stattlichen Uniformirten schaute). In der 
Privatpraxis hatte ich in allen 3 Hauptbranchen Glück, dann machte ich noch- 
mals einen Feldzug mit; in diesem kam mir meine Natur zu gute, da ich 
glaube, dass seit dem ersten Esel auf der Welt kein Grauthier so viel Geduld 
an den Tag zu legen hatte, als ich. Dekorationen blieben nicht aus, doch 
Hessen sie mich kalt. 

So schlag ich mich durch das Leben, so gut es ging, nie zufrieden mit 
mir, voller Weltschmerz, zwischen Sentimentalität oder Wildheit, die zwar 
meist affektirt war, schwankend. 


Wahn der Geschlechtsverwandlung. 209 

Ganz eigentümlich ging es mir als Heirathskandidat. Am liebsten 
hatte ich gar nicht geheirathet, aber Familienverhältnisse und Praxis zwangen 
mich dazu. Ich heirathete eine energische, liebenswürdige Dame aus einer 
Familie, wo Weiberherrschaft blühte. Ich war in sie verliebt, so gut es unser 
einer sein kann, d. h. was er liebt, liebt er mit ganzem Herzen und geht in 
ihm auf, wenn er auch nicht so stürmisch erscheint, wie ein ganzer und 
ächter Mann; er liebt seine Braut mit aller weiblichen Tiefe, fast wie einen 
Bräutigam, nur gestand ich mir diese Seite nicht ein, weil ich immer noch 
glaubte, nur ein verstimmter Mann zu sein, der durch die Ehe wohl ganz zu 
sich selber kommen und sich finden werde. Aber schon in der Hochzeitsnacht 
fühlte ich, dass ich nur als männlich gestaltetes Weib fungirte; sub femina 
locum meum esse mihi visum est. Wir lebten im ganzen zufrieden und glück- 
lich, blieben ein paar Jahre kinderlos. Nach einer schweren Schwangerschaft, 
während welcher ich in Feindesland zu Tode lag, kam auf eine schwere Geburt 
der erste Knabe, dem eine melancholische Natur bis heute noch anhängt, der 
heute noch schwermüthig ist; dann ein zweiter, welcher ganz ruhig ist, ein 
dritter voller Streiche, ein vierter, ein fünfter; allein sämmtliche haben schon 
Anlage zur Neurasthenie. Da ich mich nie an meinem Platze fühlte, so ging 
ich viel in lustige Gesellschaft, arbeitete aber immer, was des Menschen Kraft 
vermochte, studirte, operirte, ezperimentirte mit vielen Arzneimitteln und Kur- 
methoden, auch stets an mir selber. In der Ehe überliess ich meiner Frau das 
Regiment im Hause, da sie das Haushalten sehr gut versteht. Meine Pflichten 
als Ehemann verrichtete ich so gut, als es ging, aber ohne Befriedigung für 
mich; vom ersten Coitus bis heute ist mir die männliche Stellung dabei zu- 
wider und zu schwer gewesen. Ich hätte viel lieber die andere Rolle gehabt. 
Musste ich meine Frau entbinden, so brach es mir beinahe das Herz, da ich 
ihre Schmerzen zu würdigen wusste. So lebten wir lange zusammen, bis 
schwere Gichterkrankung mich in verschiedene Bäder trieb und mich ne ur- 
asthenisch machte. Zugleich wurde ich so anämisch, dass ich alle paar Monate 
eine Zeitlang Eisen nehmen musste, andernfalls war ich wie chlorotisch oder 
hysterisch, oder beides zusammen. Stenocardie plagte mich oft, dann kamen 
halbseitige Krämpfe in Kinn, Nase, Hals, Kehlkopf, Hemikranie, Zwerchfell- 
und Brustmuskelkrampf; etwa 3 Jahre lang dauerndes Gefühl, als wenn die 
Prostata vergrößert wäre, ein Expulsionsgefühl, wie wenn ich etwas gebären 
sollte, Schmerzen in der Hüfte, perennirendes Kreuzweh u. dergl. ; doch wehrte 
ich mich mit der Wuth der Verzweiflung gegen diese mir weibisch oder 
weiblich imponirenden Beschwerden, bis vor 3 Jahren ein ganz heftiger Anfall 
von Arthritis mich vollständig brach. 

Noch ehe dieser furchtbare Gichtanfall eintrat, habe ich in der Ver- 
zweiflung, um die Gicht zu tilgen, heisse Bäder, der Körperwärme so nahe 
als möglich, genommen. Da geschah es einmal, dass ich mich plötzlich ver- 
ändert und dem Tode nahe fühlte; ich sprang mit der letzten Kraft aus der 
Therme heraus, hatte mich aber ganz als Weib mit Libido gefühlt. Ferner 
zur Zeit, als das Ext. cannabis ind. aufkam und sogar gepriesen wurde, nahm 
ich aus Angst vor meinem drohenden Gichtanfalle (und von Gleichgültigkeit 
gegen das Leben gepeinigt) etwa die 3— 4fach gebräuchliche Dosis von Ext. 
cannabis ind. und machte eine Haschischvergiftung auf Leben und Sterben 
durch. Lachkrampf, Gefühl von unerhörter Körperkraft und Schnelligkeit, 
v. K rafft- Eb in g, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 14 


210 Paraesthesia sezualis. 

eigenartiges Gefühl in Gehirn und Augen, Milliarden von Funken vom Gehirne 
aus die Haut durchzuckend stellten sich ein, doch konnte ich mich noch zum 
Sprechen zwingen; allein auf einmal sah ich mich von den Zehen bis zur 
Brust als Weib, fühlte, wie früher in der Therme, dass die Genitalien ein- 
gestülpt wurden, das Becken sich erweiterte, die Brüste herausschössen, eine 
unsägliche Wollust sich meiner bemächtigte. Da schloss ich die Augen, so 
dass ich wenigstens das Gesicht nicht verändert sah. Mein Arzt hatte dabei 
das Aussehen, als hätte er eine Riesenkartoffel statt des Kopfes, meine Frau 
hatte den Vollmond auf dem Rumpfe. Und dennoch war ich stark genug', 
als beide das Zimmer auf kurze Zeit verliessen, in mein Notizbuch meinen 
kurzen letzten Willen einzutragen. 

Aber wer beschreibt meinen Schrecken, als ich am anderen Morgen, mich 
vollständig zum Weibe verwandelt fühlend, erwachte und beim Gehen und 
Stehen eine Vulva und Mammae fühlte. 

Als ich endlich aus dem Bette mich erhob, fühlte ich, dass mit mir eine 
ganze Umwälzung vorgegangen sei. Schon während der Krankheit sagte ein 
Besuch: für einen Mann ist er so geduldig, und machte mir einen blühenden 
Blumenstock zum Geschenk, was mich befremdete, aber doch freute. Von nun 
an war ich geduldig, wollte nichts mehr im Sturme thun, wurde aber zäh wie 
eine Katze, dabei aber mild, versöhnlich, nicht mehr nachträglich, kurz wie ein 
Weib dem Gemüthe nach. Während der letzten Krankheit hatte ich viele Ge- 
sichts- und Gehörshallucinationen, sprach mit den Todten etc., sah und hörte 
Spiritus familiäres, fühlte mich als eine doppelte Person, doch merkte ich auf 
dem Krankenlager selber noch nicht, dass der Mann in mir erloschen war. 
Meine Gemüthsveränderung war ein Glück, da mich ein Schlag traf, der mich 
bei meiner früheren Stimmung auf den Tod getroffen hätte, den ich aber jetzt 
mit Ergebung hinnahm, so dass ich mich selbst nicht mehr erkannte. Da ich 
die Erscheinungen der Neurasthenie noch oft mit Gicht verwechselte, so ge- 
brauchte ich noch viele Bäder, bis ein Hautjucken mit der Empfindung der 
Krätze durch eine Therme so zunahm statt abzunehmen, dass ich alle äußer- 
liche Therapie aufgab (ich wurde immer anämischer durch die Bäder) und 
mich abhärtete, so gut es ging. Aber das weibliche Zwangsgefühl blieb und 
wurde so stark, dass ich nur die Maske des Mannes trage, sonst aber mich in 
jeder Beziehung als vollkommenes Weib nach allen Theilen fühle und von der 
alten Zeit zur Zeit die Erinnerung verloren habe. 

Was die Gicht noch etwa übrig gelassen hatte, ruinirte die Influenza 
vollends. 

Status praesens: Ich bin gross, Haarboden gelichtet, Bart wird grau, 
meine Haltung fängt an gebückt zu werden ; habe seit der Influenza etwa ein 
Viertel der rohen Kraft verloren. Gesicht sieht in Folge eines Klappenfehlers 
etwas geröthet aus; Vollbart; chronische Conjunctivitis; mehr muskulös als 
fett; linker Fuss scheint varicose Venen zu bekommen, schläft öfters ein, ist 
noch nicht sichtbar verdickt, aber scheint es zu werden. 

Die Mammillagegend hebt sich trotz Kleinheit deutlich ab. Der Bauch 
hat die Form eines weiblichen Bauches, Füsse nach Frauenart gestellt, Waden 
etc. wie diese; mit den Armen ist es gerade so und mit den Händen. Kann 
Frauenstrümpfe und Handschuhe 7*/* — 7 7* tragen; ebenso trage ich ohne Be- 
schwerde ein Corset, Gewicht wechselt zwischen 168—184 Pfund. Urin ohne 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 211 

Eiweiss, ohne Zucker, enthält über die Norm Harnsäure; secernirt er aber nicht 
viel Harnsäure, so ist er hell, fast wasserhell nach jeder Aufregung irgend 
einer Art. Stuhl meist regelmässig, ist er es aber nicht, so kommen alle weib- 
lichen Beschwerden der Obstipation. Schlaf schlecht, oft viele Wochen lang 
nur 2 — 3 Stunden lang. Appetit ziemlich gut, doch im Ganzen erträgt der 
Magen nicht mehr, als der einer starken Frau und reagirt gegen scharfe Speisen 
sofort durch Hautausschlag und Brennen in der Harnröhre. Haut ist weiss, 
im Ganzen fühlt sie sich sehr glatt an ; unerträgliches Jucken in derselben seit 
2 Jahren, hat in den letzten Wochen abgenommen, zeigt sich nur noch mehr 
in der Kniekehle und am Scrotum. 

Neigung zu Schweiss; Ausdünstung früher so gut wie nicht vorhanden, 
macht jetzt alle hässlichen Nuancen der weiblichen Ausdünstung, besonders am 
Unterleibe durch, so dass ich mich noch reinlicher halten muss als eine Frau. 
(Parfümire das Taschentuch, benütze parfümirte Seifen und Eau de Cologne.) 

Allgemeingefühl: Ich fühle mich als Frauenzimmer in Mannes- 
gestalt; wenn ich auch manchmal noch die Form des Mannes fühle, so fühlt 
das betreffende Glied dennoch weiblich, so z. B. der Penis als Clitoris; die 
Urethra als Urethra und Scheideneingang, sie fühlt stets etwas nass, auch wenn 
sie noch so trocken ist; das Scrotum als Labia majora; kurz, ich fühle eben 
stets eine Vulva, und was das zu bedeuten hat, weiss nur, wer selber so fühlt 
oder gefühlt hat. Aber die ganze Haut am ganzen Körper fühlt weiblich, 
nimmt alle Eindrücke, seien es solche des Tasten 8, der Wärme oder feindselige, 
als Weib auf und habe ich die Empfindungen eines solchen; mit blossen Hän- 
den kann ich nicht gehen, da Hitze und Kälte mich gleich sehr peinigen; wenn 
die Zeit, wo es uns Herren gestattet ist, den Sonnenschirm zu tragen, vorüber 
ist, so habe ich sehr grosse Pein in meiner Gesichtshaut zu leiden, bis wieder 
der Sonnenschirm gebraucht werden darf. Erwache ich Morgens, so dämmert 
es in mir einige Augenblicke, es ist, als ob ich mich selber suche, dann er- 
wacht das Zwangsgefühl, Weib zu sein; ich fühle das Gefühl der Vulva (resp. 
dass eine solche da ist), und begrüsse den Tag mit einem stillen oder lauten 
Seufzer, denn ich habe schon wieder Angst vor dem jetzt kommenden Theater- 
spielen den ganzen Tag. Es ist keine Kleinigkeit, sich als Weib fühlen und 
als Mann handeln müssen. Alles musste ich wie neu lernen; die Messer, die 
Apparate, Alles fühlte sich seit 3 Jahren ganz anders an, und bei dem ge- 
änderten Muskelgefühl musste ich Alles neu lernen. Es ist auch gelungen, nur 
die Führung der Säge und des Knochenmeiseeis macht mir noch zu schaffen ; 
es ist beinahe, als ob die rohe Kraft nicht ganz ausreichte. Dagegen habe 
ich mehr Gefühl bei der Arbeit mit dem scharfen Löffel in den Weichtheilen ; 
widerwärtig ist es, dass ich bei Untersuchung von Damen oft ihre Gefühle 
mitfühle, was dieselben zwar nicht befremdet. Am allerwiderwärtigsten fühle 
ich eine Kindsbewegung mit; eine Zeitlang, mehrere Monate, quälte mich das 
Gedankenlesen bei beiden Geschlechtern, gegen welches ich jetzt noch anzu- 
kämpfen habe ; bei Weibern ertrage ich es noch eher, bei Männern ist es mir 
zuwider. Vor 3 Jahren habe ich noch nicht bewusst die Welt mit Weiber- 
augen angesehen; es kam diese Aenderung im Rapport des Opticus zum Ge- 
hirn unter heftigem Kopfweh fast plötzlich. Ich war bei einer geschlechtlich 
verkehrt fühlenden Dame, da sah ich sie plötzlich so verändert, als ich mich 
jetzt fühle, nämlich sie als Mann und fühlte mich Weib ihr gegenüber dass 


212 Paraesthesia sexualis. 

ich mit schlecht verhohlenem A erger sie verliess; dieselbe war damals sich 
noch nicht klar geworden über ihren Zustand. 

Seither machen alle Sinne ihre Wahrnehmung in weiblicher Form und 
ebenso ihren Rapport. Dem Cerebralsystem schloss sich fast unmittelbar das 
vegetative an, so dass alle Beschwerden sich in weiblicher Weise äusserten ; die 
Empfindlichkeit aller Nerven, besonders die des Acusticus, Olfaktorius oder Trige- 
minus, steigerten sich zur Nervosität; klappt nur ein Fenster, so fahre ich zu- 
sammen, d. h. innerlich, der Mann darf ja nicht ; ist eine Speise nicht absolut 
frisch, so habe ich Cadavergeruch in der Nase. Dem Trigeminus hätte ich nie 
zugetraut, dass so launenhaft die Schmerzen von einem Ast auf den andern 
Überspringen, von einem Zahne ins Auge. 

Doch ertrage ich seit meiner Aenderung Zahnweh und Migräne leichter, 
habe auch weniger Angstgefühl bei Stenocardie. Eine eigenthümliche Beob- 
achtung scheint es mir, dass ich mich als ein ängstliches schwächeres Wesen 
fühle, bei drohenden Gefahren aber viel mehr Kaltblütigkeit und Ruhe besitze, 
ebenso bei sehr schweren Operationen. Der Magen rächt den leisesten (gegen 
die Diät einer Frau) begangenen Fehler unnachsichtlich in Weiberart, sei es 
durch Ructus oder sonstige Beschwerden, besonders einen Alkoholmissbrauch; 
der Kater des sich Weib fühlenden Mannes ist viel infamer, als der colossalste 
akademische Katzenjammer ; es kommt mir beinahe vor, 'als ob man als Weib 
fühlend ganz unter der Herrschaft des vegetativen Systems stehe. 

So klein meine Brustwarzen sind, so wollen sie Platz und fühle ich sie 
als Mammae, wie zwar auch schon in Pubertätsjahren die Warzen schwollen und 
schmerzten; deshalb genirt mich jedes weisse Hemd, die Weste, der Rock. 
Vom Becken habe ich das Gefühl, als ob es ein weibliches sei, dito von After 
und Nates; störend war im Beginn mir das Weiblichkeitsgefühl des Bauches, 
welcher in keine Hosen will und stets das Gefühl der Weiblichkeit hervorbringt 
oder besitzt. Auch habe ich das Zwangsgefühl einer Taille. Es ist mir, wie 
wenn ich, einer eigenen Haut beraubt, in eine Weiberhaut gesteckt wäre, die 
sich an Alles genau anpasst, aber Alles fühlt, wie wenn sie ein Weib umgäbe, 
und dessen Gefühle durch den ganzen eingeschlossenen Manneskörper strömen 
liesse und die männlichen exmittirt hätte. Die Hoden sind, wenn auch nicht 
atrophisch oder degenerirt, doch keine Hoden mehr und machen mir oft Schmerzen 
mit dem Eindrucke, als ob sie in den Bauch hineingehörten und festsitzen soll- 
ten; die Beweglichkeit derselben peinigt mich oft. 

Alle 4 Wochen, zur Vollmondszeit, habe ich 5 Tage lang alle Molimina 
wie eine Frau, körperlich und geistig, nur dass ich nicht blute, während ich 
-das Gefühl von Abgang von Flüssigkeit, ein Gefühl von Geschwollensein der 
Genitalien und des Unterleibes (innen) habe; eine sehr angenehme Zeit, besonders 
wenn nachher und später ein paar Tage lang in der Zwischenzeit das physio- 
logische Gefühl der Begattungsbedürftigkeit kommt mit seiner ganzen, das Weib 
durchdringenden Kraft; der ganze Körper ist dann von diesem Gefühle voll, 
wie ein eingetauchtes Zuckerstück voll Wasser gesogen ist oder so voll als wie 
nasser Schwamm ; da heisst es : zuerst liebebedürftiges Weib, dann erst Mensch, 
und zwar ist das Bedürfniss, wie mir scheint, mehr ein Sehnen nach Empfängnies \ 

als nach Coitus. Der immense Naturtrieb oder die weibliche Geilheit lässt aber I 

das Schamgefühl zurücktreten, so dass indirect der Coitus gewünscht wird. 
Männlich habe ich den Coitus höchstens dreimal im Leben gefühlt, wenn es 


Wahn der Geschlechtsverwandlung. 213 

überhaupt so war, gleichgültig in allen sonstigen Fällen ; in den letzten 3 Jahren 
aber fühle ich ihn deutlich passiv als Frauenzimmer, sogar manchmal mit weib- 
lichem EjaculationsgefÜhl ; stets fühle ich mich begattet und ermüdet wie ein 
Weib, oft auch unwohl darauf, wie es einem Manne niemals zu Muthe ist. 
Einige Male verursachte er mir einen so grossen Genuss, dass ich denselben 
mit nichts vergleichen kann; es ist einfach das wonnigste, gewaltigste Gefühl 
auf Erden , um welches Alles geopfert werden kann ; in diesem Augenblicke 
ist das Weib bloss Vulva, welche die ganze Person verschlungen hat. 

Das Gefühl, Weib zu sein, habe ich seit 3 Jahren keinen Augenblick 
verloren, es ist mir dieses jetzt durch die Gewöhnung nicht mehr so peinlich, 
obgleich ich mich seitdem minderwerthig fühle, denn sich Weib zu fühlen ohne 
Genussverlangen, ist auch für einen Mann zum Aushalten ; aber wenn Bedürf- 
nisse kommen! Dann hört die Gemüthlichkeit auf; das Brennen, die Wärme, 
das Turgorgefühl der Genitalien (bei nicht erigirtem Penis, die Genitalien fallen 
wie aus der Rolle). Ein bei starkem Drange auftretendes Gefühl von Ansaugen 
in der Vagina und Vulva ist geradezu schrecklich) eine Höllenpein der Wollust, 
aber kaum auszuhalten. Bin ich dann in der Lage, einen Coitus auszuführen, 
so ist es besser, aber er bewirkt wegen mangelnder Empfangniss keine voll- 
ständige Befriedigung, das Gefühl der Sterilität stellt sich ein mit seinem ganzen 
beschämenden Drucke, nebst dem Gefühle der passiven Begattung, des verletzten 
Schamgefühles; man kommt sich fast wie eine Lustdirne vor. Der Verstand 
hilft nichts dagegen, das Zwangsgefühl der Weiblichkeit beherrscht und bezwingt 
Alles. Wie schwer man in solchen Zeiten beruflich arbeitet, ist leicht zu er- 
messen; doch dazu kann man sich zwingen. Freilich ist es beinahe nicht 
möglich, zu sitzen, zu gehen, zu liegen, wenigstens kann man von diesen drei 
Zuständen keinen lange aushalten, dazu die stete Berührung der Hosen etc., es 
ist unausstehlich. 

Die Ehe macht dann, ausser dem Moment des Coitus, wo der Mann sich 
begattet fühlen mqss, noch den Eindruck des Zusammenlebens zweier Weiber, 
von denen eines sich nur als Mann maskirt betrachtet. Bleiben diese perio- 
dischen Molimina einmal aus, so kommen die Gefühle der Gravidität oder 
der sexuellen UeberBättigung, die der Mann sonst nicht kennt, die aber den 
ganzen Menschen geradeso in Beschlag nehmen wie das Weiblichkeitsgefühl, 
nur dass sie specifisch widerwärtig sind, so dass man gerne die regelmässigen 
Molimina wieder sich gefallen lässt. Wenn erotische Träume oder Vorstel- 
lungen kommen, so sieht man sich in der Form, welche man als Weib hätte, 
und sieht erigirte Glieder, die sich präsentiren; es wäre, da auch der After 
weiblich fühlt, gar nicht schwer, zum Einäden zu werden, nur das positive 
religiöse Verbot hindert daran, alle anderen Rücksichten würden hinfällig 
werden. 

Da solche Zustände wohl Jedem widerwärtig sein werden, so ist eine 
Sehnsucht vorhanden, geschlechtslos zu sein oder sich machen zu dürfen. Wenn 
ich ledig wäre, so hätte ich längst Hoden und Scrotum earamt Penis den Ab- 
schied gegeben. 

Was hilft das höchste weibliche Genussgefühl, wenn man doch nicht 
concipirt? Was nützen die Regungen weiblicher Liebe, wenn man zur Befrie- 
digung wieder eine Frau hat? wenn auch die Begattung sie uns als Mann 
empfinden lässt. Wie entsetzlich beschämend ist die weibliche Ausdünstung! 


214 Paraesthesia sexualis. 

Wie erniedrigt den Mann das Gefühl der Freude an Kleidern und Schmuck! 
Er möchte selbst in der umgewandelten Form, selbst wenn er des männlichen 
Geschlechtsgefiihles sich nicht mehr erinnern kann, eben doch nicht sich als 
Weib fühlen müssen; er weiss noch ganz gut, dass er früher nicht stets ge- 
schlechtlich fühlte, dass er auch ein blosser Mensch war, unbeeinflusst vom 
Geschlecht ! Jetzt auf einmal soll er stets seine bisherige Individualität nur als 
Maske empfinden, stets sich als Weib fühlen, eine Abwechslung nur haben, wenn 
er alle 4 Wochen seine periodischen Beschwerden und zwischen hinein seine 
weibliche nicht zu befriedigende Geilheitszeit hat? Wenn er erwachen darf, 
ohne sofort sich als Weib fühlen zu müssen ? Zuletzt sehnt er sich nach einem 
Augenblick, wo er seine Maske lüften könnte, der Augenblick kommt nicht! 
Erleichterung des Elendes kann er nur finden, wenn er ein Stück Weiblichkeit, 
Schmuck, ein Unterkleid etc. anziehen kann, denn als Weib darf er ja doch 
nicht gehen ; alle seine Berufspflichten mit dem Gefühle einer als Herr kostü- 
mirten Schauspielerin erfüllen zu müssen und kein Ende abzusehen, ist keine 
Kleinigkeit. Die Religion allein schützt vor grobem Lapsus, hindert aber das 
Peinliche nicht, wenn die Versuchung an das weiblich fühlende Individuum so 
herantritt, wie an ein wirkliches Weib und so gefühlt und durchgemacht werden 
mu88 ! Wenn ein angesehener Mann, der im Publikum ein seltenes Vertrauen 
geniesst und eine Autorität besitzt, sich mit seiner wenn auch imaginären Vulva 
herumschlagen muss; wenn man von schwerem Tagewerk herkommt und ist 
genöthigt, die Toilette der nächstbesten Dame zu mustern, mit Weiberaugen 
zu kritisiren, aus ihrem Gesichte ihre Gedanken abzulesen, wenn ein Mode- 
Journal (das hatte ich schon als Kind) das gleiche Interesse einflösst, wie ein 
wissenschaftliches Werk ? Wenn man seinen Zustand vor seiner Gattin, deren 
Gedanken man, sobald man sich Weib fühlt, abliest vom Gesichte, verbergen 
muss, während ihr doch klar wird, dass man sich an Leib und Seele geändert 
hat? Die Qualen, welche die zu überwindende weibliche Weichlichkeit ver- 
ursacht! Es gelingt zwar manchmal, wenn man in Urlaub allein ist, einige 
Zeit mehr als Frau zu leben, z. B. weibliche Kleider 'etc., besonders bei der 
Nacht zu tragen, die Handschuhe fast stets anzubehalten, einen Schleier oder 
eine Maske im Zimmer vorzunehmen, dass man dann vor der übermässigen 
Libido Ruhe hat, aber die einmal eingedrungene Weiblichkeit verlangt gebieterisch, 
dass sie anerkannt werde ; sie begnügt sich oft mit einer bescheidenen Concession, 
des Umnehmens eines Armreifes hinter der Manchette z. B., aber eine Concession 
in irgend welcher Art verlangt sie gebieterisch. Das einzige Glück ist nur das, 
dass man sich ohne Scham weiblich costümirt sehen kann, ja dass man, wenn 
das Gesicht verschleiert oder maskirt ist, sich lieber so sieht und sich natürlich 
vorkommt; man hat dann, wie jede andere Modegans, den Geschmack der laufenden 
Mode, so sehr wird und ist man umgewandelt! Bis man sich an den Ge- 
danken gewöhnt hat, selbständig nur als Weib zu fühlen und die frühere Denk- 
weise gewissermassen nur aus der Erinnerung zum Vergleiche herzuholen, und 
dann als Mann sich zu äussern, gehört lange Zeit und unsägliche Ueberwindung. 
Trotzdem wird es noch vorkommen, dass man sich auf einer weiblichen 
Gefühl8äu8serung ertappt, sei es in sexualibus, dass man sagt : man fühlt so und 
so, was aber ein Nichtweib nicht wissen kann, oder dass man zufällig verräth, 
dass Einem die weibliche Kleidung gang und gäbe ist. Vor Frauen allein macht 
dies nichts aus, da sich eine Frau in erster Linie geschmeichelt fühlt, wenn 


Erworbene conträre Sexualempfindung. 215 

man von ihren Sachen etwas versteht, nur darf es nicht vor der eigenen Frau 
passiren ! Wie erschrak ich einmal, als meine Frau einer Freundin sagte, dass 
ich für Damenartikel einen sehr feinen Geschmack besitze ! Wie war eine hoch- 
müthige Modedame überrascht, als ich ihr, die im Begriffe war, ihr Töchterchen 
ganz falsch zu erziehen, alle weiblichen Gefühle schriftlich und mündlich dar- 
legte (ich log ihr zwar vor, ich hätte mein Wissen aus Briefen geschöpft) ; aber 
ebenso gross ist ihr Zutrauen jetzt, und das Kind, auf dem Wege verrückt zu 
werden, ist vernünftig geblieben und ist fröhlich. Es hatte nämlich alle Re- 
gungen der Weiblichkeit als Sünden gebeichtet, jetzt weiss es, was es als 
Mädchen ertragen und durch Willen und Religion beherrschen muss, und fühlt 
sich als Mensch. Die beiden Damen würden herzlich lachen, wenn sie wüssten, 
dass ich nur aus eigener trauriger Erfahrung geschöpft habe. Beifügen muss 
ich noch, dass ich seither ein viel feineres Temperaturgefühl habe, dazu aber 
noch ein mir vorher unbekanntes Gefühl für die Elasticität der Haut, für Span- 
nung der Gedärme etc. bei Patienten, dass aber bei Operationen und Sektionen 
feindliche Flüssigkeiten meine (unverletzte) Haut leichter durchdringen. Jede 
Sektion macht mir Schmerzen, jede Untersuchung einer Dirne oder einer Frau 
mit Fluor, Krebsgenich u. dergl. berührt mich geradezu feindlich. Ueberhaupt 
stehe ich jetzt stark unter dem Einflüsse von Antipathie und Sympathie, vom 
Farbensinne an bis zur Beurtheilung einer ganzen Person. Frauen sehen ein- 
ander die sexuelle derzeitige Stimmung gewöhnlich an, deshalb trägt eine Dame 
den Schleier, wenn sie ihn auch nicht stets vornimmt, und parfümirt sich ge- 
wöhnlich, wenn es auch nur Taschentuch oder Handschuhe sind, denn ihre Ge- 
rachsempfindung ihrem Geschlechte gegenüber ist enorm; überhaupt wirken 
Gerüche auf einen weiblichen Organismus ganz unglaublich ein; so z. B. be- 
ruhigt mich Veilchen und Rose, andere Gerüche ekeln mich, mit Hang könnte 
ich es vor geschlechtlicher Erregtheit nicht aushalten. Berührung einer Frau 
erscheint mir homogen, Coitus mit der Frau erscheint mir dadurch möglich, 
dass sie etwas männlicher ist, eine feste Haut besitzt und doch ist es mehr ein 
Amor lesbicus. 

Zudem fühle ich mich stets passiv. Wenn ich oft Nachts vor Aufregung 
nicht schlafen kann, gebt es endlich, si femora mea distensa habeo, sicut 
mulier cum viro concumbens, oder auf eine Seite mich lege, nur darf dann kein 
Arm oder kein Bettstück die Mamma berühren, sonst ist es mit dem Schlafe 
wieder aus; auch der Bauch will nicht gedrückt sein. In Frauenhemd und 
Bettjacke schlafe ich am besten, und dann noch mit Handschuhen, denn es 
friert mich leicht an den Händen ; in weiblichen Unterhosen und Unterröcken 
behagt es mir auch, weil sie die Genitalien nicht berühren. Am liebsten 
waren mir Frauenkleider zur Grinolinenzeit. Frauenkleider geniren den weib- 
lich fühlenden Menschen nicht, da er sie, wie jedes Weib, als zu seiner Person 
gehörend, fühlt, nicht als fremde Gegenstände. 

Mein liebster Verkehr ist eine an Neurasthenie leidende Dame, welche 
seit dem letzten Wochenbette männlich fühlt, sich aber, seit ich ihr diese Gefühle 
gedeutet habe, so gut als möglich darein schickt, coitu abstinet, was ich als 
Mann eben nicht thun darf; diese hilft mir durch ihr Beispiel meinen Zustand 
tragen. Sie hat die Frauengefühle noch klarer in Erinnerung und hat mir 
■schon manchen guten Rath gegeben. Wäre sie ein Mann und ich ein junges 
Mädchen, diese würde ich zu erwerben suchen, von dieser würde ich mir des 


216 Paraesthesia sexualis. 

Weibes Schicksal gefallen lassen. Aber ihre jetzige Photographie ist ganz 
anders als die früheren; sie ist ein höchst elegant costümirter Herr trotz 
Basen etc. und Frisur; sie spricht aber auch kurz und bündig, und hat an 
Allem, was mir Spass macht, keine Freude mehr ; sie hat eine Art von Welt- 
schmerz, trägt aber ihr Schicksal mit Ergebung und Würde, findet ihren 
Trost nur in Religion und Pflichterfüllung, geht zur Zeit der Menses fast zu 
Grunde; sie liebt Frauengesellschaft und Frauengesprache nicht mehr, ebenso 
keine Süssigkeiten. 

Ein Jugendfreund fühlt seit erster Zeit des Lebens nur als Mädchen, hat 
aber Zuneigung zum männlichen Geschlechte: seine Schwester hatte es umge- 
kehrt, und als der Uterus doch sein Recht verlangte und sie sich als liebende» 
Weib sah, trotz ihrer Männlichkeit, machte sie es kurz und entleibte sich durch 
Ertränken. 

Was ich als Hauptveränderungen an mir seit der vollständigen Effeminatio 
beobachtet, ist: 

1. das stete Gefühl, Weib zu sein vom Scheitel bis zur Zehe, 

2. das stete Gefühl, weibliche Genitalien zu besitzen, 

3. die Periodicität der vierwöchentlichen Molimina, 

4. regelmässig eintretende weibliche Begierlichkeit , aber ohne Lust zu 
einem bestimmten Mann, 

5. beim Coitus weibliches passives Gefühl, 

6. nachher das Gefühl der futuirten Partei, 

7. bei Bildern von Coitus das weibliche Gefühl, 

8. beim Anblick von Frauenzimmern das Gefühl der Zusammengehörig- 
keit und das weibliche Interesse daran, 

9. beim Anblick von Herren das weibliche Interesse daran, 

10. beim Anblick von Kindern dasselbe, 

11. das veränderte Gemüth, die viel grössere Geduld, 

12. die endlich gelungene Ergebung in mein Schicksal, was ich zwar nur 
der positiven Religion verdanke, sonst hätte ich mich längst entleibt. 

Denn Mann zu sein und fühlen zu müssen : chaque femme est futu£e ou 
eile d&ire d'etre, ist kaum erträglich. 

Vorstehende für die Wissenschaft höchst werthvolle Auto- 
biographie war von folgendem nicht minder interessanten Briefe 
begleitet: 

E. W. habe ich zunächst um Verzeihung zu bitten wegen der Belästigung 
durch meine Zuschrift; — ich hatte allen Halt verloren und betrachtete mich 
nur mehr als ein Scheusal, vor dem mir selber ekelte; da gewann ich durch 
Ihre Schriften wieder Muth und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen 
und einen Rückblick auf mein Leben zu werfen, falle das Resultat aus, wie es 
immer wolle. Nun kam es mir aber als Pflicht der Dankbarkeit vor, E. W. das 
Resultat meiner Erinnerung und Beobachtung mitzutheilen, da ich einen ganz 
analogen Fall nicht bei Ihnen verzeichnet fand; endlich dachte ich auch, es 
intere88ire Sie vielleicht, aus einer ärztlichen Feder zu erfahren, wie solch ein 
missrathenes menschliches oder männliches Individuum unter dem Druck des 
Zwangsgefühles, Weib zu sein, denkt und fühlt. 


Wahn der Geschlechtsverwandlung. 217 

Es stimmt nicht Alles, aber zu mehr Reflexion habe ich die Kraft nicht 
mehr, und mag mich nicht mehr hineinvertiefen; Manches ist wiederholt, 
aber doch bitte ich zu bedenken, dass jede Maske aus der Rolle fallen kann, 
besondere wenn die Verkleidung nicht freiwillig getragen wird, sondern auf- 
oktroyirt ist. 

Ich hoffe nach der Lektüre Ihrer Schriften, dass ich, wenn ich meine 
Standespflichten als Arzt, Bürger, Vater und Ehemann erfülle, mich doch zu 
den Menschen rechnen darf, welche nicht bloss Verachtung verdienen. 

Endlich wollte ich E. W. das Resultat meiner Erinnerung und meines 
Nachdenkens vorlegen, um zu beweisen, dass man auch mit weiblichem Fühlen 
und Denken Arzt sein kann ; ich halte es für ein grosses Unrecht, dem Weibe 
die Medicin zu verschliessen ; ein Weib kommt manchem Uebel durch das Ge- 
fühl auf die Spur, wo der Mann trotz aller Diagnostik im Finstern tappt, 
jedenfalls bei Frauen- und Kinderkrankheiten. Wenn ich es machen könnte, 
so müs8te jeder Arzt ein Vierteljahr* lang die Weiblichkeit durchmachen, er 
hätte dann mehr Verständniss und mehr Achtung für die Seite der Mensch- 
heit, von welcher er abstammt, und wüsste dann die SeelengrOsse der Frauen 
zu schätzen, andererseits auch die Härte ihres Schicksals. 

Epikrise. Patient schwer belastet, ist originär psychosexual abnorm, 
indem er charakterologisch und beim sexuellen Akt weiblich empfindet. Dieses 
abnorme Fühlen bleibt eine rein seelische Anomalie bis vor 3 Jahren, wo, auf 
Grund schwerer Neurasthenie, dieselbe eine übermächtige Stütze durch zwangs- 
massig sich dem Bewusstsein aufdrängende körperliche Gefühle im Sinne der 
Transmutatio sexus bekommt. Patient fühlt sich zu seinem Schrecken nun auch 
körperlich als Weib, empfindet unter dem Zwang seiner weiblichen „Zwangs- 
gefuhle" eine gänzliche Umwandlung seines bisherigen männlichen Fühlens, 
Vorstellens und Strebens, ja sogar seiner ganzen Vita sexualis im Sinne der 
Eviratio. Gleichwohl ist sein Ich im Stande, die Herrschaft gegenüber diesen 
seelisch-körperlich krankhaften Vorgängen zu behaupten und den Verfall in 
Paranoia hintanzuhalten — ein denkwürdiges Beispiel von Zwangsempfindun- 
gen und Zwangsvorstellungen auf der Basis neurotischer Belastung und von 
hohem Werth für die Gewinnung eines Verständnisses der Wege, auf welchen 
sich die psychosexuale Transformation vollziehen mag. 

IV. Stufe: Metamorphosis sexualis paranoica. 

Eine letzte mögliche Stufe in dem Krankheitsprocess stellt 
der Wahn der Geschlechtsverwandlung dar. Er wird erreicht auf 
der Grundlage einer zur Neurasthenia universalis gewordenen 
sexuellen Neurasthenie im Sinne einer seelischen Erkrankung, der 
Paranoia. 

Die folgenden Beobachtungen weisen die interessante Ent- 
wickelung des neurotisch-psychologischen Vorgangs bis zu seiner 
Höhe nach. 

Beobachtung 100. K., 36 Jahre, ledig, Knecht, aufgenommen in der 
Klinik am 26. Februar 1889, ist ein typischer Fall von aus Neurasthenia 


218 Paraesthesia sexualis. 

sexualis entstandener Paranoia persecutoria mit Geruchshallucinationen , Sen- 
sationen u. s. w. 

Er stammt aus belasteter Familie. Mehrere Geschwister waren psycho- 
pathisch. Patient hat hydrocephalen Schädel, in der Gegend der rechten Fon- 
tanelle eingesattelt, neuropathisches Auge. Von jeher sexuell sehr bedürftig, 
ergab er sich mit 19 Jahren der Masturbation, coitirte mit 23 Jahren, zeugte 
3 uneheliche Kinder, unterliess weiteren sexuellen Verkehr aus Angst vor 
weiterer Zeugung und Unerschwjnglichkeit der Alimentationsgelder, empfand 
die Abstinenz höchst peinlich, entsagte auch der Masturbation, bekam massen- 
haft Pollutionen, wurde vor l l /i Jahren sexuell neurasthenisch , hatte auch 
Pollut. diurnae, wurde davon ganz matt und elend, im weiteren Verlauf all- 
gemein neurasthenisch und erkrankte an Paranoia. 

Seit 1 Jahr bekam er parästhetische Sensationen, als ob an Stelle der 
Genitalien ein grosser Knäuel liege, dann fühlte er, wie Scrotum und Penis 
fehlten und seine Genitalien sich weiblich umwandelten. 

Er fühlte das Wachsen von Brüsten, einen Haarzopf, das Anliegen weib- 
licher Kleidung am Körper. Er kam sich als Weib vor. Die Leute auf der 
Strasse machten entsprechende Aeusserungen : „Seht doch das Mensch an, die 
alte Büttel." Im Halbtraum hatte er das Gefühl, als ob an ihm als einem 
Weib ein Mann den Coitus vollziehe. Es kam ihm dabei die Natur unter 
lebhaftem Wollustgefühl. Während des Aufenthalts in der Klinik trat eine 
Intermis8ion der Paranoia ein und zugleich eine bedeutende Besserung der 
Neurasthenie. Damit schwanden vorläufig die Gefühle und Ideen im Sinne 
einer sich entwickelnden Metamorphosis sexualis. 

Ein weiter vorgeschrittener Fall von Eviratio auf dem Wege 
zur Transformatio sexus paranoica ist der folgende: 

Beobachtung 101. Franz St., 33 Jahre, Volksschullehrer, ledig, wahr- 
scheinlich aus belasteter Familie, von jeher neuropathisch, emotiv, schreckhaft, 
alkoholintolerant, begann mit 18 Jahren zu masturbiren, bekam mit 30 Jahren 
Erscheinungen von Neurasthenia sexualis (Pollutionen mit folgender Mattigkeit, 
<lie mit der Zeit auch bei Tage auftraten, Schmerzen im Gebiet des Plex. 
sacralis u. s. w.). Dazu gesellte sich allmählich Spinalirritation, Kopfdruck, 
Cerebrasthenie. Seit Anfang 1885 hatte Patient sich des Coitus enthalten, bei 
welchem er kein Wollustgefühl mehr verspürte. Er masturbirte häufig. 

1888 begann Beachtungswahn. Er bemerkte, dass man ihm auswich, 
bemerkte, dass er eine schädliche Ausdünstung habe, stinke (Geruchshallucina- 
tionen) und erklärte sich damit das geänderte Benehmen der Leute, nicht 
minder ihr Niesen, Husten u. s. w. 

Er empfand Gerüche nach Leichen, faulem Harn. Als Ursache seines 
üblen Geruchs erkannte er Pollutionen nach innen. Er erkannte sie an einem 
Gefühl, wie wenn von der Symphyse gegen die Brust Flüssigkeit ströme. 

Patient Verliese bald wieder die Klinik. 

1889 kam er neuerlich zur Aufnahme im vorgeschrittenen Stadium einer 
Paranoia masturbatoria persecut. (physikalischer Verfolgungswahn). 

Anfang Mai 1889 wird Patient dadurch auffällig, dass er grob reagirt, 
wenn man ihn als „Herr" anredet. 


Wahn der Geschlechtsverwandlung. 219 

Er protestirt dagegen, weil er ein Weib sei. Stimmen sagen ihm dies. 
Er bemerkt, dass ihm Brüste wachsen. Vor einer Woche betasteten ihn die 
Anderen wollüstig. Er hörte sagen, er sei eine Hure. In letzter Zeit Be- 
gattungsträume. Es träumte ihm, es werde an ihm als einem Weib der Coitus 
vollzogen. Er spürt die Immissio penis und hat beim traumhaften Akt Eja- 
culationsgefühl. 

Schädel steil, langer schmaler Gesichtsschädel, prominente Tubera parie- 
talia. Genitalien normal entwickelt. 

Der folgende Fall, in der Anstalt IUenau beobachtet, ist ein 
passendes Beispiel dauernder wahnhafter Verkehrung des geschlecht- 
lichen Bewusstseins. 

Beobachtung 102. Metamorphosis sexualis paranoica. 
N. y 23 Jahre, ledig, Pianist, wurde Ende Oktober 1865 in der Heilanstalt IUenau 
aufgenommen. Aus erblich angeblich nicht belasteter, aber tuberkulöser Familie 
(Vater und Bruder erlagen der Phthisis pulm.). Patient war als Kind schwäch- 
lich, gering begabt, jedoch einseitig für Musik talentirt. Er war von jeher ein 
abnormer Charakter, still, verschlossen, ungesellig, von barschem Wesen. 

Vom 15. Jahr an Masturbation. Nach einigen Jahren schon stellten sich 
neurasthenische Beschwerden (Herzklopfen, Mattigkeit, zeitweise Kopfdruck 
u. 8. w.) ein, zugleich auch hypochondrische Anwandlungen. Patient arbeitete 
in dem letzten Jahr sehr angestrengt. Seit einem halben Jahr hatte sich seine 
Neurasthenie gesteigert. Er klagte nun über Herzklopfen, Kopfdruck, Schlaf- 
losigkeit, wurde sehr reizbar, erschien sexuell sehr erregt, behauptete, er müsse 
ehemöglich heirathen, aus Gesundheitsrücksichten. Er verliebte sich in eine 
Künstlerin, erkrankte aber fast gleichzeitig (Sept. 1865) an Paranoia persecutoria 
(feindliche Wahrnehmungen, Schmähreden auf der Strasse, Gift im Essen, man 
spannt ihm ein Seil auf einer Brücke, damit er nicht über diese zur Geliebten 
gehe). Wegen zunehmender Aufregung und Conflikte mit der feindlich auf- 
gefassten Umgebung in die Irrenanstalt aufgenommen, bot er anfanglich noch 
das Bild einer typischen Paranoia persecutoria, neben den Erscheinungen einer 
sexuellen, später allgemeinen Neurasthenie, jedoch baute sich der Verfolgungs- 
wahn nicht auf dieser neurotischen Grundlage auf. Nur gelegentlich hörte 
Patient die Umgebung sagen: „Jetzt wird ihm der Same, jetzt wird ihm die 
Blase abgeschnitten/ 

Im Lauf der Jahre 1866 — 68 trat der Verfolgungswahn immer mehr in 
den Hintergrund und wurde grossentheils ersetzt durch erbtische Ideen. Die 
somatisch-psychische Grundlage war eine andauernde und mächtige Erregung 
der Sexualsphäre. Patient verliebte sich in jede Dame, der er ansichtig wurde, 
hörte auffordernde Stimmen, sich ihr zu nähern, verlangte gebieterisch die 
Ehebewilligung und behauptete, wenn man ihm keine Frau verschaffe, bekomme 
er die Auszehrung. Unter fortgesetzter Masturbation treten schon 1869 Signale 
jm Sinne künftiger Eviratio auf. »Wird, wenn er eine Frau bekommt sie nur 
platonisch lieben/ Patient wird immer verschrobener, lebt in einem erotischen 
Ideenkreis, sieht allenthalben in der Anstalt Prostitution treiben, hört ab und 
zu Stimmen, die ihm selbst unzüchtiges Benehmen gegen Damen imputiren. 


220 Paraesthesia sexualis. 

Er vermeidet deshalb Damengesellschaft und lässt sich nur dann herbei, in 
solcher zu musiciren, wenn ihm zwei Zeugen beigegeben werden. 

Im Lauf des Jahres 1872 nimmt der neurasthenische Zustand einen be- 
deutenden Aufschwung. Nun tritt auch die Paranoia persecutoria wieder mehr 
in den Vordergrund und gewinnt klinische Färbung durch den neurotischen 
Grundzustand. Es treten Geruchshall ucinationen auf, er wird magnetisch be- 
einflusst. „Magnetismusambosarbeits wellen" wirken auf ihn ein (falsche Inter- 
pretation spinalastheniseher Beschwerden). Unter fortdauernder mächtiger 
sexueller Erregung und masturbatorischen Excessen macht der Process der 
Eviratio immer weitere Fortschritte. Nur noch episodisch ist er Mann und 
schmachtet nach einem Weibe, beklagt sich bitter, dass die schamlose Prosti- 
tution der Männer hier im Hause es unmöglich mache, dass ein Frauenzimmer 
zu ihm gelange. Er sei sterbenskrank durch magnetisch vergiftete Luft und 
unbefriedigte Liebe, ohne Liebe könne er nicht leben; er sei vergiftet durch 
Geilgift, das auf den Geschlechtstrieb wirke. Die Dame, welche er liebe, sei 
hier in der niedrigsten Unzucht. Die Prostituirten hier im Hause haben Glück- 
seligkeitsketten, d. h. Ketten, in welchen man, ohne sich zu rühren, in Wollust 
liege. Er sei erbötig, sich jetzt auch mit einer Prostituirten zu begnügen. Er 
besitze eine wunderbare Augengedankenausstrahlung, die 20 Millionen werth 
sei. Seine Compositionen sind 500,000 Francs werth. Neben diesen Andeutungen 
von Grössenwahn solche von perkutorischem — die Nahrung ist durch 
venerische Exkremente vergiftet, er schmeckt und riecht das Gift, hört infame 
Beschuldigungen und verlangt eine Ohrenschlussmaschine. 

Immer häufiger werden aber vom August 1872 ab Signale im Sinne der 
Eviratio. Er benimmt sich ziemlich affektirt, erklärt, dass er nicht mehr 
unter trinkenden und rauchenden Männern leben könne. Er denke und 
empfinde ganz weiblich. Man solle ihn von nun ab als Weib behandeln und 
in einer Frauenabtheilung unterbringen. Er verlangt Confitüren, feine Mehl- 
speisen. Gelegentlich Tenesmus und Cystospasmus verlangt er in eine Ent- 
bindungsanstalt untergebracht und wie eine Schwerkranke, Schwangere be- 
handelt zu werden. Der krankhafte Magnetismus männlicher Pfleger wirke 
ungünstig auf ihn. 

Vorübergehend fühlt er sich noch als Mann, aber plaidirt in für sein 
krankhaft geändertes sexuales Empfinden bezeichnender Weise nur für Be- 
friedigung durch Masturbation, für Ehe ohne Coitus. Die Ehe sei ein 
Wollustinstitut. Das Mädchen, welches er zur Frau nehmen möchte, müsste 
Onanistin sein. 

Vom December 1872 ab ändert sich sein Persönlichkeitsbewusstsein 
endgültig in ein weibliches. 

Er «ei von jeher ein Weib, aber vom 1. — 3. Lebensjahre habe ihn ein 
französischer Quäkerkünstler mit männlichen Genitalien versehen und ihm 
durch Einreiben und Zurichten des Thorax das spätere Hervorkommen der 
Brüste verhindert. 

Er verlangt nun energisch Unterbringung in der Frauenabtheilung, Schutz 
vor ihn prostituiren wollenden Männern und Damenkleidung. Eventuell wäre 
er auch erbötig, in einem Spielwaarengeschäft sich mit Stepp- und Ausschneid- 
arbeit, oder in einem Putzgeschäft mit weiblicher Arbeit zu beschäftigen. Vom 
Zeitpunkt der Transformatio sexus an beginnt für Patient eine neue Zeit- 


Wahn der Geschlechtsverwandlung. 221 

rechnung. Seine eigene frühere Persönlichkeit fasst er in der Erinnerung als 
«einen Vetter auf. 

Er spricht von sich vorläufig in der dritten Person, erklärt sich für die 
Gräfin V., die liebste Freundin der Kaiserin Eugenie, verlangt Parfüms, Cor- 
setten u. s. w. Hält die anderen Männer der Abtheilung für Frauenzimmer, 
versucht, sich einen Zopf zu flechten, verlangt ein orientalisches Enthaarungs- 
mittel, damit man nicht mehr an seiner Damennatur zweifle. Er gefällt sich 
in Lobreden auf die Onanie, denn „sie war seit ihrem 15. Jahr Onanistin und 
hat nie eine andere geschlechtliche Befriedigung gesucht". Gelegentlich werden 
noch neurasthenische Beschwerden, Geruchshallucinationen und perkutorische 
Delirien beobachtet. Alle Erlebnisse bis zum December 1872 gehören der Per- 
sönlichkeit des Vetters an. 

Patient ist von dem Wahn, Gräfin V. zu sein, nicht mehr abzubringen. 
Sie beruft sich darauf, dass sie von der Hebamme untersucht und als Dame 
befunden worden sei. Die Gräfin wird nicht heirathen, weil sie die Männer- 
welt verachtet. Da Patient keine Damenkleider und Stöckelschuhe bekommt, 
bringt er den grössten Theil des Tages im Bett zu, gerirt sich als vornehme, 
leidende Dame, thut zimpferlich, verschämt und verlangt Bonbons u. dergl. 
Das Haar wird so gut wie möglich in Zöpfe geflochten, der Bart ausgezupft. 
Aus Semmeln werden Brüste geschaffen. 

1874 tritt Caries im linken Kniegelenk auf, zu der sich bald Phthisis 
pulmonum gesellt. Tod am 2. December 1874. Schädel normal. Stirnhirn 
atrophisch, Gehirn anämisch. Mikroskopisch (Dr. Schule): In der oberen 
Schichte des Frontalhirns Ganglienzellen leicht geschrumpft ; in der Adventitia 
der Gefasse zahlreiche Fettkörnchen; Glia unverändert, vereinzelte Pigment- 
partikeln und Colloidkörner. Die unteren Schichten der Gehirnrinde normal. 
Genitalien sehr gross, Hoden klein, schlaff, auf dem Durchschnitt makroskopisch 
nicht verändert. 

Der im Vorstehenden in seinen Bedingungen und Entwicklungs- 
phasen aufgezeigte Wahn der Geschlechtsverwandlung ist eine auf- 
fallend seltene Erscheinung in der Pathologie des menschlichen Geistes. 
Ausser den vorausgehenden Fällen eigener Beobachtung habe ich 
einen solchen Fall als episodische Erscheinung bei einer conträr- 
sexualen Dame (Beob. 92 der 6. Auflage m. Psychopathia sexualis) 
und als dauernde bei einem mit originärer Paranoia behafteten 
Mädchen beobachtet, ferner bei einer ebenfalls originär paranoi- 
schen Dame. 

In der Literatur sind mir ausser einem aphoristisch in seinem 
Lehrbuch berichteten Fall von Arndt (S. 172), einem von Serieux 
(Recherches cliniques p. 33) ziemlich oberflächlich mitgetheilten und 
den beiden bekannten von Esquirol keine Beobachtungen von 
Wahn der Geschlechts Verwandlung erinnerlich. Der Fall von Arndt 
möge hier kurz mitgetheilt werden, obwohl er ebensowenig wie die 
Esquirol'schen über die Genese des Wahns Aufschlüsse bietet. 


222 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung 103. Eine Frau in mittleren Jahren in der Greifswalde r 
Irrenanstalt hielt sich für einen Mann und trug sich demgemäss. Sie schnitt 
sich das Haar kurz und scheitelte es auf einer Seite in militärischer Weise. 
Ein scharf geschnittenes Profil, eine etwas grosse Nase und eine gewisse Derb- 
heit aller Züge gab dem Antlitz etwas Charakteristisches und, im Vereine mit 
dem knrzgeschnittenen und um die Ohren glatt anliegenden Haare, dem ganzen 
Kopfe etwas entschieden Männliches. 

Sie war gross und hager, ihre Stimme tief und rauh, der Adamsapfel 
kantig vorspringend, ihre Haltung straff, ihr Gang sowie jede ihrer Bewegungen 
wuchtig, aber nicht gerade plump. Sie sah aus wie ein Mann in Frauen- 
kleidern. Befragt, wie sie dazu komme, sich für einen Mann zu halten, rief 
sie fast immer sehr erregt: „Nun, sehen Sie mich doch einmal an! Sehe ich 
nicht aus wie ein Mann? Auch fühle ich, dass ich ein Mann bin. Ich habe 
immer schon so etwas gefühlt, aber ich bin mir darüber erst allmählich klar 
geworden. Der Mann, welcher mein Mann sein soll, ist gar kein rechter Mann. 
Meine Kinder habe ich mir selber gezeugt. Ich habe so etwas immer gefühlt, 
jedoch die Klarheit darüber ist mir erst später gekommen. Und habe ich nicht 
immer auch in der Wirthschafb wie ein Mann gewirkt? Der Mann, welcher 
mein Mann sein soll, hat nur ausgeholfen. Er hat ausgeführt, was ich an- 
geordnet habe. Ich bin von Jugend auf immer mehr für das Männliche ge- 
wesen, als für das Weibliche. Für das, was auf Hof und Feld geschieht, habe 
ich immer mehr Liebe gehabt, als für das, was im Hause und in der Küche 
zu thun ist. Aber ich habe nur nicht erkannt, woran das lag. Jetzt weiss 
ich, dass ich ein Mann bin, und da will ich mich auch als solcher tragen, und 
es ist eine Schande, mich immer in Weiberkleidern zu halten.* 

Beobachtung 104. X., 26 Jahre, von hoher Statur und schönem 
Aeusseren, liebte es, seit der frühesten Jugend Weiberkleider anzuziehen. 
Herangewachsen, wusste er es als Theilnehmer von Haustheatern immer so ein- 
zurichten, dass er weibliche Rollen bekam. Nach einer Gemüthsbewegung bildete 
er sich ein, wirklich Weib zu sein, und versuchte die Umgebung davon zu 
überzeugen. 

Er liebte es, sich zu entkleiden, dann als Weib sich zu frisiren und zu 
drapiren. In diesem Aufzug wollte er auf die Strasse. Sonst war er ganz 
vernünftig. Den ganzen Tag pflegte er sich zu frisiren, sich im Spiegel zu 
beschauen und mit seinem Schlafrock so gut als möglich sich als Weib zu 
costümiren. Beim Gehen ging er nach Weiberart. Als eines Tags Esquirol 
dergleichen that, als wollte er ihm das Kleid aufheben, gerieth er in Wuth 
und warf ihm Unverschämtheit vor (Esquirol). 

Beobachtung 105. Frau X., Wittwe, war durch den Tod ihres Mannes 
und Verlust ihres Vermögens grossen Gemüthsbewegungen ausgesetzt gewesen. 
Sie wurde geistig gestört und kam nach einem Selbstmordversuch in die 
Salp§triere. 

Frau X., schlank, mager, andauernd in manischer Aufregung, hielt sich 
für einen Mann, gerieth in Zorn, wenn man sie „Madame" anredete. Als man 
ihr einmal Männerkleidung zur Verfügung stellte, war sie ausser sich vor Ent- 
zücken. Sie erlag 1802 einer consumtiven Krankheit und äusserte ihren 
Wahn, ein Mann zu sein, bis kurz vor ihrem Tode (Esquirol). 


Angeborene conträre Sexualempfindung. 228 

Auf S. 204 habe ich der interessanten Beziehungen Erwäh- 
nung gethan, welche sich zwischen diesen Thatsachen der wahn- 
haften Geschlechtsverwandlung und dem sogen. Skythenwahnsinn 
finden. 

Marandon (Annales m£dico-psychologiques 1877 p. 161) hat 
gleichwie Andere irrthümlich angenommen, dass es sich bei diesen 
Skythen des Alterthums um wirklichen Wahn und nicht um blosse 
Eviratio gehandelt habe. Nach dem Gesetz des empirischen Aktualis- 
mus muss der heutzutage so seltene Wahn auch im Alterthum höchst 
selten gewesen sein. Da er nur auf Grundlage einer Paranoia denk- 
bar ist, kann überhaupt von einem endemischen Vorkommen nie- 
mals die Rede gewesen sein, sondern nur von einer abergläubischen 
Deutung einer Eviratio (im Sinne des Zornes der Göttin), wie dies 
auch aus Andeutungen bei Hippokrates hervorgeht. 

Anthropologisch bemerkenswerth bleibt die aus dem sogen. 
Skythenwahnsinn und aus neuerlichen Erfahrungen bei den Pueblo- 
indianern hervorgehende Thatsache, dass mit dem Schwund der 
Hoden auch solcher der Genitalien überhaupt und Annäherungen 
an den Typus des Weibes körperlich und seelisch beobachtet wurden. 
Es ist dies um so auffälliger, als solche Rückwirkung beim Manne, 
der in erwachsenem Alter seine Zeugungsorgane verliert, ebenso 
ungewöhnlich ist, als beim erwachsenen Weibe m. m. nach dem 
künstlichen Klimax oder nach dem natürlichen. 

B. Die homosexnale Empfindung als angeborene krankhafte 

Erscheinung 1 ). 

Das Wesentliche bei dieser sonderbaren Erscheinungsweise 
des Geschlechtslebens ist die sexuelle Frigidität bis zum Horror 


] ) Literatur (ausser der im Folgenden erwähnten): Tardieu, Des 
Attentats aux moeurs, 7. £dii, 1878, p. 210. — Hof mann, Lehrb. d. ger. 
Med. 3. Aufl., p. 172, 850. — Gley, Revue philosophique 1884, Nr. 1. — 
Magnan, Annal. med.-psychol. 1885, p. 458. — Shaw und Ferris, Journal 
of nervous and mental disease 1883, April, Nr. 2. — Bernhardi, Der Uranis- 
mus. Berlin (Volksbuchhandlung) 1882. — Chevalier, De l'inversion de 
rinstinct sexuel. Paris 1885. — Ritti, Gaz. hebdom. de m£decine et de 
Chirurg. 1878, 4. Jänner. — Tamassia, Rivista sperim. 1878, p. 97 — 117. — 
Lombroso, Archiv, di Psichiatr. 1881. — Charcot et Magnan, Archiv, 
de Neurologie 1882. Nr. 7, 12. — Moll, Die conträre Sexualempfindung. 
Berlin 1891 (zahlreiche Literaturangaben). — Chevalier, Archives de l'anthro- 
pologie criminelle, Bd. 5, Nr. 27. Bd. 6, Nr. 31. — Reuss, Aberrations du 


224 Paraesthesia sexualis. 

gegenüber dem anderen Geschlecht, während Neigung und Trieb 
zum eigenen Geschlecht besteht. Gleichwohl sind die Genitalien 
normal entwickelt, die Geschlechtsdrüsen funktioniren ganz ent- 
sprechend und der geschlechtliche Typus ist ein vollkommen diffe- 
renzirter. 

Das Empfinden, Denken, Streben, überhaupt der Charakter 
entspricht, bei voller Ausbildung der Anomalie, der eigenartigen 
Geschlechtsempfindung, nicht aber dem Geschlecht, welches das 
Individuum anatomisch und physiologisch repräsentirt. Auch in 
Tracht und Beschäftigung gibt sich diese abnorme Empfindungs- 
weise dann zu erkennen bis zum Drang, der sexuellen Rolle, in 
welcher sich das Individuum fühlt, entsprechend sich zu kleiden. 

Klinisch und anthropologisch bietet diese abnorme Erschei- 
nung verschiedene Entwicklungsstufen bezw. Erscheinungsformen. 

1) Bei vorwaltender homosexualer Geschlechtsempfindung be- 
stehen Spuren heterosexualer (psychosexuale Hermaphrodisie). 

2) Es besteht bloss Neigung zum eigenen Geschlecht (Homo- 
sexualität). 

3) Auch das ganze psychische Sein ist der abnormen Ge- 
schlechtsempfindung entsprechend geartet (Effeminatio und Vira- 
ginität). 

4) Die Körperform nähert sich derjenigen, welcher die ab- 
norme Geschlechtsempfindung entspricht. Nie aber finden sich wirk- 
liche Uebergänge zum Hermaphroditen, im Gegentheil vollkommen 
differenzirte Zeugungsorgane, so dass also, gleichwie bei allen krank- 
haften Perversionen des Sexuallebens, die Ursache im Gehirn ge- 
sucht werden muss (Androgynie und Gynandrie). 

Die ersten genaueren 1 ) Mittheilungen über diese räthselhaften Natur- 
erscheinungen rühren von Casper her ' (Ueber Nothzucht und Päderastie, 


sens generique, Annales cThygiene publique 1886. — Saury, Etüde clinique 
sur la folie hereditaire 1886. — Brouardel, Gaz. des höpitaux 1886 und 
1887. — Tili er, L'instinct sexuel chez rhomme et chez les animaux 1889. — 
Carlier, Les deux prostitution& 1887. — Lacassagne, Art. Päderastie im 
Diction. encyclopädique. — Vibert, Art. Päderastie im Dict. med. et de 
Chirurgie. 

l ) Durch Herrn Dr. A. Moll in Berlin wurde ich aufmerksam gemacht, 
dass sich Andeutungen von conträrer Sexualempfindung, Männer betreffend, 
schon in Moritz's Magazin f. Erfahrungsseelenkunde Bd. VIII, Berlin 1791 
finden. Thatsächlich werden dort 2 Biographien von Männern mitgetheilt, 
welche eine geradezu schwärmerische Liebe zu Personen des eigenen Geschlechts 


Angeborene conträre Sexualempfindung. 225 

Casper 's Vierteljahrsschr. 1852, I), der dieselbe zwar mit der Päderastie zu- 
sammenwirft, aber schon die treffende Bemerkung macht, dass diese Anomalie 
in den meisten Fällen angeboren und gleichsam als eine geistige Zwitter- 
bildung anzusehen sei. Es bestehe hier ein wahrer Ekel vor geschlechtlicher 
Berührung von Weibern, während sich die Phantasie an schönen jungen 
Männern, Statuen, Abbildungen solcher ergötze. Schon Casper ist es nicht 
entgangen, dass in solchen Fällen Immissio penis in anum (Päderastie) nicht 
die Regel ist, sondern dass auch durch anderweitige geschlechtliche Akte 
(mutuelle Onanie) sexuelle Befriedigung erstrebt und erzielt wird. 

In seinen „klinischen Novellen" (1863, p. 33) gibt Casper das inter- 
essante Selbstbekenntniss eines diese Perversion des Geschlechtstriebes auf- 
weisenden Menschen, und steht nicht an zu erklären, dass, abgesehen von 
verderbter Phantasie, Entsittlichung durch Uebersättigung im normalen Ge- 
schlechtsgenuss , es zahlreiche Fälle gebe, wo die „Päderastie" aus einem 
wunderbaren, dunklen, unerklärlichen, angeborenen Drang entspringt. Mitte 
der 60er Jahre trat ein gewisser Assessor Ulrichs, selbst mit diesem per- 
versen Trieb behaftet, auf und behauptete in zahlreichen Schriften *) , das ge- 
schlechtliche Seelenleben sei nicht an das körperliche Geschlecht gebunden, 
es gebe männliche Individuen, die sich als Weib dem Manne gegenüber fühlen 
(„anima muliebris in corpore virili inclusa*). Er nannte diese Leute „Urninge" 
und verlangte nichts Geringeres als die staatliche und sociale Anerkennung 
dieser urnischen Geschlechtsliebe als einer angeborenen und damit berechtigten, 
sowie die Gestattung der Ehe unter Urningen! Ulrichs blieb nur den Be- 
weis dafür schuldig, dass diese allerdings angeborene paradoxe Geschlechts- 
empfindung eine physiologische und nicht vielmehr eine pathologische Er- 
scheinung sei. 

Ein erstes anthropologisch-klinisches Streiflicht auf diese Thatsachen 
warf Griesinger (Archiv f. Psychiatrie I, p. 651), indem er in einem selbst 


boten. In dem 2. besonders bemerkenswerthen Fall erklärt der Pat. sich selbst 
die Ursache seiner „Verirrung" damit, dass er als Kind nur von erwachsenen 
Personen, als Knabe von 10 — 12 Jahren von seinen Mitschülern geliebkost 
wurde. „Dies und der entbehrte Umgang mit Personen vom anderen Ge- 
schlechte machte, dass sich bei mir die natürliche Zuneigung zum weiblichen 
Geschlechte von ihm ganz ablenkte auf das männliche. Ich bin noch jetzt 
gegen Frauenzimmer ziemlich gleichgültig." 

Ob der Fall ein solcher von angeborener (psychosexualerHermaphrodisie ?) 
oder erworbener conträrer Sexualempfindung war, lässt sich nicht entscheiden. 
Der älteste Fall von' conträrer Sexualempfindung, der bis dato in Deutschland 
nachzuweisen ist, betrifft ein Weib, das mit einem anderen verheirathet war 
und mittelst ledernen Priaps der Consors beiwohnte. Der auch in cultur- 
historischer und juridischer Hinsicht sehr interessante, aus den Akten geschöpfte 
Fall von Viraginität aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts ist von Dr. Müller 
(Alexandersbad) in Friedreich 's Blätter f. ger. Medicin 1891, Heft 4, mit- 
getheilt. 

l ) „Vindex, Inclusa, Vindicta, Formatrix, Ära spei, Gladius furens, kri- 
tische Pfeile." Leipzig (Otto u. Kadler) 1864—1880. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 15 


226 Paraesthesia sexualis. 

beobachteten Falle auf die starke erbliche Belastung des betreffenden Indi- 
viduums hinwies. 

Westphal (Archiv f. Psychiatrie II, p. 78) verdanken wir die erste 
Abhandlung über die in Rede stehende Erscheinung, die er als , angeborene 
Verkehrung der Geschlechtsempfindung mit dem Bewusstsein der Krankhaftig- 
keit dieser Erscheinung" definirte und mit dem seither allgemein recipirten 
Namen der „conträren Sexual empfindung" bezeichnete. Er eröffnete zugleich 
eine Casuistik l ), die seither auf 93 Fälle, ungerechnet die in dieser Mono- 
graphie berichteten, angewachsen ist. 

Westphal lässt es unentschieden, ob die „ contra re Sexualempfindung ' 
Symptom eines neuro- oder eines psychopathischen Zustandes sei, oder als 


') Mannliche Individuen betreffend: 1) Casper, Klin. Novellen 
p. 36. (Lehrb. d. ger. Med., 7. Aufl. p. 176); 2) Westphal, Archiv f. Psych. 
II, p. 78; 8) Schminke, ebenda III, p. 225; 4) Scholz, Vierteljahrsschr. f. 
ger. Med. XIX; 5) Gock, Arch. f. Psych. V, p. 564; 6) Servaes, ebenda 
VI, p. 484; 7) Westphal, ebenda VI, p. 620; 8), 9), 10) Stark, Zeitschr. 
f. Psychiatrie Bd. 81; 11) Lim an (Casper's Lehrb. der ger. Med., 6. Aufl., 
p. 509) ; p. 291 ; 12) Legrand du Saulle, Annal. m&L psychol. 1876, Mai ; 
13) Sterz, Jahrb. f. Psychiatrie III, Heft 3; 14) Krueg, Zeitschr. Brain 1884, 
Oct.; 15) Charcot et Magnan, Arch. de neurolog. 1882, Nr. 9; 16)» 17), 
18) Kirn, Zeitschr. f. Psych. Bd. 39, p. 216; 19) Rabow, Erlenmeyers 
Centralbl. 1883, Nr. 8; 20) Blum er, Americ. journ. of insanity 1882, Juli; 
21) S avage, Journal of mental science 1884, October; 22) Scholz, Viertel- 
jahrsschr. f. ger. Med. N. F. Bd. 43, Heft 7; 23) Magnan, Ann. m£d. psychol. 
1885, p. 461; 24) Ch evalier, De l'inversion de l'instinct sexuel, Paris 1885, 
p. 129; 25) Morselli, La Riforma medica, 4. Jahrg., März ; 26) Leonpacher, 
Friedreich/s Blätter 1888, H. 4; 27) Holländer, Allg. Wiener med. Zeitg. 1882; 
28) Kriese, Erlenmeyers Centralblatt 1888, Nr. 19; 29), 30), 31), 32) v. Krafft. 
Psychopathia sexualis, 3. Aufl., Beob. 82. 36. 42. 43; 33) Golenko, Russ. Archiv 
f. Psychiatrie Bd. IX, H. 3 (v. Rothe mitgetheilt in Zeitschr. f. Psychiatrie): 
34) v. Krafft, Internationales Centralblatt f. d. Physiol. u. Pathologie der 
Harn- u. Sexualorgane Bd. I, H. 1 ; 35) Cantarano, La Psichiatria 1887, 
V. Jahrg., p. 195; 36) Serieux, Recherches cliniques sur les anomalies de 
rinstinct sexuel. Paris 1888, obs. 13; 87 — 42) Kiernan, The medic. Standard 
1888, 7 Fälle; 43—46) Rabow, Zeitschr. f. klin. Medicin, Bd. XVÜ, Suppl.; 
47-51) v. Krafft, „Neue Forschungen", Beob- 1. 3. 4. 5. 8; 52—61) v. Krafft. 
Psychopath, sexualis, 5. Aufl., Beob. 53. 61. 64. 66. 73. 75. 78. 84. 85. 87; 
62— 65)Derselbe, „Neue Forschungen 2. Aufl. B , Beob. 3. 4. 5. 6.; 66—67) Harn- 
mond, Sexuelle Impotenz, deutsch v. Salinger, p. 30. 36; 68 — 71) Garnier, 
Anomalies sexuelles 1889. Beob. 227. 228. 229. 230; 72) Müller, Friedreich's 
Blätter 1891; 73—87) v. Krafft, Psychopathia sexualis, 6. Aufl., Beob. 78.81. 
82. 84. 85. 86. 87. 89. 93. 94. 96. 97. 98. 101. 102. 

Weibliche Individuen betreffend: 1) Westphal, Arch. f. Psych. 
11, p. 73; 2) Gock, op. cit.; Nr. 1; 3) Wise, The Alienist and Neurologist 1883, 
Januar; 4) Cantarano, Zeitschr. La Psichiatria 1883, p. 201; 5) Serieux, 
op. cit. obs. 14; 6) Kiernan, op. cit. 


I 

Angeborene conträre Sexual empfindung. 227 i 

i 
isolirte Erscheinung vorkommen könne. Er hält fest an dem Angeborensein 
des Zustande«. 

Auf Grund der bis 1877 veröffentlichten Fälle habe ich diese 
eigenartige Geschlechtsempfindung als ein funktionelles Degenera- 
tionszeichen und als Theilerscheinung eines neuro(psycho)pathischen, 
meist hereditär bedingten Zustands bezeichnet, eine Annahme, 
welche durch die fernere Casuistik durchaus Bestätigung gefunden 
hat. Als Zeichen dieser neuro(psycho)pathischen Belastung lassen 
sich anführen: 

1) Das Geschlechtsleben derartig organisirter Individuen macht 
sich in der Regel abnorm früh und in der Folge abnorm stark 
geltend. Nicht selten bietet es noch anderweitige perverse Er- 
scheinungen ausser der an und für sich durch die eigenartige Ge- 
schlechtsempfindung bedingten abnormen sexuellen Richtung. 

2) Die geistige Liebe dieser Menschen ist vielfach eine schwär- 
merisch exaltirte, wie auch ihr Geschlechtstrieb sich mit besonderer, 
selbst zwingender Stärke in ihrem Bewusstsein geltend macht. 

3) Neben dem funktionellen Degenerationszeichen der con- 
trären Sexualempfindung finden sich anderweitige funktionelle, viel- 
fach auch anatomische Entartungszeichen. 

4) Es bestehen Neurosen (Hysterie, Neurasthenie, epileptoide 
Zustande u. s. w.). Fast immer ist temporär oder dauernd Neur- 
asthenie nachweisbar. Diese ist in der Regel eine constitutionelle, 
in angeborenen Bedingungen wurzelnde. Geweckt und unterhalten 
wird sie durch Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz. 

Bei männlichen Individuen kommt es auf Grund dieser Schäd- 
lichkeiten oder schon angeborener Disposition zur Neurasthenia 
sexualis, die sich wesentlich in reizbarer Schwäche des Ejacula- 
tionscentrums kundgibt. Damit erklärt sich, dass bei den meisten 
Individuen schon die blosse Umarmung, das Küssen oder selbst nur 
der Anblick der geliebten Person den Akt der Ejaculation hervorruft. 
Häufig ist dieser von einem abnorm starken Wollustgefühl begleitet 
bis zu Gefühlen „magnetischer" Durchströmung des Körpers. 

5) In der Mehrzahl der Fälle finden sich psychische Anomalien 
(glänzende Begabung für schöne Künste, besonders Musik, Dicht- 
kunst u. s. w., bei intellectuell schlechter Begabung oder originärer 
Verschrobenheit) bis zu ausgesprochenen psychischen Degenerations- 
zuständen (Schwachsinn, moralisches Irresein). 

Bei zahlreichen Urningen kommt es temporär oder dauernd 


228 Paraesthesia sexualis. 

zu Irresein mit dem Charakter des degenerativen (pathologische 
Affektzustände, periodisches Irresein, Paranoia u. s. w.). 

6) Fast in allen Fällen, die einer Erhebung der körperlich 
geistigen Zustände der Ascendenz und Blutsverwandtschaft zu- 
gänglich waren, fanden sich Neurosen, Psychosen, Degenerations- 
zeichen u. s. w. in den betreffenden Familien vor 1 ). 

Wie tief die angeborene conträre Sexualempfindung wurzelt, 
geht auch aus der Thatsache hervor, dass der wollüstige Traum 
des männlichen Urnings männliche, der des weibliebenden Weibes 
weibliche Individuen bezw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat. 

Die Beobachtung von Westphal, dass das Bewusstsein des 
angeborenen Defektes von geschlechtlichen Empfindungen gegen- 
über dem anderen Geschlecht und des Dranges zum eigenen Ge- 
schlecht peinlich empfunden werde, trifft nur für eine Anzahl von 
Fällen zu. Vielen fehlt sogar das Bewusstsein der Krankhaftigkeit 
des Zustands. Die meisten Urninge fühlen sich glücklich in ihrer 
perversen Geschlechtsempfindung und Triebrichtung und unglücklich 
nur insoferne, als gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken 
ihnen in der Befriedigung des Triebs zum eigenen Geschlecht im 
Wege stehen. 

Das Studium der conträren Sexualempfindung weist bestimmt 
auf Anomalien der cerebralen Organisation der damit Behafteten 
hin. Gley (Revue philosoph. 1884, Januar) glaubt das Räthsel 
damit erklären zu können, dass er annimmt, die Betreffenden hät- 
ten ein weibliches Gehirn bei männlichen Geschlechtsdrüsen und 
das zugleich krankhafte Gehirnleben bestimme das Geschlechtsleben, 
während normaler Weise die Geschlechtsorgane die sexuellen Funk- 
tionen des Gehirns bestimmen. 

Eine interessante Anschauung, welche zur Erklärung origi- 
närer angeborener conträrer Sexualempfindung statthaft wäre, hat 
einer meiner Klienten mir ausgesprochen. Er geht von der that- 
sächlichen Bisexualität aus, wie sie der Fötus bis zu einem gewissen 
Alter anatomisch aufweist. 


*) Dass conträre Sexualempfindung als Theilerscheinung neurotischer 
Degeneration auch bei den Nachkommen neurotisch unbelasteter Eltern vor- 
kommen kann, lehrt eine Beobachtung von Tarnowski (op. cit. p. 34), in 
welcher Lues der Erzeuger im Spiel war, sowie ein bezüglicher Fall von 
Scholz (Vierteljahrsschr. f. ger. Med.), in welchem die perverse Geschlechts- 
richtung mit einer traumatisch bedingten physischen Entwicklungshemmung 
in ursächlichem Zusammenhang stand. 


Angeborene conträre Sexualempfindung. 229 

Während normaliter die zur Vollentwicklung gelangenden 
Organe ausschliesslich den geschlechtlichen Typus bedingen und 
bestimmen und der Einfluss der rudimentär bleibenden gegensätz- 
lichen Organe auf das Centralorgan Null bleibt, wäre es denkbar, 
dass unter der Einwirkung eines die normale Entwicklung des Ge- 
hirns schädigenden Factors (erbliche Belastung u. dgl.) jene Organe 
ebenfalls einen Einfluss gewännen, der nach Umständen sogar 
grösser sein könnte als der der vollentwickelten und den äusseren 
geschlechtlichen Typus bedingenden Generationsorgane. 

In ähnlicher Weise suchen sich Eiernan (Medical Standard 
Nov. 1888) und Frank Lydston (Philadelph. med. and surgical 
reporter Sept. 1888) einen Theil der Fälle von angeborener sexuel- 
ler Paranoia zu erklären. 

Magnan (Ann. med. psychol. 1885, p. 458) redet allen Ernstes 
vom Gehirn eines Weibes im Körper eines Mannes und umgekehrt 1 ). 

Nicht minder unbefriedigend sind die Erklärungsversuche ge- 
borener Urninge z. B. von Ulrichs, der in seinem „Memnon" 
1868 von einer „Anima muliebris virili corpore inclusa (virili cor- 
pori innata)" spricht und sich damit das Angeborene und Weib- 
liche seiner abnormen sexualen Triebrichtung zu erklären versucht. 
Originell ist die Anschauung des Patienten der Beobachtung 124, 
vermuthlich habe sein Vater, als er ihn zeugte, ein Mädchen zeugen 
wollen; statt dessen sei aber ein Knabe entstanden. 

Eine der sonderbarsten Erklärungen für die angeborene con- 
träre Sexualempfindung findet sich bei Mantegazza (op. 1886, 
p. 106). 

Nach diesem Autor bestehen bei solchen Individuen anato- 
mische Anomalien, insofern durch einen Fehler der Natur die für 
die Genitalien bestimmten Nerven sich im Mastdarm verbreiten, so 
dass nur in diesem der wollüstige Reiz ausgelöst werde, der sonst 
durch Reizung der Genitalien erfolge! Wie erklärt sich aber der 
sonst so scharfsinnige Autor die überwiegenden Fälle, wo Päderastie 
von solchen conträr Sexualen perhorrescirt wird! Solche Saltus 
macht übrigens niemals die Natur. M. beruft sich mit seiner 
Hypothese auf die Mittheilungen eines Bekannten, eines hervor- 
ragenden Schriftstellers, der ihm versicherte, er sei mit sich noch 
nicht im Reinen, ob er einen grösseren Genuss bei dem Coitus oder 

*) Biese Annahme wird hinfällig durch den Sektionsbefund meiner Be- 
Beobachtung 118 mit einem Hirngewicht von 1150 Gramm und der Beobach- 
tung 130 mit einem solchen von 1175 Gramm. 


* 

230 Paraesthesia sexualis. 

der Defacation empfinde! Die Richtigkeit dieser Erfahrung zu- 
gegeben, so würde sie doch nur beweisen, dass der Mann sexual 
abnorm, und das Wollustgefühl bei ihm bei dem Coitus auf ein 
Minimum reducirt war. 

Eine Erklärung der angeborenen conträren Sexualempfindung 
lässt sich vielleicht dahin geben, dass sie eine gezüchtete Eigen- 
schaft der Descendenz darstellt, auf dem Weg der Vererbung ent- 
standen. 

Das vererbende Moment wäre die erworbene krankhafte 
Neigung zum eigenen Geschlecht beim Ascendenten (s. unten), die 
sich als angeborene krankhafte Erscheinung beim Descendenten 
fixirt vorfände. Da sich erfahrungsgemäss erworbene körperliche 
und seelische Eigenschaften und nicht bloss Vorzüge, sondern 
wesentlich Gebrechen vererben, so ist diese Hypothese immerhin 
annehmbar. Da conträr Sexuale nicht selten Kinder zeugen, jeden- 
falls nicht absolut impotent sind (Weiber sind es ja nie), so wäre 
eine Vererbung durch Zeugung möglich. 

Beobachtung 124, in welcher die 8jährige Tochter eines con- 
trär Sexualen bereits mu tu eile Masturbation treibt, eine sexuelle 
Handlung in diesem Alter, die conträre Sexualempfindung ver- 
muthen lässt, ist dieser Annahme entschieden günstig. 

Nicht minder bedeutungsvoll ist die mir von einem zu Gruppe 3 
gehörigen conträr sexualen, jungen Mann von 26 Jahren gemachte 
Mittheilung, er wisse bestimmt, dass sein vor mehreren Jahren 
verstorbener Vater ebenfalls conträr gewesen sei. Mein Gewährs- 
mann versichert wenigstens, er kenne noch viele Männer, mit denen 
sein Vater ein „Verhältniss" unterhalten habe. Ob es sich bei dem 
Vater um erworbene oder angeborene conträre Sexualempfindung 
handelte und welcher Gruppe er angehörte, liess sich nicht er- 
mitteln. 

Die obige Hypothese erscheint um so annehmbarer, als die 
li ersten Gradstufen der angeborenen conträren Sexualempfindung 
ganz denjenigen Grad- und Entwicklungsstufen entsprechen, welche 
bei erworbener conträrer Sexualempfindung genetisch sich verfolgen 
lassen. Man fühlt sich versucht, demgemäss die verschiedenen 
Stufen der angeborenen conträren Sexualempfindung als verschie- 
dene Grade erblich angezeugter, von der Ascendenz erworbener 
oder sonstwie entwickelter sexueller Anomalie zu deuten, wobei 
noch an das Gesetz der progressiven Vererbung gedacht wer- 
den muss. 


Angeborene conträre Sexual empfindung. 231 

Die geschlechtlichen Handlungen, mittelst welcher die männ- 
lichen Urninge Befriedigung suchen und finden, sind mannigfach. 
Es gibt feinfühlige und willensstarke Individuen, die ihre Triebe 
zu beherrschen im Stande sind, freilich mit der Gefahr, durch diese 
erzwungene Abstinenz nerven siech (neurasthenisch) und gemüths- 
krank zu werden. 

Bei Anderen wird aus denselben verschiedenen Gründen, welche 
auch den Nichturning den Coitus vermeiden lassen können, zur 
Onanie faute de mieux geschritten. 

Bei Urningen mit originär reizbarem oder durch Onanie zer- 
rüttetem Nervensystem (reizbare Schwäche des Ejaculationscentrums) 
genügen einfache Umarmungen, Liebkosungen mit oder ohne Be- 
tastung der Genitalien zur Ejaculation und damit zur Befriedi- 
gung. Bei weniger reizbaren Individuen besteht der Geschlechts- 
akt in Manustupration durch die geliebte Person oder in mutueller 
Onanie oder in Nachahmung des Coitus inter femora. Bei sitt- 
lich perversen und quoad erectionem potenten Urningen wird der 
sexuelle Drang in Päderastie befriedigt, eine Handlung, die aber 
sittlich nicht defekten Individuen vielfach geradeso widerstrebt, wie 
weibliebenden Männern. Bemerkenswerth ist die Versicherung der 
Urninge, dass der ihnen adäquate Geschlechtsakt mit Personen des 
eigenen Geschlechts grosse Befriedigung und Gefühle des Gekräftigt- 
seins verschaffe, während Selbstbefriedigung durch solitäre Oqanie 
oder gar erzwungener Coitus mit einem Weibe sie sehr angreife, 
elend mache und ihre neurasthenischen Beschwerden sehr vermehre. 
Die Art der Befriedigung der weiblichen Urninge ist wenig ge- 
kannt. In einem meiner Fälle masturbirte das Mädchen, fühlte 
sich dabei als Mann und stellte sich eine geliebte weibliche Person 
vor. In einem anderen Fall bestand der Akt in Onanisirung der 
geliebten Person, Betasten ihrer Schamtheile. 

Vermuthlich ist hier Amor lesbicus nicht selten, wozu eine 
vergrösserte Clitoris oder künstliche Priape Verwendung finden 
mögen. 

Ueber die Häufigkeit 1 ) des Vorkommens der Anomalie ist es 


! ) Dass conträre Sexualempfindung nicht selten sein dürfte, beweist u. A. 
der Umstand, dass sie in Romanen häufig Gegenstand ist. 

Chevalier (op. y cit.) verweist in der französischen Literatur neben 
Romanen von Balzac, die wie „La Passion au desert" die Bestialität und 
wie „Sarrazine* die Liebe einer Frau zu einem Castraten behandeln, auf 
Diderot „La Religieuse" (Roman einer der lesbischen Liebe Ergebenen), 


£32 Paraesthesia sexualis. 

schwer, Klarheit zu bekommen, da die mit derselben Behafteten 
nur äusserst selten aus ihrer Reserve treten und in criminellen 
Fällen der Urning aus Perversion des Geschlechtstriebs gewöhnlich 
mit dem Päderasten aus blosser Unsittlichkeit zusammengeworfen 
wird. Nach den Erfahrungen Casper's, Tardieu's, sowie auch 
nach den meinigen dürfte diese Anomalie viel häufiger sein, als es 
die dürftige Gasuistik vermuthen lässt. 

Ulrichs („Kritische Pfeile" 1880, p. 2) behauptet, dass durch- 
schnittlich ein erwachsener mit conträrer Sexualempfindung Be- 
hafteter auf 200 erwachsene Männer, resp. 800 Seelen der Bevöl- 
kerung komme und dass der Prozentsatz unter den Magyaren und 
Südslaven noch grösser sei, Behauptungen, die dahingestellt bleiben 
mögen. Ein Individuum aus meiner Casuistik kennt in seinem 
Heimathorte (13000 Einwohner) 14 Urninge persönlich. Er ver- 
sicherte, in einer Stadt von 60000 Einwohnern deren wenigstens 
80 zu kennen. Es ist zu vermuthen, dass dieser sonst glaubwür- 
dige Mann zwischen angeborener und erworbener Männerliebe keinen 
Unterschied macht. 

1) Psychische Hermaphrodisie *). 

Diese Stufe der conträren Sexualempfindung ist dadurch cha- 
rakterisirt, dass neben ausgesprochener sexueller Empfindung und 
Neigung zum eigenen Geschlecht solche zum anderen vorgefunden 
wird, aber diese ist eine viel schwächere und nur episodisch vor- 
handen, während die homosexuale Empfindung als die primäre und 
zeitlich wie intensiv vorwiegende in der Vita sexualis zu Tage tritt. 

Balzac „La fille aux yeux cTor* (Amor lesbicus), Th. Gautier .Mademoiselle 
de MaupiV, Peydeau „La Comtesse de Chalis*, Flaubert „Salammbö* etc. 

Auch Belot „Mademoiselle Giraud ma femrae" wäre zu erwähnen. 

Interessant ist, dass die Heldinnen dieser (lesbischen) Romane in Cha- 
rakter und Rolle des Mannes der geliebten Person des eigenen Geschlechts 
gegenüber erscheinen und dass ihre Liebe eine höchst brünstige ist. Auch 
die neuropathische Grundlage dieser sexuellen Perversion entgeht nicht de» 
Romanschriftstellern. In der deutschen Literatur findet sich dieses Thema in 
„Fridolin's heimliche Ehe* von Wilbrandt, in „Brick and Brack oder Licht 
im Schatten" von Emerich Graf Stadion. 

Der älteste urnische Roman dürfte übrigens der von Petronius in 
Rom zur Kaiserzeit unter dem Titel „Satyricon" veröffentlichte sein. 

*) Vgl. des Verf. Arbeit „Ueber psychosexuales Zwitterthum* im inter- 
nationalen Centralblatt f. d. Physiologie und Pathologie der Harn- und Sexual- 
organe Bd. I, Heft 2. 


Psychische Hermaphrodisie. 233 

Die heterosexuale Empfindung kann nur in Rudimenten vor- 
handen sein, eventuell sich bloss im unbewussten (Traum-)Leben 
geltend machen oder aber (episodisch wenigstens) mächtig zu Tage 
treten. 

Die sexuellen Empfindungen gegenüber dem anderen Geschlecht 
können durch Willenskraft, Selbstzucht, moralische, eventuell hyp- 
notische Behandlung, Besserung der Constitution, Beseitigung von 
Neurosen (Neurasthenie), vor Allem aber durch Abstinenz von 
Masturbation gekräftigt werden. 

Immer aber besteht die Gefahr, homosexualen, weil mächtiger 
veranlagten Empfindungen ganz anheimzufallen und zu dauernder, 
ausschliesslicher conträrer Sexualempfindung zu gelangen. 

Dies ist besonders zu fürchten durch den Einfluss der Mastur- 
bation (gleichwie bei der erworbenen conträren Sexualempfindung) 
und durch sie hervorgerufene Neurasthenie und Verschlimmerungen 
dieser^ ferner durch üble Erfahrungen beim sexuellen Verkehr mit 
Personen des anderen Geschlechts (mangelndes Wollustgefühl beim 
Coitus, Missglücken desselben durch Erectionsschwäche und Ejacu- 
latio praecox,, Infection). 

Andererseits vermag ästhetisches und ethisches Gefallen an 
Personen des anderen Geschlechts der Entwicklung der hetero- 
sexualen Gefühle Vorschub zu leisten. 

So geschieht es, dass die betreffende Persönlichkeit, je nach 
dem Vorwalten förderlicher oder ungünstiger Einflüsse bald hetero-, 
bald homosexual empfindet. 

Es ist mir wahrscheinlich, dass derartige hermaphroditische 
Existenzen auf belasteter Grundlage nicht selten sind 1 ). Da sie 
social wenig oder nicht auffällig sind und da derlei Geheimnisse 
des ehelichen Lebens nur ausnahmsweise zur Cognition des Arztes 
kommen, erklärt es sich wohl ohne Weiteres, dass diese inter- 
essante und praktisch wichtige Uebergangsgruppe zu den aus- 
schliesslich conträr Sexualen bisher der wissenschaftlichen Forschung 
entgangen ist. 

Manche Fälle von Frigiditas uxoris und mariti mögen auf 
dieser Anomalie beruhen. An und für sich ist der sexuelle Ver- 


2 ) Diese Annahme findet eine Stütze durch eine mir von Hr. Dr. Moll 
in Berlin gütig vermittelte Angabe eines unverheirateten Urnings. Der- 
selbe wusste über eine Reihe von Fällen aus seiner Bekanntschaft zu berichten, 
in welchen verheirathete Männer gleichzeitig ein Verhältniss mit einem Manne 
unterhielten. 


234 Paraesthesia sexualis. 

kehr mit dem anderen Geschlecht möglich. Jedenfalls besteht auf 
dieser Stufe kein Horror sexus alterius. Der ärztlichen und speciell 
der moralischen Therapie bietet sich hier ein dankbares Feld (s. u.). 

Schwierig kann die differentielle Diagnose von der erworbenen 
conträren Sexualempfindung sein, denn solange bei dieser, die Reste 
früherer normaler geschlechtlicher Empfindung nicht ganz verloren 
gegangen sind, wird der Status praesens Gleiches ergeben (s. u.). 

Auf Stufe l besteht die Befriedigung homosexualer Dränge 
in passiver und mutueller Onanie, Coitus inter femora. 

Beobachtung 106. Psychische Hermaphrodisie bei einer Dame. 
Frau M. , 44 Jahre, bezeichnet sich als ein Beispiel dafür, dass in einem 
Menschen, sei es Mann oder Weib, sowohl conträre als normale Richtungen 
des Sexuallebens vereinigt sein können. 

Der Vater dieser Frau war sehr musikalisch, überhaupt künstlerisch 
hoch talentirt, leichtlebig, ein grosser Verehrer des andern Geschlechts, von 
seltener Schönheit. Er' starb nach mehreren apoplectischen Anfällen dement 
im Irrenhaus. Vaters Bruder war neuropsychopathisch, als Kind mondsüchtig, 
zeitlebens mit Hyperaesthesia sexualis behaftet. So wollte er, obwohl ver- 
heirathet und Vater von verheiratheten Söhnen, Frau M., seine Nichte, in die 
er wahnsinnig verliebt war, als sie 18 Jahre alt war, entführen. Vaters Vater 
war höchst excentrisch, ein bedeutender Künstler, der ursprünglich Theologie 
studirte, aber aus glühendem Drang für die dramatische Muse Mime und 
Sanger wurde. Er war excessiv in Baccho et Venere, verschwenderisch, pracht- 
liebend, starb mit 49 Jahren an Apoplexia cerebri. Mutters Vater und Mutter 
starben an Lungentuberculose. 

Frau M. hatte 11 Geschwister, von denen nur noch 6 leben. Zwei 
Brüder, körperlich der Mutter nachgeartet, starben mit 16 und 20 Jahren an 
Tuberculose. Ein Bruder leidet an Kehlkopfphthise. Sämmtliche vier lebende 
Schwestern, wie auch Frau M., sind körperlich dem Vater nachgeartet und die 
älteste ist unverheirathet , sehr nervös und menschenscheu. Zwei jüngere 
Schwestern sind verheirathet, gesund und haben gesunde Kinder. Eine weitere 
ist Virgo und nervenleidend. 

Frau M. hat 4 Kinder, von denen mehrere zart, neuropathisch sind. 

Ueber ihre Kindheit weiss Pat. nichts von Belang zu berichten. Sie 
lernte leicht, war dichterisch und ästhetisch begabt, galt als ein bischen über- 
spannt, das Rom anlesen und Sentimentale liebend, von neuropathischer Con- 
stitution, äusserst empfindlich gegen Temperaturschwankungen, bekam jeweils 
beim geringsten Luftzug lästige Cutis anserina. Bemerkenswerth ist noch, 
dass Pat. eines Tags, 10 Jahre alt, da sie meinte, die Mutter liebe sie nicht, 
Zündhölzer im Kaffee einweichte und diesen trank, um recht krank zu werden 
und damit die Liebe der Mutter auf sich zu lenken. 

Die Entwicklung ging schon mit 11 Jahren ohne Beschwerden vor sich. 
Menses in der Folge regelmässig. Schon vor der Zeit der Pubertätsentwicklung 
regte sich das Sexualleben, dessen Regungen nach der eigenen Ansicht der 
Pat. in der ganzen folgenden Lebenszeit übermächtige gewesen sind. Die ersten 


Psychische Hermaphrodisie. 235 

Gefühle und Drange waren entschieden homosexual. Pat. bekam eine leiden- 
schaftliche, aber durchaus platonische Neigung zu einer jungen Dame, dichtete 
auf sie Ghaselen und Sonette und war glückselig, wenn sie die „entzückenden 
Reize der Angebeteten 11 einmal im Bade bewundern oder beim Ankleiden 
Nacken, Schultern und Brust mit den Augen verschlingen konnte. Der heftige 
Drang zum Berühren dieser körperlichen Reize wurde stets überwunden. Als 
junges Mädchen sei sie förmlich verliebt in Raphael's und Guido Reni's Ma- 
donnen gewesen. Auch musste sie schönen Mädchen und Frauen in jeder 
Witterung stundenlang nachgehen, ihren Anstand bewundernd, die Gelegen- 
heit erspähend, ihnen gefällig zu sein, ihnen Sträusschen anzubieten u. s. w. 
Pat. versicherte, dass sie bis zum Alter von 19 Jahren absolut keine Ahnung 
vom Unterschied der Geschlechter hatte, da sie durch eine altjüngferliche, 
höchst prüde Tante eine faktisch klösterliche Erziehung gehabt hatte. Infolge 
dieser grenzenlosen Unwissenheit wurde Pat. das Opfer eines Mannes, der sie 
leidenschaftlich liebte, sie durch List zum Coitus brachte. Sie wurde die 
Gattin dieses Mannes, gebar ein Kind, lebte mit ihm ein „excentrisches" 
sexuelles Leben und fühlte sich vom ehelichen Umgang vollständig befriedigt. 
Nach wenigen Jahren wurde sie Wittwe. Seitdem waren wieder Frauen der 
Gegenstand der Neigung, in erster Linie, wie Pat. meint, aus Furcht vor den 
Folgen des sexuellen Umgangs mit einem Manne. 

Mit 27 Jahren zweite Ehe mit einem kränklichen Manne, ohne Neigung. 
Pat. gebar 3mal, erfüllte ihre Mutterpflichten, kam körperlich herunter, em- 
pfand in den letzten Jahren dieser Ehe immer grössere Unlust zum Beischlaf, 
zum Theil im Bewusstaein der Krankheit des Gatten, obwohl ein heftiger 
Drang nach sexueller Befriedigung stets vorhanden war. 

Drei Jahre nach dem Tode des zweiten Mannes machte Pat. die Ent- 
deckung, dass ihre 9jährige Tochter aus erster Ehe der Masturbation ergeben 
war und dahinsiechte. Pat. las im Conversationslexicon über dieses Laster 
nach, konnte dem Drang nicht widerstehen, es auch zu versuchen, und wurde 
Onanistin. Ueber diese Periode ihres Lebens kann sie sich nicht entschließen 
ausführlich zu berichten. Sie versichert, dass sie sexuell schrecklich erregt 
wurde, eines Tags, ihre beiden Mädchen aus dem Hause geben musste, um sie 
vor .Schrecklichem* zu bewahren, während sie ihre beiden Knaben daheim 
behalten konnte! 

Pat. wurde neurasthenisch ex masturbatione (Spinal irritation , Kopf- 
druck, Mattigkeit, geistige Hemmung u. 8. w.), zeitweise sogar dysthymisch 
mit quälendem Taed. vitae. 

Ihr sexuelles Fühlen war bald dem Weib, bald dem Manne zugewandt. 
Sie wusste sich zu beherrschen, litt sehr unter ihrer Abstinenz, zumal da sie, 
ihrer ne urasthenischen Beschwerden wegen, nur in grösster Noth mit Mastur- 
bation sich zu helfen versuchte. Gegenwärtig leidet die 44jährige, noch regel- 
massig menstruirende Frau heftig unter der Leidenschaft für einen jungen Mann, 
dessen Nähe sie aus beruflichen Rücksichten nicht vermeiden kann. 

Pat. ist eine in ihrer äusserlichen Erscheinung nicht auffallende Per- 
sönlichkeit, gracil gebaut, von schwacher Muskulatur. Becken durchaus 
weiblich, jedoch Arme und Beine auffallend gross und entschieden von männ- 
lichem Bau. Da ihr kein weiblicher Schuh pusst, sie aber doch nicht auf- 
fallen will, zwängt sie ihre Füsse in Frauenschuhe, sodass diese künstlich ver- 


236 Paraesthesia sexualis. 

unstaltet sind. Genitalien von ganz normaler Entwicklung. Ausser einem 
Descensus uteri mit Hypertrophie der Vaginalportion ohne Veränderungen. 
Bei eingehenderer Exploration erklärt sich Pat. für wesentlich doch homo- 
sexual, Empfindung und Trieb zum anderen Geschlecht nur für etwas Epi- 
sodisches, Grobsinnliches. So leide sie zwar gegenwärtig schrecklich unter 
sexuellen Drängen zu jenem Manne ihrer Umgebung, aber ein edlerer und 
höherer Genuss sei es ihr, auf eine sanftgerundete, weiche Mädchenwange 
einen Kuss zu hauchen. Dieser Genuss biete sich ihr oft, denn sie sei unter 
den „lieben Geschöpfen" als „gefällige Tante* sehr beliebt, da sie die ver- 
schiedensten B Ritterdienste* jenen unverdrossen leiste und sich dabei immer 
mehr als Mann fühle. 

Beobachtung 107. Conträre Sexualempfindung, aber sexuelle 
Befriedigung bei heterosexualem Verkehr. Herr Z., 36 Jahre, Privat- 
mann, consultirte mich wegen einer Anomalie seines sexuellen Fühlens, die 
ihm die beabsichtigte Eingehung einer Ehe bedenklich erscheinen lasse. Pat. 
stammt von neuropathischem Vater, der an nächtlichem Aufschrecken leide. 
Dessen Vater war ebenfalls neuropathisch, Vaters Bruder Idiot. Die Mutter 
des Pat. und ihre Familie waren gesund und geistig normal. 

Von 4 Schwestern und 1 Bruder des Pat. leidet der letztere an moral 
insanity. 3 Schwestern sind gesund und leben in glücklicher Ehe. 

Pat. war schwächlich als Kind, nervös, litt an nächtlichem Auf- 
schrecken gleich seinem Vater, war aber von schweren Krankheiten nie 
heimgesucht bis auf Coxitis, seit welcher Pat. etwas hinkt. Sehr früh 
erwachten sexuale Dränge. Mit 8 Jahren, ohne alle Verführung, begann 
er zu masturbiren. Vom 14. Jahr ab ejaculirte er Sperma. Geistig war 
er gut veranlagt, interessirte sich auch für Kunst und Literatur. Er war 
von jeher muskelschwach und hatte nie Neigung zu Knabenspielen und auch 
später nicht zu männlicher Beschäftigung. Er hatte ein gewisses Interesse für 
weibliche Toiletten, Putz und weibliche Beschäftigung. Schon von der Pubertät 
an bemerkte Pat. eine ihm unerklärliche Neigung für männliche Personen. 
Besonders sympathisch waren ihm junge Burschen aus den untersten Volks- 
klassen. Ganz besonders zogen ihn Cavalleristen an. Impetu libidinoso saepe 
affectu8 est ad tales homines aversos se premere. Quodsi in turba populi, 
si occasio fuerit bene successit, voluptate erat perfusus; ab vigesimo secundo 
anno interdum talis occasionibus semen eiaculavit. Ab hoc tempore idem factum 
est si quis qui ipsi placuit manum ad femora posuerat. Ab hinc metuit ne 
viris manum adferret. Maxime periculosos sibi homines plebeios fuscis et 
adstrictis bracis indutos esse putat. Summum gaudium ei esset si viros tales 
amplecti et ad se trahere sibi concessum esset; sed patriae mores hoc fieri 
vetant. Paederastia ei displacet ; magnam voluptatem genitalium virorum ad- 
spectus ei affert. Virorum occurrentium genitalia adspici semper coactus est. 
Im Theater, Circus u. s. w. interessiren ihn nur männliche Darsteller. Eine 
Neigung zu Damen will Pat. nie bemerkt haben. Er geht ihnen nicht aus 
dem Wege, tanzt sogar gelegentlich mit ihnen, aber er verspürte dabei nie 
die geringste sinnliche Regung. 

Schon mit 28 Jahren wurde Pat. neurasthenisch , wohl in Folge seiner 
masturbatori8chen Excesse. 


Psychische Hermaphrodisie. 237 

Nun kamen gehäufte Schlafpollutionen, die ihn sehr schwächten. Nur 
sehr selten träumte er anlässlich dieser Pollutionen von Männern , nie von 
Weibern. Nur einmal löste sie ein lascives Traumbild (dass er päderastire) 
ans. Sonst träumte er dabei von Sterbescenen, Angefallenwerden von Hunden 
13. dgl. Pat. litt nach wie vor unter grösater Libido sexualis. Oft kamen 
ihm wollüstige Gedanken, im Schlachthaus sich am Verenden der Thiere zu 
weiden, oder auch sich von Burschen prügeln zu lassen, jedoch widerstand 
er solchen Gelüsten, ebenso dem Drang, in militärische Uniform sich zu 
kleiden. 

Um die Masturbation los zu werden und seine Libido nimia zu be- 
friedigen, entschloss er sich, das Bordell aufzusuchen. Den ersten Versuch, 
mit dem Weibe sexuell sich zu befriedigen, machte er, nach reichlichem Wein- 
genuss, mit 21 Jahren. Die Schönheit des weiblichen Körpers, überhaupt jede 
weibliche Nudität war ihm ziemlich gleichgültig. Er war aber im Stande, den 
Coitus mit Genuss auszuführen und besuchte von nun an das Bordell regel- 
mässig aus „Gesundheitsrücksichten* 1 . 

Von nun an gewährte es ihm auch grossen Genuss, sich von Männern 
ihre sexuellen Beziehungen mit Personen des andern Geschlechts erzählen 
zu lassen. 

Auch im Bordell kommen ihm häufig Flagellationsideen, jedoch bedarf 
er nicht der Pesthaltung solcher Bilder, um potent zu sein. Er betrachtet den 
sexuellen Verkehr im Bordell nur als Auskunftsmittel gegen den Drang zur 
Masturbation und zu Männern, als eine Art Sicherheitsventil, damit er sich 
nicht einmal einem sympathischen Manne gegenüber compromittire. 

Pat. möchte nun heirathen, aber er fürchtet, dass er keine Liebe und 
dann auch keine Potenz einer anständigen Dame gegenüber haben werde. 
Daher seine Bedenken und sein Bedürfniss nach ärztlichem Rath. 

Pat. ist eine sehr intelligente Persönlichkeit, eine durchaus männliche 
Erscheinung. Auch in Kleidung und Haltung bietet er nichts Auffälliges. Gang, 
Stimme sind durchaus männlich, gleichwie Skelet, besonders Becken. Die 
Genitalien sind ganz normal entwickelt. Sie sind, gleichwie das Gesicht, reich- 
lich behaart. Niemand von den Angehörigen und Bekannten des Pat. ahnt 
etwas von seinen sexuellen Anomalien. Bei seinen conträr sexualen Phanta- 
sien will er sich nie in der Rolle des Weibes dem Manne gegenüber gefühlt 
haben. Seit einigen Jahren ist Pat. von neurasthenischen Beschwerden fast 
ganz frei geworden. 

Die Frage, ob er sich für angeboren conträr sexual halte, vermag er 
nicht zu beantworten. Es scheint, dass eine ab origine sehr schwach ver- 
anlagte Inclination zum Weib, bei grosser zum Mann, durch sehr früh ein- 
getretene Masturbation zu Gunsten conträrer Sexualempfindung noch mehr 
abgeschwächt wurde, ohne aber ganz auf Null zu sinken. Mit dem Aufhören 
der Masturbation besserte sich dann einigermassen wieder die Empfindung für 
das Weibliche, jedoch nur in einer grobsinnlichen Weise. 

Da Pat. erklärte, aus Familien- und geschäftlichen Rücksichten heirathen 
zu müssen, konnte diese heikle Frage ärztlich nicht umgangen werden. 

Da Pat. sich glücklicherweise darauf beschränkte, die Frage auf seine 
Potenz als Ehemann zu richten, musste ihm geantwortet werden, dass er an 
und für sich ja potent sei und es voraussichtlich auch im ehelichen Verkehr 


238 Paraesthesia sexualis. 

mit einer Frau seiner Wahl, wenn sie wenigstens geistig ihm sympathisch sei, 
sein werde. 

Ueberdies könne er ja , indem er mit seiner Phantasie geeignet nach- 
helfe, jederzeit auch seine Potenz verbessern. 

Die Hauptsache sei Kräftigung der nur verkümmerten, nicht aber gänz- 
lich fehlenden sexuellen Neigungen zum anderen Geschlecht. Dies könne ge- 
schehen durch Fernhaltung und Zurückdrängung aller homosexualen Gefahle 
und Impulse, eventuell mit Zuhilfenahme inhibitorischer künstlicher Einflüsse 
durch hypnotische Suggestion (Absuggerirung homosexualer Gefühle), des 
Weiteren durch Anregung und Anstrengung normal sexuale Gefühle und 
Dränge zu gewinnen, durch vollkommene Abstinenz von neuerlicher Mastur- 
bation und durch Tilgung der Reste neurasthenischer Verfassung des Nerven- 
systems vermittelst Hydrotherapie und eventuell allgemeiner Faradisation. 

Nachfolgende, auch noch in anderer Hinsicht bemerkenswerte e 
Autobiographie verdanke ich einem 30 Jahre alten Collegen. 

Beobachtung 108. Psychische Hermaphrodisie. Abortive 
conträre Sexualempfindung. 

„Nach meiner Ascendenz bin ich ziemlich schwer belastet. Der Gross- 
vater väterlicherseits war flotter Lebemann und Speculant, mein Vater ein 
charaktervoller Mann, der aber seit mehr als 30 Jahren an Folie circulaire 
leidet, ohne hiedurch in seinem Berufe ernstlich gehindert zu sein. Meine 
Mutter leidet wie ihr Vater an stenocardischen Anfallen. Muttersvater und 
Muttersbruder sollen geschlechtlich hyperästhetisch gewesen sein. Meine einzige 
um 9 Jahre ältere Schwester war zweimal eclamptischen Anfüllen unterworfen, 
war in den Pubertätsjahren religiös exaltirt, wahrscheinlich auch sexuell 
hyperästhetisch. Sie hatte durch Jahre mit schwerer hysterischer Neurose zu 
kämpfen (ist aber jetzt völlig gesund). 

Als spätgeborener einziger Sohn war ich der Augapfel meiner Mutter 
und nur ihrer unermüdlichen Sorge danke ich es, dass ich als Jüngling voll- 
kommen genas, nachdem ich als Kind und Knabe alle möglichen Kinder- 
krankheiten durchgemacht hatte (Hydrocephalus, Morbilli, Croup, Variola, mit 
13 Jahren durch 1 Jahr chronischen Darmcatarrh). Meine Mutter, streng religiös, 
erzog mich, ohne mich zu verzärteln, in diesem Sinne und prägte mir als 
oberstes Sittenprincip ein unbeugsames Pflichtgefühl ein, welches durch einen 
Lehrer, den ich jetzt noch Freund nenne, bis zur Schroffheit ausgebildet wurde. 
Da ich infolge meiner Kränklichkeit den grösseren Theil meiner Kindheit im 
Bette verbrachte, war ich auf ruhige Beschäftigung, besonders Leetüre an- 
gewiesen und wurde so ein zwar nicht blasirter, aber frühreifer Knabe. Schon 
mit 8 — 9 Jahren interessirten mich in den Büchern am meisten die Stellen, 
wo von Verletzungen oder Operationen die Rede war, die schöne Mädchen 
oder Frauen erleiden mussten. So versetzte mich eine Erzählung, wo geschildert 
wird, wie sich ein Mädchen einen Dorn in den Fuss tritt und ihr derselbe 
von einem Knaben entfernt wird, in hochgradige Aufregung, ja ich hatte jedes- 
mal eine Erection, so oft ich nur das bezügliche, durchaus nicht laseive Bild 
ansah. So oft es nur möglich war, sah ich zu, wenn Hühner abgestochen 
wurden, ja wenn ich den Anblick versäumt hatte, besah ich wenigstens mit 


Psychische Hermaphrodisie. 239 

wollüstigem Grausen die Blutspuren und streichelte die noch warmen Thier- 
körper. Ich muss betonen, dass ich seit jeher ein grosser Thierfreund bin und 
dass mich das Schlachten grösserer Thiere, ja selbst die Yivisectionen von 
Fröschen, mit Ekel und Mitleid erfüllten. 

Noch heute hat für mich das Abstechen von Hühnern grossen geschlecht- 
lichen Reiz, und zwar speciell das Halten derselben, wobei ich Herzklopfen 
und Pracordialdruck verspüre. Interessant ist, dass mein Papa eine Leidenschaft 
dafür hat, Mädchen und jungen Frauen die Hände fest zusammenzubinden. 

Wie ich glaube, ist auch eine andere meiner sexuellen Abnormitäten 
auf diese grausame Ader in mir zurückzuführen. Wie ich später näher 
schildern werde, bildete ein Lieblingsspiel von mir ein improvisirtes Puppen- 
theater, wobei ich den Stoff den Mitwirkenden angab. Fast immer gab es da 
ein junges Mädchen, welches auf strengen Befehl des Papas, den ich darstellte, 
sich einer schmerzlichen Operation am Fusse unterwerfen musste. Jemehr nun 
die Mädchen-Puppe jammerte, desto höher stieg meine Befriedigung. Weshalb 
ich gerade den Fuss als constantes Operationsfeld ausersah, geht aus folgendem 
hervor: Als kleiner Junge kam ich zufällig dazu, als meine ältere Schwester 
die Strümpfe wechselte. Als sie rasch die Füsse versteckte, wurde ich auf- 
merksam, und gar bald bildete der Anblick ihrer blossen Füsse bis zu den 
Knöcheln herauf das Ideal meiner Sehnsucht. Selbstverständlich diente dieses 
nur dazu, meine Schwester erst recht vorsichtig zu machen, und so entwickelte 
sich ein ewiger Kampf, der meinerseits mit allen Waffen der List und Schmeichelei 
bis zu Zornexplosionen bis zu meinem 17. Jahre gefuhrt wurde. Sonst war 
mir meine Schwester höchst gleichgültig, ihr Kuss ist mir sogar zuwider. 
Faute de mieux nahm ich auch mit den Füssen von Dienstmädchen vorlieb; 
männliche Füsse Hessen mich kalt. Mein sehnsüchtigster Wunsch wäre ge- 
wesen, an einem schönen weiblichen Fusse die Nägel oder sit venia verbo die 
Hühneraugen schneiden zu dürfen. Meine wollüstigen Träume drehten sich 
um diese Dinge, ja ich wandte mich dem Studium der Medicin eigentlich in 
der Erwartung zu, Gelegenheit zur Stillung meiner Begierden zu finden oder 
sie zu heilen. Gottlob, dass mir Letzteres gelang. Nachdem ich die erste 
Zergliederung einer weiblichen unteren Extremität vorgenommen, wich der 
unselige Bann von mir; ich sage unselig, da ich mich stets dieser Triebe vor 
mir selbst aufs tiefste schämte. Weitere Details glaube ich mir ersparen zu 
dürfen, da diese sonderbare Schwärmerei, welche mich sogar zu Gedichten 
begeisterte, auch andererseits schon mehrfach geschildert wurde. 
Nun zur letzten Seite meiner sexuellen Irrthümer. 
Ich war etwa 13 Jahre alt und begann gerade zu mutiren, als ein 
Schulkamerad, der vorübergehend bei uns zu Gast war, mich Abends einmal 
dadurch neckte, dass er mit seinem nackten Fusse unter der Decke hervor 
nach mir stiess. Ich erhaschte seinen Fuss und gerieth sofort in hochgradige 
Erregung, welche von einer Pollution gefolgt war, die erste, die ich hatte. 
Der Knabe war auffallig mädchenhaft gebaut und auch geistig derart angelegt. 
Auch ein anderer Kamerad mit sehr kleinen und zarten Händen und Füssen, 
den ich einmal im Bade sah, regte mich ungemein auf. Ich dachte es wohl 
mitunter als ein hohes Glück, mit einem von den Beiden im Bett zusammen- 
liegen zu können, ein engerer sexueller Verkehr jedoch, der über eine Um- 
armung hinausgegangen wäre, kam mir gar nicht in den Sinn. Uebrigens 


240 Paraesthesia sexualis. 

wies ich auch solche Gedanken stets mit Abscheu von mir. Einige Jahre später, 
von meinem 16. — 18. Jahre, lernte ich noch zwei Knaben kennen, welche mein 
sexuelles Gefühl erweckten. Wenn ich mich mit ihnen herumbalgte, hatte 
ich sofort Erectionen. Beide waren sehr energische, frische, aber zartgebaute 
Bürschchen von kindlichem Habitus. Mit dem Eintritte der Pubertät verlor 
jeder von Beiden mein ganzes Interesse, obzwar ich Beiden eine warme freund- 
schaftliche Theilnahme bewahrte. Zu unzüchtigen Handlungen mit ihnen hätte 
ich mich nie hinreissen lassen. — 

Als ich die Universität bezogen, vergass ich völlig auf diese Verirrungen 
meiner libido sexualis, hielt mich aber bis zu meinem 24. Jahre aus Princip 
von jedem sexuellen Verkehr zurück, trotz des Hohnes meiner Collegen. Als 
sich dann die Pollutionen allzusehr häuften und ich fürchten musste, eventuell 
ex abstinentia eine Cerebralasthenie zu acquiriren, warf ich mich dem normalen 
Geschlechtsleben in die Arme, und zwar, obschon ich es ziemlich nachdrück- 
lich geniesse, zu meinem grössten Wohle. 

Dass ich gegenüber puellis publicis nahezu impotent bin, dass der 
nackte Körper eines Weibes mich eher ekelt als erregt, hängt wohl mit den 
Specialfächern zusammen, in welchen ich jahrelang thätig war. 

Der Akt befriedigt mich stets am meisten, wenn ich dabei die Vor- 
stellung der Vis festhalten kann; da aber andererseits die Vorstellung mir 
unerträglich ist, dass das Mädchen neben mir noch von einem Andern be- 
friedigt werde, habe ich es seit Jahren als unumgänglich nöthig für mein 
seelisches Gleichgewicht befunden, une femme soutenue mir trotz drückender 
pecuniärer Opfer zu vergönnen, und zwar nur eine virgo. Sonst macht mich 
die albernste Eifersucht vollkommen arbeitsunfähig. Ich muss noch erwähnen, 
das 8 ich mit 13 Jahren das erstemal platonisch verliebt war und seitdem öfter 
in holder Minne geschmachtet habe. Was meinen Fall vor allen andern aus- 
zeichnen dürfte, ist, dass ich nicht ein einziges Mal in meinem Leben 
onanirt habe. 

Vor einigen Wochen erschreckte mich ein Schlaf, in welchem ich von 
pueris nudis geträumt hatte und aus dem ich mit Erection erwachte. 

Zum Schlüsse wage ich mich an die immerhin missliche Aufgabe, meinen 
Status praes. zu skizziren. Mittelgross, gracil gebaut, Schädel dolichocephal 
mit Delle an der Hinterhauptschuppe, 59 cm Circumferenz, Stirnhöcker stark 
vorspringend, etwas neuropathischer Blick, Pupillen mittelweit, Gebiss sehr 
defekt. Muskulatur kräftig, straff. Starker Haarwuchs, blond. Links Vari- 
cocele; ein zu kurzes Frenulum, welches mich beim Coitus hinderte, zerschnitt 
ich selbst vor 3 Jahren. Seitdem Ejaculation retardirt, Wollustgefuhl bedeutend 
vermindert. 

Cholerisches Temperament, Auffassung rasch, gute Combinationsgabe, 
energisch, für einen Hereditarier sehr ausdauernd, lerne leicht Sprachen, gutes 
Gehör, sonst kein Talent für die schönen Künste. Pflichteifrig, aber stets von 
Taedium vitae erfüllt; am Tentamen suic. nur durch meine Religion und die 
Rücksicht auf meine angebetete Mutter verhindert. Sonst typischer Selbst- 
mordkandidat. Ehrgeizig, eifersüchtig, paralysophobisch , Linkshänder. Von 
socialistischen Ideen angekränkelt. Abenteuersüchtig, muthig — habe mich 
entschlossen, nie zu heirathen." 


Psychische Hermaphrodisie. 241 

Beobachtung 109. Psychische Hermaphrodisie. Auto- 
biographie. Ich bin im Jahre 1868 geboren. Die Familien meiner beiden 
Eltern sind gesund. Jedenfalls ist Geisteskrankheit in denselben nie vorgekommen. 
Mein Vater war Kaufmann ; er ist jetzt 65 Jahre alt und seit Jahren nervös, 
insbesondere zur Melancholie geneigt. Vor seiner Yerheirathung soll mein 
Vater ein flotter Lebemann gewesen sein. Meine Mutter ist gesund, wenn 
auch nicht sehr kräftig. Ich habe zwei gesunde Geschwister. 

Ich selbst war sehr früh sexuell entwickelt und hatte, in meinem 14. Jahre 
etwa, so stark mit Pollutionen zu thun, dass ich erschreckt wurde. Unter 
welchen Umständen dieselben auftraten, insbesondere welcher Art die Träume 
waren, die damit verbunden, kann ich nicht mehr sagen. Thatsache ist, dass 
ich mich seit Jahren geschlechtlich nur zu Männern hingezogen fühle und 
trotz aller Energie und entsetzlichen Kampfes diesen unnatürlichen, mir so 
widerwärtigen Trieb nicht besiegen kann. — In meinen ersten Lebensjahren 
soll ich viele und gefährliche Krankheiten durchgemacht haben, so dass man 
wiederholt für mein Leben fürchtete. Daher kommt es wohl auch, dass ich 
verzogen und sehr verzärtelt wurde. Ich war stets viel im Zimmer, spielte 
mit Puppen lieber als mit Soldaten, zog überhaupt ruhige Spiele im Zimmer 
den lärmenden Strassenspielen vor. Mit 10 Jahren kam ich in das Gymna- 
sium. Obwohl ich sehr faul war, gehörte ich zu den besten Schülern, denn 
ich lernte ausserordentlich leicht und war der Liebling meiner Lehrer. Seit 
meiner frühesten Kindheit (7. Jahre) hatte ich Vergnügen an kleinen Mädchen. 
Ich erinnere mich, dass ich noch bis in mein 13. Jahr mit solchen förmliche 
Liebesverhältnisse unterhielt, eifersüchtig auf die war, die mit den Betreffenden 
verkehrten, dass ich Vergnügen daran hatte, den Freundinnen meiner Schwester 
und den Dienstboten unter die Röcke zu sehen, dass ich Erection bekam bei 
Berührung des Körpers meiner Spielgenossinnen. Bestimmt kann ich mich 
aber erinnern, dass mich ebenso früh und mächtig Knaben anzogen und 
sexuell erregten. Ich hatte immer viel Vergnügen am Lesen und am Theater; 
ich hatte ein Puppentheater, mit dem ich mit Vorliebe spielte, konnte ganze 
Stücke auswendig, copirte die Schauspieler, die ich sah, insbesondere die 
weiblichen Rollen mir aussuchend, und gefiel mir, mich dabei in Frauenkleider 
zu stecken. 

Als mein geschlechtliches Leben stärker erwachte, gewannen meine 
Neigungen für Knaben die Oberhand. Ich verliebte mich vollständig in meine 
Kameraden, hatte ein wollüstiges Gefühl, wenn einer von ihnen , der mir gefiel, 
meinen Körper berührte. Ich wurde sehr scheu, weigerte mich, in die Turnstunde 
und baden zu gehen. Ich glaubte mich anders als meine Kameraden und genirte 
mich, mich vor ihnen zu entkleiden. Ich hatte ein Vergnügen daran, den Penis 
meiner Kameraden zu betrachten, bekam sehr leicht Erection. Onanirt habe 
ich nur einmal in meiner Jugend. Als ein Freund mir erzählte, dass man 
auch ohne Frauen Genuss haben könne, versuchte ich es ebenfalls, hatte jedoch 
kein Vergnügen daran. Auch kam mir damals ein Buch in die Hand, das 
vor den Folgen der Onanie warnte. Ich that es nach diesem einen Male nicht 
wieder. In meinem 14. oder 15. Lebensjahre lernte ich zwei etwas jüngere 
Knaben kennen, die mich im höchsten Grade geschlechtlich erregten. Ins- 
besondere in den Einen war ich vollständig verliebt. Ich wurde geschlechtlich 
aufgeregt in seiner Nähe, war unruhig, wenn ich ihn nicht bei mir hatte, 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 16 


242 Paraesthesia sexualis. 

eifersüchtig auf jeden, der mit ihm verkehrte, befangen in seiner Gegenwart. 
Derselbe hatte keine Ahnung von meinem Zustande. Ich fühlte mich sehr 
unglücklich, weinte häufig und gerne, da ich mich dann erleichtert fühlte. 
Doch konnte ich dieses mein Gefühl nicht begreifen, fühlte immer das Irreguläre 
desselben. Insbesondere war ich auch darüber unglücklich, dass meine Fähig- 
keit, zu arbeiten, auf einmal schwand. Ich, der ich früher mit Leichtigkeit 
lernte, hatte auf einmal die grösste Mühe; meine Gedanken waren nie bei 
der Sache. Nur mit Aufwand aller Energie gelang es mir, etwas in den Kopf 
zu bringen. Ich musste stets laut lernen, um meine Aufmerksamkeit aufrecht 
zu erhalten. Mein Gedächtnis, vorher vorzüglich, liess mich häufig im Stich. 
Ich blieb deshalb doch ein guter Schüler, gelte auch heute noch für einen 
begabten Menschen, habe jedoch entsetzliche Mühe, mir etwas einzuprägen. 
Ich setzte damals alle meine Energie daran, mich aus diesem jammervollen 
Zustande zu befreien. Ich ging täglich schwimmen, turnte, ritt viel und be- 
suchte fleissig den Fechtboden, hatte auch an allen diesen Beschäftigungen 
viel Vergnügen. Noch heute fühle ich mich sehr wohl auf dem Pferde, ob- 
wohl ich von Pferden nichts verstehe und keine besondere Begabung zu körper- 
lichen Uebungen habe. An dem Verkehr mit meinen Kameraden hatte ich viel 
Vergnügen ; ich fehlte bei keiner Kneiperei, rauchte und war sehr beliebt. Ich 
verkehrte viel in Wirtschaften mit weiblicher Bedienung, amüsirte mich gerne 
mit den Kellnerinnen, ohne jedoch dadurch in geschlechtliche Aufregung zu 
gerathen. Bei meinen Freunden und Lehrern galt ich als ein Mensch, der 
viel mit Frauen mache und verdorben ist. Leider mit Unrecht. 

Mit 19 Jahren kam ich zur Universität. Mein erstes Semester brachte 
ich auf der Universität B. zu. Dasselbe ist mir heute noch in schrecklicher 
Erinnerung. Mein geschlechtliches Bedürfniss regte sich mit Macht, ich lief 
Nachts stundenlang herum, insbesondere wenn ich angezecht war, und suchte 
nach Männern. Glücklicherweise fand ich Niemand. Am anderen Morgen 
war ich ausser mir über mich selbst. Im 2. Semester ging ich nach M. Es 
war dies meine glücklichste Zeit. Ich hatte nette Freunde, fand wunderbarer- 
weiße Gefallen an Frauen und war ganz glücklich darüber. Ich knüpfte 
ein Liebesverhältniss mit einem jungen, verdorbenen Mädchen an, mit dem 
ich wilde Nächte verlebte, ich war ausserordentlich leistungsfähig. Auch sonst 
verkehrte ich, der ich vorher keusch gewesen war, mit Frauen. Ich fühlte 
mich frisch und wohl, wie nie, nach dem Coitus. Bei der Frau reizte mich 
nicht sowohl die Figur, die ich stets unschön fand, als, ich weiss nicht was: 
kürz, ich kannte Frauen, deren Berührung Erection sofort zur Folge hatte. 
Diese Freude und der fröhliche Zustand blieben nicht lange. Ich beging die 
Dummheit, mit einem Freunde zusammen in eine Wohnung zu ziehen. Wir 
hatten ein Schlafzimmer. Derselbe war ein sehr begabter, liebenswürdiger 
und den Frauen gefährlicher Mensch, der mich zuerst durch diese seine Eigen- 
schaften lebhaft anzog. Ich liebe überhaupt nur sehr gebildete Männer, 
während ungebildete, kräftige Leute mich nur augenblicklich lebhaft aufzu- 
regen vermögen, nicht aber zu fesseln. Bald verliebte ich mich in meinen 
Freund. Nun kam die schreckliche Zeit, die meine Gesundheit zerstörte. Ich 
schlief in demselben Zimmer wie der Freund, musste ihn täglich vor meinen 
Augen sich entkleiden sehen und alle Energie zusammennehmen, mich nicht 
zu verrathen. Ich wurde nervös, weinte leicht, war eifersüchtig auf jeden. 


Psychische Hermaphrodisie. 243 

der mit meinem Freunde verkehrte. Ich verkehrte auch jetzt noch mit Frauen, 
konnte es jedoch nur noch mit Mühe zum Coitus bringen, der mir, gleichwie 
das Weib selbst, ekelhaft war. Dieselben Frauen, die mich vorher auf das 
Lebhafteste erregten, Hessen mich jetzt kalt. Ich folgte meinem Freunde nach 
W., wo dieser einen Bekannten aus früherer Zeit traf, mit dem er zusammen- 
zog. Ich wurde eifersüchtig, krank vor Sehnsucht und Liebe. Dabei ver- 
kehrte ich wieder mit Frauen, brachte es allerdings nur selten und mit Mühe 
zum Beischlaf. Ich wurde furchtbar verstimmt, dem Wahnsinn nahe. Vom 
Arbeiten war keine Rede mehr. Ich führte ein thörichtes, aufreibendes Leben 
und brauchte unendlich viel Geld, das ich geradezu zum Fenster hinauswarf. 
Dann brach ich nach V/-2 Monaten zusammen und musste in eine Wasser- 
heilanstalt, wo ich viele Monate zubrachte. Ich kam dort wieder zu mir, 
wurde bald sehr beliebt, da ich sehr lustig sein kann und im Verkehr mit 
gebildeten Damen viel Vergnügen finde. Ich ziehe verheirathete Frauen jüngeren 
Mädchen in der Unterhaltung vor, bin aber auch sehr lustig in Herrengesell- 
schaft, am Biertisch, auf der Kegelbahn. 

In dieser Anstalt traf ich einen Menschen von 29 Jahren, der offenbar 
ähnlich wie ich beanlagt war. Der Mensch drängte sich an mich heran, 
wollte mich umarmen, küssen, war mir aber furchtbar widerlich, obwohl er 
mich aufregte, seine Berührung mir Erection, ja sogar Ejakulation verschaffte. 
Derselbe brachte mich eines Abends zur gegenseitigen Onanie. Ich verbrachte 
darauf die schrecklichste Nacht ohne Schlaf, ich hatte einen furchtbaren Ekel 
vor der Geschichte und nahm mir vor, niemals wieder Derartiges mit einem 
Manne zu treiben. Tagelang kam ich nicht zur Ruhe. Es war mir entsetz- 
lich , dass der Mensch mich trotz allem dem und so gegen meinen Willen 
geschlechtlich erregte ; andererseits gewährte es mir Befriedigung, dass derselbe 
in mich verliebt war und offenbar ähnliche Kämpfe zu bestehen hatte, wie 
ich früher. Ich wusste mir ihn von da an fernzuhalten. 

Ich ging wieder auf verschiedene Universitäten, besuchte auch noch 
manche Wasserheilanstalten mit augenblicklichem, jedoch nie mit dauerndem 
Erfolge. Ich verliebte mich noch in manchen Freund, jedoch nie so stark 
wie in den M.er. Geschlechtlichen Verkehr hatte ich nicht mehr, weder mit 
Frauen — denn ich war dazu nicht im Stande — noch mit Männern, da es 
mir an Gelegenheit fehlte und ich mich von ihnen abzuwenden zwang. Den 
Freund aus M. traf ich noch oft, wir sind jetzt befreundeter als je und er 
regt mich nicht mehr auf, worüber ich ausserordentlich froh bin. Das geht 
meistens so; wenn ich eine Person, die mich geschlechtlich aufregt, längere 
Zeit nicht gesehen habe, ist der geschlechtliche Einfluss verschwunden. 

Ich bestand mein Examen mit Auszeichnung. In dem letzten Jahre vor 
demselben fing ich an zu onaniren — also mit 23 Jahren, da ich meinen, 
mich sehr belästigenden Geschlechtstrieb nicht anders zu befriedigen wusste. 
Jedoch that ich es sehr selten, da ich danach stets Ekel und eine schlaflose 
Nacht habe. Nur wenn ich viel getrunken habe, verliere ich alle Energie. 
Ich laufe dann stundenlang herum, suche nach Männern und komme schliess- 
lich zur Onanie, um am anderen Tage mit dumpfem Kopfe und einem ent- 
setzlichen Ekel vor mir selbst zu erwachen und tagelang melancholisch herum- 
zulaufen. Solange ich mich selbst in der Gewalt habe, suche ich mit aller 
Energie gegen meine Natur anzukämpfen. — Es ist entsetzlich, wenn man mit 


244 Paraesthesia sexual is. 

keinem Freunde ruhig verkehren kann, wenn jeder stramme Soldat oder 
Metzgerbursche einen zittern und beben lässt. Es ist furchtbar, wenn die 
Nacht kommt und ich lauere am Fenster, ob nicht an der Mauer gegenüber 
Einer urinirt und mir Gelegenheit gibt, seine Genitalien zu schauen. Sie sind 
entsetzlich diese Träume und dazu das Bewusstsein des Unmoralischen , des Straf- 
würdigen meiner Gesinnung und meines Begehrens. Ich habe einen Widerwillen 
vor mir selbst, der sich nicht beschreiben lässt. Ich halte meinen Zustand für 
krankhaft. Ich kann ihn nicht für angeboren halten, sondern ich glaube, dass 
mir der Trieb durch eine verfehlte Erziehung anerzogen ist. Mich macht mein 
Leiden rücksichtslos und egoistisch, es nimmt mir jede Gutmüthigkeit und 
jede Rücksichtnahme auf meine Familie. Ich bin launisch und oft zum Wahn- 
sinn erregt, oft verstimmt, so dass ich mir kaum zu helfen weiss, und dann 
sehr leicht zu Thränen geneigt. Und doch habe ich einen Ekel vor dem 
geschlechtlichen Verkehr mit Männern. Eines Abends, als ich betrunken und 
erregt von der Kneipe kam und in diesem halbbewusstlosen Zustand und voll 
Geilheit in der Promenade umherwandelte, begegnete mir ein junger Mensch, 
der mich zu gegenseitiger Onanie brachte. Obwohl mich derselbe aufregte, 
war ich ausser mir nach geschehener That. Noch heute, wenn ich an dem Platz 
vorbeigehe, kann ich mir vor Ekel nicht helfen, und neulich, als ich vorbei- 
ritt, fiel ich ohne jede Veranlassung von dem mir wohlbekannten frommen 
Thier, so sehr empörte mich die Erinnerung an diese Nichtswürdigkeit. 

Ich liebe die Familie und die Kinder, den geselligen Verkehr und bin 
meiner Stellung in der Gesellschaft nach geeignet, ein Haus auszumachen. 
Auf alles das muss ich verzichten, und doch kann ich die Hoffnung der Heilung 
nicht aufgeben. So schwebe ich zwischen hoffender Heiterkeit und entsetz- 
licher Hoffnungslosigkeit, vernachlässige Beruf und Familie. Ich will ja gar 
nicht so weit kommen, dass ich heirathen und eine Familie gründen kann. 
Nur den entsetzlichen Hang nach dem männlichen Geschlechte möchte ich 
zu überwinden lernen, nur mit meinen Freunden wieder ruhig verkehren, mich 
selbst wieder achten lernen. 

Von meinem Zustande hat kein Mensch eine Ahnung, ich gelte viel- 
mehr für einen argen Roue, welches Renommä ich aufrecht zu erhalten suche. 
Ich versuche oft mit Mädchen ein Verhältniss anzuknüpfen, wozu mir häufig 
Gelegenheit geboten ist. Ich habe schon Manche kennen gelernt, die mich 
liebte und mir ihre Ehre geopfert hätte, jedoch kann ich derselben keine Liebe 
bieten und geschlechtlich ihr nichts gewähren. Und einen Wann kann ich 
lieben. Mich regen nur Männer in sehr jungem Alter, also Jünglinge von 
17 — 25 Jahren, auf, die keinen Vollbart oder am liebsten überhaupt keinen 
Bart tragen. Lieben kann ich nur solche, die sehr gebildet, anständig und 
liebenswürdig sind. Ich selbst bin klein, sehr eitel und leichtfertig, auch sehr 
exaltirt, lasse mich leicht leiten von den Personen, die mir gefallen und denen 
ich in Allem nachzuahmen suche, ihnen gegenüber aber auch sehr empfindlich 
und leicht beleidigt. Ich lege sehr viel Werth auf Aeusserlichkeiten , liebe 
schöne Zimmereinrichtungen und Kleider und lasse mir durch vornehme Art 
und elegantes Auftreten imponiren. Ich bin unglücklich, dass mich mein 
neurasthenischer Zustand verhindert, alles das zu treiben und zu lernen, was 
ich gerne möchte. 

Im Herbst lernte ich Pat. kennen. Er ist ohne Degenerationszeichen, 


Psychische Hermaphrodisie. 245 

von durchaus männlichem Habitus, wenn auch zart gebaut und schmächtig. 
Genitalien ganz normal. Aeussere Erscheinung distinguirt, unauffällig. Er 
beklagt tief seine sexuelle Perversion , von der er um jeden Preis frei werden 
mGchte. Trotz der grössten Bemühungen von Seiten des Arztes und des 
Patienten konnte nur ein ganz leichter, für Suggestionsbehandlung ungenügen- 
der Grad von Hypnose erzielt werden. 

Beobachtung 110. Psychische Hermaphrodisie, Mund- 
fetisch ismus. Ich bin 31 Jahre alt und Beamter in einer Fabrik. Meine 
Eltern sind gesund und haben nichts Krankhaftes an sich. Mein Grossvater 
väterlicherseits soll gehirnleidend gewesen sein ; meine Grossmutter mütterlicher- 
seits starb melancholisch, ein Cousin meiner Mutter war Alkoholiker, mehrere 
andere Blutsverwandte sind psychisch nicht normal. 

Ich war 4 Jahre alt, als mein Geschlechtstrieb sich regte. Ein Mann in 
den zwanziger Jahren, welcher mit uns Kindern spielte und uns auf den Arm 
nahm, erregte in mir die Lust, ihn zu umarmen und ihn inbrünstig zu küssen. 

Dieser Trieb zum sinnlichen Kuss auf den Mund ist charakteristisch für 
mich, bildet er doch jetzt den Hauptreiz meiner geschlechtlichen Befriedigung. 

Eine ähnliche Regung verspürte ich ungefähr in meinem 9. Jahre. Ein 
Mann, hasslich, ja schmutzig, mit rothem Bart rief ebenfalls in mir diese Be- 
gierde ihn zu küssen wach. 

Hier zeigt sich zum ersten Male bei mir ein Merkmal, welches ebenfalls 
noch heute sich bei mir vorfindet, nämlich zu Zeiten der eigenthümliche Reiz 
des Gemeinen, ja des Schmutzigen in Kleidung und Benehmen eines Anderen 
auf meine Sinne. 

In dem Gymnasium wurde ich vom 11.— 15. Jahre von einer Leiden- 
schaft zu einem Kameraden erfasst. Auch hier wäre es meine grösBte Lust 
gewesen, ihn zu umhalsen und Mund auf Mund zu küssen. Ich wurde manch- 
mal von einer Begierde zu ihm erfasst, wie sie stärker mich jetzt geliebten 
Personen gegenüber nicht ergreift. Erectionen glaube ich jedoch erst gegen 
das 13. Jahr ungefähr bekommen zu haben. 

Während dieser Jahre hatte ich, wie gesagt, durchaus nur die Begierde 
zu umarmen und zu küssen ; cupiditas videndi vel tangendi aliorum genitalia 
mihi plane- deerat. Ich war ein durchaus unverdorbener, naiver Junge, wusste 
bis zum 15. Jahre gar nicht die Bedeutung der Erection, ja ich wagte nicht 
einmal den Geliebten zu küssen, da ich fühlte, etwas Sonderbares dadurch 
zu thun. 

Ein Bedürfnis mich zu masturbiren empfand ich nicht, und hatte auch 
das Glück, durch keine älteren Kameraden dazu verführt zu werden. 

Ueberhaupt habe ich bis jetzt noch nie mich masturbirt, ich empfinde 
einen gewissen Widerwillen davor. 

In meinem 14. und 15. Lebensjahre wurde ich von Begierde zu einer 
Reihe von Jungen ergriffen, von denen einige noch heute mir gefallen. So 
war ich stark verliebt in einen Jungen, den ich niemals gesprochen hatte; 
trotzdem war es mir schon ein Glück, ihn nur auf der Strasse anzutreffen. 

Dass meine Leidenschaften durchaus sinnlicher Natur waren, geht daraus 
hervor, dass ich schon, wenn ich den Geliebten die Hände presste und schmeichelte, 
in heftige Erection gerieth. 


246 Paraesthesia sexualis. 

Immer aber wäre es mir höchste Lust gewesen amplecti et os osculari ; 
etwas Anderes begehrte ich nicht. 

Dass das, was ich empfand, geschlechtliche Liebe war, wnsste ich nicht, 
nur sagte ich mir, es wäre unmöglich, dass ich allein solche Reize verspüre. 

Bis zum 15. Jahre hatte mich nie ein Weib erregt, da auf einmal, 
während ich mich eines Abends allein im Zimmer mit unserer Magd befand, 
verspürte ich dieselbe Begierde, wie manchen Knaben gegenüber ; ich scherzte 
zuerst mit ihr, und als ich sah, dass sie gerne sich küssen Hess, bedeckte ich 
sie mit Küssen; ich empfand eine Wollust, wie ich sie jetzt nur selten ver- 
spüre. Mund auf Mund küssten wir uns, und nach etwa 10 Minuten erfolgte 
bei mir Pollution. So befriedigte ich mich 2 — 3mal die Woche, bald begann 
ich ein ähnliches Verhaltnißs mit einer unserer Köchinnen und noch anderen 
Dienstmädchen. Die Ejakulation erfolgte jeweils ungefähr nach 10 Minuten 
langem Küssen. 

Unterdessen hatte ich Tanzstunden genommen; da zum ersten Male 
reizte mich ein feines Mädchen. Diese Liebe verschwand jedoch ziemlich bald, 
ich liebte dann noch ein anderes Mädchen, das ich nie kennen lernte, bei dessen 
Anblick ich aber eine ähnliche Anziehungskraft wie den Jünglingen gegenüber 
verspürte, nicht bloss die rein sinnliche brutale Gluth wie sonst Mädchen 
gegenüber. Mein Trieb zu den Mädchen war zu dieser Zeit auf den Höhepunkt, 
gelangt, ungefähr ein gleicher Prozentsatz Mädchen wie Jünglinge gefielen mir. 
Meine Sinnlichkeit befriedigte ich, wie oben erwähnt, durch Küssen der Magd 
unter erfolgender Pollution; so brachte ich die Zeit zwischen dem 16. und 18. 
Lebensjahre zu. Durch Weggang unserer Mägde war mir die Gelegenheit 
meiner sinnlichen Befriedigung genommen. 

Es kam eine Zeit von 2—3 Jahren, während welcher ich dem Geschlechts- 
genuss entsagen musste, die Mädchen gefielen mir überhaupt weniger, auch 
schämte ich mich jetzt, grösser geworden, mit Mägden mich abzugeben. 

Eine Maitresse mir anzuschaffen, war mir nicht möglich, denn ich war 
trotz meines Alters von meinen Eltern streng beaufsichtigt und kam nur wenig 
mit Jünglingen zusammen, so dass ich nur wenig Selbstständigkeit beeass. Mit 
dem Abnehmen des Triebes zu den Weibern nahm die Anziehungskraft der 
Jünglinge zu. 

Da ich sehr viele nächtliche Pollutionen seit dem 16. Jahre hatte, unter 
Träumen theils von Weibern, theils von Männern, die mich sehr schwächten 
und mich ganz deprimirten, wollte ich durchaus denselben durch normalen 
Coitus ein Ende machen. 

Skrupel jedoch und der Glaube, Dirnen reizten mich nicht, hielten mich 
bis zum 21. Jahre von dem Bordell zurück. 2—3 Jahre kämpfte ich einen 
täglichen Kampf (hätte es jedoch Männerbordelle gegeben, keine Skrupel 
hätten mich gehindert hinzugehen). Endlich ging ich in's Bordell ; ich brachte 
es nicht einmal zur Erection, einerseits weil mich das Mädchen, obgleich es 
selten frisch und hübsch für eine Bordelldirne war, nicht reizte, namentlich 
aber, weil es mich nicht auf den Mund küssen wollte. Ich war äusserst nieder- 
geschlagen und glaubte mich impotent; 3 Wochen darauf besuchte ich eine 
andere Dirne, diese brachte mich sofort durch ihren Kuss in Erection, sie war 
von drallen Formen, breiten Lippen, viel sinnlicher als die erste. Schon nach 
3 Minuten führte das blosse Küssen Mund auf Mund zur Ejaculation (natür- 


Psychische Hermaphrodisie. 247 

lieh ante portam). So inachte ich erst, nachdem ich ungefähr 7mal bei Dirnen 
gewesen war, Versuche zum Coitus zu gelangen. 

Das eine Mal kam ich entweder gar nicht zur Erection, weil das Mädchen 
mich kalt liess, das andere Mal ejaculirte ich zu frühzeitig. Ueberhaupt hatte 
ich die ersten Male geradezu ein wenig Ekel, penem introducere, und auch 
nachdem mir normaler Coitus gelungen war, spürte ich keinen Reiz durch 
denselben. Die Wollustbefriedigung geschieht durch Küsse auf den Mund, 
dieses allein ist für mich das Wichtigste, der Coitus nur etwas Secundäres zur 
intimeren Umarmung dienend. Blosser Coitus, auch wenn das Weib mich noch 
so sehr reizte, wäre mir ohne Küssen gleichgültig; ja meistens legt sich die 
Erection, oder entsteht nicht, wenn das Weib nicht auf den Mund küssen will, 
Aber ich kann nicht jedes Weib küssen, sondern nur solche, deren Gesicht 
mich anreizt, eine Dirne, die mir schon beim Anblicke zuwider ist, bringt mich 
durch alles Küssen, das mich vor ihr dann nur anekelt, nicht in Gluth. 

So besuche ich seit 4 Jahren, ungefähr alle 10 — 14 Tage, Bordelle; nur 
selten misslingt mir noch der Coitus, da ich mich kennen gelernt habe und 
sofort bei Wahl der Dirne weiss, ob sie mich erregen oder kalt lassen wird. 
Allerdings ist gerade in letzter Zeit es wieder vorgekommen, dass ich glaubte, 
das Weib wurde mich reizen und doch dann jede Erection fehlte. Dies traf 
namentlich zu, wenn ich zu sehr die Tage vorher den Drang zu Männern mit 
Gewalt hatte unterdrücken müssen. 

In den ersten Zeiten, als ich in's Bordell ging, war die Wollustempfindung 
eine sehr geringe; nur ganz wenige Male hatte ich wahre Lust (wie früher 
beim Küssen). Jetzt dagegen empfinde ich meist starke Wollustempfindung. 
Einen besonderen Reiz haben für mich die ordinären Lupanarien, denn in 
letzter Zeit übt die Gemeinheit der Weiber, der dunkle Eingang, der fahle 
Schein der Laternen , die ganze Umgebung einen besonderen Reiz auf mich 
aus, namentlich wohl deshalb, weil unbewusst meine Sinnlichkeit durch den 
an solchen Orten häufigen Verkehr von Soldaten angestachelt wird und gleich- 
sam dem Weib einen gewissen Reiz verleiht. 

Finde ich dann ein Weib, dessen Gesicht mich erregt, so kann ich sehr 
stark Wollust empfinden. 

Ausser den Dirnen können meine Begierde erregen namentlich : Bauern- 
mädchen, Mägde, Arbeiterinnen, Mädchen aus dem Volke, überhaupt solche in 
ordinärer Kleidung. 

Rothe Farbe der Wangen, dicke Lippen, dralle Körperformen gefallen 
mir insbesondere. Feine Damen und Fräulein lassen mich ganz gleichgiltig. 
Meine Pollutionen sind meist ohne Wollustempfindungen, oft unter Träumen 
von Männern, äusserst selten, fast nie von Weibern. Wie aus letzterem Umstand 
hervorgeht, besteht immer noch, trotz regelmässigem Coitus, mein Trieb zu den 
Jünglingen. Ja ich kann sagen, er hat nur zugenommen und zwar in be- 
deutendem Masse. Sind mir sofort nach dem Coitus die Mädchen ganz reizlos, 
80 könnte der Kuss eines sympathischen Weibes mich sofort wieder in Erection 
bringen ; gerade in den ersten Tagen nach dem Coitus scheinen mir die Jüng- 
linge am begehrenswerthesten. 

Ueberhaupt befriedigt der geschlechtliche Umgang mit Weibern nicht 
mein ganzes sinnliches Bedürfniss. Ich habe Tage, wo ich mich in häufiger 
Erection befinde unter gewaltigem Drang zu Jünglingen, dann kommen ruhigere 


248 Paraesthesia sexualis. 

Tage mit Momenten vollständiger Gleichgültigkeit gegen jedes Weib und latentem 
Trieb zu Männern. 

Zu grosse sinnliche Ruhe macht mich andernfalls wieder traurig, nament- 
lich wenn solche Ruhe auf Momente unterdrückter Erregung folgte, und erat 
wenn der Gedanke an geliebte Jünglinge mir wieder Erection verursacht, 
fühle ich mich wieder in gehobener Stimmung. Die Ruhe schlagt dann wieder 
in grosse Nervosität um, ich fühle mich bedrückt, habe zuweilen Kopfschmerzen 
(namentlich nach zurückgedrängter Erection), diese Nervosität steigert sich sehr 
oft zu nicht zu bezähmender Unruhe, die ich dann durch den Coitus zu 
stillen suche. 

Eine wesentliche Aenderung in meinem Sexualleben ist voriges Jahr vor 
sich gegangen, indem ich zum ersten Male Mannesliebe gemessen durfte. Mein 
Drang zu Jünglingen liess mir nämlich trotz genussreichem weiblichem Coitus 
(d. h. richtiger gesagt: genussreichem Küssen unter erfolgter Ejaculation) keine 
Ruhe. Ich beschloss, in ein von vielen Soldaten besuchtes Bordell zu gehen 
und äussersten Falles einen Soldaten mir su erkaufen. Ich hatte das Glück, 
sofort einen Gleichgesinnten zu treffen, der trotz viel tieferen Standes meiner 
in Charakter und Benehmen nicht unwürdig war. Was ich bei diesem Jüngling 1 
empfand (resp. noch empfinde), ist etwas Anderes als bei Weibern, Der sinn- 
liche Genuss ist nicht grösser als bei Dirnen, deren Kuss und Umarmung mich 
ausserordentlich erregt ; dagegen kann ich bei ihm jederzeit Wollust empfinden 
und besteht ihm gegenüber ein Gefühl, das bei Weihern mangelt. Leider habe 
ich ihn nur ungefähr 8mal umarmen und küssen können. 

Trotzdem wir schon viele Monate getrennt sind, indem er in eine Gar- 
nison nach Ungarn versetzt wurde, haben wir uns nicht vergessen und stehen 
im regelmässigen Briefverkehr. Um ihn zu besitzen, wagte ich in ein Bordell 
zu gehen und dort ihn zu umarmen auf die Gefahr hin, verrathen zu werden. 

Im Anfange unserer Bekanntschaft kam eine Zeit, wo ich nichts mehr 
von ihm hörte, da er seinerseits mich nicht für zuverlässig hielt. 

Ich habe in diesen Wochen eine Qual und Pein ausgestanden, die mich 
in eine Niedergeschlagenheit und angstvolle Unruhe brachten, wie ich noch nie 
sie empfunden. Kaum einen Geliebten gefunden zu haben, um wieder ihm 
entsagen zu müssen, erschien mir die höchste Pein. Als wir Dank meiner Be- 
mühungen wieder zusammenkamen, war meine Freude eine grenzenlose, ja ich 
war so aufgeregt, dass ich das erste Mal wieder bei seiner Umarmung trotz 
meiner sinnlichen Lust nicht zur Ejaculation gelangte. 

Usus sexualis in osculis et amplexionibus solis constitit, pene nieo 
ludere ei licebat (während die Berührung desselben durch die Hand eines 
Weibes mir unerträglich ist und ich nie eine solche Berührung dem Weibe 
gestatte). Zu bemerken ist übrigens, dass ich beim Zusammensein mit 
dem Geliebten sofort in Erection gerathe, es genügt ein Händededruck, ja 
schon sein Anblick. Stundenlang bin ich des Abends mit ihm gegangen, 
keinen Augenblick überdrüssig seiner Gesellschaft trotz seiner mir inferioren 
socialen Stellung; mit ihm fühlte ich mich glücklich, die geschlechtliche Be- 
friedigung bildete nur die Krönung unserer Liebe. Obgleich ich nun endlich 
den so lange gesuchten Gleichgesinnten gefunden hatte und ich endlich Mannes - 
liebe gemessen durfte, bin ich Weibern gegenüber nicht unempfindlich geworden» 
und besuchte die Bordelle, wenn der Trieb zu gewaltig mich plagte. Ich 


Psychische Hermaphrodisie. 249 

hatte gehofft, diesen Winter in der Stadt des Geliebten zubringen zu können, 
leider ist mir dies unmöglich und bin ich jetzt gezwungen, auf unabsehbare 
Zeit von ihm geschieden zu sein. Jedoch werden wir suchen, uns, wenn auch 
nur vorübergehend, zu seben, und wenn auch nur 1 oder 2mal im Jahre, 
jedenfalls hoffe ich, dass in der Zukunft vielleicht wir wieder einmal länger 
zusammenkommen. So bin ich wieder für diesen Winter angewiesen, ohne 
gleichgesinnten Freund zu bleiben. Ich hatte mir zwar vorgenommen, der Ge- 
fährlichkeit wegen, entdeckt zu werden, nicht wieder auf die Suche nach anderen 
Urningen zu gehen, jedoch ist mir dies unmöglich, denn der geschlechtliche 
Umgang mit Weibern befriedigt mich nicht, dagegen wächst immer mehr meine 
Begierde zu Jünglingen. Ich fürchte mich manchmal vor mir selber, dass ich, 
indem ich bei allen Dirnen nachfrage, ob sie keinen Gleichgesinnten wüssten, 
einmal entdeckt werden könnte, trotzdem kann ich nicht ablassen, einen Jüng- 
ling meiner Empfindungsart zu suchen, ja ich weiss es, ich werde einen 
Soldaten nötigenfalls mir erkaufen, obwohl ich das Gewagte eines solchen 
Unterfangens klar mir zum Bewusstsein bringe. 

Ich kann nicht mehr ohne Männerliebe bleiben, ohne eine solche werde 
ich ewig in Disharmonie mit mir Belbst bleiben. Mein Ideal wäre es, in Um- 
gang mit einer Reihe Gleichgesinnter zu kommen, obgleich ich schon zufrieden 
wäre, ungehindert mit einem Geliebten verkehren zu können. Weiber könnte 
ich leicht entbehren, wenn ich regelmässige männliche Befriedigung hätte, jedoch 
glaube ich, dass ich zeitweise in längeren Zwischenräumen zur Abwechslung 
auch ein Weib umarmen würde, denn meine Natur ist eine vollständige Zwitter- 
bildung in psychisch-geschlechtlicher Hinsicht (Weiber kann ich nur sinnlich 
begehren, lieben und sinnlich begehren kann ich nur Jünglinge). Gäbe es eine 
Ehe zwischen Männern, so glaube ich, würde ich eine lebenslängliche Gemein- 
schaft nicht scheuen, welche dagegen mit einem Weibe mir etwas Unmögliches 
scheint. Denn einerseits würde ich, auch wenn das Weib mich sehr reizte, 
diesen Reiz nach regelmässigem Verkehr sehr bald verlieren, und mir dann jeder 
Geschlechtsgenuss, wenn auch nicht unmöglich, so doch sicherlich genusslos sein, 
andererseits aber würde der Frau gegenüber die wahre Liebe fehlen, diese An- 
ziehung, wie ich sie gegenüber geliebten Jünglingen verspüre, und die mir 
schon den blossen nicht sinnlichen Verkehr begehrenswerth erscheinen lässt. 
Eine stete Gemeinschaft mit einem Jüngling, der sonst in körperlicher Beziehung 
mir gefallen, aber auch in geistiger Hinsicht mit mir übereinstimmen würde, 
der alle meine Gefühle verstände, zugleich auch intellektuell meine Ansichten 
und Bestrebungen theilte, erschiene mir als höchstes Glück. 

Die Jünglinge, die mir gefallen, müssen zwischen 18 — 28 Jahren ungefähr 
alt sein; mit eigenem zunehmendem Alter hat auch die Altersgrenze der mich 
reizenden Jünglinge zugenommen. Sonst können die verschiedensten Gestalten 
mir gefallen. Hauptrolle, wenn auch nicht fast ausschliesslich, spielt das Gesicht; 
mehr blonde als schwarze regen mich auf, bärtig dürfen sie nicht sein, bloss 
einen kleinen, nicht dicken Schnurrbart müssen sie haben, oder auch gar keinen. 
Im Uebrigen kann ich nur so viel sagen, dass gewisse Categorien von Gesichtern 
mir gefallen. Ausgeschlossen sind Gesichter mit grossen geraden Nasen, blassen 
Wangen, obgleich auch wohl hier Ausnahmen vorkommen. Soldatenregimenter 
schaue ich mit Wohlgefallen an, und Mancher in Soldatenkleidung gefällt mir 
der in Civilkleidung mich kalt Hesse. 


250 Paraesthesia sexualis. 

Ebenso wie bei Weibern oft eine gewisse ordinäre Kleidung (namentlich 
helle Jacken) mich reizt, zieht mich schon das Milit&rcostÜm an. In Tanz- 
lokale, gewöhnliche Schankwirthschaften, wo viele Soldaten sich aufhalten, zu 
gehen, in das Soldatengedränge sich zu mischen und die mir gefallenden Burschen 
zu Euss und Umarmung zu gewinnen suchen, wenn auch in geistiger und ge- 
sellschaftlicher Beziehung jede Gemeinheit in Reden und Benehmen mir zuwider 
ist, diese Vermengung mit den Soldaten würde natürlich nur eine Erregung 
lediglich für die Sinnlichkeit sein. 

Bei Jünglingen besseren Standes tritt die sinnliche Begierde weniger 
heftig in den Vordergrund. 

Was ich von der Anziehungskraft gewisser Kleidungen sagte, ist nicht 
in dem Sinne zu verstehen, als ob dieselbe mich an und für sich erregte. Dieser 
Reiz bedeutet nur, dass die Kleidung dazu beitragen kann, den durch das 
Gesicht hervorgerufenen zu verstärken oder hervortreten zu lassen, während 
sonst vielleicht gerade dasselbe Gesicht mich nicht in dem Masse angezogen 
hätte. Das Gleiche kann ich sagen, nur in etwas anderer Bedeutung, vom Ge- 
ruch der gerauchten Cigarren. Bei gleichmütigen Personen ist mir der Cigarren- 
geruch eher zuwider als angenehm, dagegen bei geschlechtlich mir sympathischen 
erregend. Der Kuss der nach Cigarrenrauch riechenden Dirne erhöht den Reiz 
(namentlich auch deshalb, weil, wenn auch zum Theil unbewusst, ich durch den- 
selben an Manneskuss erinnert werde). So habe ich den Geliebten auch gerade gern 
geküsst, wenn er eben geraucht hatte. (Zu bemerken ist, dass ich selbst nie eine 
Cigarre oderCigarette geraucht habe, ja nicht einmal es jemals probirte.) Von Stator 
bin ich gross, schmächtig, das Gesicht ist männlich, das Auge unruhig, in der ganzen 
Gestalt habe ich oft etwas Mädchenhaftes. Meine Gesundheit lässt zu wünschen 
übrig, dieselbe ist wohl sehr beeinflusst von meiner geschlechtlichen Anomalie ; 
wie schon früher erwähnt, bin ich Behr nervös, auch habe ich zeitweilig An- 
wandlungen von sogenannter Grübelsucht. Auch habe ich Zeitpunkte furcht- 
barer Depression und Melancholie, namentlich wenn ich mir die Schwierigkeit 
einer meiner Natur entsprechenden mannmännlichen Befriedigung vor Augen 
halte, namentlich auch dann, wenn ich geschlechtlich sehr erregt war und bei 
Unmöglichkeit mannmännlicher Befriedigung den Trieb überwand. In solchen Zu- 
ständen paart sich dann oft die Depression zugleich mit voller geschlechtlicher 
Wunschlosigkeit. Bei der Arbeit bin ich fleissig, nur oft flüchtig, da ich sehr 
zu schnellem, ja heftigem Arbeiten geneigt bin. Ich interessire mich sehr für 
Kunst und Literatur. Unter den Dichtern und Romanschriftstellern ziehen mich 
am meisten diejenigen an, welche raffinirte Gefühle, eigenthümliche Leiden- 
schaften, ausgesuchte Eindrücke beschreiben; ein gekünstelter (oder über- 
künstelter) Styl gefällt mir. Ebenso in der Musik ist mir die nervöse, auf- 
reizende Musik eines Chopin, Schumann, Schubert, Wagner etc. am zu- 
sprechendsten. Alles was in der Kunst nicht nur originell, sondern bizarr ist, 
zieht mich an. 

Körperliche Uebung liebe ich nicht und pflege dieselbe auch nicht. 

Von Charakter bin ich gutmüthig, mitleidig; trotzdem ich so viel mit meiner 
Anomalie zu leiden habe, fühle ich mich nicht unglücklich, >dass ich Jünglinge 
liebe, sondern nur insofern, als die Befriedigung solcher Liebe für unstatt- 
haft gilt und namentlich, dass ich nicht ungehindert die Befriedigung erlangen 
kann. Dass die Männerliebe lasterhaft sei. kann ich selbst nicht empfinden. 


Psychische Hermaphrodisie. 251 

wohl aber begreifen, warum sie für ein Laster gilt. Da aber diese Liebe für 
verbrecherisch gilt, so werde ich zwar durch Befriedigung derselben in Har- 
monie mit mir selber, nie aber mit der Welt unserer Zeit sein, und notwen- 
digerweise auch deshalb immer etwas missgestimmt sein ; um so mehr als ich 
ein offener, jede Lüge hassender Charakter bin. Diese Pein, immer Alles in 
mir verbergen zu müssen, hat mich dazu gebracht, einigen wenigen Freunden, 
von deren Schweigsamkeit und zugleich von deren Verständniss ich sicher bin, 
meine Anomalie zu gestehen. Trotzdem manchmal meine Lage mir traurig er- 
scheint, wegen Schwierigkeit der Befriedigung und der allgemeinen Missachtung 
der Männerliebe, bin ich oft geradezu ein wenig eitel, solche anomale Gefühle 
zu haben. Heirathen werde ich natürlich nie, dies erscheint mir gar kein Un- 
glück, obgleich ich das Familenleben liebe und bis jetzt nur in meiner Familie 
meine Zeit verlebt habe. Ich lebe der Hoffnung, dass ich später dauernd einen 
Geliebten haben werde; einen solchen muss ich bekommen, sonst schiene mir 
die Zukunft grau und öde, und alle Ziele, denen man gewöhnlich nachjagt, 
Ehre, hohe Stellung etc., nur eitel und anziehungslos. 

Sollte sich diese Hoffnung nicht erfüllen, so weiss ich, dass ich nicht im 
Stande wäre, auf die Dauer mit Freudigkeit meinem Beruf mich hinzugeben und 
ich wäre im Stande; Alles hintanzusetzen, um Männerliebe zu erringen. Moralische 
Skrupel mache ich mir wegen meiner anomalen Neigung nicht mehr, habe 
mir überhaupt nie deswegen Sorge gemacht, weil ich zu Jünglingen mich hin- 
gezogen fühle. Ueberhaupt beurtheile ich Moralisches und Unmoralisches eher 
nach meinem Gefühl, als nach festen Principien, indem ich noch immer im 
Skepticismus befangen bin und noch nicht zu einer festen Weltanschauung 
mich durchgearbeitet habe. Schlecht und unsittlich scheint mir bis jetzt nur 
was den Anderen schadet, was ich selbst mir nicht zugefügt haben wollte und 
in dieser Richtung kann ich sagen, suche ich so wenig wie möglich in die 
Rechte Anderer einzugreifen und, bin ich im Stande, über eine Anderen zuge- 
fügte Ungerechtigkeit lebhaft mich zu empören. Wie dagegen die Liebe zu 
Männern etwas Unsittliches sein sollte, weiss ich nicht ; zwecklose Bethätigung 
des Geschlechtstriebes (wenn das Unmoralische in dem Zwecklosen, Widernatür- 
lichen gesehen werden soll) ist ebenso beim Verkehr mit Dirnen, ja selbst in 
der Ehe beim Gebrauch von Schutzmitteln gegen Zeugung vorhanden, und 
scheint mir der geschlechtliche Verkehr mit Männern auf gleiche Stufe mit jedem 
geschlechtlichen Umgang, der nicht Zeugung bezweckt, gestellt werden zu 
müssen. Ob aber nur eine Geschlechtsbefriedigung moralisch sein soll, die 
diesen Zweck verfolgt, dies scheint mir fraglich. Allerdings ist eine nicht 
auf Zeugung gerichtete Geschlechtsbefriedigung der Natur entgegen, ob aber 
eine solche nicht anderen, uns unbekannten Zwecken dient, das ist ungewiss, 
und selbst wenn sie zwecklos wäre, so ergibt sich nicht ihre Verwerflichkeit 
(indem gar nicht feststeht, dass der Massstab einer moralischen Handlung ihre 
Zweckmässigkeit sei). 

Dass das jetzige Vorurtheil verschwinden wird, dessen bin ich sicher 
und gewiss, dass einst solchen Individuen, die mannmännliche Liebe ver- 
spüren, das Recht ungehinderter Liebe zuerkannt wird. Man denke übrigens 
für die Möglichkeit solcher Anerkennung nur an die Griechen und die da- 
maligen Freundschaften, die doch nichts Anderes als Geschlechtsliebe waren; 
man denke daran, dass trotz solcher widernatürlicher Unzucht, die von den 


252 Paraesthesia sexualis. 

grÖ88ten Geistern geübt wird, noch heute in geistiger und ästhetischer Be- 
ziehung die Griechen als unerreichte Muster genannt und zur Nachahmung 
empfohlen werden. 

Ich habe schon daran gedacht, durch den Hypnotismus meine Anomalie 
heilen zu lassen. Wenn derselbe, woran ich zweifle, auch etwas ausrichten 
könnte, so müsste ich gewiss sein, dass ich wirklich dauernd weibliebend würde. 
Denn wenn ich auch mit Männern mich nicht befriedigen kann, so will ich 
doch lieber diese Fähigkeit zu überschwänglicher Wollust und Liebe, wenn 
auch unbefriedigt, empfinden, als ganz empfindungslos sein. So bleibt mir 
doch die Hoffnung, dass ich auch Gelegenheit finden werde, einst die mir er- 
wünschte, mich glücklich machende Liebe zu befriedigen, während ich eine 
blosse Absuggerirung der homosexualen Gefühle ohne gleichzeitigen Ersatz 
äquivalenter heterosexualer nicht dem jetzigen Zustande vorziehen werde. 

Schliesslich möchte ich gegenüber verschiedenen Aussprüchen von Urningen 
in den veröffentlichten Biographien bemerken, dass ich wenigstens es sehr schwer 
finde, die Gleichgesinnten zu erkennen. 

Obwohl ich meine geschlechtlichen Anomalien ziemlich ausführlich ge- 
schildert habe, scheinen mir doch zum besseren Yerständniss meines Zustandes 
noch folgende Bemerkungen von Wichtigkeit. 

In letzter Zeit habe ich auf Immissio penis verzichtet und mich mit 
coitus inter femora puellae begnügt. 

Ejaculation trat hiebei schneller ein als bei conjunctio membrorum, auch 
verspürte ich ein gewisses Wollustgefühl am Penis selbst. Wenn diese Art 
des geschlechtlichen Verkehrs mir ziemlich genehm war, so ist dies vielleicht zum 
Theile auch darauf zurückzuführen, dass bei dieser Art des Geschlechtsgenusses die 
Verschiedenheit des Geschlechtes ganz gleich giltig ist, und ich wohl unbewusst 
an Mannesumarmung erinnert wurde. Doch wäre diese Erinnerung durchaus 
unbewusst, wenn auch dunkel empfunden, indem ich nicht, dank meiner Ein- 
bildungskraft, Genuss hatte, sondern unmittelbar durch das Küssen auf den 
Mund des Weibes. 

Ich fühle, dass auch der Reiz, den Bordelle und Dirnen auf mich aus- 
üben, anfängt zu verblassen, jedoch weiss ich ganz gewiss, dass stets gewisse 
Weiber durch ihren Kuss mich werden erregen können. 

Aber in dem Masse begehrenswerth, dass ich im Stande wäre, irgend 

welche Schwierigkeiten zur Erlangung eines Weibes zu überwinden, ist mir 

' kein einziges Weib und wird es nie eines sein, während selbst Gefahr von 

etwaiger Entdeckung und Schande nur schwer mich zurückhalten kann, Mannes - 

umarmung zu suchen. 

So habe ich mich dazu hinreissen lassen, in letzterer Zeit einen Soldaten 
bei einer Dirne mir zu erkaufen. Die Wollust war sehr gross, namentlich aber 
war das nachherige Gefühl der Befriedigung für mich erhebend. Ich fühlte 
die nächsten Tage gleichsam mich gestärkt (unter jederzeitiger Fähigkeit zur 
Erection) und, obwohl ich den Soldaten nicht mehr bis jetzt treffen konnte, 
verschafft mir doch der Gedanke, dass ich einen anderen mir zu erkaufen 
wagen werde, Beruhigung ; jedoch zufrieden wäre ich erst ganz, wenn ich einen 
Gleichgesinnten meines Standes und meiner Bildung fände. 

Ich habe noch nicht erwähnt, dass, während ein weiblicher Körper (ausser 
Gesicht) und weibliche Geschlechtstheile mich ganz kalt lassen (ein Betasten 


Psychische Hermaphrodisie. 253 

letzterer mit der Hand wäre mir ekelhaft), membrum virile me tangere dum 
08 meum os ejus osculatur, mihi exoptatum esse, ja sogar bei sehr sympathischem 
Manne ein Küssen desselben nichts sehr Ekelhaftes für mich hätte. 
Onanie, wie schon erwähnt, wäre mir ganz unmöglich. 

Beobachtung 111. Psychische Hermaphrodisie. Heterosexuale Em- 
pfindung durch Masturbation früh verkümmert, episodisch aber mächtig. Homo- 
sexuale Empfindung ab origine pervers (sinnliche Erregung durch Männerstiefel). 
Herr v. X., von hohem Stande, 28 Jahre, kommt im September 1887 in 
verzweifelter Stimmung zu mir, um mich wegen einer Perversion seiner Vita 
sexualis zu consultiren, die ihm das Leben fast unerträglich erscheinen lasse 
und ihn wiederholt schon dem Selbstmord nahegebracht habe. 

Pat. stammt aus einer Familie, in der Neurosen und Psychosen häufig 
vorkommen. In der väterlichen Familie hatten seit 3 Generationen Geschwister- 
kindehen stattgefunden. Der Vater soll ein gesunder Mann sein und in guter 
Ehe leben. Auffallend ist jedoch dem Sohn die Vorliebe des Vaters für schöne 
Bediente. Die mütterliche Familie wird als eine Familie von Sonderlingen 
geschildert. Der Grossvater und Urgrossvater der Mutter starben melancholisch, 
ihre Schwester war verrückt. Eine Tochter des Bruders des Gross vaters war 
hysterisch und nymphomanisch. Von den 12 Geschwistern der Mutter heiratheten 
nur drei. Von diesen war ein Bruder conträr sexual und durch excessive Mastur- 
bation immer nervenkrank. Die Mutter des Pat. soll bigott, geistig beschränkt, 
nervös, reizbar, zu Melancholie neigend sein. 

Pat. hat zwei Geschwister — einen neuropathischen, häufig melancholisch 
verstimmten Bruder, der, obwohl erwachsen, noch niemals Spuren von sexuellen 
Regungen gezeigt hat, ferner eine Schwester, eine anerkannte Schönheit, förm- 
lich angebetet von der Männerwelt. 

Diese Dame ist verheirathet , aber kinderlos, angeblich durch Impotenz 
ihres Mannes. Sie war von jeher kalt gegenüber den ihr von Männern dar- 
gebrachten Huldigungen, ist aber entzückt von weiblicher Schönheit und 
geradezu verliebt in einzelne ihrer Freundinnen. 

Pat. theilt bezüglich seiner eigenen Persönlichkeit mit, dass er schon 
mit 4 Jahren von jungen schönen Reitknechten mit schön geputzten Stiefeln 
geträumt habe. Auch herangewachsen will er niemals von einem Weib ge- 
träumt haben. Seine nächtlichen Pollutionen waren jeweils durch „ Stiefel- 
träume * hervorgerufen. 

Schon vom 4. Jahre an empfand er eine sonderbare Neigung zu Männern 
oder richtiger zu Lakaien, die schön geputzte Stiefel trugen. Anfangs waren 
sie ihm bloss sympathisch, mit sich entwickelndem Geschlechtsleben machte 
ihm deren Anblick mächtige Erectionen und wollüstige Erregung. Nur an 
Dienern reizte ihn der glänzend geputzte Stiefel. Derselbe Gegenstand an 
gesellschaftlich gleichstehenden Personen liess ihn kalt. 

Ein sexueller Drang im Sinne mannmännlicher Liebe verband sich nicht 
mit diesen Situationen. Schon der blosse Gedanke an eine solche Möglichkeit 
war ihm ekelhaft. Wohl aber kamen jeweils wollüstig betonte Vorstellungen, 
Diener seiner Diener sein, ihnen als solcher die Stiefel ausziehen zu dürfen, 
am liebsten sich dabei aber von ihnen treten zu lassen oder auch ihnen die 
Stiefel wichsen zu dürfen. Gegen derartige Gedanken empörte sich der Stolz 


254 Paraesthesia sexualis. 

des Aristokraten. Ueberhaupt waren ihm diese Stiefelideen ekelhaft and 
peinlich. 

Das sexuelle Fühlen entwickelte sich früh und mächtig. Vorläufig fand 
es seinen Ausdruck im Schwelgen in wollüstigen Stiefelgedanken und von der 
Pubertät an in von Pollutionen begleiteten analogen Träumen. 

Im Uebrigen ging die geistige und körperliche Entwicklung ungestört 
vor sich. Pat. war begabt, lernte leicht, absolvirte seine Studien, wurde Offi- 
zier, vermöge seiner distinguirten, durchaus männlichen Erscheinung und seiner 
hohen Stellung eine beliebte Persönlichkeit in der Gesellschaft. 

Er selbst bezeichnet sich als einen gutmüthigen, ruhigen, willenskraftigen, 
aber oberflächlichen Menschen. Er versichert, passionirter Jäger und Reiter zu 
sein und niemals Sinn für weibliche Beschäftigung gehabt zu haben. In Damen- 
gesellschaft sei er immer befangen gewesen ; im Ballsaal habe er sich gelang- 
weilt. Niemals habe er ein Interesse für eine Dame aus höheren Ständen ge- 
habt. Von Weibern hätten ihn überhaupt nur die drallen Bauernmädchen, 
wie sie den Malern in Rom Modell sitzen, interessirt. Eine eigentliche sinn- 
liche Regung habe er jedoch auch derlei Vertreterinnen des weiblichen Ge- 
Hchlechts gegenüber nie empfunden. Im Theater und im Circus habe er nur 
Interesse für die männlichen Darsteller empfunden. Auch diesen gegenüber 
habe er keine sinnlichen Empfindungen gehabt. Am Mann reizen ihn über- 
haupt nur die Stiefel, und zwar nur, wenn der Träger der dienenden Klasse 
angehöre und ein schöner Mensch sei. Gleichgestellte Männer mit noch so 
schönen Stiefeln seien ihm ganz gleichgültig. 

Pat. ist sich bezüglich seiner geschlechtlichen Neigungen noch jetzt 
unklar, ob er mehr Sympathie für das andere oder für das eigene Geschlecht 
empfinde. 

Seiner Meinung nach habe er ursprünglich eher Sinn für das Weib ge- 
habt, aber diese Sympathie war jedenfalls eine Überaus schwache. Bestimmt 
versichert er, dass ihm Adspectus viri nudi unsympathisch und der von männ- 
lichen Genitalien geradezu widerlich war. Dem Weib gegenüber war dies 
gerade nicht der Fall, aber er blieb unerregt selbst dem schönsten Corpus 
femininum gegenüber. Als junger Offizier war er genöthigt, ab und zu seine 
Kameraden in Bordelle zu begleiten. Er liess sich nicht ungern dazu be- 
reden, da er damit seine lästigen Stiefelphantasien los zu werden hoffte. Er 
war impotent, bis er seine Stiefelphantasien zu Hilfe nahm. Nun verlief der 
Akt der Cohabitation ganz normal , jedoch ohne Wollustgefubl. Einen Trieb 
zum Verkehr mit dem Weib verspürte Pat. nicht, es bedurfte jeweils einer 
äusseren Veranlassung, resp. Verführung. Sich selbst überlassen, bestand seine 
Vita sexualis in Stiefelschwelgereien und bezüglichen Träumen mit Pollu- 
tionen. Da sich damit immer mehr der Drang verband, seinen Dienern die 
Stiefel zu küssen, sie ihnen auszuziehen u. s. w. , beschloss Pat. Alles auf- 
zubieten, um diesen eklen, ihn in seinem Selbstgefühl tiefverletzenden Drang 
los zu werden. Er befand sich damals, 20 Jahre alt, gerade in Paris; da er- 
innerte er sich eines wunderschönen Bauernmädchens in der fernen Heimath. 
Er hoffte mit Hilfe derselben sich von seiner perversen Sexualrichtung befreien 
zu können, reiste sofort heim und bewarb sich um die Gunst dieses Mädchens. 
Es scheint, dass Patient von Natur aus doch nicht conträr sexuell angelegt 
war. Er versicherte, dass er damals tüchtig verliebt in jene Person wurde, 


Psychische Hermaphrodisie. 255 

dass schon ihr Anblick, die Berührung ihres Kleides ihn wollüstig erschauern 
machte, und als sie ihm einmal einen Kuss gewährte, er eine mächtige Erection 
bekam. Erst nach 1 V* Jahren gelangte Patient mit dieser Person an das Ziel 
seiner Wünsche. 

Er war sehr potent, ejaculirte aber tardiv (10 — 20') und hatte nie ein 
Wollustgefuhl beim Akt. 

Nach etwa 1 72 jährigem sexuellen Umgang mit diesem Mädchen erkaltete 
seine Liebe zu ihm, da er es nicht so „fein und rein fand", als er es wünschte. 
Von nun an musste er wieder seine inzwischen latent gewordenen Stiefelphan- 
tasien zu Hilfe nehmen, um im Verkehr mit diesem Mädchen potent zu bleiben. 
In dem Masse , als seine Potenz nachließe , kamen jene ganz spontan. In der 
Folge coitirte Pat. auch mit anderen Weibern. Hie und da, nämlich wenn 
ihm das Weib sympathisch war, ging es ohne sich eindrängende Stiefelphan- 
tasien ab. 

Einmal passirte es Pat. sogar, dass er sich ein Stuprum zu Schulden 
kommen Hess. Merkwürdigerweise hatte er dieses einzige Mal beim (er- 
zwungenen) Akt ein Wollustgefuhl. Gleich nach der That empfand er Ekel. 
Als er eine Stunde post Stuprum mit demselben Weib und mit dessen Zu- 
stimmung coitirte, hatte er kein Wollustgefuhl mehr. 

Mit abnehmender, d. h. nur durch Stiefelphantasien aufrecht erhaltener 
Potenz sank die Libido zum anderen Geschlecht. Es ist bezeichnend für des 
Pat. geringe Libido und schwache Veranlagung gegenüber dem Weibe, dass, 
während er noch in sexuellen Relationen zu jenem Bauernmädchen stand, er 
zur Masturbation gelangte. Er lernte sie durch Rousseau's »Confessions*, 
welches Buch ihm zufällig in die Hand fiel, kennen. Mit bezüglichen Drängen 
verbanden sich sofort die Stiefelphantasien. Er bekam dann heftige Erectionen, 
masturbirte, hatte bei der Ejaculation ein lebhaftes Wollustgefuhl, das ihm 
beim Coitus versagt blieb, und fühlte sich von Masturbation anfangs geistig 
frischer, angeregter. 

Mit der Zeit stellten sich aber die Erscheinungen sexueller, dann allge- 
meiner Neurasthenie mit Spinalirritation ein. Er entsagte nun vorläufig der 
Masturbation und suchte die frühere Geliebte auf. Sie war ihm aber nun- 
mehr ganz gleichgültig, und da er schliesslich selbst mit Zuhilfenahme von 
Stiefelscenen nicht mehr reüssirte, zog er sich vom Weibe zurück und 
verfiel wieder auf Masturbation, durch die er sich von dem Drang, Dienern 
Stiefel zu küssen , zu wichsen u. s. w., geschützt fühlte. Gleichwohl blieb 
ihm seine sexuelle Position peinlich. Er versuchte gelegentlich wieder Coitus 
und reüssirte auch, sobald er sich gewichste Stiefel dachte. Nach längerer 
Enthaltung von Masturbation gelang ihm auch zuweilen Coitus ohne jede 
künstliche Hilfe. 

Pat. bezeichnet sich als sexuell sehr bedürftig. Wenn er lange nicht 
ejaculirt habe, so werde er congestiv, psychisch mächtig erregt, von den wider- 
lichen Stiefelbildern geplagt, so dass er dann gezwungen sei, zu coitiren oder 
noch lieber zu masturbiren. 

Seit Jahresfrist hat sich seine moralische Situation in peinlicher Weise 
dadurch complicirt, dass er als der Letzte eines reichen und vornehmen Ge- 
schlechte und über dringenden Wunsch seiner Eltern endlich heirathen soll. 
Die ihm bestimmte Braut ist von seltener Schönheit, geistig ihm äusserst sym- 


256 Paraestheeia sexualis. 

pathisch. Aber als Weib ist sie ihm gleichgültig wie jedes Weib. Sie be- 
friedige ihn ästhetisch wie ein beliebiges „Kunstwerk*. Sie stehe ihm wie 
ein Ideal vor Augen. Platonisch sie zu verehren wäre ihm ein erstrebew- 
werthes Glück, sie aber als Weib zu besitzen ein peinlicher Gedanke. Er wisse 
bestimmt voraus, dose er ihr gegenüber nur unter Zuhilfenahme von Stiefel. 
Phantasien potent sein könne. Zu solchen Mitteln zu greifen widerstrebe aber 
seiner Hochachtung für die Dame, seinem sittlichen und ästhetischen Gefühl 
für dieselbe. Beschmutze er sie mit seinem Stiefelgedanken, so werde sie in 
seinen Augen auch ihren ästhetischen Werth verlieren , und dann werde er 
ganz impotent und sie ihm zuwider werden. Patient hält seine Lage für eine 
verzweifelte und gesteht, dass er in letzter Zeit dem Selbstmord wiederholt 
nahe war. 

Er ist ein hochintelligenter Mann von durchaus männlichem Habitus, 
starker Bartentwicklung, tiefer Stimme, normalen Genitalien. Das Auge hat 
einen neuropathischen Ausdruck. Keine Degenerationszeichen. Erscheinungen 
von spinaler Neurasthenie. Es gelang, den Patienten zu beruhigen und ihm 
Vertrauen in die Zukunft einzuflössen. 

Die ärztlichen Rathschläge bestanden in Mitteln zur Bekämpfung der 
Neurasthenie, Verbot weiterer Masturbation und weiterer Hingabe an Stiefel- 
phantasien, Aussicht, dass mit Beseitigung der Neurasthenie Cohabitation ohne 
Stiefelideen möglich und Patient mit der Zeit moralisch und physisch zur Ehe 
fähig werde. 

Ende Oktober 1888 schrieb mir Patient, dass er der Masturbation und 
den Stiefelphantasien kräftig seither widerstanden habe. Inzwischen habe er 
nur einmal einen Stiefeltraum und fast gar keine Pollutionen mehr gehabt. 
Er sei frei von homosexualen Anwandlungen, aber, trotz oft bedeutender 
sexueller Erregung, ohne jegliche Libido dem Weib gegenüber. In dieser 
fatalen Situation sei er nun durch die Verhältnisse gezwungen, in 3 Monaten 
zu heirathen. 

2) Homosexuale oder Urninge. 

Gegenüber der vorausgehenden Gruppe der psychosexualen 
Hermaphroditen besteht hier ab origine ausschliesslich sexuale 
Empfindung und Neigung zu Personen desselben Geschlechts, aber 
im Gegensatz zu der folgenden Gruppe beschränkt sich die Ano- 
malie nur auf die Vita sexualis und wirkt nicht tiefer und be- 
lastend ein auf Charakter und gesammte geistige Persönlichkeit. 

Die Vita sexualis ist bei diesen Homosexualen (Urninge) 
mutatis mutandis ganz die gleiche wie bei der normalen hetero- 
sexualen Liebe, aber da sie der natürlichen Empfindung gegen- 
sätzlich ist, wird sie zur Karikatur, umsomehr als diese Individuen 
in der Regel mit Hyperaesthesia sexualis zugleich belastet sind 
und damit ihre Liebe zum eigenen Geschlecht eine schwärmerische, 
brünstige ist. 


Homosexuale oder Urninge. 257 

Der Urning liebt, vergöttert den männlichen* Geliebten ge- 
radeso wie der weibliebende Mann die Geliebte. Er ist der 
grössten Opfer für ihn fähig, empfindet die Qualen unglücklicher, 
oft nicht erwiederter Liebe, der Untreue des Geliebten, der Eifer- 
sucht u. s. w. 

Die Aufmerksamkeit des mannliebenden Mannes fesseln nur 
der Tänzer, der Schauspieler, der Athlet, die männliche Statue u. s. w. 
Der Anblick weiblicher Reize ist ihm gleichgültig, wenn nicht zu- 
wider; ein nacktes Weib ist ihm ekelhaft, während die Besichtigung 
männlicher Genitalien, Hüften u, s. w. ihn vor Wonne erbeben 
macht. 

Die körperliche Berührung eines sympathischen Mannes ruft 
einen Wonneschauer hervor und da derlei Individuen angeboren oder 
durch Onanie oder auch durch erzwungene Abstinenz von geschlecht- 
lichem Verkehr vielfach sexuell neurasthenisch sind, kommt es 
dabei leicht zur Ejaculation, die im noch so intimen Verkehr mit 
dem Weib gar nicht oder nur durch mechanischen Reiz erzwingbar 
ist. Der sexuelle Akt mit dem Manne, gleichviel welcher, gewährt 
Genuss und hinterlässt Wohlbefinden. Vermag sich der Urning 
zum Coitus zu zwingen, wobei aber Ekel in der Regel als Hem- 
mungsvorstellung wirkt und den Akt unmöglich macht, so ist ihm 
dabei etwa zu Muthe wie einem Menschen, der ekelhafte Speise 
oder Trank zu kosten genöthigt ist. Gleichwohl lehrt die Erfah- 
rung, dass nicht selten conträr Sexuale auf dieser 2. Stufe sich 
verheirathen, sei es aus ethischen oder socialen Rücksichten. 

Relativ potent sind derartige Unglückliche, insofern sie bei 
der ehelichen Umarmung ihre Phantasie anstrengen und sich statt 
der Ehefrau eine geliebte männliche Person vorstellen. 

Der Coitus ist für sie aber ein schweres Opfer, kein Genuss, 
und macht sie auf Tage hinaus nervenschwach und leidend. Ver- 
mögen derartige Urninge nicht durch willenskräftige Anstrengung 
ihrer Phantasie, etwa unter Benutzung von excitirenden Spirituosen 
Getränken, von Erectionen, hervorgerufen durch gefüllte Blase u. s. w., 
die hemmenden Gefühle und Vorstellungen zu compensiren, so sind 
sie gänzlich impotent, während die blosse Berührung des Mannes 
die mächtigste Erection und selbst Ejaculation bewirken kann. 

Mit einem Weibe zu tanzen, ist dem Urning unangenehm, 
Tanz mit einem Manne, besonders einem solchen von sympathischen 
Formen, erscheint ihm als die höchste Lust. 

v. Krafft-Ebing, Psychopafchia sexualis. 7. Aufl. 17 


258 Paraesthesia sexualis. 

Der männliche Urning, sofern er eine höhere Bildung besitzt, 
hat keine Abneigung gegen den geschlechtslosen Umgang mit Weibern, 
sofern sie durch Geist und Kunstsinn die Conversation mit ihnen an- 
genehm erscheinen lassen. Nur das Weib in seiner geschlechtlichen 
Rolle perhorrescirt er. 

Dieselben Erscheinungen bietet mutatis mutandis das weib- 
liebende Weib. Auf dieser Stufe der sexuellen Entartung bleibt 
Charakter und Beschäftigung dem Geschlecht entsprechend, welches 
das betreffende Individuum repräsentirt. Die sexuelle Perversion 
bleibt eine isolirte, aber tief in die sociale Existenz einschneidende 
Anomalie im geistigen Dasein euer Persönlichkeit. Dem entsprechend 
fühlt sich dieselbe bei gleichviel welchem sexuellen Akt in der 
Rolle, welche bei heterosexualer Gefühlsweise ihr zukäme. 

Uebergänge zur 3. Gruppe kommen jedoch insofern vor, als 
auch zuweilen die der homosexualen Empfindungsweise entsprechende 
geschlechtliche Rolle gedacht, gewünscht oder wenigstens geträumt 
wird, ferner dass Beschäftigungsneigungen und Geschmacksrichtungen 
fragmentar sich zeigen, die dem Geschlecht, welches repräsentirt 
wird, nicht entsprechen. In manchen Fällen gewinnt man den 
Eindruck, dass derartige Erscheinungen Artefacte, durch Erziehungs- 
einflüsse hervorgerufen sind, in anderen, dass sie erworbene tiefere 
Degenerationen innerhalb der betreffenden Stufe durch perverse 
Geschlechtsbethätigung (Masturbation), analog den progressiven Ent- 
artungserscheinungen, wie sie bei der erworbenen conträren Sexual- 
empfindung beobachtet werden, darstellen. 

Was nun die Art der sexuellen Befriedigung betrifft, so ist 
hervorzuheben, dass bei vielen männlichen Urningen, da sie an 
reizbarer sexueller Schwäche leiden, schon die blosse Umarmung 
genügt, um Ejaculation zu bewirken. Bei sexuell Hyperästhetischen 
und mit Parästhesie ästhetischer Gefühle Behafteten gewährt es oft 
erhöhten Genuss, mit schmutzigen ordinären Subjekten aus der Hefe 
des Volkes zu verkehren. 

Auf gleicher Grundlage kommen päderastische (natürlich aktive) 
Gelüste und andere Verirrungen vor, jedoch kommt es nur selten 
und offenbar nur bei moralisch defekten und durch Libido nimia 
besonders lüsternen Persönlichkeiten zu päderastischen Akten. 

Die sinnliche Neigung erwachsener Urninge scheint, im Gegen- 
satz zu alten und verkommenen Wüstlingen, welche Knaben 
bevorzugen (und mit Vorliebe Päderastie treiben), unreifen 
männlichen Individuen sich nicht zuzuwenden. Nur aus 


I 


Homosexuale oder Urninge. 259 

Mangel an Besserem und bei heftiger Brunst dürfte der Urning 
Knaben gefährlich werden. 

Die Art der geschlechtlichen Befriedigung bei weiblichen 
Urningen dürfte mutuelle und passive Masturbation sein. Coitus 
wird von derlei Persönlichkeiten ebenso ekelhaft, angreifend und 
inadäquat empfunden, wie dies beim urnischen Manne der Fall ist. 

Beobachtung 112. Die nachfolgende Beobachtung ist ein Auszug aus 
einer äusserst umfangreichen Autobiographie, die mir ein mit conträrer Sexual- 
empfindung behafteter Arzt zur Verfügung gestellt hat. 

,Ich bin nun 40 Jahre alt, aus kerngesunder Familie 1 ), war stets ge- 
sund, galt als ein Muster körperlicher und geistiger Frische und Energie, bin 
von kräftigem Körperbau, habe aber nur massigen Bart, bin, ausser unter den 
Achseln und am Mons veneria, am Rumpf haarlos. Der Penis war schon bald 
nach der Geburt ungewöhnlich gross und ist in statu erectionis 24 cm lang, 
bei 11 cm Umfang. Ich bin tüchtiger Reiter, Turner, Schwimmer, habe zwei 
grosse Feldzüge als Militärarzt mitgemacht. Geschmack an weiblicher Kleidung 
und Beschäftigung empfand ich nie. Bis zur Pubertät war ich dem weiblichen 
Geschlecht gegenüber schüchtern und bin es auch jetzt noch neuen Bekannt- 
schaften gegenüber. 

Gegen Tanz empfand ich von jeher Widerwillen. 

Im 8. Lebensjahr erwachte meine Neigung zum eigenen Geschlecht. Zu- 
nächst empfand ich Genuss am Betrachten der Genitalien meiner Brüder. 
Fratrem meum juniorem impuli ut alter alterius genitalibus luderet, quibus 
factis penis mens se erexit. Später, beim Baden mit der Schuljugend, inter- 
essirten mich die Knaben lebhaft, die Mädchen gar nicht. Ich hatte so wenig 
Sinn für sie, dass ich noch mit 15 Jahren glaubte, sie hätten auch einen 
Penis. In einem Kreise von gleichgesinnten Knaben vergnügten wir uns da- 
mit, vicissim genitalibus nostris ludere. Mit 11 7? Jahren bekam ich einen 
strengen Hofmeister und konnte mich nun nur noch selten zu meinen lieben 
Freunden stehlen. Ich lernte sehr leicht, vertrug mich aber nicht mit dem 
Lehrer, und als er es mir eines Tages zu arg machte, gerieth ich in Wuth, 
stiess nach ihm mit dem Messer und hätte ihn mit Wollust erstochen, wenn 
er mir nicht in den Arm gefallen wäre. Mit 12 7* Jahren brannte ich bei 
ähnlichem Anlass dem Lehrer durch und trieb mich 6 Wochen im Nachbar- 
land herum. 

Ich kam nun ins Gymnasium, war damals geschlechtlich schon entwickelt 
und vergnügte mich beim Baden mit den Kameraden in der oben angedeuteten 
Weise, später auch durch Imitatio coitus inter femora. Ich war damals 
13 Jahre alt. An Mädchen fand ich gar kein Gefallen. Heftige Erectionen 
veranlassten mich, an den Genitalien zu spielen, auch gerieth ich darauf, 
penem in os recipere, was mir durch Bücken gelang. Dabei kam es zu Eja- 
culationen. Dadurch kam ich zur Masturbation. Ich erschrak darüber heftig, 


') Später wurde bekannt, dass ein naher Verwandter im Irrsinn gestorben 
sei, ferner, dass 8 Geschwister im Alter von 1—15 Jahren an Hydrocephalus 
acutus oder chronicus zu Grunde gingen. 


260 Paraesthesia sexualis. 

dünkte mich wie ein Verbrecher, entdeckte mich einem 16jährigen Mitschüler. 
Er klärte mich auf, beruhigte mich, schloss einen Liebesbund mit mir. Wir 
waren glückselig, befriedigten uns durch mutuelle Onanie. Nebenher mastur- 
birte ich. Nach 2 Jahren wurde dieser Bund getrennt, aber noch heute — 
wenn wir uns gelegentlich treffen — mein Freund ist ein höherer Beamter — 
lodert das alte Feuer wieder auf. 

Jene Zeit mit Freund H. war eine selige, deren Wiederkehr ich gerne 
mit meinem Herzblut erkaufen möchte. Das Leben war mir damals eine Lust, 
ich lernte spielend, war begeistert für alles Schöne. 

Während dieser Zeit verführte mich ein meinem Vater befreundeter 
Arzt, indem er mich gelegentlich eines Besuches liebkoste,, onanisirte, mir die 
sexuellen Vorgänge erklärte, mich ermahnte, mich nie zu manustupriren, da 
dies gesundheitsschädlich sei. Er trieb dann mutuelle Onanie mit mir, er- 
klärte, dies Bei die einzige Möglichkeit für ihn, geschlechtlich zu functioniren. 
Vor Weibern habe er Ekel, deshalb habe er auch mit seiner verstorbenen Frau 
in Unfrieden gelebt. Er lud mich dringend ein, ihn so oft als möglich zu 
besuchen. Der Arzt war ein stattlicher Mann, Vater von 2 Söhnen im Alter 
von 14 und 15 Jahren, mit denen ich im folgenden Jahr ein analoges Liebes- 
verhältniss anknüpfte, wie mit Freund H. 

Ich schämte mich der Untreue gegen diesen, setzte aber gleichwohl das 
Verhältniss mit dem Arzt fort. Er trieb mit mir mutuelle Onanie, zeigte mir 
unsere Spermatozoen unter dem Mikroskope, zeigte mir pornographische Werke 
und Bilder, die mir aber nicht gefielen, da ich nur für männliche Körper 
Interesse hatte. Anlässlich späterer Besuche bat er mich, ihm eine Gunst zu 
erweisen, die er noch nie genossen und nach der er lüstern sei. Da ich ihn 
liebte, gestand ich alles zu. Instrumentis anum dilatavit, me paedicavit, dum 
simul penem meum trivit ita ut eodem tempore dolore et voluptate affectus 
sim. Nach dieser Entdeckung ging ich sofort zu Freund EL, in der Meinung, 
dass dieser geliebte Mensch mir noch grösseren Genuss verschaffen werde. 
Alter alterum paedicavit, wir waren aber beide enttäuscht und Hessen Wieder- 
holung bleiben, denn passiv empfand ich nur Schmerz und aktiv kein Ver- 
gnügen, während uns doch mutuelle Onanie den grössten Genuss verschaffte. 
Nur dem Arzt war ich in der Folge aus Dankbarkeit noch öfters zu Willen. 
Bis zum 15. Jahre trieb ich passive oder mutuelle Onanie mit meinen Freun- 
den. Jch war nun schon erwachsen, bekam allerlei Winke von Frauen und 
Mädchen, floh sie aber, wie Joseph Potiphars Weib. Mit 15 Jahren kam ich 
in die Hauptstadt. Nur selten hatte ich Gelegenheit zur Befriedigung meiner 
sexuellen Neigung. Dafür schwelgte ich im Anblick von Bildern und Statuen 
männlicher Körper und konnte mich nicht enthalten, geliebte Statuen abzu- 
küssen. Ein Hauptärgerniss waren mir die Feigenblätter auf deren Genitalien. 

Mit 17 Jahren bezog ich die Universität. 2 Jahre lebte ich nun wieder 
mit Freund H. zusammen. 

Mit IT 1 /* Jahren hetzte man mich im angetrunkenen Zustande zum 
Coitus mit einem Weibe. Ich zwang mich dazu , floh aber sofort nach der 
That, von Ekel erfasst, aus dem Hause. Gleichwie nach der ersten aktiven 
Mami8tupration hatte ich dabei ein Gefühl, als ob ich ein Verbrechen be- 
gangen hätte. Bei einem neuerlichen, im nüchternen Zustand gemachten Ver- 
such brachte ich es trotz aller Bemühungen puellae nudae palcherimmae nicht 


Homosexuale oder Urninge. 261 

zu einer Erection, während doch jeweils der blosse Anblick eines Knaben oder 
die Berührung eines Schenkels durch eine Männerhand meinen Penis stahlsteif 
machte. Freund H. war es vor Kurzem ebenso ergangen. Wir zerbrachen 
uns vergeblich die Köpfe über die Ursache. Ich Hess nun die Weiber Weiber 
sein, fand Genuss bei Freunden in passiver und mutueller Onanie, u. A. mit 
den beiden Söhnen des Arztes, der sie nach meinem Abgang zur Pädicatio 
missbraucht hatte! 

19 Jahre alt machte ich die Bekanntschaft von zwei ächten Urningen. 

A., 56 Jahre alt, weibisch aussehend, bartlos, geistig auf keiner beson- 
deren Höhe, von starkem, abnorm früh regem Sexualtrieb, hat seit dem 6. Jahre 
Urningliebe getrieben. Er kam einmal im Monat nach der Hauptstadt. Ich 
musste bei ihm schlafen. Er war unersättlich in mutueller Onanie, nöthigte 
mich auch zu aktiver und passiver Pädicatio, was ich ungern mit in den 
Kauf nahm. 

B., Kaufmann von 36 Jahren, eine durchaus männliche Erscheinung, war 
enorm bedürftig, gleich wie ich selbst. Er wusste seinen Manipulationen an 
mir solchen Reiz zu verleihen, dass ich ihm als Kynede dienen musste. Er 
war der Einzige, bei dem ich passiv etwas Genuss empfand. Er gestand mir, 
dass, wenn er mich nur in der Nähe wusste, er die peinlichsten Erectionen 
bekam , und wenn ich ihm nicht dienen konnte, er sich durch Masturbation 
befriedigen musste. 

Neben diesen Liebschaften war ich klinischer Assistent im Spital und 
galt als eifrig und tüchtig im Beruf. Natürlich forschte ich in der ganzen 
Literatur nach einer Erklärung meiner sexuellen Sonderbarkeit. Ich fand sie' 
allenthalben als strafwürdiges Vergehen gebrandmarkt, während ich darin 
doch nur die einfache, mir natürliche Befriedigung meines sexuellen Begehrens 
erkennen konnte. Ich war mir bewusst, dass mir dieses angeboren sei, aber 
im Widerspruch mit der ganzen Welt mich fühlend, oft dem Wahnsinn und 
dem Selbstmord nahe, versuchte ich immer wieder meinen mächtigen Sexual- 
trieb an Weibern zu befriedigen. Das Resultat war jedesmal das gleiche — 
entweder Mangel jeglicher Erection, oder, wenn es mir gelang, den Akt zu 
erzwingen, Ekel und Grausen vor der Wiederholung. Als Militärarzt litt ich 
entsetzlich beim Anblick und der Berührung von Tausenden nackter Männer- 
gestalten. Glücklicherweise schloss ich einen Liebesbund mit einem gleich 
mir empfindenden Lieutenant und verlebte wieder einmal eine Götterzeit. 
Aus Liebe für ihn entschloss ich mich sogar zu Pädicatio, nach der seine 
Seele verlangte. Wir liebten uns, bis er bei Sedan sein Leben verlor. Von 
da an liess ich mich nie mehr weder zu aktiver noch passiver Pädicatio 
herbei, trotzdem ich viele Liebschaften hatte und eine sehr begehrte Persön- 
lichkeit war. 

Mit 23 Jahren ging ich aufs Land als Arzt, war gesucht und beliebt, 
befriedigte mich durch Knaben über 14 Jahre, stürzte mich ins politische 
Leben, verfeindete mich mit dem Clerus, ward von einem meiner Geliebten 
verratheu, vom Clerus denunzirt und gezwungen zu fliehen. Die gerichtliche 
Untersuchung fiel günstig aus. Ich konnte zurückkehren, war aber tief er- 
schüttert, benutzte den ausgebrochenen Krieg (1870), um mit der Waffe zu 
dienen, in der Hoffnung, den Tod zu finden. Ich kehrte jedoch, vielfach 
ausgezeichnet, zum Manne gereift, innerlich ruhig zurück und fand nur mehr 


262 Paraesthesia sexualis. 

Genuas in ernster angestrengter Berufsarbeit. Ich hoffte meinen ungeheuren 
Sexualtrieb dem Erlöschen nahe, erschöpft durch die riesigen Strapazen des 
Feldzugs. 

Kaum war ich erholt, so begann der alte unbändige Trieb wieder sich 
zu regen und führte zu neuer zügelloser Befriedigung. Selbstverständlich hielt 
ich oft Einkehr bei mir selbst, hielt mir das nicht in meinen Augen, wohl 
aber in denen der Welt Verwerfliche meiner Neigung vor. 

Ein Jahr abstinirte ich mit äusserster Aufbietung meiner Willenskraft, 
dann reiste ich nach der Hauptstadt, um mich zum Weibe zu zwingen. Ich, 
der ich beim Anblick des schmutzigsten Stalljungen von Erectionen gepeinigt 
war, brachte es bei dem schönsten Weibe kaum zu einer Erection. Ich reiste 
vernichtet heim und hielt mir einen Burschen zur persönlichen Bedienung und 
Befriedigung. 

Die Einsamkeit des Lebens als Landarzt, die Sehnsucht nach Kindern 
trieb mich zu einer Heirath. Zudem wollte ich dem Gerede der Leute ein 
Ende machen und hoffte ich doch endlich über meinen fatalen Trieb zu 
triumphiren. 

Ich wusste ein Mädchen, von dessen Herzensgüte und dessen Liebe zu 
mir ich überzeugt war. Es ist mir gelungen, bei meiner Achtung und Ver- 
ehrung für meine Frau den ehelichen Pflichten gerecht zu werden, 4 Knaben 
zu erzeugen. Erleichternd wirkte das knabenhafte Aussehen meiner Frau. 
Ich nannte sie meinen Raphael, strengte meine Phantasie an, um Knabenbilder 
mir vorzutäuschen und so Erection zu erzielen. Erlahmte meine Phantasie 
abei^nur einen Moment, so war es mit der Erection vorbei. Zusammenzu- 
schlafen vermochte ich nicht mit meiner Frau. In den letzteu Jahren wurde 
mir der Coitus immer schwieriger erzielbar und seit 2 Jahren haben wir darauf 
verzichtet. Meine Frau kennt meinen Seelenzustand. Ihre Herzensgüte und 
Liebe zu mir vermag sich darüber hinwegzusetzen. 

Meine sexuelle Neigung zum eigenen Geschlecht ist unverändert und 
leider nur zu oft zwang jene mich, meiner Frau untreu zu werden. Noch 
heute bringt mich der Anblick eines etwa 16jährigen Jungen in heftige sexuelle 
Erregung mit peinlichen Erectionen, so dass ich mir gelegentlich mit Manu- 
stupration des Jungen, mit Onanie an mir selbst helfe. 

Welche Qualen ich ausstehe, ist unbeschreiblich. Faute de mieux uxor 
niea penem terit, sed quod mulieris manus magno opere post dimidiam horam 
adsequitur, pueri manus post nonnulla momenta adsequitur. So lebe ich elend 
dahin, ein Sklave des Gesetzes und meiner Pflicht gegen meine Frau! Zu 
Pädicatio (aktiv oder passiv) hatte ich nie Lust. Wenn ich sie ausführte oder 
duldete, geschah es nur aus Dankbarkeit, Gefälligkeit." 

Der Arzt, dem ich vorstehende Selbstbeobachtung verdanke, 
versichert, dass er mit mindestens 600 Urningen bisher sexuell 
verkehrt habe. Es seien darunter gar Viele, die in hohen und 
geachteten Stellungen noch heute leben. Nur etwa 10 Procent 
derselben seien später weibliebend geworden. Eine andere Quote 
scheue das Weib nicht, neige aber mehr dem eigenen Geschlecht 
zu, der Rest sei ausschliesslich und dauernd mannliebend. 


Homosexuale oder Urninge. 263 

Abnorme Bildung der Genitalien will jener Arzt nie an seinen 
600 gefunden haben, wohl aber häufig Annäherung an weibliche 
Körperformen, sowie schwache Behaarung, zarteren Teint, höhere 
Stimme. Nicht selten kam Mammaentwicklung vor. X. affirmat 
ab 13. — 15. anno lac in mammis suis habuisse quod amicus H. 
esqxit. Nur etwa 10 Procent seiner Leute zeigten Sinn für weib- 
liche Beschäftigung u. dgl. Alle seine Bekannten waren mit ab- 
norm frühem und starkem Sexualtrieb behaftet. Die überwiegende 
Mehrzahl fühle sich dem Anderen gegenüber als Mann und be- 
friedige sich durch mutuelle Onanie, Manustupration am Geliebten 
oder durch denselben. Die Mehrzahl neige zu aktiver Päderastie. 
Sehr häufig sei aber der Strafrechtsparagraph oder auch ästhe- 
tisches Bedenken gegen den Anus Grund zur Nichtausführung des 
Aktes. Weiblich sich fühlen dem Anderen gegenüber sei selten, 
und sehr selten Neigung zu passiver Päderastie. 

Anfangs 1887 wurde dieser Arzt gefänglich eingezogen, weil er mit zwei 
Knaben unter 14 Jahren Unzucht getrieben hatte. Das Delikt bestand darin, 
dass er zuerst die Knaben mentulam propriam inter femora viri bis zu ejaculatio 
reiben liess und dann dieselbe Procedur cum mentula propria inter femora 
pueri vornahm. Bei der Verhandlung wurde zugegeben, dass hier ein krank- 
hafter Naturtrieb vorliege, jedoch zugleich nachgewiesen, dass Inculpat geistig 
nicht gestört, der Selbstbestimmung nicht verlustig war, jedenfalls nicht in 
unwiderstehlichem Antrieb gehandelt habe. Gleichwohl wurde er nur zu einem 
Jahr Kerker mit Anwendung der weitgehendsten Milderungsgründe verurtheilt. 

Beobachtung 113. Herr X., aus höherem Stande, consultirte mich wegen 
.seit Jahren bestehender Neurasthenie und Schlaflosigkeit. Die Ermittelung der 
Ursachen des Leidens führte zum Geständniss des Patienten, dass er einen ab- 
normen Sexualtrieb zum eigenen Geschlecht habe, überhaupt sehr geschlechts- 
bedürftig sei und dass sein Nervenleiden wohl daraus sich herleite. Aus der 
Krankengeschichte des intelligenten Patienten dürfte Folgendes wissenschaft- 
lich von Interesse sein. 

„Meine abnorme Geschlechtsempfindung reicht auf meine Kindheit zurück. 
Mit 3 Jahren kam mir ein Modejournal unter die Hände. Die perfekt schönen 
Männergestalten wurden von mir bis zum Zerreissen des Papiers geküsst, die 
weiblichen Figuren beachtete ich nicht. Knabenspiele waren mir widerlich. 

Mit Mädchen spielte ich lieber, da es da immer Puppen gab. Mit Vor- 
liebe schneiderte ich Puppenkleider ; ich habe heute noch Interesse für Puppen 
trotz meiner 33 Jahre. Schon als Knabe konnte ich stundenlang auf der Lauer 
an Anstandsorten sein, um der Geschlechtstheile von Männern ansichtig zu 
werden. Gelang mir dies, so wurde mir ganz seltsam und schwindlig. Schwäch- 
liche, unsympathische Männer oder gar Knaben waren mir gleichgültig. Mit 
13 Jahren ergab ich mich der Onanie. Vom 13. bis 15. Jahr schlief ich mit 
einem schönen jungen Mann in einem Bett. Das war ein Glück! Per multas 


264 Paraesthesia sexualis. 

horas vespere pene erecto illum domum venientem expectavi. Quodsi ille for- 
tuito genitalia mea in lecto tetigit, summa voluptate affectus sum. Mit 
14 Jahren hatte ich einen gleich mir empfindenden Schulkameraden. In 
Bchola per nonnullas horas alter genitalia alterius tenebat manibus. Ach, es 
waren selige Stunden! So oft ich konnte, verweilte ich in Badeanstalten. 
Das war immer ein Fest für mich. Der Anblick männlicher Genitalien ver- 
ursachte mir heftige Erectionen. Mit 16 Jahren kam ich in die Grossstadt 
Das Sehen so vieler schöner Männer entzückte mich. Mit 17 7* Jahren ver- 
suchte ich den Beischlaf mit einer Dirne, war aber vor Ekel und Angst un- 
fähig dazu. Auch weitere Versuche schlugen fehl bis zum 19. Jahr. Da reüs- 
sirte ich einmal, aber der Beischlaf gewährte mir keinen Genuas, eher Ekel. 
Ich überwand mich und war stolz auf meinen Erfolg, dennoch ein Mann zu 
sein, woran ich allmählich zu zweifeln angefangen hatte. 

Spätere Versuche gelangen nicht mehr. Der Ekel war zu gross. Wenn sich 
das betreffende Weib entkleidete, war ich genöthigt, vor Ekel gleich das Licht 
zu löschen. Ich hielt mich nun für impotent, consultirte Aerzte, besuchte 
Bäder und Wasserheilanstalten, um meine vermeintliche Impotenz zu heilen, 
denn noch immer wusste ich nicht, was ich davon zu halten hatte. Ich war 
gerne in Damengesellschaft, vielleicht aus Eitelkeit, da ich den meisten Damen 
sympathisch und liebenswürdig erschien. Ich schätzte aber nur geistige, ästhe- 
tische Vorzüge an Damen. Gerne tanzte ich mit solchen, aber wenn sich dann 
eine im Tanz an mich anschmiegte, empfand ich einen argen Widerwillen, 
selbst Ekel, und hätte sie prügeln mögen. Kam es einmal vor, dass ein Herr 
mit mir im Scherz tanzte, so war ich stete Dame. Da presste und schmiegte 
ich mich an ihn und war ganz glücklich und selig. Mit 18 Jahren sagte ein* 
mal ein Herr, der zu uns ins Gomptoir kam: „Das ist ein herziger Junge, für 
den könnte man im Orient jedesmal ein Pf. St. verlangen. " Das machte mir 
Kopfzerbrechen. Ein anderer Herr scherzte gerne mit mir, raubte mir beim 
Fortgehen öfters Küsse, die ich ihm, ach so gerne, selbst gegeben hätte. Dieser 
Kussräuber wurde später eine Geliebte von mir. Durch diese Umstände wurde 
ich doch aufmerksam und wartete auf eine Gelegenheit. 

Als ich 25 Jahre alt war, traf es sich, dass mich ein ehemaliger 
Kapuziner fest fixirte. Gleich einem Mephisto wurde er für mich. Endlich 
sprach er mich an. Noch heute glaube ich das Klopfen meines Herzens von 
damals zu fühlen, ich war einer Ohnmacht nahe. Er gab mir Rendez- voue 
in einem Gasthause für den Abend. Ich ging hin, kehrte aber an der Schwelle 
um, ich ahnte schreckliche Geheimnisse. Am zweiten Abend traf mich der 
Kapuziner wieder. Er überredete mich, führte mich in sein Zimmer, ich konnte 
ja nicht gehen vor Erregung. Mein Verführer setzte mich aufs Canape, fixirte 
mich lächelnd mit seinen schwarzen wunderbaren Augen, ich verlor das Be- 

wusstsein. Von dieser Wollust, dieser' idealistisch-göttlichen Seligkeit. 

die mein Wesen erfüllte, müsste ich zu viel schreiben; ich denke» nur ein 
bis über die Ohren verliebter, noch gänzlich unschuldiger Bursche, der zum 
ersten Mal seine Liebessehnsucht stillen konnte, kann so glücklich sein, wie 
ich an jenem Abend war. Mein Verführer forderte zum Spasse (den ich An- 
fangs ernst nahm) mein Leben. Ich bat ihn, mich noch eine Zeit lang glücklich 
sein zu lassen, dann hätte ich mein. Leben vereint mit ihm geendet. Es wäre 
das so ganz nach meinen überspannten damaligen Ideen gewesen. Ich hatte 


Homosexuale oder Urninge. 265 

5 Jahre dann ein Verhältnis mit dem mir jetzt noch so lieben Mann. Ach 
wie glücklich und doch oft unglücklich war ich in jener Zeit! Sah ich ihn 
nur mit einem hübschen jungen Manne sprechen, so erwachte in mir eine 
tobende Eifersucht. Mit 27 Jahren verlobte ich mich mit einer jungen Dame. 
Ihr Geist und feiner ästhetischer Sinn, sowie finanzielle Rücksichten für mein 
Geschäft veranlassten mich, an die Ehe mit ihr zu denken, zudem bin ich ein 
grosser Einderfreund, und so oft ich dem gewöhnlichsten Taglöhner mit seinem 
Weib und einem hübschen Kind begegnete, beneidete ich den Mann um sein 
Familienglück. Ich bethörte mich also selbst, brachte mich auch die Zeit des 
Brautstandes leidlich durch, fühlte jedoch bei den Küssen meiner Braut eher 
AngBt und Bangigkeit als Vergnügen. Ein- oder zweimal kam es jedoch vor, 
dass ich durch herzhaftes Küssen nach reichlichem Nachtmahl Erection bekam. 
Wie glücklich war ich da, ich sah mich schon als Papa! Zweimal war ich 
nahe daran, die Parthie rückgängig zu machen. Am Hochzeitstage, als schon 
die Gäste versammelt waren, sperrte ich mich in mein Zimmer, weinte wie 
ein Kind und wollte absolut nicht getraut werden. Auf Zureden aller An- 
gehörigen, denen ich die ersten besten Entchuldigungen angab, Hess ich mich 
in Strassentoilette vor den Traualtar schleppen. 

Zum grösBten Glück hatte meine Frau zur Zeit der Hochzeit gerade 
ihre Regel. wie dankte ich allen Heiligen für diese Bescheerung ! Ich bin 
heute noch Überzeugt, dass nur dadurch ein späterer Beischlaf ermöglicht 
wurde. Wieso es mir möglich wurde, später meiner Frau beizuwohnen und 
einen herzigen Jungen zu bekommen, weiss ich nicht. Er ist mein Trost in 
meinem so verfehlten Leben. Ich kann für das Glück, ein Kind zu haben, 
nur Gott danken. Ich schwindelte mich sozusagen durch im Ehebett. Meine 
Frau, die ich wegen ihrer trefflichen Eigenschaften hochachte, hat keine Ahnung 
von meinem Zustand, nur beklagt sie sich oft über meine Kälte. Bei ihrer 
Herzensgüte und Naivetät war es mir möglich, ihr vorzumachen, dass die 
Leistung der ehelichen Pflicht nur monatlich einmal eintrete. Da sie nicht 
sinnlich ist und ich zudem in meiner Nervosität eine Entschuldigung finde, 
gelingt es mir, mich durchzuschwindeln. Der Beischlaf ist mir das grösste 
Opfer. Durch reichlichen Weingenuss und Benützung von dann Morgens bei 
gefüllter Blase eintretenden Erectionen gelingt es mir, etwa einmal im Monat 
ihn auszufuhren, aber ich habe dabei kein Wollustgefühl, bin davon ganz 
matt und empfinde tagelang eine Steigerung meiner nervösen Beschwerden. 
Nur das Bewusstsein der erfüllten ehelichen Pflicht, gegenüber der sonst ge- 
liebten Frau, ist mir dann moralischer Erfolg und Befriedigung. Mit einem 
Mann ist es anders. Ich kann ihm mehrmals in der Nacht beiwohnen, wobei 
ich mich in der geschlechtlichen Rolle des Mannes fühle. Ich empfinde dabei 
die höchste Wollust, das reinste Glück und fühle mich davon erfrischt und 
beglückt. In neuerer Zeit hat mein Trieb zu Männern etwas nachgelassen. 
Ich habe sogar Muth, einen schönen jungen Mann, der mir die Cour macht, zu 
meiden. Wird es von Dauer sein? Ich fürchte nein. Ich kann absolut nicht 
ohne Männerliebe sein, und wenn ich sie entbehren muss, bin ich niederge- 
schlagen, fühle mich matt, elend, habe Schmerz und Druck im Kopf. Ich 
habe meine bedauernswerthe Verschrobenheit immer ata etwas Angeborenes, 
Krankhaftes empfunden, würde mich jedoch glücklich fühlen, wenn ich nur 
nicht verheirathet wäre. Meine brave gute Frau dauert mich. Oft packt 


266 Paraesthesia sexualis. 

mich die Furcht« es mit ihr nicht mehr auszuhalten. Dann kommen mir Ge- 
danken, mich scheiden zu lassen, mich umzubringen, nach Amerika zu entfliehen.* 

Dem Kranken, welchem ich diese Mittheilungen verdanke, wird Niemand 
seinen Zustand ansehen. Er ist von durchaus männlichem Habitus, mit starkem 
Vollbart, kräftiger tiefer Stimme, völlig normalen Genitalien. Der Schädel 
ist normal gebildet, Degenerationszeichen fehlen durchaus, nur ein exquisit 
nervöses Auge erinnert an den Neuropathiker. Die vegetativen Organe 
funktioniren normal. Patient bietet die gewöhnlichen Symptome eines Neur- 
asthenischen, wesentlich zurückführbar auf sexuelle Excesse bei einem abnorm 
geschlechtsbedürfligen Manne im Verkehr mit Personen seines eigenen Ge- 
Hchlechts und auf den schädlichen Einfluss erzwungenen, wenn auch seltenen, 
Beischlafs mit der Ehefrau bei Horror feminae. 

Patient erklärt, von gesunden Eltern abzustammen und in der Familie 
in aufsteigender Linie weder nerven- noch geisteskranke Angehörige zu kennen. 
Sein älterer Bruder war 3 Jahre verheirathet. Die Ehe wurde getrennt, weil 
dieser Mann geschlechtlich mit seiner Frau nie verkehrte. Er heirathete zum 
zweiten Mal. Auch die zweite Frau klagt über Vernachlässigung seitens des 
Mannes, hat aber 4 Kinder, deren legitime Abkunft nicht bezweifelt wird. 
Eine Schwester ist hysteropathisch. 

Patient behauptet, als junger Mann an secundenlangen Schwindelanfallen 
gelitten zu haben, während welcher es ihm war, als wolle sich sein ganzes 
Wesen auflösen. Von jeher will er sehr erregbar, emotiv gewesen sein und 
für. schöne Künste, namentlich Poesie und Musik, geschwärmt haben. Seinen 
Charakter bezeichnet er selbst als räthselhaft, abnorm, nervös, unruhig, extra- 
vagant, unschlüssig. Er sei oft exaltirt ohne eigentlichen Grund, dann wieder 
ebenso deprimirt bis zu Selbstmordgedanken. Er könne in raschem und plötz- 
lichem Wechsel „religiös und frivol, Aesthetikcr und Gyniker, feige und heraus- 
fordernd, leichtgläubig, gutmüthig und mißtrauisch, geneigt, Anderen wehe 
zu thun und wehmuthsvoll über Anderer Unglück bis zu Thränen sein, dabei 
freigebig bis zum Uebermass und wieder geizig ä la Harpagon". Jedenfalls 
ist Patient eine belastete Persönlichkeit. Jntellectuell scheint er sehr begabt, 
wie er auch versicherte, leicht gelernt zu haben und in den Schulen immer 
unter den ersten gewesen zu sein. 

Die Ehe dieses Mannes war keine glückliche. Wenn auch Patient nur 
höchst selten den ihm inadäquaten und ihn schädigenden Geschlechtsakt mit 
der Frau vollzog und bei männlichen Geliebten Ersatz suchte und fand, so 
blieb er neurasthenisch. Sein Leiden bot zeitweise bedeutende Exacerbationen 
bis zu verzweiflungsvoller Stimmung über seine eheliche sexuelle und physische 
Lage bis zu heftigem Taed. vitae. 

Seine Frau wurde hysteropathisch, anämisch, und Patient selbst meint 
dass sie es ex abstinentia geworden sei. So sehr er sich zusammennehme und 
zu bezwingen suche, vermöge er in den letzten Jahren den Coitus nicht mehr 
zu leisten , entbehre vollkommen der Erection , während er im Umgang mit 
männlichen Geliebten sehr potent sei. 

Der nunmehr 9jährige Knabe dieser unglücklichen Eheleute gedeiht. 

Patient theilt noch mit, dass er nur mit dem Kunstgriff, dass er sich 
einen geliebten Mann dachte, früher beim Coitus mit seiner Frau potent 
(Aus des Verf. Lehrb. d. Psychiatrie, 2. Aufl. mit Ergänzungen.) 


Homosexuale oder Urninge. 267 

Beobachtung 114. Autobiographie. Schreiber dieses ist einge- 
borener Urning. Wenn auch nie mit anderen Urningen zusammengetroffen, 
so bin ich doch voll über meinen Zustand orientirt, da es mir gelungen ist, 
fast die gesammte einschlägige Literatur im Laufe der Zeit zu erhalten. Vor 
Karzern kam mir auch Ihr Werk „Psychopathia sexualis" zu Gesicht. 

Ich sah daraus, dass Sie vorurtheilslos , im Interesse der Wissenschaft 
und Menschlichkeit, erwägen und forschen. 

Wenn ich Ihnen nun auch nicht viel des Neuen mittheilen kann, so 
will ich doch über Einiges sprechen, das Sie gütigst hinnehmen wollen als 
einen weiteren Baustein zu Ihrem Werk, und das ich vertrauensvoll, in Ihre 
Hände lege, mit zu unserer gesellschaftlichen Rettung. 

Wenn Sie annehmen, dass oft eine erbliche Belastung bei uns vorliegt, 
so kann das vielleicht das Richtige sein. Mein Vater litt an einer Rücken- 
markskrankheit noch vor meiner Geburt, wurde später gemüthskrank und 
nahm sich das Leben. 

Eine andere Frage, die ich indess bezweifeln möchte, ist die von Ihnen 
an anderer Stelle ausgesprochene Ansicht, dass von jung an getriebene Onanie 
zum perversen Triebe führen könnte. 

Ich selbst (Kaufmann, Besitzer eines kleinen Geschäfts), selbstredend 
unverheirathet , bin gegenwärtig Anfang der 30er, äusserlich anscheinend ge- 
sund, kaum vom normal männlichen Typus abweichend. Die ersten geschlecht- 
lichen Regungen, gleich und ausschliesslich auf das männliche Ge 
schlecht gerichtet, habe ich etwa vom 10. Jahre an empfunden. Vom 
12. Jahre an habe ich onanirt. Da mir ein Coitus beim Weibe trotz aller 
Versuche stets absolut unmöglich war, da dem Weibe gegenüber nie irgend 
Begierde, vielmehr Ekel und somit niemals auch noch so geringe Erection 
eintrat, so musste ich mich nothgedrungen bis heutigen Tages ausschliesslich 
onanirend befriedigen. 

Wenn ich nun von der Art meiner geschlechtlichen Befriedigung ein 
Bekenntniss ablegen soll, so muss ich sagen, dass mich früher Mitschüler, 
Altersgenossen etc. geschlechtlich reizten. Jetzt bleibt mein Trieb zu Knaben 
von etwa 10, meist aber zu Jünglingen von 15—20 Jahren bestehen. 

Vor Allem reizen mich seit lange die kräftig-gesunden und doch feinen 
Körperformen der Cadetten, die in ihrer geschmackvollen Uniform und ihrem 
feinen Wesen mich besonders erregen. Ich habe keine Gelegenheit, mit solchen 
in näheren, auch noch so unerkannten, rein gesellschaftlichen Verkehr zu 
treten. Es muss mir genügen, ihnen auf Strassen und Plätzen nachzueilen, oder 
im günstigeren Falle, sei es in einem Local, auf der Pferdebahn oder Eisen- 
bahn etc., ihnen nahe sitzend, mich, wenn es unbemerkt angeht, on anistisch 
zu befriedigen. 

Mein heissester Wunsch wäre oft, einem solchen jungen Manne ein 
Freund, Diener oder Sklave zu werden. 

Directe Päderastie schwebt mir nie vor; mir wäre erwünscht 
körperliche Berührung, Umarmung, Berühren meines Membrum von Seiten des 
geliebten jungen Mannes, meinerseits ein Kuss auf dessen Genitalia oder dessen 
Podex. 

Ich habe aber oft etwa die Begier, die Sacher-Masoch in seiner „Venus 
im Pelz" schildert. Dort macht sich ein Mann freiwillig zum Sklaven eines 


268 Paraesthesia sexuaiis. 

Weibes und fühlt tiefe Wollustschauer, wenn er nur von diesem gezüchtigt 
und gedemfithigt wird. Nur empfinde ich das natürlich so, dass ich keines- 
wegs der Sklave etwa eines Weibes, sondern nur eines Mannes, richtiger eines 
jungen Mannes sein möchte, den ich aber so unendlich liebe, dass ich mich 
ihm auf Gnade und Ungnade mit meinem ganzen Sein ergeben möchte. 

Das sind etwa die Wollustbilder, die mir unter Vergegenwärtigung des 
oder der jungen Männer, die ich gerade gesehen, beim Onaniren vorschweben. 

Als einen traurigen und unvollkommenen Nothbehelf empfinde ich diese 
Onanie stets. 

Ich gehe dann im Wollusttraum etwa so vor (und ich sage hier Alles, 
weil ich nur wahr und ganz wahr schreiben will), dass ich mich also einem 
solchen jungen Manne, der mir körperlich gefallen, zu willenlosem Gehorsam 
verpflichtet wähne. Ich bilde mir ein, dass er mich demüthigen wolle und 
von mir z. B. fordere, dass ich seine Füsse küssen, oder z. B. an seinen 
schweissigen Strümpfen riechen müsse. Quia quod ezopto et coneupisco mihi 
non contingit meas crepidas (Strümpfe) olfacio easque in os reeipio, genitalia 
mea iis praestringo, quibus factis mox pene erecto voluptate perturbatus 
semen eiaculo. 

Ja, ich bin in diesen Bildern auch so weit gegangen, dass ich mir ein- 
bildete, der mir vorschwebende junge Mann, als mein Gebieter gedacht, be- 
fehle mir zur Demüthigung, dass ich von seinem Kothe essen müsse. Wieder- 
um in Ermangelung des Gedachten esse ich dann von meinem eigenen Kothe, 
in geringer Quantität freilich nur. Unter theilweisem Ekel und heftigem Herz- 
klopfen erfolgt dabei starke Erection und Samenerguss. 

Indess bis zu dieser Schmutzigkeit fieberhafter Bilder und deren Aus- 
führung komme ich meist nur, wenn es mir sehr lange Zeit nicht mög- 
lich war, mich in der unmittelbaren Nähe eines jungen Mannes 
onanistisch zu befriedigen. 

Dies ist mir das Naturgemäßere, denn dann habe ich doch etwas mehr 
Genuss und auch einigermassen wirkliche körperliche und geistige Erfrischung, 
wenn auch mein Ideal wirklicher directer Befriedigung in gegenseitigem Ein- 
verständnis mir noch nie zu Theil wurde. 

Fast glaube ich, dass obige entsetzliche Phantasiegebilde nur Folgeübel 
der stets entbehrten normalen Sättigung, d. h. der mir als Urning nor- 
malen Befriedigung sind, dass bei einer regelmässigen Befriedigung, Kör- 
per an Körper, die so bis zum Wahnsinn gestachelte Phantasie sich beruhigen 
und jedenfalls auf solche Extravaganzen verzichten würde. Oder ebenso: Es 
ist der Schlusseffect versuchter Enthaltsamkeit, denn nur nach einer längeren 
derartigen Periode kommt es zu diesen tollen Wollustbildern. 

Ich glaube sogar, ich wäre unter anderen gesellschaftlichen Umständen 
grosser, auch edler Liebe und Aufopferung fähig. Meine Gedanken sind keines- 
wegs ausschliesslich körperlich oder krankhaft sinnlich. Wie oft erfasst mich 
beim Anblick eines hübschen jungen Mannes eine tiefe schwärmerische Stim- 
mung und ich bete gleichsam die herrlichen Heine'schen Worte: 

„Du bist wie eine Blume, so hold, so schön, so rein" u. s. w. 

Und als ich mich einst von einem jungen Manne trennen musste, der 
mich als einen freundschaftlichen Gönner achtete und schätzte, wenn ihm 


i 


Homosexuale oder Urninge. 269 

auch meine Liebe stets unbekannt blieb, da kamen mir wieder die herrlichen 
Scheffel'schen Verse nicht aus dem Sinn, deren letzter — mutatis mutandis — 
in meiner Seele besonders widerklang: 

„Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt. 
Doch wend' es sich zum Guten oder Bösen, 
Du, lieber Freund, in Treuen denk 1 ich Dein! 
Behuf Dich Gott! es war* zu schön gewesen, 
Behuf Dich Gott, es hat nicht sollen sein!" 

Noch nie hat ein junger Mann meine Liebe zu ihm geahnt, keinem bin 
ich verderblich oder sittlich schädigend geworden, aber schön manchem habe 
ich hie und da den Weg geebnet; ich scheue dann keine Mühe und bringe 
Opfer, wie ich sie nur bringen kann. 

Wenn ich so Gelegenheit habe, einen geliebten Freund um mich zu 
haben, ihn zu bilden, zu halten und zu stützen, wenn meine unerkannte Liebe 
eine (natürlich geschlechtslose) Gegenliebe findet, dann weichen alle schmutzi- 
gen Phantasiebilder mehr und mehr von mir. Dann wird meine Liebe fast 
platonisch und veredelt sich, um erst dann wieder in Schlamm zu versinken, 
wenn ihr die würdige Bethätigung genommen ist. 

Ich bin im Uebrigen, und ohne mich selbst zu überheben kann ich das 
sagen, nicht einer der schlechtesten Menschen. Geistig reger als die meisten 
Durchschnittsmenschen, nehme ich an Allem Antheil, was die Menschheit be- 
wegt. Ich bin gutmüthig, weich und leicht zu Mitleid zu bewegen, kann 
keinem Thier, geschweige denn einem Menschen Böses thun, wirke im Gegen- 
theil gut und menschenfreundlich, wo und wie immer ich kann. 

Wenn ich nun auch vor meinem eigenen Gewissen mir keinen Vorwurf 
machen kann und das Urtheil der Welt über uns entschieden zurückweisen 
muss, so leide ich doch sehr. Zwar habe ich Niemanden Schlechtes gethan 
und halte meine Liebe in ihrer edleren Bethätigung für ebenso heilig, wie 
diejenige normal beanlagter Menschen, aber unter dem unglücklichen Loose, 
das uns Unduldsamkeit und Unkenntniss zuertheilt, leide ich oft schwer bis 
zum Lebensüberdruss. 

All das Elend auszumalen, all die unglücklichen Lagen zu schildern,, 
die stete Furcht, in seiner Sonderheit erkannt und in der Gesellschaft unmög- 
lich zu werden, das alles zu veranschaulichen ist wohl keiner Feder und keiner 
Beredtsamkeit möglich. Der eine Gedanke, sobald erkannt, seine Existenz zu 
verlieren und von Allen Verstössen zu sein, ist quälender als es sich glauben 
läset Dann wäre also Alles, Alles vergessen, was man je und je Gutes gethan 
hat; im Gefühl seiner grossen Moral würde sich jeder normal Beanlagte 
blähen, wenn er selbst auch noch so frivol in puncto seiner Liebe gehandelt 
hat. Ich kenne manchen normal Beanlagten, dessen Frivolität in der Auf- 
fassung über seine Liebe mir schwer verständlich bleibt. 

Indess, was thut unser Elend! Wir können ja mit einem Fluch auf die 
Menschheit unser unglückseliges Leben enden. Wahrlich, ich sehne mich oft 
nach der Ruhe des Irrenhauses, und mein Leben mag enden wann es will, je 
eher, je lieber, ich bin bereit. 

Noch zu einem Punkt übergehend, glaube auch ich, wie die Anderen, 
die Ihnen geschrieben, dass unsere Nervosität im wesentlichen erst durch unser 


270 Paraesthesia sexualis. 

unglückliches, unsagbar elendes Leben innerhalb unserer Mitmenschen er- 
worben wird. 

Und nun noch eine: Sie schreiben am Schluss Ihres Werkes Über die 
Aufhebung des betreffenden gesetzlichen Paragraphen. Die Menschheit würde 
wahrlich auch bei deren voller Aufhebung nicht zu Grunde gehen. In Italien 
existirt ein betreffender Paragraph meines Wissens nicht. Und am Ende ist 
Italien doch keine Wildniss, sondern ein kultivirtes Land. 

Mich selbst, der ich meine Gesundheit untergraben muss in der Onanie, 
könnte nun z. B. das Gesetz noch nicht treffen, da ich bis jetzt gegen dessen 
Buchstaben nicht fehlte. Aber ich leide dennoch unter der fluchwürdigen Ver- 
achtung, die auf uns lastet. Wie soll denn aber die Auffassung der Gesell- 
schaft sich ändern, solange ein Gesetzesparagraph dieselbe in ihrer Irrmoral 
bestärkt? Das Gesetz soll allerdings dem Volksbewusstsein entsprechen, aber 
doch nicht dem irrenden Volksbewusstsein, sondern gewiss nur derjenigen An- 
schauung, die die besten denkenden und wissenschaftlich berufenen Kreise im 
Volke hegen, nicht aber den Wünschen und vorgefassten Meinungen eines 
finsteren Pöbelwahns entsprechen. Und wirklich einsichtsvolle Geister können 
nicht lange mehr in alter Anschauung in dieser Beziehung verharren. 

Entschuldigen Sie, wenn ich ungenannt schliesse. Forschen Sie nicht 
nach mir. Ich könnte doch nichts Weiteres von Belang melden. Ich übergebe 
Ihnen diese Zeilen im Interesse künftiger Leidensgefährten. Veröffentlichen 
Sie davon im Interesse der Wissenschaft, Wahrheit und Gerechtigkeit, was 
Ihnen immer davon geeignet erscheint. 

Beobachtung 115. An einem Sommerabend in der Dämmerung wurde 
X. Y., Dr. med. in einer Stadt Norddeutschlands, von einem Flurwächter betreten, 
wie er auf einem Feldwege mit einem Landstreicher Unzucht trieb, indem er 
denselben masturbirte und darauf mentulam alius in os suum immisit. X. ent- 
zog sich gerichtlicher Verfolgung durch die Flucht. Die Staatsanwaltschaft 
stand von der Klage ab, da kein öffentliches Aergerniss entstanden war und 
Immissio membri in anum nicht stattgefunden hatte. Im Besitze des X. wurde 
eine weit verzweigte urnische Gorrespondenz gefunden, durch welche ein seit 
Jahren bestandener reger und durch alle Schichten der Bevölkerung sich er- 
streckender urnischer Verkehr erwiesen wurde. 

X. stammt aus belasteter Familie. Vatersvater endete irrsinnig durch 
Selbstmord. Der Vater war ein schwächlicher, eigenartiger Mann. Ein Bruder 
des Pat. onanirte schon mit 2 Jahren. Ein Vetter war conträr sexual, beging 
dieselben Unsittlichkeiten wie X. schon als Jüngling, wurde geistig schwach 
und starb an einer Rückenmarkskrankheit. Ein Grossonkel väterlich war 
Hermaphrodit. Die Schwester der Mutter war irrsinnig. Mutter gilt als gesund. 
Der Bruder des X. ist nervös, jähzornig. 

X. selbst war ebenfalls als Kind sehr nervös. Das Miauen einer Katze 
versetzte ihn in höchste Furcht und wenn man nur eine Katzenstimme nach- 
ahmte, weinte er bitterlich und klammerte sich ängstlich an die Um- 
gebung an. 

Anlässlich geringfügiger Krankheiten fieberte er heftig. Es war ein 
stilles, träumerisches Kind, von reger Phantasie, aber geringer geistiger Be- 
gabung. Knabenspiele kultivirte er nicht. Mit Vorliebe trieb er weibliche 


Homosexuale oder Urninge. 271 

Beschäftigung. Ein besonderes Vergnügen machte es ihm, die Hausmagd oder 
auch den Bruder zu frisiren. 

Mit 13 Jahren kam X. in ein Institut. Dort trieb er mutuelle Onanie, 
verführte Kameraden, machte sich durch cynisches Benehmen unmöglich, so 
dass er nach Hause genommen werden musste. Schon damals fielen den Eltern 
Liebesbriefe conträr sexualen und höchst lasciven Inhalts in die Hände. Vom 
17. Jahre an studirte er unter der strengen Zucht eines Gymnasialprofessors. 
Er machte leidliche Fortschritte im Lernen. Begabt war er nur für Musik. Nach 
absolvirten Studien kam Pat. 19 Jahre alt auf die Universität. Dort fiel er 
auf durch sein cynisches Wesen, sein Herumziehen mit jungen Leuten, von 
denen man bezüglich mannmännlicher Liebe allerlei munkelte. Er fing an 
sich zu putzen, liebte auffallende Oravatten, trug Hemden mit tiefem Hals- 
ausschnitt, zwängte seine Füsse in enge Stiefel und frisirte sich auffallend. 
Dieser Hang verlor sich, als er die Hochschule absolvirt hatte und heim- 
gekehrt war. 

Im 24. Jahre war er eine Zeit lang schwer neurasthenisch. Von da bis 
zum 29. Jahr schien er ernst, zeigte sich im Berufe tüchtig, mied aber die 
Gesellschaft des schönen Geschlechts und trieb sich beständig mit Herren 
zweifelhaften Rufes herum. 

Zu einer persönlichen Exploration liess sich Pat. nicht herbei. Er ent- 
schuldigte dies schriftlich damit, da er eine solche für aussichtslos halte, da 
der Trieb zum eigenen Geschlecht seit früher Kindheit bei ihm bestehe und 
angeboren sei. Er habe von jeher Horror feminae gehabt, niemals es über sich 
gebracht , die Reize eines Weibes zu kosten. Dem Manne gegenüber fühle er 
sich in männlicher Rolle. Er erkennt seinen Trieb zum eigenen Geschlecht 
als abnorm an, entschuldigt seine sexuellen Ausschreitungen mit seiner krank- 
haften Naturanlage. 

X. lebt seit seiner Flucht aus Deutschland im Süden Italiens, und wie 
ich aus einem Briefe desselben entnehme, huldigt er nach wie vor der urnischen 
Liebe. X. ist ein ernster, stattlicher Mann von durchaus männlichen Zügen, 
stark bebartet, mit normal entwickelten Genitalien, Dr. X. stellte mir vor 
Kurzem seine Autobiographie zur Verfügung, aus welcher Folgendes mitgetheilt 
zu werden verdient „Als ich mit 7 Jahren in eine Privatschule eintrat, fühlte 
ich mich im höchsten Grade unbehaglich und fand bei meinen Mitschülern 
sehr wenig Entgegenkommen. Nur zu einem derselben, der ein sehr hübsches 
Kind war, fühlte ich mich hingezogen und liebte ich ihn fast stürmisch. In 
den kindlichen Spielen wusste ich es immer so einzurichten, dass ich in Mädchen- 
kleidern erscheinen konnte, und das grösste Vergnügen war für mich, unseren 
Dienstmädchen recht complicirte CoiffÜren zu machen. Oft bedauerte ich, kein 
Mädchen zu sein. 

Mein Geschlechtstrieb erwachte, als ich 13 Jahre alt war, und richtete 
sich vom Moment seines Entstehens an auf jugendliche, kräftige Männer. An- 
fangs war ich mir eigentlich gar nicht darüber klar, dass dies eine Abnormität 
sei; das Bewusstsein derselben kam aber, als ich sah und hörte, wie meine 
Altersgenossen in geschlechtlicher Beziehung beschaffen waren. Ich fing mit 
18 Jahren an zu onaniren. Mit 17 Jahren verliess ich das Elternhaus und 
besuchte das Gymnasium einer grösseren Hauptstadt, wo ich als Pensionär zu 
einem verheiratheten Gymnasiallehrer gebracht wurde, mit dessen Sohn ich in 


272 Paraesthesia sexualis. 

der Folge geschlechtlichen Umgang hatte. Es war dies das erste Mal, dass 
ich geschlechtliche Befriedigung empfand. Ich lernte in der Folge dort einen 
jungen Künstler kennen, der sehr bald merkte, dass ich abnorm geartet war, 
und der mir gestand, dass bei ihm dasselbe der Fall sei. Ich erfuhr durch 
denselben, dass diese Abnormität sehr häufig vorkomme, und diese Mittheilung 
machte meine, mich oft tief betrübende Meinung, ich sei allein abnorm, hin- 
fällig. Dieser junge Mann hatte einen ausgedehnten Kreis gleichartiger Be- 
kannter, in welchen er mich einführte. Dort wurde ich der Gegenstand all- 
seitiger Aufmerksamkeit, da ich körperlich, wie allseitig behauptet wurde, sehr 
vielversprechend war. Ich wurde bald von einem älteren Herrn abgöttisch 
geliebt, fand indessen denselben nicht nach meinem Geschmack und erhörte 
ihn nur auf kurze Zeit, um dann einem jüngeren, sehr schönen Offizier, 
der mir zu Füssen lag, Gehör zu schenken. Dieser war eigentlich meine 
erste Liebe. 

Nachdem ich mit 19 Jahren das Maturitätsexamen absolvirt hatte, lernte 
ich, vom Zwang der Schule befreit, eine grosse Anzahl von mir gleich- oder 
ähnlichgearteten Leuten kennen, darunter Karl Ulrichs (Numa Numantinus). 

Als ich später zum Studium der Medicin überging und mit vielen 
normalgearteten jungen Leuten verkehrte, war ich öfters in der Lage, der 
Aufforderung, zu öffentlichen Dirnen zu gehen, Folge leisten zu müssen. Nach- 
dem ich bei verschiedenen zum Theil sehr schönen Frauenzimmern mich gründ- 
lich blamirt hatte, verbreitete sich unter meinen Bekannten die Ansicht, ich 
sei impotent, und ich gab diesem Gerede durch Erzählung von angeblichen 
ehemaligen Übertriebenen Leistungen bei Frauenzimmern Nahrung. Ich hatte 
damals eine Menge auswärtiger Beziehungen, die in ihren Kreisen dermassen 
meine Körperbeschaffenheit priesen, dass ich weithin für eine hervorragende 
Schönheit galt. Dies hatte zur Folge, dass alle Augenblicke Jemand zu- 
gereist kam und mir eine solche Menge von Liebesbriefen zugingen, dass 
ich dadurch öfters in Verlegenheit gerieth. Den Höhepunkt erreichte diese 
Situation, als ich später, als einjähriger Arzt, im Lazareth wohnte. Dort 
ging es aus und ein wie bei einer gefeierten Persönlichkeit, und die Eifer- 
suchtsscenen , die sich um meinetwillen dort abspielten, hätten fast zur Ent- 
deckung der ganzen Geschichte geführt. Kurz nachher erkrankte ich an einer 
Schultergelenksentzündung, von der ich erst nach drei Monaten genas. Im 
Verlauf derselben hatte ich mehrmals täglich subcutane Morphiuminjectionen 
erhalten, die mir plötzlich entzogen wurden und welche ich im Geheimen nach 
meiner Genesung fortsetzte. Zum Zwecke specieller Studien hielt ich mich 
vor meinem Eintritt in die selbstständige Praxis einige Monate in Wien auf, 
wo ich durch einige Empfehlungen in verschiedenen Kreisen von mir Gleich- 
gearteten Zutritt hatte. Ich machte dort die Beobachtung, dass die in Frage 
stehende Abnormität in ihren sehr verschiedenen Arten in den unteren Volks- 
schichten ebenso verbreitet ist, wie in den höheren, sowie dass Diejenigen, 
welche gewerbsmässig, gegen Bezahlung zugänglich sind, auch in den höheren 
Klassen nicht selten getroffen werden. 

Als ich als Arzt auf dem Lande mich ansässig machte, hoffte ich, ver- 
mittelst des Cocains das Morphium los werden zu können, und verfiel so dem 
Gocainismu8, der sich bei mir erst nach drei Recidiven dauernd beseitigen lies» 
(vor V/a Jahren). In meiner Stellung war es mir unmöglich, geschlechtliche 


Homosexuale oder Urninge. 273 

Befriedigung zu finden, und ich nahm deshalb mit Vergnügen wahr, dass der 
Cocaingebrauch das Erlöschen der Begierden zur Folge hatte. Als ich das 
erste Mal unter der energischen Pflege meiner Tante vom Cocainismus befreit 
war, verreiste ich auf einige Wochen, um mich zu erholen. Die perversen 
Begierden waren wieder in ihrer ganzen Starke erwacht, und als ich eines 
Abends mit einem Manne im Freien vor der Stadt mich amüsirt hatte, wurde 
mir TagB darauf vom Staatsanwalt eröffnet, dass ich beobachtet und zur Anzeige 
gebracht worden sei, dass aber die mir zur Last gelegte Handlung nicht strafbar 
sei, gemäss eines Beschlusses des obersten Gerichtshofes im Deutschen Reiche. 
Ich solle indess mich in Acht nehmen, da bereits die Mittheilung von dem 
Vorfall in weiteste Kreise gedrungen sei. Ich sah mich genöthigt, Deutschland 
nach diesem Ereigniss zu verlassen und eine neue Heimath dort zu suchen, 
wo weder das Gesetz noch die öffentliche Meinung Dem entgegen stehen, was, 
wie wohl alle abnormen Triebe, von der Willenskraft nicht unterdrückt werden 
kann. Da ich keinen Augenblick darüber im Unklaren war, dass meine Nei- 
gungen zu den socialen Anschauungen im Gegensatz stehen, so versuchte ich 
wiederholt, derselben Herr zu werden, indessen steigerte ich dieselben nur 
hierdurch, und die gleiche Beobachtung wurde mir von Bekannten mitgetheilt. 
Da ich mich ausschliesslich zu kräftigen, jugendlichen und vollständig männ- 
lichen Individuen hingezogen fühlte, solche aber nur in den seltensten Fällen 
meinen Wünschen geneigt sich zeigten, so war ich oft darauf angewiesen, mir 
dieselben zu erkaufen. Da indess meine Wünsche sich auf Personen der nie- 
deren Klasse beschränken, so fand ich stets solche, die für Geld zu haben 
waren. Ich hoffe, dass die nun folgenden Eröffnungen Ihren Unwillen nicht 
wachrufen, ich wollte dieselben ursprünglich unterlassen, allein der Vollständig- 
keit dieser Mittheilungen halber muss ich sie beifügen, da sie dazu dienen 
dürften, die Casuistik zu bereichern. Ich habe das Bedürfhiss, den sexuellen 
Akt folgendermaßen zu vollziehen: 

Pene iuvenis in os recepto, ita ut commovendo ore meo effecerim, ut 
is quem cupio, seinen eiaculaverit, sperma in perinaeum exspuo, femora com- 
primi jubeo et penem meum adversus et intra femora compressa immitto. Dum 
haec fiunt, necesse est, ut iuvenis me, quantum potest, amplectatur. Quae prius 
me fecisse narravi, eandem mihi afferunt voluptatem, acsi ipse ejaculo. Eja- 
culationem pene in anum immittendo vel manu terendo assequi, mihi nequa- 
quam amoenum est. 

Sed inveni, qui penem meum receperint atque ea facientes, quae supra 
exposui, effecerint, ut libidines meae plane eint saturatae. 

Bezüglich meiner Person muss ich noch Folgendes erwähnen: Ich bin 
186 cm hoch, von vollständig männlichem Habitus, und, abgesehen von einer 
abnormen Reizbarkeit der Haut, gesund. Ich habe sehr dichtes blondes Kopf- 
haar, ebensolchen Bartwuchs. Meine Geschlechtstheile sind von mittlerer Stärke 
und normal gebaut. Ich bin im Stande, ohne Ermüdung zu spüren, 4— 6mal 
innerhalb 24 Stunden den geschilderten geschlechtlichen Akt zu vollziehen. 
Meine Lebensweise ist sehr regelmässig. Alkohol und Tabak geniesse ich 
sehr massig. Ich spiele ziemlich gut Klavier und einige kleine Kompo- 
sitionen von mir haben viel Beifall gefunden. Vor Kurzem habe ich einen 
Roman beendigt, der, als Erstlingswerk, günstig in meinen Kreisen beurtheilt 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexnalis. 7. Aufl. 18 


274 Paraesthesia sexualis. 

wird. Derselbe hat mehrere Probleme aus dem Leben der Conträrsexualen zum 
Gegenstand. 

Bei der grossen Anzahl der mir persönlich bekannten Leidensgenossen 
war ich natürlich oft in der Lage, Betrachtungen über die verschiedenen Arten 
von Abnormitäten anzustellen, vielleicht ist Ihnen mit den nachfolgenden Mit- 
theilungen gedient. 

Das Abnormste, was ich kennen lernte, war die Gepflogenheit eines Herrn 
aus der Umgebung von Berlin. Is iuvenes sordidos pedes habentes aliis prae- 
fert, pedes eorum quasi furibundus lambit. Diesem ganz ähnlich verhält sich 
ein Herr in Leipzig, qui linguam in anum coeno iniquatum, quod ei gratis- 
simum est, immittere narratur. In Paris existirt ein Herr, welcher einen 
meiner Freunde nöthigte ut in 08 ei miugat. Verschiedene sollen, wie mir 
bestimmt versichert wird, durch den Anblick von Reiterstiefeln, von militäri- 
schen Uniformstücken in solche Ekstase gerathen, dass bei ihnen spontane 
Samenergüsse erfolgen. 

Bis zu welchem Grade Manche sich als Weib fühlen, was bei mir nicht 
der Fall ist, davon geben besonders in Wien zwei Persönlichkeiten ein Beispiel. 
Dieselben führen weibliche Namen; die eine ist ein Friseur, der sich die «fran- 
zösische Laura" nennt, die andere ist ein ehemaliger Metzger, der die 
, Selcher-Fanny " heißet. Beide versäumen im Fasching keine Gelegenheit, um 
als weibliche, stets sehr outrirte Masken sich zu zeigen. In Hamburg existirt 
eine Persönlichkeit, von welcher manche Leute glauben, dass sie ein Weib sei, 
weil sie in ihrer Wohnung stets weiblich gekleidet geht, nur hie und da das 
Haus, und zwar in ebensolcher Kleidung, verlaset Dieser Herr wollte sich 
sogar bei einer Taufe als Pathin ausgeben und erregte hierdurch einen riesigen 
Skandal. 

Weibliche Untugenden, Klatschsucht, Unzuverlässigkeit , Charakter- 
schwäche sind bei derartigen Individuen Regel. 

Es sind mir mehrere Fälle von perverser Geschlechtsrichtung bekannt, 
bei welchen Epilepsie und Psychosen vorhanden sind; auffallend oft bestehen 
Hernien. In der Praxis wendeten sich, da ich von Freunden empfohlen wurde, 
mehrere Personen mit Erkrankungen des Anus an mich. Ich sah zwei syphi- 
litische und einen localen Schanker, mehrere Fissuren und behandle gegen- 
wärtig einen Herrn mit spitzen Condylomen am Anus, welche eine fast faust- 
grosse, blumenkohlförmige Geschwulst bilden. Einen Fall von primärer Affection 
des weichen Gaumens sah ich in Wien bei einem jungen Mann, der als Frauen- 
zimmer verkleidet Maskenbälle besuchte und dort junge Männer abseits lockte. 
Er gab dann vor, die Periode zu haben, und brachte es so zu Wege, dass die 
Anderen ihn per os benutzten. Er soll auf diese Weise einmal 14 Leute ge- 
ködert haben an ein und demselben Abend. Da ich in keiner der mir zu 
Gesicht gekommenen, auf conträren Sexualismus bezüglichen Veröffentlichungen 
über den Verkehr der Päderasten unter einander etwas fand, so möchte ich 
Ihnen zum Schluss hierüber noch Einiges mittheilen. 

Sobald Conträrsexualisten mit einander bekannt werden, findet ein aus- 
führlicher Austausch ihrer bisherigen Erlebnisse, Liebschaften und Eroberungen 
statt, soweit eine solche Unterhaltung durch die gesellschaftlichen Unterschiede 
beider nicht ausgeschlossen ist. Nur in ganz wenigen Fällen unterblieb diese 
Unterhaltung mit neuen Bekannten. Untereinander bezeichnen sich die Con- 


Homosexuale oder Urninge. 275 

trärsexualisten als „Tanten", in Wien als „Schwestern", und zwei sehr männlich 
aussehende Wiener öffentliche Dirnen, die ich zufallig kennen lernte und die 
zu einander in conträrsexualer Beziehung standen, erzählten mir, dass für die 
entsprechende Erscheinung bei Weibern der Name „Onkel" gebräuchlich ist. 
Ich bin, seit ich mir meines abnormen Triebes bewusst bin, mit weit über 
tausend Gleichgearteten in Berührung getreten. Fast jede grössere Stadt besitzt 
irgend einen Versammlungsort, sowie einen sogenannten Strich. In kleineren 
Städten finden sich verhältnissmässig wenige „Tanten", doch fand ich in einem 
Städtchen von 2300 Einwohnern acht, in einem von 7000 Einwohnern achtzehn, 
von denen ich es ganz sicher wusste, ganz abgesehen von denen, die ich im 
Verdacht hatte. In meiner Vaterstadt von etwa 30 000 Einwohnern sind mir 
etwa 120 „Tanten" persönlich bekannt. Die meisten, ich speziell in höchstem 
Grade, besitzen die Fähigkeit, sofort einen Andern zu beurtheilen, ob er gleich- 
artig ist oder nicht, wie es in der „ Tantensprache " heisst, „vernünftig oder 
unvernünftig". Meine Bekannten erstaunten oft darüber, wie gross • die Sicher- 
heit meines Blickes hierfür ist. Scheinbar ganz männlich organisirte Individuen 
erkannte ich auf den ersten Blick als „Tanten". Andererseits besitze ich die 
Fähigkeit, dermassen männlich mich zu benehmen, dass in Kreisen, in welchen 
ich durch Bekannte empfohlen war, schon Zweifel an meiner „Echtheit" laut 
wurden. Wenn ich in der Laune dazu bin, kann ich mich vollständig wie ein 
Frauenzimmer benehmen. 

Da die meisten „Tanten", auch ich, ihre Abnormität keineswegs als 
Unglück empfinden, sondern bedauern würden, wenn dieser Zustand sich ändern 
würde, da ferner der angeborene Zustand nach meiner und aller Anderen 
Ueberzeugung nicht beeinflussbar ist, so geht unser ganzes Hoffen darauf hin, 
dass es zu einer Abänderung der bezüglichen Strafgesetzparagraphen kommen 
möge, in dem Sinne, dass nur Nothzucht oder Erregung öffentlichen Aerger- 
iiisses, wenn diese gleichzeitig zu constatiren sind, als straffällig erachtet 
werden sollen. 

Beobachtung 116. Conträre Sexualempfindung bei einem Weibe. S. J., 
38 Jahre, Gouvernante, suchte ärztlichen Rath bei mir wegen eines Nerven- 
leidens. Der Vater war vorübergehend geisteskrank und starb an einer Ge- 
hirnkrankheit. Patientin ist das einzige Kind, litt schon in frühen Jahren an Angst- 
gefühlen und quälenden Vorstellungen, z. B. dass sie im Sarge, nachdem dieser 
geschlossen, erwachen werde, dass sie bei der Beichte etwas vergessen, unwürdig 
communiciren könnte. Sie litt viel an Kopfschmerzen, war immer sehr erregt, 
schreckhaft, hatte aber gleichwohl einen Drang, aufregende Dinge, z. B. Leichen, 
zu sehen. 

Schon in den frühesten Kinderjahren war Patientin sexuell erregt und 
kam ohne alle Verführung zur Masturbation. Die Menses traten mit 14 Jahren 
ein, in der Folge jeweils von colikartigen Schmerzen, heftiger sexueller Er- 
regung, Migräne und geistiger Verstimmung begleitet. Ihren Drang zur Mastur- 
bation lernte Pat. vom 18. Jahre ab zu unterdrücken. 

Patientin hat niemals Neigung zu einer Person des anderen Geschlechts 
gefühlt. Wenn sie an Ehe dachte, so geschah dies nur, weil sie sich eine Ver- 
sorgung durch Heirath wünschte. Hingegen fühlte sie sich mächtig zu Mädchen 
hingezogen. Sie hielt solche Neigung Anfangs für Freundschaft, erkannte aber 


276 Paraesthesia sexualis. 

aus der Innigkeit, mit welcher sie an solchen Freundinnen hing, und aus der 
tiefen Sehnsucht, die sie fortwährend nach denselben empfand, dass diese Ge- 
fühle doch mehr als Freundschaft waren. 

Patientin findet es unbegreiflich, dass ein Mädchen einen Mann lieben 
könne, dagegen verstehe sie es wohl, dass dies einem Manne einem Mädchen 
gegenüber möglich sei. Für schöne Frauen und Mädchen habe sie sich stets 
lebhaft interessirt, sei durch deren Anblick mächtig erregt worden. Ihre Sehn- 
sucht sei immer gewesen, solche liebe Geschöpfe zu küssen und zu umarmen. 
Geträumt habe sie nie vom Manne, sondern nur von Mädchen. Im Genuss des 
Anblicks solcher zu schwelgen, sei ihr Wonne gewesen. Die Trennung von 
solchen „Freundinnen" habe sie jeweils desperat gemacht. 

Patientin, deren äussere Erscheinung eine durchaus weibliche und höchst 
decente ist, will sich nie in einer besonderen Rolle Freundinnen gegenüber ge- 
fühlt haben, auch nicht in beseligenden Träumen. Weibliches Becken, grosse 
Mammae, keine Andeutung von Bart im Gesicht. 

Beobachtung 117. Frau R., Russin, 85 Jahre, den höheren Ständen 
angehörig, wurde mir 1886 behufs Consultation von ihrem Manne zugeführt. 

Vater war Arzt und sehr neuropathisch. Vatersvater war gesund, normal 
und erreichte ein Alter von 96 Jahren. Ueber die Mutter des Vaters fehlen 
Notizen. Die Geschwister des Vaters sollen sämmÜich nervös sein. Die Mutter 
•der Patientin war nervenkrank, litt an Asthma. Deren Eltern waren ganz 
gesund. Die Schwester der Mutter litt an Melancholie. 

Patientin litt schon seit dem 10. Jahre an habituellem Kopfschmerz, 
machte ausser Masern keine Krankheiten durch, war begabt, genoss die beste 
Erziehung, hatte besonderes Talent für Musik und Sprachen, war genöthigt, 
sich als Gouvernante auszubilden, war übermässig in den Entwicklungsjahren 
geistig angestrengt, machte im 17. Jahre eine mehrmonatliche Melancholia 
sine delirio durch. Patientin versichert, dass sie von jeher nur Sympathie für 
Personen des eigenen Geschlechts hatte und an Männern höchstens ein ästheti- 
sches Interesse fand. Sinn für weibliche Arbeit habe sie nie gehabt. Als kleines 
Mädchen habe sie sich am liebsten mit Knaben herumgetummelt. 

Patientin will gesund geblieben sein bis zum 27. Jahre. Da wurde sie 
ohne äussere Ursache gemüthskrank — hielt sich für eine schlechte Person 
voll Sünden, hatte an nichts mehr Freude, war schlaflos. Während dieser 
Krankheitszeit war sie überdies von Zwangsvorstellungen geplagt, sich den 
Tod, ihr eigenes Sterben und das ihrer Angehörigen vorstellen zu müssen. 
Genesung nach etwa 5 Monaten. Sie wurde nun Gouvernante, war sehr an- 
gestrengt, bis auf zeitweise neurasthenische Beschwerden, Spinalirritation gesund. 

Mit 28 Jahren machte sie die Bekanntschaft einer 5 Jahre jüngeren 
Dame. Sie verliebte sich in dieselbe, fand Gegenliebe. Die Liebe war eine 
sehr sinnliche, wurde in mutueller Onanie befriedigt. „Ich habe sie abgöttisch 
geliebt — sie ist ein so edles Wesen/ meint Patientin, als sie auf dieses Liebes- 
bündniss zu sprechen kommt, das 4 Jahre währte und mit der (unglücklichen) 
Heirath dieser Freundin sein Ende fand. 

1885 nach vielen Gemüthsbewegungen erkrankte Patientin unter dem 
Bild einer Hysteroneurasthenie (Dyspepsia gastrica, Spinalirritation, starr- 
krampfartige Anfälle, solche von Hemiopie mit Migräne, Anfälle von trän- 


Homosexuale oder Urninge. 277 

sftorischer Aphasie, Pruritus pudendi et ani). Im Februar 1886 traten diese 
Symptome zurück. 

Im März lernte Patientin ihren jetzigen Mann kennen und heirathete 
ihn ohne langes Besinnen, da er reich, ihr sehr zugethan und sein Charakter 
ihr sympathisch war. 

Am 6. April las sie eines Tages die Phrase: „Der Tod verschont Nie- 
mand 1 . Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kehrten die früheren Todeszwangs- 
vorstellungen wieder. Sie musste sich die schrecklichsten Todesarten für sich 
und ihre Umgebung ausdenken, beständig Sterbescenen sich vorstellen, verlor 
Rohe und Schlaf, hatte an nichts mehr Freude. Der Zustand besserte sich. Sie 
heirathete Ende Mai 1886, war aber damals noch von peinlichen Gedanken 
geplagt, dass sie dem Mann und ihrer Freundschaft Unheil bringe. 

Am 6. Juni 1886 erster Coitus. Sie war davon moralisch tief deprimirt. 
So hatte sie sich die Ehe nicht gedacht! Anfangs war sie von heftigem 
Taedium vitae geplagt. Der Mann, welcher seine Frau aufrichtig liebte, that 
sein Möglichstes, um sie zu beruhigen. Consultirte Aerzte meinten, wenn 
Patientin gravid werde, sei alles gut! Der Mann konnte sich das räthselhafbe 
Benehmen seiner Frau nicht erklären. Sie war freundlich gegen ihn, duldete 
seine Liebkosungen, verhielt sich beim Coitus, dem sie thunlich auswich, ganz 
passiv, war nach dem Akt tagelang matt, erschöpft, von Spinalirritation ge- 
plagt, nervös. 

Eine Reise des Ehepaars führte ein Wiedersehen der Freundin herbei, 
die in unglücklicher Ehe seit 3 Jahren lebt. Die beiden Damen zitterten vor 
Wonne und Erregung, als sie sich in die Arme sanken, waren von nun an 
unzertrennlich. Der Mann fand, dass dieses Freundschaftsverhältniss doch ein 
eigentümliches sei und beschleunigte die Abreise. Gelegentlich überzeugte er 
sich durch die Correspondenz seiner Frau mit dieser „Freundin", dass der 
Briefwechsel genau dem zweier Liebenden entsprach. 

Frau R wurde schwanger. In der Gravidität schwanden die Reste psy- 
chischer Depression und die Zwangsvorstellungen. Mitte September Abortus 
etwa in der 9. Woche der Gravidität. Im Anschluss daran neuerlich Er- 
scheinungen von Hysteroneurasthenie. Ueberdies Anteflexio et Lateropositio 
dextra uteri. Anaemia. Atonia ventriculi. 

Patientin machte bei der Consultation den Eindruck einer höchst be- 
lasteten neuropathuchen Persönlichkeit. Unverkennbar war der neuropathische 
Ausdruck des Auges. Habitus durchaus weiblich. Ausser sehr schmalem 
steilem Gaumen keine Skeletabnormität. Patientin entschloss sich schwer zu 
Mittheilungen über ihre sexuelle Abnormität. Sie klagte, dass sie geheirathet 
habe, ohne zu wissen, was die Ehe zwischen Mann und Weib sei. Sie liebe 
ja ihren Gemahl herzlich ob seiner geistigen Vorzüge, aber der eheliche Um- 
gang sei ihr eine Pein, sie leiste ihn widerwillig, ohne jemals eine Befriedi- 
gung davon zu empfinden. Post actum sei sie tagelang ganz matt und er- 
schöpft. Seit dem Abortus und dem Verbot des Arztes, ehelichen Umgang 
zu pflegen, gehe es ibr besser, aber die Zukunft sei ihr schrecklich. Sie achte 
ihren Mann, liebe ihn geistig, möchte alles für ihn thun, wenn er sie nur 
sexuell künftig schone. Sie hoffe, dass mit der Zeit sie auch sinnlich für ihn 
fühlen könne. Wenn er Violine spiele, komme es ihr oft vor, als ob eine 
Empfindung in ihr auftauche, die mehr als Freundschaft sei, aber das sei nur 


278 Paraesthesia sexualis. 

eine flüchtige Empfindung, in welcher sie keine Gewähr für die Zukunft er- 
blicke. Ihr höchstes Glück sei die Correspondenz mit der früheren Geliebten. 
Sie fühle, dass dies unrecht sei, aber sie könne davon nicht lassen, sonst fühle 
sie sich namenlos elend. 

Bemerkenswerth ist der Umstand, dass die Anomalie sich auf 
blosse Verkehrung der Sexualempfindung lange beschränken kann 
und dass der Drang zu perverser Befriedigung erst durch eine 
Gelegenheitsursache, z. B. Verführung, oder durch eine eingetretene 
Neurose sich geltend macht. Derartige Fälle können leicht mit 
solchen von erworbener krankhafter conträrer Sexualempfindung 
(s. o.) verwechselt werden, wenn sie nicht anamnestisch als ori- 
ginär und angeboren in Bezug auf die Sexualempfindung nachweis- 
bar sind. 

Beobachtung 118. Frau C, 32 Jahre alt, Beamtensgattin, eine grosse, 
nicht unschöne, durchaus weibliche Erscheinung, stammt von neuropathischer, 
sehr aufgeregter Mutter. Ein Öruder war psychopathisch und ging durch 
Potue zu Grunde. Patientin war von jeher sonderbar, starrköpfig, verschlossen, 
jähzornig, excentrisch. Auch ihre Geschwister sind aufgeregte Leute. In der 
Familie ist mehrfach Phthisis pulm. vorgekommen. Schon als 13jähriges 
Mädchen machte Patientin, neben Zeichen grosser sexueller Erregbarkeit, sich 
durch schwärmerische Liebe zu einer Altersgenossin auffällig. Die Erziehung 
war streng, jedoch las Patientin heimlich viel Romane und machte massenhaft 
Gedichte. Mit 18 Jahren heirathete sie, um aus unbehaglichen Verhältnissen 
des elterlichen Hauses loszukommen. 

Von jeher will sie ganz gleichgültig gegen Männer gewesen sein. That- 
sächlich mied sie Bälle. Weibliche Statuen erregten ihr Wohlgefallen. Das 
Höchste sei ihr immer der Gedanke gewesen, mit einem geliebten Weib ehelich 
verbunden zu werden. Ihrer sexuellen Eigenart will sie sich bis zur Eingehung 
der Ehe nicht bewusst gewesen sein. Unerklärlich sei ihr die Sache allerdings 
immer gewesen. Patientin unterzog sich der ehelichen Pflicht, gebar 3 Kinder* 
von denen zwei an Convulsionen litten, lebte friedlich mit dem Mann, den sie 
aber nur seiner moralischen Eigenschaften wegen achtete. Dem Coitus ging 
sie gern aus dem Wege'. „Ich hätte lieber mit einem Weibe verkehrt.* 

Patientin war bis 1878 neurasthenisch geworden. Anlässlich eines Bade- 
aufenthalts lernte sie einen weiblichen Urning kennen, dessen Krankengeschichte 
ich im Irrenfreund 1884, Nr. 1 als Beobachtung 6 veröffentlicht habe. 

Patientin kehrte wie umgewechselt zur Familie heim. Der Mann be- 
richtet: „Sie war nicht mehr mein Weib, hatte keine Liebe mehr zu mir und 
den Kindern und wollte von ehelichen Annäherungen nichts mehr wissen.* 
Sie entbrannte in brünstiger Liebe zur „Freundin", hatte ftlr nichts Anderes 
mehr Sinn. Nachdem der Mann der Dame das Haus verboten, gab es Brief- 
wechsel mit Stellen wie : „Mein Täubchen, ich lebe ja nur für Dich , meine 
Seele*, Rendez- vous, schreckliche Aufregung, wenn ein erwarteter Brief aus- 
blieb. Das Verhältniss war kein platonisches. Aus einzelnen Andeutungen 
lässt sich vermuthen, dass mutuelle Onanie das Mittel der sinnlichen Be- 


Effeminatio und Viraginität. 279 

friedigung war. Dieses Liebesverhältnis dauerte bis 1882 und machte Patientin 
in hohem Grade neurasthenisch. 

Da Patientin ihr Hauswesen gründlich vernachlässigte, nahm der Mann 
eine 60jährige Dame als Haushälterin an, ausserdem eine Gouvernante für die 
Kinder. Patientin verliebte sich in die Beiden, die wenigstens Liebkosungen 
sich gefallen Hessen und von der Liebe der Herrin materiell profitirten. 

Ende 1888 musste Patientin sich entwickelnder Tuberculosis pulm. wegen 
nach dem Süden reisen. Dort lernte sie eine 40jährige Russin kennen, ver- 
liebte sich sterblich in dieselbe, fand aber keine Gegenliebe nach ihrem Sinne. 
Eines Tages brach Irrsinn bei der Kranken aus — sie hielt die Russin für eine 
Nihilistin, glaubte sich von ihr magnetisirt, bot förmliches Verfolgungsdelir, 
entfloh, wurde in einer Stadt Italiens aufgegriffen, ins Spital gebracht, be- 
ruhigte sich bald wieder, verfolgte neuerdings die Dame mit ihrer Liebe, fühlte 
eich namenlos unglücklich, plante Selbstmord. 

Heimgekehrt war sie tief verstimmt, ihre Russin nicht zu besitzen, kalt 
und abstossend gegen die Angehörigen; Ende Mai 1884 setzte ein deliranter 
erotischer Aufregungszustand ein. Sie tanzte, jubelte, erklärte sich für männ- 
lichen Geschlechts, verlangte nach ihren früheren Geliebten, behauptete, aus 
kaiserlichem Hause zu sein, entwich in Männerkleidung aus dem Hause, wurde 
in manisch-erotischer Erregung der Irrenanstalt zugeführt. Der Exaltations- 
zustand schwand nach einigen Tagen. Patientin wurde ruhig, deprimirt, machte 
einen verzweifelten Selbstmordversuch, war in der Folge tief schmerzlich, mit 
Taedium vitae behaftet; die conträre Sexualempfindung trat immer mehr zurück, 
die Tuberculose machte Fortschritte. Patientin starb phthisisch Anfang 1885. 

Die Section des Gehirns bot hinsichtlich des Baustils und der Windungs- 
anordnung nichts Auffalliges. Gehirngewicht 1150. Schädel leicht asymmetrisch. 
Keine anatomischen Degenerationszeichen. Innere und äussere Genitalien ohne 
Anomalie. 

3) Effeminatio und Viraginität. 

Zu dieser Stufe finden sich mehrfache Uebergänge aus der 
vorigen, charakterisirt durch das Mass, in welchem die psychische 
Persönlichkeit, speciell ihre gesammte Gefühlsweise und ihre Nei- 
gungen, von der abnormen geschlechtlichen Empfindungsweise be- 
einflusst sind. Ausgebildete männliche Fälle der 3. Gruppe fühlen 
sich weiblich dem Manne gegenüber, Weiber in der Bolle des 
Mannes dem Weib gegenüber. Diese Abnormität in der Gefühls- 
weise und in der charakterologischen Entwicklung zeigt sich viel- 
fach schon in den Einderjahren. Der Knabe liebt es, in Gesell- 
schaft kleiner Mädchen zu verweilen, mit Puppen zu spielen, der 
Mama in der Besorgung der Hausgeschäfte zu helfen ; er schwärmt 
für Kochen, Nahen, Sticken, entwickelt Geschmack in der Auswahl 
von weiblichen Toiletten, so dass er sogar darin der Rathgeber 
seiner Schwestern werden kann. Herangewachsen verschmäht er 


280 Paraesthesia sexualis. 

Rauchen, Trinken, männlichen Sport, findet dagegen Gefallen an 
Putz, Schmuck, Kunst, Belletristik u. s. w., bis zur Schöngeisterei. 
Insofern das Weib derartige Richtungen vertritt, zieht er es vor, 
in Damengesellschaft zu verkehren. 

Kann er bei einer Maskerade in weiblicher Rolle erscheinen, 
so ist dies seine höchste Lust. Dem Geliebten sucht er zu ge- 
fallen, indem er so zu sagen instinktiv das zu bieten anstrebt, was 
dem weibliebenden Manne am anderen Geschlecht gefallt — Züch- 
tigkeit, Anmuth, Sinn für Aesthetik, Poesie u. s. w. Vielfach 
zeigen sich auch Bestrebungen, in Gang, Haltung, Zuschnitt der 
Kleider sich der weiblichen Erscheinung zu nähern. 

Das Gegenstück stellt schon als kleines Mädchen der weib- 
liche Urning dar. Sein Lieblingsort ist der Tummelplatz der 
Knaben. In ihren Spielen sucht er mit ihnen zu rivalisiren. Von 
Puppen will das Mädchen nichts wissen, seine Passion ist das 
Steckenpferd, das Soldaten- und Räuberspielen. Zu weiblichen 
Arbeiten zeigt es nicht bloss Unlust, sondern vielfach geradezu 
Ungeschick. Die Toilette wird vernachlässigt, in einem derben, 
burschikosen Wesen Gefallen gefunden. Statt zu Künsten, zeigt 
sich Sinn und Neigung für Wissenschaften. Gelegentlich wird ein 
Anlauf genommen, im Rauchen und Trinken sich zu versuchen. 
Parfüms und Näschereien werden verabscheut. Schmerzliche Re- 
flexionen ruft das Bewusstsein hervor, als Weib geboren zu sein 
und der Universität mit ihrem flotten Leben und dem Militärstand 
ferne bleiben zu müssen. 

In amazonenhaften Neigungen zu männlichem Sport gibt sich 
die männliche Seele im weiblichen Busen kund, nicht minder in 
Kundgebungen von Muth und männlicher Gesinnung. Der weib- 
liche Urning liebt es, Haar und Zuschnitt der Kleidung männlich 
zu tragen, und seine höchste Lust wäre und ist es, gelegentlich in 
männlicher Kleidung zu erscheinen. Seine Ideale sind durch Geist 
und Thatkraft hervorragende weibliche Persönlichkeiten der Ge- 
schichte und der Gegenwart. 

Was die sexuellen Gefühle und Triebe dieser auch im ganzen 
psychischen Wesen mitbetroffenen Urninge betrifft, so fühlen sie 
sich, wenn Männer, ausnahmslos in weiblicher Rolle dem Mann 
gegenüber, wenn Weiber, dem Weib gegenüber, als Mann. Sie 
fühlen sich demgemäss abgestossen von gleichgearteten Personen 
des eigenen Geschlechts, da diese ja ihre Goncurrenten sind, da- 
gegen hingezogen zu einfach Homosexualen oder sexuell Normalen 


Effeminatio und Viraginität. 281 

ihres eigenen Geschlechts. Dieselbe Eifersucht, welche im normalen 
sexuellen Leben vorkommt, findet sich auch hier, wenn ihrer Liebe 
Concurrenz droht, ja, da sie sexuell meist hyperästhetisch sind, ist 
diese Eifersucht oft eine gränzenlose. 

Bei vollkommen entwickelter conträrer Sexualität erscheint 
heterosexuale Liebe als eine ganz unverständliche Sache, ein 
sexueller Verkehr mit einer Person des anderen Geschlechts un- 
denkbar, unmöglich. Ein bezüglicher Versuch scheitert an der eine 
Erection unmöglich machenden Hemmungsvorstellung des Ekels, 
selbst Grausens. Nur 2 Uebergangsfälle zur 3. Kategorie aus meiner 
Casuistik vermochten unter Zuhülfenahme ihrer Phantasie, indem 
sie sich das betreffende Weib als Mann dachten, zeitweise zu coha- 
bitiren, aber der für sie inadäquate Akt war ihnen ein grosses Opfer 
und ohne jeglichen Genuss. 

Im homosexualen Verkehr fühlt sich der Mann beim Akt 
immer als Weib, das Weib als Mann. Die Praktiken des Mannes 
sind bei reizbarer Schwäche des Ejaculationscentrums einfach Suc- 
cubus oder Coitus passiv inter femora, andernfalls passive Mastur- 
bation oder ejaculatio viri dilecti in ore. Manche sehnen sich nach 
passiver Päderastie. Gelegentlich kommt Wunsch nach aktiver vor. 
In einem bezüglichen Versuche stand der Mann davon ab, weil ihn 
Ekel bei dem ihn an Coitus erinnernden Akt erfasste. 

Nie bestand Inclination zu unreifenPersonen (Knaben- 
liebe!). In nicht seltenen Fällen blieb es bei platonischen Neigungen. 
Die sexuelle Befriedigung des Weibes dürfte Amor lesbicus oder 
aktive Masturbation sein. 

Beobachtung 119. Autobiographie. » I. Abstammung: Ich stehe 
jetzt in meinem 23. Lebensjahre; als Beruf habe ich mir das Studium der 
Technik erwählt, woran ich vollkommene Befriedigung finde. Ich habe nur 
leichte Einderkrankheiten durchgemacht, während meine zwei Geschwister, die 
jetzt völlig gesund sind, schwere zu überstehen hatten. Meine Eltern leben 
beide und gehört mein Vater dem Advokatenstande an. Er wie meine Mutter 
ist, wie man zu sagen pflegt, stark nervös Überreizt. Mein Vater besass zwei 
Geschwister, die aber jung starben. 

II. Meine Person selbst: Was nun zunächst meine körperlichen 
Eigenschaften angeht, so bin ich von robuster Figur, ohne besonders hübsch 
gebaut zu sein ; Augen grau, Haare blond. Behaarung und Bart dem Geschlecht 
und Alter entsprechend. Brustdrüsen und Geschlechtswerkzeuge sind normal 
entwickelt. Der Gang ist fest, fast schwerfällig, die Haltung nachlässig. Auf- 
fallend ist, dass die Breite des Beckens derjenigen der Schultern völlig 
gleich ist. 

Von Natur bin ich geistig gut beanlagt. Sogar „ vorzüglich * sind 


282 Paraesthesia sexualis. 

meine Anlagen in einem meiner Zeugnisse genannt. Mein Examina bestand 
ich, ohne mich dessen rühmen zu wollen, mit Auszeichnung und besitze ich 
Interesse für Allee, was das Wohlergehen der Menschheit angeht, für Wissen- 
schaften, Kunst, Industrie. Meiner Energie wird es verhältnissmässig leicht, 
die Befriedigung meiner Bedürfnisse, die weiter unten zu beschreiben sind, auf 
eine gelegene Zeit zu verschieben. Ich verdamme mit Absicht und Bewusstsein 
die heutige Moral, die geschlechtlich Abnormale zu Vergehen gegen willkür- 
liche Gesetze zwingt und halte geschlechtlichen Umgang zweier Personen des- 
selben Geschlechts für in das Belieben des Einzelnen gestellt, ohne dass Ge- 
setzgeber ein Recht auf Einspruch hätten. Aus meinen Studien habe ich die 
ernstesten Anregungen empfangen, auf Grund darwinietischer Anschauungen 
nach Carneri'8 Vorgang eine Moral aufzubauen, die zwar nicht mit der heutigen 
übereinstimmt, aber den Menschen zu erheben und im Sinne der Naturgesetze 
zu veredeln vermöchte. 

Von Belastungszeichen dürfte sich bei mir nicht viel finden. Eine gewisse 
Ueberreiztheit ist vorhanden. Wichtig wäre vielleicht ein äusserst intensives 
Traumleben, das sich im Allgemeinen mit gleichgültigen Dingen beschäftigt, 
niemals sogenannte wollüstige Bilder zum Sujet hat, höchstens sich mit weib- 
licher . Kleidung und dem Anziehen derselben — was für mich allerdings ein 
Wollustgedanke ist — beschäftigt. Mitunter, namentlich bis zu meinem 
16. Lebensjahre, steigerte es sich zum öftern bis zum Somnambulismus, oder 
sehr häufig, wie auch jetzt noch, zum lauten Reden im Schlaf. 

Meine Neigungen: Die oben erwähnte abnormale Neigung ist das 
Grundprincip in meinem geschlechtlichen Fühlen. Habe ich mich weiblich ge- 
kleidet, so fühle ich volle Befriedigung. Eine eigentümliche Ruhe und Wohl- 
behagen überkommen mich, die mir erlauben, eine leichtere geistige Thätigkeit 
dabei vorzunehmen. Meine Libido auf Ausübung geschlechtlichen Verkehrs ist 
äusserst gering. Auch für die weiblichen Handarbeiten habe ich viel Sinn und 
Geschmack und habe ich mir Häkeln und Sticken ohne irgend welche Anleitung 
anzueignen gewusst und betreibe ich diese Fertigkeiten im Geheimen gern. 
Auch andere weibliche Arbeiten, wie Nähen etc., besorge ich sehr gern, so dass 
ich sogar zu Hause, wo ich meine Neigung völlig verborgen halte und mich 
vor Ausübung derselben hüte, dennoch durch unwillkürliche Betätigungen das 
Lob, ein gutes Stubenmädchen abzugeben, öfters erwarb, ein Lob, dessen ich 
mich durchaus nicht schämte, das mich im Gegentheil mit heimlichem Stolze 
erfüllte. Aus dem Tanzen mit Frauen mache ich mir gar nichts, nur mit meinen 
Schulkameraden tanzte ich gern, wozu mir unser so eingerichteter Tanzunterricht 
Gelegenheit gab; doch war es nur dann ein Genuas, wenn ich dabei als Dame 
tanzen durfte. — Eine Menge von anderen Begierden und Träumereien, die 
etwas Typisches zu besitzen scheinen, da sie den in der Psychopathia sexualis 
mitgeth eilten täuschend ähnlich sehen, z. B. den Katafalkphantasien jenes 
jungen Offiziers, Balleteusenkleidung etc., übergehe ich .... Im Uebrigen unter- 
scheiden sich meine Neigungen nicht sonderlich von denen meines Geschlechts. 
Ich rauche und trinke massig, liebe Süssigkeiten sehr und mache mir nichts 
aus Leibesübungen. 

in.Entwickelungsgeschichte: Nach dieser kurzen Schilderung meiner 
Persönlichkeit kann ich dazu Übergehen, eine entwickelungsgeschichtliche Analyse 
meines abnormalen Wesens zu geben. Sobald ich einigermassen selbstständig 


Effeminatio und Viraginität. 283 

denken konnte und ich mich mit dem Unterschied der Geschlechter befasste, 
war es mein geheimer und fester Wunsch, ein Mädchen zu sein. Ich glaubte 
sogar ein solches zu sein. Aber als ich gelegentlich des Badens bei anderen 
Knaben dieselben Geschlechtstheile sah, wurde mir die Unmöglichkeit meines 
Gedankens klar. Ich reducirte meine Wünsche nun und hoffte wenigstens, ein 
Hermaphrodit zu sein. Und da ich eine gewisse Scheu besass, Abbildungen 
oder Beschreibungen von Geschlechtstheilen näher anzusehen, so bestand diese 
Hoffnung, obwohl ich reichlich Gelegenheit hatte, solche Schriften in die Hand 
zu nehmen, so lange, bis mich mein Studium zwang, mich mit dieser Sache 
näher zu beschäftigen. Während dieser Zeit las ich Alles, was ich über Zwitter 
erfahren konnte, sehnte mich, wenn, wie Zeitungen manchmal berichteten, eine 
Person weiblichen Geschlechts bisher männlich erzogen war und durch einen 
Zufall ihrem Geschlecht wieder zugeführt wurde, an deren Stelle. Meine er- 
kannte Männlichkeit machte diesen Träumen ein Ende und erfüllte mich mit 
gar nicht besonderer Freude. Ich versuchte durch allmählichen Druck meine 
Geschlechtsdrüsen zu vernichten, doch Hessen mich die Schmerzen bald davon 
abstehen. Nach äusseren Abzeichen des weiblichen Geschlechts geht auch jetzt 
noch meine Sehnsucht: nach einem hübschen Zopf, einer runden Brust, einer 
schlanken Taille. 

Mit dem 12. Jahre bot sich mir zum ersten Male Gelegenheit, weibliche 
Kleidung anzulegen, und bald kam ich Abends darauf, das Bettzeug, Laken etc. 
nach Art weiblicher Röcke zu drapiren. Später als ich älter wurde, war es 
meine höchste Wonne, meiner Schwestern Kleider heimlich, wenn auch für 
wenige Minuten, unter steter Gefahr der Entdeckung, mir anzulegen. Zu meiner 
Freude durfte ich später einmal eine Frauenrolle bei einer Liebhaberaufführung 
übernehmen und soll ich dabei meine Parthie nicht übel durchgeführt haben. 
Seitdem ich als Student ein selbstständiges Leben führe, habe ich mir sofort 
weibliche Kleidung und Wäsche beschafft, die ich selbst in Ordnung halte. 
Wenn ich mir dann Abends — vor Entdeckung sicher — ein Stück nach dem 
anderen, vom Corsett bis zur Schürze und Armband, anlegen kann, bin ich 
völlig zufrieden und gebe mich einer ruhigen Thätigkeit innerlich vergnügt 
und schaffensfreudig hin. — Beim Bekleiden pflegt sich zunächst eine Erection 
einzustellen, die aber nie eine Ejaculation zur Folge hat, sondern sich bald 
wieder gibt. Auch äusserlich versuche ich dann, mich noch weiter dem weib- 
lichen Geschlechte zu nähern durch passendes Frisiren des Haares und Ent- 
fernen des Bartes, den ich auch am liebsten ausgerissen hätte. 

IV. Geschlechtliche Neigungen: Wenn ich nun dazu übergehen 
soll, meine eigenen geschlechtlichen Neigungen zu schildern, so möchte ich 
zunächst im Allgemeinen darauf hinweisen, dass meine Geschlechtsreife 
normal eintrat, was ich aus den PoDutionen, Stimmwechsel etc. schliesse. Die 
Pollutionen finden auch jetzt noch regelmässig statt, alle 3 Wochen, selten 
öfter. Niemals empfinde ich bei denselben ein Wollustgefühl. Onanie habe 
ich niemals getrieben; ich kannte bis vor Kurzem von der Sache nur den 
Namen, habe mich erst durch die directe Erkundigung darüber orientiren müssen, 
um selbst darüber klar zu werden. Ueberhaupt ist mir jede Berührung des 
erigirten Gliedes peinlich und schmerzlich, ohne irgend ein Wollustgeftthl. 

Bern Weibe gegenüber benahm ich mich früher sehr schüchtern, jetzt 
ruhig, wie Gleiche mit Gleichen verkehren. Eine directe Erregung durch ein 


284 Paraesthesia sexualis. 

Weib in geschlechtlichem Sinne fand selten statt, aber wenn ich scharf zu 
analysiren versuche, so kommt es mir vor, als sei es nie ihre Person, als viel- 
mehr allein ihre Kleidung gewesen. Ich verliebte mich in ihre Kleidung 
und der Gedanke, selbst solche zu tragen, war mir himmlisch. Also geschlecht- 
liche Erregung fand nie, auch nicht in Bordellen, wohin ich von Freunden mit- 
geschleppt wurde, trotz der Zuschaustellung der denkbar möglichsten Ueppig- 
keit, auch Schönheit, statt. Aber freundschaftliche Gefühle erregten mein Hers 
für das weibliche Geschlecht. Ich malte es mir aus, wenn ich als Weib ver- 
kleidet unerkannt bei ihnen weilen und mit ihnen verkehren könnte, mit ihnen 
mich freuen könnte. Am ehesten Eindruck machen Mädchen auf mich, deren 
Brust noch nicht Übermässig entwickelt ist, besonders solche, die kurze Haare 
tragen, da solche mir und meiner Anschauung am nächsten stehen. Einmal 
glückte es mir, ein Mädchen zu finden, das sich in seinem Geschlechte unglück- 
lich fühlte. Wir schlössen einen festen Freundschaftsbund mit einander und 
ergötzten uns oft an der Vorstellung, wenn wir beide unsere Lagen gegen 
einander austauschen könnten. Vielleicht ist es nicht unpassend und für die 
Charakteristik unwichtig, wenn ich folgendes noch mittheile: Als vor einigen 
Monaten die Geschichte einer ungarischen Gräfin durch die Zeitungen ging, 
die als Mann verkleidet geheirathet hatte, sich als Mann fühlte, da dachte ich 
allen Ernstes daran, mich ihr anzutragen, um so eine umgekehrte Ehe zu 
schliessen — ich als Weib, sie als Mann .... Beischlaf habe ich nie versucht, 
auch nie Sehnsucht darnach empfunden. Doch nahm ich mir vor, da ich vor- 
aussah, dass mir die nöthige Erection bei einem Weibe fehlen würde, dann 
einige Kleidungsstücke desselben mir anzulegen und meine, dass dann sicher 
der erwartete Erfolg eingetreten sein würde. 

Was mein Benehmen männlichen Personen gegenüber betrifft, so 
ist vor Allem hervorzuheben, dass ich während meiner Schulzeit die innigsten 
Freundschafben pflegte. Mein Herz war glücklich, wenn es dem Angebeteten 
einen kleinen Dienst erweisen konnte. Ich betete ihn wirklich mit Inbrunst 
an. Aber andererseits bereitete ich ihm beim geringsten Anlass die fürchter- 
lichsten Eifersuchtsscenen. Während der Dauer der Feindschaft war mir zu 
Muthe, als könnte ich nicht leben und nicht sterben. Fand die Versöhnung 
statt, so war ich wieder für kurze Zeit der glücklichste Mensch. Auch Knaben 
suchte ich mir zu Freunden zu machen, die ich hätschelte, mit allerlei Süasig- 
keiten beschenkte und die ich gern geküsst hätte. — Obwohl nun meine 
Liebe stets platonisch blieb, so war es doch eine abnormale. Ein Ausspruch, 
den ich damals unbewusst über einen angebeteten älteren Freund that, beweist 
das : Ich hätte ihn so lieb, sagte ich, dass ich ihn am liebsten heirathen möchte. — 
Auch jetzt noch, wo ich wenig Verkehr pflege, bin ich leicht vernarrt in eine 
schöne männliche Gestalt, mit feinem Bart und klugen Zügen. Doch habe ich 
niemals eine mir gleich gestimmte Seele gefunden, der ich mich völlig ent- 
decken könnte, um als Freundin bei ihm zu sein. Niemals versuchte ich meine 
Neigungen direct zu bethätigen oder irgend eine Unklugheit in dieser Be- 
ziehung zu begehen. Den Besuch von Museen, wo nackte männliche Körper 
aufgestellt waren, unterliess ich schliesslich, da mich meine sich dann sicher 
einstellenden Erectionen im höchsten Grade belästigten. — Nach gemeinschaft- 
lichem Schlafe mit einem Manne hatte ich mich manchmal im Stillen gesehnt, 
und fand auch Gelegenheit. Ich wurde von einem älteren, mir ziemlich un- 


Effeminatio und Yiraginität. 285 

sympathischen Manne dazu aufgefordert. Cum eo concubui, ille genitalia 
mea tetigit, und trotzdem seine Person mir unsympathisch war, erfüllte mich 
ein höchstes Wonnegefühl. Ich empfand mich als ihm völlig hingegeben, mit 
einem Wort, ich empfand als Weib. 

Darf ich dem Gesagten noch eine Schlussbemerkung anhängen, so möchte 
ich ausdrücklich bemerken, dass ich, obwohl mir meine abnormalen Neigungen 
bewusst sind, doch keine Aenderung derselben möchte. Ich habe nur Sehn- 
sucht nach einer Zeit, wo ich bequemer und mit weniger Entdeckungsgefahr den- 
selben nachgehen kann, um mir eine Freude zu bereiten, die Niemand schadet. 

Beobachtung 120. Frl. Z., 31 Jahre, Künstlerin, kommt wegen neur- 
asthenischer Beschwerden in die Sprechstunde. Sie erscheint auffallig durch 
grobe, mehr männliche Gesichtszüge, tiefe Stimme, kurzgeschnittenes Haar, 
Kleidung von mehr männlichem Zuschnitt, männliche Gehweise und selbst- 
bewusstes Auftreten. Im Uebrigen ist sie durchaus Weib, mit ziemlich ent- 
wickelten Mammae, weiblichem Becken und ohne Behaarung im Gesicht. 

Ausforschung bezüglich conträrer Sexualempfindung ergibt ein positives 
Resultat. 

Patientin erzählt, dass sie schon als kleines Kind am liebsten mit Knaben 
spielte und zwar „Soldaten", ferner „Kaufmann", „Räuber". Sie will sehr 
wild und ausgelassen bei diesen Knabenspielen gewesen sein, nie aber Sinn für 
Puppen, weibliche Handarbeiten gehabt haben, von denen sie nur das Gewöhn- 
lichste (Stricken, Nähen) erlernte. 

In der Schule habe sie gute Fortschritte gemacht, sich besonders für 
Mathematik und Chemie interessirt. Früh erwachte in ihr der Drang zur 
bildenden Kunst, zu welcher sie auch Begabung zeigte. Ihr höchstes Ziel 
war, eine bedeutende Künstlerin zu werden. Nie dachte sie in ihren Zukunfts- 
träumen an ein eheliches Verhältniss. Als Künstlerin interessirte sie sich für 
schöne Menschen, aber nur Frauengestalten zogen sie eigentlich an, Männer- 
gestalten besah sie sich immer „nur aus der Ferne". Sie konnte „ Flittertand * 
nicht leiden, es gefiel ihr immer nur „Mannbares". Der gewöhnliche Verkehr 
mit Mädchen war ihr zuwider, weil deren Gespräche über Toiletten, Putz, 
Männerliebschaften u. dgl. ihr höchst fad und langweilig vorkamen. Dagegen 
hatte sie schon seit ihrer Kindheit schwärmerische Freundschaftsverhältnisse 
mit einzelnen Mädchen, schwärmte mit 10 Jahren für eine Schulkameradin, 
schrieb deren Namen überall hin. Seither hatte sie zahlreiche Freundinnen, 
mit denen sie sich „rasend" küsste. Sie gefalle den Mädchen in der Regel 
gut wegen ihres burschikosen Auftretens. Sie mache Gedichte an ihre Freun- 
dinnen und könnte ihnen zu Liebe über Dächer klettern. Es sei ihr selbst sehr 
auffallend, dass sie sich vor Mädchen genire, besonders vor Freundinnen. Sie 
wäre nicht im Stande, sich vor solchen zu entkleiden. Je mehr sie eine 
Freundin liebe, um so mehr genire sie sich vor derselben. 

Gegenwärtig habe sie ebenfalls ein solches Freundschaftsverhältniss. Sie 
küsse, umarme ihre Laura, mache ihr Fensterpromenade, erleide alle Qualen 
der Eifersucht, besonders wenn sie dieselbe mit Männern sich unterhalten sehe. 
Sie habe nur den Wunsch, allezeit mit dieser Freundin zu leben. 

Patientin theilt mit, dass allerdings 2mal in ihrem Leben Männer einen 
Eindruck auf sie gemacht hätten. Sie glaube, dass wenn man sich ernstlich 


286 Paraesthesia sexualis. 

um sie beworben hätte, es zu einer Ehe gekommen wäre, denn sie habe Fami- 
lienleben und Kinder sehr gerne. Wollte ein Herr sie besitzen, so müssfce er 
sie sich erkämpfen, während sie sich lieber eine Freundin erkämpfe. Sie finde 
das Weib schöner, idealer als den Mann. In den seltenen Fällen, wo sie ero- 
tische Träume hatte, habe es sich immer um ein weibliches Wesen gehandelt. 
Von Männern habe sie nie geträumt. 

Sie glaube nicht, dass sie jetzt noch einen Mann lieben konnte, denn 
die Männer seien falsch und sie selbst nervös und blutarm. 

Sie halte sich für durchaus weiblich, aber sie bedauere, kein Mann ge- 
worden zu sein. Schon mit 4 Jahren sei ihr grösstes Vergnügen gewesen, 
Knabenkleider anzuziehen. Sie habe entschieden einen männlichen Charakter, 
habe auch noch nie geweint. Ihre höchste Passion wäre Reiten, Turnen, Fechten, 
Kutschiren. Sie leide sehr darunter, dass Niemand aus ihrer Umgebung sie 
verstehe. Es sei ihr zu dumm, Weibersachen zu reden. Schon viele ihrer Be- 
kannten hätten gemeint, sie hätte eigentlich ein Mann werden sollen. 

Sinnlichen Temperaments will Patientin nie gewesen sein. Bei dem Um- 
armen von Freundinnen habe sie öfters ein eigenthümliches wollüstiges Gefahl 
verspürt. Umarmen und Küssen sei ihre einzige Freundschaftsbezeugung gewesen. 

Patientin behauptet, sie stamme von einem nervösen Vater und einer 
verrückten Mutter, die als junges Mädchen in den eigenen Bruder rasend verliebt 
gewesen sei und ihn zur Flucht mit ihr nach Amerika zu bereden versucht 
habe. Der Bruder der Patientin sei ein höchst verschrobener, eigenartiger Mensch. 

Patientin bietet keine äusserenDegenerationszeichen, regelmässigen Schädel. 
Sie will die Menses mit 14 Jahren bekommen haben. Diese seien regelmässig, 
jedoch mit Schmerzen verbunden. 

Beobachtung 121. Um meinen unseligen Krankheitszustand gleich mit 
dem richtigen Namen zu bezeichnen, will ich von vornherein bemerken, dass er 
alle Merkmale an sich trägt, die Sie in Ihrem Werke „Psychopathia sexualis* 
als Effeminatio bezeichnen. 

Ich bin nun 38 Jahre alt und habe, Dank meiner Abnormität, ein Leben 
hinter mir so voll namenloser Qual, dass ich oft erstaunt bin, welch eine 
Leidenskraft dem Menschen gegeben ist In letzter Zeit flösst mir das Be- 
wusstsein der überstandenen Leiden eine Art von Selbstachtung ein, die allein 
im Stande ist, mir das Leben einigermassen erträglich zu machen. 

Aber ich will mich nun bemühen, wahrheitsgetreu meinen Zustand zu 
schildern. Ich bin körperlich gesund, habe nie, so weit ich mich entsinnen kann, 
eine heftige Krankheit durchgemacht und stamme aus einer gesunden Familie. 
Freilich sind meine Eltern, beide, sehr erregbare Naturen, mein Vater von sogen, 
cholerischem, meine Mutter von sanguinischem Temperament, das eine starke 
Neigung zu düsterer Melancholie hat. Sie ist eine überaus lebhafte, durch 
Gutherzigkeit und thatkräftige Hülfe beliebte Frau, die jedoch ein starkes 
Anlehnungsbedürfniss und Mangel an Selbstvertrauen besitzt. Alle diese Eigen- 
schaften waren auch bei ihrem Vater ausgeprägt. Ich hebe diesen Umstand 
hervor, weil man mir nachsagt, dass ich diesen beiden Personen nacharte, und 
was die beiden letzterwähnten Eigenschaften [angeht, so kann ich selbst die 
Aehnlichkeit feststellen. Ich habe immer geglaubt, dass meine Liebe zum 
eigenen Geschlecht Auswüchse dieser Eigenschaften seien. Aber wenn ich auch 


Effeminatio und Viraginität. 287 

Versuche machte, durch innere Erstarkung, durch Vorspiegelung eigener Tüchtig- 
keit das Band zu zerreissen, das mich mit magischer Gewalt zum Manne zieht, 
so bleibt doch noch immer ein Bodensatz übrig, den ich mir nicht aus dem 
Blute treiben kann. So weit mich meine Erinnerungen tragen, überall sehe ich 
diese räthselhafte , elementare Sehnsucht nach einem Geliebten. Freilich war 
ihre allererste Aeusserung grobsinnlicher Natur. Ich weiss nicht mehr, ob ich 
schon 10 Jahre alt war, als ich mich plötzlich am helllichten Tage im Bette 
liegend dabei ertappte, wie ich durch Druck an meinen Geschlechtstheilen neue, 
berauschende Gefühle hervorrief, indem ich mir dabei starksinnliche Manipula- 
tionen durch einen Mann meiner Umgebung vorstellte. Erst viele Jahre hinterher 
erfuhr ich, dass das Onanie ist. In der ersten Zeit war ich so erschreckt und 
durch die Rätselhaftigkeit meines Hangs so verdüstert, dass ich damals meinen 
ersten Selbstmordversuch machte. Hätte ich ihn nur zur Ausführung gebracht ! 
Denn nun folgte eine Reihe so heftiger Erschütterungen der Seele und des 
Körpers, dass sie sich wie eine Kette um mein Herz gelegt, es verengt, hart 
und roh gemacht haben. Um es gleich hier zu sagen, bis heute hat mich die 
Onanie nicht aus ihren Erallen gelassen, sie hat allen Versuchen, allen An- 
strengungen Widerstand geleistet und meine Lust, ihr zu widerstehen, fast ganz 
gebrochen. 3 oder 4m al habe ich sie monatelang ganz gelassen, meist unter 
dem Einfluss seelischer Erregungen. 

Im Alter von etwa 13 Jahren hatte ich meine erste Liebe. Heute schwebt 
mir vor, dass damals mein höchster Wunsch war, die frischen rothen Lippen 
meines Schulkameraden zu küssen. Es war eine Sehnsucht voll romantischer 
Träume. Heftiger wurde sie im Alter von 15 oder 16 Jahren, wo ich zum ersten 
Mal die wahnsinnigen Qualen der Eifersucht erlitt, die verzehrender ist, als sie 
bei der natürlichen Liebe sein kann. Diese zweite Liebesperiode dauerte Jahre 
lang, obwohl ich mit dem Gegenstande meiner Liebe nur wenig Tage zusammen- 
war und wir uns dann 15 Jahre lang nicht wiedersahen. Nach und nach erkaltete 
mein Gefühl und ich bin dann noch mehrere Male in rasender Liebe zu anderen 
Männern entbrannt, die, bis auf einen Fall, meine Altersgenossen waren. 

Nie ist meine Liebe — gestatten Sie gütigst diesen Ausdruck für ein 
von dem grössten Theil der Menschheit verdammtes Gefühl — erwidert worden, 
nie habe ich mit einem Manne in einer Weise verkehrt, die das Tageslicht 
scheuen müsste, nie hat auch nur Einer ein mehr als gewöhnliches Interesse 
für mich gehabt, obwohl Einer der von mir umschwärmten Freunde mein ge- 
heimes Verlangen errieth. Und doch habe ich mich in glühender Sehnsucht nach 
Mannesliebe verzehrt. Meine Gefühle hiebei sind nach meiner Ansicht ganz 
die eines liebenden Weibes, und ich bemerke mit Entsetzen, dass meine sinn- 
lichen Vorstellungen denen eines Weibes immer ähnlicher werden. In den 
Perioden, in welchen ich frei von einer bestimmten Liebe bin, artet mein Ver- 
langen insofern aus, als ich bei meinen onanistischen Manipulationen ganz 
grobsinnliche Vorstellungen heraufbeschwöre. Hiegegen aber kann ich schliess- 
lich noch ankämpfen. Ganz umsonst jedoch ist jeder Versuch, die Liebe zu 
unterdrücken. Ich leide gerade jetzt wieder seit Jahresfrist unter einer solchen 
Gefühlsüberschwenglichkeit und habe so viel über deren Eigentümlichkeit 
gegrübelt» dass ich glaube, meine Empfindungen getreu schildern zu können. 
Mein Interesse wird stets durch körperliche Schönheit geweckt Dabei habe ich 
die eigentümliche Beobachtung gemacht, dass ich nie einen bärtigen Mann 


288 Paraesthesia sexualis. 

geliebt habe. Hier liegt die Annahme nahe, dass ich der sogen. Knabenliebe 
huldige. Das ist nicht richtig. Denn zu jenem sinnlichen Reiz tritt bei näherem 
Umgang ein seelisches Interesse. Und damit ist der Reigen der Qualen eröffnet. 
Ich werde von einer so tiefen Neigung erfasst, dass ich mit einer Art von 
Opferwilligkeit mich anschliesse. Man gewinnt Vertrauen zu mir und es könnte 
aus dieser Gegenseitigkeit eine so herzliche Freundschaft entstehen, wenn mir 
nicht auf dem Grunde meiner Seele der Dämon schlummerte, der mich drangt 
zu der innigsten Vereinigung, die nur zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts 
erlaubt ist. Mein ganzes Wesen sehnt sich darnach, jede Fiber zuckt darnach, 
und in heisser, glühender Leidenschaft verzehre ich mich. Ich wundere mich, 
dass ich hier mit dürren Worten Empfindungen wiedergeben kann, die mein 
ganzes Innere durchwühlt haben. Freilich habe ich durch jahrelange Kämpfe 
lernen müssen, meine Neigung zu verbergen, zu lächeln, wo ich von Schmerzen 
zerrissen wurde. Denn da ich nie Gegenliebe fand, habe ich nur die Qualen 
der Liebe kennen gelernt. Eifersucht, wahnsinnige, den Verstand verdunkelnde 
Eifersucht auf Jeden und Jede, denen der von mir heimlich Geliebte auch nur 
einen freundlichen Blick zuwarf. 

Ich habe zuletzt das seelische Moment betont, um zu zeigen, wie tief 
eingewurzelt mein abnormer Hang ist. Nie habe ich auch nur einen Hauch 
von sinnlicher Liebe zum anderen Geschlecht verspürt. Die Vorstellung, mit 
demselben sinnlich verkehren zu müssen, ist mir widerwärtig. Einige Male 
habe ich genug darunter gelitten, dass man mich der Liebe junger Mädchen 
versicherte. Wie jeder junge Mann habe ich die modernen geselligen Ver- 
gnügungen, darunter Tanz, reichlich genossen. Es gewährt mir Vergnügen, 
zu tanzen, aber wenn ich als Mädchen mit Männern tanzen könnte, würde ich 
erst glücklich sein. 

Ich möchte noch einmal hervorheben, dass meine Liebe durchaus sinnlich 
ist Wie sollte ich es sonst erklären, dass mir der Händedruck des Geliebten, 
oft sein blosser Anblick Herzbeklemmung und Erection verursacht! Ich habe alle 
Hülfsmittel aufgeboten, um diese »Liebe* aus dem — sagen wir .Herzen' — 
zu reissen. Ich habe versucht, durch Onanie sie zu betäuben, sie in den 
Schlamm zu ziehen, um mich darüber erheben zu können. (Vor etwa 10 Jahren 
habe ich während so einer Liebesepoche die Onanie verabscheut und die Em- 
pfindung gehabt, als veredle mich mein Liebesgefiihl.) Ich habe jetzt noch 
den Wahn, dass, wenn mir der von mir Geliebte erklärte, er liebe mich wieder, 
er liebe, er liebe nur mich, ich gern auf sinnliche Befriedigung verzichten 
würde, und mich ausruhen könnte in treuen Armen. Aber das ist gewiss 
Selbstbetrug. 

Hochgeehrter Herr! Ich habe einen verantwortlichen Beruf, und ich 
glaube versichern zu dürfen, dass mich mein abnormer Hang nie, und sei es 
auch nur um Haaresbreite, von der Pflicht, die ich ausüben muss, entfernen 
wird. Ich bin, bis auf diese Abnormität, nicht verrückt und ich könnte 
schliesslich zufrieden sein. Aber ich habe, namentlich im letzten Jahre wieder, 
zu viel gelitten, als dass ich nicht mit Grausen der Zukunft entgegen gehen 
sollte, die mir ganz gewiss nicht die Erfüllung des Wunsches bringen wird, 
der fortwährend unter der Asche glimmt, nämlich einen Geliebten zu besitzen, 
der mich versteht und wieder liebt Ein solches Verhältniss allein würde mich 
wahrhaft innerlich beglücken. Ich habe sehr viel über den Ursprung meiner 


Effeminatio und Viraginität. 289 

Abnormität nachgedacht, namentlich weil ich glaube annehmen zu müssen, 
dass sie mir nicht angeerbt ist. Ich glaube, dass die Onanie das eingeborene 
Gefühl zu lodernder Gluth entfacht hat. Längst hätte ich ja dem ganzen 
Elend ein Ende machen können, da ich durchaus keine Todesangst habe und 
in der Religion — die sich seltsamerweise aus meinem unreinen Herzen 
nicht zurückgezogen hat — keine Warnung vor dem Selbstmord finde. Aber 
das Bewusstsein, dass ich nicht allein die Schuld daran trage, dass ein Wurm 
mein ganzes , ganzes Leben von der Knospe an zernagt hat, ein gewisser 
Lebenstrotz, der mir gerade in letzter Zeit aus unsagbarem Kummer auf- 
gekeimt ist, führt mich dahin, den Versuch zu wagen, ob sich nicht auf ganz 
neuer Basis doch noch ein bescheidenes Lebensglück aufführen lässt. Etwas, 
das das Herz fühlt. Ich glaube, dass ich unter dem Einfiuss ruhigen Familien- 
lebens glücklich sein könnte. Aber ich darf Ihnen nicht verhehlen , dass mir 
der Gedanke an ein eheliches Zusammenleben mit einer Frau grasslich ist und 
dass ich diesen ganzen Versuch der Lebenswendung mit blutendem Herzen 
unternähme, weil ich dadurch radikal mit der Hoffnung bräche, die immer 
noch wach ist, nämlich mit dem Wahne, das Geschick könne mir doch noch 
das geträumte Glück zuführen. 

Dieser Wahn ist mir so tief eingewurzelt, dass ich fürchte, nur hypno- 
tische Suggestion könne mir helfen. 

Können Sie mir einen Rath ertheilen, so würden Sie mich unendlich 
glücklich machen. Ihr dringendster Rath wird sich wohl auf die Einstellung 
der Onanie erstrecken. Wie gern ich ihm nachkäme! Aber wenn ich nicht 
direkte körperliche, etwa mechanische Mittel zur Hand habe, werde ich mich 
wohl von diesem Laster nicht losreissen können. Das um so weniger, weil ich 
fürchte, meine Natur habe sich durch Jahre lange Uebung daran gewöhnt. Die 
Folgen derselben sind mir freilich nicht erspart worden, wenn sie auch nicht 
so grausig sind, wie sie oft geschildert werden. Ich leide an geringgradiger 
Nervosität, bin zwar geschwächt und büsse namentlich periodisch durch Ver- 
dauungsstörungen, kann aber noch ganz gut Strapazen aushalten und habe, 
wenn sie nicht zu gross sind, mein Vergnügen an ihnen. Ich bin verdüstert, 
kann aber recht vergnügt sein und habe zum Glück Freude an meinem Beruf 
und Interesse für Vielerlei, besonders für Musik, Kunst, Belletristik. Weibliche 
Beschäftigungen habe ich nie getrieben. 

Ich gehe, wie sich nach Obigem denken lässt, gern mit Männern, be- 
sonders mit schönen, um, bin aber nie in intime Beziehungen zu ihnen 
getreten. Trennt mich doch eine breite Kluft von ihnen! 

Nachtrag. Ich fürchte, dass ich in Vorstehendem mein geschlechtliches 
lieben nicht genau genug präcisirt habe. Es besteht nur in Onanie, dabei lasse 
ich mich jedoch von fast all' den scheusslichen Vorstellungen beeinflussen, die 
mit Coitus inter femora, ejaculatio in ore u. 8. w. bezeichnet werden. 

Meine Rolle dabei ist passiv. Diese Vorstellungen ändern sich und gehen 
ganz in das Verlangen der Begattung über, wenn mich eine Leidenschaft in 
ihren Bann schlägt. Der Kampf gegen eine solche ist deshalb so furchtbar, 
weil auch meine Seele dabei betheiligt ist. Ich ersehne die engste, vollkom- 
menste Verbindung, die zwischen zwei Menschen denkbar ist, stetes Beisammen- 
sein, gemeinsame Interessen, unbegrenztes Vertrauen, geschlechtliche Ver- 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 7. Aufl. 19 


290 Paraesthesia sexualis. v 

einigung. Ich denke mir, das« die natürliche Liebe sich hiervon nur durch 
den Grad der Warme unterscheidet» der unter dem Siedepunkt unserer Leiden- 
schaft zurückbleibt. Gerade jetzt kämpfe ich jenen Kampf wieder, mit Gewalt 
würge ich die wahnsinnige Leidenschaft hinunter, die mich nun schon so lange 
gefangen hält. Nächte lang wälze ich mich umher, von dem Bilde Desjenigen 
verfolgt, für dessen Liebe ich Alles hingeben würde, was ich habe. Wie tief- 
traurig ist es, dass das Edelste, was dem Menschen ward, die Freundschaft, 
durch gemeines Sinnengefühl verhindert wird! 

Noch einmal möchte ich hervorheben, dass ich mich nicht entschliessen 
kann, durch geschlechtlichen Verkehr mit dem anderen Geschlecht mein Ge- 
schlechtsleben umzustimmen. Die Vorstellung von einem solchen Verkehr flögst 
mir Widerwillen, Ekel ein. 

Beobachtung 122. Ich schreibe, so gut es geht, meine Leidensgeschichte 
nieder , einzig und allein von dem Bestreben geleitet , durch diese Auto* 
biographie ein klein wenig zur Aufhellung des leider noch in so vielen Kreisen 
herrschenden Missverstehens und der grausamen Irrthümer über die „conträre 
Sexualempfindung" beitragen zu können. 

Ich bin 37 Jahre und stamme von Eltern, die beide sehr nervös waren. 
Ich erwähne dies nur, weil mir schon oft der Gedanke kam , dass meine con- 
träre Sexualempfindung auf dem Wege der Vererbung entstanden sei; doch 
ist diese Behauptung nur eine sehr vage. Von meinen Grosseltern, die ich 
nicht kannte, möchte ich nur als bemerkenswerth anführen, dass mein Gross- 
vater mütterlicherseits als grosser Don Juan bekannt war. 

Ich war ein ziemlich schwächliches Kind und litt in meinen zwei ersten 
Lebensjahren sehr an sogen. Gichtern, in Folge deren auch mein Auffassungs- 
vermögen und mein Gedächtniss gelitten haben mögen, da ich Dinge, die mich 
nicht interessiren, nur langsam und schwer lerne und das Gelernte leicht wie- 
der vergesse. Erwähnen möchte ich auch, dass meine Mutter in der Zeit, bevor 
ich zur Welt kam, heftigen seelischen Aufregungen unterworfen war und sehr 
oft erschrocken stein soll. Von meinem 3. Jahre an bin ich ganz gesund und 
bisher von grösseren Krankheiten verschont geblieben. Nur als Knabe von 
12 — 16 Jahren hatte ich manchmal ganz eigenartige, nicht zu beschreibende 
Nervenempfindungen, die sich namentlich im Kopf und in den Fingerspitzen 
bemerkbar machten, und bei denen es mir war, als wollte sich mein ganzes 
Wesen auflösen. Seit vielen Jahren jedoch sind die Anfälle ganz ausgeblieben. 
Sonst bin ich ein ziemlich kräftiger Mann mit reichlichem Haarwuchs und von 
durchaus männlichem Wesen. 

Schon als Knabe von 6 Jahren gelangte ich ganz selbstständig zur 
Onanie, der ich leider bis zu meinem 19. Jahre ziemlich heftig ergeben war, 
und zu der ich auch jetzt noch häufig, taute de mieux, meine Zuflucht nehme, 
trotzdem ich das Verwerfliche dieser Leidenschaft einsehe und mich auch jedes- 
mal ziemlich geschwächt fühle, während mich ein geschlechtlicher Verkehr mit 
einem Manne nicht im Geringsten angreift, sondern mir im Gegentheil ein 
Gefühl des Gekräftigtseins verschafft. Mit 7 Jahren begann ich die Schule zu 
besuchen und empfand bald für einige meiner Mitschüler eine heftige Sym- 
pathie, die mir aber nicht weiter auffiel. Im Gymnasium wurde ich mit 
14 Jahren von meinen Mitschülern über das mir bis dahin gänzlich unbekannte 


EfFeminatio und Viraginität. 291 

Geschlechtsleben der Menschen aufgeklärt, ohne mich jedoch sehr für die Sache 
zu interessiren. Zu dieser Zeit trieb ich auch mit 2 — 8 Freunden mutuelle 
Onanie, zu welcher diese mich verleitet hatten und die für mich einen unge- 
heueren Reiz besass. Noch immer war ich mir der Perversität meines Geschlechts- 
triebes nicht bewusst, sondern hielt meine Vergehen für Jugendsünden, wie sie 
von allen Knaben in diesem Alter begangen würden. Das Interesse für das 
weibliche Geschlecht, dachte ich mir, würde sich schon mit der Zeit einstellen. 
So wurde ich 19 Jahre. Während der folgenden Jahre war ich dreimal, das 
eine Mal in einen sehr schönen Schauspieler, dann in einen Bankangestellten 
und einen meiner Freunde, von denen die beiden letzteren nichts weniger als 
schöne, sinnlich bestechende Menschen waren, bis zum Wahnsinn verliebt, 
welche Liebe aber nur eine rein platonische war, die sich gelegentlich zu 
glühenden Gedichten verstieg. Es war vielleicht die schönste Zeit meines 
Lebens, da ich Alles mit reinen unschuldigen Augen ansah. Im 21. Jahre fing 
ich an, allmählig zu merken, dass ich denn doch nicht so ganz wie meine 
Kameraden veranlagt sei, da ich für alle männlichen Beschäftigungen gar kein 
Vergnügen empfand, an Rauchen, Trinken und Kartenspielen wenig Gefallen 
und vor dem Bordell eine wahre Todesangst hatte. Ich bin auch nie in einem 
gewesen, da es mir jedesmal gelang, mich unter irgend einem Vorwande weg- 
zustehlen. Ich begann nun über mich nachzudenken, ich fühlte mich oft 
fürchterlich verlassen, elend und unglücklich und sehnte mich nach einem gleich 
veranlagten Freunde, ohne jedoch auf den Gedanken zu kommen, es könne 
ausser mir noch ebensolche Menschen geben. Mit 22 Jahren lernte ich einen 
jungen Menschen kennen, der mich endlich über die conträre Sexualempfindung 
und die damit Behafteten aufklärte, da er, ebenfalls Urning, in mich verliebt 
war. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen und ich segne den Tag, der 
mir diese Aufklärung brachte. Von da an sah ich die Welt mit ganz anderen 
Augen an, sah, wie vielen Menschen gleich mir dasselbe Loos beschieden war, 
und fing an zu lernen, mich mit eben diesem Loose, so gut es geht, abzufinden. 
Leider ging es sehr schlecht und es ergreift mich oft jetzt noch eine Ver- 
bissenheit und ein tiefer Hass über die modernen Einrichtungen, die uns arme 
Urninge so schreckb'ch stiefmütterlich behandeln. Denn was ist unser Loos? 
In den meisten Fällen werden wir nicht verstanden, werden verspottet und 
verachtet, und wenn es gut geht und man uns in einigen seltenen Fällen ver- 
steht , so werden wir bemitleidet wie arme Kranke oder Wahnsinnige — und 
Mitleid hat mich von jeher krank gemacht. Ich fing nun an Komödie zu 
spielen, um meine Mitmenschen über mein Seelenleben zu täuschen, und es 
gewährte mir jedesmal eine grosse Befriedigung, wenn mir dies gelang. Ich 
lernte auch mehrere Schicksalsgenossen kennen, mit denen ich Verhältnisse 
anknüpfte, die leider aber immer nur von kurzer Dauer waren, da ich sehr 
ängstlich und vorsichtig, dabei aber auch sehr wählerisch und verwöhnt war. 

Päderastie habe ich stets gänzlich verabscheut als etwas Menschenun- 
würdiges, und ich wünschte nur, dass alle meine Schicksalsgenossen es ebenso 
thäten ; leider ist dies bei so Manchen nicht der Fall, denn dächten Alle gleich 
mir darüber, so würde uns die Verachtung und der Spott der anders empfin- 
denden Menschen noch ungerechter treffen als bisher. 

Dem geliebten Mann gegenüber fühle ich mich vollständig als Weib, 
weshalb ich mich auch beim Geschlechtsakt ziemlich passiv verhalte. Ueber- 


292 Paraesthesia sexualis. 

haupt ist mein ganzes Empfinden und Fühlen weiblich ; ich bin eitel, coquett, 
putz- und gefallsüchtig, liebe es, mich schön zu kleiden, und greife in Fällen, 
wo ich gefallen will, sogar zu Toilettekünsten, in denen ich ziemlich be- 
wandert bin. 

So wenig ich mich für Politik interessire, ebenso leidenschaftlich liebe 
ich Musik und bin ein begeisterter Anhänger Richard Wagners, welche Vor- 
liebe ich bei den Meisten von uns bemerkt habe; ich finde, dass gerade diese 
Musik unserem Wesen so sehr entspricht. 

Ich spiele ziemlich gut Violine, lese gern und viel, doch sonst habe ich 
wohl für Anderes wenig Interesse; wie mir überhaupt alles Uebrige im Leben 
so ziemlich gleichgütig ist in Folge der tiefen Resignation, die sich meiner 
immer mehr bemächtigt. 

Obwohl ich Grund hätte, mit dem Schicksal zufrieden zu sein, da ich in 
gesicherter Stellung als Techniker in einer grossen Stadt Deutschlands lebe, habe 
ich doch keine Freude an meinem Beruf. — Am liebsten wäre es mir, wenn 
ich gänzlich unabhängig und frei mit einem geliebten Wesen schöne Reisen 
machen könnte und sonst der Musik und Literatur leben könnte, namentlich 
dem Theater, das mir als eines der grössten Vergnügen erscheint. Intendant 
einer Hofbühne zu sein, denke ich mir ganz annehmbar. 

Der einzige Stand oder Beruf, der mir wirklich wünschenswerth erscheint, 
ist der eines grossen Künstlers, sei es Sänger, Schauspieler, Maler oder Bild- 
hauer, was immer ; und fast noch schöner däucht es mich, auf einem Königs- 
thron geboren zu sein, welcher Wunsch meiner ausgeprägten Herrschsucht ent- 
spricht. (Wenn es wirklich eine Seelenwanderung gibt, ein Capitel, mit dem 
ich mich viel beschäftige und das mir sehr einleuchtend erscheint, so muss ich 
schon irgend einmal als Imperator oder sonst als irgend ein Beherrscher gelebt 
haben.) Zu all' dem muss man aber geboren sein, und da ich das nun eben 
nicht bin, fehlt mir ja der Ehrgeiz für sogenannte gesellschaftliche Ehren und 
Auszeichnungen . 

Was meine Geschmacksrichtung anbelangt, so muss ich einen leidigen 
Zwiespalt in derselben erwähnen. Schöne, geistig sehr begabte junge Männer 
von wenigstens 20 Jahren, die gesellschaftlich auf derselben Stufe wie ich stehen 
müssen, scheinen mir für eine mehr platonische Liebe wie geschaffen, doch 
begnüge ich mich da vollkommen mit einer aufrichtigen, allerdings sehr idealen 
Freundschaft, die selten über einige Küsse hinausgeht. Sinnlich reizen aber 
können mich nur derbere und kräftigere Männergestalten, die mindestens ebenso 
alt wie ich sind und geistig und gesellschaftlich unter mir stehen müssen. Der 
Grund für diese sonderbare Erscheinung mag darin liegen, dass mein ziemlich 
stark ausgeprägtes Schamgefühl und die mir angeborene Aengstlichkeit und 
Zurückhaltung bei mir gleichstehenden Männern als Hemmungsvorstellung wirkt, 
so dass ich es in diesen Fällen nur schwer und selten zu einer geschlechtlichen 
Erregung bringe. Dass ich sehr unter diesem Zwiespalt leide, ist erklärlich, 
da ich immer in Angst bin, mich diesen einfachen unter mir stehenden Leuten, 
die oft für'a Geld zu haben sind, zu offenbaren. Stelle ich mir doch nichts 
fürchterlicher vor, als einen Skandal, der mich sofort zum Selbstmord treiben 
würde. Denn ich kann es mir nicht schrecklich genug denken, so plötzlich 
durch eine kleine Unvorsichtigkeit oder eine Bosheit des ersten besten Menschen 
vor der ganzen Welt gebrandmarkt dazustehen und eigentlich nichts dafür zu 


Effeminatio und Viraginität. 293 

können. Denn- was thun wir denn Anderes, als alle übrigen normal veranlagten 
Menschen mindestens ebenso häufig ungenirt und ohne Schande thun dürfen; 
dass wir aber eben nicht so empfinden wie die grosse Menge , ist ja nicht 
unsere Schuld, sondern ein grausames Spiel der Natur. 

Unzählige Male habe ich mir schon den Kopf zerbrochen, ob denn die 
Wissenschaft und in ihr einige frei und vorurtheilslos denkende Männer kein 
Mittel ersinnen könnten, um uns Stiefkindern der Natur eine nur einige rmassen 
erträglichere Stellung vor dem Gesetz und den Menschen zu verschaffen. Doch 
jedesmal kam ich zu demselben traurigen Resultate, dass man eine Sache, für 
die man in die Schranken tritt, doch wohl zuerst genau kennen und erklären 
können muss. Und wer ist bis heutzutage im Stande, die conträre Sexual- 
empfindung genau zu erklären und zu definiren? Und doch muss es irgend eine 
richtige Erklärung dafür geben, irgend einen Weg, auf dem man der grossen 
Menge ein milderes und vernünftigeres Urtheil über dieselbe beibringt, vor 
Allem das eine wenigstens, dass man die conträre Sexualempfindung nicht 
gleichbedeutend mit Päderastie hält, wie dies leider von den Meisten, ich möchte* 
sagen von Allen geschieht. Man würde sich durch so eine That ein unaus- 
tilgbares Denkmal in der Dankbarkeit tausender lebender und zukünftiger 
Menschen setzen, denn Urninge hat es gegeben, gibt es und wird es geben zu 
allen Zeiten und in grösserer Anzahl, als man vielleicht vermuthet. 

In Wilbrand's Buch: „Fridolins heimliche Ehe" finde ich eine ganz an- 
nehmbare Theorie über diesen Gegenstand ausgesprochen , indem ich selbst 
schon wiederholt zu beobachten Gelegenheit hatte, dass nicht alle Urninge gleich 
stark mannliebend sind, sondern dass es da unzählige Unterabtheilungen gibt, 
von dem weibischsten Mann bis zum conträr sexualen Menschen, der ebenso 
oft und gern für weibliche Reize empfindet Dies mag auch den sogen. Unter- 
schied zwischen angeborener und erworbener conträrer Sexualempfindung er- 
klären, der nach meiner unmassgeblichen Ansicht gar nicht besteht. Doch habe 
ich bei allen 55 Individuen, die ich in den drei Jahren seit meiner Aufklärung 
über diesen Gegenstand kennen gelernt habe, dieselben Temperaments-, Gemüths- 
und Charaktereigenschaften angetroffen; fast alle sind mehr oder minder Idea- 
listen, rauchen wenig oder gar nicht, sind bigott, eitel, gefallsüchtig und aber- 
gläubisch und vereinen überhaupt (ich muss es leider gestehen) mehr die Fehler 
und Schattenseiten beider Geschlechter als deren gute Eigenschaften. Dem 
Weib in seiner geschlechtlichen Rolle gegenüber fühle ich einen wahren Horror, 
den zu überwinden mir selbst mit Aufgebot meiner ganzen äusserst lebhaften 
Phantasie wohl nie gelingen würde; ich habe es auch noch niemals versucht, 
weil ich von der Fruchtlosigkeit eines solchen Versuches, der mir widernatürlich 
und sündhaft erscheint, vollkommen überzeugt bin. 

In rein gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verhältnissen verkehre 
ich ganz gern mit Frauen und Mädchen und bin auch ein in Damenkreisen 
gern gesehener Gesellschafter, da ich mich sehr für Damenmoden interessire 
und mit viel Geschick von derartigen Sachen zu sprechen weiss. Ich kann über- 
haupt, wenn ich will, sehr heiter und liebenswürdig sein, doch ist diese meine 
Conversationsgabe meist nur ComÖdienspiel, das mich stets sehr ermüdet und 
angreift. Für weibliche Arbeiten habe ich von jeher ein grosses Geschick und 
Interesse gezeigt, habe als Kind bis zu meinem 13. Jahre leidenschaftlich gern 
mit Puppen gespielt, denen ich selbst die Kleider nähte, und auch jetzt noch 


294 Parae8thesia sexualis. 

gewährt es mir viel Vergnügen, schöne Stickereien anzufertigen, was ich leider 
allerdings nur im Geheimen thun kann. Eine ebenso heftige Vorliebe habe ich 
für Nippes, Photographien, Blumen, Süssigkeiten, Toilettegegenst&nde und der- 
artigen Weibertand, und gleicht mein Zimmer, das ich mir ganz allein ein- 
gerichtet und dekorirt habe, ganz dem ziemlich überladenen Boudoir einer 
Dame. 

Als besondere Merkwürdigkeit möchte ich noch erwähnen, dass ich nie 
an Pollutionen gelitten habe. Ich träume sehr viel und sehr lebhaft, fast jede 
Nacht, und haben gelegentliche lascive Träume nur Männergestalten zum In- 
halt, doch wache ich aus denselben immer auf, bevor es zu einer Ejaculation 
kommt. Eigentlich bin ich geschlechtlich nicht sehr bedürftig, und es gibt 
bei mir Perioden von 4—6 Wochen, wo der Geschlechtstrieb sich fast gar nicht 
geltend macht. Leider sind diese selten und es folgt ihnen gewöhnlich ein um 
so heftigeres Erwachen dieses so mächtigen Triebes, der, wenn er nicht befriedigt 
wird, mir heftige körperliche und geistige Beschwerden verursacht. Ich werde 
dann übellaunig, missgestimmt, empfindlich, reizbar und menschenscheu, welche 
Eigenschaften aber bei der ersten besten Gelegenheit, bei der ich meinen Ge- 
schlechtstrieb befriedigen kann, wieder weichen. Ueberhaupt muss ich er- 
wähnen, dass meine Laune im Tag oft bei den geringfügigsten Anlassen mehr- 
mals wechseln kann; sie ist wie das Aprilwetter. 

Ich tanze gut und gern, doch liebe ich den Tanz nur seiner rhythmischen 
Bewegung halber und wegen meiner Vorliebe für die Musik. 

Zum Schluss möchte ich noch etwas bemerken, was jedesmal meinen Un- 
willen erregt. Man hält uns allgemein für krank, und das ist gänzlich unrichtig. 
Denn für jede Krankheit gibt es ein Heil- oder Linderungsmittel, und einem 
Urning kann keine Macht der Welt seine perverse Naturanlage nehmen. Selbst 
die mit vielem scheinbarem Erfolge angewendete Suggestion kann keine anhal- 
tende Veränderung in dem Seelenleben eines Urnings hervorrufen. Man ver- 
wechselt bei uns Wirkung und Ursache. Man hält uns für krank, weil die 
meisten von uns es mit der Zeit auch wirklich werden. Ich bin fest überzeugt, 
dass 2 /s von uns im späteren Alter, wenn sie ein solches überhaupt erreichen, 
irgend einen geistigen Defekt haben und dies ist auch nur zu leicht erklärlich. 
Denn was für eine Willenskraft und was für Nerven gehören dazu , um sich 
sein ganzes Leben lang fortwährend zu verstellen, zu lügen und zu heucheln ! 
Wie oft muss man im Kreise von Normalmenschen, wenn zufällig die Rede 
auf die conträre Sexualempfindung kommt, einstimmen in die Schmäh- und 
Schimpfreden, während einen jedes dieser Worte bis in's Innerste verwundet. 
Andererseits stets die langweiligen und unanständigen Witze und Gespräche 
über Weiber etc. anhören zu müssen, die ja heutzutage in der sogenannten 
„ guten Gesellschaft u gang und gäbe sind, und dafür Interesse und Aufmerksam- 
keit zu heucheln ! Täglich, stündlich so viele schöne Männergestalten zu sehen, 
denen man sich nicht offenbaren kann, oft Wochen und Monate lang des 
Freundes entbehren zu müssen, dessen Verkehr wir so sehr bedürfen, und dazu 
noch fortwährend die fürchterliche Angst, sich vor den Menschen zu ver- 
rathcn und dann dazustehen mit Schmach und Schande bedeckt. Es ist 
wirklich kein Wunder, wenn die meisten von uns zu keiner ernsten Berufs- 
arbeit fähig sind, denn wir brauchen unsere ganze Willenskraft und Ausdauer 
im Kampf mit unserem traurigen Geschick. Wie schädlich für unsere Nerven, 


Effeminatio und Viraginität. 295 

stets alle seine Gedanken und Gefühle in sein Inneres verschliessen zu müssen, 
wo dann unsere ohnehin lebhafte Phantasie, durch all' das genährt, um so 
rastloser arbeitet, so dass man einen steten Feuerheerd in sich herumtragt, 
der einen nur zu oft zu verzehren droht. Glücklich Diejenigen von uns, denen 
nie die Kraft versagt» so ein Leben weiter zu führen, glücklich aber auch die- 
jenigen, die es bereits überwunden haben. 

Beobachtung 123. Autobiographie. Nachstehend erhalten Sie die 
Schilderung des Charakters, sowie des seelischen und geschlechtlichen Empfindens 
eines Urnings, d. h. eines Individuums, welches trotz seines männlichen Körper- 
baues durchaus weiblich fühlt, dessen Sinne die Weiber nicht im Mindesten 
erregen und dessen sexuelles Sehnen sich stets auf Männer richtet. 

Von der Ueberzeugung durchdrungen, dass das Räthsel unseres Daseins 
nur durch vorurtheilslos denkende Männer der Wissenschaft gelöst oder min- 
destens beleuchtet werden kann, schildere ich meinen Lebenslauf einzig und 
allein in der Absicht, hierdurch vielleicht etwas zur Erhellung dieses grau- 
samen Irrtimms der Natur beizutragen und so möglicher Weise meinen Schick- 
salsgenossen späterer Generation von Nutzen sein zu können; denn Urninge 
wird es geben, so lange Menschen geboren werden, gleichwie es eine unfehl- 
bare Thatsache ist, dass solche in jedem Zeitalter existirten. Doch mit dem 
YorBchreiten der wissenschaftlichen Bildung unserer Epoche wird man in mir 
und meinesgleichen nicht Hassenswerthe, sondern Bedauernswürdige erblicken, 
die nie die Verachtung, sondern weit eher das höchste Mitleid ihrer glück- 
lichen Nebenmenschen verdienen. Ich werde mich in meinen Mittheilungen 
der möglichsten Kürze,, sowie der strengsten Objectivität befleissigen und be- 
merke bezüglich meines drastischen, oft sogar cynischen Styls, dass ich vor 
allem wahr sein will, daher starken Ausdrücken nicht aus dem Wege gehe, 
weil diese den von mir erörterten Gegenstand am treffendsten charakteri- 
siren. 

Ich bin 34 7* Jahre alt, Kaufmann mit massigem Einkommen, etwas 
Über Mittelgrösse, mager, habe keine starken Muskeln, ein vollbärtiges, ganz 
gewöhnliches Dutzendgesicht und unterscheide mich auf den ersten Anblick 
in nichts von wirklichen Männern. Dagegen ist der Gang weibisch, nament- 
lich bei raschem Gehen tänzelnd, die Bewegungen eckig und ungefällig, jeg- 
licher männlichen Anmuth entbehrend. Das Sprachorgan ist weder weibisch 
noch schrill, eher von barytonaler Klangfarbe. 

Dies mein äusserer Habitus. 

Ich rauche und trinke nicht, kann weder pfeifen, reiten, turnen, fechten 
noch schiessen, interessire mich gar nicht für Pferde oder Hunde und habe 
nie ein Gewehr oder einen Säbel in der Hand gehabt Im inneren Empfinden 
und geschlechtlichen Verlangen bin ich vollständig Weib. Ohne jede tiefere 
Bildung — ich absolvirte bloss fünf Gymnasialklassen — bin ich gleichwohl 
intelligent, lese gern gut geschriebene, gediegene Bücher, verfüge über gesun- 
des Urtheil, lasse mich aber stets von der momentanen Stimmung fortreissen 
und bin Von Jedem, der meine Schwachen kennt und sie auszunützen versteht, 
leicht zu behandeln oder zu capacitiren. Stets Entschlüsse fassend , finde ich 
nie die Energie, diese auszuführen, bin nach Weiberart launenhaft und nervös» 
oftmals ohne jeden Grund gereizt, zuweilen boshaft und Personen gegenüber, 


296 Paraesthesia sexualis. 

die mir nicht zu Gesichte stehen, oder denen ich etwas nachtrage, arrogant, 
ungerecht, oft sogar in unverschämter Weise verletzend. 

In meinem ganzen Thun und Lassen bin ich oberflächlich, oft leicht- 
fertig, kenne kein tieferes sittliches Gefühl, hege wenig Zärtlichkeit für Eltern 
und Geschwister, bin nicht egoistisch, bei Gelegenheit aufopferungsfähig, kann 
Thränen nie widerstehen und bin durch liebenswürdiges Entgegenkommen oder 
inniges herzliches Bitten — nach Weiberart — für Alles zu gewinnen. 

Schon in meinen früheren Lebensjahren zog ich mich von den Kriegs- 
spielen, Turnübungen oder Raufereien meiner männlichen Altersgenossen zurück, 
trieb mich stets mit kleinen Mädchen herum, mit denen ich viel besser als 
mit Knaben Bympathisirte , war schüchtern, verlegen und oft erröthend. Be- 
reits mit 12 — 13 Jahren verursachte mir die straffsitzende Uniform eines 
hübschen Soldaten die sonderbarsten Beklemmungen, und während in den 
nächsten Jahren meine Schulgenossen stets von Mädchen plauderten, wohl 
auch schon kleine Liebeleien begannen, war ich im Stande, einem kraftvoll 
gebauten Manne mit gut entwickelten, üppigen Fosteriora Stunden lang nach- 
zugehen und mich an diesem Anblick zu berauschen. 

Ohne über diese — von den Empfindungen meiner Kameraden so sehr 
verschiedenen — Eindrücke viel nachzudenken, begann ich zu onaniren, dabei 
stet« an heldenhaft gebaute, fesche Gestalten denkend, bis ich in meinem 
17. Jahre von einem Schicksalsgenossen über meinen wahren Zustand aufge- 
klärt